Abb. Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft; Faradayweg 4, Berlin 14195 (Photo: Christian Meyer, November 2019)

Abb. Im Garten des Dahlemer Instituts befindet sich heute ein Gedenkstein, der an Clara Immerwahr (1870-1915) erinnert (Photo: Christian Meyer, November 2019)

Abb: Außenansicht der Gedenkstätte in Halabja; die runden Objekte auf dem Dach der Gedenkstätte sollen an die vom Giftgas verursachten Geschwülste auf der Haut der Opfer erinnern (Photo: Christian Meyer, Oktober 2019)

Abb.: Einschlag von Granaten in Halabja am 16. März 1988: Die Rauchsäulen waren erst weiß, dann schwarz und schließlich gelb; Photos in der Gedenkausstellung (Photo vom Photo: Christian Meyer, Oktober 2019

Abb.: Heute strebt Halabja an, eine grüne Stadt zu werden: Zivilgesellschaftliches Plakat in Halabja (Photo: Christian Meyer; Oktober 2019)

Abb. einfügen: „Gasangriff an der Ostfront 1917“: Auf der Luftaufnahme   wird (vermutlich) Kampfgas abgelassen und vom Wind in Richtung der gegnerischen Gräben getrieben (Abb. aus Englund, S. 500b, a.a.O.).

Abb.: „Britische Soldaten nach einem Gasangriff 1918“; die abgebildeten Soldaten sind an den Augen verletzt, sie können nichts sehen, fassen deshalb jeweils ihren Vordermann an den Schultern (Abb. aus Englund, S. 500c, a.a.O.).

Bild: Christus mit der Gasmaske  „Maul halten und weiter dienen“ -  Der deutsch-US-amerikanische Maler, Grafiker und Karikaturist George Grosz (1893-1919) wurde der obigen 1927/28 veröffentlichten Zeichnung wegen mit einem jahrelangen Prozess durch drei Instanzen überzogen – angebliche Gotteslästerung (§166 StBG). Am Schluss stand jedoch der Freispruch.

16. März: Tag von Halabja (auch: Halabscha), kurdischer Gedenk - und Trauertag, zum Andenken an das völkerrechtswidrige Bombardement von Halabja am 16. März 1988 mit Giftgas durch die irakische Luftwaffe  im Rahmen der „Anfal-Operation“, wobei ca. 6700 Tote und viele Tausend Verletzte zu beklagen waren. Die Opfer waren fast ausschließlich Zivilisten, ganz überwiegend Frauen und Kinder.

Halabja soll damals ca. 70 000 vorwiegend kurdische Einwohner gehabt haben. 

Die Giftgasangriffe waren in mehrfacher Hinsicht mit üblen Aspekten der europäischen und speziell der deutschen Geschichte verbunden.

 

In der „Haager Erklärung“ von 1899 unterwarfen sich die Vertrag schließenden Mächte gegenseitig dem Verbot, Geschosse zu verwenden, deren einziger Zweck es wäre, erstickende oder giftige Gase zu verbreiten. Generell wurden zudem „vergiftete Waffen“ verboten (Art. 23a). Die Erklärung wurde im Reichs-Gesetzblatt Nr. 44 vom 9.11.1901, S. 474 ff. veröffentlicht.

Die „Haager Erklärung“ und die „Haager Landkriegsordnung“ (HLKO) von 1907 wurden beide vom Deutschen Reich anerkannt. Damit legten die beteiligten Staaten fest, dass das Verschießen giftiger Geschosse und die Benutzung giftiger Waffen verboten sei. Das Ablassen bzw. Abregnen giftigen Substanzen aber wurde nicht ausdrücklich indiziert, womit jedoch die Absichten und der Geist der Haager Landkriegsordnung unterlaufen werden konnten (vgl. Vaupel,, S. 61, a.a.O.). Das aber geschah im 1. Weltkrieg sehr rasch.

Schon 1914 setzte die französische Armee Tränengas ein, das die gegnerischen Soldaten aus der Deckung vertreiben sollte.

Chlorgas – ein Abfallprodukt bei der Herstellung von Sprengstoff - wurde als erste chemische Massenvernichtungswaffe im 1. Weltkrieg eingesetzt. Fritz Haber – der spätere Chemie-Nobelpreisträger - hatte bereits 1914 die Verwendung von Chlorgas als Kampfstoff vorgeschlagen (vgl. Vaupel, S. 66, a.a.O.). Unter persönlicher Mitwirkung von Fritz Haber wurden am 22. April 1915 (dem „Tag von Ypern“) nahe der gleichnamigen belgischen Stadt in Flandern 150 t Chlorgas gegen die französischen Linien abgelassen. Da das Gas schwerer als Luft ist, sammelte es sich v.a. in den gegnerischen Schützengräben, in denen ca. 1200 Soldaten elendiglich ums Leben kamen. Da so ca. 125 kg Chlorgas nötig waren, um einen Soldaten zu töten, suchten die Militärs sofort nach „effektiveren“ Giftgasen. Auch auf alliierter Seite kam es seit 1915 rasch zu einem chemischen Wettrüsten, wobei die chemische Industrie in Frankreich und Rußland nur schwach entwickelt war.  

Nach dem „Tag von Ypern“ beförderte Kaiser Wilhelm II. Haber zum Hauptmann der Reserve und verlieh ihm das Eiserne Kreuz Erster Klasse.

Schon im Jahre 1812 war Phosgen (gr. „durch Licht erzeugt“) von dem britischen Mediziner und Zoologen John Davy (1790-1868) entdeckt worden. Phosgen ist ein giftiges Gas, dessen charakteristischer Geruch als süßlich faulig (faulende Bananenschalen, Äpfel oder feuchtes Heu) beschrieben wird. Der Phosgeneinsatz als chemischer Gaskampfstoff (Grünkreuz) war für den Großteil der ca. 90.000 Gastoten des 1. Weltkriegs verantwortlich. Vielfach wurden auch Mischungen aus Chlor und Phosgen verwendet.

