Berthold Auerbach
Berthold Auerbach

Berthold Auerbach, Gemälde aus dem Jahre 1846 von Julius Hübner (1806–1882; das Gemälde befindet sich im Besitz des Schiller-Nationalmuseums, Marbach, InvNr. B 49.39)
 


Tafel am Geburtshaus
Tafel am Geburtshaus

Gedenktafel am Geburtshaus (Photo: Christian Meyer, Juli 2013)

28. Februar 1812: Geburt von Berthold Auerbach

Am 28. Februar 1812 wurde Moses Baruch Auerbach geboren; der deutsch-jüdische Schriftsteller wurde unter seinem Künstlernamen Berthold Auerbach berühmt. Im 19. Jhdt. gehörte er zu den meistgelesenen deutschsprachigen Schriftstellern (vgl. Tgspl, 24. März 2013, S. 13). Geboren wurde der „hervorragende Schriftsteller“ (vgl. Meyers Konversationslexikon, Bd. II, S. 45, a.a.O.) in Nordstetten, heute einem Ortsteil der württembergischen Stadt Horb am Neckar.

 

In Nordstetten gab es seit dem 18. Jhdt. bis 1925 eine jüdische Gemeinde, mit Synagoge, Friedhof, Ritualbad und Schule. Als im Jahre 1787 Familiennamen eingeführt wurden, nahmen mehrere dortige Familien den Namen Auerbach an. Die jüdische Gemeinde in Nordstetten zählte im Jahre 1846 insgesamt 352 Personen, verminderte sich dann aber stark durch Umzug in die Großstädte und Auswanderung (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdische_Gemeinde_Nordstetten). 

Der junge Moses Baruch entstammte einer armen, aber kinderreichen Familie. Er war das neunte Kind seiner Eltern. Unter den Kindern in Nordstetten scheint es in Auerbachs Kindheit keine Abgrenzungen zwischen Christen und Juden gegeben zu haben. Ein Erlebnis allerdings belehrte ihn eines Besseren: Er sollte einmal aus Horb Salz für die Eltern holen. „Da lauerten ihm ein paar Jungen aus der Stadt unterwegs auf, fielen über ihn her und hießen ihn Christum preisen. Er weigerte sich, da schlugen sie ihn, fesselten ihn, knebelten ihn und ließen ihn liegen. Als er daheim vermisst wurde, ging man mit einem Hunde auf die Suche und fand ihn, halbtot vor Angst und Erschöpfung. Dieser Vorfall, der ihn an den Rand des Todes brachte, hat einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht …“ (zit.n. http://gutenberg.spiegel.de/buch/5184/2).

Wie sein Großvater sollte Auerbach zuerst Rabbiner werden und besuchte deshalb die Talmudschule in Hechingen. Später studierte er u.a. in Tübingen, Heidelberg und München Philosophie und wurde Mitglied der (damals liberalen) Burschenschaft Germania [1]. 1834 wurde der Student Auerbach in München verhaftet und wegen „staatsfeindlicher Umtriebe“ unter Polizeiaufsicht gestellt, dann zu Festungshaft verurteilt und zwangsexmatrikuliert. Zwei Monate saß er auf der Festung Hohenasperg [2] ein, der „Demagogenherberge“, wie sie damals genannt wurde.

Da Auerbach nun vorbestraft war, konnte er nicht Rabbiner werden sondern wandte sich der Schriftstellerei zu.

Bis 1841 übersetzte Auerbach die Werke Baruch Spinozas aus dem Lateinischen ins Deutsche. Diese Übersetzung wird bis heute noch vertrieben.

1839 wurde Auerbach Mitglied der 1807 geründeten Freimaurer-Loge „Zur aufgehenden Morgenröthe“ in Frankfurt am Main, dem zentralen Forum des liberalen jüdischen Bürgertums in der Stadt.

