Abb.: Armenisches Siedlungsgebiet vor dem 1. Weltkrieg (Abb. aus Spiegel, 14/1992, S. 155)

Stadtplan Konstantinopel / istanbul, um 1885; aus: Bibliographisches Institut:..Meyers Konversationslexikon, Leipzig, Wien,1890, Bd. X, S. 28a

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24. April

 

Gedenktag an den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915/16

 

Bis heute sind die „Ereignisse“ von 1915 von der Regierung der Türkischen Republik nie als Völkermord anerkannt, sie nutzt ihren politischen Einfluss, um möglichst überall die Diskussion zu behindern oder zu verhindern.

In den letzten Jahren aber gibt es immer mehr türkische Intellektuelle, Wissenschaftler, Künstler, Gewerkschaftler und auch Politiker, die umdenken, - eine Entwicklung die hoffnungsvoll macht.

Vorgeschichte, Voraussetzungen und Ursachen des Völkermords

 

Die Geschichte des gesamten kaukasischen Raums war seit Jahrhunderten gekennzeichnet durch konkurrierende äußere Einflüsse von dem Osmanischen Reich her, von Persien und von Russland her, sowie durch interne Konflikte u.a. zwischen Georgiern, Armeniern und „Tataren“ (Aserbeidschanern). Immer wieder gab es auch innerislamische Kämpfe. So kam es z.B. seit Beginn des 18. Jhdts. insbesondere in Aserbeidschan zu einer breiten antipersischen Bewegung: Truppen aus Dagestan besetzten u.a. Schirwan am Kaspischen Meer und erklärten die Stadt für „frei von den schiitischen Ketzern“ (vgl. Ter Minassian). Jahrzehntelange Kämpfe führten zu vielen Toten und zerstörten Städten und Dörfern.  

 

Eine der wichtigen Voraussetzungen für die Entscheidung, die Armenier im osmanischen Teil Kleinasiens zu deportieren und schließlich zu „eliminieren“, war der 1914 beginnende Weltkrieg, die verheerende Niederlage bei dem Versuch einer Offensive im Winter 1914 gegen die russische Armee in Ost-Anatolien und schließlich die als existentielle Bedrohung erlebte Landung der alliierten Truppen 1915 an den Dardanellen. Da befürchtet wurde, dass die Alliierten in wenigen Wochen in Istanbul sein könnten, plante die osmanische Regierung ihren Rückzug ins Innere Anatoliens, um von dort aus den Widerstand fortzusetzen. Hier aber wollten die Jungtürken den Rücken frei haben, deshalb sollten die dortigen Armenier „entfernt“ werden.

 

Zu den Voraussetzungen für den Völkermord gehörten Verlustängste und Unterlegenheitgefühle innerhalb der herrschenden Schicht des Osmanischen Reiches. Schon seit dem 17. Jhdt. war die militärische und ökonomische Unterlegenheit des Reiches gegenüber den europäischen Mächten immer deutlicher.

Durch die „Kapitulationen“ – ungleiche Verträge zwischen europäischen Staaten und dem Osmanischen Reich – wurde die wirtschaftliche Lage des Reiches immer ungünstiger und führte schließlich zum Staatsbankrott und zu einer wirtschaftlichen Zwangsverwaltung eines großen Teils der Staatseinnahmen durch europäische Staaten.

Das Osmanische Reich wurde zum „kranken Mann“ am Bosporus und blieb es auch, trotz mehrerer Reformansätze (so 1839 und 1856).

Der Aufstieg Japans und der Sieg im Krieg gegen Russland 1904 wurden deshalb auch als Sieg Asiens über Europa von einigen Jungtürken gefeiert. Japan galt als Modell und Vorbild, ohne aber dessen Strukturen zu entwickeln.

Ökonomisch waren die Armenier innerhalb des Reiches von zentraler Bedeutung: Vor dem 1. Weltkrieg lag ca. 90% des osmanischen Binnenhandels und mehr als 50% des Außenhandels in armenischen Händen. In den meisten Städten v.a. des Ostens waren Armenier die Ärzte, die Rechtsanwälte, die Architekten, die Bankiers und Kaufleute, aber auch die Handwerker. Ungefähr 15 000 junge Armenier studierten im Ausland – aber nur sehr wenige muslimische Osmanen (vgl. Spiegel, 14/1992, S. 158/159). Sicher waren der Unwille über die ökonomisch erfolgreichen Armenier, der Neid und die Hoffnung auf eine „Übernahme“ ihrer Besitztümer ein wichtiger Faktor für die Bereitschaft, gegen die Armenier vorzugehen. 

Ein wichtiger Faktor war zudem eine zunehmende Ethnisierung im Bewusstsein vieler Einwohner des Osmanischen Reiches, insbesondere auf dem Balkan. Dort war die 2. Hälfte des 19. Jhdts. gekennzeichnet durch eine schwindende Macht des Osmanischen Reiches, eine wachsende Konkurrenz zwischen der k.u.k.-Monarchie und Russland um das Erbe, sowie später durch eine zunehmende Zwietracht zwischen den entstehenden Balkan-Staaten.

Durch diese Entwicklung und den immer stärker aufkommenden (aus Europa übernommenen) Nationalismus, wurden die politischen Grundlagen des multiethnischen und multireligiösen osmanischen Imperiums untergraben.

So gingen Stück für Stück des Osmanischen Reiches verloren, oft nach dem gleichen Schema: Zuerst wollten die unterworfenen christlichen Balkanvölker eine kulturelle Autonomie, dann eine Selbstverwaltung innerhalb des Reiches, schließlich aber – unterstützt von europäischen Schutzmächten – die Unabhängigkeit. So gingen Griechenland, Serbien, Rumänien, Montenegro und Bulgarien verloren – sollte mit Armenien etwas Ähnliches ablaufen??

Der Panslawismus [1] propagierte in Russland „… eine natürliche Gemeinsamkeit der Interessen“ zwischen den aufstrebenden slawischen (vorwiegend orthodoxen) Nationen der Balkanhalbinsel und ihrer Schutzmacht in St. Petersburg. Der aufkommende Panturanismus/Panturkismus zielte im Osmanischen Reich und anderswo auf eine parallele Vorstellung. 

Bedeutsam erscheint dabei die Tatsache, dass seit der Mitte des 19. Jhdts. v.a. Anatolien zum Aufnahmeland vieler Zehntausender von muslimischen Flüchtlingen (Muhacir, göçmen) vom Balkan und aus dem Kaukasus wurde, zu einem regelrechten ethnischen Schmelztiegel. Spannungen mit den christlichen Bevölkerungsgruppen wurden dadurch sicher nicht vermindert [2].

Zudem scheint es bei Teilen der osmanisch-türkischen Bevölkerung tradierte abwertende Bilder der Nicht-Muslime gegeben zu haben, die „gavur“, die“Ungläubigen“ galten vielfach als schmutzig und unrein („pis gavurlar“). Hinsichtlich der Armenier existierten teilweise alte Vorurteile und Feindbilder, sie wurden stereotyp als betrügerisch, habgierig, opportunistisch, feige und unmoralisch gezeichnet (vgl. z.B. in Knigge, S. 43, a.a.O.). Umgekehrt allerdings gab es auch viele ausgesprochen positive Beschreibungen „der“ Armenier, als ehrlich, sauber, gebildet und hilfsbereit. Insgesamt waren die Armenier-Bilder anscheinend sehr ambivalent.

Zu den Ursachen des Völkermords gehörte nicht „der“ Islam. Viele fromme Muslime retteten armenische Nachbarn. Der osmanische General Mahmut Kâmil Paşa (1880 – 1922), damals Kommandant der 3. Armee, erließ deshalb sogar ein Dekret, nach dem jeder Muslim, der einen Armenier versteckte, vor seinem Haus aufgehängt werden sollte (vgl. Schmidt-Häuer, S. 16, a.a.O.).

Vielmehr waren es europäische Ideen, die die ideologischen Ziele des Völkermordes bildeten. Da war vor allem der Nationalismus, die Vorstellung eines zu realisierenden homogenen Nationalstaates, wobei die Religion z.T. als Nationalkriterium herangezogen wurde. Hinzu kamen rassistische Vorstellungen, wie sie im Pantürkismus und Panturanismus ihren Ausdruck fanden.

Schließlich traten sozialdarwinistische Ideen hinzu: Der Stärkere siegt in dem permanenten Kampf ums Dasein, sein Sieg ist auch evolutionär richtig und moralisch gut (vgl. z.B. dazu die Ausführungen von Şükrü Kaya, s.u.).

 

Politische Zukunftsentwürfe für das Osmanische Reich gab es um die Jahrhundertwende zum 20. Jhdt. nur zwei:

Die Umgestaltung des Reichs nach der Art der föderalen Kantonalverfassung der Schweiz, mit völliger Gleichberchtigung aller Sprachen und Religionen, wie sie Prinz Sebahattin im Pariser Exil vorschwebte.

Der deutsch-jüdisch-US-amerikanische Historiker und Philosoph Hans Kohn (1891-1971) fasste die Möglichkeiten zusammen: „Zwei Wege standen den Jungtürken offen. Sie konnten die Türkei in einen dezentralen Staat mit gemischten Nationalitäten verwandeln, der seinen verschiedenen Völkern Autonomie und die Erfüllung ihrer nationalen Ziele gewährte; sie konnten auch versuchen, die anderen Völker gewaltsam zu unterdrücken und so ein ein überwiegend türkisches Reich zu errichten. Die Jungtürken wählten die zweite Möglichkeit“ (Kohn [3] , zit. n. Hosfeld, S. 101, a.a.O.). Der Panturanismus in seiner jungtürkischen Spielart war eine der Varianten der zweiten Möglichkeit, die z.B. von Enver Pascha vertreten wurde.

 

Chronologie des Völkermordes und seiner Leugnung

 

Seit dem Beginn des 19. Jhdts. war das traditionelle Siedlungsgebiet der Armenier aufgeteilt in den ost-armenischen Bereich, der zuerst zu Persien, dann zum Zarenreich gehörte, und den west-armenischen Bereich, der Teil des Osmanischen Reiches war. Auch sprachlich gab es deutliche Unterschiede zwischen dem West- und Ostarmenischen.

Die lokale armenische Aristokratie (die meliks) bewahrte im zu Persien gehörenden Berg-Karabach eine große Autonomie und erhielt sich bis zur Zeit der russischen Eroberung. Im Gegensatz zum georgischen und „tatarischen“ (i.e. aserbeidschanischen) Adel wurde der armenische von der russischen Verwaltung nicht anerkannt und verschwand zwischen 1830 und 1840 (vgl. Ter-Minassian, S. 131, a.a.O.). Gleichzeitig wurde das ca. 1400 gegründete armenische Katholikossat des (kaukasischen) Albanien in Gandzasar (in Berg-Karabach) im Jahre 1816 unterdrückt. Das orthodoxe Zarenreich sah in den gregorianisch-monophysitischen Armeniern zeitweise zu missionierende Häretiker.  

Die Nicht-Muslime im Osmanischen Reich waren Bürger 2. Klasse, konnten z.B. nicht höhere Verwaltungsposten bekleiden und mussten eine Sondersteuer, die Kopfsteuer (trk. cizye) bzw. die Militärbefreiungssteuer (trk. bedel-i askeri) bezahlen. Sie waren traditionell in „millet“ (ca. „Glaubensnationen“) aufgegliedert, die unter der Leitung des jeweiligen religiösen Oberhauptes und in Abstimmung mit der osmanischen Regierung eine weitgehende Autonomie besaßen.

Die Armenier waren um die Jahrhundertwende zum 20. Jhdt. in drei verschiedene millet aufgespalten, das mehrheitliche gergorianisch-apostolische, das katholische und das protestantische millet. Die Entstehung der letzteren war eine Folge „westlicher“ (v.a. britischer, US-amerikanischer und deutscher) Missionierung. Die gregorianischen Christen waren eben - in europäischen Augen - nicht „richtige“ Christen.

 

 

1458: Nach der Eroberung von Konstantinopel durch den Padischah Mehmet II.  lässt dieser (Armenier und Griechen) in der Vorstadt Samatya ansiedeln. Eine orthodoxe Kirche wird den dortigen Armeniern übereigner, die Surp Kevork-Kirche (auch  "Sulu Manastiri“   Kloster am Wasser genannt).

 

1461: Gründung des Armenischen Patriarchats von Konstantinopel (auf Veranlassung von Mehmet II.): der bisherige armenische Metropolit von Bursa kommt als  Hovakim I. in die Hauptstadt. Er ist staatlich anerkannt sowohl geistliches als weltliches Oberhaupt aller Armenier im Osmanischen Reich, mit den Titeln Patriarch und "milletbaşı“ (Ethnarch). Als Patriarch stand er allerdings unter der Autorität des Katholikos. Bis heute gibt es 84 armenische Patriarchen in Konstantinopel/Istanbul.   

 

1536: Mit Frankreich wird das erste der Abkommen geschlossen, die unter der Bezeichnung „Kapitulationen“ in die Wirtschaftsgeschichte eingehen. Diese ungleichen Verträge privilegierten französische, später auch andere europäische Kaufleute, v.a. hinsichtlich der Zölle. Osmanische Kaufleute erhielten umgekehrt keine entsprechenden Rechte in Europa, von einer weitestgehenden Zollfreiheit konnten sie nur träumen.  

Langfristig führte dies zu einer massiven Verschlechterung der Handelsbilanz des Osmanischen Reiches. Seit dem 17. Jhdt. hatte das Reich dauerhaft eine passive Handelsbilanz.

 

1618: Der in Konstantinopel lebende armenische Alchemist, Avedis Zildjian findet bei vergeblichen Experimenten zur Goldherstellung eine Legierung aus Kupfer, Zinn und Spuren von Silber mit erstaunlich guten Klangqualitäten. 1618 fertigt Avedis das erste Becken mit der neuen Legierung, ein Instrument, das sich – der Überlieferung nach - durch einen kräftigen, klaren Klang auszeichnet. Die genaue Zusammensetzung der Legierung blieb bis heute Firmengeheimnis (vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Avedis_Zildjian_Company).

 

1623: In Konstantinopel wird – mit Erlaubnis der osmanischen Regierung - die heutige Firma Zildjian als ein armenischer privater Familienbetrieb gegründet. Der Betrieb zieht in die Istanbuler Vorstadt Samatya (das heutige Kocamustafapaşa).

Berühmt wurde die Firma durch die hohe Qualität ihrer Schlagzeug-Becken. Als der Padischah von den besonderen Eigenschaften der neuen Becken erfährt, wird Avedis zum Beckenhersteller am osmanischen Hof, die besten Orchester sollen mit seinen Becken ausgerüstet werden.

Schon 1608 verleiht der Padischah Ahmed I. der Familie den Namen Zildjian, was soviel heißt wie „Sohn des Beckenschmieds“ (vom Türkischen „zil“ „Klingel, Schelle, Becken“, dem türkischen Suffix „ci“ „Hersteller, Verkäufer“ und dem armenischen Suffx „ian“ „Sohn von“).

 

Ende des 17. Jhdts: Europäische Komponisten entdecken mit der Janitscharen-Musik (insbesondere) die Zildjian-Becken für die damalige klassische Musik. Auch in Militärkapellen werden diese Becken verwendet. In Preußen hieß der Dienstgrad eines Militärmusikers noch um 1830 „Janitschar“.

 

1838: Freihandelsabkommen zwischen dem Osmanischen Reich und Großbritannien: einheimische, traditionell handwerklich hergestellte, qualitativ hochwertige Produkte mussten mit billigerer Industrieware konkurrieren. Das Handwerk im Reich gerät in immer größere Absatzprobleme.

Neben Misswirtschaft und Korruption, durch die viel Geld am Fiskus vorbeiläuft, führen wirtschaftliche Schwäche und die kostspieligen andauernden Kriege das Osmanische Reich in anwachsende finanzielle Abhängigkeit von europäischen Geldgebern.

 

1856: Siemens baut in Istanbul das erste Telegraphenamt des Osmanischen Reiches.

 

1857 - 59: Nach Unruhen im damals osmanisch beherrschten Libanon kommt es zum großen Bauernaufstand in Kisrawan (nordöstlich von Beirut). Im nördlichen Libanon, im Bergdorf Suk, versammeln sich zu Beginn des Jahres 1859 ca. 300 Bauern der Umgebung und verlangen von dem Gouverneur in Beirut die Abschaffung aller Feudalabgaben. Als die Petition abgelehnt wird. kommt es zum Aufstand. Maronitische Bauern vertreiben unter Führung des maronitischen Schmiedes Tanjus Schahin herrschende drusische und maronitische Feudalfamilien. Schahin wird Präsident einer kurzzeitigen maronitischen Bauernrepublik. Das Land wird unter anderem auch drusische Fellachen verteilt.

Es kommt zu offenen Kämpfen zwischen Drusenführern, die von den osmanischen Streitkräften unterstützt werden, und den Maroniten, die jedoch unter sich uneins sind, aufgespalten „… nach Klassen, Familien und Regionen“ (Walther, in Awwad, S. 312, a.a.O.). Es kommt zu regelrechten Massakern unter libanesischen Christen. Ca. 20 000 Christen werden v.a. von Drusen getötet, 380 christliche Dörfer und 560 Kirchen zerstört.  

Glaubensstreitigkeiten zwischen den Konfessionen – z.T. von europäischen Mächten angestachelt - überlagern immer wieder die sozialen Konflikte (Rathmann, Bd.2, S. 349, a.a.O.).

 

1. September 1860: Napoleon III. lässt in Beirut unter Berufung auf das Abkommen von 1523 - zum Schutz der Christen französische Truppen landen, die jedoch im folgenden Jahr auf Druck der europäischen Großmächte wieder abziehen müssen. Nach langen Verhandlungen kommt es 1864 zu einem Abkommen: der Libanon (außer den Küstenstädten und der Bekaa-Ebene) wird innerhalb des osmanischen Reiches ein autonomes Verwaltungsgebiet. Der Gouverneur (trk. mutasarrif „Bevollmächtigter“), ein nicht-libanesischer Christ, wird von der osmanischen Regierung ernannt, ihm zur Seite steht ein zwölfköpfige Provinzrat, indem die sechs wichtigen Religionsgruppen des Libanons (Maroniten, Drusen, Sunniten, Schiiten, Griechisch-Orthodoxe und Melkitische Christen) mit je zwei gewählten Mitgliedern vertreten sind.

Die Christen bilden in dem Rat aber die Mehrheit. Der Gouverneur muss von den europäischen Großmächten (Frankreich, England, Russland, Österreich und Preußen) bestätigt werden. Erster Gouverneur wurde Davud Pascha, ein Armenier.

