Todestag Hassan al-Bannas

 

Um gleich Missverständnissen vorzubeugen: al-Bannas wird hier nicht gedacht, weil er eine derart sympathische Person war, oder seine Gedanken und Vorstellungen m.E. zutreffend oder zur Lösung heutiger Fragestellungen hilfreich wären. Aber Hassan al–Banna (1906–1949) gilt als der erste Islamist [1] der Moderne und ist von daher von hoher Relevanz für eine Vielzahl von heutigen Konflikten. Al - Banna kämpfte bereits – wie heute Osama bin Laden – gegen die „modernen Kreuzfahrer“, für ihn – wie für viele Ägypter seiner Zeit – waren dies die britischen Kolonialherren, die ab 1882 mit Hilfe der korrupten einheimischen Elite ein Protektorat über Ägypten errichtet hatten.

 

Es muss deutlich unterschieden werden zwischen islamischem Traditionalismus und islamistischen Haltungen. Während die Traditionalisten gegenüber der westlichen Naturwissenschaft und Technik misstrauisch und zurückhaltend sind, und hinsichtlich des Korans auf einer traditionellen Interpretation im Buchstabensinne beharren, gehen Islamisten häufig „… mit einer Mischung aus Naivität und wissenschaftlicher Neugier an Technik und moderne Naturwissenschaften heran“ (Hartmann, S. 5, a.a.O.). Sehr zum Unwillen vieler Traditionalisten bestehen Islamisten oft auf einer veränderten Auslegung von Koran und Hadithen, sie stellen dabei den „iğtihad[2] in den Vordergrund, die persönliche Meinungsfindung durch eigenes Bemühen.

 

Hassan al – Banna (+ 1906) war Volksschullehrer in der ägyptischen Provinz. Seine Ausbildung beendete er an der Dâr al – ulûm in Kairo. Er galt als eloquenter Redner und leidenschaftlicher Prediger, als direkter, klarer und präziser Schriftsteller (vgl. Laoust, S. 375, a.a.O.).  Er predigte einen „Aufbruch zum Licht“ [3] durch die Rückkehr zu der „islamischen Idealzeit“, dem medinensischen Staat des Propheten. 

1928 entstanden initiiert durch al - Banna  im ägyptischen Ismailiya (am Suezkanal) erste Organisationskerne der Muslimbrüderschaft (ar. „Ğamiyat al – ihwan al – muslimin“), die bald Hunderttausende Anhänger in vielen arabischen und muslimischen Ländern hatte und bis heute die einflussreichste islamistische (religiöse und politische) Organisation geblieben ist. Die offizielle Gründung erfolgte am 11. April 1929 in Kairo. 1933 ließ sich Hassan al – Banna in Kairo nieder, 1936 gab es seine Tätigkeit als Lehrer auf und widmete sich völlig dem Aufbau der neuen Bruderschaft. Am 5. März 1936 erschien das erste Exemplar der Zeitschrift der Bruderschaft „an – Nadir“ (ar. „Der Warner“).

Bei Hasan al – Banna findet sich ein interessantes Beispiel für einen iğtihad durch Islamisten: Die hadithische Aussage des Propheten Muhammad „Wer abends müde ist von seiner Hände Arbeit, dem wird vergeben“ (ar. „Man amsa kallan min ’amali yahidi, amsa mag furan laha“) wird von der traditionellen Orthodoxie interpretiert als Hinweis auf die jenseitige Belohnung der Gläubigen. In Hasan al – Bannas Sicht wendete sich die Hadith gegen jede Form von Fatalismus, für diesseitige Tätigkeit und Aktivität: „Gott liebt den berufstätigen Gläubigen“ (ar. „Inna ’elaha yuhibbu ’l – mu’min el – muhtarif“). In ihrer Agitation verwenden die Muslimbrüder diese Hadith oft auch gegen die z. T. geduldete und legitimierte hohe Arbeitslosigkeit in Ägypten (vgl. A. Hartmann, S. 5, a.a.O.).

 

In Syrien wurde die Muslimbrüderschaft schon 1944 in Aleppo gegründet. Sie beteiligte sich am antikolonialen Kampf und nahm mit Erfolg an den Parlamentswahlen von 1947 teil (vgl. Rathmann, Bd. 6, S. 10, a.a.O.).

 

Im Sudan wurde die Muslimbrüderschaft zwar erst 1952 gegründet, jedoch gelangte sie dort zu großem politischen Einfluss, mit z.T. nahezu rechtsextremen Positionen. At – Turabi ist einer der Führer der sudanischen Muslimbrüder.

Vorstellungen der Muslimbrüder sollen auch den libyschen Staatschef Muammar al – Qaddafi beeinflusst haben (vgl. Rathmann, Bd. 6, S. 183, a.a.O.).

 

Unter einer autoritären Leitung (murshid) breitete sich die netzartig organisierte Bruderschaft [4] rasch in mehrere Länder aus. Die Bruderschaft hatte eine breite, jedoch heterogene soziale Basis, arme Handwerker, Kleinbauern sowie die Stadt- und Landarmut (vgl. Rathmann, Bd. 5, S. 31, a.a.O.).  Die Bruderschaft war gegen sowohl die „gottlosen“ Kommunisten und arabischen Nationalisten als auch gegen den „Westen“ eingestellt und folgte einem „islamischen Internationalismus“. Al – Banna forderte u.a. eine “Schließung der Ballsäle, Verbot von Tanz”, eine “gesunde Orientierung der Presse” sowie eine Erziehung der Frauen, die “flirt- und gefallsüchtiges Verhalten” unterbinden wollte (vgl. „Spiegel“, 41/2001, S. 176). Die Durchsetzung einer „at – tarbiya al – islamiya“ (islamischen Erziehung) wurde angestrebt sowie die Schaffung islamischer Banken und Genossenschaften.

 

In den Anfangsjahren betonten die Muslimbrüder (al Ikhwan al Muslimun) eine islamisch orientierte Erziehung breiter Volksschichten. Peter Heine bezeichnete diese Tendenz als „Volkshochschulbewegung“, bei der moderne, westliche Wissenschaften durchaus in den zu vermittelnden Fächerkanon einbezogen wurden (Peter Heine, S. 27, a.a.O.).

 

Die Gesetzgebung sollte schariakonform sein.  Eine massenwirksame Losung der Muslimbrüderschaft war: „Allah ist unser Ziel, der Prophet unser Führer, der Heilige Krieg unser Weg, der Koran unsere Verfassung“ (vgl. Rathmann, Bd. 5, S. 32, a.a.O.).

 

Nach Zohurul Bari war die Muslimbrüderschaft noch Anfang der 40er Jahren v.a. eine Vereinigung von religiösen Predigern und Sozialreformern, die sich gegen die weitverbreitete Korruption im Staate, die Ausbeutung des gemeinen Mannes wandte und im 2. Weltkrieg politisiert wurde.

 

In den Schriften Hassan al – Bannas war weder von Morden noch gar von Selbstmordattentaten die Rede. Nach Kriegsende 1945 kam es zu einer Militarisierung von Teilen der Muslimbrüder. Die Bruderschaften begannen nun in Ägypten paramilitärische Einheiten aufzubauen, angeblich mit bis zu 20000 Mitgliedern. Während des Palästinakrieges 1948/49 kam es nicht nur zu schweren innenpolitischen Spannungen,  Muslimbrüder nahmen „…. mit eigenen Einheiten“ an dem Krieg teil (vgl. Peter Heine, 1992, S. 27, a.a.O.).

 

Die Muslimbrüderschaft praktizierte nun terroristische Aktionen gegen ihre linken und rechten Gegner und versuchte – so wurde ihr vorgeworfen – durch ihre paramilitärischen Einheiten ihre Machtübernahme vorzubereiten. Muslimbrüder sollen Bomben in Geschäfte jüdischer Bürger geworfen haben oder – im März 1948 – den Rechtsanwalt Ahmad al – Hazindar ermordet haben.

 

Durch ein Dekret ließ die ägyptische Regierung am 8. Dezember 1948 die Muslimbrüderschaft auflösen. Am 28. Dezember 1948 wurde daraufhin der Ministerpräsident an – Nugraši durch muslimisch – orientierte Attentäter ermordet. Vermutlich im Gegenschlag ließ König Faruk Hassan al-Banna am 12. Februar 1949 von seiner Geheimpolizei ermorden.

