Abb. oben: Corona-Ostern (Abb. aus „Tagesspiegel“, 11. April 2020, S. 6; Karikatur von Klaus Stuttmann, *1949)

 Ostern [1]: Fest der Auferstehung Christi

 

Das theologisch bedeutendste Fest der Christenheit erinnert an die Auferstehung Jesu, wie sie in den Evangelien dargestellt wird: am dritten Tag nach seiner Hinrichtung fanden Maria Magdalena und die "andere Maria" das Grab leer. Aber Jesus zeigte sich als Auferstandener: „Noli me tangere ...".

Zur Messe im Petersdom zu Ostern (wie auch zu Weihnachten) spendet der Papst alljährlich den Segen „Urbi et orbi" (der Stadt und dem Erdkreis), der sich seit dem 13. Jhdt. entwickelt haben soll. Seit vielen Jahrzehnten wird der Segen von der Loggia des Petersdomes ("Benediktionsloggia") zum Petersplatz hin zelebriert. Nach offizieller Lehre der katholischen Kirche erwirbt der Zuhörer „in frommer Gesinnung" durch den Segen eine völlige Sündenvergebung, auch wenn er den Segen nur im Radio, Fernsehen oder im Internet hört.

In seinem „Orgelbüchlein“ ordnete Johann Sebastian Bach ( vgl. Gregorianisches Neujahr) der Osterzeit u.a. folgende Choral – Durchführungen zu: „Christ lag in Todesbanden“ (BWV 625), „Christ ist erstanden“ (BWV 627), „Erstanden ist der heil’ge Christ“ (BWV 628) und „Heute triumphiret Gottes Sohn“ (BWV 630).

Verschiedenste regionale Traditionen und Gebräuche sind mit dem Osterfest verbunden.

In Polen ist eine besondere österliche Tradition weit verbreitet, der Aufbau einer Art "Osterkrippe": auf einem nachgebildeten Hügel von Golgatha steht das leere Kreuz. Unterhalb sieht man das Felsengrab Christi, mit einer in weiße Grabtücher gehüllten Figur Jesu. Geschmückt ist das ganze oft mit Blumen oder Ostergras. Dies Arrangement bleibt bis zum Sonntag nach Ostern in den Kirchen stehen.

Von den alten Osterbräuchen verschiedener deutscher Regionen ist heute nur noch wenig erhalten: vor diesem "Fest der kleinen Freuden" erfolgte ein genereller Hausputz.

Nur selten noch auf dem Lande ist am Ostersonntag noch etwas davon zu spüren, dass Ostern auch das Frühlingsfest war.  Da finden sich noch Riten, die u.U. altgermanischer Herkunft sind aber schon christlichen Mythen enthalten.

Nach (ober-) sorbischer Tradition soll das Wasser, der Quell allen Lebens, in der Osternacht wundersame Wirkung haben. Das Wasser muß am l. Ostertag vor Sonnenaufgang aus reiner Quelle geschöpft werden. Das  (ursprünglich jungfräuliche) Mädchen, das das Osterwasser von der nächstgelegenen Quelle oder dem nächsten Bach holt, dürfe auf dem Weg nicht sprechen und sich nicht umdrehen. Graue, unheimliche Unholde beherrschten die Nacht, heißt es,  sie könnten das Osterwasser seiner Zauberkraft berauben. Heute sind es allerdings häufiger die jungen Männer, die versuchen das Schweigen zu brechen.

Noch im Haus sei Umsicht geboten, Spritzer auf dem Fußboden könnten Ungeziefer anziehen. Achtlos weggeschüttet, beschwöre Osterwasser sogar Siechtum und Tod. Erst dann komme der Lohn. Ein kräftiger Schluck Osterwasser bringe dauerhafte Schönheit, stähle den Körper und schütze vor Krankheiten. Ein paar Tropfen, dem Viehtrank beigegeben, vermehre die Milch und wende Unglück von der Herde.

Auch wurde (wird ??) in der Region um Bautzen das Osterwasser von den jungen Frauen in die Kirchen gebracht, wo es gesegnet als Taufwasser diente (vgl. Tagesspiegel, 29. März 1998). 

Der Adel veranstaltete früher  in manchen Regionen Mitteleuropas zu Ostern traditionell Schnepfenjagden.

In einigen norddeutschen Gegenden ist noch das "Stiepern" oder "Schmackostern" beliebt, das Schlagen mit Birkenruten, das keine Züchtigung, sondern eine glückbringende Geste sein soll, Überbleibsel eines wohl schon altgermanischen Fruchtbarkeitszaubers. Lange vor Ostern brechen die Schulkinder die Birkenzweige [2] , lassen sie in der Vase junges Grün treiben und ziehen damit am Morgen des zweiten Ostertages von Haus zu Haus. Die Bewohner empfangen leichte Rutenstreiche und hören den Vers:

                                          „Ostern, Schmackostern ist hier!

                                           Drei Groschen zum Bier;

                                           Drei Eier und ein Stück Speck,

                                           Dann gehen wir weg!“

 

Kirchliche Weihen von Speisen zu Ostern sind seit dem 7. Jhdt. belegt, - auch die Weihe von Eiern. Zur Unterscheidung wurden die geweihten Eier [3] oft verziert oder gefärbt.

Seit dem 11. Jahrhundert schon wurden nachweislich in der Slowakei Eier bemalt. Sie wurden mit "heidnischen" und christlichen Ornamenten verziert, mit Kreuzen, Wellenlinien, Dreiecken, Ranken, Blüten usw.

Bei den Sorben u.a. wurden Ornamente mit Hilfe einer abgebrochenen Feile oder einem spitzen Messer auf dem hartgekochten, gefärbten Ei eingeritzt (vgl. Vossen et al., a.a.O.).

Der Minnesänger Freidank [4] berichtet im 13. Jhdt. von "geverwedt eyer".

Vielleicht im Zusammenhang mit der Reformation vollzog sich im 16. / 17. Jhdt. ein Wandel in der Sitte des österlichen  Eierschenkens: nun erhielten Pater, Freunde Eier als Liebesgabe. 

Spätestens im 17. Jhdt. wurde der Brauch immer populärer, Ostereier  zu verschenken. Häufig wurden halbierte, leere Hühnereier bemalt, beklebt und mit Süßigkeiten gefüllt und wieder zusammengeklebt. Seit dem 19. Jhdt. gibt es im Handel Ostereier aus Krokant und Schokolade.

Eine Besonderheit sind u.a. in der mährischen Slowakei die "Sauerkrauteier". Das Ei wird dabei zuerst in ein gelbes Farbbad gegeben; nun werden alle Partien die gelb bleiben sollen, mit Wachs abgedeckt und das Ei kommt in ein rotes Farbbad. Alle was rot bleiben soll erhält anschließend eine Wachsschicht. Nun wird das Ei in ein leicht ätzendes Bad von Sauerkrautsaft gelegt: alle nicht mit Wachs abgedeckten Stellen wird die Farbe entzogen, sie werden milchig - weiß.

Im orthodoxen Raum gibt es Eier, die mit weißem Wachs überzogen und mit Perlenapplikationen verziert sind. In Russland sagte man, daß das Grab Christi am Ostermorgen zersprungen sei, wie ein Hühnerei, dem das Küken entschlüpft. Auf russischen Ostereiern fanden sich früher oft österliche Abbildungen, Symbole oder auch die kyrillischen Buchstaben "XB" für den "Ostergruß" [5] "Христóс воскрéсе" (Christos woskrese), d.h.  "Christ ist erstanden".

Auch in der Ukraine war und ist es Tradition, zu Ostern Eier mit z.T. selbst hergestellten Farben mit symbolischen geometrischen Mustern bunt zu bemalen. Die Eier, „pyssanki“ genannt, werden als Tischdekoration benutzt (vgl. Néret, S. 11, a.a.O.).  

 

Über den Bringer der Ostereier herrschte lange Zeit Uneinigkeit. Ist es.....

·         der Hahn, wie man es lange in Oberbayern, Westböhmen, Thüringen, Schleswig - Holstein und im Egerland glaubte

·         die Himmelshenne oder der Ostervogel, wie man lange in Tirol, Kärnten und im Odenwald annahm

·         der Storch (Röhn, Thüringen)

·         der Kuckuck (Solling, Altmark, Braunschweig, Siebenbürgen, Schweiz)

·         der Fuchs (Lippe, Ravensberg, Westfalen, Friesland, Hannover)

·         der Palmesel (Fulda)

Noch zu Beginn des 19. Jhdts. war der Osterhase in manchen Regionen Mitteleuropas unbekannt.

Schon in der Antike wurde der Hase bzw. das Kaninchen wegen seiner Fruchtbarkeit als Symbol der uralten Muttergottheiten, der ewigen Erneuerung des Lebens [6],besonders verehrt.  

Den in Fabeln weit verbreiteten Namen "Meister Lampe" [7] soll der Hase erhalten haben, weil er der germanischen Erdgöttin Holda / Holle bei ihren nächtlichen Wanderungen den Weg beleuchtete.

Der Osterhase ist seit dem 17. Jhdt. nachgewiesen. Der Heidelberger Medizinprofessor beschrieb in seiner Schrift von 1682 "De ovis paschalis" oder "Von den Oster - Eyern", daß es in Westfalen, dem Elsaß und der Pfalz Brauch sei, den Kindern einzureden, der "Osterhase" bringe die Ostereier.

Gegen Ende des vorigen Jhdts. wurde der Hase als Ostersymbol immer populärer, v.a. auch durch massenhaft verbreitete Abbildungen, die Osterhasen vermenschlicht in verschiedensten Alltagssituationen als Gabenbringer zeigten. Bereits 1919 gab es Osterhasen aus Pappmaché in den Angeboten der Spielwarenhersteller im thüringischen Sonneberg. Weltweit populär wurde unterdessen der Osterhase [8] (frz. ‘lapin de Paques’  = Osterkaninchen), zusammen mit den Ostereiern zum eigentlichen, vorchristlichen Symbol des Festes.

Oft wurden die Ostereier im halbhohen Ostergras versteckt. In besonderen Behältnissen wurden dazu schon nach dem Aschermittwoch Haferkörner ausgesät und auf den Fensterbrettern herangezogen. 

In u.a. Österreich waren aus Wolle gestrickte und gewickelte Wunderknäuel beliebt, in deren Innern verschiedene Geschenke versteckt worden waren.

In Schwaben und Franken wurde früher (heute wohl nur noch selten) dem Osterhasen ein Hasengärtlein, eine Art Nest aus Frühlingsgrün, Blumen und Moos. Zuweilen wurden dafür auch kleine Span- bzw. Weidenkörbe verwendet. Am Tag vor Ostern stellten die Kinder das Hasengärtlein in den Garten, fanden dann Ostereier darin. In Nürnberg gab es Hasengärtlein, die gezogen werden konnten.

Zum Beispiel im Odenwald gibt es stellenweise bis heute die Tradition der Ostervögel: die Vögel [9] mit oft roten Papierflügeln und Wachsschnäbeln werden über dem Ostertisch aufgehängt. Sie sollen dem ganzen Haushalt Segen bringen.

 

Gebackene Osterlämmer wurden anscheinend in der Zeit des Rokoko erfunden. Auch heute noch werden sie oft aus zartem Rühr- oder Biskuitteit in Extraformen gebacken. Weiß gemacht werden sie oft mit Puderzucker oder mit Zuckerguss. Zuweilen bekommen sie dann ein rot – weißes Auferstehungsfähnchen  aus Papier an einem Holzspan zwischen die Vorderpfoten gesteckt und ein rosa Seidenbändchen um den Hals gebunden. Weit verbreitet sind solche gebackenen Osterlämmer bis heute in Italien. 

In Griechenland wird am Abend des Ostersonntags (nach dem angenommenen Termin der Auferstehung Christi) traditionell oft eine Figur aus brennbaren Materialien (Holz, Stroh etc.) von Judas Ischarioth verbrannt.

Auch der Mythos von der versunkenen Stadt „Vineta“, der z. B. von Selma Lagerlöf dargestellt wurde, ist mit dem Ostertag verbunden.  alle hundert Jahre wiederauftauchend, mit einem Pfennig zu erlösen.... 

 

Nach islamischer Vorstellung starb Jesus nicht am Kreuz und erstand von daher auch nicht vom Tode, - das christliche Ostergeschehen habe nicht stattgefunden.

Am 8. April 1341, dem 1. Ostertage des Jahres empfing Francesco Petrarca auf dem Kapitol in Rom aus der Hand des Condottiere und römischen Senators Orso dell’Anguillara die römische Bürgerwürde, ein Diplom als „magister, poeta et historicus“ sowie den Dichter - Lorbeerkranz.

Die Ehrung angeboten hatten Petrarca gleichzeitig die Univeristät von Paris und der Senat der Stadt Rom. Letztere nahm er an. Petrarca selbst hängte den Lorbeerkranz in der Peterskirche an dem Altar auf, wie er einem Freund brieflich berichtete.

 

Im Laufe der Jahrhunderte entstand eine Fülle von Kompositionen, die das Osterfest, die Auferstehung Jesu thematisierten.

In seinem „Orgelbüchlein“ ordnete Johann Sebastian Bach der Osterzeit u.a. folgende Choral – Durchführungen zu: „Christ lag in Todesbanden“ (BWV 625), „Christ ist erstanden“ (BWV 627), „Erstanden ist der heil’ge Christ“ (BWV 628) und „Heute triumphiret Gottes Sohn“ (BWV 630).

