Plakat: 100 Jahre Frauentag
Plakat: 100 Jahre Frauentag

Titelseite der „NS-Frauenwarte“, 1. Maiheft 1941

 

Die Geschütze auf der Titelseitenabbildung zielten auf England (und Schottland, nicht aiúf Irland). Als die Abb. veröffentlicht wurde, war es bereits offensichtlich, „England“ würde nicht „niedergerungen“, wie es in dem Gedicht von A. Schmitt angekündigt wurde. Wenige Monate später lagen immer mehr deutsche Fabriken, in denen immer mehr Frauen arbeiteten, in Trümmern.

Clara Zetkin, DDR-Briefmarke von 1987
Clara Zetkin, DDR-Briefmarke von 1987

Zehn-Markschein der DDR aus dem Jahre 1971 

Abb. einfügen: US-amerikanische Erstwählerinnen in New York; März 1918;  der Staat New York hatte das Frauenwahlrecht 1917 eingeführt(Abb. aus „Die Zeit“, Nr. 51/2015, S. 13)

8. März

 

Internationaler Tag der Frau

 

Der Internationale Frauentag blickt auf eine nun über hundertjährige Tradition mit verschiedenen,kontrovers diskutierten, z.T. mythischen Wurzeln zurück.

Im Mittelpunkt eines Ursprungsmythos steht ein spontaner Streik von US-amerikanischen Textilarbeiterinnen, der sich am 8. März 1857 in New York ereignet haben soll. Die Polizei habe diese Demonstration gegen niedrige Löhne und unzumutbare Arbeitsverhältnisse blutig niedergeschlagen. Viele Frauen seien bei dem Polizeieinsatz umgekommen. Genau fünfzig Jahre nach diesem Vorfall wurde am 8. März 1907 [1] an diese Vorfälle erstmals erinnert.

 

Verschiedene Historikerinnen haben jedoch seit den 80er Jahren des 20. Jhdts. festgestellt, dass es sich bei den (angeblichen) Ereignissen von 1857 um eine antikommunistische „Legende“ handele, die 1955 – im Kalten Krieg - mit dem Ziel konstruiert worden sei, den Internationalen Frauentag von einer kommunistischen Ursprungsgeschichte zu trennen und mit einer älteren, nichtkommunistischen Tradition zu verbinden (vgl. Liliane Kandel, Françoise Picq und Temma Kaplan, a.a.O.).

1909 streikten 20.000 Näherinnen New York City. Viele wurden verhaftet, doch die Firmen mussten nach einem 2-monatigen Streik den Forderungen der Frauen nachgeben. US - amerikanische Sozialistinnen führten so 1909 das erste Mal auf nationaler Ebene einen speziellen Frauenkampftag durch: „...Am letzten Februarsonntag sollen große Veranstaltungen zur Propagierung des Frauenwahlrechts und der sozialistischen Ideen organisiert werden“ (vgl. http://www.frauennews.de).

Tatsächlich aber war auf der britischen pazifischen Inselkolonie Pitcairn bereits 1838 das erste Frauenwahlrecht überhaupt eingeführt worden, in Neuseeland 1893 [2] und  in Australien 1902.

Im Jahre 1912 forderten 20 000 streikende Textilarbeiterinnen in Massachusetts „Brot und Rosen“ [3]  das meinte, genug für das Leben und ein schönes Leben zu verdienen.

Initiiert durch die Sozialistin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin [4] (1857-1933; Abb. s.o.) beschlossen etwa 100 Frauen aus 17 Nationen im Jahre 1910 in Kopenhagen die Einführung eines Internationalen Frauentags, der aber am 19. März 1911 begangen wurde. Millionen von Frauen in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA beteiligten sich, um auf die politischen Zielen der Gleichberechtigung und des Wahlrechts für Frauen aufmerksam zu machen. Die Wahl des Datums sollte an die revolutionäre Tradition erinnern, denn der 18. März war der Gedenktag für die während der Revolution 1848 in Berlin und während der Pariser Commune 1871 Gefallenen.

 

Eine dritte Wurzel des Frauentages liegt in der russischen Arbeiterbewegung. Der Tag sollte an den Textilarbeiterinnen-Streik in St. Petersburg am 8. März 1917 erinnern (nach dem alten russischen Julianischen Kalender am 23. Februar). Der Streik griff rasch auch auf andere Fabriken über und löste große Arbeiterdemonstrationen und die russische Februarrevolution 1917 mit aus.

Die Festlegung des Internationalen Frauentages auf den 8. März erfolgte schließlich 1921 durch Beschluss der 2. Kommunistischen Frauenkonferenz.

 

Natürlich gab es lange zuvor Bestrebungen von Frauen, ihre rechtliche und politische Situation zu verbessern.

 

Zu den frühen Frauengruppen dieser Art gehörten die „Blaustrümpfe“ (Bluestocky) in England. Die Blaustrümpfe waren keine organisierte Gruppe, sondern eher lose Vereinigungen im Umkreis von Salons,  Frauen aus der Aristokratie und dem Bürgertum, die dem zeitgenössischen Frauenbild weitgehend widersprachen. Sie setzten sich u.a. für den Zugang von Frauen zu Hochschulen und auch für das Frauenwahlrecht ein.

Elizabeth Montagu (1718-1800), die englische Schriftstellerin und Mäzenin, galt als „Queen of the Blues". In ihrem Salon trafen sich viele gebildete, unangepasste Frauen, aber auch viele Männer wie Samuel Johnson,  Edmund Burke oder Horace Walpole. Zu den Blaustrümpfen gehörte auch Margaret Cavendish-Bentinck, Duchess of Portland (1715-1785), britische Botanikerin und Naturkundlerin. Sie war mit Elizabeth Montagu befreundet und damals die reichste Frau Großbritanniens. U.a. führte sie die damals größte Naturaliensammlung Europas zusammen.

Seit dem 19. Jhdt. war „Blaustrumpf“ dann ein abwertender Name für zwar gebildete Frauen, in der Regel höherer sozialer Herkunft, die aber als „unweiblich“ galten.

 

Als erste „moderne“ Feministin und Kämpferin für das Frauenwahlrecht kann Olympe de Gouges (1748 – 1793) angesehen werden. Sie veröffentlichte während der Französischen Revolution im September 1791 eine „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“, in der sie gleiche Rechte für alle Menschen, für Frauen und Männer forderte.

Diese Forderungen, auch die nach Abschaffung der Todestrafe und nach Meinungsfreiheit, stießen allerdings bei den französischen Revolutionären mehrheitlich auf wenig Resonanz. Olympe de Gouges wurde ihrer Publikationen wegen im Sommer 1793 verhaftet und im November des Jahres hingerichtet.

Desgleichen  forderten Französinnen auch in den Revolutionen von 1830/31 und 1848 das Wahlrecht, ohne Erfolg.  

Die erste Petition für das Frauenwahlrecht wurde1832 ins britische Parlament eingebracht.Die vornehmlich von großbürgerlichen Frauen getragene englische und US-amerikanische Suffragettenbewegung gehört nicht in die eigentliche Ursprungsgeschichte des 8. März, ist jedoch ein wichtiger Teil der Bürgerrechts- bewegungen des 20. Jahrhunderts. Die Geschichte der Frauenwahlrechtsbewegungen in Großbritannien, Frankreich, den USA und Deutschland wird in dem Suffragetten-Band von Antonia Meiners (a.a.O.) thematisiert.

 

Das vorrangige Ziel der Bewegung war die Erkämpfung des Wahlrechts (engl. „suffrage“, vom lat. „suffragium“ „Stimme, Stimmrecht“) für Frauen. „Suffragette“ war die Eigenbezeichnung der damaligen Aktivistinnen,der Begriff wurde aber bald zum Schimpfwort..

 

Im Jahre 1903 gründeten Aktivistinnen um Emmeline Pankhurst (1858 – 1928) die „Women’s Social an Political Union“ (WSPU), die mit vielfältigen direkten, aber gewaltlosen Aktionen die Öffentlichkeit für das Frauenwahlrecht einzunehmen versuchte.

Emmeline Pankhurst stammte aus einer liberalen Mittelstandfamilie in Manchester und gelangte durch ihre Tätigkeit als Armenpflegerin und schlechtbezahlte Standesbeamtin in einem Arbeiterviertel zu der Überzeugung, das Wahlrecht für Frauen sei notwendig, um Armut und Elend zu bekämpfen. In ihrer 1914 veröffentlichten Autobiographie (a.a.O.) hieß es: „Ich bin überzeugt, dass die wahlberechtigten Frauen viele Wege finden werden, um den Fluch der Armut wenigstens zu verringern. Frauen haben viel pragmatischere Vorstellungen darüber, wie Armut gemildert, vor allem aber vermieden werden kann“ (Pankhurst, zit. n. „Die Zeit“, Nr. 6/2016, S. 46).

 

Am 18. November 1910 kam es zu dem „Black Friday“: Die Polizei löste eine Demonstration der WSPU vor dem Londoner Parlamentsgebäude derart demütigend und gewaltsam auf, dass drei Teilnehmerinnen den Folgen der erlittenen Verletzungen erlegen sein sollen, - die ersten Toten der Suffragetten-Bewegung. Eine der Toten war eine Schwester von Emmeline Pankhurst.

Im Jahre 1912 kam es zu internen Auseinandersetzungen in der WSPU, jedoch gelang es Emmeline Pankhurst die Rivalinnen in der Organisation auszuschalten, die WSPU rabiat zu „säubern“ (vgl. FAZ, 3. Februar 2016, S. 9).

 

Jahrelang wurde das Ziel mit Aufklärungsaktionen und friedlichen Demonstrationen und Aktionen angestrebt, z.B. durch demonstratives Rauchen auf der Straße, ohne Erfolg. Dann aber wandten sich Teile der britischen Suffragetten zivilem Ungehorsam und militanteren Aktionen zu, „Taten statt Worte“: Sie warfen Schaufensterscheiben ein, zündeten Briefkästen, kappten Telegraphenleitungen, ketteten sich an öffentliche Gebäude, versuchten das Parlament zu stürmen oderan verübten Anschläge (so z.B. auf den Landsitz des britischen Schatzkanzlers David Lloyd George). Durch diese schlagzeilenträchtigen Aktionen herausgefordert griff der Staat zu brutalen Repressionsmaßnahmen: Geheimdienstliche Überwachung von Frauen, Verhaftungen, Misshandlungen, z.B. wurden hungerstreikende Frauen im Gefängnis brutal zwangsernährt (schon 1909 eingeführt).

Viele der verhafteten Suffragetten bezeichneten sich als „politische Gefangene“.

 

Der britische Film von 2015 „Suffragette – Taten statt Worte“ von Sarah Gavron zeigt atmosphärisch intensiv und anrührend die Abkehr von dem Weg friedlicher Aktionen. Im Zentrum des Films steht die junge (fiktive) ausgebeutete Wäscherin Maud Watts, die 1912 schockiert von der staatlichen Brutalität langsam zur Kämpferin für Frauenrechte wird, dabei aber ihren Mann und ihren kleinen Sohn verliert.  

Emmeline Pankhurst (gespielt von Meryl Streep) hat in dem Film einen kurzen Auftritt als charismatische Rednerin.

 Höhepunkt des Films ist der Tod der WSPU-Suffragette Emily Davison, die am 4. Juni 1913 bei einer Protestaktion während des Pferderennens von Epsom von dem Pferd König George V. tödlich verletzt wird. Sie hatte versucht in einer mißlungenen Aktion vor dem König (und den damals neuen Filmkameras) die Fahne der WSPU zu entrollen.

Am 14. Juni 1913 wurde der Sarg Emilys durch die Straßen von London getragen- ihm folgten hunderte in Weiß gekleidete Anhängerinnen der Frauenbewegung. Auf dem Grabstein von Emily Davison stehen die Worte: „Deeds, not words“. Sie wurde zu einer Märyterin der britischen Frauenbewegung.

 

Kritisch sah Gabriele Dietze, dass viele der aus den oberen sozialen Schichten stammenden britischen Suffragetten die Frauenbewegungen in den damaligen Kolonien (z.B. in Ägypten oder Indien) nicht als gleichberechtigt behandelten. „Nach einer Suffrage-Parade in London, in der auch Vertreterinnen der indischen Frauenbewegung mitliefen, wurde von folgenden Reaktionen aus dem Publikum berichtet: ‚Hier laufen sogar ‚Brownies‘ mit!‘ Die charmantesten ‚Brownies‘ seien die ‚in den indischen Kostümen gewesen‘“ (zit, n. Dietze, S. 17, a.a.O.).

 

Die englische Komponistin, Dirigentin, Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Ethel Mary Smyth (1858 – 1944) hatte an dem Leipziger Konservatorium studiert. Da sie annahm, dass ihre künstlerische Kreativität unter einem politischen Engagement leiden würde, stieß sie erst spät zu den Frauenrechtlerinnen. Erst 1910 wurde sie Mitglied der „The Women’s Social and Political Union“ und komponierte in demselben Jahr noch den „March of the women“ (das dritte ihrer „Sonnenaufgangslieder“), der im Januar 1911 uraufgeführt wurde. Der Marsch wurde zu Kampflied und Hymne der militanten englischen „Suffragetten“.
Im März 1912 beteiligte sich Ethel Smyth an einer provokativen Aktion von ca. 200 Feministinnen, die als Zeichen ihrer Kampfbereitschaft für das Frauenwahlrecht hunderte von Fensterscheiben im Bereich der Londoner Oxford Street einwarfen. Smyth zerstörte die Scheiben des britischen Kolonialsekretariats, auch sie wurde verhaftet und bekam eine Gefängnisstrafe von zwei Monaten. Viele der verhafteten Frauenrechtlerinnen wurden im Gefängnis von den Wärtern misshandelt und erlitten gesundheitliche Schäden (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Ethel_Smyth#Ethel_Smyth_und_die_englische_Frauen- bewegung).
Das Archiv des Leipziger Konservatoriums erwarb jüngst (2014) 57 Briefe von Smyth an ihre Mutter aus ihrer Studienzeit in Leipzig.

 

Evelyn Baring, Earl of Cromer (1841-1917), zuvor viele Jahre britischer Generalkonsul Ägypten, gründete 1910 zusammen mit Gesinnungsgenossen die „National League für Opposing the Suffrage of Women“ (die Nationale Liga gegen das Frauenwahlrecht). Mitgründer waren u.a. weitere hohe Kolonialbeamte, wie George Lord Curzon (1859-1925), zuvor Vizekönig von Indien, oder der Schriftsteller Rudyard Kipling (1865-1936; der Verfasser des kolonialapologetischen, 1899 veröffentlichten Gedichts „White man’s Burden“ und Lietraturnobelpreisträger von 1907, vgl. Dietze. S. 17, a.a.O.). Kipling veröffentlichte 1911 sein Gedicht “The Female Of The Species“, in dem es u.a. heißt:

    „Das Weibchen jeder Gattung


Trifft der Himalayawandrer einen wilden Bären an,

brüllt er, um das Biest zu schrecken, öfters trollt das Vieh sich dann.

