Kumbh Mela - Beginn der glückverheißenden Badetage im Ganges in Allahabad (und anderen Orten) im Rahmen des hinduistisches Festes Magh Mela.  

Die Kumbh Mela ( = „Henkeltopf – Fest“), eines der größten Feste der ganzen Welt mit jeweils vielen Millionen Pilgern. 

Das Fest findet abwechselnd in vier verschiedenen als heilig angesehenen indischen Städten statt, in Allahabad/Prayag, Nasik, Ujjain, und Haridwar (wo der Ganges aus dem Himalaya kommt der Gott Shiwa soll dort seinen Fuß auf die Erde gesetzt haben und einen Fußabdruck hinterlassen haben). In diesen Städten sollen aus einem Henkeltopf göttliche Nektartropfen auf die Erde gefallen sein.

Hunderttausende von Sadhus kommen zu Kumbh Mela zusammen, zudem Millionen Gläubige, die ein rituelles Bad im Ganges nehmen; es soll Sündenvergebung sowie einen Abbruch des ewigen Kreislaufes der Wiedergeburten bewirken. Abends wird von den Pilgern eine malerische Feuerzeremonie vollzogen, sie lassen brennende Lichter auf kleinen Schiffchen den Ganges herab schwimmen (vgl. ð Tanabata, ðNepomuk)  

Die Sadhus, hinduistische Heilige leben (theoretisch) eigentumslos, reiben sich mit Asche ein (um sich an die Vergänglichkeit zu gemahnen); sie rauchen oft rituell Haschisch, um in Verzückung zu geraten; sie unterziehen sich häufig den verschiedensten Kasteiungen (z.B. jahrelang den rechten Arm hoch zu halten)

Zum Kumbh Mela reiben sich viele Sadhus mit Kuhdung ein, sie glauben dadurch in einen heiligen Zustand versetzt zu werden.  Eine Spende an die Sadhus ist ein religiöser, Segen bringender Akt.

Das Fest findet immer mit starker Polizeipräsenz statt, immer wieder kam es zu panischen Konflikten mit z.T. Hunderten von Toten. In Vikram Seths Roman „Eine gute Partie“ wird ein Kumbh Mela zu Beginn der fünfziger Jahre des 20. Jhdts. beschrieben.  

 

Die kleineren Magh Mela finden alljährlich im Allahabad statt. Die besonders glückverheißenden Badetermine im Wasser des Ganges werden astrologisch jeweils neu bestimmt.

Im Jahre 2012 gelten folgende Badetage in Allahabad als besonders glücksverheißend: 9. Januar, 14. Januar, 28. Januar, 7. Februar und 20. Februar.

 

(veränderlich nach dem hinduistischen Lunisolarkalender; Kumbh Mela wird im 12-Jahres-Rhythmus Kumbh Mela  in derselben Stadt gefeiert, alle drei Jahre abwechselnd.in den Städten Nasik/Maharashtra, 2007 und 2019; in Ujjain/Madha Pradesh  5.4.-5.5.2004 und 2016; in Haridwar (am Ganges) 1998 und 2010; in Allahabad/Prayag 9.1.-21.2.2001 und 2013 und am 4. Februar 2019; die jeweils dazwischen gefeierten Ardha ( = halbe) Mela sind in Nasik /auch: Nashik)  2013, in Ujjain 2010, in Haridwar 18.2.-13.4.2004 und in Allahabad/Prayag im Januar 2007; jedes Jahr findet in Allahabad eine kleinere „Magh Mela“ statt. Die nächsten Magh Mela finden statt am 14. Januar 2021 in Allahabad  und in Ujjain im Jahre 2022, sowie in Haridwar ebenfalls im Jahre 2022)

 

 © Christian Meyer

 

23. Mai:  Welt-Schildkrötentag

 

Die zoologische Ordnung der Schildkröten (zool. Testudinata, Testudines, von lat. „testudo“ „Schildkröte“; früher auch Chelonia vom gr. χελώνιον „Schildkrötenschale“) sind eine Reptilienordnung mit ca. 340 wechselwarmen Arten und kurzem und breitem Körper, der von einem flachen oder gewölbten Schild bedeckt ist. Sie haben zahnlose Kiefer und legen die Eier auf dem Land ab. Sie sind weltweit verbreitet, auf dem Land, im Wasser und in den Ozeanen, außer den Polarregionen. Es gibt fleisch- und pflanzenfressende Arten.

 

Im Trias (vor ca. 225 – 195  Mio. Jahren) traten erstmals die echten Schildkröten (Chelonia) als eine wichtige Reptiliengruppe auf.  Im Perm (der letzten Periode des Archaikums, vor ca. 280 Mio. Jahren) gab es vielleicht Vorformen der Schildkröten (vgl. Špinow, S. 32, a.a.O.) .

In den kretazischen (kreidezeitlichen) Meeren Nordamerikas lebten vor ca. 72 Mio. Jahren große, bis zu 4m lange Schildkröten, Archelon ischyros, die größte bisher entdeckte Schildkröte. Sie waren weitgehend an das Leben im Wasser angepasst: die Panzer waren reduziert, da so Gewicht gespart wurde. Ihre Füße waren – wie bei den heutigen Meeresschildkröten – zu paddelförmigen Extremitäten umgestaltet und verbreitert, die Finger durch Hautgewebe verbunden.

 

Im Mesozoikum (Erdmittelalter) waren die Reptilien die erfolgreichste Gruppe der Landwirbeltiere. Die meisten Arten der Reptilien starben anschließend aus, vermutlich durch den Einschlag eines Asteroiden. Das Ende des Mesozoikums  überlebten nur vier Ordnungen der Reptilien …

  • die Krokodile (zool. crocodilia)
  • die Schuppensaurier (zool. squamata), die Schlangen, Eidechsen etc.
  • die Schildkröten (zool. chelonia), und
  • die Brückenechsen (zool. rhynchocephalia „Schnabelköpfe“), mit einer einzigen rezenten Art (Sphenodon punctatus), ein neuseeländisches „lebendes Fossil“ (vgl. Špinow, S. 223, a.a.O.) .

Die Schildkröten haben sich seit dem Trias nur sehr wenig verändert und überlebten erdgeschichtliche Umbrüche und blieben bis in die jüngste Gegenwart ebenso zahlreich wie in der Vergangenheit.

Die Schildkröten werden als „bizarres Überbleibsel primitivster Reptilien“ angesehen (vgl. Špinow, S. 96, a.a.O.) angesehen, die ursprünglich ausschließlich festländisch lebten, also terrestrische Tiere waren.

 

 

Heute gibt es weltweit ca. 340 verschiedene Schildkröten-Spezies, die meisten leben im Süßwasser. Sieben Arten leben im Meer, Meeresschildkröten sind aktuell vom Aussterben bedroht. 

Heutige Meeresschildkröten leben in tropischen und subtropischen Meeren. Die Weibchen werden mit frühestens 20 Jahren fortpflanzungsreif. Die Weibchen aller sieben Arten sind ortstreu, sie kommen zur Paarung und zur Eiablage an an den Strand, an dem sie selbst geschlüpft sind. Dazu schwimmen sie z.T. tausende von Kilometern durch den Ozean.

Bis heute ist es unklar, wie die Weibchen zu dem Strand ihrer Geburt zurückfinden. Vermutet wird, die Schildkröten verfügten (wie z.B. bei Rotlachsen oder einigen Zugvögelarten nachgewiesen) über ein Sinnesorgan zur Wahrnehmung des Erdmagnetismus. Dann könnte ein Art geomagnetische Prägung vorliegen, ein Lernvorgang der „magnetischen Signatur“ der Inklination der Feldlinien, der sie mit Hilfe einer Magnetfeld-Landkarte auch viele Jahre später immer wieder zum Strand ihrer Geburt zurückfinden lässt (vgl. Wiltschko, a.a.O.).  

Mit welchen Organen ggf. die Tiere das Magnetfeld der Erde wahrnehmen, ist unklar.

Die Männchen sind weniger ortstreu, so dass langfristige Inzucht verhindert wird. Der biologische Vorteil der Ortstreue liegt darin, dass – wie Forscher des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung 2013 feststellten – die Weibchen in bestimmten Gengruppen Abwehrkräfte genau gegen die Krankheiten und Parasiten vererben, die auf der jeweiligen Brutinsel auf den Nachwuchs warten.

Im Sand am Strand werden die Eier in einem selbstgegrabenen Loch abgelegt und von der Sonnenwärme ausgebrütet. 

Seit Jahrtausenden vermutlich ist der Moment des Schlüpfens im Sand und der Weg ins rettende Meer ein Massaker unter den Baby-Schildkröten: denn die nur handtellergroßen Tiere werden zum großen Teil von Vögeln und anderen Freßfeinden verzehrt, wie es z.B. schon der italienische sensationsheischend-voyeuristische Film „Mondo Cane“ aus dem Jahre 1962 zeigte.  

Im Durchschnitt erreicht nur einer von 1.000 „Schlüpflingen“ der Unechten Karettschildkröte (zool. Caretta caretta) das fortpflanzungsfähige Erwachsenenalter.

 

Ein Grund für die Faszination von Schildkröten ist, dass sie ein sehr hohes Alter erreichen können. Das Geburtsjahr einer Galápagos-Riesenschildkröte namens Harriet (sie lebte jahrelang im Australia Zoo/Queensland) lebte und 2006 verstarb, wurde auf 1830 geschätzt. Damit wäre sie mindestens 176 Jahre alt geworden. Meeresschildkröten können wahrscheinlich 75 Jahre oder mehr leben. werden  Als Haustier gehaltene Schmuckschildkröten können nachweislich bei guter Pflege 40 Jahre oder älter werden.

Die schwerste jemals gemessene Schildkröte wog 916 kg, eine Lederschildkröte.  

Da die Haut der Schildkröten – wie die aller Reptilien – im Laufe des Lebens nicht mitwächst, müssen sie sich Häuten. In Aquarien werden die Schildkrötenpanzer im Frühjahr mit Bürsten gereinigt: „Mit leichtem Schrubben der Schildkrötenpanzer unterstützen wir die Häutung. Das ist wie eine Massage für die Tiere“ (vgl. Tagesspiegel, 15. Mai 2019, S. 28).

 

Zu den Besonderheiten einiger Schildkröten gehören…

  • die Fähigkeit sehr lange Zeit ohne Nahrung und Wasser aus zu kommen
  • die Fähigkeit von Weibchen  manchen Arten, die Samen mehrerer Männchen zu speichern und ihre Einer damit erst lange nach der Paarung zu befruchten.

Als die im Indischen Ozean (ca. 500 km östlich von Madagaskar) gelegenen Maskarenen-Inseln  im Jahr 1512 vom portugiesischen Seefahrer Pedro Mascarenhas entdeckt wurden, lebten auf Réunion, Mauritius und Rodrigues Tausende Exemplare der Landschildkröten-Gattung Cylindraspis. Die Panzer der fünf Arten waren teilweise zurückgebildet, sie waren überflüssig, da die Schildkröten keine natürlichen Feinde auf den Inseln hatten. Durch die Verfolgung der eingewanderten Menschen (oder durch eingeschleppte Ratten oder Raubtiere) wurde die Gattung rasch ausgerottet und ist seit der Mitte des 19. Jhdts. ausgestorben. Den Dodo überlebten die Schildkröten immerhin ca. 200 Jahre (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).  

 

Durch die Untersuchung mitochondrialer DNA-Sequenzen aus erhalten gebliebenen Resten von Maskarenen-Riesenschildkröten konnte nun in der „Scientific Reports“  deren abenteuerliche Geschichte näher geklärt werden.

Die Maskarenen-Inseln liegen auf dem Réunion-Hotspot, der immer wieder neue Vulkaninseln im Indischen Ozean entstehen (und vergehen) lässt. Vor ca. 40 Mio. Jahren dürfte nach den genetischen Berechnungen eine weibliche, befruchtete Cylindraspis von Afrika (oder Madagaskar oder Asien) zu einer dieser Inseln geschwemmt worden sein. Sie wurde (vermutlich) zur Urmutter aller Maskarenen-Riesenschildkröten, einer Population mit eigenständiger Evolution, die auch den Untergang der ursprünglichen Vulkaninsel durch Übergang auf die neu entstandenen Inseln überlebte.  Vor ca. 10. Mio. Jahren entstanden dann die heutigen Maskarenen, besiedelt von u.a. den Cylindraspis – bis die Menschen kamen (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).      

 

Dagegen überlebten Riesenschildkröten (Aldabrachelys gigantea, Syn.: Dipsochelys) auf den Seychellen und insbesondere auf Aldabra, dem größten Atoll im Indischen Ozean. Politisch gehört Aldabra zu den Seychellen, liegt nördlich von Madagaskar und ist bis auf eine Ranger-Gruppe unbewohnt. Das Atoll steht unter strengem Schutz und konnte seine ursprüngliche Flora und Fauna weitgehend erhalten. 1982 wurde Aldabra von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.

Die Seychellen-Riesenschildkröten  sind eine Gattung der der Landschildkröten und erreichen bis zu 1,2 m Länge und ein Gewicht von bis zu 250 kg. Sie sind die einzigen Riesenschildkröten weltweit, deren Bestand momentan nicht gefährdet ist. In der Population sind ca. 100.000 Tiere vorhanden.  

Im Jahre 2004 gelangte eine Aldabra-Schildkröte an die Küste von Tansania: das Tier war zwar abgemagert, aber gesund; es war die ca. 2000 km von den Seychellen nach Ostafrika getrieben/geschwemmt, vermutlich mehrere Monate lang (vgl. Tagesspiegel, 1. Januar 2020). 

 

Eine besondere, auffällige Jagdmethode zeichnet die bestandsgefährdete Geierschildkröte (Macrochelys temminckii; auch: Alligatorschildkröte) aus, denn sie „angelt“ ihre Beute. Diese bis zu 75cm große nordamerikanische Süßwasserschildkröte hat einen während der Jagd auffällig rosaroten Zungenfortsatz. Die Schilkröte ruht lauernd im Schlamm auf dem Boden des Gewässers, öffnet das Maul und bewegt den Zungenfortsatz. Vorbei schwimmende Fische halten den Zungenfortsatz für einen Wurm, schnappen nach ihm – und werden von den scharfen Kiefern der Schildkröte gefangen (vgl. Abbn. dazu unten).

 

Aussterben dürfte vermutlich bald die Yangtse-Riesenweichschildkröte, die größte Süßwasserschildkröte der Welt. Das letzte Weibchen der Art starb in einem chinesischen Zoo – bei einem Besamungsversuch. Weltweit gibt es nun nur noch drei bekannte Exemplare, - drei Männchen, eines in einem chinesischen Zoo und zwei in vietnamesischen Seen (vgl. Berliner Zeitung, 16. Arpil 2019, S. 26). 

 

In vielen Mythen weltweit spielen Schildkröten eine kosmophorische Rolle und sind – wohl ihrer Langlebigkeit wegen – ein Symbol für die Unsterblichkeit.

Vishnu, ein indischer Schöpfergott, erscheint als Schildkröte im Urmeer schwimmend, die Welt auf seiner Panzerschale tragend.

Viele Buddhisten glauben, dass in jeder Schildkröte menschliche Seelen auf der Seekenwanderung verweilen, auf dem Weg ins Nirvana.

Im antiken Griechenland wurde der Mythos von Chelone (Χελώνη gr.  Schildkröte) tradiert. Anlässlich der Hochzeit des Zeus und der Hera wurden alle Götter, Menschen und Tiere durch den Götterboten Hermes eingeladen. Die junge Chelone jedoch blieb als einzige zu Hause, aus Verachtung vor der Götterhochzeit. Hermes, der ihr Fehlen bemerkt, stieg er zur Erde hinab, warf Chelone mitsamt ihrem Haus in einen Fluss und verwandelte sie in eine Schildkröte. Sie muß deshalb ihr Haus fortwährend auf dem Rücken tragen.