 

Im Jahre 1953 wurde in Jerusalem eine islamische Generalkonferenz einberufen, in der eine Allianz der mit den Muslimbrüderschaften sympathisierenden islamischen Gruppen geschaffen wurde (vgl. Nirumand, S. 28, a.a.O.).

 

Die Machtergreifung Nassers 1952 wurde anfangs von den Muslimbrüdern – die damals in Ägypten mehr als eine Million Anhänger hatten (Kepel, 1994, S. 37, a.a.O.) - begrüßt. Nasser selbst und auch sein Nachfolger Sadat erlernten von den Muslimbrüdern die Grundlagen ihrer Weltsicht (vgl. Kepel, 1994, S. 26, a.a.O.). Im Verlaufe der „ägyptischen Revolution“ 1952 geriet die Muslimbrüderschaft in immer größeren Gegensatz zu den „freien Offizieren“. Mit der Losung „Die Militärbewegung gefährdet die ethischen Grundsätze des Koran“ soll die Muslimbrüderschaft Geheimzellen in Armee und Polizei organisiert haben und Kontakte zum britischen und US – Geheimdienst gesucht haben (vgl. Rathmann, Bd. 6, S. 84, a.a.O.). Nach Gilles Kepel bekämpfte Nasser die Muslimbrüderschaft in Ägypten v.a., „… weil sie das letzte Hindernis auf dem Wege zu seiner unumschränkten Alleinherrschaft war“ (Kepel, 1994, S, 26, a.a.O.).

 

Am 14. Januar 1954 schließlich wurde die Muslimbrüderschaft als „konterrevolutionäre Organisation“ verboten und ihr Vermögen beschlagnahmt. Die Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Muslimbrüder unter Nasser überstiegen „… in ihrer Brutalität noch bei weitem die gewalttätigen Übergriffe der Besatzungsarmeen in der Kolonialzeit. ... Bis Mitte der sechziger Jahre waren die Muslimbrüder von der Bildfläche verschwunden: Die Anführer, die nicht gehängt oder eingekerkert worden waren, hatten in den Erdölmonarchien der arabischen Halbinsel Zuflucht gefunden“ (Kepel, 1994, S. 38, a.a.O.).

Die intensive Verfolgung und Unterdrückung bewirkte einerseits, dass „… die Militanz der Ikhwan … deutlich gemildert“ wurde (vgl. Peter Heine, 1992, S. 27, a.a.O.).

 

Eine Radikalisierung der islamistischen Ideologie der Muslimbrüder erfolgte in den 50er Jahren u.a. durch die Schriften von Abul Aala Maududi, dem Gründer und ideologischen Kopf der „Jamaat-e Islami“ [5] in Pakistan und einer der angesehensten Autoritäten des Islamismus. 

Abul Aala Maududi (1903 – 1979) stammte aus Aurangabad im Staate Haiderabad im damaligen Britisch – Indien. Anfang der 40er Jahre entwickelte Maududi dort seine ideologischen Grundlagen, die er u.a. 1945 in der Monographie „Quran Ki Char Bunjadi Istilahayn“ („Vier grundlegende Begriffe des Koran“) zusammenfasste. Maududi interpretierte hier die Begriffe „ilah“, „rab“, „din“ ( = Glaube, Religion) und „ibadah“( = der Kult) neu.

In seiner Schrift „Islam aur Jahiliyat“ (Islam und Jahiliya) unterteilte Maududi menschliche Gesellschaften grundsätzlich in islamische und Jahili – Gesellschaften, - eine verführerische, manichäisch - dichotomische Vereinfachung.

 

Der Begriff Jahiliyat (auch „Jahiliyya“, ar. „Unwissenheit, Ignoranz“, „Barbarei“) wurde traditionell in der islamischen Literatur immer auf die „Zeit der Unwissenheit“, das vor – islamische Arabien mit seinen soziokulturellen Normen und Werten bezogen. Maududi hingegen bezog sich mit seiner Uminterpretation des Begriffs Jahiliyat auf die Gegenwart, eine Jahiliyat - Gesellschft war für ihn dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht an einen Gott und das geoffenbarte Gesetz Gottes glaubte, - wie die islamischen Gesellschaften.

Die moderne Jahiliyat hat sich nach Maududi vom Westen aus auch in die Welt des Islams ausgebreitet, Muslime und islamisch dominierte Staaten werden so zu Vertretern der Jahiliyat. Maududi selbst legte dar, dass die westliche moderne Zivilisation ihre Ursprünge im „Götzendienst der alten Griechen“ habe (zit. n. Tibi, 1996, S. 360, a.a.O.).

Maududi entwickelte das Konzept der „Hakimiyyat Allah[6] (Gottesherrschaft), das er als Alternative zur Demokratie ansieht, und das dem Grundgesetz wie auch der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte widerspricht. In seiner programmatischen Schrift „Der Islam und die Moderne“ (….) bestätigt Maududi eindeutig den undemokratischen Charakter seiner „Hakimiyyat Allah“: „Ich sage es Euch Muslimen in aller Offenheit, dass die säkulare Demokratie in jeder Hinsicht in Widerspruch zu Eurer Religion und zu Eurem Glauben steht…. Selbst in Bagatellangelegenheiten kann es keine Übereinstimmung zwischen Islam und Demokratie geben, weil sie einander diametral widersprechen. Dort, wo das politische System der Demokratie und des säkularen Nationalstaates dominiert, gibt es keinen Islam. Dort, wo der Islam vorherrscht, darf es jenes System nicht geben“ (Maududi, zit.n. Tibi, 1996, S. 354, a.a.O.).

Schon eine Grundvorstellung der Demokratie, Menschen könnten die Welt verändern, gilt als „tatil“, als „Aussetzung“ der Herrschaft Gottes und Anmaßung des Menschen gegenüber Gott.

Für Maududi (wie auch für Qutb, s.u.) war die Vorstellung einer „Volkssouveränität“ Teil der verwerflich – unislamischen Jahiliyat – Ideologie, „Kufr“ ( = Unglaube), eine unzulässige Einschränkung von Gottes Allmacht. Die Herrschaft Gottes würde durch die des Volkes ersetzt. Aber: „Alle Attribute und die Macht der Souveränität sind einzig göttliche Hoheitsrechte…. Allah ist die oberste Autorität, alles ist Ihm freiwillig oder unfreiwillig untergeordnet und Ihm alleine gehören alle Machtbefugnisse“ (Maududi, zit. n. Tibi, 1996, S. 109, a.a.O.). Die Scharia – die als Gesetz Gottes angesehen wird – gilt nach Auffassung vieler Islamisten unabhängig von zufälligen, säkularen Grenzen auf der ganzen Erde und muss natürlich vor den jeweiligen nationalen „Kufr – Gesetzen“ befolgt werden.

 

Prononciert war für Maududi jeder Staat, in dem menschliche Wesen als Gesetzgeber auftreten, ein Jahaliyat – Staat (vgl. Bari, S. 56, a.a.O.). Als islamisch anzusehen sei einzig die Methode der Ableitung von den Lösungen, die im Koran und in den Hadithen angeboten werden.

 

Aber selbst Maududi räumte ein: „Der Koran vermittelt keine direkt und genau beschriebenen Regeln darüber, wie zu regieren ist. Er enthält nur breit angelegte Prinzipien und läßt das Problem ihrer praktischen Anwendung offen“ (Maududi, zit. n. Tibi, 1996, S. 108, a.a.O.).

 

Maududis Vorstellungen gelangten jedoch erst Anfang der 50er Jahre des 20. Jhdts. nach Ägypten, seine Schriften wurden ins Arabische übersetzt, publiziert und z.B. in ägyptische Gefängnisse geschmuggelt. Bei vielen inhaftierten Muslimbrüdern fanden Maududis Schriften begeisterte Aufnahme.

 

1965 wurde der ideologische Führer der ägyptischen Muslimbrüder, Sayyid Qutb (er hatte im ägyptischen Konzentrationslager eine radikale islamistische Kritik des Nasserismus verfasst), wegen einer angeblichen regimefeindlichen Verschwörung hingerichtet.