Das autonome „Mutasarrifiyya“ – Gebiet existierte formal bis 1918, wurde allerdings faktisch 1915 von Dschemal Pascha abgeschafft.

 

1860: Einrichtung der Armenischen Charta: Eine aus weltlichen und geistlichen Vertretern gebildete Armenische Generalversammlung wählt nun den Patriarchen, der die armenische millet repräsentiert; die wirkliche politische Macht aber liegt (theoretisch) in den Händen der Generalversammlung (vgl. Wilson, S. 21/22, a.a.O.). In den Provinzen (vilayet) bzw. Bezirken (sancak) werden entsprechende regionale Räte eingerichtet. Die Umsetzung erfolgte jedoch nicht oder wurde nach der Außerkraftsetzung der Verfassung unter Abdülhamid II. beendet.

 

1863: Geburt von Stepanos Mchitarjan (genannt Arabo oder Arakel)in einem Dorf bei Bitlis im Osmanischen Reich; Arabo wird (wie auch Kevork Çavuş) an der Arakeloz-Klosterschule [4] bei Muş ausgebildet und später einer der einer der ersten armenischen Fedai [5] des späten 19. Jhdts.

 

25. Februar 1865: Geburt von Andranik Toros Ozanian (in Şebinkarahisar/Provinz Giresun im Osmanischen Reich), einem Politiker, Partisanenführer, Widerstandskämpfer und armenischen General, der bis heute von vielen Armeniern als Nationalheld verehrt wird. In der Türkei gilt er als Terrorist.

Auffällig sind bei Andranik wie bei Kevork Çavuş die massiven Gewalterfahrungen in ihrer Jugend. Andraniks Vater wurde ermordet, Andranik selbst bringt den Mörder um. Nachdem er den Mörder seines Vaters umgebracht hat, flieht er nach Istanbul und wird dort verhaftet. Nach kurzer Gefangenschaft nimmt er in Istanbul Kontakt zu armenisch-nationalistischen Kreisen auf.

 

2. Hälfte des 19. Jhdts: Die Wirtschaft des Osmanischen Reiches ist gekennzeichnet durch das weitgehende Fehlen einer türkischen Bourgeoisie; der Handel und die wenig entwickelte Industrie ist überwiegend in ausländischen oder griechischen und armenischen Händen. Gleichzeitig wächst die Auslandsverschuldung massiv an, 1875 ist der Staat bankrott und erklärt seine förmliche Zahlungsunfähigkeit. Zugleich erwerben oder investieren europäische Finanzgruppen in wichtige Unternehmen wie auch in die militärisch wichtige Bagdadbahn.

 

1876: Abdülhamid II. (1842-1918) – vielleicht selbst der Sohn einer Armenierin im Harem seines Vaters Abdülmecid I. (vgl. Spiegel, 14/1992, S. 159) - wird (bis 1909) Padischah (Sultan) des Osmanischen Reiches; er ist der 34. Herrscher aus dem Hause Osman, der 28. Herrscher seit der Eroberung von Konstantinopel 1453.

Am 23. September 1876 verkündet er eine liberale Verfassung, die u.a. von Midhat Pascha erarbeitet worden war: 1. Verfassungszeit, trk. „meșrutiyet“. Abdülhamid wäre durch die Verfassung ein konstitutioneller Monarch in einem Zwei-Kammer-parlamentarischen System geworden, alle Bürger des Reichs wären (formal) gleichberechtigt geworden und ihre persönlichen Freiheiten sollten gesichert sein.

Die osmanische Verfassung von 1876 wird aber bereits 1877 wieder suspendiert; Abdüdhamid herrscht nun autokratisch, als eine Art theokratischer absoluter Monarch. Er ist gleichzeitig Sultan und Kalif, als solcher Nachfolger des Propheten Muhammad und damit (theoretisch) geistliches Oberhaupt aller Muslime weltweit. Abdülhamid legt auf diesen Rang immer größeres Gewicht, seine Politik betont stärker den Panislamismus. Neben dem Kalifen gibt es allerdings den Scheich ül-Islam, den Groß-Mufti der Hauptstadt, der das Recht hat Fetwas zu erlassen: Die Rollen- und Kompetenzaufteilung zwischen beiden ist unklar. 

Abdülhamid wird im Laufe der Jahre immer paranoider und lässt seine politischen Gegner und Reformer verbannen und blutig verfolgen. Deshalb erhält er auch den Beinamen „roter Sultan“. Er versucht durch ein umfangreiches Spitzelsystem den Staat zu kontrollieren.

Umgekehrt wird Abdülhamid in konservativen und religiös-sunnitischen Kreisen der Türkei (so in Teilen der AKP) bis heute geradezu verehrt. Er gilt als ein Förderer des Schulwesens auf allen Ebenen und in allen Provinzen. Sein Ansehen geht auf auch darauf zurück, dass er versucht, die Verwestlichung und ausländische Mitsprache zu begrenzen, sowie den sunnitischen Islam im Reich zu stärken.  

Zudem soll sich der Sultan um die Infrastruktur, insbesondere das Rohrleitungssystem zur Trinkwasserversorgung der Stadt Istanbul verdient gemacht haben (vgl. Bestle, S. 360, a.a.O.). Die Taksim- (oder Bahçeköy) Wasserleitung, die ihr Wasser aus einer Reihe von Talsperren (Bend) im Norden Istanbuls bezieht, wurde jedoch schon im 18. Jhdt. errichtet (vgl. Bestle, S. 360, a.a.O.). Am Beginn der heutigen Istiklal Caddesi (der einstigen Grande Rue de Pera) befindet sich der taksim, der dem Taksim-Platz seinen Namen gab. Das hübsche achteckige (türbeartige) Gebäude (mit Wasserturm) ist die Wasserverteilungsanlage für den Stadtteil Beyoğlu und wurde schon unter Sultan Mehmed I. im Jahre 1732 erbaut (vgl. Feely et al., S. 484, a.a.O.).

Nördlich des heutigen Taksim-Platzes gibt es links einen Exerzierplatz, rechts eine Artillerie-Kaserne und die Taksim-Gärten, von denen man einen schönen Blick auf den Bosporus und das asiatische Ufer hat (vgl. Wilson, S. 19, a.a.O.).

Hinter der Artillerie-Kaserne befindet sich der Große Armenische Friedhof (Grands Champs des Morts) mit alten Zypressen. Hier, zwischen den Gräbern, veranstalten die Armenier der Stadt ihr großes Totenfest: Buden werden errichtet, Speisen und Getränke genossen, man singt und Geschichtenerzähler (armen. Meddah) treten auf.

Benachbart liegt der Alte Armenische Friedhof mit z.T. originellen und kunstvollen Grabsteinen. Berühmt sind die Grabsteine Hingerichteter: Grabsteine Gehängter zeigen den am Galgen hängenden, Enthauptete halten in der Hand ihren Kopf (vgl. Wilson, S. 19, a.a.O.).  

 

1873-77: L. N. Tolstoi schreibt an seinem Roman „Anna Karenina“, dessen Handlung 1876 endet, kurz vor dem Beginn des Russisch-Osmanischen Krieges, während Tausende von russischen Freiwilligen auf den Balkan fahren, um die „slawischen Brüder“ zu unterstützen. Dabei beschreibt Tolstoi auch panslawistische Tendenzen, die im städtischen Bürgertum großen Anklang fanden: „Die slawische Frage war plötzlich Mittelpunkt des allgemeinen Interesses geworden“ (Tolstoi, S. 381, a.a.O.). Es flossen viele Spenden, Krankenschwestern und Sanitäter meldeten sich freiwillig, tausende von Gewehren wurden zur Ausrüstung Freiwilliger gespendet. Russische aristokratische Freiwillige führten auf eigene Rechnung ganze Eskadronen mit sich. Tolstoi gibt Stimmen aus der damaligen russischen Oberschicht wider: „Die Befreiung unserer Brüder vom Sklavenjoch ist ein Ziel, das ebenso des Todes als auch des Lebens würdig ist“ (Tolstoi, S. 385, a.a.O.). „Man ermordet unsere Blutsverwandten und Glaubensgenossen, schlachtet Frauen und Kinder“ (Tolstoi, S. 392, a.a.O.).

Jedoch macht Tolstoi auch deutlich, dass die Masse des russischen Volkes davon völlig unberührt bleibt, ganz andere Sorgen hat. Zudem seien unter den Freiwilligen viele zweifelhafte Figuren gewesen.

Panslawisten aber behaupteten, dass für Russland „... nach der Befreiung vin vierzig Millionen Slawen“ eine „neue Ära“ anbrechen würde“ (Tolstoi, S. 397, a.a.O.).

 

1875: Das Osmanische Reich erklärt aufgrund der Zinsbelastung infolge der hohen Verschuldung den Staatsbankrott. Es kann seine v.a. in England und Frankreich platzierten Auslandsanleihen nicht mehr „bedienen“.  

1877/78: Nach von osmanischen Truppen niedergeschlagenen Aufständen in Bosnien-Herzegowina und Bulgarien kommt es zum Russisch-Osmanischer Krieg; die osmanischen Truppen werden nach langen Kämpfen schließlich besiegt.

 

März 1878: Im Friedensvorvertrag von San Stefano wird im Art. 16 festgelegt, dass in den von Armeniern bewohnten Gebieten des Osmanischen Reiches Reformen durchgeführt werden müssen; sonst würden die russischen Truppen nicht abziehen. Diese Regelung gilt als Geburtsstunde der „armenischen Frage“. Zudem hätte das Reich praktisch alle europäischen Gebiete an einen großbulgarischen Staat (von der albanischen Grenze bis zur Ägäis und zum Schwarzen Meer) verloren.

Einige europäische Großmächte intervenieren, es wird zur Lösung der Differenzen der Berliner Kongress einberufen. Er tagt in der „Alten Reichskanzlei“, dem Palais Schulenburg in der Wilhelmstr. 77. 

 

13. Juni – 13. Juli 1878: Durch den Berliner Kongress der europäischen Großmächte und der Balkanstaaten wird der Vertrag von San Stefano revidiert, es soll eine stabile Friedensordnung auf dem Balkan geschaffen werden.

Das zum Osmanischen Reich gehörende Bosnien-Herzegowina wird unter k.u.k.-Verwaltung gestellt; im Sancak von Novi Pazar erhält die österreichische Armee Garnisonsrecht.

Russland gewinnt in Ostanatolien die z.T. armenisch besiedelten Provinzen Kars, Ardahan und Batumi. Griechenland erhält Teile Thessaliens, Großbritannien als Pachtgebiet die strategisch interessante Insel Zypern.

Rumänien, Serbien und Montenegro werden völlig unabhängig, das Osmanische Reich muss ihnen einige Gebiete abtreten. Groß-Bulgarien entsteht nicht, sondern ein unter osmanischer Oberhoheit stehendes Fürstentum Bulgarien (ca. das heutige nördliche Bulgarien) und eine autonome osmanische Provinz Ost-Rumelien (ca. das heute südliche Bulgarien).

Der auf die Armenier bezogene Artikel 61 des „Berliner Vertrages“ von 1878 lautet: „Die Hohe Pforte verpflichtet sich, ohne weiteren Zeitverlust die Verbesserungen und Reformen ins Leben zu rufen, welche die örtlichen Bedürfnisse in den von Armeniern bewohnten Provinzen erfordern, und für die Sicherheit derselben gegen die Tscherkessen und Kurden einzustehen. Sie wird in bestimmten Zeiträumen von den zu diesem Zwecke getroffenen Maßregeln den Mächten, welche die Ausführung derselben überwachen werden, Kenntnis geben“ (zit. n. Geiss, S. 405, a.a.O.). Die osmanische Regierung darf nun ihre Reformen hinsichtlich der Armenier selbst kontrollieren. In der Folge werden die Grenzen der osmanischen Vilayet so verändert, dass die Armenier in keiner Provinz mehr die absolute Mehrheit der Bevölkerung stellen – es gab so formal keine von Armeniern bewohnten Gebiete mehr.

Serbien, das von 1817 – 78 ein Fürstentum innerhalb des Osmanischen Reiches war, propagiert als politisches Ziel die Wiederherstellung des Großreiches von Zar Stepan Dušan (reg. 1331 - 1355), das durch die Niederlage gegen die Osmanen in der Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo polje) am 28. Juni 1389 zusammengebrochen war. Es hatte neben dem heutigen Serbien auch Makedonien, Albanien, Nordgriechenland, Bosnien und Teile Bulgariens umfasst. Es gilt teilweise unter serbischen Politikern und Militärs die expansionistische Vorstellung: „Wo ein Serbe lebt, ist Serbien“ (zit. n. Clark, S. 45, a.a.O.). Diese Ziele kollidieren nicht nur mit osmanischen sondern auch bulgarischen Vorstellungen.

 

1881: Errichtung der Ottomanischen Schuldenverwaltung (Conseil d’Administration de la Dette Publique Ottomane, osman. Düyūn-ı ʿumūmīye-ʾi ʿOs̠mānīye meclis-i idāresi ). Das Reich muss seine Finanzhoheit an die Gläubigerländer abtreten, um zahlungsfähig zu bleiben: Ein europäisches Bankenkonsortium übernimmt faktisch die Finanzhoheit. Frankreich war mit einem Anteil von 40 % der größte Gläubiger, gefolgt von England mit 29 %, den Niederlanden mit 7,6 %, Belgien mit 7,2 % und dem Deutschen Reich mit 4,7 %.

Die „Ottomanische Schuldenverwaltung", eine Art Nebenregierung, gilt vielen Türken bis heute als Inbegriff von Erniedrigung und Abhängigkeit.

Für die Türkei endet die Zeit der europäischen Sonderrechte mit dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg 1914 bzw. dem Vertrag von Lausanne 1923. Die finanzielle und wirtschaftliche Souveränität wurde erst nach der Republiksgründung wieder erlangt.

Heute befindet sich im Gebäude der ehemaligen osmanischen Staatsschuldenverwaltung das Istanbul Lisesi (Gymnasium Istanbul) im Stadtteil Fatih.

 

Ab 1881: Unter Zar Alexander III. (reg. 1881-1894) kommt es zu einer Russifizierungspolitik gegenüber den Minderheiten im Russischen Reich, v.a. allerdings gegenüber den Polen und Deutschen. 

 

1883 – 1895: Der preußische Offizier Colmar von der Goltz reorganisiert die Osmanische Armee und wird zum „Müschir“ (Marschall, mit dem Titel Paşa) ernannt. In einigen Beziehungen hat er aber keinen Erfolg: Er schlägt z.B. vor, die Befestigungen der Hauptstadt mit drehbaren Geschütztürmen auszustatten, was jedoch der misstrauische Abdülhamid ablehnt. Sie hätten dann ja auch den Serail beschießen können.

 

1885: Bulgarische Nationalisten besetzen das osmanische Ost-Rumelien und proklamieren die Gründung eines „Groß-Bulgarien“. Russland aber verurteilte diesen Annexionsversuch, weil so Bulgarien sehr nah an die Meerengen herangerückt wäre, - ein Gebiet, das die russische Regierung zu seiner Interessensphäre zählte. Im November 1885 dringen serbische Truppen nach einer von der k.u.k.-Monarchie ermutigten Kriegserklärung Serbiens in Bulgarien ein. Der Serbisch-Bulgarische Krieg, endet für Serbien mit einer Niederlage, bulgarische Truppen drohen sogar Belgrad zu besetzen. In dem schließlichen Friedensvertrag von Bukarest kommt es aber nur zu einer Personalunion zwischen beiden Teilen Bulgariens unter dem Fürsten Alexander von Battenberg. Ost-Rumelien bleibt nominell unter osmanischen Oberhoheit (vgl. Clark. S. 175, a.a.O.).  

 

1885 – 1918: Ferdinand von Sachsen-Coburg und Gotha-Kohany herrscht als König/Zar in Bulgarien. Er setzt zuweilen auf die russische, dann wieder auf die deutsch-österreichische Karte, je nach angenommenem Vorteil für Bulgarien. 1908 – während der Annexionskrise – lässt Ferdinand sich in der alten Hauptstadt Veliko Tarnowo pompös zum Zaren der Bulgaren ausrufen (vgl. Clark, S. 356, a.a.O.).

 

1886: Die Vorzensur aller Presse- und Druckerzeugnisse wird im Osmanischen Reich verschärft, bestimmte Themen und Begriffe sind tabu: So z.B. der Begriff Attentat. Als Kaiserin Elisabeth von Österreich („Sissi“) 1898 in Genf Opfer eines italienischen Attentäters wird, mussten die osmanischen Presseorgane berichten, sie sei verstorben. Der Sultan, der selbst eine sehr betonte Nase hat, lässt Anspielungen auf seine Nase untersagen und selbst das Wort „Nase" durch die Zensur verbieten.

 

1887: In Genf wird die armenische „Revolutionäre Partei der Hintschaken“ (auch Huntschaken) gegründet (nach ihrer Zeitung „Hintschak“, armen. „Die Glocke“); die Partei fordert eine vereinte, unabhängige Republik Armenien.

 

Späte 1880er Jahre: Arabo leitet in den armenischen „Sechs Vilâyets“ armenische Fedajin-Einheiten aus Sasun (auch: Sassun) und Taron gegen die Unterdrückung der Armenier.

 

1888: Baubeginn der Anatolischen Eisenbahnlinie, die von Istanbul  nach Konya und Ankara führt und bis 1896 fertiggestellt wird. Finanziert wird das Projekt v.a. durch die Deutsche Bank, die Materialien komplett aus Deutschland geliefert. Der neue Ausgangsbahnhof Haydarpaşa wird allerdings erst im Jahre 1905 von der Fa. Philipp Holzmann errichtet.

1915 werden auf den Eisenbahnlinie in Viehwagen armenische Deportierte transportiert.

 

1889: Anfänge der jungtürkischen Bewegung, die sich bald Vereinigung (Komitee) für „Ittihat ve Terakki“ (Einheit und Fortschritt) nennt. Hauptsächliche Träger sind die jungen Kadetten und Offiziere, aber auch Studenten und Beamte. Es ist eine Modernisierungsbewegung, mit geringerer Betonung des Islams und einer immer stärkeren Orientierung auf das „Türkentum“ und einen Panturanismus (Einbeziehung der Turkvölker in Russland und Zentralasien in das zu schaffende Reich).

