26. April 1986: Tag von Tschernobyl und 11. März 2011: Tag von Fukushima

 

Am 26. April 1986 drückte vermutlich ein Techniker einen falschen Knopf, was den schon immer befürchteten Größten anzunehmenden Unfall (GAU) einleitete.

Eine mächtige Explosion zerriss den Block 4 des Atomkraftwerkes von Tschernobyl in der damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik. Radioaktive Teile wurden bis über 1000 m hoch in die Luft geschleudert und entzündeten die Dächer des 3. AKW–Blocks und des Maschinenhauses. 31 Menschen waren sofort tot (vgl. Robin Wood, 1996, a.a.O.).

Mitarbeiter des Kraftwerks, der Feuerwehren und Hubschrauberpiloten versuchten die entstehenden Feuer zu löschen und setzten dabei ihr Leben ein, um eine noch größere Katastrophe zu verhindern. Dennoch war das radioaktiv strahlende Feuer erst nach Wochen unter Kontrolle, mehr als 500 000 HelferInnen und EinwohnerInnen waren Verstrahlt, hunderttausende von Tieren waren Verseucht und riesige Landflächen unbewohnbar.

Schon am Tag nach dem GAU hatte sich radioaktive Wolke von Tschernobyl soweit ausgebreitet, dass die ersten der ca. 45 000 Einwohner der banchbarten Stadt Pripjat evakuiert werden mussten. Schon am 28. April erreichte die radioaktive Wolke Finnland, Schweden, Norwegen und auch Deutschland. Bis zum 3. Mai hatte sie sich praktisch über die gesamte nördliche Hemisphäre ausgebreitet.

Schon seit dem 1. Mai 1986 stieg die radioaktive Belastung im Süden und Westen Deutschlands an, am 3. Mai wurde erstmals in Deutschland radioaktiv verseuchtes Gemüse beschlagnahmt. Die Belastung der Luft nahm nun ab, die im Boden stieg an.

Bis zum 5. Mai 1986 wurden aus einem Umkreis von 30 km vom Unglücksort alle Menschen evakuiert, innerhalb von 10 Tagen ca. 130 000 Personen aus 76 Orten; in den nächsten Monaten mussten mehr als 1 Million Menschen ihr Zuhause verlassen und dürften ganz überwiegend bis heute nicht zurückkehren. Dabei leben noch heute ca. 7 Mio. Menschen in radioaktiv belasteten Gebieten. 

Bis Mitte November 1986 wurde der „Sarkophag“, die Beton – Ummantelung des zerstörten Reaktors fertiggestellt. Von den dort tätigen „Liquidatoren“ leiden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) rund 125 000 Personen u.a. an bösartigen Tumoren, Bluterkrankungen, Störungen des Immunsystems, Lungenkrebs oder Leukämie.

In der damaligen Sowjetunion wurde insgesamt ein Territorium von ca. 150 000 km2 in der heutigen Ukraine, in Weißrussland und Russland radioaktiv verseucht, das ist ein Gebiet von  mehr als der doppelten Fläche als Bayern. Ein Gebiet von ca. 10 000 km2 wurde zur Sperrzone bzw. zur Zone strikter Kontrolle erklärt. Manche dieser Gebiete sind bis zu 180 km von dem Unglückreaktor entfernt.

Erst 1991 wurde – in einer Entfernung von 140 km von dem Reaktor – ein Gebiet von der Größe des Landes Baden–Württemberg evakuiert.

Im Jahre 1996 wurde die Zahl der Krebstoten infolge des GAUs auf 475 000 geschätzt (vgl. Robin Wood, 1996, a.a.O.).

Das heutige Weißrussland wurde am stärksten von der Katastrophe betroffen, circa 70 % der freigesetzten Radioaktivität gingen hier nieder. Rund ein Viertel des Staatsgebiets und mehr als 2 Mio. Menschen waren hier der Strahlung ausgesetzt. Noch 2006 – 20 Jahre nach der Katastrophe – waren viele Lebensmittel in Weißrussland radioaktiv belastet. Nach Schätzungen der WHO wird in Weißrussland ein Drittel der Kinder, die 1986 bis zu 4 Jahre alt waren, im Verlaufe ihres Lebens wahrscheinlich an Schilddrüsenkrebs erkranken. Insgesamt wurden ca. 2 Millionen Kinder in der damaligen Sowjetunion nach dem GAU mit radioaktivem Jod belastet.

Allein in der höchstbelasteten weißrussischen Region Gomel wird mit mehr als 100 000 Schilddrüsenkrebs–Erkrankungen gerechnet. Nach dem Tschernobyl–Unglück stieg die Zahl der Jugendlichen mit Diabetes um das Dreifache (vgl. Robin Wood, 2006, a.a.O.).  

Auch in Deutschland hatte Tschernobyl tödliche Folgen: Für Bayern belegen Studien eine erhöhte Zahl angeborener Fehlbildungen und eine signifikant erhöhte Sterblichkeit von Neugeborenen (Perinatalsterblichkeit)nach Tschernobyl. Untersuchungen von Dr. Alfred Körblein vom Umweltinstitut München zeigten, dass 1987 vermutlich mehr als 300 Neugeborene in Folge des Reaktorunglücks starben.