Ein alliierter Soldat von der Westfront meinte, dass das „Tränengas“ wie „faule Birnen roch“. Es brachte die Soldaten „zum Niesen und auch häufig, dass sie sich in ihre Gasmasken erbrachen, sodass sei sie fortwarfen und auf das Beste hoffen mussten“ (zit. n. Englund, S. 602, a.a.O.).   

Zur Zeit der ersten Gasangriffe gab es noch keine Gasmasken, sie wurden – vom Dahlemer Kaiser-Wilhelm-Institut entwickelt - erst im Herbst 1915 eingesetzt. Auch die deutschen Soldaten hatten zuvor nur Mullkissen, getränkt mit Natriumthiosulfat und Sodalösung, die sie vor Mund und Nase pressen sollten (vgl. Vaupel, S. 61, a.a.O.). Allerdings war das Laufen mit aufgesetzter Gasmaske schwierig, das Rennen nahezu unmöglich (vgl. Englund, S. 438, a.a.O.).

In dem deutschen Soldatenjargon wurden die Gasmasken oft als „Schweinerüssel“ bezeichnet. Zuweilen spielten sich die Soldaten gegenseitig – trotz alledem – Streiche, indem sie jemandem Pfeffer in die Gasmaske streuten (vgl. Englund, S. 257, a.a.O.).  

Olive King, eine damals 28jährige aus Australien stammende Sanitätsfahrerin in Serbien schrieb 1915 in einem Brief an ihre Schwester: „Dass dieses verfluchte Giftgas Gott sei Dank ein Misserfolg war, wird sich als großer Rückschlag für Deutschland herausstellen. Ist es nicht wunderbar, dass die neuen Gasmasken so gut funktionieren? Gott sei Dank dafür! Gott sollte alle diese grässlichen Gasgranaten explodieren lassen und 500 000 Deutsche töten lassen, und ich wünschte, Er könnte Feuer und Fluten schicken, um alle deutschen Munitionsfabriken zu sprengen“ (zit. n. Englund, S. 144/45, a.a.O.). .

  

Ab 1917 setzten die deutschen Militärs ein neu entwickeltes Gas ein: Schwefel-Lost oder Gelbkreuzgas. Der Name Gelb- bzw. Grünkreuz etc. stammt daher, dass die Granaten während des 1. Weltkrieges mit entsprechenden farbigen Kreuzen oder Ringen gekennzeichnet wurden.

Mit der Einführung von Gelbkreuz-Kampfstoffen am 13. Juli 1917 seitens der Deutschen erreichte der Gaskrieg einen neuen grausamen Höhepunkt. Das Gelbkreuzgas Schwefel-Lost (S-Lost) wird wegen seines Geruchs und der durch Beimischung von Schwefel gelblichen Farbe auch Senfgas genannt und ist ein Hautkampfstoff.

Loste sind eine Reihe chlorierter,organischer, schwefel- oder stickstoffhaltiger Verbindungen. Das Giftgas wurde (völkerrechtswidrig) in Granaten gefüllt und so über weite Entfernungen zum Einsatz gebracht [1].

Bei der 2. Schlacht um Gaza im April 1917 wurden z.B. ca. 4000 britische Gasgranaten eingesetzt (vgl. Englund, S. 408, a.a.O.).  

 

Alle Körperzellen, die mit Lost in Berührung kommen, sterben ab. Das Gas dringt durch die Uniform, verätzt die Haut und zerstört die Bronchien. Es verursacht schmerzhafte Brandwunden, die Haut bildet großflächige Blasen und löst sich ab. Beim Einatmen kommt es zu schweren Verätzungen der Atemwege. Somit reicht eine Gasmaske als Schutz nicht aus, ein Ganzkörperschutz war nötig.

Am 13./14. Oktober 1918 geriet der Weltkriegsgefreite, Meldegänger (und nicht Frontsoldat) Adolf Hitler bei Ypern (!) in einen Lost-Angriff, und wurde verletzt. Seine zeitweise Erblindung war jedoch keine Folge des Senfgases: Entgegen seiner Darstellung in „Mein Kampf“ kam er zwar in ein Lazarett in Pasewalk, jedoch nicht in die Augenabteilung, sondern - wie Thomas Weber (a.a.O.) überzeugend darstellt – wegen „Kriegshysterie“ in die Psychiatrie - wo er dann fatalerweise beschloss, Politiker zu werden ....

Der Name „Lost“ setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben der beiden deutschen Chemiker Wihelm Lommel und Wilhelm Steinkopf. Beide waren Mitarbeiter von Fritz Haber am 1911 gegründeten Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische und Elektrochemie in Berlin-Dahlem.  Beide machten im Jahr 1916 den Vorschlag, Schwefellost als chemischen Kampfstoff zu verwenden.  

In dem Berliner Institut arbeiteten zeitweilig 200 Naturwissenschaftler, u.a. Otto Hahn (Nobelpreis 1944), Gustav Hertz (Nobelpreis 1925), Richard Willstätter (Nobelpreis 1915) und Heinrich Wieland (Nobelpreis 1927). Die meisten Wissenschaftler arbeiteten anscheinend ohne Skrupel mit [2]. Eine Maxime von Fritz Haber lautete: „Im Frieden der Menschheit, im Kriege dem Vaterland“. Auch die Kernphysikerin Lise Meitner gratulierte Haber nach dem „Tag von Ypern“ zu dem „schönen Erfolg“. Tatsächlich aber war der Tag von Ypern ein Kriegsverbrechen.