 

Oktober 1889: Erste Reise Kaiser Wilhems II. ins Osmanische Reich

 

1890: Im georgischen Tiflis – in der Diaspora [6] - wird die Armenische Revolutionäre Föderation (arm. Haj Heghapochakan Dashnakzutjun) gegründet, eine politische Partei, die zwei hauptsächliche Tendenzen vertritt: Sie strebt einerseits Reformen innerhalb des Osmanischen Reiches an und ist Teil der reformorientierten sozialistischen Bewegung, auch Mitglied der 2. Sozialistischen Internationalen. Zum anderen tendiert die Partei nationalistisch auf Ziel einer nationalen Befreiung sowohl vom Russischen Reich und Osmanischen Reich und die Errichtung eines unabhängigen Staates Armenien. Vor allem seit der Russifizierungspolitik in Ost-Armenien wendet sich die Partei auch gegen das zaristische Russland. Die Partei wird zeitweise nationalistisch, vertritt auch individuellen Terror als Mittel der Revolution. Die Partei ist in West- und Ost-Armenien, in Bergkarabach, in Georgien, Aserbeidschan, in Persien und der Diaspora aktiv. Die Mitglieder der Partei werden auf Deutsch als „Daschnaken (der Kurzform von Dashnakzutjun arm. „Föderation“) oder ARF, „Armenische Revolutionäre Föderation“ bezeichnet.

 

Anfang der 1890er Jahre: Andranik stößt im (georgischen) Batumi zu armenischen Rebelleneinheiten.

 

1891: Gründung der „Hamidiye“, eines kurdischen Kavalleriekorps, das v.a. gegen osmanische Zivilisten eingesetzt wird und eingesetzt werden soll; diese „osmanischen Kosaken“ sind zwar „militärisch wertlos“ (Spiegel, 14/1992, S. 162), aber gegen Zivilisten eine schreckliche Waffe: Sie sind durch den Staat mit modernen Gewehren ausgerüstet, aber v.a. beuteorientiert und undiszipliniert. In der Folgezeit gingen an einigen Orten im osmanischen Osten Armenier zur Selbstverteidigung über.

 

1892: Istanbul/Konstantinopel hat ca. 880 000 Einwohner, davon sind ca. 55% Türken (vgl. Bibliographisches Institut, Bd. X., S. 31, a.a.O.). Armenier leben v.a. in den Stadtteilen Yedi Kule und Kum Kapı.

Istanbul ist eine multikulturelle Stadt, es erscheinen Zeitungen in Osmanisch, Arabisch, Armenisch, Bulgarisch, Englisch, Französisch, Griechisch, Hebräisch, Italienisch, Spanisch und in Osmanisch mit armenischen und griechischen Lettern gedruckt (vgl. Wilson, S. 27, a.a.O.). In Istanbul gibt es zudem ein armenisches Hospital (vor dem Yedi Kule-Tor) und vor der Landmauer einige große armenische Friedhöfe (vgl. Stadtpaln, Abb. oben).  ...

 

1892: Arabo wird er von der osmanischen Polizei verhaftet und zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt; ihm gelingt jedoch  die Flucht aus dem Gefängnis und er setzt seine Tätigkeiten als Fedai fort.

 

1893: Tod Arabos in einem Gefecht mit Kurden bei Muş.

Es hat den Anschein, dass armenische Widerstandsaktionen oft erst eine Reaktion auf erlebte Übergriffe und Massaker waren, vorrangig der Abwehr dienten. Jedoch wurden nationale Vorstellungen unter den Armeniern im Osmanischen Reich durch die Massaker wie auch die Widerstandsaktionen und die Erfolge nationaler Bewegungen auf dem Balkan verstärkt.

 

Sommer 1894: Teile der armenischen Bevölkerung in Sason (Provinz Batman) weigern sich die überkommenen aber ungesetzlichen Sondersteuern an die lokalen kurdischen Stammesführer zu zahlen. Diese Steuerrevolte erfasst 25 armenische Dörfer der Region. Huntschak-Vertreter versuchen daraus einen landesweiten Aufstand zu entflammen, was aber keinen Erfolg hatte. Jedoch schlagen Einheiten der osmanischen Armee und der Hamidiye (mindestens 3000 Mann) die Widersetzlichkeiten militärisch nieder. Bei dem gegen die Massaker gerichteten Widerstand spielen die Daschnaken bei der Bewaffnung und der Selbstverteidigung eine wichtige Rolle. Kevork Çavuş [7] (ca. 1870 - 1907), der „Löwe der Berge“, tritt hier als einer der Anführer im Widerstand (Fedai) hervor.

Bis Ende August 1894 werden nach langen Kämpfen die armenischen Dörfer gestürmt, zwischen 900 und 4000 Armenier werden getötet. 32 der 40 armenischen Dörfer der Region Sason sind schließlich zerstört (vgl. Hofmann, 1997, S. 85 f, a.a.O.).

 

23. November 1894: In einem Brief an den armenischen Sozialisten Jossif Nersessowitsch Atabekjanz (1870-1916; er war der Übersetzer des „Manifest der Kommunistischen Partei“ und von Engels „Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ ins Armenische) führt der alte Friedrich Engels aus, er könne die „armenische Frage“ aus „eignem Studium“ nicht beurteilen. Bei den Armeniern handele es sich aber „um ein unterdrücktes Volk, das das Unglück hat zwischen der Skylla des türkischen und der Charybdis des russischen Despotismus eingekeilt zu sein“. Engels sieht als Voraussetzung für „die Befreiung Armeniens von Türken und von Russen“ den Sturz des russischen Zarismus (vgl. MEW Bd. 39, S. 327).

 

1894: Sultan Abdülhamid II. (1876-1909) wird auf die entstehenden Jungtürken aufmerksam. Er versucht, die Organisation polizeilich zu unterwandern und zu zerschlagen. Einige Mitglieder sollen auch durch Amnestien für den Staat gewonnenwerden, während andere Vertreter der Bewegung von Paris aus weiter gegen den Sultan agitierten.

 

1894 bis 1896: Vertreter der Daschnak-Partei töten gezielt Personen im Osmanischen Reich, auch Armenier, die sie als Verräter oder Kollaborateure mit den Osmanen ansehen. Nach 1903 werden auch in Russland reiche Armenier gezielt getötet, die die Partei nicht finanziell unterstützten. 

 

1894/95: Landesweite Massaker an Armeniern im Osmanischen Reich ....., zwischen ......Opfer

Die US-amerikanische Missionarin Corinna Shattuck erlebt, wie in Urfa verfolgte Armenier sich ins Innere einer Kirche flüchten, wie diese verriegelt und angezündet wurde. Alle Armenier in der Kirche verbrannten. In einem Brief schrieb die Augenzeugin „... von dem unbeschreiblich krank machenden Geruch des großen Holocaust in der gregorianischen Kirche“ (zit. n. Schmidt-Häuer, S. 15, a.a.O.) – vielleicht die früheste Benutzung des Begriffs Holocaust im Völkermord-Zusammenhang.

 

1895: Gründung der ersten jungtürkischen Zeitung „Meşveret“ (dtsch. Beratung) im Pariser Exil, wobei der Name bewusst an die islamische Beratungstradition (Schura) anknüpft; die zweiwöchentlich (bis zum Juli 1908) erscheinende Zeitung wird von Ahmed Rıza [8] (1859–1930) gegründet und geleitet, sie erscheint in einer osmanischen einer französischen Fassung („Mechveret“), wobei der größte Teil der ca. 250 Ausgaben auf französisch erfolgt. Zu der Redaktionsgruppe der Meşveret gehört neben dem muslimischen Türken Ahmed Rıza der katholische Araber Halil Ganem, der orthodoxe Grieche Aristidi (mit dem Pseudonym „Ümid“), der Jude Albert Fua un der gregorianische Armenier Arnukyan efendi (vgl. Belge, Bd. 3, S. 847, a.a.O.). Schon diese Zusammensetzung der Redaktion ist programmatisch, die verschiedenen Nationalitäten und Religionen sollten in die Arbeit integriert werden, wobei allerdings auffällt, dass kein Kurde und auch kein Alevit in dem „Redaktionskollektiv“ beteiligt war. Die Zeitung wird heimlich ins Osmanische Reich geschmuggelt und insbesondere von Studenten verteilt, zirkuliert v.a. an Militärschulen.

In den nächsten Jahren entsteht eine überraschend reiche jungtürkische Presse, insgesamt gibt es mehr als 150 jungtürkische Presseorgane, die z.T. im Ausland, z. T. Auch im Osmanischen Reich erscheinen. Darunter ist sogar eine deutschsprachige Publikation, die „Frei Osmanische Post“ die in Wien publiziert wird (vgl. Belge, Bd. 3, S. 852, a.a.O.).

 

30. September 1895: Ca. 2000 Armenier demonstrieren in Istanbul für Reformen. Der osmanische Major. Servet bey, beschimpft ein demonstrierendes Hintschak-Mitglied und verletzt ihn mit seinem Säbel. Daraufhin zieht dieser einen Revolver und erschießt den Major. In den darauffolgenden Auseinandersetzungen und Gegendemonstrationen werden mehr als 100 Armenier getötet. Allein im Gaswerk in Pera sollen 21 armenische Arbeiter getötet worden sein. Viele Armenier flüchten in Istanbuler Kirchen und europäische Botschaften (vgl. Oswego Daily Times, 7. Oktober 1895, S. 1).

In der Folge legen Vertreter der sechs europäischen Großmächte einen Reformplan vor, nach dem u.a. den osmanischen Valis christliche Berater zur Seite gestellt werden sollten. Abdülhamid II. akzeptiert – nach außen hin – die Vorschläge, veranlasst aber zugleich die bis dahin blutigsten Massaker an Armeniern. Die „Hamidiye“ und andere Plünderer brandschatzen, vergewaltigen, rauben und morden in vielen Armeniervierteln, zwischen 36 000 und 90 000 armenische Opfer sind zu beklagen. Die Zahl der Ermordeten wäre noch höher gewesen, wenn sich nicht einige Valis und viele islamische Geistliche gegen die Pogrome gestellt und sie verhindert hätten (vgl. Spiegel, H. 14/1992).

 

26. August 1896: Eine den Daschnaken nahestehende Armeniergruppe besetzt das Gebäude der Ottomanischen Bank (der mehrheitlich in französischem Besitz befindlichen Staatsbank) in Istanbul/ Konstantinopel und verteidigt es gegen angreifendes osmanisches Militär. Die Besetzer stehlen nichts aus der Bank, sondern wollen die Öffentlichkeit auf die Lage der Armenier aufmerksam machen und fordern die Unabhängigkeit Armeniens. Da die Besetzer drohen, das ganze Gebäude samt den  146 Geiseln in die Luft zu sprengen, kommt es – durch französische Intervention - zu Verhandlungen, an deren Ende der freie Abzug der überlebenden Besetzer auf britischen Schiffen nach Marseille steht. In der Folge kommt es in Istanbul zu blutigen antiarmenischen Pogromen mit zwischen 4000 und 8 000 Toten. Die jungtürkische (noch oppositionelle) Zeitung „Meşveret“ urteilt, dass „… diese Massaker offiziell gelenkte Verbrechen waren“ (vgl. Spiegel, 14/1992, S. 164).  

 

1896: Die Daschnaken nehmen als Beobachter am 4. Kongress der Sozialistischen Internationalen in London teil und stellen ihr Programm vor.

 

8./9./10. Oktober 1896: Rosa Luxemburg veröffentlicht (zuerst in der „Sächsischen Arbeiter-Zeitung“, Dresden) ihre Schrift „Die nationalen Kämpfe in der Türkei und die Sozialdemokratie“, (a.a.O.).

In der Sicht Rosa Luxemburgs führte der ökonomische und militärische Druck der europäischen Staaten und Rußlands auf das Osmanische Reich unter Sultan Mahmud II. zu Reformen, wie der Schaffung eines stehenden Heeres und einer zentralisierten Bürokratie. Diese teuren Reformen verschlechterten die Lage großer Teile der osmanischen Bevölkerung. „Während bei uns die Zentralregierung das Volk rupft und daraus ihr Beamtentum unterhält, rupft hier umgekehrt das Beamtentum auf eigene Faust das Volk und unterhält daraus die Zentralregierung. Das Beamtentum erscheint somit in der Türkei als eine besondere, zahlreiche Bevölkerungsklasse, welche in eigener Person unmittelbar einen ökonomischen Faktor darstellt und in ihrer Existenz auf die berufsmäßige Ausplünderung des Volkes angewiesen ist“ (Luxemburg S. 59, a.a.O.). Ökonomisch sei das Land noch geprägt von einer Landwirtschaft mit vielfach halbfeudalem Charakter. Alle Versuche zum Aufbau einer eigenen Industrie seien fehlgeschlagen. „Das Fehlen der elementarsten Voraussetzungen der bürgerlichen Ordnung: der persönlichen und der Eigentumssicherheit, der wenigstens formellen Gleichheit vor dem Gesetz, eines vom kirchlichen getrennten Zivilrechts, moderner Verkehrsmittel etc. macht das Aufkommen der kapitalistischen Produktionsformen zur absoluten Unmöglichkeit. In derselben Richtung wirkt die Handelspolitik der europäischen Staaten der Türkei gegenüber, die ihre politische Machtlosigkeit auch dazu ausnutzen, sich in ihr einen schutzlosen Absatzmarkt für die eigenen Industrien zu sichern“ (Luxemburg, S. 60 f., a.a.O.).

In ihrer Schrift „Die nationalen Kämpfe in der Türkei und die Sozialdemokratie“ tritt Rosa Luxemburg für das Recht unterdrückter Nationen, z.B. Armeniens, auf Lostrennung und Bildung eines eigenen Staates ein (vgl. Luxemburg, S. 57 f., a.a.O.).

 

1897: Nach dem einmonatigen, für das Osmanische Reich siegreich endenden „Thessalienkrieg“ gegen Griechenland führte Abdül-Hamid II. den Titel „Gazi („Glaubensheld“). Kreta erhielt eine weitgehende Autonomie und wurde unter internationale Verwaltung gestellt. 1913 – nach den Balkankriegen kam Kreta zu Griechenland. Nach dem Vertrag von Lausanne wurde die muslimische Bevölkerung Kretas in die Türkei zwangsumgesiedelt, auch die griechischsprachigen Muslime.

Wiederaufnahme der Russifizierungspolitik durch Zar Nikolaus II. Innenminister Plehve [9] und Fürst Golitzin, der russische Gouverneur des Kaukasus, bewirken Dekrete des Zaren durch die armenische Schulen, Zeitungen, Bibliotheken, Kulturvereine etc. im Russischen Reich geschlossen werden.

 

1898: Auf seiner zweiten Orientreise bringt Kaiser Wilhelm II. im Rathaus von Damaskus einen Trinkspruch auf Abdülhamid II. aus: „Möge der Sultan und mögen die 300 Millionen Mohammedaner, die auf der Erde zerstreut leben und in ihm ihren Kalifen verehren, deshalb versichert sein, dass zu allen Zeiten der deutsche Kaiser ihr Freund sein wird“ (zit. n. Samsami, a.a.O.). Die Rede des Kaisers weckt in Paris, London und St. Petersburg Ängste, dass sich die deutsche Regierung mit dem Panislamismus oder dem arabischen Nationalismus verbünden könnten (vgl. Clark, S. 437, a.a.O.). Die Orient-Reisen des Kaisers führen zu einer politischen Annäherung zwischen dem Deutschen und dem Osmanischen Reich.

Der – auch mit Johannes Lepsius befreundete – evangelische Theologe und großdeutsche Publizist Paul Rohrbach (1869 – 1956) unternimmt eine Hochzeits- und Studienreise durch Armenien, vom Kaukasus zum Mittelmeer und publiziert einen gleichnamigen Reisebericht (a.a.O.). im Jahre 1903. In dem Bericht heißt es u.a.:

„Diese unglaubliche Ausraubung der besitzenden und steuerzahlenden Armenier durch die für das Staatswesen so gut wie unproduktiven Kurden, die der Regierung nicht einmal reguläre Soldaten, geschweige denn Steuern liefern, wird mir immer rätselhafter. … Wenn es wirklich, wie man mir versichert, in ganz Armenien so aussieht, dann hat die Pforte in den Massakern ganze Provinzen auf Jahre hinaus so gut wie verloren“ (Rohrbach, S. 72, a.a.O.). Und weiter heißt es: „Jede Vorstellung, die man sich von dem Zustand der Dinge hier macht, reicht nicht an die Wirklichkeit heran“ (Rohrbach, S. 155, a.a.O.).   

 

1898: Der populäre deutsche Schriftsteller Karl May (1842 – 1912) veröffentlicht seinen Abenteuerroman „Im Reich des silbernen Löwen II“, in dem sich im 6. Kapitel (Ein Rätsel) einige vorurteilsvolle Aussagen über „Levantiner“, insbesondere aber über Armenier finden: „Wo irgendeine Heimtücke, eine Verräterei geplant wird, da ist sicher die Habichtsnase eines Armeniers im Spiel“ (May, S. 476, a.a.O.). Und auf der nächsten Seite: „Ein geordnetes Mittel, um sich gegen die Armenier zu schützen, gibt es nicht. Der Türke handelt in Notwehr“ (May, S. 477, a.a.O.). Angesichts der enormen Breitenwirkung, die Mays Romane damals (und auch noch heute) haben, waren dies verheerende Aussagen, die zur Rechtfertigung eines Massakers dienen könnten. Generell finden sich in Karl Mays Romanen eine große Anzahl völkerpsychologischer Stereotype und Vorurteile, auch „rassistische Entgleisungen“ (vgl. ND, 15. 8. 2013).

1899: Andranik wirkt an der Verteidigung Sassuns gegen osmanische Einheiten mit.

 

1900: Baubeginn der Hedschas-Bahn, die von Damaskus nach Süden abzweigte und durch das heutige Jordanien bis nach Medina führte. Die Bahn war v.a. zum Transport von muslimischen Wallfahrern nach Medina und Mekka gedacht, wirkte tatsächlich auch als Bindeglied im Sinne der von Abdülhamid II. geförderten Panislamismus. Ca. ein Drittel der Baukosten wurden durch Spenden von Muslimen in aller Welt aufgebracht. Als Rechtsform erhielt die Bahn die einer unaufhebbaren geistlichen Stiftung (vakıf). Im 1. Weltkrieg wurde die Hedschas- Bahn an mehreren Stellen unterbrochen und nie wieder funktionsfähig gemacht.

 

20. November 1901: In dem wehrhaft ummauerten Heilige-Apostel-Kloster bei Muş verbarrikadierten sich ca. 30 armenische Fedajin (u.a. Andranik, Kevork Çavuş und Hakob Kotoyan) und ca. 10 armenische Bauern der Region. Sie werden von 5 Bataillonen der osmanischen Armee (ca. 1200 Soldaten, vgl. Ternon, S. 107, a.a.O.) unter dem Kommando von Ferih Pascha und Ali Pascha belagert. 19 Tage lang verteidigen sich die Fedajin erfolgreich, fügen den Soldaten große Verluste zu und weigern sich, sich zu ergeben. Es kommt zu Verhandlungen, an denen auch armenische Geistliche, Politiker aus Muş und ausländische Konsuln teilnehmen. Den Fedajin aber gelingt es eines Nachts in kleinen Gruppen unbemerkt aus dem Kloster zu entweichen.