Treibt er Gleiches mit der Bärin, frisst sie ihn mit Haut und Haar,

denn vom Weibchen jeder Gattung, droht mehr als vom Mann Gefahr.

 
Hört beim Sonnenbaden Schritte Nag, der Königskobramann,

schlängelt er sich manchmal seitwärts, weicht oft aus, so gut er kann.

Doch das Königskobraweichchen denkt nicht so, auch hier wird klar,

von dem Weibchen jeder Gattung droht stets größere Gefahr.

……….

Männer wissens, wissen weiter, dass die Frau, von Gott geschenkt,

nur bezaubern darf, nicht hexen, nur befiehlt, doch niemals lenkt.

                       Und Sie weiß das, weiß im Warnen, was sie weiß ist nur zu wahr:  

Von dem Weibchen jeder Spezies droht mehr als vom Mann Gefahr“.

(vgl. http://www.sonett-archiv.com/forum/archive/index.php/thread-2049.html)

 

Die britischen Gegner des Frauenwahlrechts (die «Antis») zogen publizistisch verschiedenste « Argumente » für ihre Position heran, so …

  •  Frauen würden ducrh die Politik von ihren eigentlichen Bestimmung und Verpflichtung, der Mutterschaft entfremdet und abgelenkt
  • würde das Frauenwahlrecht zu Disharmonie in der Familie fürhren
  • wären Frauen geistig zu unausgewogen, um politische Verantwortung zu übernehmen
  • wären Frauen physisch zu schwach für die Politik, zudem belastet durch die Monatszyklen und Geburten
  •  würde das Empire durch das Frauenwahlrecht geschwächt und gefährdet. Sozialdarwinistisch argumentierend waren z.B. für Evelyn Baring die Vorkämpferinnen des Frauenwahlrechts „Mannsweiber“, die England schwächen würden, wenn es gegen Konkurrenten mit stabiler Geschlechterordnung antreten müsse. Insbesondere das erstarkende deutsche Kaiserreich schien Baring da im Vorteil: „Denn der deutsche Mann ist männlich, und die deutsche Frau ist weiblich. … Wie können wir hoffen, mit einer solchen Nation Schritt zu halten, wenn wir zu Hause einen Krieg gegen die Natur entfesseln und die Verhältnisse der Geschlechter umkehren?“ (Baring, zit. n. Dietze, S. 17, a.a.O.). 

Der Hauptgrund für die Abwertung von Frauen durch Männer liegt in der Sicht der Psychoanalyse in der Furcht der Männer vor ihren eigenen weiblichen Aspekten. 

 

Die deutsche (eher liberale) Frauenrechtlerin und Pädagogin [5] Helene Lange – die sich v.a der Mädchen- und Frauenbildung verschrieben hatte – beurteilte die US-amerikanischen Frauenrechtlerinnen, die sie kennengelernt hatte, zwiespältig: „Uns differenzierteren und historisch nervöseren Europäern war ihr naiver Radikalismus, der im Frauenwahlrecht das A und O aller sozialen, politischen und kulturellen Aufgaben sah, zugleich rührend und ehrwürdig“ (Helene Lange, S. 275, a.a.O.).

Der 1. Weltkrieg führte auch in England zu einer Art Burgfrieden der Frauenbewegung. Die durchaus patriotische Emmeline Pankhurst entschied 1914, für die Zeit des Krieges alle Aktionen gegen den Staat einzustellen, denn es galt nun, auf den Schlachtfeldern zu siegen – Unruhe in der Heimat könne da nur schädlich sein.

Dennoch gelang es den britischen Suffragetten, ihr „Anliegen in die Mitte der Gesellschaft“ zu bringen (vgl. Dietze, S. 17, a.a.O.). 1918 erhielten britische Frauen ab 30 Jahren, die Grundeigentum besaßen, das Wahlrecht. Im Jahre 1928 wurde das allgemeine Wahlrecht für Frauen in Großbritannien eingeführt, drei Wochen nach dem Tod von Emmeline Pankhurst (die unterdessen allerdings bei den Tories eingetreten war).

 

Die US-amerikanischen Suffragetten (sie wurden als „suffragists“ bezeichnet)  erreichten ihr Ziel früher: 1918/19 wurde durch den 19. Zusatzartikel der US-Verfassung das Frauenwahlrecht in den USA eingeführt.

In den USA begann der Kampf für die gesellschaftliche Gleichstellung der Frauen schon früh. Schon Abigail Adams (1744-1818), die Frau von John, dem Mitautor der Unabhängigkeiterklärung und 2.US- Präsidenten, ermahnte ihren Mann brieflich während des Kontinentalkongresses, an die Frauen und ihre Vertretung zu denken (vgl. Davis, S. 259, a.a.O.), - vergeblich. 

U.a. Elizabeth Cady Stanton (1815-1902) und Lucretia Mott (1793–1880) organisierten die erste US-amerikanische Frauenrechtskonferenz, die im Juli 1848 in Seneca Falls/New York zusammentrat. In einem Beschluss wurde die Unabhängigkeitserklärung imitiert, wobei für König Georg III. der Begriff „Männer“ eingesetzt wurde (vgl. Lösche, S. 54, a.a.O.). Diese „Declaration of Sentiments“ wurde von Zeilnehmern unterzeichnet (68 Frauen und 32 Männern).  Ausdrücklich forderte die Konferenz das Wahlrecht für Frauen.  

Bis zum Beginn des Bürgerkriegs 1861 folgten weitere jährliche „Conventions“, bei denen das Frauenwahlrecht zur zentralen Forderung wurde, aber lange Jahre von der Frage der Sklaverei überlagert wurde.

 

Auch unter den ca. 10 000 streikenden ArbeiterInnen der Schuhfabriken von Lynn/Massachusetts im Jahre 1860, war ein großer Teil Frauen, die an dem Protestmarsch teilnahmen: Nach Lohnsenkungen verdienten Frauen damals dort wöchentlich einen Dollar, Männer für die gleiche Tätigkeit 3,- $ (vgl. Davis, S. 259, a.a.O.). 

 Auch organisierten streikende Frauen eine besondere „Ladies‘ Procession“, bei der Transparente mit Forderungen wie „Amerikanische Frauen sind keine Sklavinnen“, „Wir wagen die Schlacht für das Recht“ oder „Schulter an Schulter mit unseren Vätern,Männern und Brüdern“ getragen wurden.

Die Fabrikherren boten den Streikenden schließlich höhere Löhne an, um sie weiderr in deie Fabriken zu bringen, erkannten aber die Gewerkschaften nicht an!

 

Schon 1878 wurd erstmals ein 19. Verfassungszusatz zum Frauenwahlrecht in den Kongress eingebracht – ohne Erfolg. Auch in der US-Frauenbewegung gab es neben Demonstrationen und Aufklärungsarbeit auch zivilen Ungehorsam und direkte Aktionen, - allerdings m.E. weniger radikal als ihre britischen Schwestern. Neben dem Wahlrecht aber war der Versuch, die Herstellung und den Verkauf von alkoholischen Getränken zu verbieten, ein wichtiges Agitationsfeld der US-Frauenbewegung.

 

1890 wurde die „National American Woman Suffrage Association“ (NAWSA) gegründet, die v.a. das Frauenwahlrecht forderte (vgl. Adams, S. 256, a.a.O.). E.C. Stanton wurde die erste Präsidentin der Vereinigung. Nun wurde die Strategie verfolgt, zuerst in einzelnen Bundesstaaten das Frauenwahlrecht zu verwirklichen (so in Idaho oder Colorado), eine vorerst erfolgreiche Strategie.

 

Die aus New Jersey stammende Quäkertochter Alice Paul (1885-1977) hatte in England studiert und war dort in der Suffragtten-Bewegung aktiv geworden. Nach eigener Aussage zerschlug sie 48 Fensterscheiben. Sie wurde in England verhaftet, schloss sich dem Hungerstreik der Inhaftierten an und wurde zwangsernährt.  

Zurückgekehrt in die USA schloss sie sich der NAWSA an, die ihr allerdings nicht aktiv und radikal genug war. Mit politischen Freundinnen spaltete sie sich sich von ihr ab und gründete 1913 die National Woman’s Party (NWP; die Nationale Frauenpartei), die sich allerdings nicht an Wahlen beteiligte sondern eine Vielzahl von öffentlichkeitswirksamen Aktionen startete, z.B. Protestmahnwachen vor dem Weißen Haus.

1913, zur Inauguration des – demokratischen - Präsidenten Wilson, damals noch ein Gegner des Frauenwahlrechts, wurde eine Protestdemonstration mit ca. 10 000 v.a. Teilnehmerinnen veranstaltet.

Gleichzeitig konnten allerdings auch schon in verschiedenen Bundesstaaten (in Monatna z.B. seit 1914) Millionen Frauen wählen, und sie wählten vornehmlich die Republikaner, die immer mehr für das Frauenwahlrecht eintraten. Das zeigte sich bei der Wiederwahl von Wilson 1916, als eine große Mehrheit der schon wahlberechtigten Frauen gegen ihn stimmte (vgl. Davis, S. 261, a.a.O.). Alice Paul u.a. organisierten seit 1917 Protest-Picket-Lines z.B. um die Uhr vor dem Weißen Haus. An den jahrelangen Protesten vor dem Weißen Haus nahmen ca. 2000 Frauen, ca, 500 Frauen wurden verhaftet, viele traten in den Hungerstreik und wurden zwangsernährt.  

Erst als 1917 auch der Staat New York das Frauenwahlrecht einführte, änderte Präsident Wilson seine Haltung und begann das Frauenwahlrecht – „als Kriegsmaßnahme“ - zu unterstützen.

 

Im Jahre 1917 wurde die aus Montana stammende Republikanerin Jeannette Rankin (1880-1973) als erste Frau in den Kongress gewählt. Als Pazifistin stimmte sie gegen den Kriegseintritt der USA. Rankin brachte zudem den Antrag zum Verfassungszusatz über das allgemeine Wahlrecht ein, das mit einer Mehrheit von einer Stimme angenommen wurde. Es dauerte dann allerdings noch 18 Monate bis die Vorlage den Senat passiert hatte und im Juni 1919 als 19. Verfassungszusatz den Bundesstaaten zur Rafifikation überwiesen wurde. Ein Jahr später, im August 1920, brachte Tennessee die letzte benötigte Stimme ein und der Zusatz wurde der Verfassung hinzugefügt (Davis, S. 262, a.a.O.). Nach 130 Jahren war nun erst der Verfassungsanspruch von „We, the people...“ nicht mehr nur zur Hälfte erfüllt!  

 

Auch in den skandinavischen Staaten forderten Frauen relativ früh, in den 80er Jahren des 19. Jhdts. politische Rechte – mit Erfolg. In Finnland 1906, in Norwegen 1907, in Island 1913 und in Dänemark durch Verfassungsänderung 1915 wurde das allgemeine Frauenwahlrecht eingeführt.

 

Nach der Russischen Februarrevolution von 1917 erhielten die Frauen das aktive wie auch passive Wahlrecht und sie nahmen an den Wahlen zu den Sowjets wie auch zu den Stadtdumas teil.

 Am 10. Juli 1918 wurde das Frauenwahlrecht in der Verfassung der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) festgeschrieben.

 

In Deutschland wurde jedoch bereits im Gefolge der Novemberrevolution das aktive und passive Wahlrecht für Frauen erkämpft. In der Weimarer Reichsverfassung hieß es:

„Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten“ (WRVerf 109,2, S. 27, a.a.O.). Damit war die Gleichberechtigung auf die staatsbürgerlichen Rechte, v.a. das Wahlrecht beschränkt. So „…. ermöglichte die Formulierung Ausnahmen aller Art. Folglich interpretierte die Weimarer Staatsrechtslehre Art 109 …. als bloßen Programmsatz, als freundlichen, letztlich aber unverbindlichen Fingerzeig der Verfassung“ (vgl. Steinbeis, S. 108, a.a.O.).

 

In der Zwischenkriegszeit waren die zentralen Themen am 8. März die Freiheit der Empfängnisverhütung, die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs (§ 218 StGB) und der Schwangeren- und Mutterschutz. Die Wirtschaftskrise zwang jährlich über eine Million Frauen abzutreiben.Alleinin Deutschland starben 1931 an den Folgen dieser illegalen Abtreibungen ca. 44.000 Frauen (vgl. http://www.frauennews.de).

Hinsichtlich der Empfängnisverhütung waren die christlichen Kirchen die wichtigsten Gegner, in den ersten Jahrzehnten sowohl die katholische als auch die protestantischen Kirchen.

Schon im Jahre 1908 verurteilte die anglikanische Bischofskonferenz die Empfängnisverhütung “mit Abscheu” (vgl. “Spiegel”, Nr. 9/1964, S. 75).

 

Im Jahre 1930 verurteilte Papst Pius XI. in der Enzyklika “Casti connubii” (lat. i.e. “Der reinen Ehe”) die Haltung katholischer Ehepaare, die “…. durch Verkehrung des natürlichen Aktes …. aus Widerwillen gegen den Kindersegen die Last vermeiden, aber trotzdem die Lust genießen wollen” (zit. n. “Spiegel”, Nr. 9/1964, S. 75). Hauptzweck der Ehe sei die Zeugung von Kindern, sowohl der Coitus interruptus als auch alle technischen Mittel zur Empfängnisverhütung galten als verboten, als “Todsünde” (vgl. “Spiegel”, Nr. 9/1964, S. 76).

Im gleichen Jahr 1930 revidierten die anglikanischen Bischöfe ihre bisherige Haltung: sie befürworteten nun eine Geburtenkontrolle, erlaubten die Empfängnisverhütung und protestierten nur noch gegen die Abtreibung und die Sterilisation. Dieser Haltung schlossen sich in der Folge die allermeisten protestantischen Theologen an.

Im Jahre 1961 bekannte sich der Düsseldorfer Theologe und Präses Joachim Beckmann eindeutig und klar “… zur Empfängnisverhütung aus ethischen Gründen …. Wesentlich sei nicht die Methode, sondern allein das Motiv…” (vgl. “Spiegel”, Nr. 9/1964, S. 76). Papst Pius XII. warnte später vor der Anti–Baby–Pille, noch bevor sie auf den Markt kam.     