 

Die heute vielleicht bekannteste Schildkröte ist Kassiopeia und spielt in MOMO, ein 1973 erschienener Roman von Michael Ende eine wichtige Rolle, denn sie unterstützt Momo in ihrem Kampf gegen die die Menschen um die Zeit betrügenden „grauen Herren“.

 

In einem (vielgestaltig überlieferten) Mythos der Irokesen [1] (ursprünglich im nordwestlichen Waldland des heutigen Staates New York und in Ontario) wurde die Großmutter der Menschen (die „Himmelsfrau“) schwanger, von ihrem Mann (dem Mond?) aus Eifersucht vom Himmel herab ins Meer gestürzt– Land gab es damals noch nicht. Die Schildkröte nahm die Großmutter auf ihrem Rücken auf, den die Bisamratte mit Schlick bedeckte, den sie vom Grund des Meeres emporholte. So wurde langsam auf dem Rücken der Schildkröte die erste Insel geformt, aus der schließlich das gesamte Land entstand.  

Auch die Entstehung der Menschen hing für die Irokesen in zwiefacher Hinsicht mit der Schildkröte zusammen. Die Tochter der Großmutter (gezeugt von der Schildkröte) wurde wundersam geschwängert (vom Westwind, einem jungen Mann??) und gebar antagonistische Zwillingshelden, die Schöpfer des Guten, Iosheka, und des Bösen, Tawiscara (vgl. Guirand, S. 522, a.a.O.). Der gute Heros Iosheka (i.e. „der Helle“) stürzte nach seiner Geburt in einen See, direkt vor der Hütte einer Schildkröte. Von dieser erhielt er u.a. Pfeil und Bogen, zwei Maiskolben, sowie reife Körner, um sie zu pflanzen (vgl. Chevalier, S. 957, a.a.O.).  

Der böse Zwillingsheros Tawiscara (i.e. „der Dunkle“)  tötete seine Mutter bei der Geburt, er versuchte alle guten Gaben seines Bruders zu schädigen.

Nach einer anderen Fassung der Legende wuchsen aus dem Grabe der Mutter eine Tabakspflanze, ein Bohnenbusch. eine Mais- und eine Kürbispflanze (vgl. Graymont, S. 17, a.a.O.). Die Irokesen waren ursprünglich Jäger und Sammler, gingen aber bereits vor der Ankunft der Europäer zum Feldbau über.

Für einige Gruppen (Phratrien, Clans, Gentes [2]) der Irokesen war die Schildkröte ein Totem-Tier [3] , das weder gejagt noch gegessen werden durfte (vgl. Findeisen, S. 50, a.a.O.).

Diese totemistische Tradition wird auch in dem lesenswerten Kinderbuch „Blauvogel“ von Anna Jürgen erwähnt (vgl. a.a.O.).

Auch trug in dem „Blauvogel“ der Tomahawk eines Mannes der „Schildkrötenfamilie“ am Griff „… in roter Farbe das Bild einer Schildkröte: ein ovales Rund mit sechs Punkten am Rand für die Beine, den Kopf und den Schwanz“ (Jürgen, S. 9, a.a.O.).

Der US-amerikanische (evolutionistische) Ethnologe Lewis Henry Morgan (1818 - 1881) führte in seiner Schrift „Ancient society“ (erschienen 1877) für den Irokesenstamm der Seneca acht nach Tieren benannte Gentes an: 1. Wolf 2. Bär, 3. Schildkröte, 4. Biber, 5. Hirsch, 6. Schnepfe, 7. Reiher und 8. Falke (vgl. Morgan, S. 90, a.a.O.). Morgan führte zu den Irokesischen Gentes aus: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, obwohl nie formuliert, waren die Grundprinzipien der Gens“ (Morgan, zit. n. Engels, 1960, S. 225, a.a.O.).  

Auch wurden damals die Angehörigen der jeweiligen Gentes getrennt begraben, zusätzlich noch nach Frauen und Männern getrennt (Morgan, S. 104, a.a.O.).

Besonders auffällig war die matrilineare gesellschaftliche Organisationsform der Irokesen, die sich zu einer 5- bzw. 6-Nationen-Föderation zusammengeschlossen hatten und  Elemente einer egalitären Konsensdemokratie (vgl. Thomas Wagner, a.a.O.) aufwies [4]. Die Stammesföderation hatte eine matrilineare Sozialstruktur und differenzierte Beratungs- und Entscheidungsgremien, von denen Elemente in die US-Verfassung eingegangen sein sollen. 

 

In dem 1566 verfassten „Bericht aus Yucatán“ des franziskanischen Missionars und Bischofs Diego de Landa beschrieb dieser „…staunenerregend große Schildkröten“, von denen „… einige … weitaus größer (sind) als mächtige Rundschilde; sie sind schmackhaft und haben überaus viel Fleisch; die Eier, die sie legen, sind so groß wie Hühnereier, und sie legen hundertfünfzig oder zweihundert, wofür sie in Sand, außerhalb des Wassers, ein großes Loch schaufeln; danach decken sie die Eier mit Sand zu, und dort schlüpfen die kleinen Schildkröten aus. An Land, in den trockenen Waldgebieten und in den Lagunen gibt es verschiedene andere Schildkrötenarten“ (de Landa, S. 159, a.a.O.).    

 

Die pazifischen Galapagos – Inseln verdanken ihren Namen den Schildkröten (vgl. Neef, S. 368, a.a.O.)., span. „galapagos“ = „Waserschildkröten“.

Die Lage des vulkanischen Archipels – ca. 1000 km vom Festland entfernt -  wurde von den Spaniern lange geheim gehalten. William Dampier (1651 - 1715), der britische Freibeuter, Weltumsegler und Naturforscher, besuchte im Juli 1684 die Galapagos-Inseln. In dieser Zeit waren die Inseln zum Rückzugsort für Piraten geworden, die dort ihre Schätze versteckten.

Dampier beschrieb die Fauna und Flora des Archipels. Insbesondere sprach es von den damals noch zahlreichen bis zu 350 kg schweren Riesenschildkröten: sie seien so köstlich, „… daß kein jung Huhn besser schmecken kann“ (Dampier, zit. n. Glaubrecht, a.a.O.). Er führte an, dass er an einer Bucht über 3000 der Tiere zählen konnte. Die Seefahrer pflegten damals auf den Inseln  Schildkröten als lebende Konserven in die Vorratsräume zu laden, 

 

Darwin erreichte im September 1835 die Galapagos-Inseln. Der damalige Gouverneur der Inseln, Nicholas Lawson, erzählte Darwin, dass er schon an der Form der „Panzer“ erkennen können, von welcher der Inseln des Archipels die entsprechende Schildkröte stamme.

Charles Darwin beschreibt in seinem Reisetagebuch plastisch, wie die Schildkröten auf dem Archipel durch die Menschen dezimiert wurden. Auch Darwin lebte auf den Inseln überwiegend von Schildkrötenfleisch, fand es aber nur mäßig (vgl. Darwin).    

Jahrhundertlang, zumindest bis ins 17. Jhdt. gingen Schiffsärzte davon aus, dass die Skorbut eine Folge des Fleischmangels an Bord sei. Das Vitamin C wurde erst 1928 entdeckt. 

Da Schildkröten sehr lange ohne Essen und Trinken auskommen, man zudem glaubte, sie empfänden keine Schmerzen, weil sie keine Laute von sich geben, wurden viele der Tiere  im Schiff  tierquälerisch unter Deck zusammengepfercht. Durch die Seefahrer wurden die Schildkröten der Seychellen- und Galapagos-Inseln fast vollständig ausgerottet.

 

Auch die „Beagle“ führte bei der Abfahrt 30 der Schildkröten mit sich, die allesamt im weiteren Verlauf der Reise verspeist wurden, auch von Darwin selbst.

Erst viele Jahre später, zurück in England, erkannte Darwin, dass die Schildkröten – als Beleg für die Veränderlichkeit der Arten - vielleicht die bedeutsamsten Fundstücke der Inseln gewesen wären. 

Seit 1959 sind die zu Ekuador gehörenden Inseln größtenteils ein Naturpark, aber völlig überlaufen und ökologisch gefährdet: Im Jahre 2018 besuchten ca. 275 000 Menschen die Inseln. Allerdings wird das Geld der Touristen z.T. für den Naturschutz verwendet.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte im Februar 2019 im Rahmen eines Staatsbsuchs auch die Galapsgos-Inseln. In der Schildkröten-Aufzuchtstation Santa Cruz – die seit 1964 von der Charles-Darwin-Stiftung betrieben wird - übernahm er die Patenschaft für eine junge Meeresschildkröte, Alejandra. In drei Jahren soll sie ausgewildert werden, denn Schildkröten sind auf den Inseln gefährdet, nicht nur durch Plastikmüll. Bei einer Aktion au den Küsten des Archipels wurden 22 t vorwiegend angeschwemmter Plastikmüll auch durch Sieben des Sandes eingesammelt (vgl. „Tagesspiegel“, 16. Februar 2019, S. 3). Und dabei gibt es seit einem 2014 eingeführten Plastiktütenverbot praktisch keine Plastiktüten mehr auf den Inseln, zudem wurde ein erfolgreiches Bildungs-, Mülltrennungs- und Recyclingprogramm u.a. von WWW initiiert.  

 

Das Schlüpfen der Schildkröten ist heute auf Heron Island für Reisende die Hauptattraktion. Die kleine Insel im Nordosten Australiens wurde 1843 entdeckt und nach den dort beobachteten Reihern (engl. heron) benannt.

1925 wurde auf der Insel eine Abfüllanlage für Schildkrötensuppe errichtet, die sich jedoch nach schon 2 Jahren nicht mehr rentierte, da die zuvor zahlreichen Tiere, die Grüne Meeresschildkröte und die Karettschildkröte rasch dezimiert wurden. In den Gebäuden der ehemaligen Fabrik wurde dann 1932 das erste touristische Ressort im Großen Barriere-Riff eingerichtet, 1943 wurde Heron Island zum Nationalpark. Heute darf in ihm nichts eingeschleppt, mitgenommen, verändert werden, in das Ökosystem der Insel darf nicht eingegriffen werden (vgl. Bisping, a.a.O.).

Ca. 4000 Schildkröten leben permanent um Heron Island, zudem ca. 200 000 Vögel. Zwischen Oktober und März kommen die weiblichen Schildkröten jeweils 4 – 5 Mal zur Eiablage an Land. 8 Wochen später, also zwischen Dezember und Mai schlüpfen nachts die jungen Schildkröten, kriechen aus ihren Nesthügeln, krabbeln vom Mondlicht geleitet dem rettenden Meer entgegen. Auch hier werden die allermeisten Baby-Schildkröten Opfer ihrer vielen Fressfeinde.   

 

Ästivation (vom lat. aestes Sommer, Hitze) bezeichnet die Strategie mancher Tiere, hohen Temperaturen und starker Trockenheit auszuweichen, indem sie die Sommermonate weitgehend verschlafen. Solche Sommerruhe kommt bei einigen Insekten vor, aber auch bei einigen Reptilien, wie der Ägyptischen oder Tunesischen Landschildkröte (vgl. Vaas, S. 18, a.a.O.).

 

Schon seit ca. 120 bis 150 Mio. Jahren leben Meeresschildkröten auf dem Planeten Erde, Gefahren drohen Schildkröten heute v.a. durch den Menschen. Seit Jahrzehnten gehen die Schildkröten-Populationen zu Lande und zu Wasser dramatisch zurück, viele sind akut vom Aussterben bedroht. Allein in Chinas Garküchen werden alljährlich um die 20 Millionen Schildkröten zu Suppe verkocht.

Gefährdet sind die Meeresschildkröten besonders durch den Menschen:

Ø  als Beifang der Fischer: „Einige Hunderttausend Schildkröten verenden pro Jahr an Haken der oft über 100 Kilometer langen Leinen. Andere werden in Fisch- oder Shrimpsnetzen gefangen“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch das Fangen bei der Eiablage und das Sammeln der Eier, was nicht nur an der mesoameikanischen Pazifikküste bis heute weit verbreitet ist. Schildkrötenarten landen noch immer hunderttausendfach im Kochtopf (vgl. Greenpeace-Magazin, 2/04). 

Ø  durch den Verlust von Lebensräumen, z.B. dem Bau von Hotels an Eiablagestränden: „Hell erleuchtete Hotels an Stränden etwa halten die Schildkröten-Weibchen vom Eierlegen ab und irritieren die frisch geschlüpften Babys, so dass sie den Weg zum lebenswichtigen Meer nicht finden“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch den Klimawandel (vgl. Tag der Umwelt) können Brutgebiete (ansteigender Meeresspiegel,  vgl. Tag des Meeres, Sturmfluten) überschwemmt oder vernichtet werden. Höhere Temperaturen des Sandes am Strand führen dazu, dass sich aus den abgelegten Eiern mehr Weibchen entwickeln: Die Folgen dieser Veränderung im Quantitativen Geschlechterverhältnis sind unklar. Zudem sterben viele Eier bei zu hohen Temperaturen ab- So wurden z.B. in Malaysia an einem Schildkrötenstrand Kokospalmen gefällt, ohne Schatten wurde es den Eiern zu heiß.

Ø  durch die Vermüllung der Meere: Bei einer wachsenden Zahl von Meeresschildkröten findet man Plastikstücke im Magen, durch die die Tiere sterben können (vgl. Tag des Meeres & Tag der Umwelt). Treibende Plastiktüten ähneln Quallen und Meeresschildkröten lieben Quallen. Wenn eines der Tiere ein Plastikobjekt frisst, kann das Material ihren Magen verstopfen, was es dann daran hindert, echte Nahrung herunter zu schlucken. „Manche der Reptilien bekommen eine ‚bubble butt‘ (engl. ‚Blasenhintern‘, C.M.), einen derart aufgeblähten Bauch von den Gasen, die bei der Plastikzersetzung frei werden, dass die Tiere nur an der Oberfläche treiben, aber nicht mehr abtauchen können. Die Folge: Die Schildkröten verhungern oder werden von Freßfeinden erbeutet“ (Bisping, S. 13, a.a.O.), z.B. Haien. Australische Forscher stellten bei der Untersuchung von 250 toten Meeresschildkröten fest, dass ….

       - jedes zweite Jungtier Plastikobjekte im Magen-Darmtrakt hatte

          - bei jugendlichen und ausgewachsenen Schildkröten es „nur“ jedes sechste Tier war

      - sich bei Schlüpflingen kein Plastik im Magen fand.

Jüngere Schildkröten – erklären die Forscher – scheinen eher dort zu fressen, wo sich mehr Plastik im Meer befindet – nahe den Küsten (vgl. „Tagesspiegel“, 18. September 2018, S. 25 und Abb. unten)     

 

Immer wieder sterben Meeresschildkröten durch gefressenen Plastikmüll oder verheddern sich in treibendem Müll. Forscher gingen davon aus, die Schildkröten verwechselten z.B. treibende Plastiktüten mit Quallen.

Eine Forschergruppe um Joseph B. Pfaller (Universität von Florida) beschäftigte sich mit dem Verhalten der Meeresschildkröten dem Plastikmüll gegenüber.

Sie vermutete, dass die Schildkröten nicht nur vom Aussehen, sondern auch von dem Geruch des Plastkmülls angelockt würden (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Auf dem Plastikmüll siedeln sich im Meer jedoch rasch allerlei Mikroorganismen, Algen, Pflanzen und andere Lebewesen an.     

