Was tut Rumpelstilzchen in dieser Karikatur? Verbrennt er das Namenslexikon oder sucht er sich einen neuen Namen?

Zur Namenskunde - Onomastik [1]

 
  • „Für jeden Menschen ist sein Name das schönste und bedeutungsvollste Wort in seinem Sprachschatz“

                                                                                                                                              (Dale Carnegie)

  •   „Bei vielen Leuten ist nur der Name etwas wert“ (La Bruyère, Charaktere II)
  •  „Was ist ein Name? Was uns Rose heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften“

                                                                                                               (Shakespeare, Romeo und Julia, II, 2)

  •   „Nomen atque omen“ (Plautus, Persa 625)
  •  „Geliebtes Kind trägt viele Namen“ (aus Russland)
  •   „Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen?“  (Goethe, Faust)
  •   „Wohlauf, lasst uns ...... einen Turm bauen, des Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen“ (1. Mose 11, 4)
  •   „Nomina sunt odiosa“ (Cicero, Rede für Sextus Roscius Amerinus 16, 47)
  •   „Namen sind Schall und Rauch, Umnebelnd Himmelsglut“ (Goethe, Faust I)


Auffällig ist die große Zahl  von Sprichwörtern zum Thema Namen, im 5-bändigen Sprichwörter-Lexikon gibt es allein 106 namensbezogene Sprichwörter (vgl. Wander, Bd. 3, S. 871, a.a.O.). Auffällig ist weiterhin ihr widersprüchlicher Charakter.

 

Einerseits:  Namen sind Schall und Rauch,

Er hat den Namen, aber nicht die That,

Der Name tut nichts zu Sache

 

Andererseits: Nomen est Omen (Plautus)

Ein guter Name ist besser als baar Geld

Es kommt nicht auf den Namen an, sondern auf den Mann.

Ein ostpreußisches Sprichwort lautete: „Göff emm e Nam onn lat emm lôpe“ (vgl. Wander, Bd. 3, S. 874, a.a.O.).

Auch herrschte insbesondere im AT, der hebräischen Bibel die „… Neigung, das nomen als omen zu behandeln“ (vgl. Herzog, Bd. X, S. 194, a.a.O.). Nach alttestamentarischer Vorstellung gibt es einen inneren Zusammenhang zwischen dem Namen und der sie bezeichnenden Person, der Name prägt/beeinflusst den Lebensweg.

Dafür spricht auch die relativ große Zahl an religiös motivierten Namensänderungen, so Abram Abraham; Sarai Sara; Jakob Israel; Hosea Josua; Simon   Kephas/Petrus;  Saulus Paulus. 

Durch die Umbenennung wird aus der Person ein anderer Mensch (vgl. Koch, S. 357, a.a.O.).

Adam galt in der Bibel als erster Namensgeber (1. Mose 2, 20).

 

In verschiedenen Kulturen spielen die Namen eine durchaus unterschiedliche Rolle. Bei den Eskimos – Inuit spielt die Namensgebung eine besondere Rolle, „….. weil der Name als eine Seele gilt. Nach dem Tode eines Menschen irrt der Name umher, bis er ein neugeborenes Kind als Träger erhält“ (vgl. Tischner, S. 54/55, a.a.O.).

 

Bei den „schwarzen“ Ethnien in Südafrika spielen Namen durch die Ahnenverehrung, einem zentralem Bestandteil der kulturellen Traditionen, eine besondere Rolle. „Die Vorväter wachen über die Lebenden und haben macht über sie. Sie versöhnlich zu stimmen ist für das irdische Wohlergehen unabdingbar“ (vgl. Edith Werner, S. 28, a.a.O.). Jeder Zeitgenosse reicht von daher mit seinen Namen über die Ahnenkette bis in mythische Zeiten zurück.

Jeder schwarze Südafrikaner verfügt so neben dem Vor- und Familiennamen über einen  Clannamen für den Sippenverband innerhalb der Volksgruppe.

Nelson Mandela zum Beispiel gehört zu den Xhosa, zu deren Untergruppe der Thembu. Sein Clanname ist Madiba, sein Xhosa – Vorname lautet „Rolihlahla“; seinen europäischen Vornamen „Nelson“ erhielt er erst in der Schule, der Familienname ist „Mandela“. 