 

In Deutschland wurde der Weltfrauentag von die Nationalsozialisten durch den Muttertag ersetzt und ein zutiefst reaktionäres Frauenbild propagiert, das die Frau auf die Rolle als Gebärerin und Mutter reduzierte.Seit 1932 erschien die „NS-Frauenwarte – Die einzige parteiamtliche Frauenzeitschrift“, herausgegeben von der NS-Frauenschaft bei der NSDAP-Reichsleitung in München. Verantwortliche „Schriftleiterin“ war Ellen SEmmelroth. 1938 hatte die zweiwöchig erscheinende Zeitschrift eine Auflage von ca. einer Million Exemplare. Themenschwerpunkte waren die Tätigkeit von Frauen im sozialen und kulturellen Bereich und in der Familie. Als maßgebliches Kriterium des Frauseins wurde – entsprechend der NS-Ideologie - das Dasein als Hausfrau und Mutter dargestellt. So lagen oft Schnittbögen der Zeitschrift bei, zum eigenständigen Schneidern von Kleidungsstücken. Gegen die (angeblich) „verjudete“ internationale Mode wurde agitiert.

 

In dem Heft 21 machten eine Vielzahl remommierter deutscher Firmen Werbung, u.a Nivea, Chlorodont, das Deutsche Rote Kreuz, Gütermanns Nähseide oder die Sodener Mineral-Pastillen.

Charakteristisch für die NS-Frauenpolitik u.a. ihre Fexibilität. Während des 2. Weltkrieges mussten immer mehr Frauen in der Industrie arbeiten, um die zur Wehrmacht eingezogenen Männer zu ersetzen.  Von daher änderten, erweiterten sich auch die Themenbereiche der Zeitschrift. Im Heft 21 fanden sich u.a. folgende Artikelüberschriften:

 

  • „Die deutsche Frau, würdig des deutschen Soldaten“
  • „Wir waren beim Führer eingeladen“
  • „Das neue Pfingstkleid“
  • „Auch die Badeanzüge stricken wir selbst“
  • „Der Rhabarber eröffnet die Obsternte“
  • „Wichtig für den Hausputz“
  • „Über den Kriegsarbeitseinsatz der deutschen Frau“
  • „Dank an die Rüstungsarbeiterinnen“ (vgl. „NS-Frauenwarte“, Heft 21, 9. Jg, 1.Maiheft 1941, vgl. Abb. oben).

Auch angesichts der sich immer mehr zuspitzenden militärischen Lage versuchte die NSDAP die Frauen durch z.B. große Propagandaveranstaltungen und Vergabe von Ehrenzeichen weiter zu indoktrinieren. So schrieb zum Beispiel 1943 der „Völkische Beobachter“ unter der Überschrift „Treuebekenntnis der deutschen Frauen“: „Die deutschen Frauen bekennen sich in einer Großkundgebung in Weimar zum Führer und bedingungslos zu jedem Weg, den der Führer das deutsche Volk führen wird. … Unter den Teilnehmern befanden sich hunderte von Arbeiterinnen und Bäuerinnen aus allen Gauen des Reiches, die sich durch ihren Einsatz in Fabriken, auf den Bauernhöfen, bei der Betreuung verwundeter oder versehrter Soldaten und bei der Hilfe in bombengeschädigten Gebieten hervorragend bewährt haben“ (VB, Berliner Ausgabe, 16. September 1943, S. 2).  

 

 

Die gesellschaftliche Situation nach dem 2. Weltkrieg war hinsichtlich der Erfahrungen der Frauen in Deutschland stark verändert, schon die „… letzten Kriegsjahre hatten … Deutschland in weiten Bereichen in eine matriarchale Gesellschaft verwandelt. In den Familien waren die Mütter zu Familienoberhäuptern geworden, die plötzlich eigenständig über Kindererziehung und Haushaltsführung entschieden“ (vgl. Steinbeis, S. 108, a.a.O.).

 

Jedoch war der (west-deutsche) Parlamentarische Rat - mit nur 4 Frauen [6] unter 65 Mitgliedern zuerst willens, nur eine ähnlich unverbindliche Formulierung zur Gleichberechtigung wie in der WRVerf ins geplante Grundgesetz aufzunehmen. Die konservative Mehrheit im Rat (auch Theodor Heuss oder Konrad Adenauer) lehnte anfangs alle weitergehenden Vorstellungen strikt ab. 

Vor allem Elisabeth Selbert aber plädierte für eine Gleichberechtigung „als imperativen Auftrag an den Gesetzgeber …“ (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Selbert). Die Gleichberechtigung sollte ein Verfassungsgrundsatz werden, infolge dessen viele der aus dem Jahr 1896 stammenden familienrechtlichen Bestimmungen im BGB als verfassungswidrig novelliert werden müssten.

Dazu gelang es Elisabeth Selbert, „… zehntausende Frauen im ganzen Land“ zu mobilisieren. „Systematisch organisierte sie in der zweiten Hälfte des Jahres 1948 eine Massenbewegung zugunsten des Gleichberechtigungssatzes….  Tag für Tag stapelten sich Briefe, Eingaben und Resolutionen von Einzelpersonen und Frauenverbänden auf den Tischen von Selberts Kollegen im Parlamentarischen Rat. Eines der Unterstützungsschreiben trug die Unterschriften von nicht weniger als 60 000 Arbeiterinnen der Metallindustrie…. So war Artikel 3 Absatz 2 GG am Ende die einzige Bestimmung des Grundgesetzes, deren Formulierung auf unmittelbaren Druck der Bevölkerung hin zustande kam“ (vgl. Steinbeis, S. 109, a.a.O.). 

Erst nach heftigen Diskussionen (vgl. „Parlament“ Nr. 9/2011, S.3) wurde schließlich die Gleichberechtigung in der von Elisabeth Selbert gewünschten deutlicheren Formulierung der Art. 3, 2 ins Grundgesetz aufgenommen. 

Erst nach heftigen Diskussionen (vgl. „Parlament“ Nr. 9/2011, S.3) wurde schließlich die Gleichberechtigung in der von Elisabeth Selbert gewünschten deutlicheren Formulierung der Art. 3, 2 ins Grundgesetz aufgenommen. Der Art 117, 1 räumte dem Gesetzgeber einen Zeitraum von vier Jahren ein, die bisherigen Vorschriften, die den GG-Normen widersprachen, zu ändern. Und das war eine große Zahl, z.B.:

  • das Alleinentscheidungsrecht des Mannes in der Ehe
  • das Kündigungsrecht des Ehemannes für Arbeitsverträge der Ehefrau
  • die Verpflichtung der Frau zur Hausarbeit
  • das Recht des Mannes, der Ehefrau die Schlüsselgewalt bei Vertragsabschlüssen zu entziehen
  • das Recht des Ehemannes auf Vermögensverwaltung und –nutznießung (vgl. Steinbeis, S. 115, a.a.O.).

Allerdings erst am 1. Juli 1958 trat das Gleichberechtigungsgesetz in Kraft, „… das die Beziehungen zwischen Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts unter dem Gesichtspunkt der Gleichberechtigung neu geregelt hat“ (vgl. Steinbeis, S. 79, a.a.O.).

 

Im Jahre 1969 gab die Deutsche Bundespost anlässlich des Jubiläums 50 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland einen Briefmarkenblock heraus, abgebildet waren  Helene Weber (vgl. Abb. unten), Marie Juchacz [7] und Marie Elisabeth Lüders [8].

 

Seit den 60er Jahren wurde erneut das Abtreibungsverbot im § 218 StGB heftig angegriffen. Immer mehr Frauen forderten mit Losungen wie „ob Kinder oder keine, bestimmen wir alleine“; „mein Bauch gehört mir“ die Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs. 1971 bekannten sich – nach dem Vorbild einer französischen Aktion – 374 mehr oder weniger prominente Frauen im „Stern“ unter dem Titel „Wir haben abgetrieben!“ öffentlich zu ihrer Abtreibung. Im Jahre 1976 wurde – endlich – in der Bundesrepublik der § 218 StGB reformiert und eine Indikationsregelung bei der Abtreibung eingeführt.

In der DDR existierte bereits seit 1972 eine Fristenregelung im engeren Sinne.

 

Am 8. März 2015 gab es einen Farbbeutelanschlag auf die Bibliothek des Konservatismus in der Berliner Fasanenstraße 4. In der Bibliothek befindet sich eine Sondersammlung zum Thema „Schwangerschaftsabbruch“, finanziert von der Stiftung „Ja zum Leben“ (vgl. „Junge Welt“, 20. Febuar 2015). Die TäterInnen des Anschlags werden in feministischen und Antifa-Kreisen Berlins vermutet.

Mehrfach wurde in den letzten Jahren bereits in vielen Ländern von Abtreibungsgegnern ein „Marsch für das Leben“ veranstaltet, so erneut wieder am 19. September 2015 zum Berliner Kanzleramt.

Gefordert wird das völlige Verbot und die Bestrafung aller Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland und Europa. Von den oft fundamentalistisch-christlichen Teilnehmern der Märsche wird der Schwangerschaftsabbruch als eine „vorgeburtliche“ Tötung des Kindes dargestellt. Der von ihnen propagierte „Lebensschutz“ impliziert die Negation der sexuellen Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen, eine völlige Kontrolle ihrer reproduktiven Rechte: die „alte Ordnung“ der Familienstruktur soll wieder in Kraft gesetzt werden.

Auch Papst Franziskus hat an einem Marsch in Rom teilgenommen.

Gegen diese Märsche „für das Leben“ wendet sich in Berlin eine breite Koalition von Terre des Femmes, den Jusos, Falken und pro Familia bis zum Landesverband der Linken und Vielfalt statt Einfalt.    

 

Erst mit der Entstehung der neuen, zweiten Frauenbewegung in den 60er Jahre des 20. Jhdts. rückte der 8. März in den westlichen Staaten langsam wieder deutlicher ins Bewusstsein. Im Jahre 1975 feierte erstmals die UNO den 8. März. Im Dezember 1977 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen, das Datum als Internationalen Frauentag anzuerkennen.

Seither gibt es an diesem Tag weltweit eine Fülle verschiedenster Protestveranstaltungen, Demonstrationen etc. für die Gleichberechtigung und die Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen.

 

Ein Indiz für die in sich widersprüchliche Entwicklung der Frauenrechte im islamischen Bereich ist Fatma Aliye Topuz (1862 – 1936). Sie stammte aus einer angesehenen osmanischen Beamtenfamilie, ihr Vater war Vali in verschiedenen Wilayets des Reiches. Sie erhielt Hausunterricht und erwarb sehr gute Kenntnisse im Arabischen und Französischen. Sie wurde zu einer der ersten Schriftstellerinnen, Publizistinnen und Übersetzerinnen (aus dem Französischen ins osmanische Türkisch) nicht nur des Osmanischen Reiches, sondern der ganzen islamischen Welt  [9]. 
Mit siebzehn wurde Fatma Aliye mit einem ohen osmanischen Beamten verheiratet, der ihr in den ersten Jahren der Ehe verbot, fremdsprachige Bücher zu lesen.
1889, zehn Jahre nach der Eheschließung veröffentlichte sie – mit Erlaubnis ihres Ehemanns – eine Übersetzung aus dem Französischen und ab 1892 Erzählungen, z.T. unter dem Pseudonym „Bir hanım“ (Eine Dame) zum Teil unter ihrem eigenen Namen.
1892 erschien ihre Erzählung „Muhazarat“ („Nützliche Nachricht“), in der sie sich gegen die Vorstellung wandte, eine Frau könne ihre erste Liebe niemals vergessen/überwinden.
Sich selbst sah sie wohl als eine Art konservative Frauenrechtlerin, die Frauenrechte im Rahmen der Scharia verwirklichen wollte. Fatma Aliye verteidigte allerdings den Individualismus und wandte sich gegen arrangierte Ehen.
Zwischen 1895 und 1908 veröffentlichte sie regelmäßig alle zwei Wochen Kolumnen in der Frauenzeitschrift „Hanımlara Mahsus gazete“ (Das eigene Magazin für Frauen), es zeigte sich die Diskrepanz zwischen den mo-derneren weiblichen Charakteren in ihren Erzählungen und ihren eigenen traditionelleren Vorstellungen zur Frauenrolle.
Fatma Aliye war das erste weibliche Mitglied des Osmanischen Roten Halbmonds. Auch lehnte Fatma Aliye die laizistischen Reformen unter Mustafa Kemal Atatürk ab. 1934 nahm sie den Familiennamen „Topuz“ an. 1936 starb sie arm und weitgehend vergessen in Istanbul. 
Fatma Aliye Topuz ist – als erste Frau überhaupt – auf einem türkischen Geldschein abgebildet, und zwar auf dem seit 2009 umlaufenden 50-Lira-Schein (vgl. Abb. unten). Laizistische Kritiker meinten, diese Ehre hätte viel eher z.B. Halide Edip gebührt (vgl. tr.wikipedia/wiki/Fatma_Aliye_Topuz).

Es gibt jedoch auch heute eine Reihe von „… muslimischen Feministinnen“, wie etwa die Rechtsprofessorin und Theologin Farida Bennani von der Universität Marrakesch/Marokko oder die aus dem Libanon stammende Philosphieprofessorin Azizah al-Hibri (sie lehrt in Richmond/USA), „… die sich der Reform des islamischen Rechts verschrieben haben und eine zeitgemäße Neuinterpretation der islamischen Rechtsquellen einfordern“ (Tabbara, S. 6, a.a.O.). Die islamischen Rechtsquellen seien nahezu vollständig von männlichen Rechtsgelehrten interpretiert worden, zudem kulturelle Produkte der Geschichte, aus ihrem Zusammenhang erklärbar. Azizah al-Hibri führt aus, dass muslimische Frauen „… ihre eigene Bresche durch den patriarchalen Dschungel schlagen“ müssen (Tabbara, S. 6, a.a.O.).

Auch hier findet sich die Vorstellung von einer notwendigen „Indigenisierung“ politischer Werte und Ziele. Erst dann könnten diese als „eigene“, nicht kolonial importierte, „fremde“ akzeptiert werden.

 

Seit dem Jahr 2014 hat sich die Lage der Frauen im Nahen Osten auch durch die Expansion des des Islamischen Staates (IS) verschärft, wobei z.B. Heiko Flottau in den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ m.E. mit Recht auf auf die ideologische Nähe zwischen Saudi-Arabien und dem IS hinwies So sind in beiden Staaten Frauen minderen Rechts, Bürger zweiter Klasse, Ehebrecher werden z.B. in beiden Staaten mit 100 Peitschenhieben bestraft (vgl. Flottau, S. 14, a.a.O.). Auch dürfen Frauen im IS nicht ohne männliche Begleiter reisen, sie müssen sich in der Öffentlichkeit verhüllen und dürfen keine Hosen tragen (vgl. Napoleoni, S. 45, a.a.O.).

Geschickt fördert der IS auch traditionelle Stammesbräuche, so z.B. „…. arrangierte Ehen zwischen den Frauen der sunnitischen Stämme und den Dschihadisten“ (Napoleoni, S. 53, a.a.O.).