Nach dem Ausbruch aus dem Heilige-Apostel-Kloster wird Andranik zu einer lebenden Legende unter den Armeniern, Türken und Kurden der Region. Andranik sei kein menschliches Wesen, sondern ein Geist, meinen osmanische Soldaten nach dem Verschwinden Andraniks. Kurden erzählen, Andranik habe in der Nacht seinen Mantel ausgezogen und viele Kugeln seien herausgefallen.

Andranik gelingt es durch die Aktion, die Aufmerksamkeit ausländischer Konsuln auf die bedrohte Lage der Armenier zu lenken.

In seinen 1924 in Boston unter dem Titel „The Battle of Holy Apostles' Monastery“ veröffentlichten Memoiren führte Andranik aus: „Es war nötig, dem türkischen und dem kurdischen Volk zu zeigen, dass ein Armenier eine Waffe benutzen kann, dass ein armenisches Herz kämpfen kann und seine Rechte schützen kann“ (vgl. Liwlechean, S. 40, a.a.O.).

 

3. März 1902: Der SPD-Reichstagsabgeordnete Georg Gradnauer (1866 - 1946) appelliert im Reichstag an die Reichsregierung, sich für die Einhaltung des Art. 61 des Berliner Vertrages einzusetzen. Die Regierung aber wiegelt nur ab.

 

26. Juni 1902: Der „Erzrevisionist“ Eduard Bernstein (1850-1932; damals Reichstagabgeordneter der SPD) organisiert in Berlin eine gut besuchte öffentlichen Volksversammlung [10] , auf der er die Gleichgültigkeit vieler deutscher Politiker gegenüber der Lage der Armenier scharf kritisiert. „Die Misswirtschaft der Türkei muss ein Ende nehmen, den Armeniern muss geholfen werden, das Foltersystem des Sultans (i.e. Abdul Hamid II.) muss verschwinden von der Erde!“ (http://www.wikepdia.org/wiki/Eduard_Bernstein). In seinen Ausführungen bezieht er sich auch auf Gräuelschilderungen von Johannes Lepsius. Er prangert die osmanische „Ausrottungspolitik“ an, erinnert an das christliches Hilfsgebot („Was Ihr nicht getan habt einem unter diesen Geringsten, das habt Ihr mir auch nicht getan“, Matth 25, 45) und auch an die „Erklärung der Menschenrechte von 1793“ (Bernstein, a.a.O.). Bernstein warnt vor weiteren Massakern an den Armeniern, gegen die von der osmanischen Regierung „… langsam, aber zielbewusst ein grausamer Vernichtungskampf geführt wird“ (Bernstein, S. 35, a.a.O.)

Eine von Bernstein verfasste Resolution wird auf der Volksversammlung („mit allen gegen eine Stimme“) angenommen. Darin heißt es u.a.: „Die Forderung von Recht und Sicherheit für Armenien ist in keiner Weise von einer Voreingenommenheit gegen die türkische Nation dictiert. Die Versammlung ist vielmehr der festen Überzeugung, dass die wahren Interessen der großen Masse des türkischen Volkes die Schaffung gerechter Zustände in Armenien erheischen, dass das türkische Volk mit den Armeniern das gleiche Interesse daran hat, der heutigen verrotteten Beamtenwirtschaft im Lande ein Ende zu machen ...“(Bernstein, Resolution, S. 41 f., a.a.O.).

 

1903: Königsmord in Belgrad: aufständische Offiziere ermorden den serbischen König Alexander und seine Frau Draga; sie zerstückeln ihre Leichen. Die „Königsmörder“ werden ein wichtiger Machtfaktor in Belgrad und setzen eine neue, antiösterreichische und prorussische Außenpolitik durch. „Serbien war eben nicht nur ein umhergestoßenes Objekt der Großmächte. In Belgrad wurde eigenständige Politik gemacht, die ihre Wirkung hatte“ (Clark, in FASZ, 15. Juni 2014, S. 24).

 

5. März 1903: Konzessionsvergabe für die Bagdadbahn an ein überwiegend deutschen Konsortium mit einer Laufzeit von 99 Jahren; Endpunkt der Bahn sollte Basra und ein noch festzulegender Ort am Persischen Golf sein. Wegen der Bagdadbahn kommt es zu erheblichen Spannungen zwischen Deutschland und Großbritannien, dass seine Interessen am Golf und in Indien bedroht sieht. Im Juli 1903 beginnen die Bauarbeiten, die in 10 Jahren abgeschlossen sein sollten. Faktisch aber ruhten die Arbeiten jahrelang, auch wegen der politischen Veränderungen im Osmanischen Reich, dann auch durch die militärischen Erfordernisse im 1. Weltkrieg. 

Der Taurustunnel der Bagdadbahn wird aber erst 1918 fertiggestellt. Erst 1940 erreichte ein Zug von Istanbul aus den Zielbahnhof Bagdad.

 

Juni 1903: Konfiszierung des Besitzes der armenischen Kirche durch die russischen Behörden: „Die letztgenannte Maßnahme warf den Funken ins Pulverfass. Obwohl die armenische Bourgeoisie, die dabei war, sich zu russifizieren, und der Katholikos das Handeln der Daschnaks verurteilten, weil sie sie für antiklerikale Sozialisten hielten, verbündeten sie sich jetzt mit ihnen, um die Selbstverteidigung zu organisieren. Die transkaukasischen Armenier hielten Protestversammlungen ab, die oft von Kosaken mit rücksichtsloser Härte gesprengt wurden, verübten Attentate auf russische Beamte, schufen geheime Gerichte, Schulen und Bibliothken und scharten sich so um ihr religiöses Oberhaupt, den Katholikos Krimian Hairik, undihre politischen Anführer, die Daschnaks“ (Ternon, S. 109, a.a.O.). 

 

1903 – 1912: Die Meerengen (Dardanellen und Bosporus) haben ins besondere für Russland eine hohe wirtschaftliche Bedeutung: Zwischen 1903 und 1912 passierten 37% der russischen Exporte die Dardanellen (vgl. Clark, S. 441, a.a.O.). 

 

1904: Angesichts der Russifizierungspolitik von Zar Nikolaus II. entscheiden sich die Daschnaken auf ihrem 3. Kongress in Sofia für eine programmatische Revision: die Verteidigung der Rechte der Armenier wird auf das Russische Reich, die Ost-Armenier ausgeweitet. 

 

1904/5: Deutsche Kolonialtruppen begehen im damaligen Deutsch-Südwestafrika an den aufständischen Hereros den – vermutlich – ersten Völkermord des 20. Jhdts.. Die Bekämpfung des Herero-Aufstandes galt damals als normales, vielleicht etwas „hartes“ Vorgehen gegen die „Wilden“. Lothar von Trotha (1848 - 1920), der Kommandeur der deutschen „Schutztruppe“ meinte, ein Krieg in Afrika ließe sich eben nicht nach den Vorschriften der Genfer Konventionen führen (zit. n. TAZ, 4./5. Juni 2005, S. 20). „Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut und Strömen von Geld. Nur auf dieser Aussaat kann etwas Neues entstehen“ (Lothar von Trotha, zit. n. de.wikipedia.org/wiki/Lothar_von_Trotha‎).

 

21. Juli 1905: Daschnaken platzieren Dynamit in dem Wagen des Sultans, während Abdülhamid in der Hamidiye-Moschee [11] sein Freitagsgebet absolviert. Er verspätet sich einige Minuten, es sterben 26 Mitglieder des Gefolges und weitere 58 Menschen werden verletzt. Der Sultan bleibt bei dem Attentat unverletzt.

 

Nach 1905: Nach der Revolution kommt es zu einer Revision der russischen Minderheitenpolitik, der Druck auf die Armenier wird verringert; Fürst Worontzow-Daschkow, der neue Gouverneur des Kaukasus, hebt die Dekrete von 1903 auf, die armenische Kirche erhält ihren Besitz und ihre Privilegien zurück. Darufhin kehrt die armenische Kirche zu ihrer konservativen Politik zurück und beendet die Zusammenarbeit mit den Daschnaken: „… die Romanows konnten sich wieder darauf verlassen, bei den Russisch-Armeniern Rückhalt zu finden“ (Ternon, S. 111, a.a.O.).

 

1905/011: Konstitutionelle Revolution in Persien (z.T. „jungpersische Bewegung“ genannt); Ziel der konstitutionellen Bewegung (pers. „maschrutiat“) war es, die absolutistische Monarchie durch ein konstitutionell-parlamentarisches System zu ersetzen. Eine konkurrierende Richtung, die v.a. von der schiitischen Geistlichkeit getragen wurde, strebte die Errichtung eines islamischen Staates nach ihrer Interpretation der Scharia (pers. „maschueh“) an. Während der Persischen Revolution gehören die dortigen Daschnaken zur Spitze der konstituionellen bewegung. Zur Leitung der konstitutionellen Armee gehört der Armenier Ephrem, Yeprem Khan Davidian (1868-1912); in der Armee kämpfen „… islamische Perser und Armenier Seite an Seite“ (Ternon, S. 111, a.a.O.). Ephrem Davidian wurde Polizeichef von Teheran und später eine Art iranischer Nationalheld. Bis heute gibt es in Teheran ein Denkmal für ihn.

Am Ende wurde eine Verfassung verabschiedet, bei der die Geistlichkeit eine Art Vetorecht gegen Gesetze hatte und die bis zum Auftreten des verborgenen Imams in Kraft bleiben sollte.

 

1906: Zum engsten Vertrautenkreis des k.u.k.-Thronfolgers Franz Ferdinand gehört der rumänische Jurist und Publizist Aurel Constantin Popovici (1863-1917), der 1906 genaue Pläne zur Schaffung von föderalen „Vereinigten Staaten von Groß-Österreich“ vorgelegt. Das Gebiet der k.u.k.-Doppelmonarchie sollte in 15/16 (tendenziell einsprachige) autonome Länder mit eigenen Parlamenten umgewandelt werden. So sollten z.B. Böhmen und Mähren in drei Länder zerlegt werden: Böhmen (die tschechischsprachigen Gebiete Böhmens und Mährens), Deutsch-Böhmen und Deutsch-Mähren. Das Kronland Galizien sollte in zwei Länder aufgegliedert werden: den ukrainischsprachigen Osten um Lemberg samt der Bukowina und den polnischsprachigen Westen um Krakau (vgl. Popovici, a.a.O.).

 

Abb. einfügen Groß-Österreich (Karte aus: http://ro.wikipedia.org/wiki/Aurel_Popovici#mediaviewer/Fi%C8%99ier:Greater_austria_ethnic.svg)

Einige Historiker nehmen an, dass bei einer rechtzeitigen Realisierung dieser Pläne Österreich-Ungarn noch heute existieren könnte.

 

1906 – 09: Österreichisch – Serbischer „Schweinekrieg“; Zollstreitigkeiten um die Einfuhr von Schweinen und Schweinefleisch nach Österreich-Ungarn.

 

1907::2. Jungtürkischer Kongress, ebenfalls in Paris: Ahmed Rıza schließt sich - widerstrebend - der Auffassung an, es sei legitim und nötig, zur Absetzung des Sultans Gewalt zu anzuwenden; später revidierte er seine Position.

 

1907: Auf dem 4. Kongress der Daschnaken in Wien beschließt die Partei, sich der Sozialistischen Internationalen anzuschließen. Die Aufnahme der Daschnaken erfolgt gegen den Widerstand der russischen Bolschewiki. Sie halten den Klassenkampf und Nationalismus für  nicht vereinbar.

 

1908: Die Istanbuler Elektrizitäts- und Straßenbahngesellschaft gehört zu 100% französischen, deutschen, belgischen und Schweizer Finanzgruppen (vgl. Belge, Bd. 3, S. 738, a.a.O.).

Verhaftung mehrerer Daschnaken im Russischen Reich, was das dortige Ansehen der Partei verringert (vgl. Ternon, S.111, a.a.O.).

 

Juli 1908: „Jungtürkische Revolution“; unter dem Druck der Öffentlichkeit gibt Abdülhamid nach und die Verfassung wird wieder in kraft gesetzt; die Daschnaken unterstützen die Jungtürken und das Komitee für Einheit und Fortschritt. Aufbruchstimmung im ganzen Osmanischen Reich, kurzzeitig gibt es eine echte Pressefreiheit und Verbrüderungen zwischen den verschiedenen nun offiziell gleichberechtigten Nationalitäten. Beginn der 2. Verfassungszeit, trk. „meșrutiyet“

Die Unterstützungder neuen Regierung durch viele Armenier beruhte auf dem Missverständnis, die Jungtürken v.a. als fortschrittliche Bewegung einzuschätzen, und nicht als Nationalisten, die das Reich turkisieren und die Minderheiten unterdrücken wollten.

Die Neuwahlen zum Meclis sollten auch in Bosnien-Herzegowina stattfinden, was die k.u.k.-Monarchie zum Anlass nahm, die beiden Provinzen zu annektieren.  

 

5. Oktober 1908: Völkerrechtswidrige Annexion von Bosnien-Herzegowina durch die k.u.k.-Monarchie, die das Osmanische Reich durch die jungtürkische Revolution als geschwächt ansah: „Annexionskrise“ 1908/09: Neben dem Osmanischen Reich protestieren auch Serbien (und sein Verbündeter Russland, das partiell panslawistisch orientiert war) gegen die Annexion. Serbien beansprucht das ganz überwiegend slawische Bosnien-Herzegowina für sich. Kriegsgefahr entsteht v.a. dadurch, dass Russland als Kompensation frei Durchfahrt durch die Meerengen forderte, was aber Großbritannien verhinderte.

U.a. in Prag kommt es in der Folge zu Auseinandersetzungen zwischen tschechisch- und deutschsprachigen Studenten, die ein Anwachsen des slawischen Einflusses befürchten.

Mehrmonatiger Handelsboykott des Osmanischen Reiches gegen die k.u.k.-Monarchie, was dieses schädigte. Die allermeisten Feze – im Osmanischen Reich seit der Tanzimat-Zeit die offizielle Kopfbedeckung – kommen aus Österreich, vielfach aus Wien. In der Folge verlor der Fez in der Armee seine Bedeutung, wurde geradezu unbeliebt. Viele Offiziere trugen nur den (zentralasiatischen, deshalb panturanistisch konnotierten) Kalpak, eine zylindrische Mütze, oft aus Pelz).  

Allerdings macht der Kalpak wie der Fez durch seine Schirmlosigkeit den Soldaten bei Sonneneinstrahlung Probleme. Deshalb setzt sich seit dem Beginn des 20. Jhdts. in der osmanischen Armee ein Helm – Kabalak  - durch, der von Enver Pascha gefördert auch „Enveriye“ genannt wurde.

 

                         

 

Kabalak                                               Kalpak                           Fez

 

Im Jahre . erkannte die osmanische Regierung gegen eine Zahlung von 2,5 Mio. türkische Pfund die Annexion an. Die k.u.k. – Rechte im Sancak von Novi Pazar werden hingegen aufgegeben, es kommt wieder zum Osmanischen Reich. Nach den Balkan-Kriegen wird der Sancak zwischen Serbien und Montenegro aufgeteilt.  

 

1909: Erneute Massaker an Armeniern in dem Osmanischen Reich, u.a. in Kilikien. Zwischen 20 000 und 30 000 Armenier und ca. 1300 Aramäer werden ermordet.

Die armenische Dichterin, Schriftstellerin und Übersetzerin Zabel Jessaian (1878  - 1943) besucht anschließend – im Auftrage des armenischen Patriarchats von Konstantinople - betroffene Gebiete und schreibt anhand von Aussagen von Überlebenden den beeindruckenden Bericht „In den Ruinen“ („Averagenu Mech“), der 1911 veröffentlicht wird. Berichtet wird von einer armenischen Familie in der Region von Adana. Während der Massaker wird der Vater der Familie ermordet, das Haus geplündert und zerstört. Die restliche Famlie triit unter massivem Druck zum Islam über, dennoch wird der Sohn gelyncht und die beiden Töchter an Türken zwangsverheiratet. Die Mutter verflucht die Täter und die osmanischen Richter in Adana, die ihr keine Genugtuung verschaffen wollen.   

 

Der deutsche Publizist Ernst Jäckh bereist u.a. Kilikien und beschreibt in seinem 1911 erscheinenden Bericht „Der aufgehende Halbmond“ den (angeblichen) armenischen „Volkscharakter: „Gewiß es ist Tatsache, dass diese Art städtischer Armenier am meisten und am schlimmsten alle jene dunklen und häßlichen Eigenschaften an sich hat, ... eine Mischung von  knechtischer Verschlagenheit und rachsüchtiger Hinterlist ... Gleiche Kennzeichnung ... gilt auch für die Armenier der anatolischen Dörfer, wo er den gutmütig-ehrlichen und kaufmännisch-ungewandten Türken ausbeutet und drangsaliert“. An gleicher Stelle zitiert Jäckh ein (angeblich altes) türkisches Sprichwort: „Zwei Griechen geben einen Armenier, und ein Armenier gibt zwei Teufel“ (Jäckh, zit. n. Knigge, S. 43/44, a.a.O.).

 

1909: Auf dem 5. Kongress der Daschnaken halten diese an der Unterstützung für die Jungtürken fest.

Aram Zildjian , der Chef der gleichnamigen renommierten Becken-Firma in Istanbul, muss nach Bukarest fliehen, da er sich an Aktivitäten der armenische Nationalbewegung beteiligte. In Bukarest gründet er eine Beckenproduktion. Seit 1929 befindet sich der Firmen- und Produktionssitz in den USA, heute in Norwell/Massachusetts. Zildjian ist heute die älteste und berühmteste Firma und weltweit ein Marktführer im Bereich der Schlagzeugbecken. Unterdessen ist die Firma in der 15. Generation der Familie Zildjian.

 

1909 bis 1911: Enver bey ist Militärattaché an der osmanischen Botschaft in Berlin und wohnte in Klein Glienicke, nördlich von Babelsberg. Hier knüpfte er eine Reihe von freundschaftlichen Beziehungen zu deutschen Militärs und Beamten. Die engen deutsch-osmanischen Beziehungen mündeten 1914 in den Kriegseintritt im Ersten Weltkrieg auf Seiten der Mittelmächte. Enver [1] setzte sich persönlich dafür ein, dass deutsche Offiziere höchste Funktionen in der osmanischen Armee erhielten.