 

Wieviele Opfer der Super–GAU von Tschernobyl insgesamt forderte, wird sich vermutlich erst in den nächsten Jahrzehnten feststellen lassen können. In den am intensivsten betroffenen Regionen wird die Strahlenbelastung im Jahre 2046 erst um 58 % abgenommen haben!  

 

Die Auswirkungen von Tschernobyl im Bewusstsein und Gefühl auch von zeitgenössischen DDR-Bürgern zeigen sich in den „Witzen“, die damals im Umlauf waren und u.a. vom BND [1] gesammelt wurden.

In einem der Witze wurde nach der Partnerstadt Tschernobyls gefragt: es sei Stralsund.

In einem anderen wurde nach dem Unterschied zwischen US-Kindern und sowjetischen Kindern gefragt: US-Kinder lachen, sowjetische Kinder strahlen (vgl. Hertle/Saure, a.a.O.).

 

Bis heute entstehen auuch in Deutschland Folgekosten aus Tschernobyl. Im Bundeshaushalt für 2016 sind z.B. für Jäger, die auch noch 30 Jahre nach der Atomkatastrophe in Bayern und Baden-Württemberg radioaktiv verseuchte Wildschweine schießen, eine Entschädigungssumme von 330 000,- € eingebplant (vgl. „Tagesspiegel“, 11. Februar 2016, S. 28).  

 

 

Fukushima

 

 

 

Das Erdbeben vom 11. März 2011 in Nordjapan zog einen Tsunami nach sich und löste die AKW – Katastrophe von Fukushima aus.

 

Die Atomkatastrophe in Japan hätte noch gravierende Folgen haben können, wenn Masao Yoshida, der Betriebsleiter (und Nuklearingenieur) des AKW Fukushima Daiichi am Abend des 12. März sich nicht geweigert hätte, die Anweisungen seiner (fernen) Vorgesetzten des Tepco-Konzern umzusetzen: Sie hatten ihm verboten, die nach den Wasserstoffexplosoinen schmelzenden Reaktorkerne mit Meerwasser zu kühlen, denn das hätte die Reaktoren beschädigt, in den Augen der Chefs „wertlos“ gemacht. Yoshida befahl seiner Not-Mannschaft, Meerwasser in die Reaktorkerne zu leiten und verhinderte so die wahrscheinliche Freisetzung erheblich höherer Mengen strahlender Stoffe.

 

Später verwarnte Tepco seinen Angestellten wegen seines „Ungehorsams“.

 

Umgekehrt hatte Yoshida vor der Katastrophe mehrfach die Gefahr eines Tsunami für das AKW heruntergespielt.

 

Masao Yoshida starb 2013 an Speiseröhrenkrebs, - der nicht durch die Strahlung hervorgerufen worden sein soll (vgl. „Der Spiegel, Nr. 29/2013, S. 134).

 

 

 

 

 

Hier der Text des Protestbriefes von Greenpeace im Februar 2016 an den japanischen Botschafter in Berlin:

 

„Sehr geehrter Herr Botschafter

 

am 11. März jährt sich zum fünften Mal der Tag, an dem ein Erdbeben, ein Tsunami und ein Atomunfall Ihr Land trafen. Ich möchte den Menschen in Japan mein tiefstes Mitgefühl ausdrücken. Fünf Jahre sind vergangen, ohne dass die nukleare Krise in Fukushima gestoppt wäre. Die Bedrohung für Mensch und Umwelt bleibt wahrscheinlich über Generationen bestehen. Die Regierung plant nun, die Entschädigungszahlungen für die Einwohner von Fukushima einzustellen und Zehntausende evakuierte Menschen in verstrahlte Gebiete zurückzusiedeln. Ich fordere Sie auf, diese und ethische Politik aufzugeben.

 

Zudem bin ich enttäuscht, dass ihre Regierung wichtige Lehren aus der Fukushima-Katastrophe ignoriert. Hier in Deutschland hat sich die Gesellschaft auf Erneuerbare Energien verständigt – auch um auf die Herausforderungen des Klimawandels zu reagieren. Das ist auch in Japan möglich! Nachhaltige Energiequellen haben das Potenzial, wirklich saubere, erschwingliche Energie zu liefern und Hunderttausende Arbeitsplätze zu schaffen. Angesichts des Jahrestages bitte ich Sie im Interesse der japanischen Bürger, sich für ein neues Energiesystem einzusetzen und damit das Risiko einer weiteren Atomkatastrophe zu vermeiden.

 

Mit freundlichen Grüßen…“

 

 

 


[1] Jahrelang sammelten Agenten des BND Witze aus der DDR, werteten sie aus und reichten sie zeitweise sogar an den Bundeskanzler weiter. Politische Witze galten als Stimmungsbarometer für die Lage in der DDR. Die Entstehung und Wirkung der Witze ist umstritten.

 

(unveränderlich, beide Gedenktage nach dem Gregorianischen Kalender)

 

© Christian Meyer