Als ein Element in dem Versuch der Staatenbildung ermutigt, bestärkt der IS auch die „uralten Werte von Haus und Herd“, sowie die Verheiratung seiner Soldaten (Napoleoni, S. 54, a.a.O.).     

 

Auch heute in Deutschland ist die Diskriminierung von Frauen noch lange nicht vorbei, zum Beispiel ist der alte gewerkschaftliche Grundsatz, gleicher Lohn für gleiche Arbeit immer noch nicht durchgesetzt. Frauen verdienen – nach älteren Angaben - in der Bundesrepublik bei gleicher Arbeit ca. 75 % dessen, was Männer dafür bekommen.

 

Das Statistische Bundesamt Wiesbaden errechnete auf der Grundlage der Verdienststrukturerhebung des Jahres 2006 die durchschnittlichen Unterschiede zwischen den Bruttostundenlöhnen zwischen Männern und Frauen in Deutschland. Bei Berufseinsteigern unter 25 Jahren lagen die Einkommen der Frauen ca. 2 % unter denen der Männer. Im Verlaufe des weiteren Berufslebens aber wuchs die Lohnschere zwischen Männern und Frauen an:

  • 25 – 29 Jährige: ca. 8 %
  • 35 – 39 Jährige: ca. 21 %
  • 55 – 60 Jährige: ca. 26 – 29 % (vgl. auch die untere Graphik „Schul – Bank“, Heft 10 /2010, S. 2). 

 

Das Statistische Bundesamt betonte dabei, dass die Daten nichts darüber aussagten, ob Frauen in gleichen Berufen prinzipiell schlechter bezahlt würden. Das Wiesbadener Institut sah den zentralen Grund für den Lohnunterschied darin, „…. dass viele Frauen nach der Geburt ihrer Kinder aus dem Beruf aussteigen oder ihre Arbeitszeit verringern, was zu einem geringeren Verdienst führt und häufig den weiteren Aufstieg in der Firmenhierarchie schwierig macht“ (vgl. „Schul – Bank“, Heft 10 /2010, S. 2).

Zudem ist das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen in Deutschland größer als in vielen anderen europäischen Ländern: Vollzeitbeschäftigte Frauen verdienten 2011 in Deutschland 21,6% weniger als ihre Kollegen, stellte die OECD fest (vgl. „Tagesspiegel“, 6. März 2012, S. 1; vgl. dazu auch den „Equal Pay Day, am 21. März 1914).

 

Die massive Benachteiligung von Frauen und Mädchen zeigt sich weiterhin z.B. an:

  • Mehr als eine Milliarde Menschen in den Ländern der III. Welt müssen von weniger als einem Dollar am Tag leben – darunter 70 Prozent Frauen.  
  • Zwei Drittel der 875 Millionen erwachsenen Analphabeten sind weiblich. 550 Millionen Frauen sind Analphabeten.
  • Von 130 Millionen Kindern ohne Zugang zur schulischen Grundbildung sind 73 Millionen Mädchen. Noch immer werden weltweit mehr als 60 Millionen Mädchen gar nicht eingeschult. Mädchen gehen darüber hinaus im internationalen Durchschnitt fast viereinhalb Jahre weniger in die Schule als Jungen.
  • In vielen Staaten liegt die Einschulungsrate von Mädchen deutlich unter der von Jungen; der Jemen hat mit 31 % die weltweit größte Kluft zwischen der Einschulung von Mädchen und Jungen, aber auch in der Türkei sind es immer noch 11%.
  • In Deutschland erzielen Mädchen im Durchschnitt bessere Schulabschlüsse, erreichen aber deutlich seltener höhere, besser bezahlte Arbeitsplätze. Frauen „mit mittlerem Einkommen“ verdienen im gesamten Berufsleben ca. 224.000 Mark weniger als ein Mann in vergleichbarer Position, so eine Studie der Universität Hohenheim (vgl. TAZ, 28.08.2000, S. 8).
  • Im Jahre 2008 arbeiteten in Deutschland ca. 55 % der Frauen mit einem Kind im Kindergartenalter; in Schweden waren es 81 %; In Deutschland bekamen Frauen im Durchschnitt 1,3 Kinder, in Schweden 1,8 Kinder.
  • Von den 38 Mio. armen US – Amerikanern (Einkommen von weniger als 9800,- US – Dollar pro Jahr) sind 23 Mio. weiblich.
  • Frauen sind auch auf der neuesten Liste der „Superreichen“ (2007) von „Forbes“ deutlich unterrepräsentiert; Unter den 20 reichsten Menschen der Welt war im Jahr 2007 nur eine Frau, die 85-jährige L’Oréal – Erbin Liliane Bettencourt (geschätztes Vermögen 22,9 Mrd. US-Dollar, Rangplatz 17; vgl. „Tagesspiegel“, 7. März 2008, S. 17).  
  • Afrikanische Frauen produzieren 80 % der Nahrung, erhalten aber nur ein Zehntel der Kredite, die für landwirtschaftliche Zwecke vergeben werden.
  • In den Ländern der III. Welt gebären zwei von drei Frauen ihre Kinder ohne die Hilfe von medizinischem Personal; allein 500 000 Frauen sterben pro Jahr „… aus vermeidbarem Anlass in Folge von Schwangerschaft und Geburt“ (vgl. „Das Parlament“, Nr. 7/2007, S. 15)-  im Durchschnitt circa jede Minute eine Frau.
  • Mädchen und Frauen sind die häufigsten Opfer von Traditionen wie der sog. weiblichen Beschneidung, Kinderhochzeiten oder von sexueller Gewalt.
  • Im Jahre 2011 sollen nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation WHO ca. 140 Mio. Frauen weltweit in verschiedenen Formen genitalverstümmelt gewesen sein (vgl. „Die Zeit“, 28. Februar 2013, S. 10), in Deutschland waren es ca. 20 000 Frauen, allein in Berlin ca. 4000 Frauen. Seit dem Jahre 2000 dürfen Immigrantinnen nicht mehr in ihre Heimatländer abgeschoben werden, wenn ihnen dort Genitalverstümmelung droht. Ein eigenständiger Asylgrund ist die sog. weibliche Beschneidung allerdings nicht (vgl. TAZ, 17./18. März 2001, S. 24 S. 24; vgl. dazu auch den Internationalen Tag gegen die weibliche Genitalverstümmelung, im „Interkulturellen Kalender“ am 6. Februar). Die Befürworter der „Beschneidung“ rechtfertigen die Praxis mit der Tradition als Teil weiblicher Initiationsriten, sie diene der Vervollkommnung der weiblichen Schönheit und garantiere die sexuelle Treue der Frauen. Oft herrscht auch Vorstellung, eine unbeschnittene Frau finde keinen Ehemann. Nach einer sehr umstrittenen Hadith soll der Prophet Muhammad zur Praxis der weiblichen „Beschneidung“ geäußert haben: „Schneide, aber schneide nicht zu tief“ (vgl. „Spiegel“, H. 24/1977).

·         In den afrikanischen Ländern südlich der Sahara sind über die Hälfte der an AIDS erkrankten Menschen Frauen. Bei den HIV-Infizierten unter 24 Jahre stellten junge Frauen mit einem Anteil von fast zwei Dritteln die größte Gruppe (vgl. Kofi Annan, a.a.O.) 

  • Ca. 63 % der iranischen Studentenschaft sind weiblich. Ein iranischer Mann aber kann „seine“ Frau, wann immer er will, ohne jegliche Begründung verstoßen. Dabei bleibt nach der Scheidung das Erziehungsrecht grundsätzlich bei dem Vater. Beim „Blutgeld“ (der Zahlung an die Familie einer ermordeten Frau) ist eine Frau halb so viel „wert“ wie ein Mann (vgl. http://www.hrw.org/doc)
  • In Mexiko verwehren „beratende“ Beamte Vergewaltigungsopfern nahezu regelmäßig den Zugang zu legalen und sicheren Abtreibungen (was zu vielen Todesfällen führt) und versäumen es zudem, Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt (innerhalb und außerhalb der Familie) zu bestrafen (vgl. http://www.hrw.org/doc).
  • In der pakistanischen Region Islamabad / Rawalpindi wurden allein in den ersten neun Jahren des 21. Jhdts. Insgesamt ca. 5000 Frauen und Mädchen “… wegen Ungehorsams von Familienmitgliedern oder angeheirateten Verwandten mit Kerosin übergossen und angezündet – oder … mit Säure verätzt” (vgl. Kristof / WuDunn, S. 15, a.a.O.).
  • In Saudi-Arabien werden Frauen systematisch diskriminiert. Sie können ohne die Erlaubnis des Ehemannes (oder Vaters, Bruders etc.) weder reisen, noch Autofahren oder in ein Krankenhaus aufgenommen werden. In Bussen und Schulen etc. werden Männer und Frauen getrennt. Frauen, die keine Abaya (ein schwarzes den ganzen Körper verhüllendes Gewand) tragen und Gesicht und Haare nicht bedecken, werden von der Sittenpolizei zumindest belästigt. Gewalt und Vergewaltigung in der Ehe sollen weit verbreitet sein und werden nicht bestraft. Zu dem ist die genitale Verstümmelung bei Mädchen und Frauen gesetzlich erlaubt und in einigen Teilen Saudi-Arabiens gängig (vgl. http://www.hrw.org/doc).
  • In Uganda gefährden von den USA finanzierte Programme zur Enthaltsamkeit den Kampf gegen HIV / AIDS. Diese Programme propagieren sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe als einzige Verhütungsmethode. Sie verhindern, dass jungen Menschen, insbesondere junge Frauen Informationen über andere Methoden zur HIV-Prävention erhalten. Zudem sei für manche arme ugandische Mädchen Sexualität das einzige Mittel, ihren Lebensunterhalt verdienen zu können (vgl. Human Rights Watch,  http://www.hrw.org/doc).
  • “In vielen Ländern der Welt – meinte die UNICEF – Botschafterin Sabine Christiansen – kommt es einem Todesurteil gleich, als Mädchen geboren zu werden” (vgl. „Berliner Zeitung“, 12. Dezember 2006, S.5), denn Mädchen werden schlechter ernährt, seltener zum Arzt gebracht, nicht zur Schule geschickt und oft als Kinder verheiratet.
  • Statistisch gesehen fehlten 2006 weltweit ca. 100 Millionen Frauen; in Indien und China wurde durch die Abtreibung weiblicher Föten (geschlechtsselektive Abtreibungen) das demographische Verhältnis völlig verzerrt: in Indien kamen auf 1000 Jungen 927 Mädchen, in China sogar weniger als 900 Mädchen (vgl. „Berliner Zeitung“, 12. Dezember 2006, S.5). Unterdessen wurden in China und Indien Medizinern verboten, Schwangeren das Geschlecht des Fötus zu verraten; die Folge davon aber ist, dass noch mehr weibliche Säuglinge durch Vernachlässigung sterben: „Die Mütter töten sie nicht absichtlich, versorgen sie aber nur nachlässig“ (vgl. Kristof / WuDunn, S. 17, a.a.O.).
  • In China sterben zurzeit jährlich ca. 39 000 neugeborene Mädchen im ersten Lebensjahr, „… will die Eltern ihnen nicht die gleiche Fürsorge und medizinische Betreuung zukommen lassen wie den Jungen“ (vgl. Kristof / WuDunn, S. 14, a.a.O.).
  • Alle 50 Minuten wurde in Indien im Jahre 2000eine Ehefrau von ihrem Mann oder den Schwiegereltern misshandelt. Täglich werden in Indien 17 Mitgiftmorde registriert (vgl. Trojanow, 2001, S. 245, a.a.O.), jährlich sollen es nun über 100 000 sein (TAZ, 17. Februar 2013).

Im Dezember 2012 wurde in einem fahrenden Bus in Delhi eine 26jährige indische Medizinstudentin – nachdem ihr Verlobter niedergeschlagen worden war - von den sechs Insassen mehrfach brutal vergewaltigt, sadistisch mit einer Eisenstange misshandelt und tödlich verletzt aus dem Bus geworfen. Die bestialischen Quälereien offenbaren einen abgrundtiefen Hass oder zumindest ein völliges Fehlen von Empathie der Frau gegenüber bei den männlichen Tätern. Nachdem die Studentin im Krankenhaus 14 Tage später ihren Verletzungen erlag, kam es nach der „Schandtat von Delhi“ (Indian Times) wochenlang in vielen indischen Städten zu Massendemonstrationen gegen eine Vertuschung von Vergewaltigungen und Diskriminierung von Frauen.

Allein in Delhi wurden in den ersten sechs Wochen des Jahres 2013 täglich mehr als sechs Vergewaltigungen angezeigt, die Dunkelziffer dürfte um vieles höher liegen (FAZ, 7. März 2013).

Immer wieder wurden auch Touristinnen in verschiedensten Regionen Indiens vergewaltigt, auch durch Männergruppen, z.T. auch in touristischen Zentren wie Agra oder Delhi. Zwar wurden 2013 durch die indische Unionsregierung die Gesetze gegen Vergewaltigung verschärft, aber die Behörden „… behandeln Gewalt gegen Frauen noch immer meist als Lappalie oder schützen sogar die Täter“ (vgl. „Tagesspiegel“, 16. Januar 2014, S. 14). Bei Vergewaltigungen von ausländischen Touristinnen verfolgt die Polizei die Täter energischer, sie will den Tourismus schützen – ob aber die wahren Täter bestraft werden bleibt oft fraglich.

  • In Indien sind Frauen bis heute (2014) in vielfältigster Art benachteiligt. Im Bundesstaat Gujarat z.B. sind die Balmiki, eine Unterkaste der Dalit, der „Unberührbaren“ traditionell für die Beseitigung von Fäkalien und Tierkadavern zuständig, eine gesellschaftlich verachtete Tätigkeit, die Brahmanen rituell verunreinigen würde. Im Jahre 1993 wurde gesetzlich die Zuweisung dieser Arbeiten an die Balmiki verboten, 2013 auch ihre formelle Gleichstellung in die Verfassung eingefügt – in der Praxis aber hat das nicht verändert. Von den ca. 1,3 Mio. Balmiki in Gujarat sind 95 % Frauen (vgl. Chakraverty, S. 21, a.a.O.). 
  • Nach Schätzungen wurden im Jahre 2009 mindestens 3 Millionen Frauen und Mädchen weltweit mit brutaler Gewalt als Bordellsklavinnen gehalten und zur Prostitution gezwungen (vgl. Kristof / WuDunn, S. 33, a.a.O.).
  • Es wurde statistisch deutlich, „… dass in den letzten fünfzig Jahren mehr Mädchen getötet wurden, nur weil sie Mädchen waren, als die Gesamtzahl aller Männer, die in den Schlachten des zwanzigsten Jahrhunderts zu Tode gekommen sind. In jedem einzelnen Jahrzehnt wurden bei diesem Genderzid mehr Mädchen getötet als die Gesamtzahl aller Menschen, die den Genoziden des zwanzigsten Jahrhunderts zum Opfer gefallen sind“ (vgl. Kristof / WuDunn, S. 18, a.a.O.).