 

1910: Auf einem Kongress der Ittihad ve Terraki führte Talaat aus: „Ihr wisst, dass nach den Paragraphen der Verfassung die Gleichheit von Muslimen und Ungläubigen garantiert ist … Aber es kann von Gleichheit nicht die Rede sein, solange wir die Osmanisierung des Reiches nicht verwirklicht haben“ (Talaat, zit. n. Schmid, S. 23, a.a.O.). 

 

1910 - 14: In diesem Zeitraum vollführen oder planen junge Serben ca. 20 Anschläge auf offizielle Vertreter Österreich-Ungarns in dessen südslawischen Provinzen (vgl. Clark, S. 72, a.a.O.). Oft sehen die Attentäter ihre Tat als „Opfer“ für die unerlöste „Nation“. Es kommz zu einem wahren „Todeskult“ unter den Attentätern.

 

1911: Der deutsche Botschafter in Istanbul, Adolf Marschall von Bieberstein (1842- 1912), bezeichnet in einem Brief an den Reichskanzler von Bethmann-Hollweg das Osmanische Reich als eine „... politische, militärische und wirtschaftliche Interessensphäre“ Deutschlands (vgl. Clark, S. 435, a.a.O.). 

Auf dem 6. Kongress der Daschnaken in Konstantinopel wenden diese sich gegen die Politik des Komitees für Einheit und Fortschritt.

 

3. Oktober 1911: Beginn des italienischen Eroberungskrieges im osmanischen Tripolitanien und der Cyrenaika. Aus dem erhofften kurzen, siegreichen Krieg wird trotz der enormen italienischen Überlegenheit ein langer blutiger: Ca. 100 000 italienische Soldaten werden eingesetzt. In dem Krieg werden zudem erstmals in der Geschichte überhaupt Bombardierungen aus der Luft vorgenommen. Auch gab es blutige Massaker an der arabischen Bevölkerung im heutigen Libyen. Osmanischer Oberbefehlshaben in dem Krieg ist Enver bey, der spätere jungtürkische Kriegsminister. Der junge Mustafa Kemal kämpfte als Major in Tripolitanien. Da sich der Krieg auch auf einer Guerilla-Ebene - unterstützt durch den Sufi-Orden der Sanussiya - hinzog, griff die italienische Flotte auch Beirut an (wo osmanische Kriegsschiffe stationiert waren), desgleichen auch die Meerengen. Der Dodekanes und Rhodos in der Ägäis werden besetzt. Im Februar 1912 kommt es zum in Lausanne Friedensschluss zwischen Italien und dem Osmanischen Reich: Libyen und der Dodekanes werden an Italien abgetreten.

Es dauerte noch ca. 20 Jahre, bis Libyen „befriedet“ war. Für die Enstehung eines arabischen Nationalismus hatte der Krieg eine große Bedeutung.  

Die Niederlage des Osmanischen Reiches gegen Italien „enthemmte“ die Balkanstaaten ihrerseits gegen die osmanischen Stellungen in Europa vorzugehen.

 

1912: Gründung des Balkan-Bundes, mit deutlicher antiosmanischer Tendenz, auch auf dem Hintergrund der osmanischen Niederlage im Libyen-Krieg. Am 8. Oktober 1912 beginnt der 1. Balkankrieg mit einem Angriff montenegrinischer Truppen auf osmanische Stellungen. Am 18. Oktober treten serbische Truppen in den Krieg ein. Die bulgarische Armee schließlich drängt die Osmanen bis auf ca. 30 km vor Istanbul zurück, zu der befestigten Çatalca-Linie.

Im 1. und 2. Balkan-Krieg mobilisieren die Balkanstaaten Bulgarien, Serbien, Montenegro und Griechenland (später auch Rumänien) ca. 500 000 Soldaten. Das Osmanische Reich verliert innerhalb von knapp sechs Wochen praktisch alle seine europäischen Gebiete.

 

3. Dezember 1912: Unterzeichnung eines Waffenstillstandes zum 1. Balkankrieg. Sofort beginnen Streitigkeiten um die Verteilung der eroberten Territorien, v.a. zwischen Bulgarien, Serbien und Griechenland, die zum 2. Balkankrieg führen, in den auch Rumänien eingreift. Alle Nachbarstaaten Bulgariens einschließlich des Osmanischen Reiches bilden eine Koalition, der Bulgarien bis Ende Mai 1913 erliegt.

Dennoch bleiben die europäischen Besitzungen der Osmanen bis auf Ost-Thrakien und Edirne/Adrianopel verloren. Edirne (das alte Adrianopel) – immerhin die erste osmanische Hauptstadt in Europa – wird durch osmanische Truppen unter Enver bey von den Bulgaren zurückerobert. In der öffentlichen Meinung der Osmanen wurde Enver zum Kriegshelden, was ihm das Amt des Kriegsministers in der neuen jungtürkischen Regierung bescherte.

Die damalige osmanische Westgrenze ist auch die heutige Grenze der türkischen Republik.

Viele Muslime aus Mazedonien, Thrakien und Albanien werden vertrieben, auch durch Serbien. In den eroberten Gebieten werden „… Kriegsverbrechen an der muslimischen Zivilbevölkerung in einem bisher in Europa unbekannten Ausmaß (verübt). Dabei kam es zur Einäscherung ganzer Dörfer, zu Vergewaltigungen, willkürlichen Morden und zur massenhaften Exekution angeblicher Spione. Die Zahl der toten und verwundeten Soldaten erreichte überdies bald die Hunderttausendermarke“ (Janz, S. 55, a.a.O.).

Für Christopher Clark ist die Balkan-Krise vor dem 1. Weltkrieg „… die komplexeste Krise der Moderne“ (vgl. Clark, a.a.O.).

 

1912: Konzessionsvergabe des Sultans an die heutigen Mineralwasser-Firma „Ulu Dağ“, an den Versicherungsunternehmer Mehmet Hakki Bey in Bursa, mit einer urspünglich französischen finanziellen Beteiligung. Die Firma ist heute der bedeutendste türkische Getränke-Konzern.

18. März 1913: Der griechische König Georg I. (1845-1913) wird in Saloniki von einem makedonischen Attentäter erschossen; ihm folgt sein ältester Sohn Konstantin (1868-1923) auf dem Thron.

 

1913: Nach dem Ende des 2. Balkankrieges vereinbaren das Osmanische Reich und Bulgarien einen wechselseitigen „Bevölkerungsaustausch“, eine Art Sündenfall, der die Geschichte des 20. Jhdts. unheilvoll prägen sollte.

Die Vorstellung von dem ethnisch homogenen Nationalstaat als dem einzigen stabilen Staat setzte sich durch.

In den von Serbien durch die Balkankriege gewonnenen Gebieten kommt es „… zu unzähligen Fällen willkürlicher Zerstörung von türkischen Gebäuden wie Schulen, Badehäusern und Moscheen. Britischen Konsuln gelang es in manchen Fällen, den Schaden in Grenzen zu halten, indem lokale serbische Befehlshaber überzeugt wurden, dass das eine oder andere Gebäude schon aus der Zeit Stepan Dušans stammte und folglich Teil des serbischen Nationalerbes sei. Diese Notlüge beispielsweise führte dazu, dass die schöne türkische Brücke Kamen Most [12] aus dem 15. Jhdt. im makedonischen Skopje (Üsküb) verschont blieb“ (Clark, S. 74, a.a.O.).

In „Neu-Serbien“ hatten insbesondere die Muslime zu leiden, es wurde geplündert, vergewaltigt, gemordet, ganze Dörfer wurden verbrannt und ihre Bewohner vertrieben; durch „… barbarische Massaker …, denen sie ausgesetzt waren (liefen sie) … Gefahr, ausgelöscht zu werden“ warnte im November 1913 ein britischer Konsul in Makedonien (zit. n. Clark, S. 75, a.a.O.). 

In dem „Carnegie-Report“ der internationalen Untersuchungskomission (mit u.a. drei Nobelpreisträgern) über die Lage der Zivilisten während der Balkan-Kriege werden eine Unzahl von Morden, Foltern, Grausamkeiten, Massengräbern, zerstörten Dörfern und Gotteshäusern sowie ethnischen Säuberungen durch alle Beteiligte geschildert. „Als Folge der Balkankriege wurden massiver Bevölkerungsaustausch und ethnischer Separatismus zum ersten Mal Teil moderner europäischer Konflikte und drangen in das Vokabular der Friedensschlüsse ein. Bulgaren, Serben und Griechen versuchten Nationalstaaten innerhalb neuer Grenzen zu schaffen, indem sie Minderheiten vertrieben und ausschließlich die Interessen der eigenen Volksgruppen förderten. In den Jahren bevor das Blutbad des Ersten Weltkriegs die europäische Landschaft auf Dauer veränderte, untergruben die Forderungen nach neuen Grenzen und ethnisch homogenen Territorien die Stabilität der alten europäischen Ordnung“ (Naimark, S. 29, a.a.O.). Die Publikation der erschreckenden Untersuchungsergebnisse (in Washington D.C.) erfolgt im Frühsommer 1914 und wurde vom Beginn des 1. Weltkriegs völlig überschattet.

Ilja Venesis beschreibt in seinem Roman „Äolische Erde“ die Ankunft von muslimischen Flüchtlingen der Balkan-Kriege in der kleinasiatischen Ägäis-Region und die daraufhin erfolgende Vertreibung großer Teile der dortigen griechischen Bevölkerung (vgl. Venesis, a.a.O.).  

 

10. August 1913: Im Friedensvertrag von Bukarest, der den 2. Balkankrieg beendet, verliertt Bulgarien alle Gebiete, die es im 1.Balkankrieg gewonnen hatte. Revisionsversuche drängen das Land im 1. und 2. Weltkrieg an die Seite Deutschlands.  

 

Dezember 1913: Eine deutsche Militärmission trifft in Istanbul ein; die gesamte militärische Ausbildung, auch die des Generalstabs, kommt in die Hände deutscher Offiziere. Der deutsche General Liman von Sanders wird zum Kommandeur des 1. Osmanischen Armeekorps (zuständig auch für Istanbul und die Meerengen) ernannt; nach Protesten der französischen und britischen Regierung legt er zwar das Kommando nieder, wird aber Feldmarschall des Osmanischen Riches und Generalinspekteur der Osmanischen Armee (vgl. Clark, S. 446, a.a.O.). 

 

Vor 1914: Völlige Überschätzung der militärischen Kraft Russlands durch alle Großmächte. V.a. in Deutschland und dem Osmanischen Reich herrschte teilweise geradezu eine paranoide Angst vor der riesigen russischen Armee.

 

1914: U. a. Johannes Lepsius, Paul Rohrbach und Avetik Issahakyan [13] gründen in Berlin die Deutsch-Armenische Gesellschaft (DAG), die generell Armenier unterstützen, armenische Kultur fördern wollen und sich für die Autonomie bzw. Unabhängigkeit Armeniens einsetzen. Seit 1973 veröffentlicht die Gesellschaft die Vierteljahreszeitschrift „Armenisch-Deutsche Korrespondenz“.

 

8. Februar 1914: Der Großwesir unterzeichnet einen – auf russischen und deutschen Druck zustande gekommenen – Reformplan für Ostanatolien: Vorgesehen sind u.a. die Rückgabe geraubten Landes, verbesserte Sicherheit, mehr regionale Partizipation, die Beteiligung aller ethnischen und religiösen Gruppen an den Staatsorganen, der amtliche Gebrauch regionaler Sprachen und die internationale Kontrolle dieser Maßnahmen durch zwei Generalinspektoren (vgl. Guttstadt, S. 17, a.a.O.).

 

18. März 1914: Der konservative Abgeordnete und britische Orient-Experte Sir Mark Sykes erklärt in einer Rede im Unterhaus, „... dass der Würgegriff des französischen Kapitals im osmanischen Syrien letztlich den ‚Weg für ein Armenien frei machen` werde“ (zit. n. Clark, S. 443, a.a.O.).

 

28. Juni 1914: Der k.u.k.-Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau besuchen österreichische Truppen in Sarajewo, genau am Veitstag, dem Tag, an dem 1389 auf dem Amselfeld die serbische Armee von den Osmanen vernichtet wurde. Überall in Serbien finden Gedenkfeiern statt, da es der erste Veitstag seit der Eroberung („Befreiung“) des Kosovo ist. In den Augen serbischer Nationalisten ist der Thronfolgerbesuch an diesem Tage ien symbolischer Affront (vgl. Clark, S. 477, a.a.O.).  

Das Thronfolgerpaar wird in Sarajewo von dem bosnischen Gymnasiasten Gawrilo Princip (1894–1918, an TBC, im Gefängnislazarett Theresienstadt) erschossen [14] . Princip sah sich selber als revolutionären Tyrannenmörder und hatte mit Sicherheit Kontakte zu Angehörigen des serbischen Geheimdienstes. Verbindungen zur Regierung in Belgrad konnten bis heute nicht nachgewiesen werden. Dieser wollte vermutlich verhindern, dass es durch einen möglichen Politikwechsel unter Franz Ferdinand zu einer Stabilisierung der Doppelmonarchie kommen könne (vgl. oben Popovici, 1906).

In Sarajewo und Wien kommt es nach dem Attentat zu antiserbischen Pogromen, die von der Polizei nicht unterbunden werden. Die Folge war eine weitere „Ethnisierung“ von Teilen der österreichisch-ungarischen Bevölkerung.

Teile des k.u.k.-Militärs nutzten das Attentat um zu dem lange gewünschten und geplanten Krieg gegen Serbien zu kommen. Die Armee war aber auf einen raschen Krieg nicht vorbereitet, auch nicht allein gegen Serbien: Viele Soldaten waren zum Ernteurlaub entlassen, viele Offiziere machten ihren Sommerurlaub. So zog sich die österreichische Reaktion lange hin.

Der deutsch-US-amerikanische Publizist Hannes Stein (*1965) beschreibt in seinem 2013 erschienenen utopischen Roman „Der Komet“ wie die Welt sich hätte entwickeln können, wenn das Attentat von Sarajewo nicht geglückt wäre. In dem Roman sagt der Thronfolger Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 nach dem Bombenattentat (das ihn verfehlt hatte): „I bin doch nicht deppat, i fohr wieder z’haus“ (Stein, 2013, S. 222, a.a.O.) – Gawrilo Princip kam mit seiner Pistole nicht zum Zuge, der 1. Weltkrieg, der deutsche Faschismus und der 2. Weltkrieg fallen aus. Österreich-Ungarn, das deutsche Kaiserreich, das Osmanische und das Zarenreich existierten bis heute, - eine allerdings recht unwahrscheinliche Entwicklung. Der US-Publizist Adam Hochschild (*1942) fragte sich: „Hätte der Krieg vermieden werden können, wenn der Erzherzog und seine Frau nicht ermordet worden wären? Möglich, doch angesichts der Ungeduld Österreich-Ungarns, Serbien zu zerschlagen, und dem Ehrgeiz des Deutschen Reiches, die Vorherrschaft in Europa anzutreten, ist es kaum vorstellbar, dass sich ein wie auch immer gearteter Konflikt hätte vermeiden lassen“ (Hochschild, S. 120, a.a.O.).  

 

Juli 1914: In der komplexen und chaotisch ablaufenden Juli-Krise nach dem Attentat von Sarajewo zeigte sich, dass es „keinen Rückwärtsgang“ (Herfried Münkler) der Diplomatie gegenüber den anscheinend zwangsläufigen Automatismen der jeweiligen militärischen Planungen gab. Nach Clark bewegten sich die Regierenden Europas wie die „Schlafwandler“ hin zum Krieg.

 

Juli 1914: 8. Kongress der Daschnaken in Erzurum: Beschlossen wird, die Armenier sollen loyal an der Seite des jeweiligen Staates stehen, dessen Staatsbürger sie sind. Vielen Armeniern ist  der Gefahr bewusst, zwischen dem russischen und dem osmanischen Reich aufgerieben zu werden.

 

28. Juli 1914: Nach einem 48stündigen unannehmbaren Ultimatum Kriegserklärung der k.u.k.-Monarchie an Serbien, Beginn des 1. Weltkriegs. Die angreifende Armee begeht in Serbien eine Vielzahl von Kriegsverbrechen (vgl. „Die Presse“, 30. März 2014).

 

1. August 1914: Deutsche Kriegserklärung an Russland

 

4. August 1914: Im deutschen Reichstag werden die ersten Kriegskredite bewilligt, einstimmig, auch mit der Stimme Karl Liebknechts. Später lehnt er (z.T. als einziger Abgeordneter) die Kredite ab und wird daraufhin zu einem Armierungsbataillon eingezogen. Liebknechts „Waffenrock“ wird 2014 bei der 1. Welt-kriegsausstellung des Berliner DHM gezeigt.

 

August / Oktober 1914: Die osmanischen Reformpläne für Ostanatolien werden suspendiert bzw. aufgehoben.

 

1914 - 18: 1. Weltkrieg, die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan), ein Krieg in dem (anscheinend) beide Seiten an ihre moralische Überlegenheit glauben; es standen ca. 70 Mio. Mann unter Waffen, der Krieg forderte ca. 10 Mio. tote Soldaten, ca. 7 Mio. tote Zivilisten und ca. 20 Mio. Verwundete; wie Christopher anmerkte, war der 1. Weltkrieg „… genau genommen der dritte Balkankrieg, bevor er zum Weltkrieg wurde“ (Clark, S. 318, a.a.O.). Das „geopolitische Gleichgewicht“ sei durch die vorausgegangenen Balkan-Kriege aus den Fugen geraten.

Wie der australische Historiker Christopher Clark (a.a.O.) betonte, hatte Serbien mit ca. 1,2 Mio. Toten bei ca. 4,5 Mio. Einwohnern prozentual den höchsten Blutzoll im 1. Weltkrieg zu erleiden. Die menschenfeindliche Parole „Serbien muss sterbien“ (Karl Kraus) hatte so einen realen Hintergrund bekommen.

Insbesondere der Einsatz von Maschinengewehren und Artillerie mir schneller Schussfolge führen zu deutlichen Vorteilen für die Verteidiger und bewirken den baldigen Übergang zum Stellungskrieg. Durch die anfängliche Offensivstrategie sind die ersten Kriegsmonate auf deutscher Seite die verlustreichsten des ganzen Krieges.

 

Die Stabilität der jeweiligen „Heimatfront“ (der Begriff kam im 1. Weltkrieg in deutschen Zeitungen auf) wurde im Verlaufe des Krieges immer wichtiger, sowohl wirtschaftlich, als auch mental-politisch, hinsichtlich der Loyalität der Heimatgesellschaft, ihrer Bereitschaft, die Einschränkungen und Leiden des Krieges weiter zu erdulden.  