 

Georg Friedrich Händel (1685 -1759) war im Frühsommer 1706 von Hamburg aus nach Italien aufgebrochen, wohin ihn Gian Gastone de‘ Medici eingeladen hatte. Händel blieb jedoch nicht in Florenz, sondern reiste weiter nach Rom. Dort war durch ein päpstliches Machtwort die Oper (wie auch der Karneval und alle weltlichen Vergnügungen) „… in Verruf geraten … und zeitweilig sogar verboten worden“, es kam zu einer Art „römisch-katholischer ‚Prohibition‘“ (Stähr, S. 12/13, a.a.O.). Durch diesen „… Akt des moralischen Rigorismus“, einen „tiefgreifenden kulturellen Klimawandel“ gelangte das Oratorium in Rom in den Vordergrund, das durch seine Ursprünge in Rom durch den Hl. Filippi Neri „… über jeden Zweifel erhaben“ erschien (Stähr, S. 13, a.a.O.).

Papst Clemens XI. (pont. 1700 – 1721), wollte einem befürchteten sittlichen Niedergang entgegentreten und die Religiosität fördern; auch waren mehrere Erdbeben im Jahre 1703 als göttliche Vorzeichen eines kommenden Untergangs gedeutet worden.

 Händel komponierte 1798 in Rom das „Oratorio per la Resurrezione di Nostro Signor Gesù Cristo“ (Oratorium zur Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus, HW 47) für Solostimmen und Orchester. Es handelte sich um Händels zweites Oratorium (nach dem im Jahr zuvor entstandene Oratorium „Il trionfo del tempo e del disinganno“, HWV 46a), das Libretto stammte von dem erfolgreichen Opernlibrettisten Carlo Sigismondo Capece (1652 – 1728). Der Text geht zurück auf auf die Auferstehungsberichte der Evangelien, die Apokalypse und insbesondere das apokryphe Nikodemus-Evangelium. Aus diesem vermutlich im 5. Jhdt. in griechischer Sprache verfassten Text stammt v.a. die Vorstellung von einer Höllenfahrt Jesu, einem „Abstieg Christi zur Hölle“ („Descensus Christi ad inferos“, vgl. Weidinger, S, 466 f. und 484 ff, a.a.O.). Hierher rührt auch die Erzählung vom Kampf zwischen Satan und Hades (!) mit Jesus an den „… ehernen Toren und … eisernen  Riegeln“ der Hölle (vgl. Weidinger, S. 488, a.a.O.), einem Kampf, in dem Jesus natürlich obsiegt und eine Anzahl von Toten (so Adam oder Elias) aus der Hölle befreit. Die beiden angeblichen Autoren des Textes behaupten selbst auch von Jesus aus der Hölle befreit worden zu sein.

 

Händels damaliger Mäzen, der Marchese Francesco Maria Ruspoli (1672 – 1731) ließ in seinem Palazzo Bonelli „… ein  terrassenförmiges teatro a scalinata  errichten, das bühnenbildartig von einem gewaltigen Hintergrundvorhang abgeschlossen wurde, einem monumentalen Auferstehungsgemälde mit Putten, Cherubim und Dämonen. Schon dies allein verlieh den Aufführungen … einen szenisch – illusionistischen Aspekt und versetzte die erlauchten Besucher des ruspolischen Privattheaters in andächtiges Staunen“ (Stähr, S. 13, a.a.O.).

 

Uraufgeführt wurde das ca. zweistündige Oratorium am Ostersonntag, 8. April 1708 (und nochmals a, 9. April) im römischen Palazzo Bonelli (dem heutigen Palazzo Valentini) nahe der jetzigen Piazza Venezia. Geleitet wurden diese Aufführungen von dem dreiundzwanzigjähriger Komponisten selbst (vom Cembalo aus) und von dem Komponisten Arcangelo Corelli vom ersten Pult aus, als Konzertmeister.  

 

Das Oratorium „La Resurrezione“ ist gekennzeichnet durch zwei Handlungsebenen, eine jenseitig himmlisch-höllische und eine irdische in Jerusalem. Die Handlung beginnt mit dem Kampf zwischen dem Engel (Angelo) und dem Teufel (Lucifero) um die Frage, wer nun, nach dem Kreuzestod Jesu gesiegt habe: Der Engel hatte Jesus bis an die Höllenpforte geleitet.

Auf der irdischen Handlungsebene beklagen Maria Magdalena (Maddalena) und Maria Kleophae (die Frau des Kleophas, Cleofe) den Tod Jesu. Der Evangelist Johannes (San Giovanni) lenkt die Aufmerksamkeit auf die angekündigte Auferstehung und auf der himmlischen Ebene preist der Engel den Sieg Gottes über den Teufel, der – in einer „Wutarie“ – seine Niederlage erkennen muss.

Am Ostermorgen bebt die Erde, Johannes besingt den Sonnenaufgang und der Engel bringt Maddalena und Cleofe die Botschaft von der Auferstehung . San Giovanni besingt schließlich das Glück der Mutter Jesu. Die Schlusszene ist ein allgemeiner Lobpreis, bei dem auch der Teufel mitsingen darf (zumindest in der Aufführung in der Berliner Philharmonie im Oktober 2014).

  

Ein päpstliches Dekret von 1703 verbot im Kirchenstaat Auftritte von Frauen in allen musikalischen Darbietungen. Nur in der Rolle der Maddalena sang so bei der römischen Uraufführung tatsächlich eine Frau, die junge Margharita Durastanti, die später auch in London mit Händel zusammenarbeitete. Marchese Ruspoli erhielt bereits am Ostermontag eine „ammonizione“ (Abmahnung, im Fußball heute auch die Gelbe Karte), eine strengen päpstlichen Verweis, überbracht von einem Kardinal persönlich (vgl. Stähr, S. 18, a.a.O.). Papst Clemens XI. setzte durch, dass Margherita Durastanti in der zweiten Aufführung durch den Kastraten Pippo ausgewechselt wurde.

 

Auffällig ist an Händels Musik hier, dass sich dies Oratorium kaum von einer Oper unterscheidet, besonders bei einer szenischen Aufführung auf einer Bühne. Auch spielt der Chor in „La Resurrezione“ eine untergeordnete Rolle, er wird von den Solisten übernommen. Bemerkenswert sind auch die Naturanalogien in Händels Musik: Zum Beispiel werden in der Arie der Maria Cleofa (Nr. 12, „Naufrando va per l’onde“, „Droht das schwache Boot auf den Wellen zu kentern…“) die „rollenden Meereswogen§ durch „rasende, sozusagen sturmgepeitschte Sechzehntel“ ausgedrückt (vgl. Stähr, S. 22, a.a.O.). Der Opernkomponist Händel verleugnete die Opernhaftigkeit auch in dieser frühen geistlichen Musik nicht.  

Dieses Oratorium Händels wurde nach den Uraufführungen 1708 für ca. 250 Jahre nicht mehr aufgeführt. Händels „La Resurrezione“ kann als eine Art Zwitter „… zwischen Erzählung und Konzertmusik“ abgesehen werden (vgl. „Der Tagesspiegel“, 31. Oktober 2014, S. 21).

 

Seit 1959 entwickelte sich in verschiedenen Ländern weltweit eine neue österliche Sitte, der Ostermarsch. Anknüpfend an den alten Ostergruß "Friede sei mit Dir" veranstalten Friedensfreunde und Pazifisten weltweit an den Ostertagen Demonstrationen gegen die jeweils jüngsten "Anschläge" der militärisch - industriellen Komplexe. Im Zentrum der Ostermarschbewegung standen von daher u.a. die Atombewaffnung, die Notstandsgesetze oder die "Nachrüstung". In den letzten Jahren wurden verstärkt die schleichende Militarisierung des Alltags, militärische Interventionen im Ausland und die rapide Zerschlagung des Sozialstaats im Inland thematisiert. 

 

Ostermontag Feiertag u.a. in Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien, Luxemburg, den Niederlanden,  Österreich, Schweden und Spanien. 

 

Am Ostermontag gibt es in Mytilene / Lesbos bis heute den „Brauch des Glases“: Am Ende der Ostermontagsliturgie trinkt der Bischof aus einem silbernen Becher und wirft ihn dann unter die versammelte Gemeinde. Derjenige oder diejenige, die den Becher auffängt, erhält als Ostergabe rote Eier sowie ein Geldgeschenk.

 

 

(variabel nach der christlichen Osterberechnung; der erste Sonntag und Montag nach dem ersten Frühlingsvollmond) 

 
© Christian Meyer


[1] Die deutsche Bezeichnung "Ostern" wie auch das englische "Easter" stammt von der umstrittenen germanischen Frühlingsgöttin "Ostara" ab. Bei den Angelsachsen soll sie "Eostra" genannt worden sein und als Personifikation der aufsteigenden Sonne gegolten haben. 

[2] Regional werden auch Wacholderzweige zum "Schmackostern" benutzt.

[3] Eier gelten in einigen Schöpfungsmythen als Lebenssymbol, z.T. auch als Wegzehrung ins Jenseits.Schon im antiken Ägypten und Iran wurden im Frühling Eier bemalt. Im europäischen Mittelalter war es in verschiedenen Regionen üblich, den Pachtzins - er wurde u.a. um Ostern fällig - in Naturalien abzuführen, z.B. in Eiern oder gefangenen Hasen. Vielleicht wurden hier zwei heterogene Traditionen zusammengefaßt. 

[4] Freidank (Vrîdank) ist der vermutlich allegorische Name eines mittelhochdeutschen Dichters (1. Hälfte des 13. Jhdts.). Er verfaßte das Lehrgedicht "Bescheidenheit" in 53 Abschnitten und mehr als 4000 Versen zu verschiedensten Bereichen und Erfahrungen des hochmittelalterlichen Lebens.

[5] Auf den russischen liturgischen Ostergruß "Христóс воскрéсе" (Christ ist erstanden) folgt die Antwort "Воистину воскрéсе" (Er ist in Wirklichkeit auferstanden).

[6] Im antiken Ägypten gab man teilweise dem Osiris die Gestalt eines Hasen, der zerstückelt in den Nil geworfen wurde und so die periodischen Fruchtbarkeit bringenden Überschwemmungen bewirkte (vgl. Chevalier, S. 572, a.a.O.). 

Gluskap (Kluskave), der von einer Jungfrau geborene Kulturheros der nordöstlichen Algonkin (in Kanada), wird oft als Hase gedacht oder symbolisiert. Er kämpfte dem Mythos nach gegen seinen bösen Zwillingsbruder und erschafft nach der großen Flut aus einem Schlammbrocken eine neue Erde. Zurückgezogen im mythischen Norden lebend wirkt er weiter zum Wohl der Menschen und der Erde (vgl. Lurker, S. 118, a.a.O.).

[7] Bis heute soll regional der Begriff „Lampert" für "Kaninchen" verwendet werden (vgl. auch "18. September, Hl. Lambert).

[8] Kaninchen und Hasen sind weniger miteinander verwandt als z. B. Löwe und Tiger. Sie sind keine Nagetiere (früher wurden sie in der Gruppe der Murmeltiere, Eichhörnchen, Hamster, Stachelschweine, Mäuse etc. geführt, da diese Gruppe in Einfach- und Doppelzähnige unterteilt wurde, und die Doppelzähnigen haben hinter den großen Nagezähnen des Oberkiefers noch 2 kleine Stiftzähne.), sondern als eigene Gruppe die Hasenartigen oder Lagomorphen. Hase und Kaninchen gehören in dieser Gruppe nicht nur verschiedenen Arten, sondern auch verschiedenen Gattungen an, können nicht gekreuzt werden. Die Existenz von Leporiden ist zwar immer wieder behauptet, nie belegt worden. Der Hase ist ein ausdauernder Läufer, er lebt meist paarweise oder einzeln. Er legt kein Nest an, sondern ein offenes Lager. Charakteristisch für Hasen ist ihre enorme Fruchtbarkeit, eine Häsin kann im Jahr zweimal Junge werfen. Die Tragzeit beträgt 42 Tage, die Häsin kann sich einige Tage vor der Geburt wieder decken lassen ("Schachtelträchtigkeit"). Dieses seltsame Phänomen wurde bereits vor 2 Jtsd. in groben Zügen von Herodot geschildert. Die Jungen sind typische Nestflüchter. Sie haben lange Hinterläufe (bis zu 80 km/h), die Ohren sind länger als der Kopf, die Chromosomenzahl beträgt 48.

Trotz seiner Fruchtbarkeit wurde der Hase durch den BUND in Ostdeutschland auf die "Rote Liste" gesetzt, in Berlin und Brandenburg gilt er sogar als sehr gefährdet.

Das Kaninchen ist ein Grabtier und Höhlenbewohner, halb so groß wie der Hase. Es gibt 58 verschiedene Rassen und bis zu 20 Farbschläge. Die Jungen werden, bis zu einem Dutzend, nackt und blind in einem tiefen, weich ausgepolsterten Erdbau geboren. Die Ohren sind kürzer als der Kopf; es gibt nur 44 Chromosomen.

[9] Sie erinnern sehr an die pfingstlichen "Heilig - Geist - Vögel" oder "Heilig - Geist - Tauben".

Abb. unten: Georg Friedrich Händel, um 1710; Pastell von Luzie Schneider nach einer Miniatur von Christoph Platzer (Abb aus Stähr, S. 11, a.a.O.)

G. F. Händel - Portrait
G. F. Händel - Portrait
Palazzo Bonelli
Palazzo Bonelli

Die Piazza SS. Apostoli in Rom, im Hintergrund der Palazzo Bonelli, die damalige Residenz des Marchese Bonelli und Wohnort Händels in den Jahren 1707/08; Stich von Giovanni Battista Falda, Rom, ca. 1666 (Abb aus Stähr, S. 13, a.a.O.)