Habers Ehefrau Clara Immerwahr – selbst promovierte Chemikerin und Pazifistin - verurteilte jedoch öffentlich seine Tätigkeit im „Kampfgaswesen“ als eine „Perversion der Wissenschaft“. Wahrscheinlich aus Protest gegen die Tätigkeit ihres Mannes, erschoss sie sich am 2. Mai 1915, wenige Tage nach dem ersten Giftgaseinsatz, mit der Dienstwaffe Habers am Morgen nach der Siegesfeier im Garten der gemeinsamen Dienstvilla.

Heute trägt das Institut den (immer wieder umstrittenen) Namen „Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft“.

 

Kaiser Franz-Joseph von Österreich-Ungarn weigerte sich lange Zeit, den Einsatz von Giftgas zu genehmigen. Erst als ihm berichtet wurde, die italienische Armee hätte gegen österreichischen Soldaten Gas eingesetzt – eine falsche Information -  stimmte er zu.

Besonders heimtückisch waren die „Maskenbrecher“, die auf deutscher Seite ebenfalls seit 1917 eingesetzt wurden. Dabei wurde Blaukreuzgase benutzt – eine Reihe von Nasen- und Rachenkampfstoffe (z.B. Diphenylarsinchlorid, mit der Sammelbezeichnung Clark). Blaukreuzgase wurden mit Granaten verschossen, der Kampfstoff wurde bei der Explosion als Aerosol zerstäubt. Blaukreuzgas durchdrang die damals üblichen alliierten Atemschutzfilter der Gasmasken: Die Augen begannen zu tränen, die Soldaten würgten, husteten, erbrachen und rissen sich schließlich die Maske vom Gesicht rissen. Nun kam der nächste Angriff mit einem Lungenkampfstoff. Erst Blaukreuz, dann Grünkreuz [3], „Buntschießen“ wurde das genannt...

 

Elfriede Kuhr, eine damals 12jährige Schülerin schrieb im Juni 1917 in ihr Tagebuch: „Dann das Giftgas, das verfluchte. Die Engländer und die Franzosen haben noch keine richtig schließende Gasmasken mit Sauerstoffzufuhr wie die deutschen Soldaten. Es gibt aber auch ein Giftgas, das die Uniformen zerfrisst. Ein großes Sterben“ (zit.n. Englund. S. 436, a.a.O.).

Die US-amerikanische Krankenschwester Shirley Millard erlebte 1918 in Frankreich die fürchterlichen Folgen des Gaskrieges: Die Verwundeten „rangen um Atem, aber nichts kann getan werden..... Ihre Lungen sind weg“, sie sind „... buchstäblich ausgebrannt. ... Bei manchen sind die Augen und Gesichter vollständig vom Gas weggefressen, und ihre Körper sind mit Verbrennungen ersten Grades bedeckt. Wir müssen versuchen, ihnen durch Ölgüsse Linderung zu verschaffen. Sie können nicht verbunden oder berührt werden“ (vgl. Millard, a.a.O.).

Ein junger US-amerikanischer Soldat, dessen Einheit in einen Gasangriff geraten war; berichtete: Wir „… waren mit Senfgas beschossen worden, das leicht durch die Kleider, und sogar durch Schuhsohlen dringt und die Haut penetriert. Es reicht aus, einen Gegenstand zu berühren, der auf senfgasverseuchtem Boden gelegen hat, um sich zu verbrennen, und manchmal genügt es, die Ausdünstung der gasverseuchten Kleidung eines anderen einzuatmen, um zu erkranken. Zuerst spürt man nichts. Nach ungefähr zwei Stunden beginnt sich die Haut an der angegriffenen Stelle zu röten, und nach acht, neun Stunden beginnt sie zu schwellen. Nach vierundzwanzig Stunden bilden sich auf den geschwollenen Stellen kleine Blasen, die langsam zu einer einzigen Wundfläche zusammenwachsen. Die Wunde heilt sehr schlecht, und die größte Wirkung hat das Gas auf Augen, Nase und Mund. Im schlimmsten Fall führen die Wunden zu Blutvergiftung und Tod, in der Regel jedoch, ist man nach sechswöchiger Krankenhausbehandlung wieder hergestellt“ (zit. n. Englund, S. 678/79, a.a.O.).   

 

Gas war „... zum ersten Massenvernichtungsmittel der Weltgeschichte“ geworden (vgl. Szöllösi-Janze, a.a.O.). Am Ende des 1. Weltkrieges waren insgesamt von allen Kriegsparteien zusammen etwa 120.000 t von 38 verschiedenen Kampfstoffarten verschossen/abgelassen worden. 80.000 – 100.000 Soldaten starben im Gaskrieg, v.a. an den Ostfronten – das ist im Verhältnis zu den ca. 10 Millionen zu beklagenden Kriegstoten ein relativ geringer Anteil – ca. 1 % der Kriegsopfer. Darüber hinaus aber wurden mehr als eine Million Menschen im Gaskrieg verletzt.

 

Quantitativ nicht fassbar ist allerdings die enorme psychische Belastung der Frontsoldaten durch den Alptraum Gasangriff. Traumatisierend muss wohl die Angst gewesen sein, im Schlafe vom Gas überrascht zu werden. Die Soldaten mit den Gasmasken wirkten nicht nur gespenstisch – die Masken behinderten auch Atmung und Sicht. Im Sommer kam die starke Schweißentwicklung unter der Maske hinzu.

Erich Maria Remarque beschrieb einen Gasangriff: „Jetzt schleicht der Schwaden über den Boden und sinkt in alle Vertiefungen. Wie ein weiches, breites Quallentier legt er sich in unseren Trichter, räkelt sich herein... Wir husten uns die Lunge bröckchenweise aus“ (Remarque, S. 66, a.a.O.). 