Den schriftstellerischen Erfolg brachten Auerbach seine „Schwarzwälder Dorfgeschichten“, die 1843 publiziert, rasch in viele europäische Sprachen übersetzt wurden und den literarischen Gattungsnamen prägten. Sie waren in der 2. Hälfte des 19. Jhdts. einflussreich und fanden viele literarische Nachahmer. Gekennzeichnet waren Auerbachs „Dorfgeschichten“ durch eine „… Fülle, Freiheit und Schärfe der Beobachtung und Wiedergabe der bäuerlichen Lebenssituation seiner Heimat, die tiefe Mitempfindung für die eigenartigsten Menschengestalten und Entwicklungen, den Reiz einer stimmungsvollen und dabei klar eindringlichen Darstellung“ (vgl. Meyers Konversationslexikon, Bd. II, S. 46, a.a.O.).

Salzer /von Tunk urteilten: „Im Gegensatz zu Gotthelf, der durch seine Erzählungen die Bauern bessern wollte, hat Auerbach seine Dorfgeschichten für Städter geschrieben, um ihnen durch den Vergleich von Stadt und Land einen Spiegel vorzuhalten“ (Salzer/von Tunk, Bd. IV, S. 120, a.a.O.).

Überaus erfolgreich wurde der von 1858 – 69 jährlich erscheinende „Berthold Auerbachs Deutscher Volkskalender“, mit Beiträgen vieler bekannter Autoren, wie z.B. von Gottfreid Keller. Auerbach veröffentliche eine Vielzahl von Romanen, Erzählungen und Theaterstücken, so u.a.:

1837: "Spinoza"

1844: "Oskar"; Trauerspiel

1844-1848: "Der Gevattersmann" (ein vier Jahre lang erscheinender Volkskalender)

1846: "Schrift und Volk. Grundzüge der volksthümlichen Literatur"

1849. "Tagebuch aus Wien"

1850: "Andree Hofer", Tragödie

1856: „Barfüßele“, Erzählung

1875: "Drei einzige Töchter", Novellen

1879: "Der Forstmeister" Roman

1880: "Brigitta" Roman

Eine Gesamtausgabe der Werke umfasste bereits 1863/64 insgesamt 22 Bände.

Am erfolgreichsten von allen Werken Auerbachs war „Barfüßele“ (a.a.O.), die Erzählung erlebte mehr als 100 Auflagen bzw. Ausgaben und wurde „… in alle lebenden Sprachen übersetzt“ (vgl. Meyers Konversationslexikon, Bd. II, S. 46, a.a.O.). Es handelt sich um eine Adaptation des klassischen Aschenputtel–Motivs, Auerbach hatte den ersten Entwurf der Erzählung auch „Das neue Aschenputtel“ benannt. Die Vorlage der Erzählung fand Auerbach in den Gerichtsakten seines Heimatortes. Es geht um die Geschichte eines früh verwaisten armen Geschwisterpaares im Schwarzwald-Dorf Haldenbrunn (wohl dem heimatlichen Nordstetten nachgebildet). Insbesondere wird die Entwicklung der stets barfuß laufenden Marei zu einer eigenständigen, selbstbewussten Persönlichkeit geschildert. Die ursprüngliche Gänsehirtin heiratet schließlich den reichen jungen Landfriedbauern. Liebevoll, jedoch realistisch schildert Auerbach das dörfliche Leben und die Natur, aber auch die Armut erscheint hier nahezu vergoldet.

Der österreichische Komponist Richard Heuberger (1850 – 1914) komponierte auf das Libretto von Victor Léon die Oper „Barfüßele“, die 1905 in Dresden uraufgeführt wurde. Unter der Regie von Heinrich Lisson wurde 1924 der Stummfilm „Barfüßele“ mit Maria Zelenka in der Titelrolle gedreht.

 

Auerbach stand in persönlichem Kontakt mit Lew Tolstoi und Iwan Turgenjew, einer der Trauzeugen bei seiner Hochzeit 1847 war Gustav Freytag, persönlich lernte er Friedrich Hebbel und Gottfried Keller kennen.

Auerbach begrüßte die Revolution 1848, nahm an den Beratungen des Vorparlaments teil und unterstützte die Wiener Revolutionäre publizistisch. Er lebte zeitweilig in Heidelberg, in Breslau, in Wien, in Leipzig, in Weimar, in Berlin und Dresden.

