Chanukka - Hebräisch
Chanukka - Hebräisch
Die Makkabäer
Die Makkabäer
Karte des Makkabäer-Reiches
Karte des Makkabäer-Reiches

Abb. Makkabäer-Reich; Karte aus Keller, 1955, S. 323, a.a.O.

1. Tag des jüdischen Chanukka – Festes, des achttägigen Lichterfests 

 

Das Fest („Chanukka“ bedeutet "Neueinweihung", "Wiedereröffnung" [1]) erinnert an die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem an diesem Tage, nach dem Sieg der Makkabäer 165/64  v. Chr.. Chanukka gehört  - wie Purim - zu den nachexilischen „Jamim towim“ ( = Feiertagen). Chanukka gilt als einer der Halbfeiertage, die nicht auf ein Gebot der Thora, sondern auf historische Ereignisse  zurückgehen.

 

Während der ersten Phase der Diadochen–Herrschaft gehörten ganz Palästina und Judäa zum Ptolemäischen Reich [2]. Die Juden erfreuten sich einer weitgehenden Selbstverwaltung einschließlich völliger religiöser und kultureller Freiheit.

An der Spitze der Selbstverwaltung stand der Hohepriester, dessen Macht durch den Sanhedrin [3], eine Art Senat und gleichzeitig auch das Oberste Gericht, begrenzt war. Der Hohe Rat und der Hohepriester waren dem Hof in Alexandria (später in Antiochia, dem heutigen Antakya) rechenschaftspflichtig (vgl. Kreißig, S. 148, a.a.O.).                            

Der Grad der Selbstverwaltung ist jedoch unklar. Im ägyptischen El–Fajum fand man das Papyrus–Archiv des ptolemäischen Offiziers Zeno, der zur Zeit des Ptolemäus II. Philadelphus In Palästina/Judäa diente. In den Papyri Zenos findet sich kein Hinweis auf eine Selbstverwaltung (vgl. Narkiss, S. 45, a.a.O.).  

Das judäische Gemeinwesen blühte auf, die Bevölkerung wuchs und viele Juden migrierten in die benachbarten hellenisierten Gebiete [4] .

Der griechische Philosoph und Geograph Strabon (aus Amaseia, ca. 63 – 20 v. Chr.) schrieb bereits, dass „dieser Stamm“ (die Juden) in jeden Staat eingedrungen seien und es schwierig sei, einen Ort zu finden, an dem sie sich nicht aufhielten und dominant würden.    

Um 200 v. Chr. eroberten die Seleukiden–Heere unter König Antiochus III. („dem Großen“, auch „dem Edlen“, reg. 223 – 187 v. Chr.) im 5. Syrischen Kriege das südliche Syrien, einschließlich Judäas: die ptolemäische Oberhoheit wurde durch die seleukidische ersetzt. Antiochus III. war anscheinend dem Judentum freundlich gesonnen.

Das änderte sich v.a. unter Antiochus IV. Epiphanes = („der offenbare Gott“ [5] ; 175 – 163 /64 v. Chr.), dessen Zoll- und Steuereinnehmer das Land zunehmend aussaugten. Bis zu einem Drittel der Ernte betrug die steuerliche Belastung. 

Unter ihm „.. wurde auch die Vergabe des Hohenpriesteramtes ein einträgliches Geschäft“ (Kreißig, S. 185, a.a.O.). Jedoch waren die ersten Edikte des Königs nicht speziell anti – judäisch, sondern betrafen alle Bewohner des Seleukiden–Reiches, - aber nur einige Judäer wehrten sich.

Vor allem aber begann Antiochus IV. den rigiden Versuch einer homogenisierenden Hellenisierung Judäas, was den Widerstand der traditionellen Gläubigen, der Chassidim hervorrufen musste. „….alle sollten zu einem Volke werden und jedes seine Gebräuche aufgeben … und wer dem Gebote des Königs nicht nachleben würde, der sollte sterben..“ (1. Makk 1, 44f).    

Hellenistischer Einfluss zeigte sich z.B. in der Sprache. Viele Diaspora–Juden begannen Griechisch als Muttersprache zu sprechen. Ins Hebräische bzw. in das schon seit dem 4. Jhdt. vorherrschende Aramäische wurden griechische Begriffe entlehnt, z.B. Sanhedrin oder den bis heute im Hebräischen benutzten Begriff „Apikoros“ (= Epikuräer), für unzüchtige und unmoralische Menschen (vgl. Dimont, S. 86, a.a.O.), aber auch für „Skeptiker, Freidenker, Häretiker“. 

Die Schärfe des Kulturkampfes zeigt sich auch in ethnozentristischen Haltungen, die bei jüdischen Autoren der hellenistischen Zeit nicht selten waren; viele glorifizierten die jüdische Kultur und behaupteten, sie sei die älteste der Welt. Einige sahen Juden auch als die Lehrer der anderen Völker und leugneten umgekehrt die Beeinflussung des Judentums durch die „Heiden“.

Um 150 v. Chr. meinte der jüdische Autor Eupolemus, Abraham sei einer derjenigen gewesen, die die Sintflut überlebt hätten; er  hätte die Stadt Babylon errichtet. Mose – meinte Eupolemus gleichermaßen – sei der früheste Philosoph überhaupt gewesen, er hätte die Schrift erfunden und sie den frühen Griechen beigebracht.

Um 100 v. Chr. schrieb ein Jude namens Artapanus ein Buch „Über die Juden“, in dem er behauptete, Mose habe die ägyptische Zivilisation begründet, und u.a. die Kulte des Apis und Ibis eingeführt.

