Chinesisches Mondfest ; ein „Mitt-Herbstfest“ („zhong qiu jie“, auch:  Chung Ch’iu – Fest „Mitte des Herbstes“), ähnlich einem Erntedankfest. Nach chinesischer Vorstellung strahlt der Mond ( „yüeh“) im Herbst am schönsten, deshalb wird das Mondfest in der Mitte, am 15. Tag des herbstlichen 8. Mondmonats gefeiert.

 

Auf dem Mond soll dann eine schöne Göttin namens Tschang’ e (chin.嫦娥,  Chang’e) zu sehen sein, die dort im Guang-Han-Gung, dem Palast der Ewigen Kälte wohnt.

Im Unterschied zu Mondgottheiten anderer Traditionen personifiziert Chang’e den Mond nicht, sondern lebt auf ihm. Während man in Europa vom „Mann im Mond“ spricht, sprechen die Chinesen von der „Frau im Mond“.

Die Göttin und damit das Mittherbstfest selbst sind verbunden mit dem (in verschiedenen Varianten vorliegenden) Märchen vom Trank der Unsterblichkeit [1] (vgl. Agischewa, S. 108 ff., a.a.O.). Tschang-e sei - heißt es - ursprünglich eine schöne, junge menschliche Frau gewesen, die Ehefrau des mythischen Bogenschützen-Helden, Ho’ i: (auch: Houyi); dieser beendete einst eine tödliche Dürre auf der Erde, indem er neun der damaligen zehn Sonnen mit seinem mächtigen Bogen vom Himmel schoss.

Tschang’ e und Ho’ i lebten glücklich miteinander bis Ho’i eines Tages beschloß, den Unsterblichkeitstrank von der  Königin des Westens [2] zu erbitten: er wollte, dass das Glück der beiden ewig währe. Nach mancherlei Abenteuern erhielt er auch eine für zwei Personen hinreichende Menge des Zaubertranks von der Königin des Westens. Beide sollten den Trank am Abend des 15. Tages im 8. Monat, bei Vollmond, zu sich nehmen.

Am Nachmittag dieses Tages aber wurde Ho’ i von Feng Meng, einem seiner neidischen Bogenschützen-Schüler, hinterhältig erschlagen. Feng  Meng wollte selbst die schöne Tschang’e besitzen und unsterblich werden. Nach dem Mord eilte Feng  Meng zu Tschang’ e, verkündete ihr seine Untat und forderte sie und den Zaubertrank für sich. Die untröstliche Tschang’ e aber verweigerte beides - und trank den gesamten Zaubertrank allein.

Feng Meng wurde zum Tode verurteilt, Tschang’ e aber wurde unsterblich: Sie wurde immer leichter und schwebte immer höher, bis sie zum Mond kam.

 

Dort lebte einzig ein weißer (Jade-) Hase [3], der in einem Mörser Heilkräuter stampfte. Beide leben seither auf dem Mond in ihrem Mondpalast und widmen sich der Aufgabe, mit jedem Strahl des Mondscheins den Menschen Trost, Freundlichkeit und Liebe zu bringen, besonders am Abend des 15. 8., des Mittherbstfestes, dem Tag, an dem Tschang’e zum Mond entschwebte.   

 

Auch der Holzfäller Wu Gang lebte – von den Göttern dorthin verbannt – auf dem Mond. Wu Gang sollte den Mond verlassen dürfen, wenn es ihm gelänge, auf dem Mond einen Baum zu fällen. Aber immer, wenn er einen Baum abschlug, wuchs dieser wieder nach, so dass Wu Gang für alle Ewigkeit auf dem Mond leben musste.

Nach einer anderen Variante der Legende brachte Ho’i das Unsterblichkeitskraut nach Hause und verwahrte es in einem Kästchen. Er warnte Chang’e davor, das Kästchen zu öffnen. In ihr allerdings obsiegte schließlich die Neugier – ähnlich wie in dem Pandora–Mythos – und versehentlich nahm sie die gesamte Medizin zu sich und entschwebte zum Mond. 