1870 unterstützte Auerbach die Annexionspolitik gegenüber Frankreich und verfasste das Lied: „Im Elsaß über dem Rhein, da wohnt ein Bruder mein“ (gesungen auf die Melodie „Ich hatt‘ einen Kameraden“).

 

Zeitlebens setzte sich Auerbach – der deutsche Schwab‘ und Jude - für die Emazipation der Juden ein. Verbittert war Auerbach deshalb v.a. gegen Ende seines Lebens über den anwachsenden Antisemitismus im wilhelminischen Deutschland. Er formulierte: „Es ist eine schwere Aufgabe, ein Deutscher und ein deutscher Schriftsteller zu sein, und dazu noch ein Jude … Will sich aber der Jude frei und selbständig, mit dem ganzen Gehalt seiner eigentümlichen Persönlichkeit, neben sie, oder gar gegen eine ihrer Tendenzen stellen, so brechen die Spuren eines nur überdeckten Judenhasses hervor“ (vgl. de.wikipedia.org/wiki/Berthold_Auerbach). Im Jahre 1880 bekannte Auerbach gegenüber einem Freund: „Vergebens gelebt und gearbeitet“ (vgl. Tgspl, 24. März 2013, S. 13).

Berthold Auerbach hielt sich 1881/82 wegen einer Lungenentzündung zur Kur in Cannes auf, wo er am 8. Februar 1882 starb. Beerdigt wurde er unter großer öffentlicher Anteilnahme auf dem Jüdischen Friedhof in Nordstetten. Ludwig Anzengruber hielt Auerbachs Geschick geradezu für tragisch. Er meinte nach dem Tode Auerbachs, dass dieser zwar jahrelang allseits anerkannt und vielfach geehrt worden sei, „plötzlich (aber) vor seinem Ende bekommt er zu hören, dass er eigentlich denn doch gar nichts anderes sei, als ein deutschschreibender – Jude, ein Fremder“ (zit.n. http://gutenberg.spiegel.de/buch/5184/2). 

 

In Berlin-Grunewald wurde 1898 zu Ehren des Schriftstellers eine Straße in der Nähe des S-Bahnhofs Auerbachstraße genannt. Die Nationalsozialisten benannten die Straße wegen der jüdischen Abstammung des Schriftstellers 1938 um, in Auerbacher Straße, als ob sie sich auf die Stadt im Vogtland beziehe.

Erst im Frühjahr 2013 gelang es gegen allerlei Widerstände, den „antisemitisch motivierten Namenstausch“ (vgl. Tgspl, 24. März 2013, S. 13) rückgängig zu machen.
Allerdings blieb der Name zumindest an einem alten Hauseingang erhalten (vgl. Abb. unten)

 

Das Berthold-Auerbach-Museum im Schloss Nordstetten wurde vom Schiller-Nationalarchiv in Marbach eingerichtet und zeigt allerlei Bücher und Dokumente von und um Auerbach. 

Seit 1982 verleiht die Stadt Horb am Neckar in unregelmäßigen Abständen einen Berthold-Auerbach-Literaturpreis an Schriftsteller, die in einem thematischen oder regionalen Bezug zu ihm stehen.

 

(unveränderlich, nach dem Gregorianischen Kalender)

 

© Christian Meyer

 

 


[1] Auch Mitglieder der Tübinger Burschenschaft „Germania“ legten anlässlich seines 100. Geburtstages 1912 an seinem Grab Kränze nieder.

[2] Im regionalen Volksmund wurde der 355 m hohe Hohenasperg der höchste Berg Schwabens genannt, weil es oft so lange dauerte, bis man wieder herunterkam.

Hauseingang: Auerbacher Straße; Photo: Karoline Schulz, September 2016

Grab Auerbachs
Grab Auerbachs

Jüdischer Friedhof in Nordstetten – Grab von Berthold Auerbach (Photos: Renate Meyer-Franke, Juli 2013)

Auerbachstraße in Berlin
Auerbachstraße in Berlin

Straßenschild Auerbachstraße in Berlin-Grunewald (Photo: Christian Meyer, Juli 2013)

Gedenktafel am Schloss Nordstetten
Gedenktafel am Schloss Nordstetten

 Gedenktafel am Schloss Nordstetten (Photo: Christian Meyer, Juli 2013)