Ein weiterer jüdischstämmiger Autor namens Cleodemus (oder Malchus) behauptete, dass zwei Söhne Abrahams den griechischen Heroen Herakles auf seinen Expeditionen nach Afrika begleitet hätten und der Heros eine Enkelin Abrahams geheiratet hätte ( vgl.. Frank E. Smitha, 1998, www.fsmitha.com/h1/ch17.htm).

 Der Einfluss der griechischen Philosophie, das freie Denken und die damalige „globalisierte“ hellenistische Lebensart wurde von vielen armen orthodoxen Gläubigen v.a. auf dem Lande an sich bereits als eine Bedrohung gesehen. Umgekehrt gab es jedoch eine mächtige Gruppe von Anhängern der Hellenisierung, v. a. unter dem wohlhabenden städtischen Adel Judäas. Tendenziell waren die sozialen Unterschiede identisch mit den kulturellen, die städtisch–wohlhabenden Schichten entsprachen wohl den hellenistisch – orientierten Kreisen (vgl. Narkiss, S. 45, a.a.O.).

Als „… Antiochus der Edle fing an zu regieren im 137. Jahr des griechischen Reiches [6] ... und Jason [7] das Priesteramt kriegte, gewöhnte er alsbald seine Leute an der Heiden Sitten ...“ (1. Makk, 1,11).  Sportwettkämpfe nach griechischer Art, u.a. insbesondere das Diskuswerfen, waren unter den judäischen Jugendlichen höchst beliebt.

Die Makkabäer–Bücher berichten z.B. um die Auseinandersetzungen um ein „Gymnasion“ oder Sport–Stadion (Luther übersetzt „Spielhaus“): „Gerade unter der Burg baute er (Jason) ein Spielhaus und verordnete, dass sich die stärksten jungen Gesellen darin üben sollten. Und das griechische Wesen nahm also überhand durch den gottlosen Hohenpriester Jason, dass die Priester des Opfers und des Tempels nicht mehr achteten, sondern liefen in das Spielhaus und sahen, wie man den Diskus warf und andere Spiele trieb“ (2. Makk 4, 10, 12 – 14).

Bei der Beurteilung dieser sportlichen Betätigungen muss berücksichtigt werden, dass die Spiele – getreu dem olympischen Vorbild – völlig nackt betrieben wurden. Die Athleten dürften ihren Körper nur mit einer dünnen Ölschicht bedecken (vgl. Keller, 1955, S. 317, a.a.O.). Die Nacktheit aber galt damaligen frommen Juden als charakteristisches Merkmal der „heidnischen“ Fruchtbarkeitsgöttinnen.

Zudem befand sich das Stadion, das der Hohepriester Jason errichten ließ, direkt am Saum des Tempelberges, im „Tal der Käsemacher“ (Tyropöon), wie Flavius Josephus berichtet. Beides musste auf  die Chassidim als Affront erlebt werden. 

Hinzu kam noch, dass der Nacktheit wegen jüdische Wettkämpfer entgegen den Bestimmungen des Gesetzes „… die Beschneidung nicht mehr“ einhielten (1. Makk 1,10). Bei der Teilnahme an Wettkämpfen außerhalb Judäas scheint den beschnittenen Sportlern soviel Hohn, Spott und sogar Abscheu entgegengeschlagen zu sein, dass einige in einem chirurgischen Eingriff Abhilfe suchten, der den unbeschnittenen Zustand optisch wiederherstellte (vgl. Keller, 1955, S. 318, a.a.O.).

Schließlich waren die hellenischen Spiele allesamt kultische Spiele, die „heidnischen“ Göttern, wie Apollo oder Zeus geweiht waren und allein schon deshalb von den Chassidim streng verurteilt werden mussten. 

Vorübergehend wurde die Stadt Jerusalem auf Bitten hellenistischer Kreise unter Jason sogar rechtlich in eine griechische Polis mit dem Namen Antiochia umgewandelt (vgl. Narkiss, S. 46, a.a.O.). 

Die damaligen Auseinandersetzungen der Judäer mit dem Hellenismus, einem „heftigen Kulturkampf“ (Vries, S. 103, a.a.O.), schlugen sich auch in den überlieferten Märchen nieder, in den das Motiv des Wettstreits zwischen Jerusalem und Athen mehrfach auftritt (z.B. in „Der einäugige Sklave“ oder „Der verspottete Spötter“, vgl. Kanner, S. 127, a.a.O.).

Antiochus IV. Epiphanes nahm fälschlich an, er könne den Zeus – Kult in Judäa leicht durchsetzen, denn in den östlichen Regionen des Seleukiden–Reiches wurde bereits von einigen jüdischen Gemeinden Jahwe und dem Namen „Zeus Sabazion“ verehrt.

 

Der erste schwere Zusammenstoß erfolgte, als während eines Feldzugs des Antiochus nach Ägypten in Jerusalem das Gerücht entstand, die Armee des Königs sei vernichtend geschlagen worden: die Partei der Chassidim (der „Frommen“) erhob sich, ihre Anhänger besetzten Jerusalem, den Tempel und warfen hellenisierte Priester und deren Götterstatuen von der Tempelmauer herab.

Der König war jedoch gar nicht besiegt, er kehrte 168 v. Chr. nach Jerusalem zurück und nahm Rache: mehr als 10 000 Einwohner der Stadt sollen dabei den Tod gefunden haben (vgl. Dimont, S. 89, a.a.O.).  Antiochus ließ sogar den Tempel plündern: „Da raubte er mit seinen unreinen Händen die heiligen Gefäße und alles, was die anderen Könige zum Tempel gegeben hatten zu Schmuck und Zierde, das raffte er mit seinen sündigen Händen hinweg“ (2. Makk 5,16). Auch Polybios merkte in seiner vierzigbändigen „Weltgeschichte“ an, Antiochus IV. habe „… die meisten Heiligtümer beraubt“ (zit. n. Keller, 1955, S. 319, a.a.O.).

