Purim

 

Jüdisches Purimfest, Losefest [1] 5763; das Fest gilt der Erinnerung an die Errettung der Juden  vor einer drohenden Verfolgung im medisch - persischen Großreich, durch Esther (pers. „Stern“). Das biblische Buch Esther erzählt legendenhaft die – unhistorische – Geschichte von der Entstehung des Purimfestes.

Auffällig ist, dass der Großkönig Xerxes I. (486 - 465 v. Chr., in der Bibel Ahasver genannt) keineswegs positiv, vielleicht realistisch, in dem Buch Esther geschildert wird. Er wird als launisch, oberflächlich, beeinflussbar, jähzornig und dem Weine ergeben gezeichnet. Die junge, schöne Jüdin Hadassa (hebr. „Myrte“) wird unter dem Namen Esther zur Gattin des persischen Großkönigs.  Esther verheimlicht vor dem König jedoch ihre Abstammung, vielleicht, um ihn heiraten zu können.

Der mächtige Minister des Königs, Haman, soll der Überlieferung nach ein Nachkomme der Amalekiter gewesen sein, der alten Feinde des Volkes Israel aus der Zeit der Landnahme.

Der Konflikt bricht wegen eines Gebots des Königs aus, dass Haman besonders geehrt werden sollte: „Und alle Knechte des Königs, die im Tor des Königs waren, beugten die Knie und fielen vor Haman nieder: denn der König hatte es also geboten" (Esth 3,2). Mordechai (oder auch Mardochai, aus dem Stamme Benjamin), ein jüdischer Richter des Königs und Vormund, Ziehvater Esthers weigert sich das königliche Gebot zu erfüllen: er dürfe als Jude nur vor Gott die Knie beugen. Haman beschließt sich an Mordechai und allen Juden zu rächen. Er entwickelt einen Mord- und Bereicherungsplan gegen alle Juden des Reiches. „Und die Briefe wurden gesandt ... in alle Länder des Königs, zu vertilgen, zu erwürgen und umzubringen alle Juden, jung und alt, Kinder und Weiber, auf einen Tag, nämlich auf den dreizehnten Tag des zwölften Monats [2] , das ist der Monat Adar, und ihr Gut zu rauben“ (Esth 3,13). Morchechai selbst soll an einem Galgenbaum im Hause Hamans gehängt werden. Der König billigt ausdrücklich den Mord- und Bereicherungsplan (Esth 3,11), besiegelt audrücklich den Befehl, eigentlich weiß er nur nicht, daß Esther eine Angehörige des Volkes ist, daß ausgerottet werden soll.

Mordechai erfuhr von dem Plan und wandte sich um Hilfe an Esther. Er beschwört sie, bei dem König zu intervenieren und sich als Jüdin zu bekennen, um das Volk zu retten. Esther konnte jedoch eigentlich nicht von sich aus initiativ werden, denn ein königliches Gesetz befahl, „....daß, wer zum König hineingeht inwendig in den Hof, er sei Mann oder Weib, der nicht gerufen ist, der soll stracks nach dem Gebot sterben“ (Esth 4,16). Esther übertrat das Gebot, fand jedoch Gnade bei dem König, den sie zusammen mit dem Minister Haman zum Festmahl zu sich einlud. Während des Mahls erzählte Esther dem König von dem Plan Hamans (den dieser ja eigentlich nicht nur kannte, sondern sogar gebilligt hatte) und daß auch sie zu den Juden gehöre. Der König war – überraschenderweise – nun so empört über den Mordplan, daß er nicht nur Haman an dem für Mordechai bestimmten Galgenbaum hängen ließ, sondern auch den Juden erlaubte, sich zu rächen. Dabei gab es jedoch ein Dilemma: „In Persien, so erzählt die Geschichte, war es unmöglich, einen Befehl mit dem Siegel zu widerrufen“ (vgl. Friedland, S. 20, a.a.O.).

Auf Esthers Rat hin gab der König „… den Juden Macht ..., in welchen Städten sie auch waren, sich zu versammeln und zu stehen für ihr Leben und zu vertilgen, zu erwürgen und umzubringen alle Macht des Volks und Landes, die sie ängsteten, samt ihren Kindern und Weibern, und ihr Gut zu rauben auf einen Tag ..., nämlich am 13. Tage des zwölften Monats, das ist der Monat Adar“ (Esth 8, 11-12). Dieser Befehl wurde ausgeführt, die Rache führte zu einem Gemetzel und kostete nach dem Buche Esther 75 000 Menschen das Leben. 

Mordechai selbst soll zur Erinnerung an diese Ereignisse das Purimfest gestftet haben, „... als Tag des Wohllbens und der Freude und einer dem anderen Geschenke schicken und den Armen mitteilen“ soll (Esth 9, 22). In 2 Makk 15, 16 heißt das Fest auch „Mordechai–Tag“.

Die Abfassung des Buches Esther [3] fällt wohl in die Zeit der Seleukiden und Ptolemäer, vermutlich ins 3. oder 2. Jhdt. V. Chr. . Die ganze Geschichte ist nicht nur von Rachsucht getragen, sondern auch „.. eine Novelle mit stark völkischer Tendenz“ (vgl. Koch, S. 135, a.a.O.).  Der Name Gottes wird in dem ganzen Text nicht genannt. Lange war die Zugehörigkeit des Buches Esther zum Alten Testament umstritten, auch in den Qumran – Schriften fehlte es unter den heiligen Schriften. Auch z.B. Martin Luther hatte Vorbehalte gegen das Buch Esther.