In einem Geruchsexperiment mit Unechten Karettschildkröten reagierten diese auf Futtergerüche (Fisch, Garnelen) genauso intensiv wie auf den Geruch von Plastik mit Ablagerungen (vgl. „Tagesspiegel“, 10. März 2020, S. 16).

Auf den Geruch von sauberem Plastik reagierten sie hingegen gar nicht mit Suchverhalten. Beim partiellen Absterben des Belags entsteht ein nahrungsähnlicher Geruch („Bio-fouling“), der die Tiere anlockt. Auch ist der Belag durchaus nahrhaft, wird allerdings oft zu einer tödlichen Falle (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Unklar ist jedoch noch, welche chemischen Verbindungen von besiedeltem Plastik die Schildkröten anlocken.     

 

Eine Studie aus dem Jahre 2017 (von der Aristoteles Universität Thessaloniki) zu den Populationen von 7 Arten der Meeresschildkröten belegte eine leichte Erholung einiger der 299 Populationen weltweit: Bei 95 von ihnen stieg die Zahl der Schildkröten deutlich an, bei 35 Populationen sank sie deutlich ab. Bei den restlichen blieb sie in etwa gleich (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

  

Günstig auf die Schildkrötenpopulation wirkt der aktive Schutz der Brutgebiete und der Eiablagen, so z.B. in dem 25 km langen Schutzreservat Ras al-Dschinz in Oman, wo nun auch geführte Öko-Touristen vor allem von Juni bis zum November die Eiablage der Grünen Meeresschildkröte erleben können.

Schon 1983 wurde Archelon, ein Verein zum Schutz der Schildkröten in Griechenland (mit Sitz in Glyfada bei Athen) gegründet. Er kümmert sich seither um u.a. den Schutz der Nester der Unechten Karettschildkröte in Zakynthos, auf Kreta und dem Peleponnes.

Dennoch stehen sechs der sieben Meeresschildkrötenarten als gefährdet, sehr gefährdet oder vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature, Weltnaturschutz –Union, (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

 

Weltweit gibt es unterdessen mehrere Institutionen, die sich um verletzte und erkrankte Schildkröten bemühen.

So z.B. das „Ontario Turtle Conservation Centre“ in Kanada, das jährlich Hunderte bei Unfällen verletzte Schildkröten rettet. Vor allem geht es darum, durch Autounfälle verletzte Panzer wieder zusammen zu fügen; oftmals sind es allein dort mehr als 20 Operationen täglich. Es handelt sich dabei um in Ontario heimische Arten, die auf der „Roten Liste“ als zumindest gefährdet stehen (vgl. „Tagesspiegel“, 14. 10 2017).

Schon 1986 wurde das „Turtle Hospital“ in Marathon/Florida gegründet, das bislang einige Tausend verletzte Schildkröten rettete und wieder ins Meer entließ.   

In der nicht-profitorientierten Tierrettungsstation „Carolina Waterfowl Rescue“(CWR) in Nord-Carolina werden jährlich hunderte von verletzten Schildkröten behandelt, v.a. Weibchen, die zur Eiablage an Lande gekommen sind: Viele werden von Autos angefahren, von Rasenmähern verletzt oder von Hunden gebissen.

Verletzungen am Panzer der Schildkröten müssen wieder zusammenwachsen, wie gebrochene Knochen. Dabei haben sich gespendete BH-Verschlüsse als Hilfe bewährt. Sie wurden an die Bruchstelle geklebt und dann mit Drähten so verbunden, dass der Riss zusammengehalten wird. Der Heilungsprozess kann Monate dauern, aber 70 % der dortigen Schildkröten-Patientinnen können durchschnittlich als geheilt wieder in die Freiheit entlassen werden.

 

 

Bei Schildkröten dauert es lange Jahre bis die Tiere geschlechtsreif sind. Die Weibchen legen zwar jedes Jahr viele Eier, ältere Schnappschildkröten bis zu 60 Stück. Aber weniger als ein Prozent der Eier führt zu einer erwachsenen Schildkröte. Es dauert rund 20 Jahre, bis eine Schildkröte selbst Eier legt. Besonders lang ist der Zyklus bei den Schnappschildkröten (Chelydra serpentina), die aus Nordamerika stammen und in Süßwasserseen und Flüssen leben: Ca. 1500 Eier und 59 Jahre werden benötigt,  um eine weibliche Schnappschildkröte in der Natur zu ersetzen.

 

 Der 23. Mai wurde als Weltschildkrötentag im Jahre 2000 von der „American Tortoise Rescue“ eingeführt und 2002 von der „Humane Society of the United States“ (HSUS, vgl. http://www.hsus.org/) übernommen und popularisiert. Ziel ist es, auf die Gefährdung der Schildkröten hinzuweisen und geeignete Aktionen zu ihrem Schutz zu initiieren.

 

Wie australische und US-Forscher jüngst feststellten, bedroht der globale Klimawandel die Existenz einer der größten Kolonien von Meeresschildkröten im nördlichen Great-Barriere-Riff: Da der Sand, in dem die Schildkröten ihre Eier vergraben, wärmer geworden ist, schlüpfen dort zu 99,1% nur noch weibliche Jungtiere (vgl. „Stern“, 18. Januar 2018, S. 20).

 

Meeresschildkröten sind – betonen Ökologen – ein guter Bioindikator für die Güte der jeweiligen Umwelt und die Biodiversität, - wenn die Umweltbedingungen sich verschlechtern, verschwinden sie. Zudem ernähren sie sich u.a. von Quallen, deren Gift z.T. auch tödlich für Menschen ist (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

  

Besonders aktiv beim Schutz der Meeresschildkröten ist auch das Fischerdorf Ebodjè in Kamerun. Das Dorf hat knapp 1000 Einwohner, liegt am Atlantik, im Süden Kameruns, ca. 40 km von der Grenze zu Äquatorial-Guinea. Die Bewohner gehören überwiegend zu dem kleinen Volk der Yasa, deren Sprache zu den südlichen Bantusprachen gehört und in Kamerun, Äquatorial-Guinea und Gabun gesprochen wird. Es gibt ca. 2400 Yasa-Sprecher. 

An dem kilometerlangen Strand von Ebodjé kommen 4 der 5 im Golf von Guinea lebenden Meeresschildkröten zur Eiablage:

  • die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea; frz. tortue luth; Vandelli, 1761): Sie ist die größte aller Meeresschildkröten; das größte bei der Eibalage in Ebodijé beobachtete Exemplar hatte eine Breite von ca. 2,1 m und eine Länge von ca. 2,4 m.  
  • die Oliv-Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea; frz. tortue olivâtre; Eschscholtz, 1829) 
  • die Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata; frz. tortue imbriquée; Linnaeus, 1766)  

·        die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas; frz.  tortue verte; Linnaeus, 1758 ) 

 

Im Jahre 2017/18 kamen ca. 150 Schildkröten zwischen September und April zur Eiablage an den Sandstrand des Dorfes.

In der Region ist die Naturschutz-Organisation „Tube Awu“ (auf Yasa „Unser Ozean“) zum Schutz der Meeresschildkröten aktiv.

Denis Gnamabo, der Vorsitzende von Tube Awu, meinte: „Die Meeresschildkröte ist in unserem Emblem. Von Generation zu Generation ist sie Teil unseres Lebens. Sie zu schützen ist heute unsere größte Aufgabe“ (zit. n. Kouagheu, a.a.O.).

Früher allerdings machte er, wie auch seine Vorfahren und nahezu alle Dorfbewohner, Jagd auf die Schidlkröten, töteten sie und aßen ihre Eier und ihr Fleisch.

Erst Ende der 90er Jahre wurden die Dorfbewohner durch eine Forschergruppe (mit Teilnehmern auch aus Europa) auf die Bedeutung der Schildkröten und ihres Schutzes aufmerksam gemacht. Viele erkannten, dass die Tiere zu anderen Dingen dienen könnten als zur Nahrung.

Mit der Hilfe verschiedener Nicht-Regierungsorganisationen begann man in Ebodjé den Ökotourismus zu entwickeln, organisierte Unterkünfte, Speiseräume und Naturführungen. 99% der Besucher kamen wegen der Schildkröten,

Eine Schildkrötenaufzuchtstation wurde mit externer Unterstützung eingerichtet, in dem Schildkröteneier geschützt und die Schlüpflinge – vom ganzen Dorf begleitet – zum Meer gebracht werden. So wurde die Überlebensrate der Jungtiere deutlich erhöht.

Im Jahre 2001 Museum  "La Maison de Ndiva" (auf Yasa: Ndiva Lederschildkröte) eingerichtet, mit Informationstafeln und Bildern zum Leben und zur Anatomie der Tiere und allerlei Schilkrötenobjekte, so konservierte Eier der Meeresschildkröten oder Panzer von einst gejagten Tieren.

So hat sich die Zahl der Besucher deutlich erhöht: In den letzten Jahren kamen durchschnittlich mehr als 300 Besucher in das recht abgelegene Ebodjé.

 

Jedoch wird dort auch immer noch gewildert, es wurden 2017 und 2108 jährlich ca. 20 Meeresschildkröten erlegt, darunter auch Lederschildkröten.

Denn vom Ökotourismus profitieren nicht alle Dorfbewohner genügend. Geplant sind deshalb u.a. die Errichtung einer Kühlkammer für die gefangenen Fische und den Ausbau einer Kokusnussanbau- und Vertriebsgenossenschaft (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

Zum Schutz der Meeresschildkröten stellten deshalb internationale Nicht-Regierunsgsorganisationen Gelder bereit. Jeder Fischer, dem zufällig eine Schildkröte ins Netz geht und der sie lebendig ins Dorf bringt, erhält als Kompensation 10 000 Francs CFA ( ca. 15,- €).

Die Mäzene finanzierten zudem den Besuch von Kindern des Dorfes auf höheren Schulen, so dass einige schon das Baccalauréat erreicht haben, - dank der Schildkröten!   

 

 

(unveränderlich, nach dem Gregorianischen Kalender)

 

© Christian Meyer

 


[1] Nach dem Berliner Ethnologen und Amerikanisten Walter Krickeberg (1885-1962) entstand der obige Mythos vermutlich unter den nördlicheren Algonkin.

[2] Unter „Gens“ (lat. sg. Familie, Geschlecht, Völkerschaft; pl. „gentes“) verstand Morgan eine soziale Gruppe mit einer (realer oder angenommenen) gemeinsamen Abstammung, im Falle der Irokesen von einer gemeinsamen Stammesmutter (vgl. Engels, 1960, S. 222, a.a.O.). 

[3] Das Wort „Totem“ entstammt einem Idiom der Algonkin (vgl. Findeiesen, S. 42, a.a.O.).

[4] Auch Friedrich Engels beschäftigte sich in „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ (1884 veröffentlicht) aufbauend auf den Forschungen Morgans und Manuskripten von Marx im III. Teil mit den „Irokesischen Gens“. Von der damaligen Sozialstruktur der Irokesen-Föderation war Engels fasziniert, da bei ihnen…

  • Frauen und Männer gleichermaßen ihre Vertreter wählten, Entscheidungen wurden einstimmig gefällt
  • nur wenige, unbedeutende Faktoren des Alltagslebens in Privatbesitz waren (z.B. die Wirtschaftsgärten), überwiegend vorherrschend war der Gemeinbesitz
  • keinen Staat gab, sie lebten „…ohne Soldaten, Gendarmen oder Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter; ohne Gefängnis, ohne Prozesse … Arme und Bedürftige kann es nicht geben – die kommunistische Haushaltung und die Gens kennen ihre Verpflichtungen gegen Alte, Kranke und im Kriege Gelähmte. Alle sind frei und gleich – auch die Weiber“ (Engels, 1960, S. 231/232, a.a.O.).

Engels erkannte allerdings auch kritische Aspekte der Irokesen-Gesellschaft, so ihre Aggressivität und Grausamkeit nach Außen, die Blutrache, sowie die „äußerst unentwickelte Produktion“, - eine „Organisation, dem Untergang geweiht“ (Engels,1960, S. 233, a.a.O.). 

Der Irokesen-Föderation wurde 1794 in einem Vertrag zugesichert, die Unabhängigkeit und Selbständigkeit „… solange das Gras wächst und die Flüsse fließen“ zu erhalten (Jeier, S. 86, a.a.O.).

Zur Zeit George Catlins (1796 - 1872) waren die Irokesen „… fast ganz vertilgt“ (Catlin, Bd. II, S. 66, a.a.O.), z.T. durch Kriege, durch Krankheiten, Vertreibungen und Alkohol.

Die Zeitung „Awksesasne Notes“, 1968 von u.a. dem Mohawk Ernest Benedict (*1918) gegründet und v.a. von Irokesen der Mohawks getragen, entwickelte sich zu einem „panindianisches Sprachrohr“ (Jeier, S. 233, a.a.O.), und kämpfte für die gemeinsamen Interessen der Indianer in den USA, Kanada und auch Lateinamerika. 

Heute leben Irokesen v.a. in Kanada, Wisconsin und Oklahoma.

 

 

.....

23. Mai:  Welt-Schildkrötentag

 

Die zoologische Ordnung der Schildkröten (zool. Testudinata, Testudines, von lat. „testudo“ „Schildkröte“; früher auch Chelonia vom gr. χελώνιον „Schildkrötenschale“) sind eine Reptilienordnung mit ca. 340 wechselwarmen Arten und kurzem und breitem Körper, der von einem flachen oder gewölbten Schild bedeckt ist. Sie haben zahnlose Kiefer und legen die Eier auf dem Land ab. Sie sind weltweit verbreitet, auf dem Land, im Wasser und in den Ozeanen, außer den Polarregionen. Es gibt fleisch- und pflanzenfressende Arten.

 

Im Trias (vor ca. 225 – 195  Mio. Jahren) traten erstmals die echten Schildkröten (Chelonia) als eine wichtige Reptiliengruppe auf.  Im Perm (der letzten Periode des Archaikums, vor ca. 280 Mio. Jahren) gab es vielleicht Vorformen der Schildkröten (vgl. Špinow, S. 32, a.a.O.) .

In den kretazischen (kreidezeitlichen) Meeren Nordamerikas lebten vor ca. 72 Mio. Jahren große, bis zu 4m lange Schildkröten, Archelon ischyros, die größte bisher entdeckte Schildkröte. Sie waren weitgehend an das Leben im Wasser angepasst: die Panzer waren reduziert, da so Gewicht gespart wurde. Ihre Füße waren – wie bei den heutigen Meeresschildkröten – zu paddelförmigen Extremitäten umgestaltet und verbreitert, die Finger durch Hautgewebe verbunden.

 

Im Mesozoikum (Erdmittelalter) waren die Reptilien die erfolgreichste Gruppe der Landwirbeltiere. Die meisten Arten der Reptilien starben anschließend aus, vermutlich durch den Einschlag eines Asteroiden. Das Ende des Mesozoikums  überlebten nur vier Ordnungen der Reptilien …

  • die Krokodile (zool. crocodilia)
  • die Schuppensaurier (zool. squamata), die Schlangen, Eidechsen etc.
  • die Schildkröten (zool. chelonia), und
  • die Brückenechsen (zool. rhynchocephalia „Schnabelköpfe“), mit einer einzigen rezenten Art (Sphenodon punctatus), ein neuseeländisches „lebendes Fossil“ (vgl. Špinow, S. 223, a.a.O.) .

Die Schildkröten haben sich seit dem Trias nur sehr wenig verändert und überlebten erdgeschichtliche Umbrüche und blieben bis in die jüngste Gegenwart ebenso zahlreich wie in der Vergangenheit.

Die Schildkröten werden als „bizarres Überbleibsel primitivster Reptilien“ angesehen (vgl. Špinow, S. 96, a.a.O.) angesehen, die ursprünglich ausschließlich festländisch lebten, also terrestrische Tiere waren.