 König Antiochus IV. Epiphanes strebte zur Stärkung des Staates eine „religiöse Gleichschaltung des Seleukidenreiches“ (Koch, S. 38, a.a.O.) an. Im Jahre 169 bereits ließ er mit Gewalt ein Standbild des olympischen Zeus im Tempel zu Jerusalem aufstellen und dessen Kult am 25. Tag des Monats Kislew einführen. Der Tempelleuchter wurde gelöscht und die geweihten Ölvorräte geplündert. Nach Flavius Josephus ließ Antiochus IV. Epiphanes Schweine auf dem Altar des Tempels in Jerusalem opfern.  

„Antiochus sandte auch Briefe gen Jerusalem und in alle Städte Judas, darin er gebot, dass sie der Heiden Gottesdienst annehmen sollten“ (1. Makk 1, 46). Auf die Ausübung jüdischer Riten wie die Sabbatheiligung, das Tempelopfer, die Beschneidung (Brit Mila) stand nun die Todesstrafe, die Befolgung der Gebote der Thora wurde 167 verboten. Es gab jedoch viele Gläubige, „... die ließen sich lieber töten, denn dass sie sich verunreinigten“ [8] (1. Makk 1, 6).

Auch jüdische heiligeSchriften wurden in dieser ersten systematischen Religionsverfolgung der Geschichte zerrissen,  verbrannt, vernichtet [9] .

Unter der Führung der Familie der Hasmonäer aus Modein (auch Modin, heute: El-Midje, nahe Lod, ca. 28 km nordwestlich von Jerusalem, an der alten Straße nach Jaffa) erhob sich der Widerstand der Chassidim gegen die religiöse Unterdrückung. Als die seleukidischen Soldaten 167 nach Modein kamen, um die dortigen Gläubigen zu zwingen, „.. von Gottes Gesetz abzufallen und zu opfern und zu räuchern“, weigerte sich der alte Priester Mattathias nicht nur beharrlich. Als er vielmehr einen Juden sah, der das „heidnische“ Opfer vollzog, „… entbrannte sein Eifer um das Gesetz. Und er lief hinzu und tötete bei dem Altar den Juden und den Hauptmann des Antiochus und warf den Altar um“ (1. Makk 2, 1-25) – das wurde das Signal zum Aufstand der Makkabäer.

Die Familie von Mattathias (Mattitjahu) und seinen fünf Söhnen [10]  stammte aus dem niederen Priestertum. Die soziale Basis des ca. dreißigjährigen blutigen Freiheitskampfes aber war die Schicht der freien Kleinbauern [11], die sich „…. Gegen die doppelte Ausbeutung durch die Seleukiden und die eigene herrschende Schicht erhoben“ (Kreißig, S. 185, a.a.O.).

 

Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 167/166 vor Christus übernahm der dritte Sohn, Jehuda HaMakkabi (Judas Makkabäus [12]), als charismatischer Führer und Kriegsheld den Befehl über die gesetzestreuen jüdischen Freischärler, die sich im Kampf gegen die Religionsverfolgung der Seleukiden und gegen die innerjüdische hellenistische Reformpartei in die Berge zurückgezogen hatten.

Schon seit ca. 174 v. Chr. führten judäische Guerilleros in den Bergen einen blutigen Kleinkrieg gegen die  seleukidische Herrschaft und den hellenisierten judäischen Adel. Die Hasmonäer fassten die einzelnen Guerilla – Gruppen zusammen und schufen ein schlagkräftiges Heer, das die Seleukiden in mehreren Schlachten besiegen konnte. 

Anfangs hatten die Aufständischen der Sabbatheiligung wegen große Verluste, bis eine Sonderregelung auch den Kampf am Sabbat gestattete (vgl. Narkiss, S. 48, a.a.O.).

Judas Makkabäus gelang es schließlich 165/164 siegreich in Jerusalem einzuziehen. Dort ließ er das entweihte Heiligtum reinigen, neu weihen und den Opferdienst restituieren  (1.Makk. 4, 34 - 59). Zusätzlich betrieben die Makkabäer zeitweise eine diplomatisch kluge Politik zwischen den streitenden seleukidischen Thronprätendenten.

Der Sohn des Epiphanes, Antiochus V. Eupater (163/162 v. Chr.) sammelte ein großes Heer mit einem Kriegselefantenkorps mit dem er den Makkabäern in der Elefantenschlacht bei Beth – Zacharia eine schwere Niederlage zufügen konnte. Aber wegen interner Konflikte waren die Seleukiden zu einem Friedensschluss bereit, der die Edikte des Epiphanes von 167 aufgehoben hätte und freie Religionsausübung zusicherte (1. Makk 6, 30f, 58f.).

Über die Freiheit der Religionsausübung hinaus strebten Judas und die anderen Makkabäer nun auch die politische Unabhängigkeit an. Dies führte zu einer internen Spaltung der jüdischen Befreiungsbewegung, denn nicht alle Gruppen trugen das makkabäische Streben  nach der politischen Macht mit. In auch innerjüdischen Kämpfen schloss Judas Makkabäus  einen Bündnisvertrag mit Rom. Im April 160 v. Chr. kam eszur Schlacht bei Eleasa (oder Elasa, Lage unbekannt) gegen den seleukidischen Feldherrn Bacchides. Die römische Armee griff trotz des Bündnisses nicht ein. Die Schlacht, in der Judas sein Leben verlor, ging für die Makkabäer verloren. Begraben wurde Judas Makkabäus in Modein.