Bis heute haben die Schriften und Thesen von Sayyid Qutb in der ganzen islamischen welt eine ungeheure Resonanz und Popularität. Nach Auffassung Qutbs (wie Maudidis) gebe es heute keine islamischen Gesellschaften mehr, alle gehörten zur Jahiliyya. Die wahren Muslime müssten radikal mit der heutigen Jahiliyya brechen, um zum idealen Islam der Urgemeinde von Medina zurückzukehren. „Dieses Ideal läßt sich aber nur verwirklichen, wenn eine Elite von Gläubigen die Gesellschaft, mit der sie zuvor gebrochen hatte, zurückerobert“ (Kepel, 1994, S. 40, a.a.O.).

 

Die Muslimbrüder im Untergrund wurden immer wieder beschuldigt, terroristische Aktionen (so z.B. zwischen dem Mai und September 1965) in Ägypten durchzuführen, auch angeblich im Verein mit „imperialistischen Kräften“ (vgl. Rathmann, Bd. 6, S. 177, a.a.O.).

Erst in den 70er Jahren wurde es den Aktivisten der Muslimbrüderschaft in Ägypten wieder ermöglicht, in den Staatsdienst einzutreten, exilierte Politiker der Brüderschaft durften heimkehren. In dieser Zeit wurden die Schriften Qutbs für viele Islamisten in der ganzen arabischen Welt zu einer wichtigen Quelle der Inspiration.

 

Seit der Mitte der 70er Jahre förderten die Machthaber der regierenden FNL in Algerien islamistisch - orientierte Studentengruppen, die im Mittleren Osten mit den Muslimbrüdern in Kontakt getreten waren, um die marxistischen Gruppen zu schwächen (vgl. Kepel, 1994, S. 35, a.a.O.).

 

Im Februar 1982 kam es im syrischen Hama zu einem von Muslimbrüdern inspirierten und angeleiteten Aufstand, der von der syrischen Armee und Luftwaffe mit vielen Toten niedergeschlagen wurde.

Bis heute sind die Muslimbrüder bzw. auch ihre Programmatik in vielen muslimischen Ländern sehr erfolgreich. Ein Beispiel dafür ist die 1989 in Algerien gegründete „Ligue de la Da’wa Islamique“.

 

Nicolas Sarkozy arbeitete als französischer Innenminster eng mit der „Union des organisations islamiques de France“ (UOIF) zusammen, sie waren seine „privilegierten Ansprechpartner“; die Organisation stand den internationalen Muslimbrüdern nahe und stellte die zweitstärkste Fraktion im 2003 geschaffenen Repräsentativrat der französischen Muslime (CMCF, vgl. Schmid, 2005, S. 393, a.a.O.).

 

In die Bundesrepublik kamen die ersten Muslimbrüder (vermutlich) in den siebziger Jahren als politische Flüchtlinge. „Sie verhielten sich … sehr zurückhaltend. Dies taten sie nicht zuletzt, um ihren Status als politische Flüchtlinge nicht zu gefährden“ (zit. n. Nirumand, S. 105, a.a.O.).

Unterdessen ist jedoch eine andere Gruppe für die Muslimbrüder in der BRD wichtiger geworden: ehemalige arabische Studenten (v.a. naturwissenschaftliche und medizinische Fachrichtungen), die wegen der Repression in ihren Heimatländern in Deutschland blieben, häufig etabliert sind (und mit deutschen, zum Islam konvertierten Frauen verheiratet sind) und deutsche Staatsbürger wurden. Diese „neue Generation“ von deutschen Muslimbrüdern wendet sich u.a. gegen

  •       nicht – muslimische Orientwissenschaftler
  •      Vertreter mystisch – heterodoxer und volksislamischer Richtungen.

Bei den von ihnen organisierten arabischen Korankursen werden von den Lehrern „…. Beträchtliche Qualifikationen“ verlangt, „… denen türkische Koran – Schullehrer nicht annähernd nachkommen könnten“ (zit. n. Nirumand, S. 106, a.a.O.). Entsprechend hoch sind auch die gezahlten Honorare.

 

In der BRD haben die Muslimbrüder einen nur sehr kleinen Anhängerkreis, der zum guten Teil einer oberen Mittelschicht angehört und ein „deutliches Elite – Bewusstsein“ aufweist (vgl. Nirumand, S. 107, a.a.O.). Das zeigt sich u.a. darin, dass die arabisch – stämmigen Muslimbrüder nur sehr wenige Kontakte zu den türkischstämmigen muslimischen Arbeitsimmigranten aufgenommen haben.  

 

Die Geschichte der ägyptischen Muslimbrüder zeigt deutlich, dass Islamismus und Gewalt „…. sich nicht zwangsläufig bedingen. Schon vor langer Zeit hat die Organisation der Gewalt zur Erreichung ihrer politischen Ziele abgeschworen und plädiert für die friedliche Etablierung einer ‚islamischen Gesellschaft’“ (Fürtig, S. 25, a.a.O.). Bis heute allerdings lehnen die ägyptischen Muslimbrüder sehr deutlich die Einflüsse „des Westens“ ab. Jihadistische und gewalttätige Abspaltungen der ägyptischen Muslimbrüder (wie die „Jama’a islamiyye“ – Islamische Gemeinschaft, oder der „Jihad al – islami“ – Islamischer Heiliger Krieg) bekämpfen schon seit den 80er Jahren in z.T. gewaltsamen Aktionen die Muslimbrüder (wie auch die renommierte Al – Azhar – Moschee und Universität), denen sie Verrrat und Kapitulantentum vorwerfen (vgl. Fürtig, S. 28, a.a.O.).   

 

(variabel nach dem muslimischen Mondkalender, jeweils am 14. Tag des 4. Mondmonats, Rabi II. )

In das Jahr 2018 fiel des kürzeren Mondjahres wegen das Datum zweimal, am 2. Januar (im islam. Jahr 1439) und am 23. Dezember 2018 (im islam. Jahr 1440)

 © Christian Meyer

 


[1] Religiös - politische Erneuerungsbewegungen – wie der Islamismus – sind seit den 70er Jahren des 20. Jhdts. ein weltweites Phänomen in vielen Religionen. Gilles Kepel bringt sie in Zusammenhang mit der vielfach diagnostizierten „Krise der Moderne“, der „inneren Auflösung der Gesellschaft, ihrer Anomie, dem Fehlen einer übergreifenden Perspektive“ (Kepel, 1994, S.18, a.a.O.). Die Krise offenbare – meinen die jeweiligen „Fundamentalisten“ – die „… Substanzlosigkeit säkularer Utopien“, welchen Zuschnitts auch immer: Im Westen zeige sie sich als Konsumegoismus; zudem wurden in den 70er Jahren die anscheinenden Grenzen der Sozialpolitik deutlich. In den sich sozialistisch nennenden Staaten und der III. Welt zeigte sich die Krise „… als repressive Verwaltung der Armut und als Vernachlässigung einer humanen Gesellschaft“ (Kepel, 1994, S. 18, a.a.O.).  

[2] Nach lebendigen und durchaus widersprüchlichen theologisch – philosophischen Diskussionen in den ersten Jahrhunderten islamischer Geschichte wurde um 900 das „Tor des persönlichen Bemühens“ (ar. „Bab al - iğtihad“) offiziell geschlossen, eine Periode der Erstarrung und Stagnation setzte ein: nicht der iğtihad wurde zugelassen, sondern es herrschte „Schulzwang“; man folgte den Auslegungen einer der traditionellen Rechtsschulen. Jedoch wurde immer wieder das „Tor des iğtihad“ geöffnet, so 1964 von Al – Azhar – Gelehrten und Muslimbrüdern in Kairo oder 1985 – unter islamistischem Druck – durch die Rechtsakademie der Islamischen Liga. Insbesondere die „….. Ideologie der Muslimbrüderschaft ist ohne die Zulassung des iğtihad schlechterdings nicht möglich“ (A. Hartmann, S. 8, a.a.O.). 

[3] Die gegenwärtige in Kairo erscheinende Wochenzeitschrift der ägyptischen Muslimbrüderschaft heißt „An – Nur“ (ar. „Das Licht“).

[4] Mehrfach in der Vergangenheit bahnten islamische Bruderschaften den Weg für bedeutende Dynastien und mächtige Staaten, wie z.B. die persischen Safawiden im 16. Jhdt.

[5] Obwohl die Muslimbrüder älter waren als die Jamaat-e Islami gelang es den Muslimen in Indien – deren politischer Arm die Muslim – Liga war – stärker, sich der ideologischen Ausformung des entstehenden modernen Islamismus zu widmen (vgl. Bari, S. 54, a.a.O.). 