 

 

Heute gibt es weltweit ca. 340 verschiedene Schildkröten-Spezies, die meisten leben im Süßwasser. Sieben Arten leben im Meer, Meeresschildkröten sind aktuell vom Aussterben bedroht. 

Heutige Meeresschildkröten leben in tropischen und subtropischen Meeren. Die Weibchen werden mit frühestens 20 Jahren fortpflanzungsreif. Die Weibchen aller sieben Arten sind ortstreu, sie kommen zur Paarung und zur Eiablage an an den Strand, an dem sie selbst geschlüpft sind. Dazu schwimmen sie z.T. tausende von Kilometern durch den Ozean.

Bis heute ist es unklar, wie die Weibchen zu dem Strand ihrer Geburt zurückfinden. Vermutet wird, die Schildkröten verfügten (wie z.B. bei Rotlachsen oder einigen Zugvögelarten nachgewiesen) über ein Sinnesorgan zur Wahrnehmung des Erdmagnetismus. Dann könnte ein Art geomagnetische Prägung vorliegen, ein Lernvorgang der „magnetischen Signatur“ der Inklination der Feldlinien, der sie mit Hilfe einer Magnetfeld-Landkarte auch viele Jahre später immer wieder zum Strand ihrer Geburt zurückfinden lässt (vgl. Wiltschko, a.a.O.).  

Mit welchen Organen ggf. die Tiere das Magnetfeld der Erde wahrnehmen, ist unklar.

Die Männchen sind weniger ortstreu, so dass langfristige Inzucht verhindert wird. Der biologische Vorteil der Ortstreue liegt darin, dass – wie Forscher des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung 2013 feststellten – die Weibchen in bestimmten Gengruppen Abwehrkräfte genau gegen die Krankheiten und Parasiten vererben, die auf der jeweiligen Brutinsel auf den Nachwuchs warten.

Im Sand am Strand werden die Eier in einem selbstgegrabenen Loch abgelegt und von der Sonnenwärme ausgebrütet. 

Seit Jahrtausenden vermutlich ist der Moment des Schlüpfens im Sand und der Weg ins rettende Meer ein Massaker unter den Baby-Schildkröten: denn die nur handtellergroßen Tiere werden zum großen Teil von Vögeln und anderen Freßfeinden verzehrt, wie es z.B. schon der italienische sensationsheischend-voyeuristische Film „Mondo Cane“ aus dem Jahre 1962 zeigte.  

Im Durchschnitt erreicht nur einer von 1.000 „Schlüpflingen“ der Unechten Karettschildkröte (zool. Caretta caretta) das fortpflanzungsfähige Erwachsenenalter.

 

Ein Grund für die Faszination von Schildkröten ist, dass sie ein sehr hohes Alter erreichen können. Das Geburtsjahr einer Galápagos-Riesenschildkröte namens Harriet (sie lebte jahrelang im Australia Zoo/Queensland) lebte und 2006 verstarb, wurde auf 1830 geschätzt. Damit wäre sie mindestens 176 Jahre alt geworden. Meeresschildkröten können wahrscheinlich 75 Jahre oder mehr leben. werden  Als Haustier gehaltene Schmuckschildkröten können nachweislich bei guter Pflege 40 Jahre oder älter werden.

Die schwerste jemals gemessene Schildkröte wog 916 kg, eine Lederschildkröte.  

Da die Haut der Schildkröten – wie die aller Reptilien – im Laufe des Lebens nicht mitwächst, müssen sie sich Häuten. In Aquarien werden die Schildkrötenpanzer im Frühjahr mit Bürsten gereinigt: „Mit leichtem Schrubben der Schildkrötenpanzer unterstützen wir die Häutung. Das ist wie eine Massage für die Tiere“ (vgl. Tagesspiegel, 15. Mai 2019, S. 28).

 

Zu den Besonderheiten einiger Schildkröten gehören…

  • die Fähigkeit sehr lange Zeit ohne Nahrung und Wasser aus zu kommen
  • die Fähigkeit von Weibchen  manchen Arten, die Samen mehrerer Männchen zu speichern und ihre Einer damit erst lange nach der Paarung zu befruchten.

Als die im Indischen Ozean (ca. 500 km östlich von Madagaskar) gelegenen Maskarenen-Inseln  im Jahr 1512 vom portugiesischen Seefahrer Pedro Mascarenhas entdeckt wurden, lebten auf Réunion, Mauritius und Rodrigues Tausende Exemplare der Landschildkröten-Gattung Cylindraspis. Die Panzer der fünf Arten waren teilweise zurückgebildet, sie waren überflüssig, da die Schildkröten keine natürlichen Feinde auf den Inseln hatten. Durch die Verfolgung der eingewanderten Menschen (oder durch eingeschleppte Ratten oder Raubtiere) wurde die Gattung rasch ausgerottet und ist seit der Mitte des 19. Jhdts. ausgestorben. Den Dodo überlebten die Schildkröten immerhin ca. 200 Jahre (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).  

 

Durch die Untersuchung mitochondrialer DNA-Sequenzen aus erhalten gebliebenen Resten von Maskarenen-Riesenschildkröten konnte nun in der „Scientific Reports“  deren abenteuerliche Geschichte näher geklärt werden.

Die Maskarenen-Inseln liegen auf dem Réunion-Hotspot, der immer wieder neue Vulkaninseln im Indischen Ozean entstehen (und vergehen) lässt. Vor ca. 40 Mio. Jahren dürfte nach den genetischen Berechnungen eine weibliche, befruchtete Cylindraspis von Afrika (oder Madagaskar oder Asien) zu einer dieser Inseln geschwemmt worden sein. Sie wurde (vermutlich) zur Urmutter aller Maskarenen-Riesenschildkröten, einer Population mit eigenständiger Evolution, die auch den Untergang der ursprünglichen Vulkaninsel durch Übergang auf die neu entstandenen Inseln überlebte.  Vor ca. 10. Mio. Jahren entstanden dann die heutigen Maskarenen, besiedelt von u.a. den Cylindraspis – bis die Menschen kamen (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).      

 

Dagegen überlebten Riesenschildkröten (Aldabrachelys gigantea, Syn.: Dipsochelys) auf den Seychellen und insbesondere auf Aldabra, dem größten Atoll im Indischen Ozean. Politisch gehört Aldabra zu den Seychellen, liegt nördlich von Madagaskar und ist bis auf eine Ranger-Gruppe unbewohnt. Das Atoll steht unter strengem Schutz und konnte seine ursprüngliche Flora und Fauna weitgehend erhalten. 1982 wurde Aldabra von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.

Die Seychellen-Riesenschildkröten  sind eine Gattung der der Landschildkröten und erreichen bis zu 1,2 m Länge und ein Gewicht von bis zu 250 kg. Sie sind die einzigen Riesenschildkröten weltweit, deren Bestand momentan nicht gefährdet ist. In der Population sind ca. 100.000 Tiere vorhanden.  

Im Jahre 2004 gelangte eine Aldabra-Schildkröte an die Küste von Tansania: das Tier war zwar abgemagert, aber gesund; es war die ca. 2000 km von den Seychellen nach Ostafrika getrieben/geschwemmt, vermutlich mehrere Monate lang (vgl. Tagesspiegel, 1. Januar 2020). 

 

Eine besondere, auffällige Jagdmethode zeichnet die bestandsgefährdete Geierschildkröte (Macrochelys temminckii; auch: Alligatorschildkröte) aus, denn sie „angelt“ ihre Beute. Diese bis zu 75cm große nordamerikanische Süßwasserschildkröte hat einen während der Jagd auffällig rosaroten Zungenfortsatz. Die Schilkröte ruht lauernd im Schlamm auf dem Boden des Gewässers, öffnet das Maul und bewegt den Zungenfortsatz. Vorbei schwimmende Fische halten den Zungenfortsatz für einen Wurm, schnappen nach ihm – und werden von den scharfen Kiefern der Schildkröte gefangen (vgl. Abbn. dazu unten).

 

Aussterben dürfte vermutlich bald die Yangtse-Riesenweichschildkröte, die größte Süßwasserschildkröte der Welt. Das letzte Weibchen der Art starb in einem chinesischen Zoo – bei einem Besamungsversuch. Weltweit gibt es nun nur noch drei bekannte Exemplare, - drei Männchen, eines in einem chinesischen Zoo und zwei in vietnamesischen Seen (vgl. Berliner Zeitung, 16. Arpil 2019, S. 26). 

 

In vielen Mythen weltweit spielen Schildkröten eine kosmophorische Rolle und sind – wohl ihrer Langlebigkeit wegen – ein Symbol für die Unsterblichkeit.

Vishnu, ein indischer Schöpfergott, erscheint als Schildkröte im Urmeer schwimmend, die Welt auf seiner Panzerschale tragend.

Viele Buddhisten glauben, dass in jeder Schildkröte menschliche Seelen auf der Seekenwanderung verweilen, auf dem Weg ins Nirvana.

Im antiken Griechenland wurde der Mythos von Chelone (Χελώνη gr.  Schildkröte) tradiert. Anlässlich der Hochzeit des Zeus und der Hera wurden alle Götter, Menschen und Tiere durch den Götterboten Hermes eingeladen. Die junge Chelone jedoch blieb als einzige zu Hause, aus Verachtung vor der Götterhochzeit. Hermes, der ihr Fehlen bemerkt, stieg er zur Erde hinab, warf Chelone mitsamt ihrem Haus in einen Fluss und verwandelte sie in eine Schildkröte. Sie muß deshalb ihr Haus fortwährend auf dem Rücken tragen.

 

Die heute vielleicht bekannteste Schildkröte ist Kassiopeia und spielt in MOMO, ein 1973 erschienener Roman von Michael Ende eine wichtige Rolle, denn sie unterstützt Momo in ihrem Kampf gegen die die Menschen um die Zeit betrügenden „grauen Herren“.

 

In einem (vielgestaltig überlieferten) Mythos der Irokesen [1] (ursprünglich im nordwestlichen Waldland des heutigen Staates New York und in Ontario) wurde die Großmutter der Menschen (die „Himmelsfrau“) schwanger, von ihrem Mann (dem Mond?) aus Eifersucht vom Himmel herab ins Meer gestürzt– Land gab es damals noch nicht. Die Schildkröte nahm die Großmutter auf ihrem Rücken auf, den die Bisamratte mit Schlick bedeckte, den sie vom Grund des Meeres emporholte. So wurde langsam auf dem Rücken der Schildkröte die erste Insel geformt, aus der schließlich das gesamte Land entstand.  

Auch die Entstehung der Menschen hing für die Irokesen in zwiefacher Hinsicht mit der Schildkröte zusammen. Die Tochter der Großmutter (gezeugt von der Schildkröte) wurde wundersam geschwängert (vom Westwind, einem jungen Mann??) und gebar antagonistische Zwillingshelden, die Schöpfer des Guten, Iosheka, und des Bösen, Tawiscara (vgl. Guirand, S. 522, a.a.O.). Der gute Heros Iosheka (i.e. „der Helle“) stürzte nach seiner Geburt in einen See, direkt vor der Hütte einer Schildkröte. Von dieser erhielt er u.a. Pfeil und Bogen, zwei Maiskolben, sowie reife Körner, um sie zu pflanzen (vgl. Chevalier, S. 957, a.a.O.).  

Der böse Zwillingsheros Tawiscara (i.e. „der Dunkle“)  tötete seine Mutter bei der Geburt, er versuchte alle guten Gaben seines Bruders zu schädigen.

Nach einer anderen Fassung der Legende wuchsen aus dem Grabe der Mutter eine Tabakspflanze, ein Bohnenbusch. eine Mais- und eine Kürbispflanze (vgl. Graymont, S. 17, a.a.O.). Die Irokesen waren ursprünglich Jäger und Sammler, gingen aber bereits vor der Ankunft der Europäer zum Feldbau über.

Für einige Gruppen (Phratrien, Clans, Gentes [2]) der Irokesen war die Schildkröte ein Totem-Tier [3] , das weder gejagt noch gegessen werden durfte (vgl. Findeisen, S. 50, a.a.O.).

Diese totemistische Tradition wird auch in dem lesenswerten Kinderbuch „Blauvogel“ von Anna Jürgen erwähnt (vgl. a.a.O.).

Auch trug in dem „Blauvogel“ der Tomahawk eines Mannes der „Schildkrötenfamilie“ am Griff „… in roter Farbe das Bild einer Schildkröte: ein ovales Rund mit sechs Punkten am Rand für die Beine, den Kopf und den Schwanz“ (Jürgen, S. 9, a.a.O.).

Der US-amerikanische (evolutionistische) Ethnologe Lewis Henry Morgan (1818 - 1881) führte in seiner Schrift „Ancient society“ (erschienen 1877) für den Irokesenstamm der Seneca acht nach Tieren benannte Gentes an: 1. Wolf 2. Bär, 3. Schildkröte, 4. Biber, 5. Hirsch, 6. Schnepfe, 7. Reiher und 8. Falke (vgl. Morgan, S. 90, a.a.O.). Morgan führte zu den Irokesischen Gentes aus: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, obwohl nie formuliert, waren die Grundprinzipien der Gens“ (Morgan, zit. n. Engels, 1960, S. 225, a.a.O.).  

Auch wurden damals die Angehörigen der jeweiligen Gentes getrennt begraben, zusätzlich noch nach Frauen und Männern getrennt (Morgan, S. 104, a.a.O.).

Besonders auffällig war die matrilineare gesellschaftliche Organisationsform der Irokesen, die sich zu einer 5- bzw. 6-Nationen-Föderation zusammengeschlossen hatten und  Elemente einer egalitären Konsensdemokratie (vgl. Thomas Wagner, a.a.O.) aufwies [4]. Die Stammesföderation hatte eine matrilineare Sozialstruktur und differenzierte Beratungs- und Entscheidungsgremien, von denen Elemente in die US-Verfassung eingegangen sein sollen. 

 

In dem 1566 verfassten „Bericht aus Yucatán“ des franziskanischen Missionars und Bischofs Diego de Landa beschrieb dieser „…staunenerregend große Schildkröten“, von denen „… einige … weitaus größer (sind) als mächtige Rundschilde; sie sind schmackhaft und haben überaus viel Fleisch; die Eier, die sie legen, sind so groß wie Hühnereier, und sie legen hundertfünfzig oder zweihundert, wofür sie in Sand, außerhalb des Wassers, ein großes Loch schaufeln; danach decken sie die Eier mit Sand zu, und dort schlüpfen die kleinen Schildkröten aus. An Land, in den trockenen Waldgebieten und in den Lagunen gibt es verschiedene andere Schildkrötenarten“ (de Landa, S. 159, a.a.O.).    

 

Die pazifischen Galapagos – Inseln verdanken ihren Namen den Schildkröten (vgl. Neef, S. 368, a.a.O.)., span. „galapagos“ = „Waserschildkröten“.

Die Lage des vulkanischen Archipels – ca. 1000 km vom Festland entfernt -  wurde von den Spaniern lange geheim gehalten. William Dampier (1651 - 1715), der britische Freibeuter, Weltumsegler und Naturforscher, besuchte im Juli 1684 die Galapagos-Inseln. In dieser Zeit waren die Inseln zum Rückzugsort für Piraten geworden, die dort ihre Schätze versteckten.

Dampier beschrieb die Fauna und Flora des Archipels. Insbesondere sprach es von den damals noch zahlreichen bis zu 350 kg schweren Riesenschildkröten: sie seien so köstlich, „… daß kein jung Huhn besser schmecken kann“ (Dampier, zit. n. Glaubrecht, a.a.O.). Er führte an, dass er an einer Bucht über 3000 der Tiere zählen konnte. Die Seefahrer pflegten damals auf den Inseln  Schildkröten als lebende Konserven in die Vorratsräume zu laden, 

 

Darwin erreichte im September 1835 die Galapagos-Inseln. Der damalige Gouverneur der Inseln, Nicholas Lawson, erzählte Darwin, dass er schon an der Form der „Panzer“ erkennen können, von welcher der Inseln des Archipels die entsprechende Schildkröte stamme.