Der Kampf aber ging weiter. Der jüngste Bruder Jonathan übernahm nun die Führung der makkabäischen Aufständischen.

Ein Zentrum der militärischen Auseinandersetzungen war die Festung Beth – Sur (auch Beth – Zur), zwischen Jerusalem und Hebron gelegen. Bei Ausgrabungen durch die US – amerikanischen Archäologen W.F. Albright und O.P. Sellers 1931 fand man in Beth – Sur nicht nur viele Münzen aus der Zeit der Könige Antiochus Epiphanes und Antiochus Eupater. Neben Überresten aus mehreren Befestigungsperioden fand man auch Spuren des Kantinenbetriebs für die seleukidische Besatzung: ein Weinhändler aus Rhodos muss der Hauptheereslieferant für Beth – Sur gewesen sein  (vgl. Keller, 1955, S. 322, a.a.O.).  

Schließlich hatten die Seleukiden faktisch Judäa und Galiläa verloren, die um 140 v. Chr. unabhängig wurden (vgl. 1 Makk 15, 1f.).

Der Sieg wurde auch als ein geistiger Sieg des jüdischen Glaubens über den Hellenismus empfunden. Für das Judentum wurden Judas und die Makkabäer zu einem bleibenden Vorbild für den (zeitweise) erfolgreichen Widerstand gegen fremde Unterdrückung.

Die Hasmonäer - Familie wurden zu judäischen Königen [13] (bis 63 v. Chr.) und als solche selbst zu hellenisierten ausbeuterischen Parasiten, so dass es später mehrfach Volkserhebungen gegen sie gab. Aus den Chassidim gingen die späteren Pharisäer hervor, aus der (stärker hellenistischen) Gegenpartei die Sadduzäer.

 

In der Not der Makkabäer – Zeit entstand um 165 v. Chr. die älteste im Wortlaut erhaltene „Apokalypse[14], im alttestamentarischen Buche Daniel [15] , die „Visionen“ Daniels. „Inhalt einer Apokalypse ist die Offenbarung des bevorstehenden Weltendes. Weder in einer fernen Zeit noch in einem unerreichbaren Raum, sondern im Jetzt und Hier wird der Anbruch der Endzeit mit dem Gericht über die Menschen begriffen. …. In der judäischen Apokalyptik bedeutet Weltende für die erlösten Menschen zugleich den Anbruch eines neuen, besseren Zeitalters, in dem auch die Toten wiederauferstehen [16] “ (Kreißig, S. 132, a.a.O.).

Das Buch Daniel erzählt von den religiösen Verfolgungen unter Antiochus IV.,  „….wenn das tägliche Opfer abgetan und ein Greuel der Verwüstung aufgerichtet“ (Dan, 12, 11) wird.

Eine wichtige Quelle zur Makkabäer – Zeit sind die „Makkabäer – Bücher“, vier Geschichtsbücher [17] , die in der griechischen Bibel [18] enthalten sind.

 

Chanukka weist auf den Tag, als der Tempel durch die Seleukiden entweiht wurde, und auf den Tag genau drei Jahre [19] später auch an einem 25. Kislew durch die Makkabäer wieder gereinigt und neu eingeweiht wurde. „Am Fünfundzwanzigsten des neunten Monats... errichteten sie Brandopfer, so wie es das Gesetz vorschreibt. Zur gleichen Zeit und am selben Tag, an dem ihn die fremden Völker entweiht hatten, wurde er neu geweiht, unter Liedern, Zither- und Harfenspiel... Sie schmückten die Vorderseite des Tempels... Jahr für Jahr soll man zur selben Zeit mit festlichem Jubel die Tage der Altarweihe zu begehen, und zwar acht Tage lang...“ (1.Makk 4, 52 f.)

Als nun der Tempel (hebr. „Bet Hamikdasch“ [20] ) neu geweiht werden sollte, fand sich nach dem Talmud nur ein einzigen Krug rituell reinen (koscheren) Öls, das noch mit dem Siegel des Hohenpriesters versehen war. Wundersamerweise aber brannte das Öl acht Tage lang, obwohl der Krug nur soviel Öl enthielt, um damit das Ewige Licht des Siebenarmigen Leuchters im Tempel (Menora) für einen Tag anzuzünden. In den acht Tagen konnte neues, reines, frisches Olivenöl herbeigeschafft und geweiht werden.  

 

An dieses Lichtwunder wird nun jedes Jahr erinnert:  in einem besonderen Chanukka - Leuchter („Chanukkia“) wird täglich eine weitere Kerze entzündet. Der dazu benutzte Leuchter besitzt - im Gegensatz zur siebenarmigen Menora - acht Behältnisse für Öl oder Kerzen, sowie ein oft seitlich angebrachtes neuntes zum Anzünden, den „Schamasch“ (hebr. „Diener“).

Praktisch jede jüdische Familie besitzt einen solchen Leuchter, dessen Kerzen nur zu Chanukka entzündet werden dürfen. Die Chanukka - Lichter werden nach Sonnenuntergang angezündet, davor werden durch den Hausherrn zwei Segenssprüche rezitiert:„Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du uns geheiligt durch deine Gebote und uns befohlen, das Chanukkalicht anzuzünden“ und „Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du Wunder erwiesen unseren Vätern in jenen Tagen und zu dieser Zeit.“.