 

Der US-amerikanische politische Satiriker Christopher Tylor Buckley fragte polemisch: „Vielleicht haben Frauen der Gesellschaft noch etwas anderes zu bieten als nur ihre Vagina“ (zit. n. Kristof / WuDunn, S. 25, a.a.O.).

Männliche Gewalt gegen Frauen ist der vielleicht verstörendste Faktor der Ressentiments Frauen gegenüber, der generellen Frauenfeindlichkeit in quasi allen Gesellschaften (vgl. dazu auch den „Tag gegen Gewalt an Frauen“ im Interkulturellen Kalender“, 25. November) .

 

Am 8. März gibt es deshalb weltweit eine Fülle verschiedenster Protestveranstaltungen, Demonstrationen etc. für die Gleichberechtigung und die Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen. Z.B. in Frankreich ist der 8. März offiziell als „Frauentag“ anerkannt und auch in den früheren sich sozialistisch nennenden Ländern war er ein Feiertag.

 

Immer wieder kommt es auch in den letzten Jahren in der Islamischen Republik Iran zu frauenfeindlichen Repressionen. Am 8. März 2006 gab es in Teheran eine Frauentagsdemonstration, „…. kurz vor vier Uhr nachmittags, auf dem Platz vor dem Stadttheater, im Zentrum Teherans. Hätten wir nicht einen Hinweis bekommen, die Grüppchen von Frauen, die an verschiedenen Ecken des Platzes zusammenstehen, wären uns nicht aufgefallen. Eine Studentin steckt uns einen Flyer zu. ‚Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Frieden, Solidarität’ steht darauf. …. Von den Seiten her bewegen sich die Frauen, zweihundert mögen es sein, zur Mitte des Platzes, setzen sich auf den Boden, halten Plakate in die Höhe, auf denen steht: ‚Diskriminierung zwischen Mann und Frau heißt Mangel an Gerechtigkeit’. Genau fünf Minuten dauert es, dann fährt ein Polizeiwagen auf den Platz. ‚Was Sie machen, ist illegal, gehen Sie auseinander’ tönt es über Lautsprecher. Die Frauen bleiben sitzen, stimmen ein Lied an. Dann treffen die ersten Mannschaftswagen der Spezialpolizei ein. Die Frauen singen weiter, halten ihre Plakate höher. Die Polizisten bilden eine Kette, die Frauen fliehen in Richtung Theater, werden eingekreist…. Einem jungen Mädchen rutscht das Kopftuch herunter, zwei junge Burschen in Zivil prügeln auf sie ein…. Unbedecktes Frauenhaar – es kann einen frommen Revolutionär im Iran noch immer zur Raserei treiben…“ (zit. n. „Die Zeit“, Nr. 12/2006, S. 3).  Die Polizei setzte Tränengas ein und es kam zu Verhaftungen.

In der iranischen Stadt Isfahan und anderen Provinzen wurden im Jahre 2014 eine Reihe von Frauen vermutlich wegen „schlechter Verschleierung“ von Männern auf Mopeds mit stark ätzender Säure angegriffen (vgl. https://www.freitag.de/autoren/dabiran/iran-systematische-saeureangriffe-auf-frauen). Eine Frau starb im Herbst 2014 an den schweren Säureverätzungen am Oberkörper. Am 22. Oktober 2014 versammelten sich in Isfahan über 1000 DemonstrantInnen, um gegen die Säureangriffe zu protestieren. Die iranische Regierung verurteilte offiziell die Säureattacken, sah aber auch eine dahinter eine „ausländische Medienkampagne“

 

Schon 1984 wurde in Algerien ein auf der Scharia aufbauendes Familienrecht eingeführt, das die verfassungsgemäße Gleichheit der Geschlechter verletzt. „Nach diesem Familienrecht sind Frauen lebenslang Mündel des Vaters, Ehemanns oder Bruders, die ihr auch Erwerbsarbeit verbieten können“ (vgl. Kebir, S. 9, a.a.O.).

Im Juli 2001 kam es in dem algerischen Erdölzentrum Hassi Messaoud in der Sahara zu einem Pogrom gegen Frauen. Wie in einem Lehrstück ist der Hintergrund des Pogroms die hohe Arbeitslosigkeit unter den niedrig qualifizierten Männern der Region, die deshalb nur selten einen Arbeitsplatz in der Erdölindustrie finden. Viele der großen einheimischen Familien verelenden so in Slums, viele junge Männer können als Geldmangel keine eigene Familie gründen. Ein staatliches Qualifizierungsprogramm für die Arbeitslosen in den betroffenen Regionen gab es nur in völlig unzureichendem Umfang [10]. .  

Die Erdölgesellschaften aber suchten und rekrutierten ca. 100 z.T. qualifizierte, allein stehende Frauen aus dem Norden Algeriens: „Geschieden, mit oder ohne Kinder, …. als Technikerinnen, Sachbearbeiterinnen, Sekretärinnen – ihr Lohn erregt den Neid der wenig oder gar nicht ausgebildeten lokalen Bevölkerung“ (vgl. Kebir, S. 9, a.a.O.).

Eine weitere wichtige Rolle schienen islamistische Gruppen der Region zu spielen, bei denen „…. weibliche Erwerbsarbeit als Sünde gegen die Religion gedeutet (wird). Berufsleben und eigenes Geld verführe Frauen zu unsittlicher Lebensweise“ [11] (vgl. Kebir, S. 9, a.a.O.). Aus einer behelfsmäßigen Slum – Moschee (man nennt sie in Algerien „Massala“) in Hassi Messaoud scheinen regelrechte Hassparolen und –predigten (wie die zum „Heiligen Krieg gegen unislamische Lebensformen“) gegen die allein (d.h. ohne Ehemann, Vater oder Bruder) lebenden Frauen ausgegangen zu sein [12] .

Seit dem 13. Juli 2001 sammelten sich in Hassi Messaoud an mehreren Tagen abends und nachts hunderte v.a. junger Männer, die diese Frauen unter „Allahu akbar“ – Rufen (i.e. arab. „Gott ist der Größte“) durch die Stadt jagten, in die Wohnungen einbrachen, die Frauen verprügelten, beraubten, quälten, demütigten, auszogen und / oder vergewaltigten. Mindestens zwei Frauen kamen nach späteren offiziellen Angaben bei dem Pogrom ums Leben.

Zumindest Teile der Stadtbevölkerung sympathisierten mit den Pogromhorden: „… Immer wieder werden You – You – Schreie ausgestoßen, was traditionell Ermunterung signalisiert“ (vgl. Kebir, S. 9, a.a.O.). 

Nachbarn einer betroffenen Frau meinten: „Wir hatten euch aufgefordert, die Sahara zu verlassen. Warum seid ihr noch hier? Das ist nicht euer Land!“ (zit. n. Kebir, S. 9, a.a.O.).

Die Polizei griff spät oder nicht ein, z.T. wurde ihr Eingreifen gewaltsam verhindert. Schließlich wurden die Frauen – angeblich zu ihrem eigenen Schutz – in einem Hotel der Stadt wie Gefangene gehalten.

In der Presse hingegen wurde anfangs verleumderisch behauptet, es habe sich um Übergriffe gegen Prostituierte gehandelt. Vielfach ging man in Algerien davon aus, dass eine allein lebende Frau eine Prostituierte sein müsse. Später stellte sich heraus, dass die wirklichen Prostituierten in Hassi Messaoud vor den Pogromen gewarnt wurden und die Stadt verließen – ein deutliches Zeichen dafür, dass die Pogrome nicht etwa spontan erfolgten sondern geplant und organisiert wurden!

Erst nach genaueren Recherchen wurde diese Stigmatisierung zurückgenommen und die prominente Abgeordnete Khalida Messaoudi [13] kam aus Algier und versprach finanzielle und rechtliche Hilfe. Auch wurden nun erst gerichtsmedizinische Untersuchungen [14] durchgeführt, bei denen sich herausstellte, dass unter den Vergewaltigten auch deflorierte Jungfrauen waren.

Bald kehrten die meisten Frauen an ihre Arbeitsplätze zurück, trugen nun allerdings meist ein „islamisches Kopftuch“ wurden immer wieder bedroht und zuweilen auch von aufgehetzten Kindern mit Steinen beworfen!

 

Erst ein Jahr später, 2002, kam es in der Bezirkshauptstadt Ouargla (80 km von der Ölstadt Hassi Messaoud entfernt) zum Prozess: nur 30 Beteiligte wurden angeklagt, wegen Zusammenrottung, Gefährdung der öffentlichen Ordnung, Verletzung des Anstands und Diebstahls. Unter dem Druck der Familien der Täter kam es zu keiner einzigen Anklage wegen Vergewaltigung, vielmehr mussten die Frauen den Tätern „verzeihen“. Nur zwei der Täter wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt, einige erhielten Bewährungsstrafen, die allermeisten wurden freigesprochen.

Der algerische Präsident Bouteflika äußerte sich öffentlich nie zu den Pogromen, drückte aber den Frauen persönlich sein Mitgefühl aus und sandte privat Geld.

Die aufhetzende Slum–Moschee wurde „… unterdessen durch einen Prachtbau aus Marmor ersetzt“ (vgl. Kebir, S. 9, a.a.O.). 

In den letzten Jahren versuchten zwei der damals betroffenen Frauen, eine Wiederaufnahme des Prozesses zu erreichen, - bisher ohne Erfolg (vgl. Feature des WDR [15] vom 8./9. Februar 2009). 

In Ouargla aber ist bis heute (2014) die Arbeitslosigkeit sehr hoch, besonders unter der Jugend. Dabei suchen viele einheimische Frauen (offiziell) keine Arbeit [16] , ihre Ehemänner wollen das des Ansehens wegen nicht: Männliche Aussagen wie folgt erscheinen typisch „Wenn ich nicht arbeite, kann sie auch nicht arbeiten. Das wäre schlecht für meinen Ruf.  Es ist nicht gut für einen Mann, wenn seine Frau arbeitet“ (vgl. Daum, S. 7, a.a.O.). 
Frauen sind in Ouargla und anderen Städten des algerischen Südens im Straßenbild eine Seltenheit, die Straße gehört den Männern. Ein junger Einwohner Ouarglas äußerte: „… ich kann sie (meine Freundin, C.M.) nicht mit ins … (Café) nehmen, die anderen würden sie nur anstarren, und das will ich nicht“ (zit. n. Daum, S. 7, a.a.O.).
Zudem glauben zumindest manche jungen Männer in Ouargla, dass die Unsichtbarkeit der Frauen in der Öffent-lichkeit nichts schade, denn: „Es macht nichts, dass die Frauen nicht da sind, wir vertreten doch auch ihre Interessen“ (zit. n. Daum, S. 7, a.a.O.) – eine patriarchalische Anmaßung und Täuschung! 

Berühmt wurde in Ägypten und der gesamten arabischen Welt Nawal El Saadawi (*1931), Ärztin, vielfach übersetzte Schriftstellerin und seit Jahrzehnten Vorkämpferin für Frauenrechte, Frauenbildung, Demokratie und Menschenrechte. Als Kind wurde sie selbst genitalverstümmelt, erlebte Verfolgung, Haft, Entlassung, Zwangsscheidung wegen angeblicher Apostasie, Flucht und Exil (vgl. El Saadawi, a.a.O.). Seit Jahren steht ihr Name auf einerTodesliste extremistischer Islamisten.

Am 27. März 2015 (um 22.35 Uhr) sendete ARTE eine Dokumentation über Nawal El Saadawi, die „Löwin vom Nil“.  

Im Juni 2008 wurde in Ägypten eine gesetzliche Neuregelung eingeführt, die weibliche Beschneidungen und Heiraten unter 16 Jahren unter Strafe stellte. Konservative islamische Geistliche und Islamisten wie die ägyptischen Muslimbrüder verurteilten diese Regelungen scharf, sie widersprächen dem Islam.

Ein Studie des 1996 gegründeten ägyptischen „Zentrums für Frauenrechte“ der Frauenrechtlerin und –forscherin Nehad Abu Qumsan [17] aus dem Jahre 2008 ergab u.a., dass …

  • 62% der befragten ägyptischen Männer zugaben, Frauen auf der Straße zu belästigen; Mehr als die Hälfte der Männer waren zudem überzeugt, die Frauen seien eigentlich selbst schuld.
  • 83% der ägyptischen und 98% der ausländischen Frauen sich regelmäßig unangenehm angemacht fühlten (dabei wurden 1000 Frauen befragt)
  • viele Frauen bestätigten, sie griffen zum Kopftuch, weil sie hofften, so weniger stark belästigt zu werden (vgl. „Berliner Zeitung“, 14. Oktober 2008, S. 1).
  • 72 % der befragten Opfer trugen jedoch einen „züchtigen Schleier“ (vgl. http://www.welt.de /politik/ausland/article110079486/Die-widerlichen-Grapscher-vom-Tahrir-Platz.html).
  • sexuelle Belästigungen unabhängig vom Alter, der Kleidung, dem Ort oder der Tageszeit geschehen.
  • Nur 12% der Frauen, die sexuelle Übergriffe erlebt hatten, gingen deshalb zur Polizei.

Nehad Abu Qumsan formulierte, sexuelle Belästigung sei ein soziales Krebsgeschwür der ägyptischen Gesellschaft.

Mehrfach kam es in den letzten Jahren zu Massenübergriffen von jungen Männern Frauen gegenüber, so z.B. am Ramadanfest 2008 im Zentrum Kairos: Ca. 100 junge Männer überfielen plötzlich flanierende Frauen, beschimpften sie, begrapschten sie, rissen ihnen die Kleider vom Leibe, auch von verschleierten Frauen! Einige der Täter wurden verhaftet und verurteilt. Nehat Abu Qumsan u.a. Aktivistinnen fordern angesichts der alamierenden Zunahme von Übergriffen, dass sexuelle Belästigung ein gesetzlich verschärfter  und tatsächlich verfolgter Straftatsbestand werden müsse. Die Opfer dürften nicht mehr als selbst schuldig erklärt werden. 

Als Ursachen für gewaltsame Übergriffe dieser Art werden angeführt:

  •  Traditionelles Macho-Denken bei Männern einerseits, frauenfeindliche Interpretation islami scher Vorstellungen
  •  sexuelle Frustration; wegen ihrer Armut können viele junge Männer nicht heiraten, voreheliche Sexualkontakte aber sind weithin tabu.
  •   soziale Konflikte; arme, perspektivlose junge Männer „rächen“ sich sozusagen an den Frauen und Mädchen mittlerer sozialer Schichten; Frauen würden zur Zielscheibe sozialer Frustration.
  •  der Staat kümmere sich nicht genügend um den Schutz der Frauen in der Öffentlichkeit.