[6] Die Formel von der „Hakimiyyat Allah“ ist weder im Koran noch in den Hadithen zu finden und kann von daher als „neoislamisch“ angesehen werden.

 

23. Mai:  Welt-Schildkrötentag

 

Die zoologische Ordnung der Schildkröten (zool. Testudinata, Testudines, von lat. „testudo“ „Schildkröte“; früher auch Chelonia vom gr. χελώνιον „Schildkrötenschale“) sind eine Reptilienordnung mit ca. 340 wechselwarmen Arten und kurzem und breitem Körper, der von einem flachen oder gewölbten Schild bedeckt ist. Sie haben zahnlose Kiefer und legen die Eier auf dem Land ab. Sie sind weltweit verbreitet, auf dem Land, im Wasser und in den Ozeanen, außer den Polarregionen. Es gibt fleisch- und pflanzenfressende Arten.

 

Im Trias (vor ca. 225 – 195  Mio. Jahren) traten erstmals die echten Schildkröten (Chelonia) als eine wichtige Reptiliengruppe auf.  Im Perm (der letzten Periode des Archaikums, vor ca. 280 Mio. Jahren) gab es vielleicht Vorformen der Schildkröten (vgl. Špinow, S. 32, a.a.O.) .

In den kretazischen (kreidezeitlichen) Meeren Nordamerikas lebten vor ca. 72 Mio. Jahren große, bis zu 4m lange Schildkröten, Archelon ischyros, die größte bisher entdeckte Schildkröte. Sie waren weitgehend an das Leben im Wasser angepasst: die Panzer waren reduziert, da so Gewicht gespart wurde. Ihre Füße waren – wie bei den heutigen Meeresschildkröten – zu paddelförmigen Extremitäten umgestaltet und verbreitert, die Finger durch Hautgewebe verbunden.

 

Im Mesozoikum (Erdmittelalter) waren die Reptilien die erfolgreichste Gruppe der Landwirbeltiere. Die meisten Arten der Reptilien starben anschließend aus, vermutlich durch den Einschlag eines Asteroiden. Das Ende des Mesozoikums  überlebten nur vier Ordnungen der Reptilien …

  • die Krokodile (zool. crocodilia)
  • die Schuppensaurier (zool. squamata), die Schlangen, Eidechsen etc.
  • die Schildkröten (zool. chelonia), und
  • die Brückenechsen (zool. rhynchocephalia „Schnabelköpfe“), mit einer einzigen rezenten Art (Sphenodon punctatus), ein neuseeländisches „lebendes Fossil“ (vgl. Špinow, S. 223, a.a.O.) .

Die Schildkröten haben sich seit dem Trias nur sehr wenig verändert und überlebten erdgeschichtliche Umbrüche und blieben bis in die jüngste Gegenwart ebenso zahlreich wie in der Vergangenheit.

Die Schildkröten werden als „bizarres Überbleibsel primitivster Reptilien“ angesehen (vgl. Špinow, S. 96, a.a.O.) angesehen, die ursprünglich ausschließlich festländisch lebten, also terrestrische Tiere waren.

 

 

Heute gibt es weltweit ca. 340 verschiedene Schildkröten-Spezies, die meisten leben im Süßwasser. Sieben Arten leben im Meer, Meeresschildkröten sind aktuell vom Aussterben bedroht. 

Heutige Meeresschildkröten leben in tropischen und subtropischen Meeren. Die Weibchen werden mit frühestens 20 Jahren fortpflanzungsreif. Die Weibchen aller sieben Arten sind ortstreu, sie kommen zur Paarung und zur Eiablage an an den Strand, an dem sie selbst geschlüpft sind. Dazu schwimmen sie z.T. tausende von Kilometern durch den Ozean.

Bis heute ist es unklar, wie die Weibchen zu dem Strand ihrer Geburt zurückfinden. Vermutet wird, die Schildkröten verfügten (wie z.B. bei Rotlachsen oder einigen Zugvögelarten nachgewiesen) über ein Sinnesorgan zur Wahrnehmung des Erdmagnetismus. Dann könnte ein Art geomagnetische Prägung vorliegen, ein Lernvorgang der „magnetischen Signatur“ der Inklination der Feldlinien, der sie mit Hilfe einer Magnetfeld-Landkarte auch viele Jahre später immer wieder zum Strand ihrer Geburt zurückfinden lässt (vgl. Wiltschko, a.a.O.).  

Mit welchen Organen ggf. die Tiere das Magnetfeld der Erde wahrnehmen, ist unklar.

Die Männchen sind weniger ortstreu, so dass langfristige Inzucht verhindert wird. Der biologische Vorteil der Ortstreue liegt darin, dass – wie Forscher des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung 2013 feststellten – die Weibchen in bestimmten Gengruppen Abwehrkräfte genau gegen die Krankheiten und Parasiten vererben, die auf der jeweiligen Brutinsel auf den Nachwuchs warten.

Im Sand am Strand werden die Eier in einem selbstgegrabenen Loch abgelegt und von der Sonnenwärme ausgebrütet. 

Seit Jahrtausenden vermutlich ist der Moment des Schlüpfens im Sand und der Weg ins rettende Meer ein Massaker unter den Baby-Schildkröten: denn die nur handtellergroßen Tiere werden zum großen Teil von Vögeln und anderen Freßfeinden verzehrt, wie es z.B. schon der italienische sensationsheischend-voyeuristische Film „Mondo Cane“ aus dem Jahre 1962 zeigte.  

Im Durchschnitt erreicht nur einer von 1.000 „Schlüpflingen“ der Unechten Karettschildkröte (zool. Caretta caretta) das fortpflanzungsfähige Erwachsenenalter.

 

Ein Grund für die Faszination von Schildkröten ist, dass sie ein sehr hohes Alter erreichen können. Das Geburtsjahr einer Galápagos-Riesenschildkröte namens Harriet (sie lebte jahrelang im Australia Zoo/Queensland) lebte und 2006 verstarb, wurde auf 1830 geschätzt. Damit wäre sie mindestens 176 Jahre alt geworden. Meeresschildkröten können wahrscheinlich 75 Jahre oder mehr leben. werden  Als Haustier gehaltene Schmuckschildkröten können nachweislich bei guter Pflege 40 Jahre oder älter werden.

Die schwerste jemals gemessene Schildkröte wog 916 kg, eine Lederschildkröte.  

Da die Haut der Schildkröten – wie die aller Reptilien – im Laufe des Lebens nicht mitwächst, müssen sie sich Häuten. In Aquarien werden die Schildkrötenpanzer im Frühjahr mit Bürsten gereinigt: „Mit leichtem Schrubben der Schildkrötenpanzer unterstützen wir die Häutung. Das ist wie eine Massage für die Tiere“ (vgl. Tagesspiegel, 15. Mai 2019, S. 28).

 

Zu den Besonderheiten einiger Schildkröten gehören…

  • die Fähigkeit sehr lange Zeit ohne Nahrung und Wasser aus zu kommen
  • die Fähigkeit von Weibchen  manchen Arten, die Samen mehrerer Männchen zu speichern und ihre Einer damit erst lange nach der Paarung zu befruchten.

Als die im Indischen Ozean (ca. 500 km östlich von Madagaskar) gelegenen Maskarenen-Inseln  im Jahr 1512 vom portugiesischen Seefahrer Pedro Mascarenhas entdeckt wurden, lebten auf Réunion, Mauritius und Rodrigues Tausende Exemplare der Landschildkröten-Gattung Cylindraspis. Die Panzer der fünf Arten waren teilweise zurückgebildet, sie waren überflüssig, da die Schildkröten keine natürlichen Feinde auf den Inseln hatten. Durch die Verfolgung der eingewanderten Menschen (oder durch eingeschleppte Ratten oder Raubtiere) wurde die Gattung rasch ausgerottet und ist seit der Mitte des 19. Jhdts. ausgestorben. Den Dodo überlebten die Schildkröten immerhin ca. 200 Jahre (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).  

 

Durch die Untersuchung mitochondrialer DNA-Sequenzen aus erhalten gebliebenen Resten von Maskarenen-Riesenschildkröten konnte nun in der „Scientific Reports“  deren abenteuerliche Geschichte näher geklärt werden.