 

Abb. Chanukka - Lichtanzünden

 

Am ersten Abend wird nur ein Licht, das rechteste, angezündet, am zweiten Abend das nächste, und so fort, bis am achten Chanukka - Abend alle acht Lichter entzündet werden. Als erstes wird aber immer das zuletzt hinzugefügte Licht angezündet, also von links nach rechts. „Nach dem Lichteranzünden werden Gebete und Lieder rezitiert und von der ganzen Familie gesungen, um damit die freudige und feierliche Stimmung zu erhöhen." (Donin, S. 266f., a.a.O.). Der angezündete Leuchter sollte möglichst an ein Fenster gestellt werden, damit sie von außen gesehen werden kann: so soll das Chanukka - Geschehen öffentlich werden.

Dazu wird oft das beliebte Chanukka - Lied „Maos Zur Jeschuati“ („Zuflucht, meiner Hilfe Hort“ aus Jesaja 17,10) gesungen.

 

Abb. Chanukka - Melodien

 

Während die Kerzen brennen (mindestens eine halbe Stunde) , ruht alle Arbeit. Die Chanukkakerzen dürfen nicht für säkulare, praktische Zwecke benutzt werden, weder zum Beispiel zum Beleuchten des Zimmers um zu lesen, noch etwa zum Anzünden einer Zigarette. 


 Auch Chanukka hat - wie jeder jüdische Feiertag -  seine typischen Gerichte. Vor allem sollen in Öl gebratene Speisen gegessen werden, die an das Öl erinnern, das im Tempel gefunden wurde und für acht Tage reichte. Eine Spezialität sind Krapfen (Sufganiot, ähnlich den Berliner Pfannkuchen). 

 

Zu Chanukka gehört auch das Spiel mit einem besonderen Kreisel (Dreidl, Trendel, Sewiwon). König Antiochus IV. Epiphanes hatte es den Juden verboten zusammenzukommen, um in der Thora zu lesen. Sie machten es aber trotzdem. Wenn die Soldaten kamen, lag immer ein Kreisel auf dem Tisch: Es sollte so aussehen, als ob sie spielten.

Die Kinder (und nicht nur sie) spielen zu Chanukka bis heute mit dem Kreisel. Auf dem Kreisel stehen in Israel die hebräischen Buchstaben Nun, Gimmel, He, Pe, für „Nes Gadol Haja Po“ („Ein großes Wunder geschah hier"). In der Diaspora ist die Buchstabenfolge abgewandelt: Nun, Gimmel, He, Schin, für: „Nes Gadol Haja Scham“ („Ein großes Wunder geschah dort").

Heute wird mit dem Kreisel um Nüsse oder Süßigkeiten gespielt. Je nachdem, wie der Kreisel fällt, bekommt man welche oder man muss welche abgeben (vgl. Abb. unten).

 

In den Synagogen liest man zu Chanukka aus 4. Mose 7,1-8,4. In der Synagoge steht der Chanukka – Leuchter rechts vom Thora – Schrein, in Ost – west – Richtung. In der Synagoge entzündet der Kantor täglich die Chanukka – Kerzen. 

In Israel sind die Schulen während der acht Chanukka - Tage geschlossen; Geschäfte aber sind geöffnet und alle Büros oder Dienstleistungsbereiche arbeiten regulär.

 

Chanukka - Tafel (Abb. aus Dolezalová, S. 108, a.a.O.)

 

Abb. Chanukka – Leuchter

 

„Obgleich Chanukka zur Erinnerung an einen der großen Siege der jüdischen Geschichte gefeiert wird, hat man bis in die Neuzeit nur wenig Aufhebens davon gemacht. Es wird nicht als religiöses Vollfest gefeiert; die Erwachsenen gehen weiterhin ihrer Arbeit nach und die Kinder besuchen die Schule. Abgesehen von einigen Ergänzungen der Liturgie und vom Anzünden des Chanukka - Leuchters an jedem der acht Festtage, hat das Fest nur geringen Einfluss auf den Alltag.

In jüngerer Zeit haben jüdische Eltern angefangen, Chanukka etwas ausgeprägter zu feiern, um den starken Einfluss von Weihnachten auf die jüdischen Kinder auszugleichen, die sich sonst vielleicht benachteiligt fühlen könnten. Geschenke an jedem Chanukka - Abend sind jetzt üblich, und die Gemeindefeiern werden stärker betont." (Kolatch, S. 305, a.a.O).

 

Im Jahre 1999 ließ die Jüdische Gemeinde New York zum Chanukka – Fest vor den Niagara – Fällen eine Chanukkia errichten, so dass die Kerzen vor einem der berühmtesten Naturschauspiele entzündet wurden (vgl. TAZ,  09.12.1999, S. 5).

 

Das jüdische Lichterfest Chanukka hat ohne Zweifel  auch die christlichen Advents- und Weihnachtsbräuche beeinflusst. 

 

 

Abb. Chanukka – Rockland

 

Mehrfach sind Judas Makkabäus und der Makkabäer – Aufstand künstlerisch dargestellt worden, so z.B. durch Peter Paul Rubens (1577 – 1640) „Der Triumph des Judas Makkabäus“ (1635). Das bekannteste Werk ist sicher das Oratorium „Judas Makkabäus“ von Georg Friedrich Händel (1685 - 1759), nach einem Libretto von Reverend Thomas Morell (1703-1784). Das Libretto geht im Wesentlichen auf das erste Buch der Makkabäer zurück (1. Makk. 2-8). Das Oratorium endet damit, dass der israelitische Gesandte Eupolemus von einer Mission nach Rom mit einem Vertrag zurückkehrt, der die Unabhängigkeit Judäas garantiert. Die Judäer danken Gott und preisen den siegreichen Judas Makkabäus, der ihnen die Hoffnung auf Frieden und Wohlstand zurückgegeben hat.