 


Das gesamte Buch Esther wird am Purimtag im Gottesdienst in der Synagoge gelesen. Kinder und Jugendliche gehen z. T. heute noch an diesem Tag mit Knarren und Rasseln in die Synagoge; immer wenn der Name Haman fällt, machen sie einen ohrenbetäubenden Lärm: „Alles lachte und freute sich: Dem Antisemiten haben wir es aber gegeben“ (vgl. Ludwig, S. 95, a.a.O.). 

Das Purimfest wird auch außerhalb des Gottesdienstes durch einen fröhlichen Maskenumzug öffentlich gefeiert. Zu Hause ißt man „hamentashin“ (Hamataschen), dreieckige mit Früchten (Rosinen, Mohn, Mandeln oder auch Pfaumenmus) gefüllte Teigtaschen. 

Die Kinder singen, ziehen verkleidet durch die Straßen und erhalten Geschenke:

 

                                                               „Heute ist Purim

                                                               morgen dahin,

                                                               schenk mir 'nen Groschen

                                                               und rat wer ich bin.

 

                                                               Heute ist Purim,

                                                               ich komme dich besuchen,

                                                               ich sing dir ein Liedchen

                                                               Und du schenkst mir Kuchen“  (zit. n. Ludwig, S. 96, a.a.O.).

 

Im iranischen Hamadan (dem antiken Ekbatana)  befinden sich die angeblichen Gräber von Esther und ihren Onkel Mordechai, der vielfach auch als Autor des „Buches Esther“angesehen wird. Die Gräber befinden sich in einem kleinen kuppelüberwölbten Mausoleum, in dem sich zwei aus Ebenholz geschnitzte Särge befinden. Bis heute sind die Gräber Ziel von Wallfahrten.

Geschichtlich wahrscheinlicher ist es jedoch, daß es sich in Hamadan um das Mausoleum der jüdischen Gattin der sassanidischen Königs Yezdegard I. (399 - 421) handelt.

In der Kunst wurde die Geschichte um Esther oft thematisiert, sie galt als eine der antiken Heldinnen. Seit dem 16. Jhdt. sind jüdische Purimspiele belegt, v.a. burlesker und parodistischer Art; sie blieben ohne Berührung zur „christlichen“ Literatur. Zwischen Puppenspielen und Opern, überall wurde die Esther – Geschichte bearbeitet.

Im 16. /17. Jahrhundert wurde oft eine Parallele zwischen dem Leiden der antiken Juden und dem damals gegenwärtigen der Protestanten gezogen.

Wichtige Beispiele für Esther – Dichtungen sind:

Hans Sachs: „Gantze Hystorie der Hester“, 1530

Lope de Vega: „La hermosa Ester“

Max Brod: „Eine Königin Esther“, 1918

Racine schrieb 1680 ein Spätwerk dazu, Grillparzers Drama „Esther“ (1845) blieb unvollendet. Sein Fragment wird zur Tragödie der Liebe, die durch Esthers Lüge und Verstellung vergiftet und zerstört wird.

Im Jahre 1704 fiel das Purim - Fest so spät, dass es in der Karwoche lag. Als damals im Hause Berman Fraenkel, eines Berliner Juden, ein Purim – Spiel mit der Szene der Hinrichtung Hamans aufgeführt wurde, hileten dies christliche Nachbarn für eine Parodie auf die Kreuzigung Christi. Fraenkel wurde zu einer Strafe von 20 Talern verurteilt.

Das Fest und die dahinter stehende Geschichte boten mehrfach Möglichkeiten des Missbrauchs. Baruch Goldstein, der israelische Arzt, der am 25. April 1994 in der Ibrahim – Moschee zu Hebron 25 betende palästinensische Muslime ermordete, sah sich vermutlich in der Tradition Esthers. Goldstein handelte am Morgen nach dem Purimfest.

Zum Purimfest ging er in die Höhle der Patriarchen in Hebron und hörte die „Megilla Esther“ [4]. Anschließend forderte er seine Nachbarn auf, „… sie alle sollten „Esthers“ sein. Mit seinem Gemetzel bot Dr. Goldstein den Juden ein Vorbild, wie sie sich vor den Feinden Israels retten konnten, denen unglaublicherweise das historische Kernland überlassen wurde“ (Friedland, S. 20, a.a.O.).     

 

Darüber hinaus werden auch lokale Purim-Tage begangen, an denen der Rettung einzelner Gemeinde oder Personen gedacht wird. So z.B. Purim von Narbonne 29. Adar (gefeiert ab 1236), Purim von Kairo am 18. Adar (gefeiert seit 1524); von Frankfurt am Main am 20. Adar (seit 1616) oder von Leghorn am 22. Shewat (seit 1743). Ein Familien-Purim ist z.B. das der Familie von Yom Tov Lipmann Heller zur Erinnerung an dessen Entlassung aus einem Wiener Gefängnis am 1. Adar 1629.

 

(variabel, nach dem jüdischen gebundenen Mondkalender am 14. Tag des 6. Mondmonats, Adar )

 

© Christian Meyer



[1] Der Name „Purim“ = Lose wird erklärt damit, daß nach dem Buche Esther Haman vor seinem Mordplan die Lose („pur“, akkad., Los) geworfen haben soll. Kritische Theologen gehen heute davon aus, daß Purim von dem persischen Frühlingsfest (pur) herrührt, diese Wurzel aber theologisch uminterpretiert wurde als Erinnerung an ein angebliches Ereignis der jüdischen Geschichte.

[2] Damals galt noch der Nisan als der erste Monat im jüdischen Kalender. 

[3] Auch bei Flavius Josephus wird die Geschichte von Esther dargestellt. Er begründet den Judenhaß Hamans mit dessen Abstammung von den Amalekitern.

[4]Megilla“ (pl. Megillot“) bedeutet auf Hebräisch „Schriftrolle“, „Buch“.