 

Titelseite des Libretto
Titelseite des Libretto

 

Titelseite des Librettos des Oratoriums, Rom 1708 (Abb aus Stähr, S. 15, a.a.O.)

23. Mai:  Welt-Schildkrötentag

 

Die zoologische Ordnung der Schildkröten (zool. Testudinata, Testudines, von lat. „testudo“ „Schildkröte“; früher auch Chelonia vom gr. χελώνιον „Schildkrötenschale“) sind eine Reptilienordnung mit ca. 340 wechselwarmen Arten und kurzem und breitem Körper, der von einem flachen oder gewölbten Schild bedeckt ist. Sie haben zahnlose Kiefer und legen die Eier auf dem Land ab. Sie sind weltweit verbreitet, auf dem Land, im Wasser und in den Ozeanen, außer den Polarregionen. Es gibt fleisch- und pflanzenfressende Arten.

 

Im Trias (vor ca. 225 – 195  Mio. Jahren) traten erstmals die echten Schildkröten (Chelonia) als eine wichtige Reptiliengruppe auf.  Im Perm (der letzten Periode des Archaikums, vor ca. 280 Mio. Jahren) gab es vielleicht Vorformen der Schildkröten (vgl. Špinow, S. 32, a.a.O.) .

In den kretazischen (kreidezeitlichen) Meeren Nordamerikas lebten vor ca. 72 Mio. Jahren große, bis zu 4m lange Schildkröten, Archelon ischyros, die größte bisher entdeckte Schildkröte. Sie waren weitgehend an das Leben im Wasser angepasst: die Panzer waren reduziert, da so Gewicht gespart wurde. Ihre Füße waren – wie bei den heutigen Meeresschildkröten – zu paddelförmigen Extremitäten umgestaltet und verbreitert, die Finger durch Hautgewebe verbunden.

 

Im Mesozoikum (Erdmittelalter) waren die Reptilien die erfolgreichste Gruppe der Landwirbeltiere. Die meisten Arten der Reptilien starben anschließend aus, vermutlich durch den Einschlag eines Asteroiden. Das Ende des Mesozoikums  überlebten nur vier Ordnungen der Reptilien …

  • die Krokodile (zool. crocodilia)
  • die Schuppensaurier (zool. squamata), die Schlangen, Eidechsen etc.
  • die Schildkröten (zool. chelonia), und
  • die Brückenechsen (zool. rhynchocephalia „Schnabelköpfe“), mit einer einzigen rezenten Art (Sphenodon punctatus), ein neuseeländisches „lebendes Fossil“ (vgl. Špinow, S. 223, a.a.O.) .

Die Schildkröten haben sich seit dem Trias nur sehr wenig verändert und überlebten erdgeschichtliche Umbrüche und blieben bis in die jüngste Gegenwart ebenso zahlreich wie in der Vergangenheit.

Die Schildkröten werden als „bizarres Überbleibsel primitivster Reptilien“ angesehen (vgl. Špinow, S. 96, a.a.O.) angesehen, die ursprünglich ausschließlich festländisch lebten, also terrestrische Tiere waren.

 

 

Heute gibt es weltweit ca. 340 verschiedene Schildkröten-Spezies, die meisten leben im Süßwasser. Sieben Arten leben im Meer, Meeresschildkröten sind aktuell vom Aussterben bedroht. 

Heutige Meeresschildkröten leben in tropischen und subtropischen Meeren. Die Weibchen werden mit frühestens 20 Jahren fortpflanzungsreif. Die Weibchen aller sieben Arten sind ortstreu, sie kommen zur Paarung und zur Eiablage an an den Strand, an dem sie selbst geschlüpft sind. Dazu schwimmen sie z.T. tausende von Kilometern durch den Ozean.

Bis heute ist es unklar, wie die Weibchen zu dem Strand ihrer Geburt zurückfinden. Vermutet wird, die Schildkröten verfügten (wie z.B. bei Rotlachsen oder einigen Zugvögelarten nachgewiesen) über ein Sinnesorgan zur Wahrnehmung des Erdmagnetismus. Dann könnte ein Art geomagnetische Prägung vorliegen, ein Lernvorgang der „magnetischen Signatur“ der Inklination der Feldlinien, der sie mit Hilfe einer Magnetfeld-Landkarte auch viele Jahre später immer wieder zum Strand ihrer Geburt zurückfinden lässt (vgl. Wiltschko, a.a.O.).  

Mit welchen Organen ggf. die Tiere das Magnetfeld der Erde wahrnehmen, ist unklar.

Die Männchen sind weniger ortstreu, so dass langfristige Inzucht verhindert wird. Der biologische Vorteil der Ortstreue liegt darin, dass – wie Forscher des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung 2013 feststellten – die Weibchen in bestimmten Gengruppen Abwehrkräfte genau gegen die Krankheiten und Parasiten vererben, die auf der jeweiligen Brutinsel auf den Nachwuchs warten.

Im Sand am Strand werden die Eier in einem selbstgegrabenen Loch abgelegt und von der Sonnenwärme ausgebrütet. 

Seit Jahrtausenden vermutlich ist der Moment des Schlüpfens im Sand und der Weg ins rettende Meer ein Massaker unter den Baby-Schildkröten: denn die nur handtellergroßen Tiere werden zum großen Teil von Vögeln und anderen Freßfeinden verzehrt, wie es z.B. schon der italienische sensationsheischend-voyeuristische Film „Mondo Cane“ aus dem Jahre 1962 zeigte.  

Im Durchschnitt erreicht nur einer von 1.000 „Schlüpflingen“ der Unechten Karettschildkröte (zool. Caretta caretta) das fortpflanzungsfähige Erwachsenenalter.

 

Ein Grund für die Faszination von Schildkröten ist, dass sie ein sehr hohes Alter erreichen können. Das Geburtsjahr einer Galápagos-Riesenschildkröte namens Harriet (sie lebte jahrelang im Australia Zoo/Queensland) lebte und 2006 verstarb, wurde auf 1830 geschätzt. Damit wäre sie mindestens 176 Jahre alt geworden. Meeresschildkröten können wahrscheinlich 75 Jahre oder mehr leben. werden  Als Haustier gehaltene Schmuckschildkröten können nachweislich bei guter Pflege 40 Jahre oder älter werden.

Die schwerste jemals gemessene Schildkröte wog 916 kg, eine Lederschildkröte.  

Da die Haut der Schildkröten – wie die aller Reptilien – im Laufe des Lebens nicht mitwächst, müssen sie sich Häuten. In Aquarien werden die Schildkrötenpanzer im Frühjahr mit Bürsten gereinigt: „Mit leichtem Schrubben der Schildkrötenpanzer unterstützen wir die Häutung. Das ist wie eine Massage für die Tiere“ (vgl. Tagesspiegel, 15. Mai 2019, S. 28).

 

Zu den Besonderheiten einiger Schildkröten gehören…

  • die Fähigkeit sehr lange Zeit ohne Nahrung und Wasser aus zu kommen
  • die Fähigkeit von Weibchen  manchen Arten, die Samen mehrerer Männchen zu speichern und ihre Einer damit erst lange nach der Paarung zu befruchten.

Als die im Indischen Ozean (ca. 500 km östlich von Madagaskar) gelegenen Maskarenen-Inseln  im Jahr 1512 vom portugiesischen Seefahrer Pedro Mascarenhas entdeckt wurden, lebten auf Réunion, Mauritius und Rodrigues Tausende Exemplare der Landschildkröten-Gattung Cylindraspis. Die Panzer der fünf Arten waren teilweise zurückgebildet, sie waren überflüssig, da die Schildkröten keine natürlichen Feinde auf den Inseln hatten. Durch die Verfolgung der eingewanderten Menschen (oder durch eingeschleppte Ratten oder Raubtiere) wurde die Gattung rasch ausgerottet und ist seit der Mitte des 19. Jhdts. ausgestorben. Den Dodo überlebten die Schildkröten immerhin ca. 200 Jahre (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).  

 

Durch die Untersuchung mitochondrialer DNA-Sequenzen aus erhalten gebliebenen Resten von Maskarenen-Riesenschildkröten konnte nun in der „Scientific Reports“  deren abenteuerliche Geschichte näher geklärt werden.

Die Maskarenen-Inseln liegen auf dem Réunion-Hotspot, der immer wieder neue Vulkaninseln im Indischen Ozean entstehen (und vergehen) lässt. Vor ca. 40 Mio. Jahren dürfte nach den genetischen Berechnungen eine weibliche, befruchtete Cylindraspis von Afrika (oder Madagaskar oder Asien) zu einer dieser Inseln geschwemmt worden sein. Sie wurde (vermutlich) zur Urmutter aller Maskarenen-Riesenschildkröten, einer Population mit eigenständiger Evolution, die auch den Untergang der ursprünglichen Vulkaninsel durch Übergang auf die neu entstandenen Inseln überlebte.  Vor ca. 10. Mio. Jahren entstanden dann die heutigen Maskarenen, besiedelt von u.a. den Cylindraspis – bis die Menschen kamen (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).      

 

Dagegen überlebten Riesenschildkröten (Aldabrachelys gigantea, Syn.: Dipsochelys) auf den Seychellen und insbesondere auf Aldabra, dem größten Atoll im Indischen Ozean. Politisch gehört Aldabra zu den Seychellen, liegt nördlich von Madagaskar und ist bis auf eine Ranger-Gruppe unbewohnt. Das Atoll steht unter strengem Schutz und konnte seine ursprüngliche Flora und Fauna weitgehend erhalten. 1982 wurde Aldabra von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.

Die Seychellen-Riesenschildkröten  sind eine Gattung der der Landschildkröten und erreichen bis zu 1,2 m Länge und ein Gewicht von bis zu 250 kg. Sie sind die einzigen Riesenschildkröten weltweit, deren Bestand momentan nicht gefährdet ist. In der Population sind ca. 100.000 Tiere vorhanden.  

Im Jahre 2004 gelangte eine Aldabra-Schildkröte an die Küste von Tansania: das Tier war zwar abgemagert, aber gesund; es war die ca. 2000 km von den Seychellen nach Ostafrika getrieben/geschwemmt, vermutlich mehrere Monate lang (vgl. Tagesspiegel, 1. Januar 2020). 

 

Eine besondere, auffällige Jagdmethode zeichnet die bestandsgefährdete Geierschildkröte (Macrochelys temminckii; auch: Alligatorschildkröte) aus, denn sie „angelt“ ihre Beute. Diese bis zu 75cm große nordamerikanische Süßwasserschildkröte hat einen während der Jagd auffällig rosaroten Zungenfortsatz. Die Schilkröte ruht lauernd im Schlamm auf dem Boden des Gewässers, öffnet das Maul und bewegt den Zungenfortsatz. Vorbei schwimmende Fische halten den Zungenfortsatz für einen Wurm, schnappen nach ihm – und werden von den scharfen Kiefern der Schildkröte gefangen (vgl. Abbn. dazu unten).

 

Aussterben dürfte vermutlich bald die Yangtse-Riesenweichschildkröte, die größte Süßwasserschildkröte der Welt. Das letzte Weibchen der Art starb in einem chinesischen Zoo – bei einem Besamungsversuch. Weltweit gibt es nun nur noch drei bekannte Exemplare, - drei Männchen, eines in einem chinesischen Zoo und zwei in vietnamesischen Seen (vgl. Berliner Zeitung, 16. Arpil 2019, S. 26). 

 

In vielen Mythen weltweit spielen Schildkröten eine kosmophorische Rolle und sind – wohl ihrer Langlebigkeit wegen – ein Symbol für die Unsterblichkeit.

Vishnu, ein indischer Schöpfergott, erscheint als Schildkröte im Urmeer schwimmend, die Welt auf seiner Panzerschale tragend.

Viele Buddhisten glauben, dass in jeder Schildkröte menschliche Seelen auf der Seekenwanderung verweilen, auf dem Weg ins Nirvana.

Im antiken Griechenland wurde der Mythos von Chelone (Χελώνη gr.  Schildkröte) tradiert. Anlässlich der Hochzeit des Zeus und der Hera wurden alle Götter, Menschen und Tiere durch den Götterboten Hermes eingeladen. Die junge Chelone jedoch blieb als einzige zu Hause, aus Verachtung vor der Götterhochzeit. Hermes, der ihr Fehlen bemerkt, stieg er zur Erde hinab, warf Chelone mitsamt ihrem Haus in einen Fluss und verwandelte sie in eine Schildkröte. Sie muß deshalb ihr Haus fortwährend auf dem Rücken tragen.

 

Die heute vielleicht bekannteste Schildkröte ist Kassiopeia und spielt in MOMO, ein 1973 erschienener Roman von Michael Ende eine wichtige Rolle, denn sie unterstützt Momo in ihrem Kampf gegen die die Menschen um die Zeit betrügenden „grauen Herren“.

 

In einem (vielgestaltig überlieferten) Mythos der Irokesen [1] (ursprünglich im nordwestlichen Waldland des heutigen Staates New York und in Ontario) wurde die Großmutter der Menschen (die „Himmelsfrau“) schwanger, von ihrem Mann (dem Mond?) aus Eifersucht vom Himmel herab ins Meer gestürzt– Land gab es damals noch nicht. Die Schildkröte nahm die Großmutter auf ihrem Rücken auf, den die Bisamratte mit Schlick bedeckte, den sie vom Grund des Meeres emporholte. So wurde langsam auf dem Rücken der Schildkröte die erste Insel geformt, aus der schließlich das gesamte Land entstand.  