Die Maskarenen-Inseln liegen auf dem Réunion-Hotspot, der immer wieder neue Vulkaninseln im Indischen Ozean entstehen (und vergehen) lässt. Vor ca. 40 Mio. Jahren dürfte nach den genetischen Berechnungen eine weibliche, befruchtete Cylindraspis von Afrika (oder Madagaskar oder Asien) zu einer dieser Inseln geschwemmt worden sein. Sie wurde (vermutlich) zur Urmutter aller Maskarenen-Riesenschildkröten, einer Population mit eigenständiger Evolution, die auch den Untergang der ursprünglichen Vulkaninsel durch Übergang auf die neu entstandenen Inseln überlebte.  Vor ca. 10. Mio. Jahren entstanden dann die heutigen Maskarenen, besiedelt von u.a. den Cylindraspis – bis die Menschen kamen (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).      

 

Dagegen überlebten Riesenschildkröten (Aldabrachelys gigantea, Syn.: Dipsochelys) auf den Seychellen und insbesondere auf Aldabra, dem größten Atoll im Indischen Ozean. Politisch gehört Aldabra zu den Seychellen, liegt nördlich von Madagaskar und ist bis auf eine Ranger-Gruppe unbewohnt. Das Atoll steht unter strengem Schutz und konnte seine ursprüngliche Flora und Fauna weitgehend erhalten. 1982 wurde Aldabra von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.

Die Seychellen-Riesenschildkröten  sind eine Gattung der der Landschildkröten und erreichen bis zu 1,2 m Länge und ein Gewicht von bis zu 250 kg. Sie sind die einzigen Riesenschildkröten weltweit, deren Bestand momentan nicht gefährdet ist. In der Population sind ca. 100.000 Tiere vorhanden.  

Im Jahre 2004 gelangte eine Aldabra-Schildkröte an die Küste von Tansania: das Tier war zwar abgemagert, aber gesund; es war die ca. 2000 km von den Seychellen nach Ostafrika getrieben/geschwemmt, vermutlich mehrere Monate lang (vgl. Tagesspiegel, 1. Januar 2020). 

 

Eine besondere, auffällige Jagdmethode zeichnet die bestandsgefährdete Geierschildkröte (Macrochelys temminckii; auch: Alligatorschildkröte) aus, denn sie „angelt“ ihre Beute. Diese bis zu 75cm große nordamerikanische Süßwasserschildkröte hat einen während der Jagd auffällig rosaroten Zungenfortsatz. Die Schilkröte ruht lauernd im Schlamm auf dem Boden des Gewässers, öffnet das Maul und bewegt den Zungenfortsatz. Vorbei schwimmende Fische halten den Zungenfortsatz für einen Wurm, schnappen nach ihm – und werden von den scharfen Kiefern der Schildkröte gefangen (vgl. Abbn. dazu unten).

 

Aussterben dürfte vermutlich bald die Yangtse-Riesenweichschildkröte, die größte Süßwasserschildkröte der Welt. Das letzte Weibchen der Art starb in einem chinesischen Zoo – bei einem Besamungsversuch. Weltweit gibt es nun nur noch drei bekannte Exemplare, - drei Männchen, eines in einem chinesischen Zoo und zwei in vietnamesischen Seen (vgl. Berliner Zeitung, 16. Arpil 2019, S. 26). 

 

In vielen Mythen weltweit spielen Schildkröten eine kosmophorische Rolle und sind – wohl ihrer Langlebigkeit wegen – ein Symbol für die Unsterblichkeit.

Vishnu, ein indischer Schöpfergott, erscheint als Schildkröte im Urmeer schwimmend, die Welt auf seiner Panzerschale tragend.

Viele Buddhisten glauben, dass in jeder Schildkröte menschliche Seelen auf der Seekenwanderung verweilen, auf dem Weg ins Nirvana.

Im antiken Griechenland wurde der Mythos von Chelone (Χελώνη gr.  Schildkröte) tradiert. Anlässlich der Hochzeit des Zeus und der Hera wurden alle Götter, Menschen und Tiere durch den Götterboten Hermes eingeladen. Die junge Chelone jedoch blieb als einzige zu Hause, aus Verachtung vor der Götterhochzeit. Hermes, der ihr Fehlen bemerkt, stieg er zur Erde hinab, warf Chelone mitsamt ihrem Haus in einen Fluss und verwandelte sie in eine Schildkröte. Sie muß deshalb ihr Haus fortwährend auf dem Rücken tragen.

 

Die heute vielleicht bekannteste Schildkröte ist Kassiopeia und spielt in MOMO, ein 1973 erschienener Roman von Michael Ende eine wichtige Rolle, denn sie unterstützt Momo in ihrem Kampf gegen die die Menschen um die Zeit betrügenden „grauen Herren“.

 

In einem (vielgestaltig überlieferten) Mythos der Irokesen [1] (ursprünglich im nordwestlichen Waldland des heutigen Staates New York und in Ontario) wurde die Großmutter der Menschen (die „Himmelsfrau“) schwanger, von ihrem Mann (dem Mond?) aus Eifersucht vom Himmel herab ins Meer gestürzt– Land gab es damals noch nicht. Die Schildkröte nahm die Großmutter auf ihrem Rücken auf, den die Bisamratte mit Schlick bedeckte, den sie vom Grund des Meeres emporholte. So wurde langsam auf dem Rücken der Schildkröte die erste Insel geformt, aus der schließlich das gesamte Land entstand.  

Auch die Entstehung der Menschen hing für die Irokesen in zwiefacher Hinsicht mit der Schildkröte zusammen. Die Tochter der Großmutter (gezeugt von der Schildkröte) wurde wundersam geschwängert (vom Westwind, einem jungen Mann??) und gebar antagonistische Zwillingshelden, die Schöpfer des Guten, Iosheka, und des Bösen, Tawiscara (vgl. Guirand, S. 522, a.a.O.). Der gute Heros Iosheka (i.e. „der Helle“) stürzte nach seiner Geburt in einen See, direkt vor der Hütte einer Schildkröte. Von dieser erhielt er u.a. Pfeil und Bogen, zwei Maiskolben, sowie reife Körner, um sie zu pflanzen (vgl. Chevalier, S. 957, a.a.O.).  

Der böse Zwillingsheros Tawiscara (i.e. „der Dunkle“)  tötete seine Mutter bei der Geburt, er versuchte alle guten Gaben seines Bruders zu schädigen.

Nach einer anderen Fassung der Legende wuchsen aus dem Grabe der Mutter eine Tabakspflanze, ein Bohnenbusch. eine Mais- und eine Kürbispflanze (vgl. Graymont, S. 17, a.a.O.). Die Irokesen waren ursprünglich Jäger und Sammler, gingen aber bereits vor der Ankunft der Europäer zum Feldbau über.

Für einige Gruppen (Phratrien, Clans, Gentes [2]) der Irokesen war die Schildkröte ein Totem-Tier [3] , das weder gejagt noch gegessen werden durfte (vgl. Findeisen, S. 50, a.a.O.).

Diese totemistische Tradition wird auch in dem lesenswerten Kinderbuch „Blauvogel“ von Anna Jürgen erwähnt (vgl. a.a.O.).

Auch trug in dem „Blauvogel“ der Tomahawk eines Mannes der „Schildkrötenfamilie“ am Griff „… in roter Farbe das Bild einer Schildkröte: ein ovales Rund mit sechs Punkten am Rand für die Beine, den Kopf und den Schwanz“ (Jürgen, S. 9, a.a.O.).

Der US-amerikanische (evolutionistische) Ethnologe Lewis Henry Morgan (1818 - 1881) führte in seiner Schrift „Ancient society“ (erschienen 1877) für den Irokesenstamm der Seneca acht nach Tieren benannte Gentes an: 1. Wolf 2. Bär, 3. Schildkröte, 4. Biber, 5. Hirsch, 6. Schnepfe, 7. Reiher und 8. Falke (vgl. Morgan, S. 90, a.a.O.). Morgan führte zu den Irokesischen Gentes aus: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, obwohl nie formuliert, waren die Grundprinzipien der Gens“ (Morgan, zit. n. Engels, 1960, S. 225, a.a.O.).  

Auch wurden damals die Angehörigen der jeweiligen Gentes getrennt begraben, zusätzlich noch nach Frauen und Männern getrennt (Morgan, S. 104, a.a.O.).