Charles Darwin beschreibt in seinem Reisetagebuch plastisch, wie die Schildkröten auf dem Archipel durch die Menschen dezimiert wurden. Auch Darwin lebte auf den Inseln überwiegend von Schildkrötenfleisch, fand es aber nur mäßig (vgl. Darwin).    

Jahrhundertlang, zumindest bis ins 17. Jhdt. gingen Schiffsärzte davon aus, dass die Skorbut eine Folge des Fleischmangels an Bord sei. Das Vitamin C wurde erst 1928 entdeckt. 

Da Schildkröten sehr lange ohne Essen und Trinken auskommen, man zudem glaubte, sie empfänden keine Schmerzen, weil sie keine Laute von sich geben, wurden viele der Tiere  im Schiff  tierquälerisch unter Deck zusammengepfercht. Durch die Seefahrer wurden die Schildkröten der Seychellen- und Galapagos-Inseln fast vollständig ausgerottet.

 

Auch die „Beagle“ führte bei der Abfahrt 30 der Schildkröten mit sich, die allesamt im weiteren Verlauf der Reise verspeist wurden, auch von Darwin selbst.

Erst viele Jahre später, zurück in England, erkannte Darwin, dass die Schildkröten – als Beleg für die Veränderlichkeit der Arten - vielleicht die bedeutsamsten Fundstücke der Inseln gewesen wären. 

Seit 1959 sind die zu Ekuador gehörenden Inseln größtenteils ein Naturpark, aber völlig überlaufen und ökologisch gefährdet: Im Jahre 2018 besuchten ca. 275 000 Menschen die Inseln. Allerdings wird das Geld der Touristen z.T. für den Naturschutz verwendet.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte im Februar 2019 im Rahmen eines Staatsbsuchs auch die Galapsgos-Inseln. In der Schildkröten-Aufzuchtstation Santa Cruz – die seit 1964 von der Charles-Darwin-Stiftung betrieben wird - übernahm er die Patenschaft für eine junge Meeresschildkröte, Alejandra. In drei Jahren soll sie ausgewildert werden, denn Schildkröten sind auf den Inseln gefährdet, nicht nur durch Plastikmüll. Bei einer Aktion au den Küsten des Archipels wurden 22 t vorwiegend angeschwemmter Plastikmüll auch durch Sieben des Sandes eingesammelt (vgl. „Tagesspiegel“, 16. Februar 2019, S. 3). Und dabei gibt es seit einem 2014 eingeführten Plastiktütenverbot praktisch keine Plastiktüten mehr auf den Inseln, zudem wurde ein erfolgreiches Bildungs-, Mülltrennungs- und Recyclingprogramm u.a. von WWW initiiert.  

 

Das Schlüpfen der Schildkröten ist heute auf Heron Island für Reisende die Hauptattraktion. Die kleine Insel im Nordosten Australiens wurde 1843 entdeckt und nach den dort beobachteten Reihern (engl. heron) benannt.

1925 wurde auf der Insel eine Abfüllanlage für Schildkrötensuppe errichtet, die sich jedoch nach schon 2 Jahren nicht mehr rentierte, da die zuvor zahlreichen Tiere, die Grüne Meeresschildkröte und die Karettschildkröte rasch dezimiert wurden. In den Gebäuden der ehemaligen Fabrik wurde dann 1932 das erste touristische Ressort im Großen Barriere-Riff eingerichtet, 1943 wurde Heron Island zum Nationalpark. Heute darf in ihm nichts eingeschleppt, mitgenommen, verändert werden, in das Ökosystem der Insel darf nicht eingegriffen werden (vgl. Bisping, a.a.O.).

Ca. 4000 Schildkröten leben permanent um Heron Island, zudem ca. 200 000 Vögel. Zwischen Oktober und März kommen die weiblichen Schildkröten jeweils 4 – 5 Mal zur Eiablage an Land. 8 Wochen später, also zwischen Dezember und Mai schlüpfen nachts die jungen Schildkröten, kriechen aus ihren Nesthügeln, krabbeln vom Mondlicht geleitet dem rettenden Meer entgegen. Auch hier werden die allermeisten Baby-Schildkröten Opfer ihrer vielen Fressfeinde.   

 

Ästivation (vom lat. aestes Sommer, Hitze) bezeichnet die Strategie mancher Tiere, hohen Temperaturen und starker Trockenheit auszuweichen, indem sie die Sommermonate weitgehend verschlafen. Solche Sommerruhe kommt bei einigen Insekten vor, aber auch bei einigen Reptilien, wie der Ägyptischen oder Tunesischen Landschildkröte (vgl. Vaas, S. 18, a.a.O.).

 

Schon seit ca. 120 bis 150 Mio. Jahren leben Meeresschildkröten auf dem Planeten Erde, Gefahren drohen Schildkröten heute v.a. durch den Menschen. Seit Jahrzehnten gehen die Schildkröten-Populationen zu Lande und zu Wasser dramatisch zurück, viele sind akut vom Aussterben bedroht. Allein in Chinas Garküchen werden alljährlich um die 20 Millionen Schildkröten zu Suppe verkocht.

Gefährdet sind die Meeresschildkröten besonders durch den Menschen:

Ø  als Beifang der Fischer: „Einige Hunderttausend Schildkröten verenden pro Jahr an Haken der oft über 100 Kilometer langen Leinen. Andere werden in Fisch- oder Shrimpsnetzen gefangen“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch das Fangen bei der Eiablage und das Sammeln der Eier, was nicht nur an der mesoameikanischen Pazifikküste bis heute weit verbreitet ist. Schildkrötenarten landen noch immer hunderttausendfach im Kochtopf (vgl. Greenpeace-Magazin, 2/04). 

Ø  durch den Verlust von Lebensräumen, z.B. dem Bau von Hotels an Eiablagestränden: „Hell erleuchtete Hotels an Stränden etwa halten die Schildkröten-Weibchen vom Eierlegen ab und irritieren die frisch geschlüpften Babys, so dass sie den Weg zum lebenswichtigen Meer nicht finden“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch den Klimawandel (vgl. Tag der Umwelt) können Brutgebiete (ansteigender Meeresspiegel,  vgl. Tag des Meeres, Sturmfluten) überschwemmt oder vernichtet werden. Höhere Temperaturen des Sandes am Strand führen dazu, dass sich aus den abgelegten Eiern mehr Weibchen entwickeln: Die Folgen dieser Veränderung im Quantitativen Geschlechterverhältnis sind unklar. Zudem sterben viele Eier bei zu hohen Temperaturen ab- So wurden z.B. in Malaysia an einem Schildkrötenstrand Kokospalmen gefällt, ohne Schatten wurde es den Eiern zu heiß.

Ø  durch die Vermüllung der Meere: Bei einer wachsenden Zahl von Meeresschildkröten findet man Plastikstücke im Magen, durch die die Tiere sterben können (vgl. Tag des Meeres & Tag der Umwelt). Treibende Plastiktüten ähneln Quallen und Meeresschildkröten lieben Quallen. Wenn eines der Tiere ein Plastikobjekt frisst, kann das Material ihren Magen verstopfen, was es dann daran hindert, echte Nahrung herunter zu schlucken. „Manche der Reptilien bekommen eine ‚bubble butt‘ (engl. ‚Blasenhintern‘, C.M.), einen derart aufgeblähten Bauch von den Gasen, die bei der Plastikzersetzung frei werden, dass die Tiere nur an der Oberfläche treiben, aber nicht mehr abtauchen können. Die Folge: Die Schildkröten verhungern oder werden von Freßfeinden erbeutet“ (Bisping, S. 13, a.a.O.), z.B. Haien. Australische Forscher stellten bei der Untersuchung von 250 toten Meeresschildkröten fest, dass ….

       - jedes zweite Jungtier Plastikobjekte im Magen-Darmtrakt hatte

          - bei jugendlichen und ausgewachsenen Schildkröten es „nur“ jedes sechste Tier war

      - sich bei Schlüpflingen kein Plastik im Magen fand.

Jüngere Schildkröten – erklären die Forscher – scheinen eher dort zu fressen, wo sich mehr Plastik im Meer befindet – nahe den Küsten (vgl. „Tagesspiegel“, 18. September 2018, S. 25 und Abb. unten)     

 

Immer wieder sterben Meeresschildkröten durch gefressenen Plastikmüll oder verheddern sich in treibendem Müll. Forscher gingen davon aus, die Schildkröten verwechselten z.B. treibende Plastiktüten mit Quallen.

Eine Forschergruppe um Joseph B. Pfaller (Universität von Florida) beschäftigte sich mit dem Verhalten der Meeresschildkröten dem Plastikmüll gegenüber.

Sie vermutete, dass die Schildkröten nicht nur vom Aussehen, sondern auch von dem Geruch des Plastkmülls angelockt würden (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Auf dem Plastikmüll siedeln sich im Meer jedoch rasch allerlei Mikroorganismen, Algen, Pflanzen und andere Lebewesen an.     

In einem Geruchsexperiment mit Unechten Karettschildkröten reagierten diese auf Futtergerüche (Fisch, Garnelen) genauso intensiv wie auf den Geruch von Plastik mit Ablagerungen (vgl. „Tagesspiegel“, 10. März 2020, S. 16).

Auf den Geruch von sauberem Plastik reagierten sie hingegen gar nicht mit Suchverhalten. Beim partiellen Absterben des Belags entsteht ein nahrungsähnlicher Geruch („Bio-fouling“), der die Tiere anlockt. Auch ist der Belag durchaus nahrhaft, wird allerdings oft zu einer tödlichen Falle (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Unklar ist jedoch noch, welche chemischen Verbindungen von besiedeltem Plastik die Schildkröten anlocken.     

 

Eine Studie aus dem Jahre 2017 (von der Aristoteles Universität Thessaloniki) zu den Populationen von 7 Arten der Meeresschildkröten belegte eine leichte Erholung einiger der 299 Populationen weltweit: Bei 95 von ihnen stieg die Zahl der Schildkröten deutlich an, bei 35 Populationen sank sie deutlich ab. Bei den restlichen blieb sie in etwa gleich (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

  

Günstig auf die Schildkrötenpopulation wirkt der aktive Schutz der Brutgebiete und der Eiablagen, so z.B. in dem 25 km langen Schutzreservat Ras al-Dschinz in Oman, wo nun auch geführte Öko-Touristen vor allem von Juni bis zum November die Eiablage der Grünen Meeresschildkröte erleben können.

Schon 1983 wurde Archelon, ein Verein zum Schutz der Schildkröten in Griechenland (mit Sitz in Glyfada bei Athen) gegründet. Er kümmert sich seither um u.a. den Schutz der Nester der Unechten Karettschildkröte in Zakynthos, auf Kreta und dem Peleponnes.

Dennoch stehen sechs der sieben Meeresschildkrötenarten als gefährdet, sehr gefährdet oder vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature, Weltnaturschutz –Union, (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

 

Weltweit gibt es unterdessen mehrere Institutionen, die sich um verletzte und erkrankte Schildkröten bemühen.

So z.B. das „Ontario Turtle Conservation Centre“ in Kanada, das jährlich Hunderte bei Unfällen verletzte Schildkröten rettet. Vor allem geht es darum, durch Autounfälle verletzte Panzer wieder zusammen zu fügen; oftmals sind es allein dort mehr als 20 Operationen täglich. Es handelt sich dabei um in Ontario heimische Arten, die auf der „Roten Liste“ als zumindest gefährdet stehen (vgl. „Tagesspiegel“, 14. 10 2017).

Schon 1986 wurde das „Turtle Hospital“ in Marathon/Florida gegründet, das bislang einige Tausend verletzte Schildkröten rettete und wieder ins Meer entließ.   

In der nicht-profitorientierten Tierrettungsstation „Carolina Waterfowl Rescue“(CWR) in Nord-Carolina werden jährlich hunderte von verletzten Schildkröten behandelt, v.a. Weibchen, die zur Eiablage an Lande gekommen sind: Viele werden von Autos angefahren, von Rasenmähern verletzt oder von Hunden gebissen.

Verletzungen am Panzer der Schildkröten müssen wieder zusammenwachsen, wie gebrochene Knochen. Dabei haben sich gespendete BH-Verschlüsse als Hilfe bewährt. Sie wurden an die Bruchstelle geklebt und dann mit Drähten so verbunden, dass der Riss zusammengehalten wird. Der Heilungsprozess kann Monate dauern, aber 70 % der dortigen Schildkröten-Patientinnen können durchschnittlich als geheilt wieder in die Freiheit entlassen werden.

 

 

Bei Schildkröten dauert es lange Jahre bis die Tiere geschlechtsreif sind. Die Weibchen legen zwar jedes Jahr viele Eier, ältere Schnappschildkröten bis zu 60 Stück. Aber weniger als ein Prozent der Eier führt zu einer erwachsenen Schildkröte. Es dauert rund 20 Jahre, bis eine Schildkröte selbst Eier legt. Besonders lang ist der Zyklus bei den Schnappschildkröten (Chelydra serpentina), die aus Nordamerika stammen und in Süßwasserseen und Flüssen leben: Ca. 1500 Eier und 59 Jahre werden benötigt,  um eine weibliche Schnappschildkröte in der Natur zu ersetzen.

 

 Der 23. Mai wurde als Weltschildkrötentag im Jahre 2000 von der „American Tortoise Rescue“ eingeführt und 2002 von der „Humane Society of the United States“ (HSUS, vgl. http://www.hsus.org/) übernommen und popularisiert. Ziel ist es, auf die Gefährdung der Schildkröten hinzuweisen und geeignete Aktionen zu ihrem Schutz zu initiieren.

 

Wie australische und US-Forscher jüngst feststellten, bedroht der globale Klimawandel die Existenz einer der größten Kolonien von Meeresschildkröten im nördlichen Great-Barriere-Riff: Da der Sand, in dem die Schildkröten ihre Eier vergraben, wärmer geworden ist, schlüpfen dort zu 99,1% nur noch weibliche Jungtiere (vgl. „Stern“, 18. Januar 2018, S. 20).

 

Meeresschildkröten sind – betonen Ökologen – ein guter Bioindikator für die Güte der jeweiligen Umwelt und die Biodiversität, - wenn die Umweltbedingungen sich verschlechtern, verschwinden sie. Zudem ernähren sie sich u.a. von Quallen, deren Gift z.T. auch tödlich für Menschen ist (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

  

Besonders aktiv beim Schutz der Meeresschildkröten ist auch das Fischerdorf Ebodjè in Kamerun. Das Dorf hat knapp 1000 Einwohner, liegt am Atlantik, im Süden Kameruns, ca. 40 km von der Grenze zu Äquatorial-Guinea. Die Bewohner gehören überwiegend zu dem kleinen Volk der Yasa, deren Sprache zu den südlichen Bantusprachen gehört und in Kamerun, Äquatorial-Guinea und Gabun gesprochen wird. Es gibt ca. 2400 Yasa-Sprecher. 

An dem kilometerlangen Strand von Ebodjé kommen 4 der 5 im Golf von Guinea lebenden Meeresschildkröten zur Eiablage:

  • die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea; frz. tortue luth; Vandelli, 1761): Sie ist die größte aller Meeresschildkröten; das größte bei der Eibalage in Ebodijé beobachtete Exemplar hatte eine Breite von ca. 2,1 m und eine Länge von ca. 2,4 m.  
  • die Oliv-Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea; frz. tortue olivâtre; Eschscholtz, 1829) 
  • die Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata; frz. tortue imbriquée; Linnaeus, 1766)  

·        die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas; frz.  tortue verte; Linnaeus, 1758 ) 

 

Im Jahre 2017/18 kamen ca. 150 Schildkröten zwischen September und April zur Eiablage an den Sandstrand des Dorfes.

