Lailat Kadar (trk. Kadir [1] gecesi), islamische Nacht der göttlichen Allmacht

 

Die Geschichte und Chronologie der ca. 23 Jahre anhaltenden Offenbarungen des Propheten Muhammad ist nicht völlig geklärt. Wann die Berufung der Propheten erfolgte, bleibt wohl auf immer umstritten.

Nach dem Vorbild der christlichen Einsiedler, die der zukünftige Prophet auf seinen Geschäftsreisen getroffen hatte, und dem der einsamen Gottsucher („Hanifen“) zog sich der ca. 40jährige erfolgreiche, angesehene Kaufmann immer wieder in die Einsamkeit zurück.

In einer Höhle am Berge Hira (östlich von Mekka; die Öffnung soll direkt zur Kaaba zeigen; er wird auch Jabal un-nur, Lichtberg genannt) vollzog sich das Erlebnis, dass der Koran und die islamische Tradition als die Berufung des Propheten interpretieren.

Schlafend hatte Muhammad eine Vision, in der ihn der Engel Gabriel ( vgl.  24. März ) aufforderte, zu lesen, die Botschaft Gottes den Menschen vorzutragen.

In Ibn Ishâqs „Leben des Propheten“ heißt es dazu: „Als ich schlief, so erzählte der Prophet später, trat der Engel Gabriel zu mir mit einem Tuch wie aus Brokat, worauf etwas geschrieben stand, und sprach: »Lies!« [2] »Ich kann nicht lesen«, erwiderte ich. Da presste er das Tuch auf mich, so dass ich dachte, es wäre mein Tod.

Dann ließ er mich los und sagte wieder: »Lies!« »Ich kann nicht lesen«, antwortete ich. Und wieder würgte er mich mit dem Tuch, dass ich dachte, ich müsste sterben. Und als er mich freigab, befahl er erneut: »Lies!« Und zum dritten Male antwortete ich: »Ich kann nicht lesen.«

Als er mich dann nochmals fast zu Tode würgte und mir wieder zu lesen befahl, fragte ich aus Angst, er könnte es nochmals tun: »Was soll ich lesen?« Da sprach er: »Lies im Namen deines Herrn, des Schöpfers, der den Menschen erschuf aus geronnenem Blut! Lies! Und der edelmütigste ist dein Herr, er der das Schreibrohr zu brauchen lehrte, der die Menschen lehrte, was sie nicht wussten« (Sure 96, 1-5 [3] ).

Ich wiederholte die Worte, und als ich geendet hatte, entfernte er sich von mir. Ich aber erwachte, und es war mir, als wären mir die Worte ins Herz geschrieben.

Sodann machte ich mich auf, um auf den Berg zu steigen, doch auf halber Höhe vernahm ich eine Stimme vom Himmel: »O Mohammed, du bist der Gesandte Gottes, und ich bin Gabriel!«. Ich hob mein Haupt zum Himmel, und siehe, da war Gabriel in der Gestalt eines Mannes, und seine Füße berührten den Horizont des Himmels.

Und wieder sprach er: »O Mohammed, du bist der Gesandte Gottes, und ich bin Gabriel!« Ohne einen Schritt vorwärts oder rückwärts zu tun blieb ich stehen und blickte zu ihm. Dann begann ich, mein Gesicht von ihm abzuwenden und über den Horizont schweifen zu lassen, doch in welche Richtung ich auch blickte, immer sah ich ihn in der gleichen Weise. Den Blick auf ihn gerichtet, verharrte ich, ohne mich von der Stelle zu rühren…. Schließlich wich die Erscheinung von mir, und ich machte mich auf den Rückweg….. (vgl. Ibn Ishâq, S. 43 – 45, a.a.O.). 

Verstört und verunsichert berichtete Muhammad seiner Frau Chadidscha von seinem Erlebnis. Sie bestärkte ihn und erwiderte nach Ibn Ishâq: :»Freue dich, Sohn meines Oheims, und sei standhaft! Bei Dem, in Dessen Hand meine Seele liegt, wahrlich, ich hoffe, du wirst der Prophet dieses Volkes sein.« (vgl. Ibn Ishâq, S. 45, a.a.O.). 

Muhammad begann in der Folge in Mekka von der Güte des Schöpfergottes und dem nahenden Weltgericht zu predigen. Allerdings soll er ca. drei Jahre lang eine Art stiller Prediger gewesen sein. Seine Anhängerschaft zählte nur ca. 20 Mitglieder und er erlebte anscheinend eine Phase und Unsicherheit und Selbstzweifeln. Der Überlieferung nach soll der Prophet Muhammad befürchtet haben, als Wahrsager und Dschinn – Besessener angesehen zu werden. Denn er hatte keine weiteren Offenbarungen. Deshalb wird dieser Zeitraum auch „fatra“ (ar. Intervall, Pause) genannt.

Dann hatte Muhammad in seinem Haus in Mekka eine neue nächtliche Offenbarung durch den Engel Gabriel, der ihm befahl: „Tritt hervor und verkünde den neuen Glauben der Welt“.

Es soll der Legende nach eine stille, friedliche Nacht gewesen sein – Mekka. In Byzanz aber soll der Basileus einen bösen Traum gehabt haben, die Erde bebte, die Kreuze auf allen Kirchen der Stadt schwankten und ein Kind mit einem Schweinekopf wurde geboren.