Auch die Entstehung der Menschen hing für die Irokesen in zwiefacher Hinsicht mit der Schildkröte zusammen. Die Tochter der Großmutter (gezeugt von der Schildkröte) wurde wundersam geschwängert (vom Westwind, einem jungen Mann??) und gebar antagonistische Zwillingshelden, die Schöpfer des Guten, Iosheka, und des Bösen, Tawiscara (vgl. Guirand, S. 522, a.a.O.). Der gute Heros Iosheka (i.e. „der Helle“) stürzte nach seiner Geburt in einen See, direkt vor der Hütte einer Schildkröte. Von dieser erhielt er u.a. Pfeil und Bogen, zwei Maiskolben, sowie reife Körner, um sie zu pflanzen (vgl. Chevalier, S. 957, a.a.O.).  

Der böse Zwillingsheros Tawiscara (i.e. „der Dunkle“)  tötete seine Mutter bei der Geburt, er versuchte alle guten Gaben seines Bruders zu schädigen.

Nach einer anderen Fassung der Legende wuchsen aus dem Grabe der Mutter eine Tabakspflanze, ein Bohnenbusch. eine Mais- und eine Kürbispflanze (vgl. Graymont, S. 17, a.a.O.). Die Irokesen waren ursprünglich Jäger und Sammler, gingen aber bereits vor der Ankunft der Europäer zum Feldbau über.

Für einige Gruppen (Phratrien, Clans, Gentes [2]) der Irokesen war die Schildkröte ein Totem-Tier [3] , das weder gejagt noch gegessen werden durfte (vgl. Findeisen, S. 50, a.a.O.).

Diese totemistische Tradition wird auch in dem lesenswerten Kinderbuch „Blauvogel“ von Anna Jürgen erwähnt (vgl. a.a.O.).

Auch trug in dem „Blauvogel“ der Tomahawk eines Mannes der „Schildkrötenfamilie“ am Griff „… in roter Farbe das Bild einer Schildkröte: ein ovales Rund mit sechs Punkten am Rand für die Beine, den Kopf und den Schwanz“ (Jürgen, S. 9, a.a.O.).

Der US-amerikanische (evolutionistische) Ethnologe Lewis Henry Morgan (1818 - 1881) führte in seiner Schrift „Ancient society“ (erschienen 1877) für den Irokesenstamm der Seneca acht nach Tieren benannte Gentes an: 1. Wolf 2. Bär, 3. Schildkröte, 4. Biber, 5. Hirsch, 6. Schnepfe, 7. Reiher und 8. Falke (vgl. Morgan, S. 90, a.a.O.). Morgan führte zu den Irokesischen Gentes aus: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, obwohl nie formuliert, waren die Grundprinzipien der Gens“ (Morgan, zit. n. Engels, 1960, S. 225, a.a.O.).  

Auch wurden damals die Angehörigen der jeweiligen Gentes getrennt begraben, zusätzlich noch nach Frauen und Männern getrennt (Morgan, S. 104, a.a.O.).

Besonders auffällig war die matrilineare gesellschaftliche Organisationsform der Irokesen, die sich zu einer 5- bzw. 6-Nationen-Föderation zusammengeschlossen hatten und  Elemente einer egalitären Konsensdemokratie (vgl. Thomas Wagner, a.a.O.) aufwies [4]. Die Stammesföderation hatte eine matrilineare Sozialstruktur und differenzierte Beratungs- und Entscheidungsgremien, von denen Elemente in die US-Verfassung eingegangen sein sollen. 

 

In dem 1566 verfassten „Bericht aus Yucatán“ des franziskanischen Missionars und Bischofs Diego de Landa beschrieb dieser „…staunenerregend große Schildkröten“, von denen „… einige … weitaus größer (sind) als mächtige Rundschilde; sie sind schmackhaft und haben überaus viel Fleisch; die Eier, die sie legen, sind so groß wie Hühnereier, und sie legen hundertfünfzig oder zweihundert, wofür sie in Sand, außerhalb des Wassers, ein großes Loch schaufeln; danach decken sie die Eier mit Sand zu, und dort schlüpfen die kleinen Schildkröten aus. An Land, in den trockenen Waldgebieten und in den Lagunen gibt es verschiedene andere Schildkrötenarten“ (de Landa, S. 159, a.a.O.).    

 

Die pazifischen Galapagos – Inseln verdanken ihren Namen den Schildkröten (vgl. Neef, S. 368, a.a.O.)., span. „galapagos“ = „Waserschildkröten“.

Die Lage des vulkanischen Archipels – ca. 1000 km vom Festland entfernt -  wurde von den Spaniern lange geheim gehalten. William Dampier (1651 - 1715), der britische Freibeuter, Weltumsegler und Naturforscher, besuchte im Juli 1684 die Galapagos-Inseln. In dieser Zeit waren die Inseln zum Rückzugsort für Piraten geworden, die dort ihre Schätze versteckten.

Dampier beschrieb die Fauna und Flora des Archipels. Insbesondere sprach es von den damals noch zahlreichen bis zu 350 kg schweren Riesenschildkröten: sie seien so köstlich, „… daß kein jung Huhn besser schmecken kann“ (Dampier, zit. n. Glaubrecht, a.a.O.). Er führte an, dass er an einer Bucht über 3000 der Tiere zählen konnte. Die Seefahrer pflegten damals auf den Inseln  Schildkröten als lebende Konserven in die Vorratsräume zu laden, 

 

Darwin erreichte im September 1835 die Galapagos-Inseln. Der damalige Gouverneur der Inseln, Nicholas Lawson, erzählte Darwin, dass er schon an der Form der „Panzer“ erkennen können, von welcher der Inseln des Archipels die entsprechende Schildkröte stamme.

Charles Darwin beschreibt in seinem Reisetagebuch plastisch, wie die Schildkröten auf dem Archipel durch die Menschen dezimiert wurden. Auch Darwin lebte auf den Inseln überwiegend von Schildkrötenfleisch, fand es aber nur mäßig (vgl. Darwin).    

Jahrhundertlang, zumindest bis ins 17. Jhdt. gingen Schiffsärzte davon aus, dass die Skorbut eine Folge des Fleischmangels an Bord sei. Das Vitamin C wurde erst 1928 entdeckt. 

Da Schildkröten sehr lange ohne Essen und Trinken auskommen, man zudem glaubte, sie empfänden keine Schmerzen, weil sie keine Laute von sich geben, wurden viele der Tiere  im Schiff  tierquälerisch unter Deck zusammengepfercht. Durch die Seefahrer wurden die Schildkröten der Seychellen- und Galapagos-Inseln fast vollständig ausgerottet.

 

Auch die „Beagle“ führte bei der Abfahrt 30 der Schildkröten mit sich, die allesamt im weiteren Verlauf der Reise verspeist wurden, auch von Darwin selbst.

Erst viele Jahre später, zurück in England, erkannte Darwin, dass die Schildkröten – als Beleg für die Veränderlichkeit der Arten - vielleicht die bedeutsamsten Fundstücke der Inseln gewesen wären. 

Seit 1959 sind die zu Ekuador gehörenden Inseln größtenteils ein Naturpark, aber völlig überlaufen und ökologisch gefährdet: Im Jahre 2018 besuchten ca. 275 000 Menschen die Inseln. Allerdings wird das Geld der Touristen z.T. für den Naturschutz verwendet.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte im Februar 2019 im Rahmen eines Staatsbsuchs auch die Galapsgos-Inseln. In der Schildkröten-Aufzuchtstation Santa Cruz – die seit 1964 von der Charles-Darwin-Stiftung betrieben wird - übernahm er die Patenschaft für eine junge Meeresschildkröte, Alejandra. In drei Jahren soll sie ausgewildert werden, denn Schildkröten sind auf den Inseln gefährdet, nicht nur durch Plastikmüll. Bei einer Aktion au den Küsten des Archipels wurden 22 t vorwiegend angeschwemmter Plastikmüll auch durch Sieben des Sandes eingesammelt (vgl. „Tagesspiegel“, 16. Februar 2019, S. 3). Und dabei gibt es seit einem 2014 eingeführten Plastiktütenverbot praktisch keine Plastiktüten mehr auf den Inseln, zudem wurde ein erfolgreiches Bildungs-, Mülltrennungs- und Recyclingprogramm u.a. von WWW initiiert.  

 

Das Schlüpfen der Schildkröten ist heute auf Heron Island für Reisende die Hauptattraktion. Die kleine Insel im Nordosten Australiens wurde 1843 entdeckt und nach den dort beobachteten Reihern (engl. heron) benannt.

1925 wurde auf der Insel eine Abfüllanlage für Schildkrötensuppe errichtet, die sich jedoch nach schon 2 Jahren nicht mehr rentierte, da die zuvor zahlreichen Tiere, die Grüne Meeresschildkröte und die Karettschildkröte rasch dezimiert wurden. In den Gebäuden der ehemaligen Fabrik wurde dann 1932 das erste touristische Ressort im Großen Barriere-Riff eingerichtet, 1943 wurde Heron Island zum Nationalpark. Heute darf in ihm nichts eingeschleppt, mitgenommen, verändert werden, in das Ökosystem der Insel darf nicht eingegriffen werden (vgl. Bisping, a.a.O.).

Ca. 4000 Schildkröten leben permanent um Heron Island, zudem ca. 200 000 Vögel. Zwischen Oktober und März kommen die weiblichen Schildkröten jeweils 4 – 5 Mal zur Eiablage an Land. 8 Wochen später, also zwischen Dezember und Mai schlüpfen nachts die jungen Schildkröten, kriechen aus ihren Nesthügeln, krabbeln vom Mondlicht geleitet dem rettenden Meer entgegen. Auch hier werden die allermeisten Baby-Schildkröten Opfer ihrer vielen Fressfeinde.   

 

Ästivation (vom lat. aestes Sommer, Hitze) bezeichnet die Strategie mancher Tiere, hohen Temperaturen und starker Trockenheit auszuweichen, indem sie die Sommermonate weitgehend verschlafen. Solche Sommerruhe kommt bei einigen Insekten vor, aber auch bei einigen Reptilien, wie der Ägyptischen oder Tunesischen Landschildkröte (vgl. Vaas, S. 18, a.a.O.).

 

Schon seit ca. 120 bis 150 Mio. Jahren leben Meeresschildkröten auf dem Planeten Erde, Gefahren drohen Schildkröten heute v.a. durch den Menschen. Seit Jahrzehnten gehen die Schildkröten-Populationen zu Lande und zu Wasser dramatisch zurück, viele sind akut vom Aussterben bedroht. Allein in Chinas Garküchen werden alljährlich um die 20 Millionen Schildkröten zu Suppe verkocht.

Gefährdet sind die Meeresschildkröten besonders durch den Menschen:

Ø  als Beifang der Fischer: „Einige Hunderttausend Schildkröten verenden pro Jahr an Haken der oft über 100 Kilometer langen Leinen. Andere werden in Fisch- oder Shrimpsnetzen gefangen“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch das Fangen bei der Eiablage und das Sammeln der Eier, was nicht nur an der mesoameikanischen Pazifikküste bis heute weit verbreitet ist. Schildkrötenarten landen noch immer hunderttausendfach im Kochtopf (vgl. Greenpeace-Magazin, 2/04). 

Ø  durch den Verlust von Lebensräumen, z.B. dem Bau von Hotels an Eiablagestränden: „Hell erleuchtete Hotels an Stränden etwa halten die Schildkröten-Weibchen vom Eierlegen ab und irritieren die frisch geschlüpften Babys, so dass sie den Weg zum lebenswichtigen Meer nicht finden“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch den Klimawandel (vgl. Tag der Umwelt) können Brutgebiete (ansteigender Meeresspiegel,  vgl. Tag des Meeres, Sturmfluten) überschwemmt oder vernichtet werden. Höhere Temperaturen des Sandes am Strand führen dazu, dass sich aus den abgelegten Eiern mehr Weibchen entwickeln: Die Folgen dieser Veränderung im Quantitativen Geschlechterverhältnis sind unklar. Zudem sterben viele Eier bei zu hohen Temperaturen ab- So wurden z.B. in Malaysia an einem Schildkrötenstrand Kokospalmen gefällt, ohne Schatten wurde es den Eiern zu heiß.

Ø  durch die Vermüllung der Meere: Bei einer wachsenden Zahl von Meeresschildkröten findet man Plastikstücke im Magen, durch die die Tiere sterben können (vgl. Tag des Meeres & Tag der Umwelt). Treibende Plastiktüten ähneln Quallen und Meeresschildkröten lieben Quallen. Wenn eines der Tiere ein Plastikobjekt frisst, kann das Material ihren Magen verstopfen, was es dann daran hindert, echte Nahrung herunter zu schlucken. „Manche der Reptilien bekommen eine ‚bubble butt‘ (engl. ‚Blasenhintern‘, C.M.), einen derart aufgeblähten Bauch von den Gasen, die bei der Plastikzersetzung frei werden, dass die Tiere nur an der Oberfläche treiben, aber nicht mehr abtauchen können. Die Folge: Die Schildkröten verhungern oder werden von Freßfeinden erbeutet“ (Bisping, S. 13, a.a.O.), z.B. Haien. Australische Forscher stellten bei der Untersuchung von 250 toten Meeresschildkröten fest, dass ….

       - jedes zweite Jungtier Plastikobjekte im Magen-Darmtrakt hatte

          - bei jugendlichen und ausgewachsenen Schildkröten es „nur“ jedes sechste Tier war

      - sich bei Schlüpflingen kein Plastik im Magen fand.

Jüngere Schildkröten – erklären die Forscher – scheinen eher dort zu fressen, wo sich mehr Plastik im Meer befindet – nahe den Küsten (vgl. „Tagesspiegel“, 18. September 2018, S. 25 und Abb. unten)     

 

Immer wieder sterben Meeresschildkröten durch gefressenen Plastikmüll oder verheddern sich in treibendem Müll. Forscher gingen davon aus, die Schildkröten verwechselten z.B. treibende Plastiktüten mit Quallen.

