6. Juli: Welttag des Kusses

 

Der Internationale Tag des Kusses soll die Zuneigung zwischen Menschen fördern,  auch ruft er zum ausgiebigen Küssen auf. Angeblich wurde der Tag im Jahr 1990 in Großbritannien etabliert (vgl. „Augsburger Allgemeine“ vom 6. Juli 2010).

Das Küssen scheint neben seiner vielfätigen und unterschiedlichen sozialen Symbolik auch biologische Wurzeln zu haben, die allerdings  m.E. bis heute umstritten sind.

Die Bonobos, Zwergschimpansen aus Zentralafrika, die von ihren Genen her immerhin zu 98,7 Prozent mit dem Homo sapiens übereinstimmen, küssen häufig und – wie die Menschen - zu unterschiedlichen Gelegenheiten. Bonobos küssen zur Begrüßung, beim Schmusen oder zur Beruhigung, als Versöhnungsgeste nach allerlei Konflikten und Streit. Wenn die Affen sexuell erregt sind, wurden auch Zungenküsse beobachtet.

Schon Alfred Kinsey wies darauf hin, dass „… tiefe Küsse Orgasmus hervorrufen (können), selbst wenn keine weiteren physischen Kontakte dabei entwickelt werden“ (vgl. Kinsey, S. 487, a.a.O.). 

Zootierpfleger berichteten öfter, dass sie zuweilen von ihren Bonobo-Pfleglingen geküsst werden, Bonobos küssen also auch artübergreifend.  

Auch bei Reptilien, Vögeln und Säugetieren gehören Zungen- und Mundkontakte vielfach zu sexuellen Aktivitäten (vgl. Kinsey, S. 487, a.a.O.).

Der österreichische Humanethologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt (* 1928) beschrieb in „Liebe und Hass“ den Kuss als ritualisierte Fütterung: Mütter zerkleinerten vielfach in ihrem Mund die Nahrung und gaben sie auch über den Mund an das Kind weiter (Eibl-Eibesfeldt, S. 209, a.a.O.). Diese Geste der Fürsorge, der Nähe und Liebe aus der Bindung zwischen Mutter und Kind sei die Wurzel des Kusses.  Bei vielen Völkern findet man diese Art der Fütterung auch heute noch, etwa bei den Himbas in Namibia

 

Einige jüngere Forschungen lehnen der These von der Mund-zu-Mund-Fütterung als Ursprung des Küssens ab.  

Die Bremer Kulturanthropologin und Kussforscherin Ingelore Ebberfeld z.B. betonte, dass  nicht alle Ethnien so häufig küssen wie die im „Westen“.  Eine andere Theorie nimmt an, dass das Küssen sich aus dem Saugen an der Mutterbrust entwickelt hat.

 

Eine weltweite Kuss-Studie von u.a. Justin R. Garcia am Kinsey-Institut der Universittät Indiana/USA (J.R. Garcia et al: “Is the romantic-sexual kiss a near human universal?”, a.a.O.)  untersuchte 168 Kulturen weltweit auf ihr Verhältnis zum Küssen. Dabei  definierten die Forscher alle Küsse als „romantisch-sexuell“, bei denen es zu einem länger anhaltenden oder auch nur kurz dauernden „Lippen-auf-Lippen-Kontakt“ kommt. Küsse auf die Wange, die Stirn oder andere Körperteile wurden nicht betrachtet.

Garcia u.a. kam zu dem Ergebnis, dass von 168 untersuchten Kulturen nur bei 46 % das Küssen weit verbreitet war. Bei einigen Kulturen (v.a. in Afrika und Südamerika)  galt Küssen als tabu, einige andere  empfanden es  als „eklig“ http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/kuss-studie-weltweit-nicht-alle-wollen-knutschen-a-1044455.html) .

In Mittelamerika küssen sich Menschen in traditionellen Kulturen, z.B. den Mayas, gar nicht. Möglicherweise - schreiben Garcia et al. - sei der Kuss als sexuelles Vorspiel oder als Mittel der Partnerbindung generell erst beliebt geworden, als Menschen die Mundhygiene erlernt hatten.

Auch gibt es eine Fülle von Kuss-Varianten, die sich nicht mit dem Füttern erklären lassen, so spielen in Papua-Neuguinea beim Küssen die Wimpern eine wichtige Rolle. Den Nasenkuss als typische Eskimositte beschrieben  haben wohl erstmals Herrnhuter Missionare, die seit 1733 in Grönland tätig waren. Vermutlich hatten sie beobachtet, dass unter den grönländischen Eskimos Mann und Frau zuweilen einander zärtlich mit der schnüffelnden Nase an der Wange, in der Halsschmiege und auch an der Nase berührten. Später wurde die Beobachtung von Völkerkundlern übernommen.  Dieser Nasenkuss (oder auch Riechgruss) ist als ein erster Körperkontakt in verschiedenen Regionen Asiens  (wie in Tibet, in Thailand oder in der Mongolei) aber auch z.B, bei den Maoris verbreitet (vgl. Bökemeier, 2004,  a.a.O.)