Im dritten (und letzten) Akt des Oratoriums wird das Freudenfest zur Wiedereinführung der Opferriten im Tempel thematisiert. 

Händel komponierte die Musik in wenigen Wochen: „Ouverture Oratorio Judah Maccabeus. angefangen den 9 July 1746. od. den 8 dieses“ schrieb Händel auf die erste Seite des Autographs, und am Ende der letzten steht „S.D.G. Fine dell’Oratorio G. F. H. Agost. 11. 1746. völlig geendet.“

Hintergrund der Entstehung des Oratoriums bildet die Schlacht von Culloden (16. April 1746), in der die schottischen Anhänger des katholisch – jakobitische [21] Stuart – Thronprädentent Charles Edward („Bonnie Prince Charlie“) durch die britischen Truppen unter dem Herzog von Cumberland vernichtend geschlagen wurden.

Der Prinz of Wales in höchsteigener Person gab Händel den Auftrag, eine festliche Musik für die Rückkehr des Siegers von Culloden zu komponieren.  

Händel wählte dafür das Libretto „Judas Makkabäus“, wobei damals klare inhaltliche Parallelen gesehen wurden: auch England war durch die drohende Stuart – Restauration in Gefahr und der Herzog von Cumberland rettete das Land, so wie einst Judas Makkabäus das seine [22].  

 

Abb. Chanukka - Händel

 

Die Uraufführung im Frühjahr 1747 in Covent Garden war ein großer Erfolg, die ganze königliche Familie und das gesamte Parlament waren zugegen und lauschten „… begeistert diesem ‚Oratorium der nationalen Befreiung’“ (E. Wagner, 1952, S. 358, a.a.O.).  Auch die Texte verschiedener Partien des Oratoriums trafen vielfach die Stimmung der Zuhörenden: 

„Wohin, wohin, sollen wir fliehen?“

„Den Helden send’ mit Mut und Geist“

„Freiheit oder Tod“ 

„Seht, er kommt mit Preis gekrönt“ [23] (3. Akt; in anderer Übersetzung: „Seht den Sieger

  ruhmgekrönt“, vgl. Abb. unten)

Der Text des Oratoriums ist durch einen ungebrochenen Heroenkult und einen plakativen Patriotismus gekennzeichnet: „Wir folgen dir zum Siege, wenn zum Fall – Wie ziert für Freiheit, Vaterland der Fall“. Auch fallen einige Militarismen im Text („... durch Leichenhügel und ein Meer von Blut“) auf. Viele Musikhistoriker vermuten, dass der große Erfolg des „Judas Makkabäus“ im 19. Jhdt. z.B. in Deutschland – als Händels Opern weithin vergessen waren – auch mit den patriotisch – kriegerischen Tendenzen zusammenhängen.  

Zu Händels Lebzeiten war „Judas Makkabäus“ sein deutlich erfolgreichstes Oratorium.

Auch in Israel ist das Oratorium „Judas Makkabäus“ bis heute sehr populär.

Im Mai 2002 wurde im Prager Veitsdom auf dem Hradschin während des „Prager Frühlings“ das Oratorium „Judas Makkabäus“ der tschechischen Gegenwartskomponistin Sylvie Bodorova erfolgreich uraufgeführt. 

 

Der Begriff Makkabäer wird bis heute als Name für viele jüdische Sportvereine benutzt, so etwa der TuS Makkabi Berlin, der größte jüdische Sportverein in Deutschland.

Zudem bezeichnet der Name „Maccabiade“ die Wettkämpfe jüdischer Sportler aus aller Welt, den drittgrößten Sportanlass der Welt - nach den Olympischen Spielen und der Universiade für Studenten

Im Jahre 1932 fand in Tel Aviv die 1. Maccabiade - als Weltfest des jüdischen Sports - mit 300 Teilnehmern aus 21 Ländern statt. 1935 fand die Maccabiade zum zweiten Mal statt und seither alle vier Jahre. Sie ist fortwährend gewachsen und fand immer im „Heiligen Land“, seit 1948 in Israel, statt.  

Berühmte jüdische Sportlern nahmen an Maccabiaden teil: Mark Spitz etwa, der Schwimmer, der 1972 in München siebenmal olympisches Gold gewann, war 1969 als Sportler, 1985 an der Eröffnungsfeier als Ehrengast dabei

Bei der 15. Maccabiade 1997 kam es zu einer Tragödie: während der Eröffnungsfeier im Nationalstadion in Ramat Gan (nahe Tel Aviv) stürzte eine provisorische Brücke über den Vorortfluss Jarkon ein. Vier australische Teilnehme der Maccabiade fanden bei dem Unglück den Tod. Sie fielen 7m tief in einen völlig verschmutzten und vergifteten Fluss (Deshalb forderte eine israelische Umweltschutzorganisation  sogar zum Boykott der Spiele auf - ohne Erfolg). „Von diesen … vier Toten starb nur eine Frau an den unmittelbaren Folgen des Brückeneinsturzes, die anderen drei erlagen den Vergiftungen, die sie sich in dem völlig verschmutzten Jarkon zugezogen hatten“  (vgl. Jungle World, 32/2000). Eine australische Sportlerin hatte bei ihrem Sturz Flusswasser geschluckt und erkrankte in der Folge an dem seltenen Erreger Pseudallerscheria Boydii. Sie überlebte nach einem mehr als einjährigen Krankenhausaufenthalt.