In der Region ist die Naturschutz-Organisation „Tube Awu“ (auf Yasa „Unser Ozean“) zum Schutz der Meeresschildkröten aktiv.

Denis Gnamabo, der Vorsitzende von Tube Awu, meinte: „Die Meeresschildkröte ist in unserem Emblem. Von Generation zu Generation ist sie Teil unseres Lebens. Sie zu schützen ist heute unsere größte Aufgabe“ (zit. n. Kouagheu, a.a.O.).

Früher allerdings machte er, wie auch seine Vorfahren und nahezu alle Dorfbewohner, Jagd auf die Schidlkröten, töteten sie und aßen ihre Eier und ihr Fleisch.

Erst Ende der 90er Jahre wurden die Dorfbewohner durch eine Forschergruppe (mit Teilnehmern auch aus Europa) auf die Bedeutung der Schildkröten und ihres Schutzes aufmerksam gemacht. Viele erkannten, dass die Tiere zu anderen Dingen dienen könnten als zur Nahrung.

Mit der Hilfe verschiedener Nicht-Regierungsorganisationen begann man in Ebodjé den Ökotourismus zu entwickeln, organisierte Unterkünfte, Speiseräume und Naturführungen. 99% der Besucher kamen wegen der Schildkröten,

Eine Schildkrötenaufzuchtstation wurde mit externer Unterstützung eingerichtet, in dem Schildkröteneier geschützt und die Schlüpflinge – vom ganzen Dorf begleitet – zum Meer gebracht werden. So wurde die Überlebensrate der Jungtiere deutlich erhöht.

Im Jahre 2001 Museum  "La Maison de Ndiva" (auf Yasa: Ndiva Lederschildkröte) eingerichtet, mit Informationstafeln und Bildern zum Leben und zur Anatomie der Tiere und allerlei Schilkrötenobjekte, so konservierte Eier der Meeresschildkröten oder Panzer von einst gejagten Tieren.

So hat sich die Zahl der Besucher deutlich erhöht: In den letzten Jahren kamen durchschnittlich mehr als 300 Besucher in das recht abgelegene Ebodjé.

 

Jedoch wird dort auch immer noch gewildert, es wurden 2017 und 2108 jährlich ca. 20 Meeresschildkröten erlegt, darunter auch Lederschildkröten.

Denn vom Ökotourismus profitieren nicht alle Dorfbewohner genügend. Geplant sind deshalb u.a. die Errichtung einer Kühlkammer für die gefangenen Fische und den Ausbau einer Kokusnussanbau- und Vertriebsgenossenschaft (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

Zum Schutz der Meeresschildkröten stellten deshalb internationale Nicht-Regierunsgsorganisationen Gelder bereit. Jeder Fischer, dem zufällig eine Schildkröte ins Netz geht und der sie lebendig ins Dorf bringt, erhält als Kompensation 10 000 Francs CFA ( ca. 15,- €).

Die Mäzene finanzierten zudem den Besuch von Kindern des Dorfes auf höheren Schulen, so dass einige schon das Baccalauréat erreicht haben, - dank der Schildkröten!   

 

 

(unveränderlich, nach dem Gregorianischen Kalender)

 

© Christian Meyer

 


[1] Nach dem Berliner Ethnologen und Amerikanisten Walter Krickeberg (1885-1962) entstand der obige Mythos vermutlich unter den nördlicheren Algonkin.

[2] Unter „Gens“ (lat. sg. Familie, Geschlecht, Völkerschaft; pl. „gentes“) verstand Morgan eine soziale Gruppe mit einer (realer oder angenommenen) gemeinsamen Abstammung, im Falle der Irokesen von einer gemeinsamen Stammesmutter (vgl. Engels, 1960, S. 222, a.a.O.). 

[3] Das Wort „Totem“ entstammt einem Idiom der Algonkin (vgl. Findeiesen, S. 42, a.a.O.).

[4] Auch Friedrich Engels beschäftigte sich in „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ (1884 veröffentlicht) aufbauend auf den Forschungen Morgans und Manuskripten von Marx im III. Teil mit den „Irokesischen Gens“. Von der damaligen Sozialstruktur der Irokesen-Föderation war Engels fasziniert, da bei ihnen…

  • Frauen und Männer gleichermaßen ihre Vertreter wählten, Entscheidungen wurden einstimmig gefällt
  • nur wenige, unbedeutende Faktoren des Alltagslebens in Privatbesitz waren (z.B. die Wirtschaftsgärten), überwiegend vorherrschend war der Gemeinbesitz
  • keinen Staat gab, sie lebten „…ohne Soldaten, Gendarmen oder Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter; ohne Gefängnis, ohne Prozesse … Arme und Bedürftige kann es nicht geben – die kommunistische Haushaltung und die Gens kennen ihre Verpflichtungen gegen Alte, Kranke und im Kriege Gelähmte. Alle sind frei und gleich – auch die Weiber“ (Engels, 1960, S. 231/232, a.a.O.).

Engels erkannte allerdings auch kritische Aspekte der Irokesen-Gesellschaft, so ihre Aggressivität und Grausamkeit nach Außen, die Blutrache, sowie die „äußerst unentwickelte Produktion“, - eine „Organisation, dem Untergang geweiht“ (Engels,1960, S. 233, a.a.O.). 

Der Irokesen-Föderation wurde 1794 in einem Vertrag zugesichert, die Unabhängigkeit und Selbständigkeit „… solange das Gras wächst und die Flüsse fließen“ zu erhalten (Jeier, S. 86, a.a.O.).

Zur Zeit George Catlins (1796 - 1872) waren die Irokesen „… fast ganz vertilgt“ (Catlin, Bd. II, S. 66, a.a.O.), z.T. durch Kriege, durch Krankheiten, Vertreibungen und Alkohol.

Die Zeitung „Awksesasne Notes“, 1968 von u.a. dem Mohawk Ernest Benedict (*1918) gegründet und v.a. von Irokesen der Mohawks getragen, entwickelte sich zu einem „panindianisches Sprachrohr“ (Jeier, S. 233, a.a.O.), und kämpfte für die gemeinsamen Interessen der Indianer in den USA, Kanada und auch Lateinamerika. 

Heute leben Irokesen v.a. in Kanada, Wisconsin und Oklahoma.

 

 

.....

23. Mai:  Welt-Schildkrötentag

 

Die zoologische Ordnung der Schildkröten (zool. Testudinata, Testudines, von lat. „testudo“ „Schildkröte“; früher auch Chelonia vom gr. χελώνιον „Schildkrötenschale“) sind eine Reptilienordnung mit ca. 340 wechselwarmen Arten und kurzem und breitem Körper, der von einem flachen oder gewölbten Schild bedeckt ist. Sie haben zahnlose Kiefer und legen die Eier auf dem Land ab. Sie sind weltweit verbreitet, auf dem Land, im Wasser und in den Ozeanen, außer den Polarregionen. Es gibt fleisch- und pflanzenfressende Arten.

 

Im Trias (vor ca. 225 – 195  Mio. Jahren) traten erstmals die echten Schildkröten (Chelonia) als eine wichtige Reptiliengruppe auf.  Im Perm (der letzten Periode des Archaikums, vor ca. 280 Mio. Jahren) gab es vielleicht Vorformen der Schildkröten (vgl. Špinow, S. 32, a.a.O.) .

In den kretazischen (kreidezeitlichen) Meeren Nordamerikas lebten vor ca. 72 Mio. Jahren große, bis zu 4m lange Schildkröten, Archelon ischyros, die größte bisher entdeckte Schildkröte. Sie waren weitgehend an das Leben im Wasser angepasst: die Panzer waren reduziert, da so Gewicht gespart wurde. Ihre Füße waren – wie bei den heutigen Meeresschildkröten – zu paddelförmigen Extremitäten umgestaltet und verbreitert, die Finger durch Hautgewebe verbunden.

 

Im Mesozoikum (Erdmittelalter) waren die Reptilien die erfolgreichste Gruppe der Landwirbeltiere. Die meisten Arten der Reptilien starben anschließend aus, vermutlich durch den Einschlag eines Asteroiden. Das Ende des Mesozoikums  überlebten nur vier Ordnungen der Reptilien …

  • die Krokodile (zool. crocodilia)
  • die Schuppensaurier (zool. squamata), die Schlangen, Eidechsen etc.
  • die Schildkröten (zool. chelonia), und
  • die Brückenechsen (zool. rhynchocephalia „Schnabelköpfe“), mit einer einzigen rezenten Art (Sphenodon punctatus), ein neuseeländisches „lebendes Fossil“ (vgl. Špinow, S. 223, a.a.O.) .

Die Schildkröten haben sich seit dem Trias nur sehr wenig verändert und überlebten erdgeschichtliche Umbrüche und blieben bis in die jüngste Gegenwart ebenso zahlreich wie in der Vergangenheit.

Die Schildkröten werden als „bizarres Überbleibsel primitivster Reptilien“ angesehen (vgl. Špinow, S. 96, a.a.O.) angesehen, die ursprünglich ausschließlich festländisch lebten, also terrestrische Tiere waren.

 

 

Heute gibt es weltweit ca. 340 verschiedene Schildkröten-Spezies, die meisten leben im Süßwasser. Sieben Arten leben im Meer, Meeresschildkröten sind aktuell vom Aussterben bedroht. 

Heutige Meeresschildkröten leben in tropischen und subtropischen Meeren. Die Weibchen werden mit frühestens 20 Jahren fortpflanzungsreif. Die Weibchen aller sieben Arten sind ortstreu, sie kommen zur Paarung und zur Eiablage an an den Strand, an dem sie selbst geschlüpft sind. Dazu schwimmen sie z.T. tausende von Kilometern durch den Ozean.

Bis heute ist es unklar, wie die Weibchen zu dem Strand ihrer Geburt zurückfinden. Vermutet wird, die Schildkröten verfügten (wie z.B. bei Rotlachsen oder einigen Zugvögelarten nachgewiesen) über ein Sinnesorgan zur Wahrnehmung des Erdmagnetismus. Dann könnte ein Art geomagnetische Prägung vorliegen, ein Lernvorgang der „magnetischen Signatur“ der Inklination der Feldlinien, der sie mit Hilfe einer Magnetfeld-Landkarte auch viele Jahre später immer wieder zum Strand ihrer Geburt zurückfinden lässt (vgl. Wiltschko, a.a.O.).  

Mit welchen Organen ggf. die Tiere das Magnetfeld der Erde wahrnehmen, ist unklar.

Die Männchen sind weniger ortstreu, so dass langfristige Inzucht verhindert wird. Der biologische Vorteil der Ortstreue liegt darin, dass – wie Forscher des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung 2013 feststellten – die Weibchen in bestimmten Gengruppen Abwehrkräfte genau gegen die Krankheiten und Parasiten vererben, die auf der jeweiligen Brutinsel auf den Nachwuchs warten.

Im Sand am Strand werden die Eier in einem selbstgegrabenen Loch abgelegt und von der Sonnenwärme ausgebrütet. 

Seit Jahrtausenden vermutlich ist der Moment des Schlüpfens im Sand und der Weg ins rettende Meer ein Massaker unter den Baby-Schildkröten: denn die nur handtellergroßen Tiere werden zum großen Teil von Vögeln und anderen Freßfeinden verzehrt, wie es z.B. schon der italienische sensationsheischend-voyeuristische Film „Mondo Cane“ aus dem Jahre 1962 zeigte.  

Im Durchschnitt erreicht nur einer von 1.000 „Schlüpflingen“ der Unechten Karettschildkröte (zool. Caretta caretta) das fortpflanzungsfähige Erwachsenenalter.

 

Ein Grund für die Faszination von Schildkröten ist, dass sie ein sehr hohes Alter erreichen können. Das Geburtsjahr einer Galápagos-Riesenschildkröte namens Harriet (sie lebte jahrelang im Australia Zoo/Queensland) lebte und 2006 verstarb, wurde auf 1830 geschätzt. Damit wäre sie mindestens 176 Jahre alt geworden. Meeresschildkröten können wahrscheinlich 75 Jahre oder mehr leben. werden  Als Haustier gehaltene Schmuckschildkröten können nachweislich bei guter Pflege 40 Jahre oder älter werden.

Die schwerste jemals gemessene Schildkröte wog 916 kg, eine Lederschildkröte.  

Da die Haut der Schildkröten – wie die aller Reptilien – im Laufe des Lebens nicht mitwächst, müssen sie sich Häuten. In Aquarien werden die Schildkrötenpanzer im Frühjahr mit Bürsten gereinigt: „Mit leichtem Schrubben der Schildkrötenpanzer unterstützen wir die Häutung. Das ist wie eine Massage für die Tiere“ (vgl. Tagesspiegel, 15. Mai 2019, S. 28).

 

Zu den Besonderheiten einiger Schildkröten gehören…

  • die Fähigkeit sehr lange Zeit ohne Nahrung und Wasser aus zu kommen
  • die Fähigkeit von Weibchen  manchen Arten, die Samen mehrerer Männchen zu speichern und ihre Einer damit erst lange nach der Paarung zu befruchten.

Als die im Indischen Ozean (ca. 500 km östlich von Madagaskar) gelegenen Maskarenen-Inseln  im Jahr 1512 vom portugiesischen Seefahrer Pedro Mascarenhas entdeckt wurden, lebten auf Réunion, Mauritius und Rodrigues Tausende Exemplare der Landschildkröten-Gattung Cylindraspis. Die Panzer der fünf Arten waren teilweise zurückgebildet, sie waren überflüssig, da die Schildkröten keine natürlichen Feinde auf den Inseln hatten. Durch die Verfolgung der eingewanderten Menschen (oder durch eingeschleppte Ratten oder Raubtiere) wurde die Gattung rasch ausgerottet und ist seit der Mitte des 19. Jhdts. ausgestorben. Den Dodo überlebten die Schildkröten immerhin ca. 200 Jahre (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).  

 

Durch die Untersuchung mitochondrialer DNA-Sequenzen aus erhalten gebliebenen Resten von Maskarenen-Riesenschildkröten konnte nun in der „Scientific Reports“  deren abenteuerliche Geschichte näher geklärt werden.

Die Maskarenen-Inseln liegen auf dem Réunion-Hotspot, der immer wieder neue Vulkaninseln im Indischen Ozean entstehen (und vergehen) lässt. Vor ca. 40 Mio. Jahren dürfte nach den genetischen Berechnungen eine weibliche, befruchtete Cylindraspis von Afrika (oder Madagaskar oder Asien) zu einer dieser Inseln geschwemmt worden sein. Sie wurde (vermutlich) zur Urmutter aller Maskarenen-Riesenschildkröten, einer Population mit eigenständiger Evolution, die auch den Untergang der ursprünglichen Vulkaninsel durch Übergang auf die neu entstandenen Inseln überlebte.  Vor ca. 10. Mio. Jahren entstanden dann die heutigen Maskarenen, besiedelt von u.a. den Cylindraspis – bis die Menschen kamen (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).      

 

Dagegen überlebten Riesenschildkröten (Aldabrachelys gigantea, Syn.: Dipsochelys) auf den Seychellen und insbesondere auf Aldabra, dem größten Atoll im Indischen Ozean. Politisch gehört Aldabra zu den Seychellen, liegt nördlich von Madagaskar und ist bis auf eine Ranger-Gruppe unbewohnt. Das Atoll steht unter strengem Schutz und konnte seine ursprüngliche Flora und Fauna weitgehend erhalten. 1982 wurde Aldabra von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.

