Hizir auf der Suche
Hizir auf der Suche

Die obige Abb. stammt aus einer persischen Chronik des 16. Jhdts. und zeigt das „Chasarische Meer“ (i.e. Kaspische Meer, oben der Süden, unten der Norden) und den Unterlauf der Wolga.

Die Kreise sind Städte bzw. Länder mit ihren jeweiligen persischen Namen, so z. B. ist der Kreis nahe der Wolgamündung Itil, die alte Hauptstadt der Chasaren. Die beiden kleinen Figuren stellen Chasaren dar, wie die Benennung im Kreis angibt.

Der Reiter mit dem Flammennimbus ist der Prophet Khadir - Hizir- , der den (angeblich) in der Nähe des Kaspischen Meeres befindlichen Quell des Unsterblichkeitstranks sucht (Abb. aus Pletnjowa, Umschlagbild, a.a.O.).   

6. Mai

 

Hıdırellez, eine Art volksislamisches Frühlingsfest; es ist das Fest des in vielen Regionen des Orient bis heute sehr populären Schutzheiligen Hızır (Chiser, Chisr, Khidr), eine Figur, die u.U. auf den Propheten Elias (Ilyas) zurückgeht.

Der Name Hızır geht auf das Arabische „al - Khadir" (oder „al - Khidr" = grün oder grünlich) zurück.

Nach einer alten orientalischen Überlieferung traf Mose auch Hızır und wollte von ihm geheimes Wissen erlangen. Im Koran wird er als „unser Diener, dem wir unsere Barmherzigkeit gegeben und unser Wissen gelehrt" haben, bezeichnet (vgl. 18, 64). Hızır unterzieht in der 18. Sure („Die Höhle") Mose einer Prüfung hinsichtlich seiner Geduld und Verschwiegenheit, - eine Prüfung, die Mose nicht bestand (vgl. 18, 59 - 82).

 

Nach orientalischer Überlieferung traf Hızır auch auf den Todesengel Israfil und wurde daraufhin unsterblich, um als gütiger Schutzheiliger fungieren zu können.

 

Hızır kommt auch im mittelalterlichen Alexander-Roman (Iskender nameh) vor. Die Quelle des ewigen Lebens, das Wasser der Unsterblichkeit, die Alexander [1] vergeblich gesucht hatte [2], fand Hızır und trank mit starken Zügen daraus. Als der ewig junge Hüter der Quelle verjüngt er Menschen, Tiere und Pflanzen, gibt verlorene Schönheit zurück und bekleidet im Frühling die gesamte Natur mit frischem Grün. Auch nach einer (vielfach bezweifelten) Hadith bringt Hızır durch seine Anwesenheit Fruchtbarkeit, öde und wüste Regionen werden grün. Erst beim Posaunenstoß des Jüngsten Gerichts soll Hızır sterben.

 

Goethes „West - östlicher Diwan" beginnt mit Zeilen, die sich u.a. auf die legendäre Zauberquelle von Hızır (Chiser) beziehen:

„Nord und West und Süd zersplittern

  Throne bersten, Reiche zittern,

  Flüchte du, im reinen Osten

  Patriarchenluft zu kosten;

  Unter Lieben, Trinken, Singen

  Soll dich Chisers Quell verjüngen" 

                              

Wenn man dreimal Hızır um Hilfe anruft kommt dieser - nach volksislamisch - türkischer Auffassung und schützt vor üblen Dingen. Teilweise wird Hızır sogar als „Kalif (Stellvertreter) Gottes" angesehen. Manche Sufi - Orden verehren ihn ganz besonders intensiv. Hızır gilt zudem als Beschützer der Reisenden.

 

In der fünften von Nizamis „Sieben Geschichten der Sieben Prinzessinnen“ lässt er dem schönen Jüngling Mahan nach allerlei grausigen Abenteuern und Irrungen in der Wüste als rettender Helfer den Chizr erscheinen: „Sein Antlitz leuchtete wie ein Sonnenaufgang und er war von Kopf bis Fuß ganz in frühlingshaftes Grün gekleidet.