An dem „arabischen Frühling“ waren in allen Ländern viele Frauen beteiligt, welche mittelfristigen Auswirkungen und Erfolge die Bewegung für die Rechte der Frauen haben wird, ist bis heute umstritten. Belegt ist jedoch, dass in den Monaten nach dem Sturz Mubaraks das Militär festgenommene Demonstrantinnen einem Jungfräulichkeitstest“ unterzogen hat. Diese Praxis wurde jedoch Ende des Jahres 2011 für illegal erklärt.

Für Ägypten wird vielfach befürchtet, dass die Frauen zu den Verliererinnen des Tahrir-Platzes werden könnten (vgl. „Die Zeit“, Nr. 8/2013).

 

Aber auch die Situation in Deutschland ist in dieser Hinsicht unbefriedigend. Im Januar 2014 veröffentlichte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine repräsentative Untersuchung zur „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen" in Deutschland. Die Ergebnisse zeigen, dass …

  •   58,2 % aller befragten Frauen sexuelle Belästigung [18] in der Öffentlichkeit, während der Arbeit und Ausbildung oder „im sozialen Nahraum“ erlebten.
  •     27 % aller befragten Frauen (und 49 % derjenigen, die sexuelle Belästigung erlebt hatten) fühlten sich in den Situationen ernsthaft bedroht oder hatten Angst um ihre persönliche Sicherheit.
  • · 9 % aller sexuell belästigten Frauen gaben an, „dass eine oder mehrere dieser Situationen auch zu einem ungewollten Geschlechtsverkehr oder zu körperlicher Gewalt geführt haben“(vgl. http://www.bmfsfj. de/BMFSFJ/gleichstellung,did=73018.html).

 

Anlässlich des Internationalen Frauentags 2008 spielten bei den DGB – Veranstaltungen die Fragen nach einem gesetzlichen Mindestlohn – er würde insbesondere für Frauen  nützlich sein -  und den Chancen eines Antidiskriminierungsgesetzes eine bedeutende Rolle. Schon seit vielen Jahren fordert der Deutsche Gewerkschaftsbund gesetzliche Gleichstellungsregelungen nach dem Vorbild der skandinavischen Länder, Kanadas und Frankreichs.

 

Frankreich war lange Zeit ein Vorreiter hinsichtlich der beruflichen Emanzipation. Die Pianistin, Komponistin und Musikwissenschaftlerin Louise Farrenc (1804 – 1875) wurde bereits 1842 Instrumentalprofessorin für Klavier an dem Pariser Konservatorium. Ab 1850 allerdings erhielt sie ein gleichhohes Gehalt wir ihre männliche Kollegen. Nach damals großen internationalen Kompositionserfolgen blieben ihre Werke bis in die Jüngste Vergangenheit vergessen.

 

Wie lange auch in Deutschland traditionelle Vorstellungen zur Frauenrolle vorherrschend waren, zeigt das Beispiel des ohne Zweifel hoch gebildeten Max Planck auch hinsichtlich der Frage des damals lebhaft diskutierten Frauenstudiums. Planck befürwortete 1897 das Frauenstudium nur eingeschränkt, er hielt es „… für unrecht, ihr (der Frau, C.M.) aus prinzipiellen Rücksichten die Mittel zum Studium von vornherein zu versagen; ich werde ihr gerne, soweit es überhaupt mit der akademischen Ordnung verträglich ist, den probeweisen und stets widerruflichen Zutritt zu meinen Vorlesungen und Übungen gestatten…. Andererseits muß ich aber daran festhalten, dass ein solcher Fall immer nur als Ausnahme betrachtet werden kann…. Amazonen sind auch auf geistigem Gebiet naturwidrig … im Allgemeinen … kann man nicht stark genug betonen, dass die Natur selbst der Frau ihren Beruf als Mutter und als Hausfrau vorgeschrieben hat… [19] „ (Planck, zit. n. Stolz, S. 17, a.a.O.).

 

Die deutsch-jüdische Ärztin Rahel Hirsch (1870 in Frankfurt am Main - 1953 in London) wurde 1913 als erste Frau in Preußen (wegen ihrer Forschungen an der Dünndarmschleimhaut, „Hirsch-Effekt“) an der Berliner Charité zur Professorin für Medizin ernannt. Man verlieh ihr zwar den Professorentitel, man zahlte ihr aber kein Gehalt, auch erhielt sie weder eine Dozentenstelle noch gar einen Lehrstuhl.

 

Deshalb verließ Rahel Hirsch 1919 die Charité und praktizierte am Kurfürstendamm. nach 1933 durfte sie nur noch jüdische Patienten behandeln, 1938 gelang ihr die Emigration nach London. Dort wurde ihre Approbation nicht anerkannt und sie musste als Laborassistentin und Übersetzerin arbeiten. 1953 starb sie in einem psychiatrischen Krankenhaus in London (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Rahel_Hirsch). Im Jahre 2013 wurde eine Gedenk-Briefmarke für Rahel Hirsch publiziert.

 

Unter den 345 Mitgliedern der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften waren 2014 nur 44 Frauen, und unter den in diesem Jahr neuaufgenommenen Mitgliedern war keine Frau.

 

Im Jahre 2006 (erst) trat das in Deutschland das „Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz“ (AGG, auch „Antidiskriminierungsgesetz“ genannt) in Kraft. Dieses Bundesgesetz soll Benachteiligungen wegen der „Rasse“, der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Orientierung verhindern oder beseitigen. Die durch das Gesetz geschützten Personengruppen erhalten Rechtsansprüche gegenüber Arbeitgebern und z.B. Vermietern von Wohnungen, wenn diese gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen. Den Nachweis der Diskriminierung muss allerdings der Klagende erbringen.

Inwieweit das Gesetz eine wesentliche Verbesserung der Situation benachteiligter Frauen bringt, erscheint noch nicht absehbar. Eine „Prozessflut“ erfolgte jedenfalls bislang nicht, - die Arbeitgeber, Vermieter etc. sind allerdings in der Wortwahl ihrer Aussagen, Anzeigen, Ausschreibungen etc. vorsichtiger geworden.

 

Das im Jahre 2007 in Deutschland eingeführte Elterngeld ist nun lohnabhängig: Für zwölf Monate werden 67 % des zuvor bezogenen Nettolohns ausgezahlt, zwei weitere Monate können vom Partner genommen werden. Für 3 Jahre bleibt das Recht auf die Rückkehr an den Arbeitsplatz erhalten. Einige Indizien erlauben den Schluss, dass diese Neuregelungen positive Auswirkungen zu haben scheinen.

Im Jahre 2012 setzte die CSU in dem Bundeskabinett einen Beschluss für ein „Betreuungsgeld“ durch, dass Erziehungsberechtigte von ein- bis zweijährigen Kleinkindern erhalten, wenn sie sie nicht in einer Kita sondern zu Hause betreuen („Herdprämie“). Möglicherweise wird das „Betreuungsgeld“ an Initiativen des Bundesrates und einer Hamburger Klage vor dem BVG scheitern (vgl. TAZ, 17. Februar 2013).

 

In den letzten Jahrzehnten bahnt sich zudem – wie weltweite Ergebnisse der Bildungsforschung in hoch entwickelten, kapitalistischen Gesellschaften belegen – eine in den letzten Jahrtausenden noch nie da gewesene Tendenzwende an.

Zwar neigen die meisten Gesellschaften dazu, einmal bestehende Hierarchien von sozialen Gruppen immer weiter zu verfestigen (vgl. Hurrelmann, a.a.O.), aber – entgegen diesem Grundsatz – dreht sich die Geschlechterhierarchie hinsichtlich der Bildungserfolge allmählich um. In nahezu allen Bildungsbereichen erreichen die Mädchen und jungen Frauen unterdessen (im Jahre 2010) deutlich bessere Ergebnisse als die Jungen bzw. jungen Männer: „Solange es formale Erziehungsinstitutionen gibt, solange dominierte bisher das männliche Geschlecht in ihnen, sowohl was die Anzahl der Plätze als auch was die Qualität der Abschlüsse betrifft. Die Epoche nähert sich dem Ende“ (vgl. Hurrelmann, a.a.O.).

Die PISA – Studien des letzten Jahrzehnts zeigen diese Entwicklung in nahezu allen beteiligten Ländern. Einzig in dem mathematischen Bereich erzielen die jungen Frauen – noch - niedrigere Ergebnisse als die jungen Männer, aber auch dies dürfte bei der wahrscheinlichen Fortsetzung des Trends nicht mehr lange so bleiben.

Langsam erreichen junge Frauen nach Schule und Studium auch höhere Positionen im Beruf, sie machen Karriere und erzielen höhere Einkommen, auch in Deutschland.

Bildungserfolge gelingen jungen Frauen auch aus benachteiligten, unterprivilegierten Gruppen, Einwanderern, Migranten deutlich stärker als jungen Männern aus diesen gesellschaftlichen Segmenten.

An die Stelle des katholischen Mädchens vom Lande in der ersten deutschen Bildungskatastrophe ist heute der Junge mit Migrationshintergrund aus „sozialen Brennpunkten“ getreten – der exemplarische Bildungsverlierer der gegenwärtigen zweiten deutschen Bildungskatastrophe.

Im Jahre 2008 waren in Deutschland ca. 53 % der Gymnasiasten und ca. 51 % der Hochschulabsolventen weiblich.

Für die gegenwärtigen Bildungserfolge sieht Klaus Hurrelmann die Ursachen v.a. in den unterschiedlichen Geschlechtsrollenvorstellungen.

Zu der traditionellen weiblichen Geschlechtsrolle gehörten bereits die kommunikativen, sprachlichen Kompetenzen, die Betonung von Empathie, Harmonie, Selbstdisziplin und Familiensinn. Hinzu kommen nun verstärkt die Fähigkeit zum Ausgleich, zur Netzwerkbildung, die Betonung von sozialer Bindung und Gemeinschaft. Zu dieser erweiterten Frauenrolle gehört „…. auch eine erfolgreiche schulische und berufliche Laufbahn. Sie wollen zu den drei traditionellen ‚Ks’ (Kinder, Küche, Kirche/Kommune, C.M.) das vierte ‚K’, die Karriere im Beruf hinzu erobern, und sie sind bereits auf dem Weg dahin“ (vgl. Hurrelmann, a.a.O.).

Dagegen findet eine kritische Reflexion, Erweiterung/Modifikation der Männerrolle bei den jungen Männern nur bei einer Minderheit statt. „Die Mehrheit der jungen Männer ist nicht bereit, sich auf die als ‚weiblich’ codierten Lebensbereiche …. einzulassen. Sie betrachten eine solche Rollenerweiterung als erniedrigend und unter ihrer Würde…. Den meisten jungen Männern ist überhaupt nicht bewusst, wie sehr sie sich mit dieser Einschränkung ihrer Spielräume beschränken und wie stark sie sich damit in ihren Fähigkeiten der sozialen, kulturellen und ökonomischen Entfaltung schädigen“ (vgl. Hurrelmann, a.a.O.). 

 

Insbesondere spielen Frauen auch für die Entstehung und Förderung von Empathie, der Fähigkeit sich in Andere, in Mitmenschen hineinzuversetzen, mitzufühlen, eine bedeutsame, ja zentrale Rolle. Der „Homo empathicus“ (Jeremy Rifkin) ist sehr oft eine Frau, nicht umsonst galt Mitgefühl für Männer lange Zeit als Zeichen von Schwäche.

 

Die unterschiedlichen Geschlechtsrollenbilder haben verschiedenste Entsprechungen, vom Freizeitverhalten bis zu den Wertorientierungen.

Im Gegensatz zu den jungen Frauen verbringen viele junge Männer viele Stunden ihrer täglichen Freizeit mit wenig intelligenz- und kompetenzfördernden, „berieselnden“ elektronischen Medien.

In den Schulen haben viele männliche Schüler „…. große Sorge, als Weichei oder als anpasslerischer Streber angesehen zu werden. Viele flüchten unbeholfen in primitive Macho-Muster von Männlichkeit und setzen den Cowboyhut auf“ (vgl. Hurrelmann, a.a.O.).

Dagegen sammelten mehr junge Frauen „Bildungskapital“ an, das sich längerfristig zumindest partiell in „Karrierekapital“ verwandeln lässt, dem schließlich auch die (bisher männlichen) Chefetagen nicht standhalten könnten, „…. dazu ist der weibliche Nachrückdruck zu groß“ (vgl. Hurrelmann, a.a.O.).

Dennoch gab es in Deutschland im Jahre 2009…

  • circa 10mal so viele C4-Professoren als Professorinnen, und
  • lediglich ca. 7 % Frauen in Spitzenpositionen der Wirtschaft. Der DGB forderte eine „Gleichstellung aller Arbeitsverhältnisse“ und eine Quotierung für Aufsichtsräte von 40 % (vgl. „Der Tagesspiegel“, 8. März 2010, S. 23).

Die Situation in anderen europäischen Ländern ist teilweise nicht besser. Nach Berechnungen des „International Labour Office“ aus dem Jahre 2004 gab es im Führungsmanagement von 32 der 100 größten europäischen Unternehmen keine einzige Frau (vgl. Matthies, S. 32, a.a.O.).

Im Jahre 2006 äußerte Lawrence Summers, der frühere US – Finanzminister und damalige Präsident der weltweit renommierten Harvard – Universität / Massachusetts, „… dass Frauen die ‚innere Befähigung’ zu besonderen Leistungen in der Wissenschaft fehle. Programmen zur Förderung von Frauen…. würden ein höheres Risiko des Leistungskompromisses in sich bergen als die Chance auf einen Zugewinn von Exzellenz“ (zit. n. Matthies, S. 32, a.a.O.). Durch eine breite Welle der Proteste sah sich Summers im Juni 2006 zum Rücktritt von seinem Amt veranlasst.

 

Über die Ursachen der Unterrepräsentanz von Frauen in den gesellschaftlichen Führungspositionen, sei es in der Wirtschaft, in der Politik oder der Wissenschaft, entbrannte in den letzten Jahren eine heftige, zum Teil erbittert, zum Teil populistisch geführte Kontroverse.

Insbesondere wurde die These attackiert, dass Frauen einen beruflichen Aufstieg, eine „Karriere“ selber zum Teil gar nicht wollten, sie seien von daher nicht (nur) Opfer der Verhältnisse, sondern „…. auch selber daran schuld, dass sie auf den führenden Positionen der Gesellschaft kaum vertreten sind“ (Matthies, S. 32, a.a.O.).

Jedoch gibt es für diese Position, wie es allerhand „Studien zur Karriereaspiration von Männern und Frauen…. (belegen), durchaus eine gewisse empirische Evidenz“. Dabei erscheint es allerdings notwendig, einen differenzierteren „…. Blick auf die Rolle der institutionellen Rahmenbedingungen von Erwerbsarbeit und damit nicht zuletzt auch auf die männlich geprägte Arbeits- und Führungskultur“ (Matthies, S. 32, a.a.O.).