 

Zum Gedenken an dieses Ereignis wird das Mittherbstfest begangen und dem Mond Opfergaben dargebracht.

 Am Festabend werden Lampion- und Laternenumzüge veranstaltet. Man trinkt unter freiem Himmel bis in die späte Nacht gemeinsam (traditionell Reiswein, chin. „ mi jiu“), hört klassische chinesische Musik, sieht nach dem Mond  und rezitiert Mondgedichte.

 

Im südchinesischen Hangzhou z.B. gibt es einen speziellen Platz für das Mondfest, wohin alljährlich viele Tausend Menschen zum Mondfest kommen.

 

Traditionell gibt es einige spezielle Speisen, die an diesem Tage zu Hause, aber auch in Schulen, Fabriken oder Krankenhäusern einander geschenkt und gegessen werden: Zum einen werden noch heute oft  „Mondkuchen“ gebacken (chin. „yuè bing“, kleine, runde - wie die volle Mondscheibe - und sehr süße Kuchen mit Nüssen, Sesam, Vanille, o.ä.), die mit dem Namen des Festes versehen sind. Auch werden in China zum Mondfest in Bambus- oder Schilfblätter eingewickelte Klebreisklößchen gegessen (ähnlich wie beim ð Drachenbootfest am 5. Tag des 5. Mondmonats). Nach alter Tradition glaubte man, daß an diesem Tage im Mond Tschang’e zu sehen sei: nach ihr hält man auf dem Mond Ausschau, um sie zu ehren, ißt man Mondkuchen.

 

Die Mondkuchen sollen auch eine Erinnerung an einen anti-mongolischen Aufstand im 14. Jhdt., der zur Gründung der Ming-Dynastie führte, sein: Damals sollen Nachrichten der Rebellen in Mondkuchen eingebacken  und so durch die mongolischen Reihen geschmuggelt worden sein (vgl. Franz, 1987, S. 131, a.a.O.).

 

Auch eine Reihe von Früchten sind für das Mondfest charakteristisch: „Die Früchte, die geopfert werden, haben symbolische Bedeutung: die Kürbismelonen bedeuten, daß die Familie vollzählig vereint bleiben möge, die Granatäpfel deuten auf reichen Kindersegen, die Äpfel auf Frieden“ (vgl. Wilhelm, a.a.O.).

 

Allerdings berichtete Erwin Wickert im Jahre 1982 von einem tiefgehenden Wandel in den letzten Jahrzehnten: „Unser Koch ... hatte zum Nachtisch Mondkuchen gebacken: kleine, runde und sehr süße Kuchen. Die Chinesen waren sehr gerührt, denn heute am 15. Tag des 8. Monats nach dem alten Mondkalender, wurde früher das Mondfest, eines der beliebtesten chinesischen Feste, mit Lampions und Laternenumzügen gefeiert. ‘Bei uns auf dem Lande’, erzählte der Vizepräsident der Academia Sinica, ‘gab es eine Mondkuchen-Gesellschaft. Die armen Familien zahlten jeden Monat etwa 10 Pfennig ein. Kassierer war der Bäcker. Er dürfte mit dem Kapital das Jahr über arbeiten, mußte aber am Mondfest alle Mitglieder mit Mondkuchen versorgen’. Ich fragte, ob es heute auch noch so gefeiert werde wie früher. Unser Gast sagte: ‘Nein. Nur die Mondkuchen gibt es noch’“ (vgl. Wickert, a.a.O.).  

 

In Südchina wurde früher an diesem Tag oft ein Ballwerfen von Mädchen veranstaltet: wer den Ball fing, wurde ihr Bräutigam. 

 

In Japan wird das (variable) Fest als Tsukimi, als Tag des Mondschauens begangen.

 Zeitgliech findet das koreanische Erntedankfest Chuseok (auch: "Chusõk" oder "Ch' usõk) statt.