Eine Forschergruppe um Joseph B. Pfaller (Universität von Florida) beschäftigte sich mit dem Verhalten der Meeresschildkröten dem Plastikmüll gegenüber.

Sie vermutete, dass die Schildkröten nicht nur vom Aussehen, sondern auch von dem Geruch des Plastkmülls angelockt würden (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Auf dem Plastikmüll siedeln sich im Meer jedoch rasch allerlei Mikroorganismen, Algen, Pflanzen und andere Lebewesen an.     

In einem Geruchsexperiment mit Unechten Karettschildkröten reagierten diese auf Futtergerüche (Fisch, Garnelen) genauso intensiv wie auf den Geruch von Plastik mit Ablagerungen (vgl. „Tagesspiegel“, 10. März 2020, S. 16).

Auf den Geruch von sauberem Plastik reagierten sie hingegen gar nicht mit Suchverhalten. Beim partiellen Absterben des Belags entsteht ein nahrungsähnlicher Geruch („Bio-fouling“), der die Tiere anlockt. Auch ist der Belag durchaus nahrhaft, wird allerdings oft zu einer tödlichen Falle (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Unklar ist jedoch noch, welche chemischen Verbindungen von besiedeltem Plastik die Schildkröten anlocken.     

 

Eine Studie aus dem Jahre 2017 (von der Aristoteles Universität Thessaloniki) zu den Populationen von 7 Arten der Meeresschildkröten belegte eine leichte Erholung einiger der 299 Populationen weltweit: Bei 95 von ihnen stieg die Zahl der Schildkröten deutlich an, bei 35 Populationen sank sie deutlich ab. Bei den restlichen blieb sie in etwa gleich (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

  

Günstig auf die Schildkrötenpopulation wirkt der aktive Schutz der Brutgebiete und der Eiablagen, so z.B. in dem 25 km langen Schutzreservat Ras al-Dschinz in Oman, wo nun auch geführte Öko-Touristen vor allem von Juni bis zum November die Eiablage der Grünen Meeresschildkröte erleben können.

Schon 1983 wurde Archelon, ein Verein zum Schutz der Schildkröten in Griechenland (mit Sitz in Glyfada bei Athen) gegründet. Er kümmert sich seither um u.a. den Schutz der Nester der Unechten Karettschildkröte in Zakynthos, auf Kreta und dem Peleponnes.

Dennoch stehen sechs der sieben Meeresschildkrötenarten als gefährdet, sehr gefährdet oder vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature, Weltnaturschutz –Union, (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

 

Weltweit gibt es unterdessen mehrere Institutionen, die sich um verletzte und erkrankte Schildkröten bemühen.

So z.B. das „Ontario Turtle Conservation Centre“ in Kanada, das jährlich Hunderte bei Unfällen verletzte Schildkröten rettet. Vor allem geht es darum, durch Autounfälle verletzte Panzer wieder zusammen zu fügen; oftmals sind es allein dort mehr als 20 Operationen täglich. Es handelt sich dabei um in Ontario heimische Arten, die auf der „Roten Liste“ als zumindest gefährdet stehen (vgl. „Tagesspiegel“, 14. 10 2017).

Schon 1986 wurde das „Turtle Hospital“ in Marathon/Florida gegründet, das bislang einige Tausend verletzte Schildkröten rettete und wieder ins Meer entließ.   

In der nicht-profitorientierten Tierrettungsstation „Carolina Waterfowl Rescue“(CWR) in Nord-Carolina werden jährlich hunderte von verletzten Schildkröten behandelt, v.a. Weibchen, die zur Eiablage an Lande gekommen sind: Viele werden von Autos angefahren, von Rasenmähern verletzt oder von Hunden gebissen.

Verletzungen am Panzer der Schildkröten müssen wieder zusammenwachsen, wie gebrochene Knochen. Dabei haben sich gespendete BH-Verschlüsse als Hilfe bewährt. Sie wurden an die Bruchstelle geklebt und dann mit Drähten so verbunden, dass der Riss zusammengehalten wird. Der Heilungsprozess kann Monate dauern, aber 70 % der dortigen Schildkröten-Patientinnen können durchschnittlich als geheilt wieder in die Freiheit entlassen werden.

 

 

Bei Schildkröten dauert es lange Jahre bis die Tiere geschlechtsreif sind. Die Weibchen legen zwar jedes Jahr viele Eier, ältere Schnappschildkröten bis zu 60 Stück. Aber weniger als ein Prozent der Eier führt zu einer erwachsenen Schildkröte. Es dauert rund 20 Jahre, bis eine Schildkröte selbst Eier legt. Besonders lang ist der Zyklus bei den Schnappschildkröten (Chelydra serpentina), die aus Nordamerika stammen und in Süßwasserseen und Flüssen leben: Ca. 1500 Eier und 59 Jahre werden benötigt,  um eine weibliche Schnappschildkröte in der Natur zu ersetzen.

 

 Der 23. Mai wurde als Weltschildkrötentag im Jahre 2000 von der „American Tortoise Rescue“ eingeführt und 2002 von der „Humane Society of the United States“ (HSUS, vgl. http://www.hsus.org/) übernommen und popularisiert. Ziel ist es, auf die Gefährdung der Schildkröten hinzuweisen und geeignete Aktionen zu ihrem Schutz zu initiieren.

 

Wie australische und US-Forscher jüngst feststellten, bedroht der globale Klimawandel die Existenz einer der größten Kolonien von Meeresschildkröten im nördlichen Great-Barriere-Riff: Da der Sand, in dem die Schildkröten ihre Eier vergraben, wärmer geworden ist, schlüpfen dort zu 99,1% nur noch weibliche Jungtiere (vgl. „Stern“, 18. Januar 2018, S. 20).

 

Meeresschildkröten sind – betonen Ökologen – ein guter Bioindikator für die Güte der jeweiligen Umwelt und die Biodiversität, - wenn die Umweltbedingungen sich verschlechtern, verschwinden sie. Zudem ernähren sie sich u.a. von Quallen, deren Gift z.T. auch tödlich für Menschen ist (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

  

Besonders aktiv beim Schutz der Meeresschildkröten ist auch das Fischerdorf Ebodjè in Kamerun. Das Dorf hat knapp 1000 Einwohner, liegt am Atlantik, im Süden Kameruns, ca. 40 km von der Grenze zu Äquatorial-Guinea. Die Bewohner gehören überwiegend zu dem kleinen Volk der Yasa, deren Sprache zu den südlichen Bantusprachen gehört und in Kamerun, Äquatorial-Guinea und Gabun gesprochen wird. Es gibt ca. 2400 Yasa-Sprecher. 

An dem kilometerlangen Strand von Ebodjé kommen 4 der 5 im Golf von Guinea lebenden Meeresschildkröten zur Eiablage:

  • die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea; frz. tortue luth; Vandelli, 1761): Sie ist die größte aller Meeresschildkröten; das größte bei der Eibalage in Ebodijé beobachtete Exemplar hatte eine Breite von ca. 2,1 m und eine Länge von ca. 2,4 m.  
  • die Oliv-Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea; frz. tortue olivâtre; Eschscholtz, 1829) 
  • die Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata; frz. tortue imbriquée; Linnaeus, 1766)  

·        die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas; frz.  tortue verte; Linnaeus, 1758 ) 

 

Im Jahre 2017/18 kamen ca. 150 Schildkröten zwischen September und April zur Eiablage an den Sandstrand des Dorfes.

In der Region ist die Naturschutz-Organisation „Tube Awu“ (auf Yasa „Unser Ozean“) zum Schutz der Meeresschildkröten aktiv.

Denis Gnamabo, der Vorsitzende von Tube Awu, meinte: „Die Meeresschildkröte ist in unserem Emblem. Von Generation zu Generation ist sie Teil unseres Lebens. Sie zu schützen ist heute unsere größte Aufgabe“ (zit. n. Kouagheu, a.a.O.).

Früher allerdings machte er, wie auch seine Vorfahren und nahezu alle Dorfbewohner, Jagd auf die Schidlkröten, töteten sie und aßen ihre Eier und ihr Fleisch.

Erst Ende der 90er Jahre wurden die Dorfbewohner durch eine Forschergruppe (mit Teilnehmern auch aus Europa) auf die Bedeutung der Schildkröten und ihres Schutzes aufmerksam gemacht. Viele erkannten, dass die Tiere zu anderen Dingen dienen könnten als zur Nahrung.

Mit der Hilfe verschiedener Nicht-Regierungsorganisationen begann man in Ebodjé den Ökotourismus zu entwickeln, organisierte Unterkünfte, Speiseräume und Naturführungen. 99% der Besucher kamen wegen der Schildkröten,

Eine Schildkrötenaufzuchtstation wurde mit externer Unterstützung eingerichtet, in dem Schildkröteneier geschützt und die Schlüpflinge – vom ganzen Dorf begleitet – zum Meer gebracht werden. So wurde die Überlebensrate der Jungtiere deutlich erhöht.

Im Jahre 2001 Museum  "La Maison de Ndiva" (auf Yasa: Ndiva Lederschildkröte) eingerichtet, mit Informationstafeln und Bildern zum Leben und zur Anatomie der Tiere und allerlei Schilkrötenobjekte, so konservierte Eier der Meeresschildkröten oder Panzer von einst gejagten Tieren.

So hat sich die Zahl der Besucher deutlich erhöht: In den letzten Jahren kamen durchschnittlich mehr als 300 Besucher in das recht abgelegene Ebodjé.

 

Jedoch wird dort auch immer noch gewildert, es wurden 2017 und 2108 jährlich ca. 20 Meeresschildkröten erlegt, darunter auch Lederschildkröten.

Denn vom Ökotourismus profitieren nicht alle Dorfbewohner genügend. Geplant sind deshalb u.a. die Errichtung einer Kühlkammer für die gefangenen Fische und den Ausbau einer Kokusnussanbau- und Vertriebsgenossenschaft (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

Zum Schutz der Meeresschildkröten stellten deshalb internationale Nicht-Regierunsgsorganisationen Gelder bereit. Jeder Fischer, dem zufällig eine Schildkröte ins Netz geht und der sie lebendig ins Dorf bringt, erhält als Kompensation 10 000 Francs CFA ( ca. 15,- €).

Die Mäzene finanzierten zudem den Besuch von Kindern des Dorfes auf höheren Schulen, so dass einige schon das Baccalauréat erreicht haben, - dank der Schildkröten!   

 

 

(unveränderlich, nach dem Gregorianischen Kalender)

 

© Christian Meyer

 


[1] Nach dem Berliner Ethnologen und Amerikanisten Walter Krickeberg (1885-1962) entstand der obige Mythos vermutlich unter den nördlicheren Algonkin.

[2] Unter „Gens“ (lat. sg. Familie, Geschlecht, Völkerschaft; pl. „gentes“) verstand Morgan eine soziale Gruppe mit einer (realer oder angenommenen) gemeinsamen Abstammung, im Falle der Irokesen von einer gemeinsamen Stammesmutter (vgl. Engels, 1960, S. 222, a.a.O.). 

[3] Das Wort „Totem“ entstammt einem Idiom der Algonkin (vgl. Findeiesen, S. 42, a.a.O.).

[4] Auch Friedrich Engels beschäftigte sich in „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ (1884 veröffentlicht) aufbauend auf den Forschungen Morgans und Manuskripten von Marx im III. Teil mit den „Irokesischen Gens“. Von der damaligen Sozialstruktur der Irokesen-Föderation war Engels fasziniert, da bei ihnen…

  • Frauen und Männer gleichermaßen ihre Vertreter wählten, Entscheidungen wurden einstimmig gefällt
  • nur wenige, unbedeutende Faktoren des Alltagslebens in Privatbesitz waren (z.B. die Wirtschaftsgärten), überwiegend vorherrschend war der Gemeinbesitz
  • keinen Staat gab, sie lebten „…ohne Soldaten, Gendarmen oder Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter; ohne Gefängnis, ohne Prozesse … Arme und Bedürftige kann es nicht geben – die kommunistische Haushaltung und die Gens kennen ihre Verpflichtungen gegen Alte, Kranke und im Kriege Gelähmte. Alle sind frei und gleich – auch die Weiber“ (Engels, 1960, S. 231/232, a.a.O.).

Engels erkannte allerdings auch kritische Aspekte der Irokesen-Gesellschaft, so ihre Aggressivität und Grausamkeit nach Außen, die Blutrache, sowie die „äußerst unentwickelte Produktion“, - eine „Organisation, dem Untergang geweiht“ (Engels,1960, S. 233, a.a.O.). 

Der Irokesen-Föderation wurde 1794 in einem Vertrag zugesichert, die Unabhängigkeit und Selbständigkeit „… solange das Gras wächst und die Flüsse fließen“ zu erhalten (Jeier, S. 86, a.a.O.).

Zur Zeit George Catlins (1796 - 1872) waren die Irokesen „… fast ganz vertilgt“ (Catlin, Bd. II, S. 66, a.a.O.), z.T. durch Kriege, durch Krankheiten, Vertreibungen und Alkohol.

Die Zeitung „Awksesasne Notes“, 1968 von u.a. dem Mohawk Ernest Benedict (*1918) gegründet und v.a. von Irokesen der Mohawks getragen, entwickelte sich zu einem „panindianisches Sprachrohr“ (Jeier, S. 233, a.a.O.), und kämpfte für die gemeinsamen Interessen der Indianer in den USA, Kanada und auch Lateinamerika. 