Noch im Jahre 1919 setzte Fritz Haber die Gewölbe der Reichsbank in der Jägertraße unter Gas, um das dort lagernde Gold vor dem Zugriff der Revolutionäre zu bewahren.  

Auch die weitere Entwicklung von Giftgasen vollzog sich teilweise in Deutschland, und zwar im Zuge der Insektizidforschung, wobei die Initiative zur chemischen Kampfmittelforschung von deutschen Militärs ausging. Der Bestimmungen des Versailler Vertrages wegen wurden seit 1919 bis 1933 Teile er chemischen Forschung nach Sowjetrußland verlegt.

Die Degesch (i.e „Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung“) mit Sitz in Frankfurt am Main war eine Chemiefirma, die sich vornehmlich mit der Herstellung und dem Vertrieb von Schädlingsbekämpfungsmitteln beschäftigte.  

1922 entwickelte die Degesch unter der Leitung von Fritz Haber ein Schädlingsbekämpfungsmittel, dessen Wirkstoff Blausäure (Cyanwasserstoff, HCN) war. Das Zyklon B genannte Gas tritt aus Pellets aus. Wenn ein Mensch es einatmet, bewirkt es nach wenigen Atemzügen eine Blockade der Atmungskette. Von 1941–45 wurde Zyklon B in den Gaskammern der deutschen Vernichtungslager zum industriell organisierten Völkermord an u.a. den europäischen Juden und Sinti und Roma benutzt. 

Heute noch werden vergleichbare Gase zur Vollstreckung der Todesstrafe in den Gaskammern von Arizona, Kalifornien und Missouri verwendet.

Wahrscheinlich wurden auch in Halabja Giftgase auf Zyanidbasis eingesetzt.

 

Fritz Haber soll 1920 beim Empfang des Chemie-Nobelpreises geäußert haben: „In keinem zukünftigen Krieg wird das Militär Giftgas ignorieren können. Es ist eine höhere Form des Tötens“ (zit. n. Branscheidt, 1989, S. 10, a.a.O.).

Aus heutiger Sicht blieb der Gaskrieg im 1. Weltkrieg allerdings militärgeschichtlich eine Episode von derartig geringer Relevanz, dass ihn z.B. der führende britische Militärhistoriker Michael Howard (*1922) in seinem Kapitel „Die Kriege der Techniker“ nicht einmal erwähnt (vgl. Howard, S. 159 ff, a.a.O.).

Schon bei dem Werk  des deutsch-schweizerischen Journalisten und Schriftsteller Hermann Stegemanns [4] (1870-1945) über den Krieg (erschienen 1917-21), das mit dem 1. Weltkrieg endet, wird der Gaskrieg nur einmal kurz erwähnt, im Zusammenhang des Stellungskrieges „im Westen“: „Die Zerstörung der Kampfkraft des Angreifers wie des Verteidigers durch schwerste Beschießung, durch Ausräucherung und Gasvergiftung wurde oberstes Gesetz“ (Stegemann, Bd. II, S. 483, a.a.O.).

Auch der britische Militärhistoriker Paul Kennedy (*1945) erwähnt nur die „erfindungsreichen Chemiker“, die im 1. Weltkrieg Ersatz für die abgeschnittene Rohstoffzufuhr schufen, z. B. „…chemische Nitrate“ (vgl. Kennedy, S. 407, a.a.O.). Sehr wahrscheinlich hätte das Deutsche Reich wirklich ohne die tatkräftige Unterstützung durch seine hochentwickekte chemische Industrie bereits 1915 kapitulieren müssen, schon wegen Sprengstoffmangels. Der 1. Weltkrieg war auch ein „Krieg der Chemiker“ wie Elisabeth Vaupel oder auch Michael Freemantle anmerkten (Vaupel, S. 59 f., a.a.O. und Freemantle, S. 5 ff. a.a.O.).   

Die militärgeschichtlich gering eingeschätzte Relevanz des Gaskrieges hat verschiedene Ursachen. Zum einen führten die Gasangriffe zwar zu tausenden Toten und unermesslichem Leid, in keinem Fall aber zu einer strategischen Veränderung der militärischen Lage (im Gegensatz z.B. zum Einsatz von U-Booten und Panzern). Andererseits bewirkten die „Gaskrieger“ ein rasches Wettrüsten beider Seiten, so dass sich keine Seite mehr militärische Vorteile mehr versprechen konnte.

Schließlich aber erlebte der Gaskrieg eine bis heute wirksame moralische und politische Ächtung.

Schon die preußischen Offiziere an der Westfront empfanden es als „unehrenhaft“, die Gegner wie Insekten zu vergiften, dies sei kein „ritterlicher Kampf“ mehr (vgl. Vaupel, S. 61, a.a.O.). 

Vor allem aber wurde mit dem Genfer Protokoll („Protokoll über das Verbot der Verwendung von erstickenden, giftigen oder ähnlichen Gasen sowie von bakteriologischen Mitteln im Kriege) vom 17. Juni 1925 das Verbot des Gebrauchs von giftigen Substanzen völkerrechtlich bekräftigt und auf bakteriologische Waffen ausgeweitet. Das Protokoll enthielt jedoch keine Bestimmungen zur Entwicklung, Herstellung und Lagerung dieser Waffen.  Als Folge davon wurden in der Zwischenkriiegszeit - nicht nur auf deutscher Seite - die verbotenen Chemiewaffen „weiterentwickelt“, wirksamer gemacht. Dabei spielen deutsche Chemiefirmen und auch Berlin eine unrühmliche Rolle. 

Schon im Jahre 1935 wurde ein Heeresgasschutzlaboratorium in der Spandauer Zitadelle in Berlin eingerichtet, in welchem umfangreiche Forschungen zu Nervengasen durchgeführt wurden [5].