 Zu Chuseok besucht man traditionell die Gräber der Vorfahren und dankt ihnen für die gute Ernte und das Wohlergehen der Familie. An den Gräbern der Familie werden Opferspeisen dargebracht. 

 Besondere Speisen zu Chuseok sind „songpyon", halbmondförmige Reiskuchen mit verschiedenen Füllungen (z.B. Bohnen oder süße Sesamsamen).Zusammen mit frisch gepflückten Früchten werden diese Speisen am Ahnenaltar zur Gedächtniszeremonie dargebracht. 

 

Projekt Chang’e“ lautet - wegen des Mondbezugs dieser Naturgöttin - die Bezeichnung der Chinesischen Weltraumbehörde CNSA („China National Space Administration“)  für ihre ehrgeizigen Pläne, spätestens bis zum Jahre 2020 mit chinesischen „Taikonauten“ (vom chin. „taikon“ Weltraum) auf dem Mond zu landen. Derzeit arbeiten Tausende Wissenschaftler u.a. in Shanghei und Peking an der Verwirklichung des Vorhabens (vgl. „Zeit“, Nr. 42/2003, S. 39).

Vorbereitend soll China den Bau einer eigenen Mondstation planen. Zu diesem Zweck plant man 2012 ein unbemanntes Fahrzeug auf den Mond zu senden, das die Oberfläche und einen möglichen Standort für die Mondbasis erkunden soll.

Die Sonde Chang'e-1 wurde am 24. Oktober 2007 im Kosmodrom Xichang gestartet, erreichte am 5. November 2007 eine Umlaufbahn um den Mond. Am 26. Nov. 2007 wurden die ersten Bilder vom Mond veröffentlicht.  Chang'e-1 sollte ein Jahr lang den Mond umkreisen. Am 1. März 2009  schließlich schlug die Sonde gezielt auf dem Mond ein. Weitere chinesische Mond-Missionen sollen im Oktober 2010 und 2013 (Chang’e 2 und 3) erfolgen.

 Im Dezember 2013 erfolgte die weiche Landung eines Mondautos, des  ferngesteuerten Rovers „Yutu(chin. Jade-Hase), von der Raumsonde „Chang'e-3“ abgesetzt. Insgesamt 31 Monate erkundete das Fahrzeug die Mondoberfläche und sendete Bilder zur Erde. Im August 2016 wurde das Fahrzeug aufgegeben. China war - nach den USA und der Sowjetunion - das dritte Land, dem eine Mondlandung glückte.

 

Im Jahre 2017 soll eine lunare Gesteinsprobe zur Erde zurückgebracht werden.

Auch ein Krater auf dem Mond wurde nach Chang’e benannt, der  „Chang-Ngo“.

 

(variabel nach dem ostasiatischen Lunisolarkalender,  bei Vollmond, am 15. Tag des 8. Monats)

 

 © Christian Meyer

 


[1] Dieses Märchen von dem Bogenschützen Ho-i und der schönen Tschang-e entstammt nachweislich verschiedenen Mythenkreisen, wirkt aber unterdessen wie aus einem Stück (vgl. Agischewa, S. 121, a.a.O.). 

[2] Vergleiche auch den Geburtstag der Königinmutter des Westens am 3. Tag des 3. Mondmonats.

[3] Der Jade-Hase gelangte der Legende nach als Belohnung für eine gute Tat auf den Mond: Einst verwandelten sich drei Unsterbliche in arme, zerlumpte Bettler. Sie baten nacheinander einen Fuchs, einen Affen und einen Hasen um Essen, um ihren Hunger zu stillen. Fuchs und Affe hatten etwas, das sie den angeblichen Bettlern anbieten konnten. Doch der Hase war  bitterarm und besaß selbst nichts. Da er aber Mitleid mit den Bettlern hatte, sprang er ins Feuer, damit die Drei sein Fleisch essen könnten. Die Unsterblichen waren von der  Gastfreundshaft und Opferbereitschaft des Hasen so bewegt, dass sie ihn mit ewigem Leben auf dem Mond belohnten.