Heute leben Irokesen v.a. in Kanada, Wisconsin und Oklahoma.

 

 

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23. Mai:  Welt-Schildkrötentag

 

Die zoologische Ordnung der Schildkröten (zool. Testudinata, Testudines, von lat. „testudo“ „Schildkröte“; früher auch Chelonia vom gr. χελώνιον „Schildkrötenschale“) sind eine Reptilienordnung mit ca. 340 wechselwarmen Arten und kurzem und breitem Körper, der von einem flachen oder gewölbten Schild bedeckt ist. Sie haben zahnlose Kiefer und legen die Eier auf dem Land ab. Sie sind weltweit verbreitet, auf dem Land, im Wasser und in den Ozeanen, außer den Polarregionen. Es gibt fleisch- und pflanzenfressende Arten.

 

Im Trias (vor ca. 225 – 195  Mio. Jahren) traten erstmals die echten Schildkröten (Chelonia) als eine wichtige Reptiliengruppe auf.  Im Perm (der letzten Periode des Archaikums, vor ca. 280 Mio. Jahren) gab es vielleicht Vorformen der Schildkröten (vgl. Špinow, S. 32, a.a.O.) .

In den kretazischen (kreidezeitlichen) Meeren Nordamerikas lebten vor ca. 72 Mio. Jahren große, bis zu 4m lange Schildkröten, Archelon ischyros, die größte bisher entdeckte Schildkröte. Sie waren weitgehend an das Leben im Wasser angepasst: die Panzer waren reduziert, da so Gewicht gespart wurde. Ihre Füße waren – wie bei den heutigen Meeresschildkröten – zu paddelförmigen Extremitäten umgestaltet und verbreitert, die Finger durch Hautgewebe verbunden.

 

Im Mesozoikum (Erdmittelalter) waren die Reptilien die erfolgreichste Gruppe der Landwirbeltiere. Die meisten Arten der Reptilien starben anschließend aus, vermutlich durch den Einschlag eines Asteroiden. Das Ende des Mesozoikums  überlebten nur vier Ordnungen der Reptilien …

  • die Krokodile (zool. crocodilia)
  • die Schuppensaurier (zool. squamata), die Schlangen, Eidechsen etc.
  • die Schildkröten (zool. chelonia), und
  • die Brückenechsen (zool. rhynchocephalia „Schnabelköpfe“), mit einer einzigen rezenten Art (Sphenodon punctatus), ein neuseeländisches „lebendes Fossil“ (vgl. Špinow, S. 223, a.a.O.) .

Die Schildkröten haben sich seit dem Trias nur sehr wenig verändert und überlebten erdgeschichtliche Umbrüche und blieben bis in die jüngste Gegenwart ebenso zahlreich wie in der Vergangenheit.

Die Schildkröten werden als „bizarres Überbleibsel primitivster Reptilien“ angesehen (vgl. Špinow, S. 96, a.a.O.) angesehen, die ursprünglich ausschließlich festländisch lebten, also terrestrische Tiere waren.

 

 

Heute gibt es weltweit ca. 340 verschiedene Schildkröten-Spezies, die meisten leben im Süßwasser. Sieben Arten leben im Meer, Meeresschildkröten sind aktuell vom Aussterben bedroht. 

Heutige Meeresschildkröten leben in tropischen und subtropischen Meeren. Die Weibchen werden mit frühestens 20 Jahren fortpflanzungsreif. Die Weibchen aller sieben Arten sind ortstreu, sie kommen zur Paarung und zur Eiablage an an den Strand, an dem sie selbst geschlüpft sind. Dazu schwimmen sie z.T. tausende von Kilometern durch den Ozean.

Bis heute ist es unklar, wie die Weibchen zu dem Strand ihrer Geburt zurückfinden. Vermutet wird, die Schildkröten verfügten (wie z.B. bei Rotlachsen oder einigen Zugvögelarten nachgewiesen) über ein Sinnesorgan zur Wahrnehmung des Erdmagnetismus. Dann könnte ein Art geomagnetische Prägung vorliegen, ein Lernvorgang der „magnetischen Signatur“ der Inklination der Feldlinien, der sie mit Hilfe einer Magnetfeld-Landkarte auch viele Jahre später immer wieder zum Strand ihrer Geburt zurückfinden lässt (vgl. Wiltschko, a.a.O.).  

Mit welchen Organen ggf. die Tiere das Magnetfeld der Erde wahrnehmen, ist unklar.

Die Männchen sind weniger ortstreu, so dass langfristige Inzucht verhindert wird. Der biologische Vorteil der Ortstreue liegt darin, dass – wie Forscher des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung 2013 feststellten – die Weibchen in bestimmten Gengruppen Abwehrkräfte genau gegen die Krankheiten und Parasiten vererben, die auf der jeweiligen Brutinsel auf den Nachwuchs warten.

Im Sand am Strand werden die Eier in einem selbstgegrabenen Loch abgelegt und von der Sonnenwärme ausgebrütet. 

Seit Jahrtausenden vermutlich ist der Moment des Schlüpfens im Sand und der Weg ins rettende Meer ein Massaker unter den Baby-Schildkröten: denn die nur handtellergroßen Tiere werden zum großen Teil von Vögeln und anderen Freßfeinden verzehrt, wie es z.B. schon der italienische sensationsheischend-voyeuristische Film „Mondo Cane“ aus dem Jahre 1962 zeigte.  

Im Durchschnitt erreicht nur einer von 1.000 „Schlüpflingen“ der Unechten Karettschildkröte (zool. Caretta caretta) das fortpflanzungsfähige Erwachsenenalter.

 

Ein Grund für die Faszination von Schildkröten ist, dass sie ein sehr hohes Alter erreichen können. Das Geburtsjahr einer Galápagos-Riesenschildkröte namens Harriet (sie lebte jahrelang im Australia Zoo/Queensland) lebte und 2006 verstarb, wurde auf 1830 geschätzt. Damit wäre sie mindestens 176 Jahre alt geworden. Meeresschildkröten können wahrscheinlich 75 Jahre oder mehr leben. werden  Als Haustier gehaltene Schmuckschildkröten können nachweislich bei guter Pflege 40 Jahre oder älter werden.

Die schwerste jemals gemessene Schildkröte wog 916 kg, eine Lederschildkröte.  

Da die Haut der Schildkröten – wie die aller Reptilien – im Laufe des Lebens nicht mitwächst, müssen sie sich Häuten. In Aquarien werden die Schildkrötenpanzer im Frühjahr mit Bürsten gereinigt: „Mit leichtem Schrubben der Schildkrötenpanzer unterstützen wir die Häutung. Das ist wie eine Massage für die Tiere“ (vgl. Tagesspiegel, 15. Mai 2019, S. 28).

 

Zu den Besonderheiten einiger Schildkröten gehören…

  • die Fähigkeit sehr lange Zeit ohne Nahrung und Wasser aus zu kommen
  • die Fähigkeit von Weibchen  manchen Arten, die Samen mehrerer Männchen zu speichern und ihre Einer damit erst lange nach der Paarung zu befruchten.

Als die im Indischen Ozean (ca. 500 km östlich von Madagaskar) gelegenen Maskarenen-Inseln  im Jahr 1512 vom portugiesischen Seefahrer Pedro Mascarenhas entdeckt wurden, lebten auf Réunion, Mauritius und Rodrigues Tausende Exemplare der Landschildkröten-Gattung Cylindraspis. Die Panzer der fünf Arten waren teilweise zurückgebildet, sie waren überflüssig, da die Schildkröten keine natürlichen Feinde auf den Inseln hatten. Durch die Verfolgung der eingewanderten Menschen (oder durch eingeschleppte Ratten oder Raubtiere) wurde die Gattung rasch ausgerottet und ist seit der Mitte des 19. Jhdts. ausgestorben. Den Dodo überlebten die Schildkröten immerhin ca. 200 Jahre (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).  

 

Durch die Untersuchung mitochondrialer DNA-Sequenzen aus erhalten gebliebenen Resten von Maskarenen-Riesenschildkröten konnte nun in der „Scientific Reports“  deren abenteuerliche Geschichte näher geklärt werden.

Die Maskarenen-Inseln liegen auf dem Réunion-Hotspot, der immer wieder neue Vulkaninseln im Indischen Ozean entstehen (und vergehen) lässt. Vor ca. 40 Mio. Jahren dürfte nach den genetischen Berechnungen eine weibliche, befruchtete Cylindraspis von Afrika (oder Madagaskar oder Asien) zu einer dieser Inseln geschwemmt worden sein. Sie wurde (vermutlich) zur Urmutter aller Maskarenen-Riesenschildkröten, einer Population mit eigenständiger Evolution, die auch den Untergang der ursprünglichen Vulkaninsel durch Übergang auf die neu entstandenen Inseln überlebte.  Vor ca. 10. Mio. Jahren entstanden dann die heutigen Maskarenen, besiedelt von u.a. den Cylindraspis – bis die Menschen kamen (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).      

 

Dagegen überlebten Riesenschildkröten (Aldabrachelys gigantea, Syn.: Dipsochelys) auf den Seychellen und insbesondere auf Aldabra, dem größten Atoll im Indischen Ozean. Politisch gehört Aldabra zu den Seychellen, liegt nördlich von Madagaskar und ist bis auf eine Ranger-Gruppe unbewohnt. Das Atoll steht unter strengem Schutz und konnte seine ursprüngliche Flora und Fauna weitgehend erhalten. 1982 wurde Aldabra von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.

Die Seychellen-Riesenschildkröten  sind eine Gattung der der Landschildkröten und erreichen bis zu 1,2 m Länge und ein Gewicht von bis zu 250 kg. Sie sind die einzigen Riesenschildkröten weltweit, deren Bestand momentan nicht gefährdet ist. In der Population sind ca. 100.000 Tiere vorhanden.  

Im Jahre 2004 gelangte eine Aldabra-Schildkröte an die Küste von Tansania: das Tier war zwar abgemagert, aber gesund; es war die ca. 2000 km von den Seychellen nach Ostafrika getrieben/geschwemmt, vermutlich mehrere Monate lang (vgl. Tagesspiegel, 1. Januar 2020). 

 

Eine besondere, auffällige Jagdmethode zeichnet die bestandsgefährdete Geierschildkröte (Macrochelys temminckii; auch: Alligatorschildkröte) aus, denn sie „angelt“ ihre Beute. Diese bis zu 75cm große nordamerikanische Süßwasserschildkröte hat einen während der Jagd auffällig rosaroten Zungenfortsatz. Die Schilkröte ruht lauernd im Schlamm auf dem Boden des Gewässers, öffnet das Maul und bewegt den Zungenfortsatz. Vorbei schwimmende Fische halten den Zungenfortsatz für einen Wurm, schnappen nach ihm – und werden von den scharfen Kiefern der Schildkröte gefangen (vgl. Abbn. dazu unten).

 

Aussterben dürfte vermutlich bald die Yangtse-Riesenweichschildkröte, die größte Süßwasserschildkröte der Welt. Das letzte Weibchen der Art starb in einem chinesischen Zoo – bei einem Besamungsversuch. Weltweit gibt es nun nur noch drei bekannte Exemplare, - drei Männchen, eines in einem chinesischen Zoo und zwei in vietnamesischen Seen (vgl. Berliner Zeitung, 16. Arpil 2019, S. 26). 

 

In vielen Mythen weltweit spielen Schildkröten eine kosmophorische Rolle und sind – wohl ihrer Langlebigkeit wegen – ein Symbol für die Unsterblichkeit.

Vishnu, ein indischer Schöpfergott, erscheint als Schildkröte im Urmeer schwimmend, die Welt auf seiner Panzerschale tragend.

Viele Buddhisten glauben, dass in jeder Schildkröte menschliche Seelen auf der Seekenwanderung verweilen, auf dem Weg ins Nirvana.

Im antiken Griechenland wurde der Mythos von Chelone (Χελώνη gr.  Schildkröte) tradiert. Anlässlich der Hochzeit des Zeus und der Hera wurden alle Götter, Menschen und Tiere durch den Götterboten Hermes eingeladen. Die junge Chelone jedoch blieb als einzige zu Hause, aus Verachtung vor der Götterhochzeit. Hermes, der ihr Fehlen bemerkt, stieg er zur Erde hinab, warf Chelone mitsamt ihrem Haus in einen Fluss und verwandelte sie in eine Schildkröte. Sie muß deshalb ihr Haus fortwährend auf dem Rücken tragen.

 

Die heute vielleicht bekannteste Schildkröte ist Kassiopeia und spielt in MOMO, ein 1973 erschienener Roman von Michael Ende eine wichtige Rolle, denn sie unterstützt Momo in ihrem Kampf gegen die die Menschen um die Zeit betrügenden „grauen Herren“.

 

In einem (vielgestaltig überlieferten) Mythos der Irokesen [1] (ursprünglich im nordwestlichen Waldland des heutigen Staates New York und in Ontario) wurde die Großmutter der Menschen (die „Himmelsfrau“) schwanger, von ihrem Mann (dem Mond?) aus Eifersucht vom Himmel herab ins Meer gestürzt– Land gab es damals noch nicht. Die Schildkröte nahm die Großmutter auf ihrem Rücken auf, den die Bisamratte mit Schlick bedeckte, den sie vom Grund des Meeres emporholte. So wurde langsam auf dem Rücken der Schildkröte die erste Insel geformt, aus der schließlich das gesamte Land entstand.  