 

Der deutsche Chemiker Gerhard Schrader (1903-1990) war bei der Firma Bayer in Leverkusen mit der Entwicklung von Insektiziden beauftragt. Er experimentierte mit Kombinationen von Phosphorverbindungen und Zyanid. Bei ersten Versuchen vergiftete er sich versehentlich selbst und musste wochenlang das Bett hüten. Eine im Jahre 1936 entwickelte Organophosphorverbindung war im Tierexperiment für Säugetiere derart giftig, dass sie nicht als Insektizid verwendbar war. Deshalb gab Schraders Firma das  Präparat an die Wehrmacht, die es in der Giftgasentwicklung in der Spandauer Zitadelle untersuchen und erproben ließ. Das neue Nervengas wurde Tabun genannt. Schrader und ein beteiligter Kollege erhielten von der Wehrmacht 50.000,- RM für die Überlassung des Präparats.

 

1938 fand Schrader ein weiteres Nervengift mit der systematischen Bezeichnung  Methylfluorphosphonsäureisopropylester. Im Tierversuch mit Affen war der Stoff doppelt so giftig wie Tabun.

1939 wurde der Stoff ebenfalls der militärischen Forschung in Spandau übergeben, wo er 1943 als chemischer Kampfstoff den Namen Sarin erhielt.

Sarin hat chemisch eine strukturelle Ähnlichkeit mit dem ebenfalls von Schrader entwickelten Pflanzenschutzmittel “Parathion“ (bekannt v.a. als „E 605“). Sarin und andere Nervenkampfstoffe können in Produktionsanlagen für Pflanzenschutzmittel relativ leicht durch geringe Umstellungen produziert werden.

Sarin ist schwerer als Luft und sammelt sich wie feiner Staub langsam in Bodennähe. Die Aufnahme von nur 1 mg Sarin genügt, um einen Menschen zu töten. Die Moleküle dringen gleichzeitig durch Lunge und Haut in den Körper ein, - nur eine Ganzkörper-Schutzanzug mit Gasmaske bieten Schutz .

 

Mehrere Organophosphorverbindungen  wurden als chemischer Kampfstoffe in den 1930/40er Jahren bei den I.G. Farben synthetisiert, u.a. waren es Tabun (1936), Sarin (1938) und Soman (1944). Sie gehören zu den chemischen „G-Kampfstoffen“ (G für „Germany“), die im 2. Weltkrieg in Deutschland entwickelt, hergestellt aber (glücklicherweise) nicht eingesetzt worden sind. Nur Japan hatte bis dahin bereits ab 1937 chemische Kampfmittel gegen China eingesetzt – Hunderttausende sollen dabei ums Leben gekommen sein.

 

Tatsächlich stellten vor dem und im 2. Weltkrieg einige der beteiligten Mächte vielfältige Giftgase in großer Menge her, lagerten sie, setzten sie aber militärisch nie ein. Umstritten ist, ob der Grund dafür in den Erfahrungen des 1. Weltkrieges zu sehen war, in der Angst vor Vergeltung oder eher in der Tatsache dass dieser Krieg v.a. ein Bewegungs-, und kein Stellungskrieg war.

Schrader selbst wurde nach dem Krieg zwei Jahre lang von den siegreichen Alliierten in der Festung Kransberg im Taunus interniert und musste ihnen seine Forschungsergebnisse über organische Phosphorsäureester vermitteln.

 

Nach dem 2. Weltkrieg wurde Giftgas immer wieder, aber v.a. in Kolonialkriegen und anderen asymmetrischen Kriegen eingesetzt. Chemiewaffen entwickelten sich zur „Dritte-Welt-Billigwaffe“ (vgl. Branscheidt, 1988, S. 3, a.a.O.).

In den 50er Jahren wurden in verschiedenen Ländern weitere höchst giftige Kampfstoffe erprobt und entwickelt, die chemisch Phosphorylthiocholine waren und VX genannt wurden. Ob VX-Kampfstoffe in Halabja eingesetzt wurden, ist bis heute umstritten. 

 

Im Vietnam-Krieg versprühten die USA in den 60er Jahren u.a. ca. 40.000 t des chemischen Entlaubungsmittels „Agent Orange“: Ein Herbizid, mit hochgiftigem Dioxin verunreinigt. Es ist das Krebs erregend und schädigt das Erbgut. Offiziell galt der Einsatz nicht als „chemische Kriegsführung“, jedoch wurden noch Jahre später von Überlebenden Kinder mit schweren Missbildungen zur Welt gebracht. Einen der dioxinhaltigen Grundstoffe von Agent Orange lieferte die deutsche Firma Boehringer (vgl. Branscheidt, 1988, S. 3, a.a.O.).

 

In den Tagen vor dem 16. März 1988 – während des Iranisch–Irakischen Krieges - sollen kurdische Kämpfer der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) iranischen Soldaten geholfen haben über die nahe Grenze bis nach Halabja vorzudringen. Die irakische Regierung unter dem Diktator Saddam Hussein empfand dies als Verrat und ließ – so wird berichtet – den Gasangriff vorbereiten.

Die irakischen Kampfflugzeuge (MiGs, Mirages und ein Hubschrauber), die am Morgen des 16. März 1988 über Halabja erschienen, warfen zuerst Mengen von Papierschnipseln ab: Durch die genaue Bestimmung der aktuellen Windrichtung sollte die Wirksamkeit der Gasbomben erhöht werden.