‚Wer bist du?’ fragte Mahan, und er konnte keinen Blick von dem Fremdling wenden. ‚Ich heiße Chizr’, lächelte der, ‚und bin der Bote dessen, den wir beide verehren. Doch erkennst du mich nicht? Ich bin auch du selbst, dein Bestes, dein innerster Vorsatz – und ich bin gekommen, dich heimzugeleiten. Gib mir, so wie du hier stehst, deine Hand. Schließe die Augen und anch einer Weile öffne sie wieder’“ (vgl. Nizami, S. 207, a.a.O.).

Als der schöne Mahan seine Augen wieder öffnete, war er wieder daheim in Kairo, - der Helfer Chizr aber war verschwunden.   

Nach traditioneller Vorstellung treffen sich in der Nacht zum 6. Mai die Sterne des Hızır und des Elias am Firmament.  Yaşar Kemal beschreibt in seinem Roman "Das Lied der Tausend Stiere" den alten Glauben, dass demjenigen, der dieses Sternentreffen zuerst beobachtet der sehnlichste Wunsch erfüllt wird.   

Den Tag feiern v.a. Frauen und Kinder bei einem Picknick im Freien; dabei werden oft Feuer entzündet, in manchen Regionen werden bemalte Eier verteilt.

Die turkmenischen Tahtakuşlar in der türkischen Provinz Balıkesir gehen zu Hıdırellez auf ihre Friedhöfe [3]. Die Frauen tragen dazu ihre traditionellen Trachten. Die Friedhöfe werden gereinigt, die Gräber mit Blumen geschmückt. Befreundete und verwandte Familien laden sich auf dem Friedhof gegenseitig zum Essen und Trinken ein. Am Kopfende der Gräber werden Gläser mit Opfergaben (Essen, Zigaretten etc.)  für die Toten aufgestellt.

In Afrasiab bei Samarkand gibt es eine Sommermoschee namens „Hadrat Khidr“ aus dem 19. Jhdt., mit weit älteren Bauelementen.   

 

In Samandaǧ, am Mittelmeer, im heute türkischen Hatay, sollen sich nach der volksislamischen Überlieferung die beiden Propheten Musa und Hızır (im Koran eine namensloser „Gottesknecht“) getroffen haben. Der koranische Hintergrund findet sich in der Al-Khaf-Sure, der 18. Sure („Die Höhle“, Verse 59 – 82).  

 

An dem traditionell überlieferten Ort des Treffens an der Küste in Samandaǧ wurde eine Gedenkstätte errichtet, jüngst modernisiert und unterdessen eine lokale Wallfahrtsstätte.

Vor allem von den lokalen Alewiten wird die Gedenkstätte hochverehrt. Im Inneren des Sanktuariums ist eine Art birnenförmiger Felsen auffällig, umgeben von einer Reihe von Kaminen, in denen fortwährend Weihrauch verbrannt wird. Das erinnert an den Geruch katholischer Kirchen.

Nach der Tradition der lokalen Bevölkerung gilt es als segensreich, das Hızır–Sanktuarium in Samandaǧ dreimal zu umkreisen. Auch die Umkreisung mit Fahrzeugen soll den Segen Hızırs bringen.

 

Wenige Kilometer entfernt, am Fuße des Musa daǧı liegt das kleine turkmenisch besiedelte Dorf Hıdırbey. Dorthin seien die beiden Propheten der Legende nach gewandert. In dem dortigen Bach wollte Musa seinen Durst löschen und bohrte deshalb seinen hölzernen Wanderstab in den Boden. Nachdem er getrunken hatte und zurückkam, hatte der Wanderstab frische, grüne Triebe bekommen. Das Wasser des Baches wurde deshalb mit dem Quell der Unsterblichkeit assoziiert.

Hızır hingegen wollte nicht davon trinken, es sei Vermessenheit, unsterblich werden zu wollen.

Aus dem Wanderstab wuchs der Legende nach die riesige Platane, die noch heute im Dorf Hıdırbey zu sehen ist und regional als „Musa aǧacı“ (trk. „Baum des Moses“) u.a. als Wunschbaum verehrt wird.

Von Botanikern wurde das Alter der Platane auf ca. 1500 Jahre geschätzt.