Auch die Entstehung der Menschen hing für die Irokesen in zwiefacher Hinsicht mit der Schildkröte zusammen. Die Tochter der Großmutter (gezeugt von der Schildkröte) wurde wundersam geschwängert (vom Westwind, einem jungen Mann??) und gebar antagonistische Zwillingshelden, die Schöpfer des Guten, Iosheka, und des Bösen, Tawiscara (vgl. Guirand, S. 522, a.a.O.). Der gute Heros Iosheka (i.e. „der Helle“) stürzte nach seiner Geburt in einen See, direkt vor der Hütte einer Schildkröte. Von dieser erhielt er u.a. Pfeil und Bogen, zwei Maiskolben, sowie reife Körner, um sie zu pflanzen (vgl. Chevalier, S. 957, a.a.O.).  

Der böse Zwillingsheros Tawiscara (i.e. „der Dunkle“)  tötete seine Mutter bei der Geburt, er versuchte alle guten Gaben seines Bruders zu schädigen.

Nach einer anderen Fassung der Legende wuchsen aus dem Grabe der Mutter eine Tabakspflanze, ein Bohnenbusch. eine Mais- und eine Kürbispflanze (vgl. Graymont, S. 17, a.a.O.). Die Irokesen waren ursprünglich Jäger und Sammler, gingen aber bereits vor der Ankunft der Europäer zum Feldbau über.

Für einige Gruppen (Phratrien, Clans, Gentes [2]) der Irokesen war die Schildkröte ein Totem-Tier [3] , das weder gejagt noch gegessen werden durfte (vgl. Findeisen, S. 50, a.a.O.).

Diese totemistische Tradition wird auch in dem lesenswerten Kinderbuch „Blauvogel“ von Anna Jürgen erwähnt (vgl. a.a.O.).

Auch trug in dem „Blauvogel“ der Tomahawk eines Mannes der „Schildkrötenfamilie“ am Griff „… in roter Farbe das Bild einer Schildkröte: ein ovales Rund mit sechs Punkten am Rand für die Beine, den Kopf und den Schwanz“ (Jürgen, S. 9, a.a.O.).

Der US-amerikanische (evolutionistische) Ethnologe Lewis Henry Morgan (1818 - 1881) führte in seiner Schrift „Ancient society“ (erschienen 1877) für den Irokesenstamm der Seneca acht nach Tieren benannte Gentes an: 1. Wolf 2. Bär, 3. Schildkröte, 4. Biber, 5. Hirsch, 6. Schnepfe, 7. Reiher und 8. Falke (vgl. Morgan, S. 90, a.a.O.). Morgan führte zu den Irokesischen Gentes aus: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, obwohl nie formuliert, waren die Grundprinzipien der Gens“ (Morgan, zit. n. Engels, 1960, S. 225, a.a.O.).  

Auch wurden damals die Angehörigen der jeweiligen Gentes getrennt begraben, zusätzlich noch nach Frauen und Männern getrennt (Morgan, S. 104, a.a.O.).

Besonders auffällig war die matrilineare gesellschaftliche Organisationsform der Irokesen, die sich zu einer 5- bzw. 6-Nationen-Föderation zusammengeschlossen hatten und  Elemente einer egalitären Konsensdemokratie (vgl. Thomas Wagner, a.a.O.) aufwies [4]. Die Stammesföderation hatte eine matrilineare Sozialstruktur und differenzierte Beratungs- und Entscheidungsgremien, von denen Elemente in die US-Verfassung eingegangen sein sollen. 

 

In dem 1566 verfassten „Bericht aus Yucatán“ des franziskanischen Missionars und Bischofs Diego de Landa beschrieb dieser „…staunenerregend große Schildkröten“, von denen „… einige … weitaus größer (sind) als mächtige Rundschilde; sie sind schmackhaft und haben überaus viel Fleisch; die Eier, die sie legen, sind so groß wie Hühnereier, und sie legen hundertfünfzig oder zweihundert, wofür sie in Sand, außerhalb des Wassers, ein großes Loch schaufeln; danach decken sie die Eier mit Sand zu, und dort schlüpfen die kleinen Schildkröten aus. An Land, in den trockenen Waldgebieten und in den Lagunen gibt es verschiedene andere Schildkrötenarten“ (de Landa, S. 159, a.a.O.).    

 

Die pazifischen Galapagos – Inseln verdanken ihren Namen den Schildkröten (vgl. Neef, S. 368, a.a.O.)., span. „galapagos“ = „Waserschildkröten“.

Die Lage des vulkanischen Archipels – ca. 1000 km vom Festland entfernt -  wurde von den Spaniern lange geheim gehalten. William Dampier (1651 - 1715), der britische Freibeuter, Weltumsegler und Naturforscher, besuchte im Juli 1684 die Galapagos-Inseln. In dieser Zeit waren die Inseln zum Rückzugsort für Piraten geworden, die dort ihre Schätze versteckten.

Dampier beschrieb die Fauna und Flora des Archipels. Insbesondere sprach es von den damals noch zahlreichen bis zu 350 kg schweren Riesenschildkröten: sie seien so köstlich, „… daß kein jung Huhn besser schmecken kann“ (Dampier, zit. n. Glaubrecht, a.a.O.). Er führte an, dass er an einer Bucht über 3000 der Tiere zählen konnte. Die Seefahrer pflegten damals auf den Inseln  Schildkröten als lebende Konserven in die Vorratsräume zu laden, 

 

Darwin erreichte im September 1835 die Galapagos-Inseln. Der damalige Gouverneur der Inseln, Nicholas Lawson, erzählte Darwin, dass er schon an der Form der „Panzer“ erkennen können, von welcher der Inseln des Archipels die entsprechende Schildkröte stamme.

Charles Darwin beschreibt in seinem Reisetagebuch plastisch, wie die Schildkröten auf dem Archipel durch die Menschen dezimiert wurden. Auch Darwin lebte auf den Inseln überwiegend von Schildkrötenfleisch, fand es aber nur mäßig (vgl. Darwin).    

Jahrhundertlang, zumindest bis ins 17. Jhdt. gingen Schiffsärzte davon aus, dass die Skorbut eine Folge des Fleischmangels an Bord sei. Das Vitamin C wurde erst 1928 entdeckt. 

Da Schildkröten sehr lange ohne Essen und Trinken auskommen, man zudem glaubte, sie empfänden keine Schmerzen, weil sie keine Laute von sich geben, wurden viele der Tiere  im Schiff  tierquälerisch unter Deck zusammengepfercht. Durch die Seefahrer wurden die Schildkröten der Seychellen- und Galapagos-Inseln fast vollständig ausgerottet.

 

Auch die „Beagle“ führte bei der Abfahrt 30 der Schildkröten mit sich, die allesamt im weiteren Verlauf der Reise verspeist wurden, auch von Darwin selbst.

Erst viele Jahre später, zurück in England, erkannte Darwin, dass die Schildkröten – als Beleg für die Veränderlichkeit der Arten - vielleicht die bedeutsamsten Fundstücke der Inseln gewesen wären. 

Seit 1959 sind die zu Ekuador gehörenden Inseln größtenteils ein Naturpark, aber völlig überlaufen und ökologisch gefährdet: Im Jahre 2018 besuchten ca. 275 000 Menschen die Inseln. Allerdings wird das Geld der Touristen z.T. für den Naturschutz verwendet.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte im Februar 2019 im Rahmen eines Staatsbsuchs auch die Galapsgos-Inseln. In der Schildkröten-Aufzuchtstation Santa Cruz – die seit 1964 von der Charles-Darwin-Stiftung betrieben wird - übernahm er die Patenschaft für eine junge Meeresschildkröte, Alejandra. In drei Jahren soll sie ausgewildert werden, denn Schildkröten sind auf den Inseln gefährdet, nicht nur durch Plastikmüll. Bei einer Aktion au den Küsten des Archipels wurden 22 t vorwiegend angeschwemmter Plastikmüll auch durch Sieben des Sandes eingesammelt (vgl. „Tagesspiegel“, 16. Februar 2019, S. 3). Und dabei gibt es seit einem 2014 eingeführten Plastiktütenverbot praktisch keine Plastiktüten mehr auf den Inseln, zudem wurde ein erfolgreiches Bildungs-, Mülltrennungs- und Recyclingprogramm u.a. von WWW initiiert.  

 

Das Schlüpfen der Schildkröten ist heute auf Heron Island für Reisende die Hauptattraktion. Die kleine Insel im Nordosten Australiens wurde 1843 entdeckt und nach den dort beobachteten Reihern (engl. heron) benannt.

1925 wurde auf der Insel eine Abfüllanlage für Schildkrötensuppe errichtet, die sich jedoch nach schon 2 Jahren nicht mehr rentierte, da die zuvor zahlreichen Tiere, die Grüne Meeresschildkröte und die Karettschildkröte rasch dezimiert wurden. In den Gebäuden der ehemaligen Fabrik wurde dann 1932 das erste touristische Ressort im Großen Barriere-Riff eingerichtet, 1943 wurde Heron Island zum Nationalpark. Heute darf in ihm nichts eingeschleppt, mitgenommen, verändert werden, in das Ökosystem der Insel darf nicht eingegriffen werden (vgl. Bisping, a.a.O.).

Ca. 4000 Schildkröten leben permanent um Heron Island, zudem ca. 200 000 Vögel. Zwischen Oktober und März kommen die weiblichen Schildkröten jeweils 4 – 5 Mal zur Eiablage an Land. 8 Wochen später, also zwischen Dezember und Mai schlüpfen nachts die jungen Schildkröten, kriechen aus ihren Nesthügeln, krabbeln vom Mondlicht geleitet dem rettenden Meer entgegen. Auch hier werden die allermeisten Baby-Schildkröten Opfer ihrer vielen Fressfeinde.   

 

Ästivation (vom lat. aestes Sommer, Hitze) bezeichnet die Strategie mancher Tiere, hohen Temperaturen und starker Trockenheit auszuweichen, indem sie die Sommermonate weitgehend verschlafen. Solche Sommerruhe kommt bei einigen Insekten vor, aber auch bei einigen Reptilien, wie der Ägyptischen oder Tunesischen Landschildkröte (vgl. Vaas, S. 18, a.a.O.).

 

Schon seit ca. 120 bis 150 Mio. Jahren leben Meeresschildkröten auf dem Planeten Erde, Gefahren drohen Schildkröten heute v.a. durch den Menschen. Seit Jahrzehnten gehen die Schildkröten-Populationen zu Lande und zu Wasser dramatisch zurück, viele sind akut vom Aussterben bedroht. Allein in Chinas Garküchen werden alljährlich um die 20 Millionen Schildkröten zu Suppe verkocht.

Gefährdet sind die Meeresschildkröten besonders durch den Menschen:

Ø  als Beifang der Fischer: „Einige Hunderttausend Schildkröten verenden pro Jahr an Haken der oft über 100 Kilometer langen Leinen. Andere werden in Fisch- oder Shrimpsnetzen gefangen“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch das Fangen bei der Eiablage und das Sammeln der Eier, was nicht nur an der mesoameikanischen Pazifikküste bis heute weit verbreitet ist. Schildkrötenarten landen noch immer hunderttausendfach im Kochtopf (vgl. Greenpeace-Magazin, 2/04). 

Ø  durch den Verlust von Lebensräumen, z.B. dem Bau von Hotels an Eiablagestränden: „Hell erleuchtete Hotels an Stränden etwa halten die Schildkröten-Weibchen vom Eierlegen ab und irritieren die frisch geschlüpften Babys, so dass sie den Weg zum lebenswichtigen Meer nicht finden“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch den Klimawandel (vgl. Tag der Umwelt) können Brutgebiete (ansteigender Meeresspiegel,  vgl. Tag des Meeres, Sturmfluten) überschwemmt oder vernichtet werden. Höhere Temperaturen des Sandes am Strand führen dazu, dass sich aus den abgelegten Eiern mehr Weibchen entwickeln: Die Folgen dieser Veränderung im Quantitativen Geschlechterverhältnis sind unklar. Zudem sterben viele Eier bei zu hohen Temperaturen ab- So wurden z.B. in Malaysia an einem Schildkrötenstrand Kokospalmen gefällt, ohne Schatten wurde es den Eiern zu heiß.

Ø  durch die Vermüllung der Meere: Bei einer wachsenden Zahl von Meeresschildkröten findet man Plastikstücke im Magen, durch die die Tiere sterben können (vgl. Tag des Meeres & Tag der Umwelt). Treibende Plastiktüten ähneln Quallen und Meeresschildkröten lieben Quallen. Wenn eines der Tiere ein Plastikobjekt frisst, kann das Material ihren Magen verstopfen, was es dann daran hindert, echte Nahrung herunter zu schlucken. „Manche der Reptilien bekommen eine ‚bubble butt‘ (engl. ‚Blasenhintern‘, C.M.), einen derart aufgeblähten Bauch von den Gasen, die bei der Plastikzersetzung frei werden, dass die Tiere nur an der Oberfläche treiben, aber nicht mehr abtauchen können. Die Folge: Die Schildkröten verhungern oder werden von Freßfeinden erbeutet“ (Bisping, S. 13, a.a.O.), z.B. Haien. Australische Forscher stellten bei der Untersuchung von 250 toten Meeresschildkröten fest, dass ….

       - jedes zweite Jungtier Plastikobjekte im Magen-Darmtrakt hatte

          - bei jugendlichen und ausgewachsenen Schildkröten es „nur“ jedes sechste Tier war

      - sich bei Schlüpflingen kein Plastik im Magen fand.

Jüngere Schildkröten – erklären die Forscher – scheinen eher dort zu fressen, wo sich mehr Plastik im Meer befindet – nahe den Küsten (vgl. „Tagesspiegel“, 18. September 2018, S. 25 und Abb. unten)     

 

Immer wieder sterben Meeresschildkröten durch gefressenen Plastikmüll oder verheddern sich in treibendem Müll. Forscher gingen davon aus, die Schildkröten verwechselten z.B. treibende Plastiktüten mit Quallen.