Gegen 11.35 Uhr begann das Bombardement: Hunderte von Gasbomben (z.T. Kanister mit Senfgas, mit Phosgen, z.T. mit dem Nervengas Sarin, vielleicht auch Tabun) wurden auf Halabja abgeworfen. Die Gaskanister zündeten leise beim Aufprall, „... bestenfalls ist ein ‚Plop’ zu hören, ein leichtes Geräusch nur. Dann verteilen sich u.U. 100 l des Aerosols in diesem Kanister sehr, sehr rasch auf einer Fläche von 500 m2 oder manchmal auch 1000 m2 ... Das ist ein leises, stilles Erwürgen, das hier geschieht, Dorf für Dorf“ (vgl. Braunscheidt [6], 1989, S. 8, a.a.O.).

„’Zuerst roch es süß, wie ein Apfel’ erinnert sich Ali (ein Überlebender, C.M.). Doch dann habe sich der Geruch geändert. Er sei bitter und ätzend geworden. Ali sah aus seinem Versteck, wie die Hühner starben. Nach den Hühnern kamen die Ziegen, dann die Kühe. Und schließlich die Menschen, die sich nicht retten konnten“ (vgl. „Berliner Zeitung“, 1. Juni 2005, S. 3).

Die Überlebenden flüchteten nach dem Angriff in den Iran und kehrten erst 1991, nach der Einrichtung der Flugverbotszone im Nordirak nach Halabja zurück.

Es handelte sich bei Halabja um den größten Giftgaseinsatz weltweit seit dem 1. Weltkrieg.

 

Am 20. März 1988 kam auf Einladung des Irans eine Gruppe westlicher Journalisten nach Halabja. Es bot sich ein grausiges Bild: „Sie liegen ausgestreckt auf dem Rücken oder zusammengerollt auf der Seite … Alle sind schwarz gefärbt. Man blickt auf zerfallende Hände und leblose Gesichter, aus deren Mündern ebenfalls rötlicher oder weißlich-gelber Ausfluss getreten ist“ (vgl. TAZ, 24. & 25. März 1988).

Die Mittel für den Giftgasangriff erhielt der Irak von US–amerikanischen, britischen, italienischen und (west-) deutschen [7] Firmen. Mindestens 5 deutsche Firmen waren an der Giftgasproduktion beteiligt.

Die Produktionsstätten (Samarra I & II) lagen in der Umgebung der zentralirakischen Stadt Samarra und wurden aus Sicherheitsgründen zum Teil unterirdisch angelegt. In Samarra befindet sich auch die berühmte Grabmoschee des schiitischen (elften) Imams Hasan al-Askari (+874), der durch Gift ums Leben gekommen sein soll.

Die Fabriken sollten offiziell Pestizide zum Schutz der Dattelernte produzieren (vgl. Branscheidt, 2014, a.a.O.). Pestizide waren auch deshalb schon unglaubwürdig, da der Irak zu dieser Zeit nahezu alle Lebensmittel importierte  - „wozu also Pestizide?“ (vgl. Branscheidt, 1989, S. 9, a.a.O.).

 

Im April 1992 begann – nach fünfjährigen Ermittlungen - am Landgericht Darmstadt ein Verfahren gegen 10 deutsche Manager. Ihre Firmen waren am Aufbau der irakischen Giftgasanlagen beteiligt. Verurteilt wurden jedoch nur drei der Angeklagten – zu Freiheitsstrafen auf Bewährung.

Die relativ niedrigen Strafen waren eine Folge der Dual-Use-Problematik: Die irakischen Werke waren – nach einem Gutachten – in der Lage, Pestizide zu produzieren. Die Anklage konnte nicht eindeutig nachweisen, dass die Absicht, Giftgase zu produzieren, allen Beteiligten klar gewesen sein müsste.

Beteiligt an den Lieferungen in den Irak waren u.a. die Karl Kolb GmbH & Co. KG (Dreieich, bei Offenbach; im Internet wirbt die Firma als Teil der German Healthcare Export Group) und die TUI (bis 2002 Preussag). 

 

Im Jahre 2018 verklagten überlebende Opfer des Giftgasangriffs auf Halabja eine Reihe von Firmen (u.a. TUI) in den USA auf Schadenersatz.

 

Eine Reihe von irakisch–kurdischen Politikern forderten nach der Gefangennahme Saddam Husseins dessen Prozess am symbolischen Ort, in Halabja, durchzuführen.

Bahram Salih, ein Vertreter der „Patriotischen Union Kurdistans“, meinte: „Ich wäre sehr dafür, dass Saddam Hussein in Halabja vor Gericht gestellt wird. Er hat in ganz Irak gewütet, aber dieser Ort steht wie kein anderer für seine Verbrechen“ (vgl. ND, 18. XII. 2003, S. 2).

Im Dezember 2005 wurde der niederländische Unternehmer Frans van Anraat (* 1942) von einem Gericht in Den Haag zu 15 Jahren Haft verurteilt. Er hatte 1987/88 tausende Tonnen Chemikalien zur Herstellung von Giftgasen in den Irak geliefert. Das niederländische Gericht stufte den Giftgasangriff auf Halabja als Kriegsverbrechen ein. Im Mai 2007 erhöhte ein Berufungsgericht in Den Haag das Strafmaß wegen Beihilfe zu Kriegsverbrechen auf 17 Jahre Haft. Eine Verurteilung wegen Völkermordes hielt das Gericht für nicht möglich: Es lägen keine stichhaltigen Beweise für das Wissen van Anraats vor, dass  die von ihm gelieferten Chemikalien zur Giftgasherstellung [8] benutzt werden sollten (vgl. Geismar, a.a.O.). .

Im Jahre 2004 wurde in Halabja eine Gedenkstätte an die Opfer des völkerrechtswidrigen Gasangriffs eingerichtet.