Hildegard Matthies führte mehrere Verhaltensmuster an, die im Management von Wirtschaftsunternehmen „… jedes auf seine Weise eine ausgrenzende Wirkung gegenüber Frauen entfaltet“ (vgl. Matthies, S. 33, a.a.O.).

Eines dieser Verhaltensmuster, die „Informalität“, bezieht sich auf informelle Gemeinschaften im Management, die sich „… entlang ‚männlicher’ Interessen wie Sex, Sport oder Trinkgelagen“ bilden und „männerbündische Züge“ aufweisen (vgl. Matthies, S. 33, a.a.O.). Dass Frauen in der Regel aus solcherart informeller Gemeinschaft herausfallen, ist offensichtlich.

Ein anderes Frauen ausgrenzendes Verhaltensmuster beruht auf dem Bedürfnis nach Homogenität, die „… Neigung, lieber mit Gleichgesinnten zusammen zu treffen“ (vgl. Matthies, S. 34, a.a.O.). So „… versammeln männliche Führungskräfte in der Regel eher gleich gesinnte Männer um sich und fördern deren Karriere“. Frauen würden dabei die für „Vertrauensbeziehungen typischen Muster homogener Strukturen“ stören (vgl. Matthies, S. 34, a.a.O.).

Allerdings wird in der jüngeren Management–Literatur vielfach ein „Diversity Management“ auch hinsichtlich von Frauen propagiert und als „wichtige Innovationsressource für das Unternehmen hervorgehoben“, die „Gleichheit und Uniformität …(der) dominierenden Männerkultur … (gelten) ..als kreativitäts- und innovationshemmend“ (vgl. Matthies, S. 38, a.a.O.).

Im „Innovationsindex“ des DIW wurde 2010 auch die Einstellung zur Frauenpartizipation erfasst: „Der Index zeigt auch, dass Länder mit vergleichsweise positiveren Einstellungen zur Partizipation von Frauen die innovativeren sind“ (vgl. Matthies, S. 38, a.a.O.).

Jedoch steht Deutschland in dem Index unter 17 führenden Industriestaaten nur auf Platz 11.

 

Insbesondere aber hat die Streitschrift von Bascha Mika „Die Feigheit der Frauen – Rollenfallen und Geiselmentalität“ zu heftigen Diskussionen geführt.

Die zentrale These der langjährigen Chefredakteurin der TAZ ist, dass es heute viele gut ausgebildete Frauen gebe, die „… einmal … von einem selbst bestimmten Leben, …. nicht begrenzt durch typisch weibliche Rollen“ träumten. Nun aber hockten „… sie in der Falle und betreiben ihre eigene Vermausung…. (Sie).. lassen ihr Leben zerkrümeln zwischen der Zuneigung zu ihrem Mann und den Bedürfnissen ihrer Kinder“ (vgl. Mika, S. 76, a.a.O.).

Millionen von Frauen führten so ein „…. Leben aus zweiter Hand“, „….. mit einem Mann, der den Lebensrahmen bestimmt und ihr finanzielles Auskommen sichert. Mit den aufreibenden Anforderungen eines Familienlebens, das sie nicht nachdenken lässt und so eingerichtet ist, dass es ohne sie nicht läuft“ (vgl. Mika, S. 76 / 77, a.a.O.). Diese Frauen …

  • hätten „… ihren Anspruch auf Eigenständigkeit“ aufgegeben
  • wären „… der Verlockung der altbekannten Frauenrolle“ erlegen
  • hätten „… sich für die Unmündigkeit entschieden. Sich unterworfen, statt sich zu behaupten“
  • hätten „… sich verführen lassen von einem Lebensentwurf, der nicht ihr eigener war, und sich herüberziehen lassen in eine Rolle, die sie früher verachteten“ (vgl. Mika, S. 76, a.a.O.).

Viele Frauen seien von daher „… keine Gegnerinnen des Systems…, sondern Komplizinnen! In der Geschlechterfrage gibt es keine saubere Trennung mehr von Opfer und Täter…. (Wir, die Frauen) … übernehmen ein Geschlechterregime, das uns abwertet“ (vgl. Mika, S. 77, a.a.O.). Frauen seien „… nicht nur Teil der Lösung, ….. auch Teil des Problems. (Jedoch ist)… es einfacher, sich als Opfer zu begreifen statt als Mittäterin“ (vgl. Mika, S. 80, a.a.O.).

„Paradoxe Mechanismen“ seien es, die zur freiwilligen Unterwerfung führten, Mechanismen, wie sie z.B. der 2002 verstorbene französische Soziologe Pierre Bourdieu in seiner 1998 geschriebenen „Männlichen Gewalt“ beschrieben hat: „Ich habe immer in der männlichen Herrschaft und der Art und Weise, wie sie aufgezwungen und erduldet wird, das Beispiel schlechthin für diese paradoxe Unterwerfung gesehen, die ein Effekt dessen ist, was ich symbolische Gewalt nenne. Es ist jene sanfte, für ihre Opfer unmerkliche, unsichtbare Gewalt, die im Wesentlichen über die rein symbolischen Wege der Kommunikation und der Erkennens, oder genauer des Verkennens, des Anerkennens oder, äußerstenfalls, des Gefühls ausgeübt wird“ (Bourdieu, S. 8, zit. n. Mika, S. 80, a.a.O.). Nach Bourdieu funktioniert die soziale Ordnung wie eine gigantische symbolische Maschine zur Ratifizierung der männlichen Herrschaft, auf der sie gründet [20].

Auch aus eigener Kenntnis sch eint mir, dass eine nicht geringe Gruppe von Frauen einer gehobenen sozialen Schicht, genau in eine solche Frauenrolle hineingewachsen ist. Nur dort allerdings kann diese „Rollenfalle“ funktionieren. 

Es scheint heute in vielen europäischen Ländern eine Art von „Illusion der Gleichstellung“ vorzuherrschen. Faktisch scheinen viele gut ausgebildete Frauen – entgegen der Behauptung, der Feminismus habe sich überlebt – mit der Geburt von Kindern in traditionelle Geschlechtsrollenstereotypen zurück zu fallen. 

 

Zu den wichtigen frauenpolitischen Diskussionspunkten seit dem Frühjahr 2011 gehörte von daher die Frage nach der Einführung einer Frauenquote in den Führungspositionen der deutschen Wirtschaft. Unbestritten ist dabei, dass es eine Männerquote von ca. 97 % in den Vorständen und von ca. 90 % in den Aufsichtsräten der deutschen Unternehmen [21] gibt (vgl. „Parlament“, Nr. 9/2011, S.1).

Dabei muss berücksichtigt werden, dass zwei Drittel der weiblichen Mitglieder der Aufsichtsräte Vertreterinnen der Arbeitnehmer sind, die über die betriebliche Mitbestimmungsregelung in diese Position gelangten.

Die Oppositionsparteien legten zu der Quote drei Anträge vor, die …..

  • eine verbindliche Frauenquote von mindestens 40 % für die Aufsichtsräte und Vorstände bis 2017 vorsehen (Die Grünen)
  • eine verbindliche Frauenquote von mindestens 40 % für die Aufsichtsratsmandate bis spätestens 2015 vorsehen (SPD)
  • eine verbindliche Frauenquote von mindestens 50 % für alle Führungspositionen bis 2015 vorsehen (Die Linke)

Auch die damalige Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) trat für eine gesetzliche Frauenquote von 30 % in den Vorständen und Aufsichtsräten der der Großunternehmen bis 2018 ein (vgl. „Tagesspiegel“, 7. März 2012, S. 6). Ihrer Auffassung nach hat die freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen in dieser Hinsicht „pm Schneckentempo“ nahezu nichts gebracht. Allerdings hatte die Ministerin in ihrer Partei gewichtige Gegner, so z.B. lehnt die Familienministerin Kristina Schröder eine feste Quote ab.

Für die FDP stellte eine Frauenquote auch heute noch einen inakzeptablen „Eingriff in die Vertragsfreiheit der Wirtschaft“ dar. Auch die CSU lehnt eine Quotenregelung strikt ab.

Für die FDP stellte eine Frauenquote bis heute einen inakzeptablen „Eingriff in die Vertragsfreiheit der Wirtschaft“ dar. Auch die CSU lehnte urspünglich eine Quotenregelung strikt ab.

Die schwarzgelbe Bundesregierung plante lediglich die Einführung einer freiwilligen, auf Selbstverpflichtung beruhenden „flexiblen Quote“ (vgl. „Parlament“, Nr. 9/2011, S.1). Bundeskanzlerin Angela Merkel versprach einzig in ihrer Videobotschaft zum Weltfrauentag 2011 hinsichtlich der Quote „… in naher Zukunft sehr zielorientierte Gespräche“ (vgl. „Tagesspiegel“, 6. März 2011, S. 25).

Im November 2014 beschloss die Bundesregierung der Großen Koalition die Einführung einer Frauenquote von 30 % in den Aufsichtsräten der deutschen börsennotierte Unternehmen ab 2016. Doe Opposition kritisierte diesen Plan als unzureichend, da er nur insgesamt ca. 170 Aufsichtsratsmandate betreffe.

Am 6. März 2015 dann beschloss der Bundestag – ohne Gegenstimmen – eine Frauenquote: Von 2016 an müssen danach unter den Aufsichtsräten der ca. 100 börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Unternehmen mindestens 30 % Frauen sein. Darüber hinaus müssen weitere ca. 3500 größere Firmen sich selbst zu bestimmten Frauenquoten verpflichten, ganz ähnliches gilt für den Öffentlichen Dienst.

Für die Bundesfrauenministerin Manuela Scheswig von der SPD war der Abstimmungstag eun Tag, „… auf den wir stolz sein Können“ (vgl. FAZ, 7. März 2015, S. 1).  

Auch die EU–Grundrechte–Kommissarin Viviane Reding tritt für eine EU-weite feste Frauenquote ein.  

Schon im Dezember 2003 wurde in Norwegen „… eine Frauenquote von 40 Prozent“ eingeführt, „…. Untergegangen ist das Königreich deswegen nicht“ (vgl. „Tagesspiegel“, 6. März 2011, S. 25). Allerdings erreichten die skandinavischen Nachbarstaaten ganz ähnliche Werte, ohne Quote (vgl. FAZ, 7. März 2015, S. 1).

Wissenschaftliche Studien belegen, dass „gemischte Führungsgremien“ erfolgreicher arbeiten als männliche „Monokulturen“, nicht nur hinsichtlich der „Unternehmenskultur“.

Vielfach wird die nun beschlossene Quotenregelung allerdings auch für ein „Reförmchen für die Elite“ gehalten (vgl. „Freitag“, Nr. 11/2015, S. 2), denn es ist durchaus nicht ausgemacht, dass sich Frauen in Führungspositionen etwa zwangsläufig für Frauenrechte einsetzten, im Interesse aller Frauen handelten, wie die Beispiele von Margret Thatcher, Tansu Çiller oder Angela Merkel belegen.

 

Eine Aufstiegsorientierung ganz anderer Art zeigt sich in der zunehmenden Popularität von Castingsshows im Fernsehen von nun mehr als 40 Ländern, u.a. auch im westlichen Afrika, in Nepal und Afghanistan.

Tausende von jungen Frauen versuchen durch ihr Aussehen, ihr Auftreten und ihre Stimme Karriere zu machen, einen Zipfel der trügerischen Glamour–Welt der Prominenz zu erhaschen, - und Millionen v.a. weiblicher Zuschauer fiebern z.T. identifikatorisch mit.

Der deutsche Medien–Psychologe Jo Groebel [22] hält die Castingsshows für ein Element der Demokratisierung (vgl. „Tagesspiegel“, 3. März 2010, S. 27), m.E. handelt es sich eher um eine anti–aufklärerische Schein-Demokratisierung durch modern wirkende Märchen.   

Die zunehmende Karriereorientierung vieler junger Frauen erweist sich auch in ihrer erhöhten Bereitschaft zur Mobilität. Insbesondere in ostdeutschen Regionen zeigt sich eine fatale Entwicklung: Viele gut ausgebildete junge Frauen verlassen ihre Herkunftsregion auf der Suche nach besseren Verdienst- und Karrieremöglichkeiten. Zurück bleiben tendenziell vielfach die Alten – und schlecht ausgebildete, resigniert - frustrierte Single – Männer.

 

Solche – allerdings ganz anders gearteten – demographischen Verzerrungen gibt es auch anderswo. Statistisch gesehen fehlten 2006 weltweit ca. 100 Millionen Frauen; in Indien und China wurde durch die Abtreibung weiblicher Föten das demographische Verhältnis völlig verzerrt: in Indien kamen auf 1000 Jungen 927 Mädchen, in China sogar weniger als 900 Mädchen (vgl. „Berliner Zeitung“, 12. Dezember 2006, S.5). Welche sozialen Folgen sich daraus langfristig ergeben, ist noch gar nicht abzuschätzen!

 

In dem auf der Berlinale 2016 vorgestellten Film „Where to invade next?“ von Michael Moore war Island das europäische Land, das er als beispielhaft für die Emanzipation der Frauen darstellte.

 

Das Jahr 1975 hatte die UNO zum „Internationalen Jahr der Frau“ ausgerufen und die Frauen Islands führten in diesem Zusammenhang den weltweit ersten modernen Frauenstreik durch. Am 24. Oktober 1975 legten ca. 90 -95 % der weiblichen Bevölkerung Islands die Arbeit für einen Tag nieder. Neuauflagen der Streiks folgten 1985 und 2005.

 

Tatsächlich haben die Isländerinnen in einigen Bereichen Gleichstellungsschritte erkämpft, vom gleichberechtigtem Elternurlaub bis zum Verbot von Striptease.  Vigdis Finnbogadottir wurde 1980 die weltweit erste demokratisch gewählte Staatspräsidentin,  eine geschiedene Frau,  alleinerziehende Mutter mit adoptiertem Kind, für viele konservative Isländer war das ein Skandal.  Dennoch wurde sie 3 Mal als Präsidentin wiedergewählt und blieb bis 1996 im Amt.

 

1983 wurde die Frauenallianz (isl. „Samtök um kvennalista“) geründet, die einzige Frauenpartei der Welt, die Mandate in einem nationalen Parlament erzielen konnte [23].

 

Auch wurde in Island ein relativ hoher gesetzlich festgeschrieben Grad an Frauen in Führungspositionen in Staat und Wirtschaft erreicht. Allerdings bekamen isländischen  Frauen noch 2014 nur  72 % des Männerlohns, wenn man von gleicher Arbeitszeit ausgeht.