 

Für einige Kulturathropologen ist der Riechgruß keine ethnische Variante des Küssens, sondern er entspringe  dem Ritual des „Beschnüffelns“ seines Gegenübers. Bei dieem Ritual würden zur Begrüßung Stirn und die Nase vorsichtig angenähert: Die kurze Distanz zwischen den beiden Gesichtern gäbe ein besonderes Gefühl der Nähe. Die Häufigkeit des„Riechgrußes“ scheint aber rückläufig zu sein: Heute küssen wohl auch viele Eskimos (vgl. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/wissen-zum-valentinstag-du-weisst-doch-was-ein-kuss-bekennt-1413458.html).

Auch bei den nordostsibirischen Tschuktschen wurde (wird?) der Kuss (tschukt.  „ukwet“) in der Regel als Nasenkuss praktiziert.  Der tschuktschische Romancier Juri Rytchëu schildert in seinem 1911 spielenden und 1968 veröffentlichten Roman „Traum im Polarnebel“ den ersten Kuss zwischen John (einem Kanadier) und Pylmau (tschukt. „aufziehender Nebel“), einer tschuktschischen Frau: John zog sie lächelnd „… an sich und küsste sie auf den Mund … Überrascht starrte ihn Pylmau an, fuhr mit dem Finger über die Lippen und fragte zögernd: ‚Ist das der Kuss bei den Weißen?‘ ‚Jawohl‘ antwortete er. ‚Gefällt er dir etwa nicht?‘ ‚Es ist so komisch‘, meinte sie leise, ‚so als ob ein Kind nach der Mutterbrust sucht‘“ (Rytchëu, S. 199/200, a.a.O.).

Ganz ähnliches findet sich  auch in Rytchëus im Jahre 2000 veröffentlichtem Roman  „Der letzte Schamane – Die Tschuktschen-Saga“ (Unionsverlag Zürich 2015) bei dem Zusammentreffen des tschuktschischen Schamanen Mletlin und der US-Amerikanerin Sally.  Diese beschwerte sich, dass er ja an ihr schnüffele. .

 

Der früheste literarisch belegte Kuss, meint der US-amerikanische  Anthropologe in Austin/Texas Vaughn Bryant,  findet sich in den Veden (um 1500 v. Chr.), in denen vom „Schnüffeln mit dem Mund“ gesprochen und beschrieben wird, wie Verliebte „Mund auf Mund setzen“.

Darstellungen auch von sich küssenden Paaren finden sich in den Tempeln von Khajuraho/Madhya Pradesh aus dem 10.-12. Jhdt., die zum UNESCO-Weltkulturerbe  gehören.

 

Im Lateinischen wurde unterschieden zwischen dem freundschaftlichen Kuss auf die Wange („oscula“), dem der Liebenden auf den Mund („basia“), und dem leidenschaftlichen Zungenkuss, „suavia“ (vgl. FASZ, 11.02.2007, Nr. 6 / S. 14)

 

Einige Kuss-Forscher gehen zudem davon aus, dass sich das Küssen auch im „Westen“ zuerst in „höheren“ sozialen  Schichten durchsetzte und von dort als Statusverhalten nach unten diffundierte. Alfred S. Kinsey stellte schon in den 40er Jahren des 20. Jhdts. fest, dass das Küssen in den USA schichtenspezifisch verschieden häufig praktiziert wurde, z.T. mehr oder weniger sogar tabu war (Kinsey, S. 486, a.a.O.). In „höheren“ gesellschaftlichen Schichten war der Lippenkuss „… eine fast unausbleibliche Begleiterscheinung (bei 99,6%) heterosexuller Beziehungen“ (Kinsey, S. 524, a.a.O.). Dagegen waren bei „niederen“ sozialen Schichten alle oralen Kontakte deutlich stärker tabuisiert.  

 

Kuss-Forscher konnten eine ganze Reihe körperlicher Auswirkungen des Küssens feststellen, dabei ist darauf hinzuweisen, dass es immer ein psychosomatischer Simultangeschehen ist:

 