 

(ein festliegender Feiertag nach dem Gregorianischen Kalender, unabhängig vom islamischen Mondkalender)

 

© Christian Meyer



[1] Bestimmte Teile des Mythos vom Unsterblichkeitswasser sind in der Ägäis in der Gestalt der Gorgone bis ins 20. Jhdt. lebendig geblieben, als ein Zauber zur Rettung aus Seenot. Ilias Venesis schildert in seinem Roman „Äolische Erde“ den tradierten Mythos von der Gorgone, dem „Gespenst unseres Meeres“: „Es lebte einmal im Land der Griechen ein junger König, Alexander der Große. Er hatte eine Schwester, die Gorgone hieß. Der Große Alexander zog in ferne Länder, über Berge und Meere, uns als er heimkehrte, brachte er mit sich das Wasser der Unsterblichkeit. Das würde er trinken, wenn seine Stunde da sei, und er würde niemals sterben. Er würde alle die Burgen der Welt beherrschen und er würde regieren, soweit die Erde reicht. Aber er kam nicht dazu. Seine Schwester sah das Wasser der Unsterblichkeit und trank es, ohne zu ahnen, was es sei. Da ergrimmte der Große Alexander sehr, packte sie bei den Haaren und warf sie ins Meer. Seitdem lebt die Gorgone im Meer. Ihre Augen sind rund, sie hat Schlangen im Haar, ihre Hände sind aus Erz und an den Schultern hat sie goldene Flügel. Von der Hüfte abwärts ist sie Fisch, und alle Fische des Meeres haben sie als Königin. Immer gedenkt sie des Großen Königs, ihres Bruders, der so früh sterben musste. Immer fragt sie die Seeleute, die sie auf ihrem Wege trifft: ‚Lebt der Große Alexander noch?’. ‚Er lebt und herrscht’ antworten sie ihr. Dann freut sich die Gorgone, wenn sie solches hört, und trägt den Wogen auf, das Segelboot durchzulassen. Wenn aber ein Seemann nicht Bescheid weiß und ihr sagt, der König sei gestorben, dann gibt es keine Rettung mehr für ihn: dann lässt sie eine Sturzwoge sich erheben und reißt den Seemann und sein Schiff mit sich hinunter in den Grund. Später kommt sie wieder an die Meeresoberfläche, um einen anderen Seemann zu treffen, der ihr bestätigen kann, dass ihr Bruder, der Große Alexander, lebt und nicht gestorben ist“ (Venesis, S. 108/109, a.a.O.). 

Zumindest äußere Ähnlichkeiten zu den Gorgonen des altgriechischen Mythos sind deutlich: auch Stheno, Euryale und (die sterbliche) Medusa, die drei Töchter eines Meeresgottes, waren beflügelt und hatten Schlangenhaare.   

[2] In Sa’ dis „Rosengarten“ heißt es u.a. :

                                               „Du weißt, wie einst wohl Alexander

                                               gelangte zu den Finsternissen

                                               mit Müh und Not, und dennoch durft er

                                               vom Lebenswasser nicht genießen“ (Sa’di, S. 324, a.a.O.).

In der traditionellen arabisch – islamischen Kosmographie und Geographie wird die unbekannte Region am Ende der Welt, wo sich die Quelle des Lebens befindet soll, „zulamāt“ ( = Finsternisse) genannt.

[3] Die Friedhöfe dieser Turkmenen haben bis heute Grabsteine, die mit einem „Gänsefußsymbol“ geschmückt sind, vermutlich einem alten schamanistischen Zeichen (vgl. ð Sarıkız – Wallfahrt). Traditionell empfindende Muslime beäugen diese Symbole und die vielen heterodoxen Vorstellungen der Tahtakuşlar oft sehr ablehnend oder gar als unislamisch. 

Musa-Platane in Hidirbey (Photo: Christian Meyer)
Musa-Platane in Hidirbey (Photo: Christian Meyer)
Hizir-Andachtsstätte in Samandag (Photo: Christian Meyer)
Hizir-Andachtsstätte in Samandag (Photo: Christian Meyer)