Da die Regierungen aller kriegführenden Staaten (offiziell) mit nur einem kurzen Krieg rechnen und für ihn geplant hatten, kommt es erst nach ca. 6 bis 12 Monaten zu einer wirklichen Umstellung der Industrie auf eine Kriegswirtschaft. Alle großen Städte werden Zentren der Rüstungsproduktion, die Bau- und Textilindustrien z.B. verlieren deutlich an Gewicht. Durch die Rüstungsproduktion und die eingezogenen Soldaten werden in allen kriegführenden Staaten die Arbeitskräfte knapp, es herrscht bald Vollbeschäftigung, die Arbeitszeiten werden verlängert.

Jedoch zahlt die Rüstungsindustrie relativ gut, man will die ArbeiterInnen „bei Laune“ halten. Dagegen zahlen die Nicht-Rüstungsbetriebe geringere Löhne, die dort Tätigen verarmen.     

 

V. a. bei den Mittelmächten, die unter der alliierten Blockadepolitik leiden, kommt es bald zu einem Gegensatz zwischen Stadt und Land, da diese vor unterschiedlichen Versorgungsproblemen stehen.

In Deutschland steht nun durchschnittlich nur noch ca. 75% der Vorkriegsnahrungsmenge zur Verfügung. Vor allem in Österreich-Ungarn, dem Deutschen Reich und in Russland waren die Städte unterversorgt. In Berlin wird bereits 1915 eine Rationierung der Lebensmittel eingeführt, ihre Verteilung bleibt problematisch. Oft stundenlanges Schlange-Stehen („Polonaisen“) wird in den Städten für große Teile der Bevölkerung zur Alltagserfahrung. Der Schwarze Markt wie auch „Hamsterfahrten“ aufs Land gewinnen rasch an Bedeutung, zu hohen Preisen sind Lebensmittel verfügbar. Der Begriff „Schieber“ wird geprägt. Vielfach wird die Schieberei den Juden in die Schuhe geschoben. Angesicht der Entbehrungen und des anwachsenden Hungers in den Städten [3] kommt es mehrfach zu Plünderungen von staatlichen Lebensmitteldepots.  

Viele Städte verändern im Krieg ihr Aussehen, durch Flüchtlinge, Kriegsgefangene und ausländische Arbeiter. Durch die „im Felde stehenden“ Männer kommt es zu einer Feminisierung der Städte: Frauen übernehmen immer mehr Arbeiten in der Industrie – auch in der Rüstungsindustrie - und bei den Dienstleistungen.

Für die Kinder der Industriearbeiterinnen werden in vorher unbekanntem Umfang Ganztagsbetreuung und -versorgung organisiert.

Auch werden die Städte immer dunkler, weniger wegen Verdunklungen als durch die Rationierung der Verbrennungsmittel (Gas, Kohle, Öl usw.).

Durch die Versuche zur Selbstversorgung kommt es zu einer Art „Regression der Städte“ (Thomas Mergel[4]), die sich in ihrem Aussehen wieder dem Lande annähern. 

 

Der 1. Weltkrieg ist von daher auch der erste Medienkrieg der Geschichte: Zur Sicherung der der Massenloyalität der  jeweiligen „Heimatfront“ werden in vorher unbekanntem Umfang Propaganda-Plakate, Photos, Filme etc. eingesetzt, bei den alliierten Entente-Mächten stärker und professioneller als bei den Mittelmächten.

Auffällig ist – nach der Schlacht bei Tannenberg – der enorme, messianisch anmutende Kult um Hindenburg, wie er sich z.B. an 1914/15 in den Schulen vermittelten Kinderliedern offenbart:

„Hindenburg der Russenschreck soll im Kreise stehen.

Und wir wollen uns um ihn, wie die Sternlein drehen.

Hindenburg, Russenschreck, vorne durch, hinten weg,

Du umringst, du bezwingst ‚s ganze Russenpack“

 

Der mentale Bedarf an Heldenfiguren und einer Enthumanisierung des „Feindes“ ist groß.

Zur Unterstützung der wachsenden Anzahl von Kriegswitwen und –waisen dienen viele „Nagelfiguren“ in verschiedensten Ländern; z.B. der „Eiserne Hindenburg“, eine 12m hohe Holzfigur, die 1915 südlich der Siegessäule auf dem Königsplatz (damals vor dem Reichstag) aufgestellt wird. Gegen eine Mindestspende von 10 Pfennigen darf man einen Nagel in die Figur schlagen, bis die Figur schließlich gänzlich aus Eisen bestand.

Auf dem Berlin-Neuköllner Herzbergplatz wird ebenfalls 1915 eine hölzerne Ritterfigur, der Eiserne Mann“ aufgestellt. Wer keine Spende tätigt, riskiert als „unpatriotisch“ angesehen zu werden.

Wie Christopher Clark (a.a.O.) anmerkte, hatte es seit dem 30jährigen Krieg in Zentraleuropa keinen ähnlich grausamen Krieg, mit Vertreibungen und Massakern auch an der Zivilbevölkerung gegeben wie den 1. Weltkrieg.

 

August 1914:  Die diensttauglichen jungen Männer, auch die Armenier, werden zur osmanischen Armee eingezogen. „Allerdings war die Zahl der Fahnenflüchtigen bei Muslimen und Christen Ostanatoliens sehr hoch, was Probleme der inneren Sicherheit aufwarf“ (Guttstadt, S. 18, a.a.O.).

 

26. August 1914: Die österreichische Armee nimmt im besetzten Serbien Zivilisten als Geiseln. Bei militärischen Vorfällen gegen Besatzungssoldaten werden (als Vergeltung) bald ganze serbische Dörfer niedergebrannt.

 

Herbst 1914: Mit den Niederlagen gegen die russische Armee in der heutigen Ukraine wächst die Paranoia in der k.u.k.-Monarchie; v.a. in Galizien werden überall „innere Feinde“, Spione und „verdächtige Elemente“ ausgemacht, die verschleppt oder ins Hinterland deportiert werden. 

 

September 1914: Das Auswärtige Amt und der Oberste Generalstab gründen gemeinsam in Berlin die „Nachrichtenstelle für den Orient“, die überall Propaganda im Sinne der Mittelmächte betreiben soll, in der deutschen Öffentlichkeit, bei den neutralen Mächten, an den Fronten und unter den muslimischen Kriegsgefangenen.

Eine geheime deutsche Expedition begibt sich auf die Reise in den (neutralen) Iran bzw. nach Afghanistan. Im südlichen Iran gelingt es einer Gruppe um den Diplomaten und Orientalisten Wilhelm Wassmuss (dem „deutschen Lawrence“, 1880 - 1931) einige Nomaden zu einem Guerilla-Kampf gegen die Briten anzuführen.

 

Internierung und Deportation Tausender Ukrainer (k.u.k.-Staatsbürger) aus Galizien, auch Frauen und Kinder, die als „russophil“, als „innerer Feind“ gelten. Unter anderem erfolgt die Deportation nach Graz, wo jedoch nicht für Ankommenden vorbereitet wurde. Bis zum April 1915 sterben dort über 1000 Menschen, v.a. wegen der schlechten hygienischen Bedingungen.

 

29. Oktober 1914: Kriegseintritt des Osmanischen Reiches auf der Seite der Mittelmächte: zwei deutsche, die Osmanen übergebenen Kriegsschiffe (die Goeben und die Breslau) beschießen russische Küstenstädte am Schwarzen Meer. Daraufhin erklären Russland, Großbritannien und Frankreich dem Osmanischen Reich den Krieg. Großbritannien annektiert das bisher gepachtete Zypern.

In der Sicht Christopher Clarks zählt das Osmanische Reich 1914 nicht mehr zu den Großmächten, ist aber ein „… strategisch wichtiger … und souveräner Akteur“ (Clark, S. 13, a.a.O.).

Russische Politiker und Militärs versuchen im 1. Weltkrieg die Westarmenier auf ihre Seite zu ziehen. Als Zar Nikolaus II. im Dezember 1914 die Kaukasusfront besichtigt, sagt der Katholikos in Etschmiadsin zu ihm: „Das Wohl der Türkisch‑Armenier kann nur durch eine endgültige Befreiung aus türkischer Herrschaft und die Schaffung eines autonomen Armeniens unter dem machtvollen Schutz Großrußlands gesichert werden". „Teile deiner Herde mit", antwortet der Zar, "dass den Armeniern eine brillante Zukunft bevorsteht." (vgl. ...???..)

Viele Armenier im Osmanischen Reich waren zu dem Krieg gegen Rußland nicht motiviert, einige sahen in Rußland eine (potentielle) Schutzmacht der Armenier. Umgekehrt meldete sich eine ganze Reihe von Ost-Armeniern freiwillig, um gegen die Osmanen zu kämpfen. Sie wurden zu Partisanengruppen zusammengeschlossen, die den regulären russischen Truppen als Vorhut oder Wegführer dienten. Insgesamt sollen auf russischer Seite ca. 20 000, allerdings schlecht ausgerüstete armenische Freiwillige b[5] in sieben Gruppen aus Rußland [6], der Diaspora, aber auch aus dem osmanischen Teil Armeniens gekämpft haben. Unter den Anführern der Freiwilligen waren jedoch Westarmenier, die bereits als Guerillas gegen die Osmanen gekämpft hatten und von diesen als „Vaterlandsverräter“ angesehen werden, überrepräsentiert.

 

Ende Februar 1915: Enver Pascha schreibt – dankbar – an einen armenischen Bischof, „… dass die osmanischen armenischen Soldaten ihre Pflicht auf dem Kriegsschauplatz gewissenhaft erfüllen, was ich mit meinen eigenen Augen efststellen konnte“ (zit. n. Guttstadt, S. 18, a.a.O.).

 

25. Februar 1915: Auf Befehl des osmanischen Kriegsministers, Enver Pascha, werden alle armenischen Soldaten der osmanischen Armee entwaffnet und zur Zwangsarbeit in Arbeitsbataillonen verpflichtet; viele der jungen Armenier schuften sich dort zu Tode oder werden später umgebracht.

 

18. März 1915: Versenkung der britischen Kriegsschiffe „HMS Irresistible“ und „HMS Ocean“ sowie des französischen Panzerkreuzers „Bouvet“ durch osmanische Artillerie und Seeminen beim gescheiterten Durchbruch in den Dardanellen (ca. 800 Tote).

In der Folge wird vor dem Kriegsministerium in Istanbul die hölzerne Kopie des „erfolgreichsten“ Geschützes (ein Škoda-Geschütz) als „Eiserne Kanone von Stambul“ zur Benagelung aufgestellt.  

 Der Sieg beeindruckte die türkische Bevölkerung und die Regierung in Konstantinopel stark. Generalmajor Jòzef Pomiankowski (1866-1929; der österreichische Militärattaché in Istanbul und Gegner der damaligen deutschen Orientpolitik) schrieb dazu 1927 in seinen Memoiren („Der Zusammenbruch des Ottomanischen Reiches. Erinnerungen an die Türkei aus der Zeit des Weltkrieges“, Amalthea, Wien 1927): „Die bisherige Unsicherheit und moralische Depression verschwanden und machten einem ostentativen zur Schau getragenen Optimismus und Selbstbewusstsein sowie einem überaus brutalen Chauvinismus Platz“ (zit. n. Guttstadt, S. 18, a.a.O.).

 

Ende März 1915: Die ersten Deportationen aus der Gebirgsstadt Zeytun (arm. „Olive“, heute Süleymanlı, in der Provinz Kahmaranmaraş) beginnen; zu Ostern 1915 treibt türkische Gendarmerie alle Armenier Zeytuns aus der Stadt auf die Landstraße in Richtung Süden, ohne Verpflegung und Unterkunft. Am Fluss Kabur [1] (trk. Habur, ar. Khabur; ein Nebenfluss des Euphrat, der in Nordsyrien mündet) angekommen, zwingen die Gendarmen die armenischen Männer in den reißenden Fluss zu steigen; sie können meist nicht schwimmen und die Strömung des eiskalten Wassers reißt sie fort, alle ertrinken. Die Frauen und Kinder müssen weiter – offiziell zur „Umsiedelung“. Yüghapet Dirazuian, die letzte damals 14jährige Augenzeugin aus Zeytun, berichtete 1989 in Paris, wie es weiterging: „Man brachte uns nach Scheddede, an eine Höhle. Ihre Öffnung war so grß wie ein Tisch, aber unten hatte sie das Ausmaß von zwei oder drei Zimmern. Man ergriff die Frauen wie Säcke, zündete ihre Rocksäume an und warf sie hinunter. Alles schrie. Als ich dran war, bin ich schnell selbst gesprungen. Ich blutete, kroch zitternd in einen Winkel, verlor das Bewusstsein ... Am nächsten Tag kamen Männer in die Höhle, es waren keine Türken mehr, sondern Araber. Sie suchten nach Goldmünzen. Ich bekam mit, wie man einer Frau, die zugab, ihr Geld verschluckt zu haben, den Bauch aufschlitzte. Mich zerrten sie von einer Ecke zur anderen und brüllten: ‚Ausziehen, ausziehen!’. Als ich immer wieder beteuerte, dass ich nichts hätte, nicht einmal zu essen und zu trinken, bekam einer von ihnen Mitleid. Sein Cousin, der ihn mit einem Seil hinuntergelassen hatte, zog mich herauf. Draußen lagen Frauen und Kinder mit aufgeschlitzten Bäuchen. Die beiden jungen Araber taten so, als ob ich zu ihnen gehörte, damit die in der Nähe stehenden türkischen Gendarmen nichts merkten. Als sie mich zu sich nach Hause brachten, hat mich die Mutter des einen weinend umarmt und geküsst ... Ich war die einzige Überlebende aus der Höhle“ (Dirazuian, zit. n. Schmidt-Häuer, S. 15, a.a.O.).

 

20. April 1915: Nachdem der Gouverneur von Van, Cevdet bey (ein Schwager Enver Paschas) die lokalen armenischen Notabeln und Tausende von Dorfbewohnern hatte ermorden lassen, wagen die verzweifelten Armenier in Van den Aufstand gegen die drohende Vernichtung. Die Regierung in Istanbul nutzt den (provozierten) Aufstand in Van als Vorwand, die längst geplanten landesweiten Deportationen der Armenier zu beginnen.

 

24. April 1915: Die osmanische Regierung lässt 235 (nach anderen Angaben ca. 600) oberste armenische Repräsentanten von Wirtschaft, Politik, Kultur und Kirchen in Istanbul unter dem Vorwurf von „Vaterlandsverrat“ und „Spionage für Russland“ nächtlich verhaften, und vom Bahnhof Haydarpaşa nach Çankırı (östlich von Ankara) deportieren und – um angebliche Aufstandspläne und Waffenverstecke zu erpressen – foltern, meist mit der Bastonade. „Nach Hunderten Stockhieben mussten oft die Füße amputiert werden“ (Spiegel, 14/1992, S. 154). In den nächsten beiden Tagen kam es zu weiteren Massenverhaftungen, so dass bei diesem „Elitozid“ insgesamt 2345 armenische Oberschichtsangehöhige und Intellektuelle verhaftet und deportiert wurden. Allein 115 der Deportierten waren Schriftsteller, Publizisten und Dichter, die bedeutendsten der west-armensichen Zunge. Eine einzige Schriftstellerin war auf der Verhaftungsliste, die damals schon berühmte Autorin Zabel Jessaian. Mit Glück entkam sie und konnte nach Bulgarien und dann in den Kaukasus flüchten [2]. 

Die Deportierten wurden später großenteils umgebracht, nur ca. 15 von ihnen überlebten. Die geistige und politische Führung der Armenier ist ausgeschaltet, systematisch staatlich geplant, kein etwa spontan losbrechender Pogrom. Im Kollektivgedächtnis vieler Armenier gilt dieser Tag als eine Art Enthauptung ihres Volkes. 

Dieser Ereignisse wegen wird der 24. April international als Trauertag zur Erinnerung an den beginnenden Völkermord begangen. Zu den an diesem Tage Deportierten gehören u.a. der Publizist Aram Andonian und der berühmte Komponist Komitas.

 

29. Oktober 1923:  Die Republik Türkei wird in Ankara gegründet.

 

1924: Geburt von Charles Aznavour (eigentlich: Aznavourian); seine Eltern waren vor dem Völkermord aus Armenien geflüchtet, über Thessaloniki und Marseille nach Paris. Eigentlich wollten beide in die USA und warten dort auf die Visa;  dazu aber kam es nicht, sie blieben in Paris, wo Charles geboren wurde. Der Vater war Sänger, die Mutter Schauspielerin

Seinen künstlerischen Erfolg seit 1946 nutzte Charles Aznavour jahrzehntelang für einen öffentlichen Einsatz für die Anerkennung des Völkermordes durch die Türkei. Er ist auch armenischer Botschafter in der Schweiz, Vertreter Armenien bei der UNICEF und der UNO in Genf. Im Jahre 2008 wurde Aznavour die armenische Staatsbürgerschaft verliehen.

Auch ließ er in Armenien 47 Schulen auf seine Kosten errichten (vgl. „Tagesspiegel“, 18. Mai 2014, S. S1).

 

1926: Gründung von Radio Eriwan; 1969 sendet Radio Eriwan 4 Programme in sieben Sprachen (Armenisch, Russisch, Kurdisch, Arabisch, Aserbeidschanisch, Englisch und Französisch) sowie Fernsehprogramme. Im Jahre 1953 entstanden in dem – als scharfsinnig berühmten - Armenien die Anekdoten, Witzerzählungen, „Radio Eriwan antwortet“, die sich später in der ganzen Sowjetunion verbreiteten. Seit den 60er Jahren wurden sie auch – publiziert z.T. durch die sowjetische Zeitschrift „Sputnik“ - in Ost- und Westeuropa populär. Das Standardschema war folgendes. Fragen interessierter, naiver Bürger wurden von dem (anscheinend) kompetenten Sender beantwortet. In den Antworten wurden die Unterschiede zwischen der sowjetischen Theorie und der alltäglichen gesellschaftlichen Praxis in der UdSSR ironisch kaschiert aber auch bloßgestellt. So z.B.: „Frage an Radio Eriwan: Gibt es bei uns in der Sowjetunion eine Pressezensur? Radio Eriwan antwortet: Im Prinzip nein. Es ist uns aber leider nicht möglich, auf diese Frage näher einzugehen“ (vgl. Schiff, S. 21, a.a.O.).

Michael Schiff urteilte: „Ein Volk, das seine Schwächen in Witzen beklagt, zeigt damit, wie stark es ist“ (Schiff, S. 10, a.a.O.). Heute (2014) gibt es zwar Radio Eriwan noch – aber der kritisch-subversive Geist ist zumindest eingeschränkt (vgl. Petra Sorge, a.a.O.). 