  • Ca. 30 – 40  Gesichtsmuskeln werden für einen Kuss benötigt, sie werden trainiert, durch die Aktivierung der Gesichtsmuskulatur wird der Faltenbildung vorgebeugt
  • Das Herz schlägt schneller, die Haut wird stärker durchblutet und die Körpertemperatur steigt
  • Bei einem ausgiebigen Kuss werden zwischen 15 und 20 cal in der Minute verbrannt
  • „Ein leidenschaftlicher Kuss senkt die Cholesterinwerte und den Blutdruck. Über Jahre hinweg kann das durchaus einen günstigen Effekt haben, ein 70-jähriger Mensch in einer glücklichen Beziehung hat geschätzte 110 000 Minuten (also 77 volle Tage) seines Lebens mit Küssen verbracht “ (Christian Heinrich, S. 11, a.a.O.).
  • Wenn die sich Küssenden (und ihre Münder) aneinander gewöhnt haben wirkt „…Küssen stresslindernd: die Konzentration des Stresshormons Cortisol sinkt, wie Studien an zahlreichen verkabelten Paaren zeigten, die sich im Namen der Wissenschaft küssten (Christian Heinrich, S.10, a.a.O.).
  • Da der Kuss ein besonders intensiver Hautkontakt ist, werden beim Küssen unzählige Bakterien ausgetauscht. So hat - formulierte der  Biopsychologe Peter Walschburger (FUB) -  „…der Kuss hat auch einen immunisierenden Effekt". „Die Liebenden tauschen dabei massenhaft Keime und Bakterien aus: 80 Millionen Mikroorganismen wandern bei einem 10 Sekunden dauernden Kuss von Mund zu Mund, so das Ergebnis niederländischer Mikrobiologen“. Das ist aber kein Problem, es wirkt immunisierend und stärkt die Abwehrkräfte (vgl. Christian Heinrich, S. 10, a.a.O.). Paare, die sich oft küssen, beherbergen in ihren Mündern eine sich angleichende Fauna.
  • Ein leidenschaftliche Kuss „… stimuliert die Nervenenden in den Lippen und setzt eine Kaskade in Gang, die den Körper wie eine Woge erfasst … Im Gehirn wird das Hormon Dopamin ausgeschüttet, dass Menschen in euphorische Stimmung versetzt. Diese Belohnung legt den Grundstein für das Bedürfnis, das Küssen bald zu wiederholen. Auch Endorphine und andere Glückshormone werden ausgeschüttet. Phenylethylamine stimulieren die Sexualorgane“ (Christian Heinrich, S.10, a.a.O.). Deshalb bewirken Küsse v.a. auch eines – Glücksgefühle.
  • Bei Berührungen, beim Küssen, beim Stillen und besonders intensiv beim Orgasmus wird das Bindungshormon Oxytocín ausgeschüttet: „So werden Bindungen, die evolutionsbiologisch erfolgreich sind (die beim Koitus der Geschlechter) oder sinnvoll (die der Mutter zum Kind) gefestigt“ (Christian Heinrich, S. 13, a.a.O.). Das Oxytocin hat verschiedenartigste körperliche Auswirkungen, es macht vertrauensseliger, senkt den Blutdruck und die Konzentration des Stresshormons Cortisol. Ohne dass das Gehirn beteiligt ist, schüttelt auch das Herz, durch Reize wie Umarmungen, Küsse oder sexuelle Aktivitäten, Oxytocin aus, - wie Forscher am Universitätsklinikum Ulm feststellten (vgl. Christian Heinrich, S. 13, a.a.O.).
  • Japanische Forscher untersuchten  „… die Wirksamkeit des Kusses bei Heuschnupfen-Patienten. Sie ließen 24 männliche und weibliche Allergiker jeweils 30 Minuten lang zu sanfter Musik ihre jeweiligen Partner küssen. Diese Zärtlichkeit reduzierte die Produktion von Allergen-Antikörpern und Botenstoffen wie Histamin – Küssen hilft also sogar gegen Heuschnupfen“ (Christian Heinrich, S.10, a.a.O.).
  • Erlebte Liebe beschert dem Gehirn nicht nur Erinnerungen –  sie prägt längerfristig auch die Aktivitätsmuster ganzer Hirnregionen. Chinesische Forscher „… verglichen in einer Studie die Hirnfunktionen stark verliebter mit denen frisch getrennter Menschen und denen von Singles, die nie eine romantische Liebe erlebt hatten: die MRT-Bilder der Verliebten zeigten dabei eine erhöhte Aktivität in solchen Regionen, die mit Belohnung, Motivation, Emotionen und sozialer Interaktion zu tun haben. Je länger die Verliebten verliebt waren, desto stärker war die Aktivität – die Funktion des Gehirns verändert sich in einer Liebesbeziehung also nachhaltig“ (Christian Heinrich, S. 11, a.a.O.).

 

Höchst bedeutsam ist zudem die symbolische Ebene des Kusses, man denke nur an  den Friedenskuss oder den  Judaskuss.  In der orthodoxen Kirche ist noch heute der Osterkuss üblich, woraus auch der Bruderkuss z.B. im „Ostblock“ entstand.

 

Lippenstiftmuseum, Berlin 10717, Helmstedter Str. 16;

 

(unveränderlich, nach dem Gregorianischen Kalender)

 

© Christian Meyer