Besonders auffällig war die matrilineare gesellschaftliche Organisationsform der Irokesen, die sich zu einer 5- bzw. 6-Nationen-Föderation zusammengeschlossen hatten und  Elemente einer egalitären Konsensdemokratie (vgl. Thomas Wagner, a.a.O.) aufwies [4]. Die Stammesföderation hatte eine matrilineare Sozialstruktur und differenzierte Beratungs- und Entscheidungsgremien, von denen Elemente in die US-Verfassung eingegangen sein sollen. 

 

In dem 1566 verfassten „Bericht aus Yucatán“ des franziskanischen Missionars und Bischofs Diego de Landa beschrieb dieser „…staunenerregend große Schildkröten“, von denen „… einige … weitaus größer (sind) als mächtige Rundschilde; sie sind schmackhaft und haben überaus viel Fleisch; die Eier, die sie legen, sind so groß wie Hühnereier, und sie legen hundertfünfzig oder zweihundert, wofür sie in Sand, außerhalb des Wassers, ein großes Loch schaufeln; danach decken sie die Eier mit Sand zu, und dort schlüpfen die kleinen Schildkröten aus. An Land, in den trockenen Waldgebieten und in den Lagunen gibt es verschiedene andere Schildkrötenarten“ (de Landa, S. 159, a.a.O.).    

 

Die pazifischen Galapagos – Inseln verdanken ihren Namen den Schildkröten (vgl. Neef, S. 368, a.a.O.)., span. „galapagos“ = „Waserschildkröten“.

Die Lage des vulkanischen Archipels – ca. 1000 km vom Festland entfernt -  wurde von den Spaniern lange geheim gehalten. William Dampier (1651 - 1715), der britische Freibeuter, Weltumsegler und Naturforscher, besuchte im Juli 1684 die Galapagos-Inseln. In dieser Zeit waren die Inseln zum Rückzugsort für Piraten geworden, die dort ihre Schätze versteckten.

Dampier beschrieb die Fauna und Flora des Archipels. Insbesondere sprach es von den damals noch zahlreichen bis zu 350 kg schweren Riesenschildkröten: sie seien so köstlich, „… daß kein jung Huhn besser schmecken kann“ (Dampier, zit. n. Glaubrecht, a.a.O.). Er führte an, dass er an einer Bucht über 3000 der Tiere zählen konnte. Die Seefahrer pflegten damals auf den Inseln  Schildkröten als lebende Konserven in die Vorratsräume zu laden, 

 

Darwin erreichte im September 1835 die Galapagos-Inseln. Der damalige Gouverneur der Inseln, Nicholas Lawson, erzählte Darwin, dass er schon an der Form der „Panzer“ erkennen können, von welcher der Inseln des Archipels die entsprechende Schildkröte stamme.

Charles Darwin beschreibt in seinem Reisetagebuch plastisch, wie die Schildkröten auf dem Archipel durch die Menschen dezimiert wurden. Auch Darwin lebte auf den Inseln überwiegend von Schildkrötenfleisch, fand es aber nur mäßig (vgl. Darwin).    

Jahrhundertlang, zumindest bis ins 17. Jhdt. gingen Schiffsärzte davon aus, dass die Skorbut eine Folge des Fleischmangels an Bord sei. Das Vitamin C wurde erst 1928 entdeckt. 

Da Schildkröten sehr lange ohne Essen und Trinken auskommen, man zudem glaubte, sie empfänden keine Schmerzen, weil sie keine Laute von sich geben, wurden viele der Tiere  im Schiff  tierquälerisch unter Deck zusammengepfercht. Durch die Seefahrer wurden die Schildkröten der Seychellen- und Galapagos-Inseln fast vollständig ausgerottet.

 

Auch die „Beagle“ führte bei der Abfahrt 30 der Schildkröten mit sich, die allesamt im weiteren Verlauf der Reise verspeist wurden, auch von Darwin selbst.

Erst viele Jahre später, zurück in England, erkannte Darwin, dass die Schildkröten – als Beleg für die Veränderlichkeit der Arten - vielleicht die bedeutsamsten Fundstücke der Inseln gewesen wären. 

Seit 1959 sind die zu Ekuador gehörenden Inseln größtenteils ein Naturpark, aber völlig überlaufen und ökologisch gefährdet: Im Jahre 2018 besuchten ca. 275 000 Menschen die Inseln. Allerdings wird das Geld der Touristen z.T. für den Naturschutz verwendet.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte im Februar 2019 im Rahmen eines Staatsbsuchs auch die Galapsgos-Inseln. In der Schildkröten-Aufzuchtstation Santa Cruz – die seit 1964 von der Charles-Darwin-Stiftung betrieben wird - übernahm er die Patenschaft für eine junge Meeresschildkröte, Alejandra. In drei Jahren soll sie ausgewildert werden, denn Schildkröten sind auf den Inseln gefährdet, nicht nur durch Plastikmüll. Bei einer Aktion au den Küsten des Archipels wurden 22 t vorwiegend angeschwemmter Plastikmüll auch durch Sieben des Sandes eingesammelt (vgl. „Tagesspiegel“, 16. Februar 2019, S. 3). Und dabei gibt es seit einem 2014 eingeführten Plastiktütenverbot praktisch keine Plastiktüten mehr auf den Inseln, zudem wurde ein erfolgreiches Bildungs-, Mülltrennungs- und Recyclingprogramm u.a. von WWW initiiert.  

 

Das Schlüpfen der Schildkröten ist heute auf Heron Island für Reisende die Hauptattraktion. Die kleine Insel im Nordosten Australiens wurde 1843 entdeckt und nach den dort beobachteten Reihern (engl. heron) benannt.

1925 wurde auf der Insel eine Abfüllanlage für Schildkrötensuppe errichtet, die sich jedoch nach schon 2 Jahren nicht mehr rentierte, da die zuvor zahlreichen Tiere, die Grüne Meeresschildkröte und die Karettschildkröte rasch dezimiert wurden. In den Gebäuden der ehemaligen Fabrik wurde dann 1932 das erste touristische Ressort im Großen Barriere-Riff eingerichtet, 1943 wurde Heron Island zum Nationalpark. Heute darf in ihm nichts eingeschleppt, mitgenommen, verändert werden, in das Ökosystem der Insel darf nicht eingegriffen werden (vgl. Bisping, a.a.O.).

Ca. 4000 Schildkröten leben permanent um Heron Island, zudem ca. 200 000 Vögel. Zwischen Oktober und März kommen die weiblichen Schildkröten jeweils 4 – 5 Mal zur Eiablage an Land. 8 Wochen später, also zwischen Dezember und Mai schlüpfen nachts die jungen Schildkröten, kriechen aus ihren Nesthügeln, krabbeln vom Mondlicht geleitet dem rettenden Meer entgegen. Auch hier werden die allermeisten Baby-Schildkröten Opfer ihrer vielen Fressfeinde.   

 

Ästivation (vom lat. aestes Sommer, Hitze) bezeichnet die Strategie mancher Tiere, hohen Temperaturen und starker Trockenheit auszuweichen, indem sie die Sommermonate weitgehend verschlafen. Solche Sommerruhe kommt bei einigen Insekten vor, aber auch bei einigen Reptilien, wie der Ägyptischen oder Tunesischen Landschildkröte (vgl. Vaas, S. 18, a.a.O.).

 

Schon seit ca. 120 bis 150 Mio. Jahren leben Meeresschildkröten auf dem Planeten Erde, Gefahren drohen Schildkröten heute v.a. durch den Menschen. Seit Jahrzehnten gehen die Schildkröten-Populationen zu Lande und zu Wasser dramatisch zurück, viele sind akut vom Aussterben bedroht. Allein in Chinas Garküchen werden alljährlich um die 20 Millionen Schildkröten zu Suppe verkocht.

Gefährdet sind die Meeresschildkröten besonders durch den Menschen:

Ø  als Beifang der Fischer: „Einige Hunderttausend Schildkröten verenden pro Jahr an Haken der oft über 100 Kilometer langen Leinen. Andere werden in Fisch- oder Shrimpsnetzen gefangen“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch das Fangen bei der Eiablage und das Sammeln der Eier, was nicht nur an der mesoameikanischen Pazifikküste bis heute weit verbreitet ist. Schildkrötenarten landen noch immer hunderttausendfach im Kochtopf (vgl. Greenpeace-Magazin, 2/04). 