In Ägypten sollen aus dem Nil „… zwei grässliche Gestalten hervorgestiegen sein und schreckenerregend um sich“ geblickt haben (vgl. Essad Bey, S. 101, a.a.O.).  

Um welche Nacht es sich dabei handelte ist unklar, teilweise wird vermutet, es sei die (ð)  Berat – Nacht gewesen, in der der Prophet sich der weiteren Öffentlichkeit zuwandte.

Recht unumstritten ist, dass die 74. Sure, die als die zweitälteste des Korans betrachtet wird,  nach der „Fatra“, der Zeit des Zweifels offenbart wurde.

 

Auch die 97. Sure bezieht sich auf die Offenbarungen der Kadir - Nacht: „Siehe, wir haben ihn in der Nacht El – Kadr geoffenbart. Und was lehrt dich wissen, was die Nacht El – Kadr ist ? Die Nacht El – Kadr ist besser als tausende Monde. Hinabsteigen die Engel und der Geist un ihr mit ihres Herrn Erlaubnis zu jeglichem Geheiß. Frieden ist sie bis zum Aufgang der Morgenröte“ (97. Sure, El – Kadr, 1-5 ).

 

Auch die 44. Sure (mit der Bezeichnung Dukhan – Der Rauch) bezieht sich (vermutlich) auf die als heilig angesehene Kadir – Schicksalsnacht: „Siehe, wir haben hinabgesandt in einer gesegneten Nacht – siehe, wir waren Warner, - in der jede Weise Sache entschieden wird, durch Befehl von uns. Siehe, wir entsandten Gesandte, als eine Barmherzigkeit von deinem Herrn – siehe er ist der Hörende, der Wissende“ (44, 1-5).   

 

Der ganze Koran war auf Arabisch zuvor - nach traditioneller islamischer Sicht – im siebenten Himmel auf  goldenen Tafeln geschrieben. In dieser Nacht wurde er zum unteren Himmel auf Blättern herabgesandt. Sie wurden im Verlauf der nächsten 23 Jahre vom Engel Gabriel dem Propheten überbracht.

Nach islamischem Volksglauben werden in dieser Nacht von Gott die Schicksale der Welt und der Menschen für das nächste Jahr bestimmt. Auch sollen Wünsche und Gebete, die in dieser Nacht ausgesprochen werden,  in Erfüllung gehen. Ein Kind, das in dieser Nacht geboren wird ("kadir gecesi doğmuş"), gilt in der Türkei bis heute als ein "Glücks- oder Sonntagskind".

Sa’di schreibt in seinem „Rosengarten“:

                               „Wenn alle Nächte die Schicksalsnacht wären,

                                 wäre die Schicksalsnacht ohne Schicksal“ (Sa’di, S. 310, a.a.O.).

Der Abend / die Nacht wurde und wird bis heute von vielen Muslimen festlich begangen, früher oft auch in ausschweifenden Feiern.

Ismail Kadaré beschreibt in seinem Roman "Der Schandkasten" einen Lailat Kadar - Abend im osmanischen Istanbul des frühen 19. Jhdts.: "Im ganzen Reich feierte man die Nacht der Kraft. Jahrhundertelanger Tradition  entsprechend hatte der erhabene Padischah in dieser Nacht einer Jungfrau beizuwohnen. Die Hauptstadt erstrahlte in einem Lichtermeer. Am späten Abend donnerten vom Paukenturm, der Gefängnisfestung und von der Terrasse der Admiralität die Kanonen, um den Beginn der Nacht der Kraft anzuzeigen" (vgl. Kadaré, 1996, S. 88, a.a.O.).

In dem Roman „Ali und Nino“ des aserbaidschanischen Schriftstellers Kurban Said (1905 – 1940) wird eine alte muslimische Überlieferung erzählt, wie man ein echter „Aschuk“ ( = Dichter) wird: „Im Monat Ramadan … gibt es eine geheimnisvolle Nacht, die Nacht Kadir. In dieser Nacht schläft die Natur für eine Stunde ein. Ströme hören auf zu fließen, die bösen Geister hören auf, die Schätze zu bewachen. Man kann Gras wachsen und Bäume sprechen hören. Aus den Flüssen erheben sich die Nymphen, und die Menschen, die in dieser Nacht gezeugt werden, sind Weise und Dichter. In der Nacht Kadir muss der Aschuk den Propheten Elias anrufen, den Schutzheiligen aller Dichter. Zur richtigen Zeit erscheint der Prophet, gibt dem Dichter aus einer Schale zu trinken und sagt: ‚Von nun an bist du ein echter Aschuk und wirst alles in der Welt mit meinen Augen sehen’. Der also Begnadete beherrscht die Elemente; Tiere und Menschen, Winde und Meere gehorchen seiner Stimme, denn in seinem Wort ist die Kraft des Allmächtigen“ (vgl. Said, S. 45/46, a.a.O.).

 

(variabel nach dem islamischen Mondkalender; am 27. Tag des 9. Monats Ramadan)

 
© Christian Meyer

 


[1] Das arabische Wort "kadr" bedeutet soviel wie "Kraft, Stärke, Allmacht, Herrlichkeit“.

[2] Das arabische Wort „quran“ (Koran) bedeutet „Lesung, Rezitation“. „Lies“ meint von daher „Lies vor“, „Rezitiere!“. 

[3] Diese 96. Sure (mit der Bezeichnung „Das geronnene Blut“) gilt als die erste Offenbarung, die der Prophet Muhammad erhielt.