Nie - auch nicht während offener Kriege - waren die Spiele so gefährdet wie durch die 2. Intifada die 16. Maccabiade, die im Juli 2001 in Jerusalemer Teddy Kollek - Stadion eröffnet wurden (vgl. NZZ, Mittwoch, 10. Juli 2001). Die Wettkämpfe wurden schließlich auf eine Woche gekürzt, weil nur etwa 2.000 Athleten aus der Diaspora teilnahmen, weniger als die Hälfte der sonst üblichen Zahl.  Außerdem nahmen circa 1.000 israelische Sportler  teil (vgl. „The Jerusalem Post“, 13. Juli 2001).

 

Simon, der letzte überlebende Makkabäer, ließ auf einem Hügel nahe bei Modein für seinen Vater und seine Brüder ein eindrucksvolles Grabdenkmal errichten.  Es bestand der Überlieferung nach aus 7 pyramidenähnlichen Gebäuden, die durch Kolonnadengänge verbunden waren.

Mehr als 7. Jhdte lang waren die Makkabäer – Gräber Ziel jüdischer Wallfahrten.

Seit nun mehr als 60 Jahren pilgern v.a. Tausende Israelis in den Modein benachbarten Nationalpark  (ca. 30 km nordwestlich von Jerusalem) zu angeblichen Makkabäergräbern, obwohl israelische Archäologen schon lange festgestellt haben: die dortigen Gräber stammen keineswegs aus makkabäischer Zeit, sondern sind spätrömisch, aus dem 4. Jhdt.  An jedem Chanukka – Fest starten an den angeblichen Makkabäergräbern Hunderte von Läufern zu einem Rennen zum Gedächtnis an die Makkabäer – vielleicht starten sie an dem falschen Ort ?

 

Im Jahre 1995 stießen israelische Bauarbeiter an der Straße 443 (ca. 30 km nordwestlich von Jerusalem) auf eine Reihe von Grabeshöhlen und 23 Ossuarien. Ihre archäologische Untersuchung [24] ergab, dass es sich um Gräber aus der makkabäischen Zeit handelte. Neben den Knochen fand man auch einige Artefakte aus dem 2. Jhdt. v. Chr., wie Münzen und Öllampen. Es gab v.a. aber sowohl griechische als auch hebräische Inschriften: Namen wie „Sarah, Mariama, Eliezer oder Elazar“ in griechischen Buchstaben und „Simon“ in hebräischer Schrift.

Die Sensation aber war die nicht fertig gestellte Inschrift bei einem Ossuarium und sie lautete; „Hasmonäer“.

Natürlich kamen rasch Spekulationen auf, ob es sich etwa um das Grab u.a. von Judas Makkabäus handeln könnte, der in dieser Region begraben worden sein soll.

Nach Aussagen von israelischen Archäologen  geben diese Gräber zum ersten Mal eine „archäologische Evidenz“ für die Hasmonäer. Bislang waren sie nur aus verschiedenen späteren antiken Schriften bekannt (vgl. „TIME“, 27. November 1995)  .

 

(variabel nach dem jüdischen gebundenen Mondkalender; gefeiert wird acht Tage lang, jeweils vom 25. Tag des 3. Mondmonats, Kislew, bis zum 2. Tag des 4. Mondmonats, Tewet; nach dem Gregorianischen Kalender liegt Chanukka im November / Dezember )

 
© Christian Meyer


[1] Luther übersetzte „Chanukka“ mit „Kirchweihe“: „Es ward aber Kirchweihe zu Jerusalem und war Winter“ (Joh. 10,22). „Chanukka“ wird auch abgeleitet von: „Chanu“ = sie ruhten, und „Kaf He“ = am 25. - denn am fünfundzwanzigsten wurde den Judäern Ruhe zuteil.

[2] Das 3. Buch der Makkabäer berichtet davon, wie der Versuch des Königs Ptolemäus IV. Philopator (gr. „der Vaterliebende“, 221 – 204 Chr.) in das Allerheiligste des Tempels einzudringen scheiterte. Später wurden zeitweise die Hasmonäer gegen die Seleukiden durch das Ptolemäische Reich unterstützt. 

[3] Die Bezeichnung für den Hohen Rat, Sanhedrin, ist die hebräisierte Form des griechischen „Synedrion“ = Versammlung, dem altgriechischen Namen für die Ratsbehörde z.B. der Amphiktyonen. 

[4] Alexandria, die Hauptstadt der Ptolemäer, wurde zu einem besonderen Anziehungspunkt für Emigranten aus Judäa. Dort wurde um 250 v. Chr. unter König Ptolemäus II. Philadelphus (reg. 285 – 246 v. Chr.) die Thora ins Griechische übersetzt. Die Legende bemächtigte sich dieses epochalen Ereignisses. Wunderbarerweise übersetzten 72 jüdische Gelehrte getrennt und völlig unabhängig voneinander gänzlich übereinstimmend (vgl. Kanner, S. 120f.). Das Apokryphenbuch des Aristeas von Alexandria berichtet davon. Wegen der angeblichen 72 Übersetzer erhielt die Übersetzung die Bezeichnung „Septuaginta“ (lat. = „die Siebzig“).

[5] Antiochus IV. wurde nach der Ermordung seines Vorgängers, seines Bruders, König. Statt „Epiphanes“ erhielt er von einigen seiner judäischen Gegner den Beinamen „Epimanes“ (= der Verrückte, vgl. Kanner, S. 127, a.a.O.).

[6] Die Jahreszählung folgt hier der Seleukiden – Ära, deren Zählung im Jahre 312 v. Chr. mit einem heute nicht mehr bestimmbaren militärischen Erfolg des Seleukos einsetzte. Die Dynastie der Seleukiden wurde von dem General Seleukos gegründet, der nach Alexanders Tod den größten Teil des Reiches beherrschte .