Eine Forschergruppe um Joseph B. Pfaller (Universität von Florida) beschäftigte sich mit dem Verhalten der Meeresschildkröten dem Plastikmüll gegenüber.

Sie vermutete, dass die Schildkröten nicht nur vom Aussehen, sondern auch von dem Geruch des Plastkmülls angelockt würden (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Auf dem Plastikmüll siedeln sich im Meer jedoch rasch allerlei Mikroorganismen, Algen, Pflanzen und andere Lebewesen an.     

In einem Geruchsexperiment mit Unechten Karettschildkröten reagierten diese auf Futtergerüche (Fisch, Garnelen) genauso intensiv wie auf den Geruch von Plastik mit Ablagerungen (vgl. „Tagesspiegel“, 10. März 2020, S. 16).

Auf den Geruch von sauberem Plastik reagierten sie hingegen gar nicht mit Suchverhalten. Beim partiellen Absterben des Belags entsteht ein nahrungsähnlicher Geruch („Bio-fouling“), der die Tiere anlockt. Auch ist der Belag durchaus nahrhaft, wird allerdings oft zu einer tödlichen Falle (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Unklar ist jedoch noch, welche chemischen Verbindungen von besiedeltem Plastik die Schildkröten anlocken.     

 

Eine Studie aus dem Jahre 2017 (von der Aristoteles Universität Thessaloniki) zu den Populationen von 7 Arten der Meeresschildkröten belegte eine leichte Erholung einiger der 299 Populationen weltweit: Bei 95 von ihnen stieg die Zahl der Schildkröten deutlich an, bei 35 Populationen sank sie deutlich ab. Bei den restlichen blieb sie in etwa gleich (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

  

Günstig auf die Schildkrötenpopulation wirkt der aktive Schutz der Brutgebiete und der Eiablagen, so z.B. in dem 25 km langen Schutzreservat Ras al-Dschinz in Oman, wo nun auch geführte Öko-Touristen vor allem von Juni bis zum November die Eiablage der Grünen Meeresschildkröte erleben können.

Schon 1983 wurde Archelon, ein Verein zum Schutz der Schildkröten in Griechenland (mit Sitz in Glyfada bei Athen) gegründet. Er kümmert sich seither um u.a. den Schutz der Nester der Unechten Karettschildkröte in Zakynthos, auf Kreta und dem Peleponnes.

Dennoch stehen sechs der sieben Meeresschildkrötenarten als gefährdet, sehr gefährdet oder vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature, Weltnaturschutz –Union, (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

 

Weltweit gibt es unterdessen mehrere Institutionen, die sich um verletzte und erkrankte Schildkröten bemühen.

So z.B. das „Ontario Turtle Conservation Centre“ in Kanada, das jährlich Hunderte bei Unfällen verletzte Schildkröten rettet. Vor allem geht es darum, durch Autounfälle verletzte Panzer wieder zusammen zu fügen; oftmals sind es allein dort mehr als 20 Operationen täglich. Es handelt sich dabei um in Ontario heimische Arten, die auf der „Roten Liste“ als zumindest gefährdet stehen (vgl. „Tagesspiegel“, 14. 10 2017).

Schon 1986 wurde das „Turtle Hospital“ in Marathon/Florida gegründet, das bislang einige Tausend verletzte Schildkröten rettete und wieder ins Meer entließ.   

In der nicht-profitorientierten Tierrettungsstation „Carolina Waterfowl Rescue“(CWR) in Nord-Carolina werden jährlich hunderte von verletzten Schildkröten behandelt, v.a. Weibchen, die zur Eiablage an Lande gekommen sind: Viele werden von Autos angefahren, von Rasenmähern verletzt oder von Hunden gebissen.

Verletzungen am Panzer der Schildkröten müssen wieder zusammenwachsen, wie gebrochene Knochen. Dabei haben sich gespendete BH-Verschlüsse als Hilfe bewährt. Sie wurden an die Bruchstelle geklebt und dann mit Drähten so verbunden, dass der Riss zusammengehalten wird. Der Heilungsprozess kann Monate dauern, aber 70 % der dortigen Schildkröten-Patientinnen können durchschnittlich als geheilt wieder in die Freiheit entlassen werden.

 

 

Bei Schildkröten dauert es lange Jahre bis die Tiere geschlechtsreif sind. Die Weibchen legen zwar jedes Jahr viele Eier, ältere Schnappschildkröten bis zu 60 Stück. Aber weniger als ein Prozent der Eier führt zu einer erwachsenen Schildkröte. Es dauert rund 20 Jahre, bis eine Schildkröte selbst Eier legt. Besonders lang ist der Zyklus bei den Schnappschildkröten (Chelydra serpentina), die aus Nordamerika stammen und in Süßwasserseen und Flüssen leben: Ca. 1500 Eier und 59 Jahre werden benötigt,  um eine weibliche Schnappschildkröte in der Natur zu ersetzen.

 

 Der 23. Mai wurde als Weltschildkrötentag im Jahre 2000 von der „American Tortoise Rescue“ eingeführt und 2002 von der „Humane Society of the United States“ (HSUS, vgl. http://www.hsus.org/) übernommen und popularisiert. Ziel ist es, auf die Gefährdung der Schildkröten hinzuweisen und geeignete Aktionen zu ihrem Schutz zu initiieren.

 

Wie australische und US-Forscher jüngst feststellten, bedroht der globale Klimawandel die Existenz einer der größten Kolonien von Meeresschildkröten im nördlichen Great-Barriere-Riff: Da der Sand, in dem die Schildkröten ihre Eier vergraben, wärmer geworden ist, schlüpfen dort zu 99,1% nur noch weibliche Jungtiere (vgl. „Stern“, 18. Januar 2018, S. 20).

 

Meeresschildkröten sind – betonen Ökologen – ein guter Bioindikator für die Güte der jeweiligen Umwelt und die Biodiversität, - wenn die Umweltbedingungen sich verschlechtern, verschwinden sie. Zudem ernähren sie sich u.a. von Quallen, deren Gift z.T. auch tödlich für Menschen ist (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

  

Besonders aktiv beim Schutz der Meeresschildkröten ist auch das Fischerdorf Ebodjè in Kamerun. Das Dorf hat knapp 1000 Einwohner, liegt am Atlantik, im Süden Kameruns, ca. 40 km von der Grenze zu Äquatorial-Guinea. Die Bewohner gehören überwiegend zu dem kleinen Volk der Yasa, deren Sprache zu den südlichen Bantusprachen gehört und in Kamerun, Äquatorial-Guinea und Gabun gesprochen wird. Es gibt ca. 2400 Yasa-Sprecher. 

An dem kilometerlangen Strand von Ebodjé kommen 4 der 5 im Golf von Guinea lebenden Meeresschildkröten zur Eiablage:

  • die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea; frz. tortue luth; Vandelli, 1761): Sie ist die größte aller Meeresschildkröten; das größte bei der Eibalage in Ebodijé beobachtete Exemplar hatte eine Breite von ca. 2,1 m und eine Länge von ca. 2,4 m.  
  • die Oliv-Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea; frz. tortue olivâtre; Eschscholtz, 1829) 
  • die Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata; frz. tortue imbriquée; Linnaeus, 1766)  

·        die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas; frz.  tortue verte; Linnaeus, 1758 ) 

 

Im Jahre 2017/18 kamen ca. 150 Schildkröten zwischen September und April zur Eiablage an den Sandstrand des Dorfes.

In der Region ist die Naturschutz-Organisation „Tube Awu“ (auf Yasa „Unser Ozean“) zum Schutz der Meeresschildkröten aktiv.

Denis Gnamabo, der Vorsitzende von Tube Awu, meinte: „Die Meeresschildkröte ist in unserem Emblem. Von Generation zu Generation ist sie Teil unseres Lebens. Sie zu schützen ist heute unsere größte Aufgabe“ (zit. n. Kouagheu, a.a.O.).

Früher allerdings machte er, wie auch seine Vorfahren und nahezu alle Dorfbewohner, Jagd auf die Schidlkröten, töteten sie und aßen ihre Eier und ihr Fleisch.

Erst Ende der 90er Jahre wurden die Dorfbewohner durch eine Forschergruppe (mit Teilnehmern auch aus Europa) auf die Bedeutung der Schildkröten und ihres Schutzes aufmerksam gemacht. Viele erkannten, dass die Tiere zu anderen Dingen dienen könnten als zur Nahrung.

Mit der Hilfe verschiedener Nicht-Regierungsorganisationen begann man in Ebodjé den Ökotourismus zu entwickeln, organisierte Unterkünfte, Speiseräume und Naturführungen. 99% der Besucher kamen wegen der Schildkröten,

Eine Schildkrötenaufzuchtstation wurde mit externer Unterstützung eingerichtet, in dem Schildkröteneier geschützt und die Schlüpflinge – vom ganzen Dorf begleitet – zum Meer gebracht werden. So wurde die Überlebensrate der Jungtiere deutlich erhöht.

Im Jahre 2001 Museum  "La Maison de Ndiva" (auf Yasa: Ndiva Lederschildkröte) eingerichtet, mit Informationstafeln und Bildern zum Leben und zur Anatomie der Tiere und allerlei Schilkrötenobjekte, so konservierte Eier der Meeresschildkröten oder Panzer von einst gejagten Tieren.

So hat sich die Zahl der Besucher deutlich erhöht: In den letzten Jahren kamen durchschnittlich mehr als 300 Besucher in das recht abgelegene Ebodjé.

 

Jedoch wird dort auch immer noch gewildert, es wurden 2017 und 2108 jährlich ca. 20 Meeresschildkröten erlegt, darunter auch Lederschildkröten.

Denn vom Ökotourismus profitieren nicht alle Dorfbewohner genügend. Geplant sind deshalb u.a. die Errichtung einer Kühlkammer für die gefangenen Fische und den Ausbau einer Kokusnussanbau- und Vertriebsgenossenschaft (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

Zum Schutz der Meeresschildkröten stellten deshalb internationale Nicht-Regierunsgsorganisationen Gelder bereit. Jeder Fischer, dem zufällig eine Schildkröte ins Netz geht und der sie lebendig ins Dorf bringt, erhält als Kompensation 10 000 Francs CFA ( ca. 15,- €).

Die Mäzene finanzierten zudem den Besuch von Kindern des Dorfes auf höheren Schulen, so dass einige schon das Baccalauréat erreicht haben, - dank der Schildkröten!   

 

 

(unveränderlich, nach dem Gregorianischen Kalender)

 

© Christian Meyer

 


[1] Nach dem Berliner Ethnologen und Amerikanisten Walter Krickeberg (1885-1962) entstand der obige Mythos vermutlich unter den nördlicheren Algonkin.

[2] Unter „Gens“ (lat. sg. Familie, Geschlecht, Völkerschaft; pl. „gentes“) verstand Morgan eine soziale Gruppe mit einer (realer oder angenommenen) gemeinsamen Abstammung, im Falle der Irokesen von einer gemeinsamen Stammesmutter (vgl. Engels, 1960, S. 222, a.a.O.). 

[3] Das Wort „Totem“ entstammt einem Idiom der Algonkin (vgl. Findeiesen, S. 42, a.a.O.).

[4] Auch Friedrich Engels beschäftigte sich in „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ (1884 veröffentlicht) aufbauend auf den Forschungen Morgans und Manuskripten von Marx im III. Teil mit den „Irokesischen Gens“. Von der damaligen Sozialstruktur der Irokesen-Föderation war Engels fasziniert, da bei ihnen…

  • Frauen und Männer gleichermaßen ihre Vertreter wählten, Entscheidungen wurden einstimmig gefällt
  • nur wenige, unbedeutende Faktoren des Alltagslebens in Privatbesitz waren (z.B. die Wirtschaftsgärten), überwiegend vorherrschend war der Gemeinbesitz
  • keinen Staat gab, sie lebten „…ohne Soldaten, Gendarmen oder Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter; ohne Gefängnis, ohne Prozesse … Arme und Bedürftige kann es nicht geben – die kommunistische Haushaltung und die Gens kennen ihre Verpflichtungen gegen Alte, Kranke und im Kriege Gelähmte. Alle sind frei und gleich – auch die Weiber“ (Engels, 1960, S. 231/232, a.a.O.).

Engels erkannte allerdings auch kritische Aspekte der Irokesen-Gesellschaft, so ihre Aggressivität und Grausamkeit nach Außen, die Blutrache, sowie die „äußerst unentwickelte Produktion“, - eine „Organisation, dem Untergang geweiht“ (Engels,1960, S. 233, a.a.O.). 

Der Irokesen-Föderation wurde 1794 in einem Vertrag zugesichert, die Unabhängigkeit und Selbständigkeit „… solange das Gras wächst und die Flüsse fließen“ zu erhalten (Jeier, S. 86, a.a.O.).

Zur Zeit George Catlins (1796 - 1872) waren die Irokesen „… fast ganz vertilgt“ (Catlin, Bd. II, S. 66, a.a.O.), z.T. durch Kriege, durch Krankheiten, Vertreibungen und Alkohol.

Die Zeitung „Awksesasne Notes“, 1968 von u.a. dem Mohawk Ernest Benedict (*1918) gegründet und v.a. von Irokesen der Mohawks getragen, entwickelte sich zu einem „panindianisches Sprachrohr“ (Jeier, S. 233, a.a.O.), und kämpfte für die gemeinsamen Interessen der Indianer in den USA, Kanada und auch Lateinamerika. 

Heute leben Irokesen v.a. in Kanada, Wisconsin und Oklahoma.

 

 

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