Ø  durch den Verlust von Lebensräumen, z.B. dem Bau von Hotels an Eiablagestränden: „Hell erleuchtete Hotels an Stränden etwa halten die Schildkröten-Weibchen vom Eierlegen ab und irritieren die frisch geschlüpften Babys, so dass sie den Weg zum lebenswichtigen Meer nicht finden“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch den Klimawandel (vgl. Tag der Umwelt) können Brutgebiete (ansteigender Meeresspiegel,  vgl. Tag des Meeres, Sturmfluten) überschwemmt oder vernichtet werden. Höhere Temperaturen des Sandes am Strand führen dazu, dass sich aus den abgelegten Eiern mehr Weibchen entwickeln: Die Folgen dieser Veränderung im Quantitativen Geschlechterverhältnis sind unklar. Zudem sterben viele Eier bei zu hohen Temperaturen ab- So wurden z.B. in Malaysia an einem Schildkrötenstrand Kokospalmen gefällt, ohne Schatten wurde es den Eiern zu heiß.

Ø  durch die Vermüllung der Meere: Bei einer wachsenden Zahl von Meeresschildkröten findet man Plastikstücke im Magen, durch die die Tiere sterben können (vgl. Tag des Meeres & Tag der Umwelt). Treibende Plastiktüten ähneln Quallen und Meeresschildkröten lieben Quallen. Wenn eines der Tiere ein Plastikobjekt frisst, kann das Material ihren Magen verstopfen, was es dann daran hindert, echte Nahrung herunter zu schlucken. „Manche der Reptilien bekommen eine ‚bubble butt‘ (engl. ‚Blasenhintern‘, C.M.), einen derart aufgeblähten Bauch von den Gasen, die bei der Plastikzersetzung frei werden, dass die Tiere nur an der Oberfläche treiben, aber nicht mehr abtauchen können. Die Folge: Die Schildkröten verhungern oder werden von Freßfeinden erbeutet“ (Bisping, S. 13, a.a.O.), z.B. Haien. Australische Forscher stellten bei der Untersuchung von 250 toten Meeresschildkröten fest, dass ….

       - jedes zweite Jungtier Plastikobjekte im Magen-Darmtrakt hatte

          - bei jugendlichen und ausgewachsenen Schildkröten es „nur“ jedes sechste Tier war

      - sich bei Schlüpflingen kein Plastik im Magen fand.

Jüngere Schildkröten – erklären die Forscher – scheinen eher dort zu fressen, wo sich mehr Plastik im Meer befindet – nahe den Küsten (vgl. „Tagesspiegel“, 18. September 2018, S. 25 und Abb. unten)     

 

Immer wieder sterben Meeresschildkröten durch gefressenen Plastikmüll oder verheddern sich in treibendem Müll. Forscher gingen davon aus, die Schildkröten verwechselten z.B. treibende Plastiktüten mit Quallen.

Eine Forschergruppe um Joseph B. Pfaller (Universität von Florida) beschäftigte sich mit dem Verhalten der Meeresschildkröten dem Plastikmüll gegenüber.

Sie vermutete, dass die Schildkröten nicht nur vom Aussehen, sondern auch von dem Geruch des Plastkmülls angelockt würden (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Auf dem Plastikmüll siedeln sich im Meer jedoch rasch allerlei Mikroorganismen, Algen, Pflanzen und andere Lebewesen an.     

In einem Geruchsexperiment mit Unechten Karettschildkröten reagierten diese auf Futtergerüche (Fisch, Garnelen) genauso intensiv wie auf den Geruch von Plastik mit Ablagerungen (vgl. „Tagesspiegel“, 10. März 2020, S. 16).

Auf den Geruch von sauberem Plastik reagierten sie hingegen gar nicht mit Suchverhalten. Beim partiellen Absterben des Belags entsteht ein nahrungsähnlicher Geruch („Bio-fouling“), der die Tiere anlockt. Auch ist der Belag durchaus nahrhaft, wird allerdings oft zu einer tödlichen Falle (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Unklar ist jedoch noch, welche chemischen Verbindungen von besiedeltem Plastik die Schildkröten anlocken.     

 

Eine Studie aus dem Jahre 2017 (von der Aristoteles Universität Thessaloniki) zu den Populationen von 7 Arten der Meeresschildkröten belegte eine leichte Erholung einiger der 299 Populationen weltweit: Bei 95 von ihnen stieg die Zahl der Schildkröten deutlich an, bei 35 Populationen sank sie deutlich ab. Bei den restlichen blieb sie in etwa gleich (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

  

Günstig auf die Schildkrötenpopulation wirkt der aktive Schutz der Brutgebiete und der Eiablagen, so z.B. in dem 25 km langen Schutzreservat Ras al-Dschinz in Oman, wo nun auch geführte Öko-Touristen vor allem von Juni bis zum November die Eiablage der Grünen Meeresschildkröte erleben können.

Schon 1983 wurde Archelon, ein Verein zum Schutz der Schildkröten in Griechenland (mit Sitz in Glyfada bei Athen) gegründet. Er kümmert sich seither um u.a. den Schutz der Nester der Unechten Karettschildkröte in Zakynthos, auf Kreta und dem Peleponnes.

Dennoch stehen sechs der sieben Meeresschildkrötenarten als gefährdet, sehr gefährdet oder vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature, Weltnaturschutz –Union, (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

 

Weltweit gibt es unterdessen mehrere Institutionen, die sich um verletzte und erkrankte Schildkröten bemühen.

So z.B. das „Ontario Turtle Conservation Centre“ in Kanada, das jährlich Hunderte bei Unfällen verletzte Schildkröten rettet. Vor allem geht es darum, durch Autounfälle verletzte Panzer wieder zusammen zu fügen; oftmals sind es allein dort mehr als 20 Operationen täglich. Es handelt sich dabei um in Ontario heimische Arten, die auf der „Roten Liste“ als zumindest gefährdet stehen (vgl. „Tagesspiegel“, 14. 10 2017).

Schon 1986 wurde das „Turtle Hospital“ in Marathon/Florida gegründet, das bislang einige Tausend verletzte Schildkröten rettete und wieder ins Meer entließ.   

In der nicht-profitorientierten Tierrettungsstation „Carolina Waterfowl Rescue“(CWR) in Nord-Carolina werden jährlich hunderte von verletzten Schildkröten behandelt, v.a. Weibchen, die zur Eiablage an Lande gekommen sind: Viele werden von Autos angefahren, von Rasenmähern verletzt oder von Hunden gebissen.

Verletzungen am Panzer der Schildkröten müssen wieder zusammenwachsen, wie gebrochene Knochen. Dabei haben sich gespendete BH-Verschlüsse als Hilfe bewährt. Sie wurden an die Bruchstelle geklebt und dann mit Drähten so verbunden, dass der Riss zusammengehalten wird. Der Heilungsprozess kann Monate dauern, aber 70 % der dortigen Schildkröten-Patientinnen können durchschnittlich als geheilt wieder in die Freiheit entlassen werden.

 

 

Bei Schildkröten dauert es lange Jahre bis die Tiere geschlechtsreif sind. Die Weibchen legen zwar jedes Jahr viele Eier, ältere Schnappschildkröten bis zu 60 Stück. Aber weniger als ein Prozent der Eier führt zu einer erwachsenen Schildkröte. Es dauert rund 20 Jahre, bis eine Schildkröte selbst Eier legt. Besonders lang ist der Zyklus bei den Schnappschildkröten (Chelydra serpentina), die aus Nordamerika stammen und in Süßwasserseen und Flüssen leben: Ca. 1500 Eier und 59 Jahre werden benötigt,  um eine weibliche Schnappschildkröte in der Natur zu ersetzen.

 

 Der 23. Mai wurde als Weltschildkrötentag im Jahre 2000 von der „American Tortoise Rescue“ eingeführt und 2002 von der „Humane Society of the United States“ (HSUS, vgl. http://www.hsus.org/) übernommen und popularisiert. Ziel ist es, auf die Gefährdung der Schildkröten hinzuweisen und geeignete Aktionen zu ihrem Schutz zu initiieren.