Der irakische General Ali Hasan al-Madschid  (*1941, „Chemie-Ali“, ein Cousin Saddam Husseins aus Tikrit) soll den Befehl gegenüber dem eher zögernden Saddam Hussein durchgesetzt, unterschrieben und durchgeführt haben; er wurde später, nach der US-amerikanischen Invasion 2003 der Kriegsverbrechen in Halabja wegen vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und im Jahre 2010 hingerichtet. Ramazan Öztürk wurde als Zeuge geladen; er legte dem Gericht 40 seiner Photos vor.

Das Urteil wurde durch ein besonderes Beweisstück gestützt: Auf einem 1991 im kurdischen Sulaimaniyya aufgefundenen Tonband ist zu hören, wie al-Madschid  bezüglich Halabja sagte: „Ich werde sie alle mit chemischen Waffen umbringen. Wer soll etwas dagegen sagen? Die internationale Gemeinschaft? Ich scheiß auf die internationale Gemeinschaft, und die, die auf sie hören. Ich werde sie nicht bloß einen Tag lang mit dem Chemie-Zeug attackieren, ich werde 15 Tage lang damit fortfahren“. Das Seil, mit dem der General gehängt wurde, befindet sich heute in einer Vitrine der Gedenkstätte.

 

Der türkische Journalist Ramazan Öztürk (* 1956, in Malatya) besuchte für die Zeitung „Sabah“ am Tag nach dem Angriff Halabja und berichtete: „Wir kamen 24 Stunden nach dem Angriff in die Stadt. Es war geradezu lautlos. Keine Vögel, keine Tiere. Nichts Lebendiges war zu sehen. Die Straßen waren mit Leichen bedeckt. Ich sah Säuglinge, die in den Armen ihrer toten Mutter lagen. Ich sah Kinder, die im Todeskampf ihren Vater umarmt hatten. Während des Fotografierens habe ich die ganze Zeit geweint und zu Gott gebetet, dass es ein Traum sei und ich gleich aufwache. Ich erinnere mich an Berichte aus dem jüdischen Holocaust, wie die Opfer in den deutschen Gaskammern übereinander nach oben geklettert wären, um voller Verzweiflung dem Gas zu entkommen“.

In der ersten Zeit nach Halabja gab es in den westlichen Medien nur knappe Berichte und wenig Empörung, denn Saddam Husseins Irak bekämpfte damals die als Feind betrachtete Islamische Republik Iran.  

Bis heute findet man immer wieder bei Bauarbeiten etc. in Halabja Bombenüberreste, z.T. ist der Boden immer noch von Giftgasen kontaminiert. Viele Überlebende leiden bis heute unter Hautreizungen, Atembeschwerden, Schwindelanfällen und verschiedenen Krebserkrankungen, v.a. Leukämie. Bis heute sterben in Halabja Menschen an den Spätfolgen des damaligen Giftgasangriffs (vgl. „Berliner Zeitung“, 1. Juni 2005, S. 3). 

Die Ereignisse um Halabja können in einer weiteren üblen Tradition gesehen werden. Die Flugzeuge, mit denen u.a. Atatürks Adoptivtochter Sabiha Gökçen (bis heute die Namenspatronin des asiatischen Flugplatzes in Istanbul) die vornehmlich alevitischen Kurden in der Region Dersim 1937/38 bombardierte, stammten z.T. aus Deutschland. Bei den genozidal anmutenden Angriffen sollen bis zu 70 000 Kurden umgekommen sein.

Auch die dabei verwendeten chemischen Kampfstoffe hatte die türkische Regierung unter Mustafa Kemal Atatürk 1937 in Nazi-Deutschland gekauft, wie neu aufgefundene Dokumente belegen (vgl. Junge Welt, 17.05.2019, S. 7) – Dokumente die innenpolitisch die heute oppositionelle CHP belasten.

Der türkische Historiker Mahmut Akyürekli (Universität Ankara) urteilte: „Das Giftgas wurde erst in Dersim getestet, bevor es in Deutschland gegen Juden benutzt wurde."

Dann gab es international immer wieder Proteste gegen den Einsatz dieser grausamen und heimtückischen Giftwaffe. Die Rede war von roten Linien, die (angeblich) nicht überschritten werden dürften. Geschehen ist aber wenig, meist blieben die Geschäftemacher mit dem Tod unbehelligt. 

 

Es sollte noch bis 1997 dauern, bis ein umfassendes, völkerrechtlich geltendes Verbot in Kraft trat, die Internationale Chemiewaffenkonvention. Ein weltweites Verbot aller chemischen Waffen und die Vernichtung noch vorhandener Chemiewaffen-Bestände – was nicht nur die USA und Russland betraf und auch die „hochmodernen“ VX-Kampfstoffe einschloss. Geächtet wurde nun nicht nur der Einsatz, sondern auch die Erforschung, Produktion, der Besitz und die Weitergabe chemischer Kampfstoffe. Zudem sollen schärfere, institutionalisierte Kontrollen auch für bestimmte Chemikalien gelten, die für die Herstellung chemischer Waffen verwendet werden können. Im Sommer 2013 hatten fast 190 Staaten die Konvention ratifiziert.

 

Am 10. Dezember 2013 erhielt die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), die Einhaltung der Konvention kontrolliert, in Oslo den Friedensnobelpreis. 

 

© Christian Meyer

 

(unveränderlich, nach dem Gregorianischen Kalender

 

[1] Gelbkreuzgas wurde u.a auch bei Ypern eingesetzt, deshalb auch der Name „Yperit“. In den jahrelangen Kämpfen um die Stadt wurde Ypern im 1. Weltkrieg nie vollständig von den deutschen Truppen erobert. 

[2] Trotz politischer Divergenzen waren Fritz Haber und Albert Einstein (1879-1955) befreundet, im Dahlemer Institut hatte Einstein einen Arbeitsplatz, den auch nach 1914 benutzte. Zum 50. Geburtstag Einsteins im März 1929 schrieb der auch philosophisch stark interessierte Haber: „Von den großen Dingen, die ich in der Welt erlebt habe, greift der Inhalt Ihres Lebens und Wirkens am tiefsten“.