 

 

Der Frauentag 2016 wurde in Berlin bereits am Sonntag, 5. März von mehreren Tausend Menschen begangen. Die Auftaktveranstaltung begann unter dem Motto „Gemeinsam Grenzen einreissen“ auf dem Rosa-Luxemburg-Platz. Die inhaltlichen Themenscherpunkte der Beiträge waren vornehmlich:

 

  •   der Zusammenhang von Sexismus, Rassismus sowie Unterdrückung  und Ausbeutung

 

  •   der Kampf gegen die Aushöhlung des Menschenrechts auf Asyl und die Verschlechterung der Lage der Flüchtlinge in Deutschland, sowie gegen die anwachsenden populistisch-rechtskonservativen Gruppierungen
  •  das Menschenrecht auf sexuelle Selbstbestimmung und der Kampf gegen die christlich-fundamen- talistischen und rechtskonservativen „Lebensschützer“
  •  die sexualisierte Gewalt, die keineswegs nur von bestimmten ethnischen Gruppen ausgeht, sondern in allen gesellschaftlichen Klassen und Schichten existiert (vgl. Tag gegen die Gewalt an Frauen)
  •  das geplante Gesetz zur Prostitution, wobei die Einschätzung der Prostitution innerhalb der Vorbereitungsgruppe der Kundgebung deutlich divergent war. Eine Frauengruppe protestierte während der Kundgebung weiß gekleidet, mit der Aufschrift „Wa(h)re Frau“ und einem Strichcode auf Brust und Rücken gegen die Prostitution (vgl. Tag der Sexarbeiterinnen).

 

(unveränderlich, nach dem Gregorianischen Kalender; im Jahre 2007 war der 8. März v.a. in sich ehemals sozialistisch nennenden Staaten wie Armenien, Aserbaidschan, Bulgarien, Burkina Faso, Georgien, Kasachstan, Kirgistan, Kuba, Mazedonien, Moldawien, in der Mongolei, in Russland, Serbien, Tadschikistan, in der Ukraine, in Usbekistan, Vietnam und Weißrussland ein gesetzlicher Feiertag. In China ist der Nachmittag des 8. März für Frauen arbeitsfrei)

 

© Christian Meyer



[1] 1893 erlangten in Neuseeland Frauen das aktive und 1919 das passive Wahlrecht.

[2] Verschiedene feministische Gruppen in mehreren Ländern machen auch heute eine klassenkampforientierte Politik unter der Losung „Brot und Rosen“.

 

[3] Tatsächlich fand am 8. März 1908 in New York eine Veranstaltung die New Yorker „Social Democratic Wo- men's Society“ statt, die unter anderem das Frauenwahlrecht propagierte. Mythische Ereignisse wurden dabei mit tatsächlich stattgefundenen vermischt. Auch die Feuerkatastrophe am 25. März 1911 in einer New Yorker Bekleidungsfabrik, bei der vermutlich 146 Arbeiterinnen verbrannten, da sie von den Aufsehern in der Fabrik eingeschlossen worden waren, wird z.T. (vermutlich irrtümlicherweise) als ein Ursprung des Frauentags erwähnt.

[4] Zum 100. Jubiläum des Frauentages wurde am früheren Wohnhaus von Clara Zetkin in Birkenwerder (bei Berlin) eine Gedenktafel enthüllt: „FrauenOrte im Land Brandenburg“.


[5] Helene Lange (1848 – 1939) war 1890 eine Gründerin des „Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins“. 

[6] Die vier „Mütter des Grundgesetzes“ waren….

  • die ausgebildete Lehrerin Helene Weber (1881 – 1962) vom Zentrum, später der CDU; sie hatte schon als Mitglied der Nationalversammlung an den Beratungen zur Weimarer Reichsverfassung teilgenommen; 1933 stimmte sie nur unter dem Druck der Zentrumsfraktion für die NS – Ermächtigungsgesetze.
  • die ausgebildete Fürsorgerin Helene Wessel (1898 – 1969), zuerst im Zentrum, dann in der GVP Gustav Heinemanns, schließlich in der SPD. Helene Wessel engagierte sich gegen die Wiederbewaffnung und in der Organisation „Kampf dem Atomtod“. 1968 stimmte sie gegen die Notstandsgesetze. Sie begründete ihre Entscheidung damit, dass sie die Auswirkungen des Ermächtigungsgesetzes von 1933 erlebt habe.  In der Weimarer Republik hatte sie noch für eine Sterilisierung und Zwangsverwahrung von „biologisch Minderwertigen“ und „Asozialen“ plädiert.
  • die ausgebildete Fürsorgerin Frieda Nadig (1897 – 1970), seit 1916 in der SPD. Nadig scheiterte allerdings mit den Forderungen nach „gleichem Lohn für gleiche Arbeit“ und der Gleichstellung unehelicher Kinder.
  • die promovierte Juristin Elisabeth Selbert (1896 - 1986) Sozialdemokratin seit 1918. Im Oktober 1920 kritisierte sie als Delegierte zur 1. Reichsfrauenkonferenz in Kassel, ,„... dass wir zwar heute die Gleichberechtigung für unsere Frauen haben, dass aber diese Gleichberechtigung immer noch eine rein papierne ist“ (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Selbert).  Am 21. Mai 2014  um 20.15 Uhr sendete die ARD den Fim „Sternstunde ihres Lebens“ von Erica von Moeller über den damaligen Kampf von Elisabeth Selbert. Sie wurde übrigens nie Bundestagsabgeordnete sondern praktizierte weiter als Anwältin in Kassel.

Helene Weber und Helene Wessel standen im Parlamentarischen Rat einer weitergehenden Gleichberechtigung von Frauen und Männern skeptisch gegenüber.

[7] Marie Juchacz  (1879 - 1956) war Sozialdemokratin und u.a. Gründerin der AWO.

[8] Marie Elisabeth Lüders (1878 - 1966) war Mitglied der DDP, später der FDP. Sie war die erste Frau, die in Deutschland zum Dr. rer. pol. promoviert wurde (1912). Sie war Mitglied der Weimarer Nationalversammlung Im Bonner Bundestag erreichte Lüders eine gesetzliche Regelung, die die Rechtsstellung deutscher mit Ausländern verheirateter Frauen absicherte („Lex Lüders“). Nach ihr sind das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Bundestages und eine Berliner Schule benannt. 

[9] Einzig die Osmanin Zafer hanım veöffentlichte schon 1877 eine Novelle, die allerdings auch ihr einziges Werk blieb.
[10] In den letzten Jahrzehnten ist zwar auch in Algerien die Zahl der Studenten stark angewachsen, aber das Studium führt oft nur in die Arbeitslosigkeit oder in den oft unproduktiven, aufgeblähten staatlichen Beschäftigungssektor, der v.a. der Sicherung des sozialen Friedens dient (vgl. Daum, S. 7, a.a.O.).
Südalgerier haben außerdem das – m. E. berechtigte – Gefühl, auch bei der Arbeitssuche diskriminiert zu werden, nicht nur ihrer Qualifikation, sondern auch ihrer dunkleren Hautfarbe wegen: „In Algerien gibt es einen ausgeprägten Rassismus gegen Schwarze“ (Daum, S. 7, a.a.O.).
Zudem behaupten viele Nordalgerier, die Südalgerier hätten – vor 50 Jahren – im Krieg gegen die französische Armee nicht angemessen mitgekämpft, sie seien keine „echten Nationalisten“ gewesen. Letztere stehen so bis heute „… unter dem Druck, ständig ohre Verbundenheit mit der Nation beweisen zu müssen“ (vgl. Daum, S. 7, a.a.O.).

[11] Mit ähnlichen „Begründungen“ hatte schon die islamistische Guerilla in Algerien seit 1994 Frauen verfolgt, vergewaltigt und ermordet.

[12] In einem späteren Interview betonte der Imam der Moschee, die Frauen hätten „schlechte Sitten“ gehabt, sie hätten sich unverschleiert auf der Straße gezeigt, ihre Blicke nicht niedergeschlagen, sich geschminkt, seien zum Friseur gegangen, hätten geraucht, Wein getrunken und Hosen getragen (vgl. WDR – Feature, s.u.).  

[13] Khalida Messaoudi (*1958, eine ehemalige Mathematiklehrerin)war bis 2002 die Vorsitzende der Vereins RACHDA („Rassemblement contre la hogra et pour les droits de l’Algerienne“ = Verein gegen die Menschenverachtung und für die Rechte der Algerierin); der Verein unterhält u.a. in Algier ein Zentrum für Frauen, die männliche Gewalt in Not geraten sind. Khalida Messaoudi wurde 2002 Kulturministerin Algeriens. 

[14] Aus Angst weigerten sich viele algerische Ärzte, diese Untersuchungen durchzuführen.

[15] Eine TV–Sendung eines algerischen Regisseurs über die Pogrome in Hassi Messaoud konnte bis heute (2009) in Algerien nicht gesendet werden.
[16] 83 % der algerischen Frauen geben an, keine Arbeit zu suchen. Sie erscheinen so auch nicht in der offiziellen Arbeitslosenstatistik mit der Quote von (nur) 9,3 % Arbeitslosen (vgl. Daum, S. 7, a.a.O.).

[17] Nehad Abu Qumsan ist Direktorin des Kairoer „Zentrums für Frauenrechte“, sie trägt in der Öffentlichkeit selbst ein Kopftuch. Wegen ihres öffentlichen Einsatzes für die Frauenrechte erhielt sie mehrfach in den letzten Jahren Mordrohungen. Einer der Drohbriefe war unterzeichnet mit „Seif al-Islam“, Schwert des Islams (vgl. https://www.frontlinedefenders.org/node/15087). 

[18] „Sexuelle Belästigung“ wurde dabei als eine Art von Gewalt gegen Frauen gesehen, die von eher leichten Formen wie Anstarren über „anzügliche Sprüche“ und postalischen, telefonischen und elektronischen Belästigungen zu unerwünschten Berührungen, Bedrängungen, Nachstellungen, Nötigungen und zu „sexualisierten körperlichen Übergriffen“ reicht (vgl. http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/gleichstellung,did=73018.html).

[19] Trotz dieser eher traditionellen Auffassungen machte Max Planck Lise Meitner (1878 – 1968), die seit 1907 die Vorlesungen Plancks in Berlin besuchte, im Jahr 1912 zu seiner Assistentin am Institut für theoretische Physik. Lise Meitner war damit die erste wissenschaftliche Assistentin an einer preußischen Universität überhaupt. Darüber hinaus entwickelte sich eine enges, freundschaftliches Verhältnis von Max Planck und seiner Familie zu Lise Meitner (vgl. Stolz, S. 18, a.a.O.).

In die Berliner Akademie der Wissenschaften wurde Lise Meitner allerdings erst 1949 aufgenommen, als korrespondierendes Mitglied und erste Frau überhaupt.    

[20] Kritiker beklagten Bourdieus „fatalistischem Unterton", als sei die Situation ausweglos, durch unveränderbare Strukturen determiniert. Auch habe Bourdieu den feministischen Diskurs weitgehend ausgeblendet. In den Fußnoten allerdings verweist Bourdieu auf die weiblichen Tugenden List und ironische Subversion, mit denen sich vielleicht Veränderungen erreichen ließen.

[21] Dennoch hat im Januar 2012 die Hauptversammlung der Siemens – Aktionäre den Vorschlag, im Aufsichtsrat eine Frauenquote von 30 % einzuführen, mit einer Mehrheit von 93 % verworfen (vgl. „Tagesspiegel“, 6. März 2012, S. 1).

[22] Jo Groebel (*1950)  ist seit 2006 Direktor des „Deutschen Digital-Instituts Berlin“. Nach Wikipädia scheint er unterdessen als „omnipräsenter Medienexperte"  heute selbst ein Medienphänomen geworden zu sein.


[23] Im Jahre 2000 schloss sich die Frauenpartei mit anderen Gruppen zur Allianz (isl. Samfylkingin) zusammen,  der sozialdemokratischen Partei Islands.

 

 

 

Abb. oben: Im Jahre 1948 gab die US-Post eine Gedenkmarke heraus: „100 Years of Progress of Women“ heraus; die 3-Cent-Briefmarke zeigt in der Mitte die langjährige Präsidentin der NAWSA Carrie  Chapman Catt (1859-1947), rechts E.C. Stanton und links L. Mott.

Helebe Weber - Briefmarke
Helebe Weber - Briefmarke

Helene Weber, 30–Pfennig-Briefmarke der Deutschen Bundespost von 1969

Rahel Hirsch, deutsche Briefmarke von 2013
Rahel Hirsch, deutsche Briefmarke von 2013

Die deutsch-jüdische Ärztin Rahel Hirsch (1870 in Frankfurt am Main - 1953 in London) wurde 1913 als erste Frau in Preußen (wegen ihrer Forschungen an der Dünndarmschleimhaut, „Hirsch-Effekt“) an der Berliner Charité zur Professorin für Medizin ernannt. Man verlieh ihr zwar den Professorentitel, man zahlte ihr aber kein Gehalt, auch erhielt sie weder eine Dozentenstelle noch gar einen Lehrstuhl.

Deshalb verließ Rahel Hirsch 1919 die Charité und praktizierte am Kurfürstendamm. nach 1933 durfte sie nur noch jüdische Patienten behandeln, 1938 gelang ihr die Emigration nach London. Dort wurde ihre Approbation nicht anerkannt und sie musste als Laborassistentin und Übersetzerin arbeiten. 1953 starb sie in einem psychiatrischen Krankenhaus in London (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Rahel_Hirsch).

 

Fatma Aliye Topuz auf dem türkischen 50-Lira-Schein
Fatma Aliye Topuz auf dem türkischen 50-Lira-Schein

Die obige Abb. zeigt ein Frauenporträt ("Ohne Titel") der im Berliner Exil lebenden iranisch-aserbaidschanischen Künstlerin Shahla Aghapour. Das Bild behörte zu ihrer Ausstellung "1001-Blick" in der Art-Galerie Benakohell in Berlin-Reinickendorf (Dezember 2015 - März 2016). 

In u.a. der Islamischen Republik Iran galt z.B. die Verwendung eines Lippenstiftes als ein Zeichen von unislamisch-westlicher Dekadenz. Aus Protest gegen diese frauenfeindliche Politik malte Shahla Aghapour all ihren Frauenporträts der Ausstellung auffällig gefärbte Lippen.

Dabei scheint die Färbung von Lippen und Augen durch Frauen eine uralte orientalische Tradition zu haben. Die ältesten aufgefundenen (roten) "Lippensalben" stammen aus dem mesopotamischen Ur, ca. 3500 v. Chr. 

Umgekehrt allerdings hätten sich "ehrbare" Griechinnen im 5. Jhdt. vor Chr. nie öffentlich geschminkt zeigen dürfen, - dies war Hetären und Prostituierten vorgehalten.

Im heutigen Iran scheint sich das Schminkverbot in jüngeren Zeit deutlich gelockert zu haben (vgl. "Die Welt", 16. Juni 2014).