 

31. August 1927: Tod Andranik Ozanians im Exil in Chico, USA

 

1931: In der französischen Diaspora leben ca. 17 000 Armenier, die sich v.a. als Hilfsarbeiter durchschlagen müssen. Jahrzehntelang gelten die Armenier in Frankreich als „nicht assimilierbar“ (vgl. Bréville, S. 10, a.a.O.).

 

22. Oktober 1935: Tod Komitas Vardapets in Paris. Er lebte seit 1919 in Paris und erholte sich nie mehr von den Erlebnissen der Deportation. Von 1922 bis zu seinem Tod lebte er völlig in sich zurückgezogen in einer psychiatrischen Klinik, ohne sich noch musikalisch zu betätigen. Seine letzten 18 Lebensjahre soll Komitas weder Klavier gespielt, noch Lieder gesungen oder gesprochen haben.

1936 wurden Komitas sterbliche Überreste nach Eriwan gebracht und dort im dortigen Pantheon bestattet (dort wurden ebenfalls Aram Chatchaturian und William Saroyan bestattet).

 

22. August 1939: In einer Rede vor Generälen der deutschen Wehrmacht soll Adolf Hitler geäußert haben: „Wer spricht denn heute noch von den Armeniern?“ Allerdings ist die Authentizität der Aussage umstritten und ungesichert. Zudem hätte sie sich nicht auf den noch nicht geplanten Völkermord den den Juden beziehen können, sondern höchstens auf Bedenken der Generäle wegen des beschlossenen und vor der Tür stehenden Krieges gegen Polen. Wolfgang Gust urteilte: „Wenngleich über die Authentizität der Hitlerschen Anspielungen auf die Armenier gestritten werden kann, ist unstrittig, das die Folgenlosigkeit des jungtürkischen Genozids an den Armeniern die deutschen Völkermordsplaner in ihrem Vernichtungswahn nur bestärken konnte“ (Gust 1993, S. 180, a.a.O.).

 

Februar 1943: In einem erhalten gebliebenen Protokoll einer jüdischen Widerstandsgruppe im Ghetto von Bialystok heißt es: „Es bleibt uns nur den Widerstand um jeden Preis zu organisieren, das Ghetto als unseren Musa Dagh zu sehen“ (zit. n. Schmidt-Häuer, S. 17, a.a.O.). 

 

Nach 1973: Eine neue armenische Terror- und Rachegruppe, die ASALA (Armenische Geheimarmee zur Befreiung von Armenien), wird im Umfeld der armenischen Minderheit im Libanon (ca. 4 % der Bevölkerung) gegründet, gegen den Willen des gergorianischen geistlichen Oberhauptes, des Katholikos von Antelias (5km nördlich von Beirut).

Die ASALA wurde - nach dem Urteil von Peter Scholl-Latour vom April 1982 – „… aufgrund ihrer weltweiten Verflechtungen zum gefürchteten Gegner der westlichen Geheimdienste …und (hatte) … sich die Entstabilisierung der Türkei zum Ziel gesetzt… Der ASALA, sie mit siebzigjähriger Verspätung den Völkermord der Armenier rächen will, wurde von den Experten unterstellt, enge Beziehungen zum sowjetischen KGB in Eriwan zu unterhalten“ (Scholl-Lator, S. 421, a.a.O.).

Die ASALA ermordet (bis in die achtziger Jahre) mindestens 36 türkische Diplomaten. International stärkt das die Position der türkischen Regierung. Die Attentäter erhalten nur geringe Unterstützung aus der Diaspora, in der Türkei selbst wohl überhaupt nicht. Seit Beginn der 90er Jahre ist die ASALA nicht mehr aktiv.

 

1974: Besetzung des Nordens der Insel Zypern durch türkische Truppen, nach einem Putsch nationalistischer griechisch-zypriotischer Offiziere, die die gesamte Insel an Griechenland anschließen wollen („Enosis“).

 

18. Juni 1987: Das Europäische Parlament erklärt in der Resolution „Zur politischen Lösung der armenischen Frage” , die „tragischen Ereignisse von 1915 – 1917“ seien Völkermord im Sinne der UNO-Konvention und beschließt, dass die türkische Regierung vor einem EU-Beitritt den Völkermord an den Armeniern anerkennen müsse. Ein ähnlicher Beschluss des EP erfolgt erneut im November des Jahres 2000.

 

Nach 1973: Eine neue armenische Terror- und Rachegruppe, die ASALA (Armenische Geheimarmee zur Befreiung von Armenien), wird im Umfeld der armenischen Minderheit im Libanon (ca. 4 % der Bevölkerung) gegründet, gegen den Willen des gergorianischen geistlichen Oberhauptes, des Katholikos von Antelias (5km nördlich von Beirut).

Die ASALA wurde - nach dem Urteil von Peter Scholl-Latour vom April 1982 – „… aufgrund ihrer weltweiten Verflechtungen zum gefürchteten Gegner der westlichen Geheimdienste …und (hatte) … sich die Entstabilisierung der Türkei zum Ziel gesetzt… Der ASALA, sie mit siebzigjähriger Verspätung den Völkermord der Armenier rächen will, wurde von den Experten unterstellt, enge Beziehungen zum sowjetischen KGB in Eriwan zu unterhalten“ (Scholl-Lator, S. 421, a.a.O.).

Die ASALA ermordet (bis in die achtziger Jahre) mindestens 36 türkische Diplomaten. International stärkt das die Position der türkischen Regierung. Die Attentäter erhalten nur geringe Unterstützung aus der Diaspora, in der Türkei selbst wohl überhaupt nicht. Seit Beginn der 90er Jahre ist die ASALA nicht mehr aktiv.

 

1974: Besetzung des Nordens der Insel Zypern durch türkische Truppen, nach einem Putsch nationalistischer griechisch-zypriotischer Offiziere, die die gesamte Insel an Griechenland anschließen wollen („Enosis“).

 

18. Juni 1987: Das Europäische Parlament erklärt in der Resolution „Zur politischen Lösung der armenischen Frage” , die „tragischen Ereignisse von 1915 – 1917“ seien Völkermord im Sinne der UNO-Konvention und beschließt, dass die türkische Regierung vor einem EU-Beitritt den Völkermord an den Armeniern anerkennen müsse. Ein ähnlicher Beschluss des EP erfolgt erneut im November des Jahres 2000.

 

1999: Nach der Erdbebenktastrophe in der Türkei vom 17. August 1999 boten auch Griechenland und Armenien Hilfe für die türkischen Opfern an. Zum Eklat kam es es, als  der damalige türkische Gesundheitsminister Osman Durmuş  (* 1947, MHP, Mediziner und Hochschulllehrer, von MP Bülent Ecevit zum Minster ernannt) sich weigerte von dort Blutkonserven anzunehmen: „…. Als ob wir nicht genug türkisches Blut hätten“.

Nach dieser Aussage wurde der Minister auch von Teilen der türkischen Presse scharf kritisiert. Auch die sonst durchaus „nationale“ Hürriyet - die damals auflagenstärkste türkische Zeitung - schrieb dazu auf der Titelseite "Schweig".

 

2005: Selahattin Demirtaş (vom IHD Diyarbakir) fordert die Etablierung von Wahrheit- und Gerechtigkeitskommissionen in der Türkei. Notwendig seien sie, um in Folge von Menschenrechtsverletzungen gesellschaftlichen Traumata zu überwinden. Dazu müssten die Verantwortlichen der vergangenen Verletzungen ermittelt werden. Ereignisse, die in der Türkei noch nicht verarbeitet seien, sind nach Demirtaş u.a. das Armenierproblem, die Hinrichtungen von Adnan Menderes und Deniz Gezmiş sowie den Militürputsch von 1980 („Radikal“, 11.01.2005).  

 

Frühjahr 2015: Da in der geplanten Bundestagsdebatte zum 100. Gedenktag des Völkermordes von 1915 wieder nicht die Bezeichnung „Völkermord“ verwendet werden soll, meinte Cem Özdemir (Grüne), dass die Bundesregierung „… vor dem Staatspräsidenten Erdoğan kuscht“ und vermeiden wolle, die „… politische Elite der Türkei zu verärgern“ (vgl. Malzahn/Kale, a.a.O.).

In der geplanten Debatte ist ein Bundestagsbeschluss vorgesehen, in dem erst am Ende – distanzierend – angemerkt wird, „… zahlreiche unabhängige Historiker, Parlamente und internationale Organisationen … die Vertreibung und Vernichtung der Armenier als Völkermord“ bezeichnen (vgl. Malzahn/Kale, a.a.O.).

 

22. April 2015: Etyen Mahçupyan bezeichnet in einem Interview mit der „Zeit“ die Massaker von 1915 als einen Genozid, über den die türkischen Schulbücher bis heute lügen. Jedoch sieht er eine langsame Entwicklung der türkischen Gesellschaft hin zu mehr Offenheit und Toleranz (vgl. „Zeit-online“ vom 22. April 2015).

 

23. April 2015: Für den Vorabend des Gedenktages ist im Berliner Dom ein ökumenischer Gedenkgottesdienst „… im Gedenken an den 100. Jahrestag des Genozids an Armeniern, Aramäern und Pontos-Griechen“ geplant, der Bundespräsident hat seine Teilnahme angekündigt. Viele Beobachter nehmen an, dass sich Joachim Gauck nicht an die offizielle Sprachregelung halten wird (vgl. Malzahn/Kale, a.a.O.).

 

3. Mai 2015: Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu (AKP) forderte in einer Wahlkampfrede vor tausenden Anhängern in der Dortmunder Westfalenhalle die in Deutschland lebenden Türken auf, deutsche Lehrpläne zum Völkermord an den Armeniern zu verhindern.

 

3. Mai 2015: Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu (AKP) forderte in einer Wahlkampfrede vor tausenden Anhängern in der Dortmunder Westfalenhalle die in Deutschland lebenden Türken auf, deutsche Lehrpläne zum Völkermord an den Armeniern zu verhindern.

Wörtlich meinte Davutoğlu: „Niemand kann unsere Kinder mit Lehrplänen behelligen, die unsere Geschichte beleidigen. Und wenn dies jemand versucht, dann, meine Brüder und Schwestern, ist eure Aufgabe, diese Lehrpläne zu verhindern.“ Davutoğlus Anhänger jubelten dazu.

Schon seit Jahren versuchen einige türkische Verbände, den Genozid von 1915 aus deutschen Schulbüchern zu tilgen und eine Aufnahme dieses Themas in weitere deutsche Lehrpläne zu torpedieren (vgl. „Welt“, 4. 5. 2015).

 

September 2015: Im Jahre 2002 wurde in Berlin das „Organisationskomitee ‚Mit einer Stimme sprechen‘“ gegründet, in dem u.a. Vertreter/Nachfahren der Opfer des Völkermordes von 1912 – 22, der kleinasiatischen und pontischen Griechen, der Aramäer/Assyrer/Chaldäer und der Armenier zusammenschlossen, um die Anerkennung der Völkermorde durchzusetzen und einen ökumenischen Trauerort in Berlin zu schaffen.

2012 wurde die „Fördergemeinschaft für eine Ökumenische Gedenkstätte für die Genozidopfer im Osmanischen Reich“ (FÖGG) als gemeinnützige Organisation ins Vereinsregister eingetragen.

Im September 2015 wurde auf dem Friedhof der evangelischen Luisengemeinde in Berlin-Charlottenburg (Fürstenbrunner Weg 37 - 67) die Ökumenische Gedenkstätte für Genozidopfer im Osmanischen Reich eingerichtet und eingeweiht( vgl. Abbn. Photo unten). 

 

Die Gedenkstätte befindet sich auf dem Gelände von drei aufgelassenen Erbbegräbnissen, nahe dem Grab eines Sohnes von Johannes Lepsius. Vor einem ehemaligen Friedhofsausgang, vor den Erbbegräbnissen wurden zwei Corten- und Edelstahlplatten aufrechtstehend so verschweißt, dass ein Riss blieb – als Symbol für die bicht verheilten Wunden. Die Platten tragen neben den Namen der drei Opfergruppen den Text: „Gedenkt der Opfer des Osmanischen Genozids 1912 – 1922.

Geplant sind zudem u.a. die Installierung von Photodokumenten und Texten zur Information.

 

25. November 2015: In die russische Duma wird von dem Vorsitzenden der oppositionellen Partei „Gerechtes Rußland“, Sergej Mironow, ein Gesetzentwurf eingebracht, der die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern unter Strafe stellen soll (vgl. „Cumhuriyet“, 26. November 2015, S. 13).

 

8. Dezember 2015: Russland stationiert auf seinem armenischen Stützpunkt Eribuni zusätzliche Kampf- und Transporthubschrauber.

 

9. Juni 2016: Nach der Armenienresolution des Bundestages erhalten insbesondere türkischstämmige Abgeordnete Hassmails und Morddrohungen. Bundestagspräsident Norbert Lammert reagiert im Bundestag auf die Drohungen des türkischen Staatspräsidenten Erdoğan. Wörtlich meinte Lammert: „Jeder, der durch Drohungen Druck auf einzelne Abgeordnete auszuüben versucht, muss wissen: Er greift das ganze Parlament an. … Dass ein demokratisch gewählter Staatspräsident im 21. Jahrhundert seine Kritik an demokratisch gewählten Abgeordneten mit Zweifeln an ihrer türkischen Abstammung begründet, ihr Blut als verdorben bezeichnet, hätte ich nicht für möglich gehalten“ (Lammert, zit. n. „Tagesspiegel“, 10. Juni 2016, S. 4).

Ebenfalls am 9. Juni droht Erdoğan erneut: Sollte die Bundesrepublik die Armenier-Resolution nicht rückgängig machen, werde die Türkei weit schärfer reagieren als bisher; der türkische Regierungssprecher sprch von einem „Aktionsplan gegen Deutschland“, der vorbereitet werde. Regierungsnahe türkische Journalisten sehen in der Resolution des Bundestages einen Teil eines verschwörerischen Planes, den Aufstieg der Türkei zu einer muslimischen Führungsmacht mit einem starken Präsidenten zu hintertreiben (vgl. „Tagesspiegel“, 10. Juni 2016, S. 4).

 

Deutsche Mitschuld am Völkermord von 1915/16

 

Im 1. Weltkrieg war das Osmanische Reich einer der wichtigsten Verbündeten Deutschlands. Deutsche Generale befehligten osmanische Truppen und wußten von den Deportationen. Auch waren die zivile und militärische Führung von Anfang an informiert, wussten auch von den Massakern, nahmen sie aber im Interesse der gemeinsamen militärischen Aktionen und des erhofften Sieges willen mehr oder weniger schweigend in Kauf (vgl. oben die gegensätzliche Fälle von Liman von Sanders und Sylvester Böttrich). .

Die deutsche Botschaft in Istanbul drängte vielfach darauf, dass die Reichsregierung zugunsten der Armenier intervenieren sollte. Der damalige Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg (    -      ) kommentierte eine entsprechende Vorlage des Botschafters Paul Graf Wolff-Metternich: „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, ob darüber die Armenier zugrunde gehen oder nicht“ (zit.n. Schmidt-Häuer, S. 18, a.a.O.).

Dier Reichsregierung verharmloste die Verbrechen mit der Bezeichnung „Dislokation“ (Umsiedlung) und nutzte keineswegs ihre großen Einflussmöglichkeiten zugunsten der Armenier.

Darüber hinaus waren einige deutsche Offiziere bei Aktionen gegen Armenier eingesetzt. Der Artillerie-Majorr Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenberg (1875 – 1954) war 1915 sowohl in Urfa, in Zeitun, als auch am Musa Dağ mit deutscher Artillerie eingesetzt (vgl. Gust, 2001, a.a.O. und Spiegel, H. 16/2005).

Auch z.B. heutige grüne Politiker wie Claudia Roth meinten, deutsche Stellen hätten „... sich durch Nichtintervention mitschuldig gemacht“ (Claudia Roth, in „Die Zeit“, Nr. 17/2005, S. 9).

Meines Erachtens mit Recht meinte Roth, es gelte, der türkischen Seite „... die deutsche Erfahrung zu vermitteln, dass die offene Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, gerade auch mit den dunklen Seiten, am Ende eine Stärkung bringt“ (Claudia Roth, in „Die Zeit“, Nr. 17/2005, S. 9).

Wenn man das Srebrenica-Urteil des Internationalen Strafgerichtshofes von 2007 (vgl. Nußberger, S. 82, a.a.O.) auf den Völkermord an den Armeniern übertrüge. würde auch Deutschland verurteilt werden, denn es verhinderte weder den Völkermord, noch bestrafte es die Verantwortlichen.

 

Ausblick

 

Ein Beispiel für diese Entwicklung ist die Schriftstellerin und Politologin Elif Şafak (* 1971), nach dem türkischen Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk„… die beste Autorin, die die Türkei im letzten Jahrzehnt hervorgebracht hat“ (vgl. „Berliner Zeitung“, 14. Oktober 2008, S. 27). In ihrem Roman „Der Bastard von Istanbul“ (auf Türkisch erschienen im März 2006, auf Deutsch 2008 , a.a.O.). setzte Şafak sich mit dem türkischen Völkermord an den Armeniern 1915 auseinander. Sie legte dabei in dem Roman einer der Hauptfiguren auch den Begriff „Genozid“ in den Mund.

Daraufhin wurde Şafak in Teilen der türkischen Öffentlichkeit scharf angegriffen, auch erhielt sie Morddrohungen. Innerhalb von kurzer Zeit wurde der Roman in der Türkei 60.000 mal verkauft. Im September 2006 wurde Şafak wegen „Beleidigung und Verunglimpfung des Türkentums“ (nach Art. 301 des Türkischen Strafgesetzbuches) angeklagt, aber am Ende des Prozesses freigesprochen. In der Urteilsbegründung hieß es, nach Art. 301, 3 stellten „Meinungsäußerungen, die mit der Absicht der Kritik erfolgt“ seien, keine Straftat dar. Durch die unklaren Begrifflichkeiten - „Herabwürdigung“ und „Türkentum“ bot und bietet der Artikel die Möglichkeit für willkürliche Deutungen: Wie könnte „Herabwürdigung“ des „Türkentums“ von „Kritik“ unterschieden werden?

Nach dem Mord an dem mit ihr befreundeten Publizisten Hrant Dink (vgl. BLZ, H. 11/2007) erhielt sie nach weiteren Morddrohungen Polizeischutz (vgl. „Berliner Zeitung“, 14. Oktober 2008, S. 27). Der zuständige Staatsanwalt machte den Einfluss „ausländischer Kräfte" für das Urteil verantwortlich.