Die Seychellen-Riesenschildkröten  sind eine Gattung der der Landschildkröten und erreichen bis zu 1,2 m Länge und ein Gewicht von bis zu 250 kg. Sie sind die einzigen Riesenschildkröten weltweit, deren Bestand momentan nicht gefährdet ist. In der Population sind ca. 100.000 Tiere vorhanden.  

Im Jahre 2004 gelangte eine Aldabra-Schildkröte an die Küste von Tansania: das Tier war zwar abgemagert, aber gesund; es war die ca. 2000 km von den Seychellen nach Ostafrika getrieben/geschwemmt, vermutlich mehrere Monate lang (vgl. Tagesspiegel, 1. Januar 2020). 

 

Eine besondere, auffällige Jagdmethode zeichnet die bestandsgefährdete Geierschildkröte (Macrochelys temminckii; auch: Alligatorschildkröte) aus, denn sie „angelt“ ihre Beute. Diese bis zu 75cm große nordamerikanische Süßwasserschildkröte hat einen während der Jagd auffällig rosaroten Zungenfortsatz. Die Schilkröte ruht lauernd im Schlamm auf dem Boden des Gewässers, öffnet das Maul und bewegt den Zungenfortsatz. Vorbei schwimmende Fische halten den Zungenfortsatz für einen Wurm, schnappen nach ihm – und werden von den scharfen Kiefern der Schildkröte gefangen (vgl. Abbn. dazu unten).

 

Aussterben dürfte vermutlich bald die Yangtse-Riesenweichschildkröte, die größte Süßwasserschildkröte der Welt. Das letzte Weibchen der Art starb in einem chinesischen Zoo – bei einem Besamungsversuch. Weltweit gibt es nun nur noch drei bekannte Exemplare, - drei Männchen, eines in einem chinesischen Zoo und zwei in vietnamesischen Seen (vgl. Berliner Zeitung, 16. Arpil 2019, S. 26). 

 

In vielen Mythen weltweit spielen Schildkröten eine kosmophorische Rolle und sind – wohl ihrer Langlebigkeit wegen – ein Symbol für die Unsterblichkeit.

Vishnu, ein indischer Schöpfergott, erscheint als Schildkröte im Urmeer schwimmend, die Welt auf seiner Panzerschale tragend.

Viele Buddhisten glauben, dass in jeder Schildkröte menschliche Seelen auf der Seekenwanderung verweilen, auf dem Weg ins Nirvana.

Im antiken Griechenland wurde der Mythos von Chelone (Χελώνη gr.  Schildkröte) tradiert. Anlässlich der Hochzeit des Zeus und der Hera wurden alle Götter, Menschen und Tiere durch den Götterboten Hermes eingeladen. Die junge Chelone jedoch blieb als einzige zu Hause, aus Verachtung vor der Götterhochzeit. Hermes, der ihr Fehlen bemerkt, stieg er zur Erde hinab, warf Chelone mitsamt ihrem Haus in einen Fluss und verwandelte sie in eine Schildkröte. Sie muß deshalb ihr Haus fortwährend auf dem Rücken tragen.

 

Die heute vielleicht bekannteste Schildkröte ist Kassiopeia und spielt in MOMO, ein 1973 erschienener Roman von Michael Ende eine wichtige Rolle, denn sie unterstützt Momo in ihrem Kampf gegen die die Menschen um die Zeit betrügenden „grauen Herren“.

 

In einem (vielgestaltig überlieferten) Mythos der Irokesen [1] (ursprünglich im nordwestlichen Waldland des heutigen Staates New York und in Ontario) wurde die Großmutter der Menschen (die „Himmelsfrau“) schwanger, von ihrem Mann (dem Mond?) aus Eifersucht vom Himmel herab ins Meer gestürzt– Land gab es damals noch nicht. Die Schildkröte nahm die Großmutter auf ihrem Rücken auf, den die Bisamratte mit Schlick bedeckte, den sie vom Grund des Meeres emporholte. So wurde langsam auf dem Rücken der Schildkröte die erste Insel geformt, aus der schließlich das gesamte Land entstand.  

Auch die Entstehung der Menschen hing für die Irokesen in zwiefacher Hinsicht mit der Schildkröte zusammen. Die Tochter der Großmutter (gezeugt von der Schildkröte) wurde wundersam geschwängert (vom Westwind, einem jungen Mann??) und gebar antagonistische Zwillingshelden, die Schöpfer des Guten, Iosheka, und des Bösen, Tawiscara (vgl. Guirand, S. 522, a.a.O.). Der gute Heros Iosheka (i.e. „der Helle“) stürzte nach seiner Geburt in einen See, direkt vor der Hütte einer Schildkröte. Von dieser erhielt er u.a. Pfeil und Bogen, zwei Maiskolben, sowie reife Körner, um sie zu pflanzen (vgl. Chevalier, S. 957, a.a.O.).  

Der böse Zwillingsheros Tawiscara (i.e. „der Dunkle“)  tötete seine Mutter bei der Geburt, er versuchte alle guten Gaben seines Bruders zu schädigen.

Nach einer anderen Fassung der Legende wuchsen aus dem Grabe der Mutter eine Tabakspflanze, ein Bohnenbusch. eine Mais- und eine Kürbispflanze (vgl. Graymont, S. 17, a.a.O.). Die Irokesen waren ursprünglich Jäger und Sammler, gingen aber bereits vor der Ankunft der Europäer zum Feldbau über.

Für einige Gruppen (Phratrien, Clans, Gentes [2]) der Irokesen war die Schildkröte ein Totem-Tier [3] , das weder gejagt noch gegessen werden durfte (vgl. Findeisen, S. 50, a.a.O.).

Diese totemistische Tradition wird auch in dem lesenswerten Kinderbuch „Blauvogel“ von Anna Jürgen erwähnt (vgl. a.a.O.).

Auch trug in dem „Blauvogel“ der Tomahawk eines Mannes der „Schildkrötenfamilie“ am Griff „… in roter Farbe das Bild einer Schildkröte: ein ovales Rund mit sechs Punkten am Rand für die Beine, den Kopf und den Schwanz“ (Jürgen, S. 9, a.a.O.).

Der US-amerikanische (evolutionistische) Ethnologe Lewis Henry Morgan (1818 - 1881) führte in seiner Schrift „Ancient society“ (erschienen 1877) für den Irokesenstamm der Seneca acht nach Tieren benannte Gentes an: 1. Wolf 2. Bär, 3. Schildkröte, 4. Biber, 5. Hirsch, 6. Schnepfe, 7. Reiher und 8. Falke (vgl. Morgan, S. 90, a.a.O.). Morgan führte zu den Irokesischen Gentes aus: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, obwohl nie formuliert, waren die Grundprinzipien der Gens“ (Morgan, zit. n. Engels, 1960, S. 225, a.a.O.).  

Auch wurden damals die Angehörigen der jeweiligen Gentes getrennt begraben, zusätzlich noch nach Frauen und Männern getrennt (Morgan, S. 104, a.a.O.).

Besonders auffällig war die matrilineare gesellschaftliche Organisationsform der Irokesen, die sich zu einer 5- bzw. 6-Nationen-Föderation zusammengeschlossen hatten und  Elemente einer egalitären Konsensdemokratie (vgl. Thomas Wagner, a.a.O.) aufwies [4]. Die Stammesföderation hatte eine matrilineare Sozialstruktur und differenzierte Beratungs- und Entscheidungsgremien, von denen Elemente in die US-Verfassung eingegangen sein sollen. 

 

In dem 1566 verfassten „Bericht aus Yucatán“ des franziskanischen Missionars und Bischofs Diego de Landa beschrieb dieser „…staunenerregend große Schildkröten“, von denen „… einige … weitaus größer (sind) als mächtige Rundschilde; sie sind schmackhaft und haben überaus viel Fleisch; die Eier, die sie legen, sind so groß wie Hühnereier, und sie legen hundertfünfzig oder zweihundert, wofür sie in Sand, außerhalb des Wassers, ein großes Loch schaufeln; danach decken sie die Eier mit Sand zu, und dort schlüpfen die kleinen Schildkröten aus. An Land, in den trockenen Waldgebieten und in den Lagunen gibt es verschiedene andere Schildkrötenarten“ (de Landa, S. 159, a.a.O.).    

 

Die pazifischen Galapagos – Inseln verdanken ihren Namen den Schildkröten (vgl. Neef, S. 368, a.a.O.)., span. „galapagos“ = „Waserschildkröten“.

Die Lage des vulkanischen Archipels – ca. 1000 km vom Festland entfernt -  wurde von den Spaniern lange geheim gehalten. William Dampier (1651 - 1715), der britische Freibeuter, Weltumsegler und Naturforscher, besuchte im Juli 1684 die Galapagos-Inseln. In dieser Zeit waren die Inseln zum Rückzugsort für Piraten geworden, die dort ihre Schätze versteckten.

Dampier beschrieb die Fauna und Flora des Archipels. Insbesondere sprach es von den damals noch zahlreichen bis zu 350 kg schweren Riesenschildkröten: sie seien so köstlich, „… daß kein jung Huhn besser schmecken kann“ (Dampier, zit. n. Glaubrecht, a.a.O.). Er führte an, dass er an einer Bucht über 3000 der Tiere zählen konnte. Die Seefahrer pflegten damals auf den Inseln  Schildkröten als lebende Konserven in die Vorratsräume zu laden, 

 

Darwin erreichte im September 1835 die Galapagos-Inseln. Der damalige Gouverneur der Inseln, Nicholas Lawson, erzählte Darwin, dass er schon an der Form der „Panzer“ erkennen können, von welcher der Inseln des Archipels die entsprechende Schildkröte stamme.

Charles Darwin beschreibt in seinem Reisetagebuch plastisch, wie die Schildkröten auf dem Archipel durch die Menschen dezimiert wurden. Auch Darwin lebte auf den Inseln überwiegend von Schildkrötenfleisch, fand es aber nur mäßig (vgl. Darwin).    

Jahrhundertlang, zumindest bis ins 17. Jhdt. gingen Schiffsärzte davon aus, dass die Skorbut eine Folge des Fleischmangels an Bord sei. Das Vitamin C wurde erst 1928 entdeckt. 

Da Schildkröten sehr lange ohne Essen und Trinken auskommen, man zudem glaubte, sie empfänden keine Schmerzen, weil sie keine Laute von sich geben, wurden viele der Tiere  im Schiff  tierquälerisch unter Deck zusammengepfercht. Durch die Seefahrer wurden die Schildkröten der Seychellen- und Galapagos-Inseln fast vollständig ausgerottet.

 

Auch die „Beagle“ führte bei der Abfahrt 30 der Schildkröten mit sich, die allesamt im weiteren Verlauf der Reise verspeist wurden, auch von Darwin selbst.

Erst viele Jahre später, zurück in England, erkannte Darwin, dass die Schildkröten – als Beleg für die Veränderlichkeit der Arten - vielleicht die bedeutsamsten Fundstücke der Inseln gewesen wären. 

Seit 1959 sind die zu Ekuador gehörenden Inseln größtenteils ein Naturpark, aber völlig überlaufen und ökologisch gefährdet: Im Jahre 2018 besuchten ca. 275 000 Menschen die Inseln. Allerdings wird das Geld der Touristen z.T. für den Naturschutz verwendet.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte im Februar 2019 im Rahmen eines Staatsbsuchs auch die Galapsgos-Inseln. In der Schildkröten-Aufzuchtstation Santa Cruz – die seit 1964 von der Charles-Darwin-Stiftung betrieben wird - übernahm er die Patenschaft für eine junge Meeresschildkröte, Alejandra. In drei Jahren soll sie ausgewildert werden, denn Schildkröten sind auf den Inseln gefährdet, nicht nur durch Plastikmüll. Bei einer Aktion au den Küsten des Archipels wurden 22 t vorwiegend angeschwemmter Plastikmüll auch durch Sieben des Sandes eingesammelt (vgl. „Tagesspiegel“, 16. Februar 2019, S. 3). Und dabei gibt es seit einem 2014 eingeführten Plastiktütenverbot praktisch keine Plastiktüten mehr auf den Inseln, zudem wurde ein erfolgreiches Bildungs-, Mülltrennungs- und Recyclingprogramm u.a. von WWW initiiert.  

 

Das Schlüpfen der Schildkröten ist heute auf Heron Island für Reisende die Hauptattraktion. Die kleine Insel im Nordosten Australiens wurde 1843 entdeckt und nach den dort beobachteten Reihern (engl. heron) benannt.

1925 wurde auf der Insel eine Abfüllanlage für Schildkrötensuppe errichtet, die sich jedoch nach schon 2 Jahren nicht mehr rentierte, da die zuvor zahlreichen Tiere, die Grüne Meeresschildkröte und die Karettschildkröte rasch dezimiert wurden. In den Gebäuden der ehemaligen Fabrik wurde dann 1932 das erste touristische Ressort im Großen Barriere-Riff eingerichtet, 1943 wurde Heron Island zum Nationalpark. Heute darf in ihm nichts eingeschleppt, mitgenommen, verändert werden, in das Ökosystem der Insel darf nicht eingegriffen werden (vgl. Bisping, a.a.O.).

Ca. 4000 Schildkröten leben permanent um Heron Island, zudem ca. 200 000 Vögel. Zwischen Oktober und März kommen die weiblichen Schildkröten jeweils 4 – 5 Mal zur Eiablage an Land. 8 Wochen später, also zwischen Dezember und Mai schlüpfen nachts die jungen Schildkröten, kriechen aus ihren Nesthügeln, krabbeln vom Mondlicht geleitet dem rettenden Meer entgegen. Auch hier werden die allermeisten Baby-Schildkröten Opfer ihrer vielen Fressfeinde.   

 

Ästivation (vom lat. aestes Sommer, Hitze) bezeichnet die Strategie mancher Tiere, hohen Temperaturen und starker Trockenheit auszuweichen, indem sie die Sommermonate weitgehend verschlafen. Solche Sommerruhe kommt bei einigen Insekten vor, aber auch bei einigen Reptilien, wie der Ägyptischen oder Tunesischen Landschildkröte (vgl. Vaas, S. 18, a.a.O.).

 

Schon seit ca. 120 bis 150 Mio. Jahren leben Meeresschildkröten auf dem Planeten Erde, Gefahren drohen Schildkröten heute v.a. durch den Menschen. Seit Jahrzehnten gehen die Schildkröten-Populationen zu Lande und zu Wasser dramatisch zurück, viele sind akut vom Aussterben bedroht. Allein in Chinas Garküchen werden alljährlich um die 20 Millionen Schildkröten zu Suppe verkocht.

Gefährdet sind die Meeresschildkröten besonders durch den Menschen:

Ø  als Beifang der Fischer: „Einige Hunderttausend Schildkröten verenden pro Jahr an Haken der oft über 100 Kilometer langen Leinen. Andere werden in Fisch- oder Shrimpsnetzen gefangen“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch das Fangen bei der Eiablage und das Sammeln der Eier, was nicht nur an der mesoameikanischen Pazifikküste bis heute weit verbreitet ist. Schildkrötenarten landen noch immer hunderttausendfach im Kochtopf (vgl. Greenpeace-Magazin, 2/04). 

Ø  durch den Verlust von Lebensräumen, z.B. dem Bau von Hotels an Eiablagestränden: „Hell erleuchtete Hotels an Stränden etwa halten die Schildkröten-Weibchen vom Eierlegen ab und irritieren die frisch geschlüpften Babys, so dass sie den Weg zum lebenswichtigen Meer nicht finden“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch den Klimawandel (vgl. Tag der Umwelt) können Brutgebiete (ansteigender Meeresspiegel,  vgl. Tag des Meeres, Sturmfluten) überschwemmt oder vernichtet werden. Höhere Temperaturen des Sandes am Strand führen dazu, dass sich aus den abgelegten Eiern mehr Weibchen entwickeln: Die Folgen dieser Veränderung im Quantitativen Geschlechterverhältnis sind unklar. Zudem sterben viele Eier bei zu hohen Temperaturen ab- So wurden z.B. in Malaysia an einem Schildkrötenstrand Kokospalmen gefällt, ohne Schatten wurde es den Eiern zu heiß.