 

Wie australische und US-Forscher jüngst feststellten, bedroht der globale Klimawandel die Existenz einer der größten Kolonien von Meeresschildkröten im nördlichen Great-Barriere-Riff: Da der Sand, in dem die Schildkröten ihre Eier vergraben, wärmer geworden ist, schlüpfen dort zu 99,1% nur noch weibliche Jungtiere (vgl. „Stern“, 18. Januar 2018, S. 20).

 

Meeresschildkröten sind – betonen Ökologen – ein guter Bioindikator für die Güte der jeweiligen Umwelt und die Biodiversität, - wenn die Umweltbedingungen sich verschlechtern, verschwinden sie. Zudem ernähren sie sich u.a. von Quallen, deren Gift z.T. auch tödlich für Menschen ist (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

  

Besonders aktiv beim Schutz der Meeresschildkröten ist auch das Fischerdorf Ebodjè in Kamerun. Das Dorf hat knapp 1000 Einwohner, liegt am Atlantik, im Süden Kameruns, ca. 40 km von der Grenze zu Äquatorial-Guinea. Die Bewohner gehören überwiegend zu dem kleinen Volk der Yasa, deren Sprache zu den südlichen Bantusprachen gehört und in Kamerun, Äquatorial-Guinea und Gabun gesprochen wird. Es gibt ca. 2400 Yasa-Sprecher. 

An dem kilometerlangen Strand von Ebodjé kommen 4 der 5 im Golf von Guinea lebenden Meeresschildkröten zur Eiablage:

  • die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea; frz. tortue luth; Vandelli, 1761): Sie ist die größte aller Meeresschildkröten; das größte bei der Eibalage in Ebodijé beobachtete Exemplar hatte eine Breite von ca. 2,1 m und eine Länge von ca. 2,4 m.  
  • die Oliv-Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea; frz. tortue olivâtre; Eschscholtz, 1829) 
  • die Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata; frz. tortue imbriquée; Linnaeus, 1766)  

·        die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas; frz.  tortue verte; Linnaeus, 1758 ) 

 

Im Jahre 2017/18 kamen ca. 150 Schildkröten zwischen September und April zur Eiablage an den Sandstrand des Dorfes.

In der Region ist die Naturschutz-Organisation „Tube Awu“ (auf Yasa „Unser Ozean“) zum Schutz der Meeresschildkröten aktiv.

Denis Gnamabo, der Vorsitzende von Tube Awu, meinte: „Die Meeresschildkröte ist in unserem Emblem. Von Generation zu Generation ist sie Teil unseres Lebens. Sie zu schützen ist heute unsere größte Aufgabe“ (zit. n. Kouagheu, a.a.O.).

Früher allerdings machte er, wie auch seine Vorfahren und nahezu alle Dorfbewohner, Jagd auf die Schidlkröten, töteten sie und aßen ihre Eier und ihr Fleisch.

Erst Ende der 90er Jahre wurden die Dorfbewohner durch eine Forschergruppe (mit Teilnehmern auch aus Europa) auf die Bedeutung der Schildkröten und ihres Schutzes aufmerksam gemacht. Viele erkannten, dass die Tiere zu anderen Dingen dienen könnten als zur Nahrung.

Mit der Hilfe verschiedener Nicht-Regierungsorganisationen begann man in Ebodjé den Ökotourismus zu entwickeln, organisierte Unterkünfte, Speiseräume und Naturführungen. 99% der Besucher kamen wegen der Schildkröten,

Eine Schildkrötenaufzuchtstation wurde mit externer Unterstützung eingerichtet, in dem Schildkröteneier geschützt und die Schlüpflinge – vom ganzen Dorf begleitet – zum Meer gebracht werden. So wurde die Überlebensrate der Jungtiere deutlich erhöht.

Im Jahre 2001 Museum  "La Maison de Ndiva" (auf Yasa: Ndiva Lederschildkröte) eingerichtet, mit Informationstafeln und Bildern zum Leben und zur Anatomie der Tiere und allerlei Schilkrötenobjekte, so konservierte Eier der Meeresschildkröten oder Panzer von einst gejagten Tieren.

So hat sich die Zahl der Besucher deutlich erhöht: In den letzten Jahren kamen durchschnittlich mehr als 300 Besucher in das recht abgelegene Ebodjé.

 

Jedoch wird dort auch immer noch gewildert, es wurden 2017 und 2108 jährlich ca. 20 Meeresschildkröten erlegt, darunter auch Lederschildkröten.

Denn vom Ökotourismus profitieren nicht alle Dorfbewohner genügend. Geplant sind deshalb u.a. die Errichtung einer Kühlkammer für die gefangenen Fische und den Ausbau einer Kokusnussanbau- und Vertriebsgenossenschaft (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

Zum Schutz der Meeresschildkröten stellten deshalb internationale Nicht-Regierunsgsorganisationen Gelder bereit. Jeder Fischer, dem zufällig eine Schildkröte ins Netz geht und der sie lebendig ins Dorf bringt, erhält als Kompensation 10 000 Francs CFA ( ca. 15,- €).

Die Mäzene finanzierten zudem den Besuch von Kindern des Dorfes auf höheren Schulen, so dass einige schon das Baccalauréat erreicht haben, - dank der Schildkröten!   

 

 

(unveränderlich, nach dem Gregorianischen Kalender)

 

© Christian Meyer

 


[1] Nach dem Berliner Ethnologen und Amerikanisten Walter Krickeberg (1885-1962) entstand der obige Mythos vermutlich unter den nördlicheren Algonkin.

[2] Unter „Gens“ (lat. sg. Familie, Geschlecht, Völkerschaft; pl. „gentes“) verstand Morgan eine soziale Gruppe mit einer (realer oder angenommenen) gemeinsamen Abstammung, im Falle der Irokesen von einer gemeinsamen Stammesmutter (vgl. Engels, 1960, S. 222, a.a.O.). 

[3] Das Wort „Totem“ entstammt einem Idiom der Algonkin (vgl. Findeiesen, S. 42, a.a.O.).

[4] Auch Friedrich Engels beschäftigte sich in „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ (1884 veröffentlicht) aufbauend auf den Forschungen Morgans und Manuskripten von Marx im III. Teil mit den „Irokesischen Gens“. Von der damaligen Sozialstruktur der Irokesen-Föderation war Engels fasziniert, da bei ihnen…

  • Frauen und Männer gleichermaßen ihre Vertreter wählten, Entscheidungen wurden einstimmig gefällt
  • nur wenige, unbedeutende Faktoren des Alltagslebens in Privatbesitz waren (z.B. die Wirtschaftsgärten), überwiegend vorherrschend war der Gemeinbesitz
  • keinen Staat gab, sie lebten „…ohne Soldaten, Gendarmen oder Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter; ohne Gefängnis, ohne Prozesse … Arme und Bedürftige kann es nicht geben – die kommunistische Haushaltung und die Gens kennen ihre Verpflichtungen gegen Alte, Kranke und im Kriege Gelähmte. Alle sind frei und gleich – auch die Weiber“ (Engels, 1960, S. 231/232, a.a.O.).

Engels erkannte allerdings auch kritische Aspekte der Irokesen-Gesellschaft, so ihre Aggressivität und Grausamkeit nach Außen, die Blutrache, sowie die „äußerst unentwickelte Produktion“, - eine „Organisation, dem Untergang geweiht“ (Engels,1960, S. 233, a.a.O.). 

Der Irokesen-Föderation wurde 1794 in einem Vertrag zugesichert, die Unabhängigkeit und Selbständigkeit „… solange das Gras wächst und die Flüsse fließen“ zu erhalten (Jeier, S. 86, a.a.O.).

Zur Zeit George Catlins (1796 - 1872) waren die Irokesen „… fast ganz vertilgt“ (Catlin, Bd. II, S. 66, a.a.O.), z.T. durch Kriege, durch Krankheiten, Vertreibungen und Alkohol.

Die Zeitung „Awksesasne Notes“, 1968 von u.a. dem Mohawk Ernest Benedict (*1918) gegründet und v.a. von Irokesen der Mohawks getragen, entwickelte sich zu einem „panindianisches Sprachrohr“ (Jeier, S. 233, a.a.O.), und kämpfte für die gemeinsamen Interessen der Indianer in den USA, Kanada und auch Lateinamerika. 

Heute leben Irokesen v.a. in Kanada, Wisconsin und Oklahoma.

 

 

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