Fußnoten

 

[1] Im Jahre 1906 wurde zwischen zwischen Babelsberg und Kleinglienicke über den Teltowkanal eine Brücke fertiggestellt, sowohl für Fußgänger als auch für den Straßenverkehr. 1915 wurde die Brücke nach dem damaligen osmanischen Kriegsminister Enver-Pascha-Brücke benannt, ein Zeichen für die Popularität Envers auch in Teilen der deutschen Bevölkerung. 1945 wurde die Brücke gesprengt. An ihrer Stelle wurde eine Überführung für einige Versorgungsleitungen über den Teltowkanal errichtet.

Ein weiteres Zeichen für die Popularität Envers ist in der Tatsache zu sehen, dass seit 1918 in Berlin eine Zigarettenmarke namens „Enver bey“ produziert wurde. Die Firma des (jüdischen) Fabrikanten Mendel Gottschlich befand sich erst in der Rosenthaler Str. 38, dann in der Friedrichshainer Koppenstr. 27. Zeitweise (z.B. noch 1934) wurde den Enver bey-Zigaretten als Werbegeschenk „Enver-bey-Spielgeld“ beigelegt. Im Jahre 1938 wurde die Firma liquidiert. 

 


[1] Geprägt wurde der Begriff „Panslawismus“ im Jahre 1826 von dem slowakischen Publizisten J. Herkel zur Bezeichnung der Verwandtschaft aller slawischen Sprachen. Ab ca. 1830 wurde der Begriff zur Parole zum Zusammenschluss aller Slawen, eine Parole, die allerdings in Polen der russischen Herrrschaft wegen nur wenig Anklang fand. Im Jahre 1848 fand der 1. Panslawistische Kongress in Prag statt. Gefordert wurde u.a. eine Stärkung der kleineren slawischen Völker vor den Germanisierungstendenzen in der Habsburger Monarchie.

In Russland entwickelte sich der Panslawismus im 19. Jhdt. in Teieln der Bourgeoisie zu einer Art russischem Messianismus, einem religiös verbrämten Sendungsbewusstsein: Moskau, als Erbe von Byzanz, müsse Konstantinopel und die orthodoxen „Brudervölker“ befreien. Der „Westen“, Europa wird als dekadent betrachtet, dort habe sich die „Krämer-Rligion“ durchgesetzt. Russland hingegen sei durch seine Rechtgläubigkeit, die Leidensfähgkeit des Volkes und z.B. das Mir-System moralisch überlegen

Bei Michail Pogodin (1800-1875) verbanden sich Vorstellungen der Slawophilen und der Zapadniki zur Idee der politischen Einigung aller slawischsprachigen Völker. Auch z.B. Fjodor M. Dostojewski (1821-1881) vetrat 1867 auf dem 2. Panslawistischen Kongress in Moskau panslawistische Vorstellungen.

Nilolai Danilewski (1822-1883) schrieb 1871 in „Russland und Europa“, dass Russlad gegenüber dem dekadenten Europa die Führung zufallen müsse.

Der Publizist Michail Katkow (1818-1887), der durch die einflussreichen „Moskauer Nachrichten“ politisch bedeutsam war, propagierte einen „autokratischen Panslawismus“. 

[2] Vgl. dazu auch den Roman „Äolische Erde“ von Ilias Venesis (a.a.O.).

[3] Ursprünglich in Hans Kohn: „Geschichte der nationalen Bewegung im Orient“, Vowinckel Verlag, Berlin 1928.

[4] Das wenige Kilometer südlich der Stadt Muş gelegene Kloster Surb Arakeloz - Kloster der Heiligen Apostel – wurde zwischen dem 4.und 15. Jhdt. errichtet. Angeblich wurde es schon durch Gregor den Erleuchter gegründet, zur Aufnahme von Reliquien der Apostel (so ein Armreliquiar des Apostels Petrus), die dieser in Rom erhalten hatte. Durch die Reliquien wurde das Kloster bis 1915 ein bedeutender Wallfahrtsort. Im Frühjahr 1915 flüchteten ca. 80 Armenier ins Kloster Arakeloz; es kam es zu einer Schießerei mit osmanischen Truppen, bei dem einige der Soldaten getötet wurden. Die Leichen wurden in die Stadt gebracht und der Vali von Muş schwor in der Trauerrede öffentlich: „Für jedes Haar eures Hauptes will ich tausend Armenier hinschlachten lassen."

Im Rahmen des Völkermordes wurde das Kloster schließlich zerstört und der letzte Prior Yovhannes Vardapet Muratian getötet. Im Jahre 2012 existierten nur einige kümmerliche Mauerreste des Klosters.

[5] Vom arab. „Fedajin“, „die sich Opfernden (für ein hohes Ziel)“. Geprägt wurde der Begriff von den Assasinen. Fedai ist auch ein sowohl weiblicher als auch männlicher Vorname.


[6] Der Begriff Diaspora (vom gr. διασπορά, „diasporà“ Zerstreuung, Verstreutheit) entstammt der griechischen Septuaginta: „Denn der Herr wird dich zerstreuen unter alle Völker von einem Ende der Welt bis ans andere“ (5. Mose 28, 64) und bezeichnete die jüdische Diaspora (hebr. „tefutsot“) nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 586 v. Chr., zuerst in Babylonien und Ägypten. 

Jürgen Osterhammel definierte Diaspora als „… eine Gemeinschaft, die außerhalb ihres tatsächlichen oder imaginierten Herkunftsgebietes lebt, aber gegenüber der ‚Heimat‘ weiterhin Loyalität und emotionale Anhänglichkeit empfindet“ (Osterhammel, S. 174, a.a.O.).

Auch konfessionelle Minderheiten außerhalb ihrer hauptsächlichen Verbreitungsgebiete werden in der als Diaspora lebend bezeichnet.

In der Diaspora werden überhöhende, „idealisierende Mythen“ über die Herkunftsgesellschaft und ihre Geschichte identitätsstiftend über Generationen gepflegt. Diese Tendenz zeigt sich in der deutschen Redensart: „Je weiter von Rom, desto besser die Katholiken“. Oft ist die Idealisierung der Herkunftsgesellschaft verbunden mit Plänen zu einer individuellen oder kollektiven Rückkehr, Pläne, die in der Diaspora oft „kollektive Billigung“ erfahren (vgl. Osterhammel, S. 174, a.a.O.).

Angehörige einer Diaspora zeigen Empathie und Solidarität auch „… mit anderen Mitgliedern der eigenen ethnischen Gruppe in anderen (dritten) Ländern“ (Osterhammel, S. 175, a.a.O.). Auch über (z.T. viele) Generationen hinweg werden transnationale, weltweite Netzwerke, eigenständige kulturelle Identitäten aktiv aufrechterhalten.

Je nach Art ihrer Entstehung und den damit verbundenen historischen Erfahrungen unterscheidet Jürgen Osterhammel …

  •  eine Opfer-Diaspora (Afro-Amerikaner, Juden, Armenier, Palästinenser, Iren)
  • eine Arbeits-Diaspora (Inder, Chinesen, Italiener, Türken, Araber)
  • eine Handels-Diaspora (Libanesen, Chinesen, Armenier, Juden, Inder)
  • eine imperiale Diaspora (Europäer in den ehemaligen Kolonien, Russen in den Randstaaten der ehemaligen Sowjetunion)
  • eine kulturelle Diaspora (nach Osterhammel, S. 175, a.a.O.).

Als Folge der großen Migrationen war die Diasporabildung im 19. Jhdt. „… allgegenwärtig, fast der Normalfall“ (Osterhammel, S. 175, a.a.O.).

Osterhammel wies darauf hin, dass die armenische Diaspora-Bildung nicht erst nach dem 1. Weltkrieg, sondern schon nach den „… antiarmenischen Ausschreitungen 1895“ begann, was aber ungenau ist. Schon seit dem 11. Jhdt. lässt sich auf der Krim und in der heutigen Ukraine eine armenische v.a. Handelsdiaspora nachweisen. In Lemberg/Lwow/Lviv gibt es noch heute eine kleine armenisch-apostolische Kirche aus dem 14. Jahrhundert. 

 Eine der interessantesten Fragen bezüglich der Diaspora ist die nach den Ursachen der Stabilität einer Diaspora, welche kulturellen Ressourcen das Überleben als Gruppe und die Erhaltung kultureller Identität sichern: Am stabilsten erwiesen sich Gruppen, die sich aus religiösen und kulturellen Gründen nicht völlig an ihre Umwelt anpassten, assimilierten. Dabei spielt sicher das Gefühl einer kulturellen Gesondertheit und Überlegenheit eine Rolle.

Einige heutige Autoren betrachten das Leben in einer „Diaspora“ allerdings nicht etwa als Synonym für Leid und Vertreibung, sondern – umcodiert - als reichen Erfahrungsschatz im Leben moderner „hybrider“ Nomaden, als Chance und Modell für ein globales Denken und Fühlen, zur Überwindung nationalstaatlicher, ethnischer oder religiöser Begrenztheiten (vgl. Charim et al., a.a.O.). Natürlich entfällt bei diesem Diaspora-Begriff die Vorstellung von einer Rückkehr – wohin auch sollte sie erfolgen? 

[7] Kevork Çavuş (eigentlich Kevork Aroyi Ghazarian; Çavuş oder „Tschausch“ bedeutet im Türkischen „Öffentlicher Ausrufer, Oberfeldwebel“) nimmt an vielen der Widerstandsaktionen teil, so 1894 und 1904 in Sasun, zusammen mit Andranik bei dem Kampf um das Hl. Apostel-Kloster oder bei der Verteidigung des armenischen Dorfes Geliegusan. Zwei Jahre lang sitzt er im Gefängnis, kann dann aber in die Berge fliehen. 1896 tritt er den Daschnaken bei. Am 25. Mai 1907 wird er bei Muş in einem Gefecht mit der osmanischen Armee schwer verletzt. Seine Leiche wird am 27. Mai 1907 unter einer Brücke aufgefunden.

[8] Ahmed Rıza war der Sohn eines hohen osmanischen Beamten und einer österreichischen Mutter, besuchte das renommierte Galatasaray Lise und studierte Landwirtschaft. 1889 ging Ahmed Rıza nach Paris, studierte an der Sorbonne und begann Schriften gegen den Absolutismus von Abdülhamid II., gegen Kolonialismus und Klassenprivilegien sowie zur Verbesserung der Lage der Bauern im Reich zu veröffentlichen. Er lehnte jedoch Attentate gegen Abdülhamid ab und vertrat liberale und säkulare Positionen. 

Nach seiner Rückkehr aus dem Exil gelangte er in führende staatliche Positionen, überwarf sich aber rasch mit der jungtürkischen Führung. 1926 kehrte Ahmed Rıza  in die Türkei zurück, zog sich aus dem öffentlichen leben zurück, lebte in Üsküdar und verfasste seine Memoiren. Am 26. Februar 1930 verstarb er infolge eines Sturzes und  wurde auf dem Kandilli-Friedhof in Üsküdar begraben.

Die Memoiren wurden erst 58 Jahre nach seinem Tode unter dem Titel „Meclis-i Mebusan ve Ayan Reisi Ahmet Rıza Bey’in Anıları“ (Arba, Istanbul, 1988; Die Memoiren von Ahmed Rıza, dem Präsidenten des Parlaments und des

Senats) veröffentlicht.  

 


[9] Wjatscheslaw Konstantinowitsch von Plehve (1846 – 1904, von Sozialrevolutionären ermordet) ließ v.a. die Juden im Russischen Reich verfolgen und die blutigen Pogrome von Kischinew organisieren (vgl. Ternon, S. 254, a.a.O.). Durch Plehves Behauptung gegenüber Nikolaus II., Sergej Julewitsch Witte sei Mitglied einer jüdischen Verschwörung, wurde dieser vom Zaren abgesetzt.

[10] In der Zeit der Sozialistengesetze konnten sich die Parteimitglieder im gesamten Deutschen Reich kaum noch legal versammeln. So kam es zu der Praxis, harmlose Bezeichnungen (z.B. „Volksverein" oder eben „Volksversammlung") für Zusammenkünfte zu verwenden. Auch nach dem Ende des Sozialistengesetzes wurde der Begriff für öffentliche Großveranstaltungen z.T. bis in die Gegenwart weiter verwendet.

[11] Die nahe dem Yıldız köşk, der Residenz Abdülhamids, gelegene Hamidiye Camii wurde 1886 errichtet.

 


[12] Die 214 m lange Kamen Most (Steinerne Brücke) stammt aus der Zeit Mehmet II. 1944 wurden von der Wehrmacht Sprengsätze in der Brücke vorbereitet, es kam aber nicht zur Sprengung. Die Brücke überstand auch das katastrophale Erdbeben von 1963, ist heute das Wahrzeichen von Skopje und im Wappen der Stadt dargestellt.



[13] Avetik Issahakyan (1875–1957), (ost-)armenischer Aktivist der Daschnaken, der frühzeitig den Versprechungen der Jungtürken misstraute und vor den Gefahren des Panturkismus warnte Die Existenz Armeniens sei durch den Panturkismus bedroht. 1936 kehrte Avetik Issahakyan für immer in die Armenische SSR zurück. Er wurde sowjetischer Lyriker und Schriftsteller, Mitglied der Armenischen Akademie der Wissenschaften und Stalinpreisträger von 1946. In dem Haus in Eriwan, in dem er die letzten zehn Jahre lebte, wurde nach seinem Tode ein Avetik Issahakyan-Museum eingerichtet (vgl. Abb. unten). 

Auf Deutsch erschien von ihm u.a. die Gedichtsammlung „Der Glockenton der Karawane“ (Volk und Welt, 1978).

 

[14] Kaiser Wilhelm II. war über die Morde von Sarajewo „… tief bestürzt, denn er war mit Franz Ferdinand eng befreundet gewesen und hatte ungeduldig darauf gewartet, dass dieser die Nachfolge seines alternden, backenbärtigen Onkels antrat“ (Hochschild, S. 121, a.a.O.).

[3] Die auffällige agrarische Siedlungsideologie z.B. der italienischen Faschisten und der deutschen Nationalsozialisten war sicher auch eine Lehre aus der städtischen Unterversorgung im 1. Weltkrieg. 

[4] Der Historiker Prof. Dr. Thomas Mergel (* 1960) beschäftigte sich am 3. Juni 2014 in der Ringvorlesung der HUB mit den „Europäischen Städten im 1. Weltkrieg“.

[5] Einige, weitblickende Ost-Armenier warnen davor, das die osmanische Ittihad‑Führung die Aufstellung von Freiwilligen‑Regimentern auf der russischen Seite als Vorwand für gewalttätige Verfolgungen gegen die Türkisch‑Armenier nutzen könnte.

[6] Allerdings werden die etwa 300 000 wehrpflichtigen armenischen Soldaten innerhalb der regulären russischen Armee zumeist in Europa eingesetzt (vgl. Hofmann, 2006, S. 95, a.a.O.).



[x] Armin T. Wegner, ein Augenzeuge, schätzte, dass zwischen Juli und August 1915 an den Ufern des Kabur mindestens 150 000 Armenier ums Leben kamen (vgl. Wegner, S. 207, a.a.O.). Wolfgang Gust gab sogar an, dass dort insgesamt 300 000 Armenier ermordet wurden (Gust, S. 58, a.a.O.).

[y] Zabel Jessaian wird schließlich Kommunistin und geht 1933 nach Sowjetarmenien. Sie unterrichtete Französische und Armenische Literatur an der Universität Eriwan. 1935 veröffentlichte sie ihre autobiographische Schrift „Die Gärten von Silihdar“. 1937 wird sie während der großen „Säuberungen“ wegen angeblichem Nationalismus verhaftet, wahrscheinlich nach Sibirien deportiert wo sie 1943 ums Leben kommt. Im Lager durfte sie weder Bleistifte noch Papier verwenden. Die Verhaftungen und Deportationen von 1937 gelten für viele Armenier als der zweite Elitozid.


 

(unveränderlich, am 24. April nach dem Gregorianischen Kalender ; im Osmanischen Reich galt damals noch eine Fassung des Julianischen Kalenders; nach diesem war es der 11. April 1915)

 

© Christian Meyer

 

(wird fortwährend erweitert und ausgebaut....)

 

Bericht über das letzte armenische Dorf in der Türkei

 

Avetik Issahakyan  auf einer sowjetischen 4-Kopeken-Briefmarke aus dem Jahre 1975. Zudem ist er auf der 10000-Dram-Note Armeniens abgebildet.

Signet der traditionsreichen, renommierten Beckenbau-Firma Zildjian auf einem ihrer Becken (Abb.: Detail von der Titelseite der Programmzeitschrift „Berliner Philharmoniker“, Heft September/Oktober 2015)

 

Die ehemalige Enver-bey-Brücke über den Teltow-Kanal zwischen Babelsberg und Klein-Glienicke (Photo: Christian Meyer, April 2015)

Abb. aus dem Aufruf zur Gedenkdemonstration "Gegen Vergessen! Für Anerkennung!" am 25. April 2015 in Berlin (www.genozid1915.de)

Die Gedenkstätte für die Opfer des Osmanischen Genozids (Photo: Christian Meyer, September 2015)

Im Jahre 2002 wurde in Berlin das „Organisationskomitee ‚Mit einer Stimme sprechen‘“ gegründet, in dem u.a. Vertreter/Nachfahren der Opfer des Völkermordes von 1912 – 22, der kleinasiatischen und pontischen Griechen, der Aramäer/Assyrer/Chaldäer und der Armenier zusammenschlossen, um die Anerkennung der Völkermorde durchzusetzen und einen ökumenischen Trauerort in Berlin zu schaffen.

2012 wurde die „Fördergemeinschaft für eine Ökumenische Gedenkstätte für die Genozidopfer im Osmanischen Reich“ (FÖGG) als gemeinnützige Organisation ins Vereinsregister eingetragen.

Im September 2015 wurde auf dem Friedhof der evangelischen Luisengemeinde in Berlin-Charlottenburg (Fürstenbrunner Weg 37 - 67) die Ökumenische Gedenkstätte für Genozidopfer im Osmanischen Reich eingerichtet und eingeweiht.

Die Gedenkstätte befindet sich auf dem Gelände von drei aufgelassenen Erbbegräbnissen, nahe dem Grab eines Sohnes von Johannes Lepsius. Vor einem ehemaligen Friedhofsausgang, vor den Erbbegräbnissen wurden zwei Corten- und Edelstahlplatten aufrechtstehend so verschweißt, dass ein Riss blieb – als Symbol für die bicht verheilten Wunden. Die Platten tragen neben den Namen der drei Opfergruppen den Text: „Gedenkt der Opfer des Osmanischen Genozids 1912 – 1922“.

Geplant sind zudem u.a. die Installierung von Photodokumenten und Texten zur Information.

 

Werbung für die Hrant-Dink-Gedenkveranstaltung im Studio R des Berliner Gorki-Theaters am 19. Januar 2016.