Ø  durch die Vermüllung der Meere: Bei einer wachsenden Zahl von Meeresschildkröten findet man Plastikstücke im Magen, durch die die Tiere sterben können (vgl. Tag des Meeres & Tag der Umwelt). Treibende Plastiktüten ähneln Quallen und Meeresschildkröten lieben Quallen. Wenn eines der Tiere ein Plastikobjekt frisst, kann das Material ihren Magen verstopfen, was es dann daran hindert, echte Nahrung herunter zu schlucken. „Manche der Reptilien bekommen eine ‚bubble butt‘ (engl. ‚Blasenhintern‘, C.M.), einen derart aufgeblähten Bauch von den Gasen, die bei der Plastikzersetzung frei werden, dass die Tiere nur an der Oberfläche treiben, aber nicht mehr abtauchen können. Die Folge: Die Schildkröten verhungern oder werden von Freßfeinden erbeutet“ (Bisping, S. 13, a.a.O.), z.B. Haien. Australische Forscher stellten bei der Untersuchung von 250 toten Meeresschildkröten fest, dass ….

       - jedes zweite Jungtier Plastikobjekte im Magen-Darmtrakt hatte

          - bei jugendlichen und ausgewachsenen Schildkröten es „nur“ jedes sechste Tier war

      - sich bei Schlüpflingen kein Plastik im Magen fand.

Jüngere Schildkröten – erklären die Forscher – scheinen eher dort zu fressen, wo sich mehr Plastik im Meer befindet – nahe den Küsten (vgl. „Tagesspiegel“, 18. September 2018, S. 25 und Abb. unten)     

 

Immer wieder sterben Meeresschildkröten durch gefressenen Plastikmüll oder verheddern sich in treibendem Müll. Forscher gingen davon aus, die Schildkröten verwechselten z.B. treibende Plastiktüten mit Quallen.

Eine Forschergruppe um Joseph B. Pfaller (Universität von Florida) beschäftigte sich mit dem Verhalten der Meeresschildkröten dem Plastikmüll gegenüber.

Sie vermutete, dass die Schildkröten nicht nur vom Aussehen, sondern auch von dem Geruch des Plastkmülls angelockt würden (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Auf dem Plastikmüll siedeln sich im Meer jedoch rasch allerlei Mikroorganismen, Algen, Pflanzen und andere Lebewesen an.     

In einem Geruchsexperiment mit Unechten Karettschildkröten reagierten diese auf Futtergerüche (Fisch, Garnelen) genauso intensiv wie auf den Geruch von Plastik mit Ablagerungen (vgl. „Tagesspiegel“, 10. März 2020, S. 16).

Auf den Geruch von sauberem Plastik reagierten sie hingegen gar nicht mit Suchverhalten. Beim partiellen Absterben des Belags entsteht ein nahrungsähnlicher Geruch („Bio-fouling“), der die Tiere anlockt. Auch ist der Belag durchaus nahrhaft, wird allerdings oft zu einer tödlichen Falle (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Unklar ist jedoch noch, welche chemischen Verbindungen von besiedeltem Plastik die Schildkröten anlocken.     

 

Eine Studie aus dem Jahre 2017 (von der Aristoteles Universität Thessaloniki) zu den Populationen von 7 Arten der Meeresschildkröten belegte eine leichte Erholung einiger der 299 Populationen weltweit: Bei 95 von ihnen stieg die Zahl der Schildkröten deutlich an, bei 35 Populationen sank sie deutlich ab. Bei den restlichen blieb sie in etwa gleich (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

  

Günstig auf die Schildkrötenpopulation wirkt der aktive Schutz der Brutgebiete und der Eiablagen, so z.B. in dem 25 km langen Schutzreservat Ras al-Dschinz in Oman, wo nun auch geführte Öko-Touristen vor allem von Juni bis zum November die Eiablage der Grünen Meeresschildkröte erleben können.

Schon 1983 wurde Archelon, ein Verein zum Schutz der Schildkröten in Griechenland (mit Sitz in Glyfada bei Athen) gegründet. Er kümmert sich seither um u.a. den Schutz der Nester der Unechten Karettschildkröte in Zakynthos, auf Kreta und dem Peleponnes.

Dennoch stehen sechs der sieben Meeresschildkrötenarten als gefährdet, sehr gefährdet oder vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature, Weltnaturschutz –Union, (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

 

Weltweit gibt es unterdessen mehrere Institutionen, die sich um verletzte und erkrankte Schildkröten bemühen.

So z.B. das „Ontario Turtle Conservation Centre“ in Kanada, das jährlich Hunderte bei Unfällen verletzte Schildkröten rettet. Vor allem geht es darum, durch Autounfälle verletzte Panzer wieder zusammen zu fügen; oftmals sind es allein dort mehr als 20 Operationen täglich. Es handelt sich dabei um in Ontario heimische Arten, die auf der „Roten Liste“ als zumindest gefährdet stehen (vgl. „Tagesspiegel“, 14. 10 2017).

Schon 1986 wurde das „Turtle Hospital“ in Marathon/Florida gegründet, das bislang einige Tausend verletzte Schildkröten rettete und wieder ins Meer entließ.   

In der nicht-profitorientierten Tierrettungsstation „Carolina Waterfowl Rescue“(CWR) in Nord-Carolina werden jährlich hunderte von verletzten Schildkröten behandelt, v.a. Weibchen, die zur Eiablage an Lande gekommen sind: Viele werden von Autos angefahren, von Rasenmähern verletzt oder von Hunden gebissen.

Verletzungen am Panzer der Schildkröten müssen wieder zusammenwachsen, wie gebrochene Knochen. Dabei haben sich gespendete BH-Verschlüsse als Hilfe bewährt. Sie wurden an die Bruchstelle geklebt und dann mit Drähten so verbunden, dass der Riss zusammengehalten wird. Der Heilungsprozess kann Monate dauern, aber 70 % der dortigen Schildkröten-Patientinnen können durchschnittlich als geheilt wieder in die Freiheit entlassen werden.

 

 

Bei Schildkröten dauert es lange Jahre bis die Tiere geschlechtsreif sind. Die Weibchen legen zwar jedes Jahr viele Eier, ältere Schnappschildkröten bis zu 60 Stück. Aber weniger als ein Prozent der Eier führt zu einer erwachsenen Schildkröte. Es dauert rund 20 Jahre, bis eine Schildkröte selbst Eier legt. Besonders lang ist der Zyklus bei den Schnappschildkröten (Chelydra serpentina), die aus Nordamerika stammen und in Süßwasserseen und Flüssen leben: Ca. 1500 Eier und 59 Jahre werden benötigt,  um eine weibliche Schnappschildkröte in der Natur zu ersetzen.

 

 Der 23. Mai wurde als Weltschildkrötentag im Jahre 2000 von der „American Tortoise Rescue“ eingeführt und 2002 von der „Humane Society of the United States“ (HSUS, vgl. http://www.hsus.org/) übernommen und popularisiert. Ziel ist es, auf die Gefährdung der Schildkröten hinzuweisen und geeignete Aktionen zu ihrem Schutz zu initiieren.

 

Wie australische und US-Forscher jüngst feststellten, bedroht der globale Klimawandel die Existenz einer der größten Kolonien von Meeresschildkröten im nördlichen Great-Barriere-Riff: Da der Sand, in dem die Schildkröten ihre Eier vergraben, wärmer geworden ist, schlüpfen dort zu 99,1% nur noch weibliche Jungtiere (vgl. „Stern“, 18. Januar 2018, S. 20).

 

Meeresschildkröten sind – betonen Ökologen – ein guter Bioindikator für die Güte der jeweiligen Umwelt und die Biodiversität, - wenn die Umweltbedingungen sich verschlechtern, verschwinden sie. Zudem ernähren sie sich u.a. von Quallen, deren Gift z.T. auch tödlich für Menschen ist (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

  

Besonders aktiv beim Schutz der Meeresschildkröten ist auch das Fischerdorf Ebodjè in Kamerun. Das Dorf hat knapp 1000 Einwohner, liegt am Atlantik, im Süden Kameruns, ca. 40 km von der Grenze zu Äquatorial-Guinea. Die Bewohner gehören überwiegend zu dem kleinen Volk der Yasa, deren Sprache zu den südlichen Bantusprachen gehört und in Kamerun, Äquatorial-Guinea und Gabun gesprochen wird. Es gibt ca. 2400 Yasa-Sprecher. 

An dem kilometerlangen Strand von Ebodjé kommen 4 der 5 im Golf von Guinea lebenden Meeresschildkröten zur Eiablage:

  • die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea; frz. tortue luth; Vandelli, 1761): Sie ist die größte aller Meeresschildkröten; das größte bei der Eibalage in Ebodijé beobachtete Exemplar hatte eine Breite von ca. 2,1 m und eine Länge von ca. 2,4 m.  
  • die Oliv-Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea; frz. tortue olivâtre; Eschscholtz, 1829) 
  • die Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata; frz. tortue imbriquée; Linnaeus, 1766)  

·        die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas; frz.  tortue verte; Linnaeus, 1758 ) 

 

Im Jahre 2017/18 kamen ca. 150 Schildkröten zwischen September und April zur Eiablage an den Sandstrand des Dorfes.

In der Region ist die Naturschutz-Organisation „Tube Awu“ (auf Yasa „Unser Ozean“) zum Schutz der Meeresschildkröten aktiv.

Denis Gnamabo, der Vorsitzende von Tube Awu, meinte: „Die Meeresschildkröte ist in unserem Emblem. Von Generation zu Generation ist sie Teil unseres Lebens. Sie zu schützen ist heute unsere größte Aufgabe“ (zit. n. Kouagheu, a.a.O.).

Früher allerdings machte er, wie auch seine Vorfahren und nahezu alle Dorfbewohner, Jagd auf die Schidlkröten, töteten sie und aßen ihre Eier und ihr Fleisch.

Erst Ende der 90er Jahre wurden die Dorfbewohner durch eine Forschergruppe (mit Teilnehmern auch aus Europa) auf die Bedeutung der Schildkröten und ihres Schutzes aufmerksam gemacht. Viele erkannten, dass die Tiere zu anderen Dingen dienen könnten als zur Nahrung.

Mit der Hilfe verschiedener Nicht-Regierungsorganisationen begann man in Ebodjé den Ökotourismus zu entwickeln, organisierte Unterkünfte, Speiseräume und Naturführungen. 99% der Besucher kamen wegen der Schildkröten,

Eine Schildkrötenaufzuchtstation wurde mit externer Unterstützung eingerichtet, in dem Schildkröteneier geschützt und die Schlüpflinge – vom ganzen Dorf begleitet – zum Meer gebracht werden. So wurde die Überlebensrate der Jungtiere deutlich erhöht.

Im Jahre 2001 Museum  "La Maison de Ndiva" (auf Yasa: Ndiva Lederschildkröte) eingerichtet, mit Informationstafeln und Bildern zum Leben und zur Anatomie der Tiere und allerlei Schilkrötenobjekte, so konservierte Eier der Meeresschildkröten oder Panzer von einst gejagten Tieren.

So hat sich die Zahl der Besucher deutlich erhöht: In den letzten Jahren kamen durchschnittlich mehr als 300 Besucher in das recht abgelegene Ebodjé.

 

Jedoch wird dort auch immer noch gewildert, es wurden 2017 und 2108 jährlich ca. 20 Meeresschildkröten erlegt, darunter auch Lederschildkröten.

Denn vom Ökotourismus profitieren nicht alle Dorfbewohner genügend. Geplant sind deshalb u.a. die Errichtung einer Kühlkammer für die gefangenen Fische und den Ausbau einer Kokusnussanbau- und Vertriebsgenossenschaft (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

Zum Schutz der Meeresschildkröten stellten deshalb internationale Nicht-Regierunsgsorganisationen Gelder bereit. Jeder Fischer, dem zufällig eine Schildkröte ins Netz geht und der sie lebendig ins Dorf bringt, erhält als Kompensation 10 000 Francs CFA ( ca. 15,- €).

Die Mäzene finanzierten zudem den Besuch von Kindern des Dorfes auf höheren Schulen, so dass einige schon das Baccalauréat erreicht haben, - dank der Schildkröten!   

 

 

(unveränderlich, nach dem Gregorianischen Kalender)

 

© Christian Meyer

 


[1] Nach dem Berliner Ethnologen und Amerikanisten Walter Krickeberg (1885-1962) entstand der obige Mythos vermutlich unter den nördlicheren Algonkin.

[2] Unter „Gens“ (lat. sg. Familie, Geschlecht, Völkerschaft; pl. „gentes“) verstand Morgan eine soziale Gruppe mit einer (realer oder angenommenen) gemeinsamen Abstammung, im Falle der Irokesen von einer gemeinsamen Stammesmutter (vgl. Engels, 1960, S. 222, a.a.O.). 

[3] Das Wort „Totem“ entstammt einem Idiom der Algonkin (vgl. Findeiesen, S. 42, a.a.O.).

[4] Auch Friedrich Engels beschäftigte sich in „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ (1884 veröffentlicht) aufbauend auf den Forschungen Morgans und Manuskripten von Marx im III. Teil mit den „Irokesischen Gens“. Von der damaligen Sozialstruktur der Irokesen-Föderation war Engels fasziniert, da bei ihnen…

  • Frauen und Männer gleichermaßen ihre Vertreter wählten, Entscheidungen wurden einstimmig gefällt
  • nur wenige, unbedeutende Faktoren des Alltagslebens in Privatbesitz waren (z.B. die Wirtschaftsgärten), überwiegend vorherrschend war der Gemeinbesitz
  • keinen Staat gab, sie lebten „…ohne Soldaten, Gendarmen oder Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter; ohne Gefängnis, ohne Prozesse … Arme und Bedürftige kann es nicht geben – die kommunistische Haushaltung und die Gens kennen ihre Verpflichtungen gegen Alte, Kranke und im Kriege Gelähmte. Alle sind frei und gleich – auch die Weiber“ (Engels, 1960, S. 231/232, a.a.O.).

Engels erkannte allerdings auch kritische Aspekte der Irokesen-Gesellschaft, so ihre Aggressivität und Grausamkeit nach Außen, die Blutrache, sowie die „äußerst unentwickelte Produktion“, - eine „Organisation, dem Untergang geweiht“ (Engels,1960, S. 233, a.a.O.). 

Der Irokesen-Föderation wurde 1794 in einem Vertrag zugesichert, die Unabhängigkeit und Selbständigkeit „… solange das Gras wächst und die Flüsse fließen“ zu erhalten (Jeier, S. 86, a.a.O.).

Zur Zeit George Catlins (1796 - 1872) waren die Irokesen „… fast ganz vertilgt“ (Catlin, Bd. II, S. 66, a.a.O.), z.T. durch Kriege, durch Krankheiten, Vertreibungen und Alkohol.

Die Zeitung „Awksesasne Notes“, 1968 von u.a. dem Mohawk Ernest Benedict (*1918) gegründet und v.a. von Irokesen der Mohawks getragen, entwickelte sich zu einem „panindianisches Sprachrohr“ (Jeier, S. 233, a.a.O.), und kämpfte für die gemeinsamen Interessen der Indianer in den USA, Kanada und auch Lateinamerika. 

Heute leben Irokesen v.a. in Kanada, Wisconsin und Oklahoma.

 

 

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