 

Auch bei z.B. den indianischen Prärievölkern gab es besondere Vorschriften zur Namensgebung. Während die Dakota bereits den Kleinkindern feststehende Namen gaben, wählten andere zuerst einen vorläufigen Namen, der sich beispielsweise auf ein Ereignis bei der Geburt  des Kindes bezog (z.B. „Heult – mitten – in – der – Nacht“). Später gab man dann einen Namen, der sich auf ein Tier („Schildkröte“, „Klapperschlange“), individuelle Eigenschaften („hübscher Jüngling“) oder Fähigkeiten („Guter Treffer“) bezog (vgl. Tischner, S. 140/141, a.a.O.).

 

Adelbert von Chamisso berichtete in seiner „Reise um die Welt“ von der Sitte des Namenstausches auf verschiedenen Inseln der Südsee, v.a. auf Radack in den Marshall-Inseln. Dort galt der Namenstausch als eine exklusive Freundschafts- und Friedensgeste. August von Kotzebueg der Leiter der damaligen russischen Expedition, tauschte jedoch seinen Namen gleich mehrfach, was zu ernsten Konflikten und Beleidigung bei den Tauschpartnern führte (vgl. Chamisso, o. J., S. 302 6 310, a.a.O.).  

 

Auch das Grimm’sche Märchen von „Rumpelstilzchen“ ist ein Indiz für die weitverbreitete Vorstellung, der Name habe Einfluss/Macht über die Person, zwischen der Person und ihrem Namen gäbe es Zusammenhänge („Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“, vgl. Abb. oben). 

In der Psychologie spricht man von dem „Rumpelstilzchen-Effekt“, zur Bezeichnung der Erleichterung, die viele Menschen empfinden, wenn man einer Erscheinung einen Namen gibt, 

 

Hybride Namen:

Hybride Namen (oder Mischnamen) sind Personennamen, die aus zwei Teilen unterschiedlicher etymologischer Herkunft bestehen. Hybride Namen entstehen oft und in großer Zahl nach umfangreichen Migrationsbewegungen als Folge intensiver Sprachkontakte.

Im mittelalterlichen Spanien entstand so eine ganze Reihe von hybriden Personennamen durch Zusammensetzung oder Suffigierung von germanisch-westgotischen und lateinisch-romanischen Bestandteilen, so z.B. …

  • der Vorname „Dulcemirus“ aus dem lat. „dulce“ süß und die gotische Endung „mirus“ (vgl. Becker, S. 20, a.a.O.)
  • die Vornamen „Bonfredus“ oder „Florebertus“

 

Theophore Namen

 

Z.B. ist „Christraut“ namenskundlich sowohl hybrider als auch ein theophorer Name (vom gr. „θεός“ theós „Gott“ und „φέρειν“ phérein „tragen“), ein Name also, der eine Gottesbezeichnung oder einen Götternamen enthält oder von einem solchen abgeleitet ist.

Im antiken Volk Israel gab es besonders „… viele Namen mit religiösen Beziehungen“, mehr als 100 männliche Vornamen mit einem Gottesbezug (mit „el“, „elohim“ oder „Jahwe“) wurden in der Bibel gezählt (vgl. Herzog, Bd. X, S. 195, a.a.O.). Oft war ein solcher theophorer Name „… ein Bekenntnisakt von Seiten der Eltern“ (vgl. Herzog, Bd. X, S. 195, a.a.O.).

Theophore Namen sind z.B…

  • Jonathan „Jahwe hat gegeben“ (hebr.)
  • Abimelech  „der Vater ist König“ (hebr,)
  • Matthias, eine Kurzform des Namens „Mattatias“, der gr. Form des hebr. Namens Mattitjahu (מתתיהו), der „von Jahwe gegeben“ bedeutet und häufig mit „Geschenk Gottes“ übertragen wird
  • Christianus „zu Christus gehörend“ (gr.-lat.)
  • Augustinus „zu Augustus / dem Erhabenen gehörend“ (lat.)
  • Sebastianos  „zu dem Erhabenen gehörend“ (gr., Personalisierung zu gr. „sebastos“ erhaben, verehrungswürdig)
  • Fethullah ist ein u.a. türkischer männlicher Vorname arabischer Herkunft, mit der Bedeutung „Gottes Eroberung“

Es gibt auch eine Fülle heidnische“ theophorer Namen, z.B …

  • „Hannibal“,  er stammt aus dem Phönizischen/Punischen und bedeutet „Baal ist gnädig“. 
  • „Demetrios“, „Dionysios“ oder „Apollonios“  bedeuten „zu Demeter, Dionysos oder Apollo gehörig“
  • „Thorsten“ „Stein des Thor“

Modenamen:

 

Die Vergabe von Vornamen unterliegt verschiedenen Traditionen, Vorlieben und Modeerscheinungen. Der Name „Horst“ war z.B. wegen des Bezugs zum heroisierten Horst Wessel während der NS-Zeit ein weit verbreiteter Vorname.