Fritz Haber soll geäußert haben: „Das Einatmen der Blausäure belästigt in keiner Weise, man kann gar nicht angenehmer sterben“.

Als die Alliierten 1918 kurzfristig Fritz Haber als Kriegsverbrecher suchten und diese in die Schweiz entwich, kommentierte Albert Einstein: „Haber ein Kriegsverbrecher ... Haber ist vielmehr eine tragische Figur. Man hat seine patriotische Gesinnung missbraucht. Er ist Jude, der sich einem Vaterland verpflichtet fühlt, das ihn gar nicht haben will“.

Nachdem Fritz Haber 1933 von seinem Amt in Dahlem zurückgetreten und emigriert war, schrieb er: „Meine wichtigsten Ziele im Leben sind nicht als deutscher Staatsbürger zu sterben und meinen Kindern und Enkeln nicht das Staatsbürgerrecht zweiter Klasse zu hinterlassen....“.

Nach Habers Tod 1934 in Basel schrieb Albert Einstein über Fritz Haber: „Es war die Tragödie des deutschen Juden: die Tragödie unerwiderter Liebe“.

[3] „Weißkreuz“ waren Augenkampfstoffe, „Rotkreuz“ Nesselstoffe.  

[4] Stegemanns Werk erlebte mehrere Auflagen und wurde mehr als eine Million Mal verkauft. Es galt jahrelang als ein Standardwerk zum Ersten Weltkrieg. Ernst Jünger widmete Stegemann sein Kriegstagebuch „In Stahlgewittern“:Herrn Hermann Stegemann in Verehrung gewidmet“.

[5] Im Verlaufe von Restaurierungsarbeiten in der Zitadelle zwischen 1962 und 1976 wurden dort auch Kampfmittel gesucht und geräumt.

[6] Hans Branscheidt war Projekt-Koordinator Nahost für medico international. Er hielt die damalige irakische Politik gegenüber den Kurden im Norden des Irak für eine „Ausrottungspolitik“ und „tendenziellen Völkermord“. Denn es wurden „... unter dem Einsatz von Giftgas systematisch und planvoll Bevölkerungen ausgerottet (vgl. Branscheidt, 1989, S. 2/3, a.a.O.). Und das keineswegs nur in Halabja, vielmehr wurden hunderte von Dörfern in Kurdistan plattgewalzt, verbrannt, vergiftet, mit vermutlich tausenden weiteren Toten (vgl. Branscheidt, 1989, S. 12, a.a.O.). So wurde eine „ganz gewaltige Blutspur der deutschen Todeskultur rücksichtslos revitalisiert“ (vgl. Branscheidt, 1989, S. 4, a.a.O.).

[7] Die DDR lieferte IFA-Militärlaster und MZ-Motorräder für Kuriere. Die Laster könnten – meinte Branscheidt – die Giftgaskanister von Samarra zu den Flugzeugen transportiert haben, die sie dann über den kurdischen Dörfern abgeworfen hätten (vgl. Branscheidt, 1989, S. 4, a.a.O.). In der Gedenkstätte Anma Suraka in Sulaimaniyya waren im Oktober 2019 noch alte IFA-Militärlaster ausgestellt.

[8] Die Giftgasproduktion gilt als ein typisches Beispiel einer doppelten Nutzungsmöglichkeit von Techniken, sowohl militärischer als auch ziviler Art („Dual use“): Schon  der deutsch-jüdische Chemie-Nobelpreisträger des Jahres 1918 Fritz Haber (1866–1934) war einerseits „Vater des Gaskrieges“ als auch zusammen mit Bosch Erfinder der katalytischen Ammoniaksynthese zur Herstellung von Düngemitteln. Anlagen zur Kunstdünger- und Pestizid-Produktion können relativ einfach zur Herstellung von Sprengstoffen bzw. Kampfgasen umgebaut werden.

Erst 1997 wurden mit dem Chemiewaffenübereinkommen auch die Entwicklung, der Besitz, die Lagerung und der Einsatz chemischer Waffen verboten.

    

 

Abb: Vor der Gedenkstätte befindet sich heute eine Skulptur des türkischen Journalisten Ramazan Öztürk mit Kamera: Er machte am Folgetag eine erste Fotoreportage über den Giftgasangriff und seine Opfer. Seine damalige Kamera ist heute in der Gedenkstätte ausgestellt (Photo: Christian Meyer; Oktober 2019)

Abb: Aus einer Granate fallen verfaulte Äpfel heraus - in Erinnerung an den Giftgasangriff auf Halabja; Skulptur in der Galerie Zamwa in Sulaimaniyya (Photo: Christian Meyer; Oktober 2019)

Abb. Granaten aus sowjetischer Produktion (ausgestellt im Dokumentationszentrum im ehemaligen Baath-Gefängnis Amna Suraka in Sulaimaniyya (Photo: Christian Meyer; Oktober 2019)

Abb. Skulptur vor der Gedenkstätte: ein Vater versucht vergeblich ein auf dem Boden liegendes Kind zu schützen (Photo: Christian Meyer; Oktober 2019). Es handelt sich dabei um Ömer Hawar und sein Kind. Das entsprechende Photo von Ramazan Öztürk wurde unter dem Namen „Schweigende Zeugen“ berühmt. 

Dioramaartig nachgebildete Szene in der Gedenkstätte (Photo: Christian Meyer; Oktober 2019)

Abb.: Giftgas – Karikatur (aus: „Informationsbulletin Kurdistan“ Nr. 32/33, November 1990, S. 3, a.a.O.)