Die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ (GfdS) untersucht jährlich durch Stichproben bei fünf großem Standesämtern [3] die Beliebtheit von Vornamen. In den letzten Jahren bis 2016 lagen die Namen …

·         Sophie und Marie bei den Mädchen,

·         Maximilian und Alexander bei den Jungen

auf den Spitzenplätzen bei der Beliebtheit. Die GfdS-Geschäftsführerin Andrea-Eva Ewels führte dazu aus, dass „… 90% der Eltern … den Namen nach Schönheit und Klang“ vergäben (vgl. „Uetersener Nachrichten“, 29. Dezember 2016, S. 24).

Der Namensforscher Knud Bielefeld erstellte allerdings ein abweichendes Namens-Ranking: seinen Daten nach waren Roger, Mia, Ben, Elias und Mila die beliebtesten Vornamen (vgl. „Uetersener Nachrichten“, 29. Dezember 2016, S. 24).

Die Diskrepanz könnte sich aus der Häufigkeit von Zweit- (oder Dritt-) Namen ergeben: Ca. 40 % der Eltern gaben ihren Kindern mehr als einen Vornamen. Zu den beliebtesten Zweitnamen zählten u.a. marie und Alexander.  


Für Lehrer sind die Namen der Schüler oft vor allem eines – ärgerlich, - wenn uns die richtigen Namen nicht einfallen. Das gilt ganz besonders für Namen von Schülern nicht–deutscher Herkunft, deren Namen (und ihre Etymologie) viele Lehrer immer noch unbekannt oder doch assoziationsarm geblieben sind.

In den Klassen, in denen ich unterrichtete, habe ich seit Jahren zu Beginn des Schuljahres - soweit es mir möglich war - versucht, die Namen der Schülerinnen und Schüler zum Unterrichtsgegenstand zu machen. Jeweils ca. 4 Schüler sollten sich zu der Bedeutung ihres Namens informieren, ich habe mich dazu auch sachkundig gemacht [2] .

In den letzten ca. 10 min der jeweiligen Stunden trugen wir dann unsere Informationen zu den Namen zusammen.

Ein solches Vorgehen bietet mehrere Vorteile:

Ø  Schüler und Lehrer setzen sich mit der Bedeutung und dem Umfeld des Namens auseinander und behalten deshalb den Namen besser.

Ø  Der interkulturelle Kontext vieler Namen wird erst dann deutlich; viele Schüler waren überrascht von den hebräischen bzw. arabisch – persischen Wurzeln ihrer Namen

Ø  Den nicht – türkischsprachigen Schülern (und Lehrern) wurde nun erst der z.T. überraschende lyrische Reiz vieler türkischer weiblicher Namen deutlich

Ø  Der jeweilige Schüler steht - wenn auch nur kurzzeitig - als individuelle Person im Zentrum des Unterrichts, das kann die Motivation verstärken und die Persönlichkeit stabilisieren (vgl. die obige Aussage von Dale Carnegie).

 

Hier nun Ergebnisse meiner bisherigen namenkundlichen Recherchen.

Christian Meyer


 

[1] Die Onomastik ist die Wissenschaft von der Namenskunde (von altgr. „tό ονομα“ = der Name). Auch durch das Fernsehen wurde Jürgen Udolph bekannt, Professor für Onomastik an der Universität Leipzig.

[2] Hilfreich waren dabei u.a.: Günther Drosdowski: „Lexikon der Vornamen – Herkunft, Bedeutung und Gebrauch“, Duden–Verlag, Mannheim / Wien / Zürich, 1974; M. Kemal Çalık: „Türk ad ve soyadı  Sözlüǧü“, Kastaş yayınları, Istanbul 1989


[3] Deutsche Standesämter akzeptierten im Jahre 2016 folgende Vornamen neu: Christmas, Blade, Kedyra, Miracle und Lunis. Nicht zugestimmt wurde folgenden Namensideen: Holunda, Ulme, Pims, Univers oder Westend (vgl. „Uetersener Nachrichten“, 29. Dezember 2016, S. 24).

 

 Mosaik: Adam gibt den Tieren Namen; Narthex-Kuppel von San Marco in Venedig; 13. Jahrhundert