Durch den differierenden Neujahrstermin in Babylon bzw. Syrien fiel der Beginn der Ära (je nach dem genutzten Kalender) in den Herbst 312  (Syrien) oder das Frühjahr 311 v. Chr. (Babylon). Die Seleukiden - Ära breitete sich staatlich gefördert rasch aus und wurde auch noch lange nach dem Ende der Seleukiden im Jahre 63 v. Chr. verwendet. Im Jüdischen Kalender war sie lange Zeit zur Jahreszählung üblich, bis sie durch die jüdische Weltära (seit der Erschaffung der Welt) abgelöst wurde.

[7] Jason (gräzisiert aus hebr. Jehošua) war ein Bruder des Hohenpriesters Onias III., der das Hohepriesteramt kaufte und ein wichtiger Vertreter der Hellenisierungspartei war. Onias III. hingegen war ein Gegner der Hellenisierung und musste sein Amt an seinen Bruder abgeben. Um 170 v. Chr. wurde er ermordet (2. Makk 3,4). Onias und Jason entstammten der Überlieferung nach aus der Familie Zadoks, einer Dynastie, die schon in der Zeit König Davids das Amt der Hohenpriester innehatte. Mit der späteren Absetzung Jasons als Hoherpriester endete die Linie der Nachfahren Zadoks.  

[8] In die Zeit der frühen Makkabäer fällen auch die Episoden vom standhaften Leiden des greisen Eleasar sowie der sieben Brüder und ihrer Mutter Channa, die durch die Seleukiden zum Abfall vom rechten jüdischen Glauben gebracht werden sollten und lieber den Tod erlitten (2. Makk, 6 -7, oder Kanner, S. 127f.). Diese Berichte prägten / beeinflussten die spätere christliche Vorstellung von den „Blutzeugen“, den Märtyrern (vom gr. „martys“ = Zeuge).

[9] In 2. Makk 2, 14  wird berichtet, dass Judas Makkabäus heilige Schriften gesammelt habe. Es ist zu vermuten, dass diese Schriften während der Seleukidenkriege zum Teil zerstreut worden waren. Judas Makkabäus dürfte sich demnach um den Bestand des jüdischen Schriftenkanons verdient gemacht haben.

[10] Die fünf Brüder starben alle eines unnatürlichen Todes:

·         Eleazar fiel 163 in einer Schlacht bei Beth – sor

·         Joannes wurde 159 von Anhängern des Antiochus in einen Hinterhalt gelockt und von arabischen Nabatäern ermordet

·         Judas (der drittälteste Bruder) fiel 160 in der Schlacht

·         Jonathan (der jüngste Bruder) wurde 160 der Nachfolger von Judas; er wurde durch eine Hinterlist in Akko gefangen genommen und 143 umgebracht

·         Simon  wurde 143 der Nachfolger und erzielte um 140 die politische Unabhängigkeit Judäas. Als Hoherpriester und „Ethnarch“ wurde er während eines Gastmahls auf Betreiben seines Schwiegersohns 135 v. Chr. ermordet.

[11] Im damaligen Judäa gab es eine außergewöhnlich starke Schicht freier Kleinbauern, die ihre Parzellen besaßen, und nur relativ wenige von Großgrundbesitzern Abhängige.

[12] Die Herkunft des Beinamens „Makkabäus“ ist ungewiss. U.U. wurde er aus dem Hebräischen „maqabi“ abgeleitet und bedeutet  „der Hämmerer“ oder „der Hammerartige“; er könnte Judas wohl als Anspielung auf seine militärischen Erfolge beigegeben worden sein. Nach einer anderen Erklärung ist Makkabäus die Zusammenziehung der ersten Silben des Kampfrufes der Makkabäer: „Mi ko – mocho ba-eilim, Adonai?“ = Wer ist Dir gleich, o Herr ? , der dem „Lobgesang Moses“ entstammte (2. Mose, 15, 11). 

[13] Unter Aristobulos I. (104/103), der als erster Hasmonäer den Königstitel führte, setzte die nur unterbrochene Hellenisierung Judäas wieder ein.

[14] Die jüdische Apokalyptik wurde ihrerseits von den iranischen  Apokalypsen stark beeinflusst (vgl. Kreißig, S. 132, a.a.O.). 

[15] Das im 2./1. Jhdt. entstandene Buch Daniel ist aus mehreren heterogenen Teilen zusammengesetzt worden, die auch aus unterschiedlichen Epochen stammen (vgl. Koch, S. 103, a.a.O.). Die ältesten Teile (vermutlich aus dem 3. Jhdt. Chr.) bilden die (aramäischen) Kapitel 2 – 6, in denen Legenden um Daniel erzählt werden. Dem wurde später ein (hebräisches) 1. Kapitel vorgeschaltet, das von der Deportation und dem Leben Daniels in Babylon berichtet. Die „Visionen“ Daniels - im Ich – Stil berichtet - (7. – 12. Kapitel des Buches Daniel) entstanden wahrscheinlich zur Zeit des Makkabäer – Aufstands. Sie sind die älteste erhaltene Apokalypse, sie umfassen (erstmals in der Bibel) einen Entwurf der Weltgeschichte: sie wird betrachtet als zunehmender Entfremdungsprozess zwischen Gott und den Menschen, auch die Abfolge der Weltreiche wird in diesem Zusammenhang gesehen. 

[16] In den „Visionen“ enthalten ist zum ersten Mal im Alten Testament die Vorstellung von einer Auferstehung der (gerechten) Toten zum ewigen Leben (Dan 12, 1- 3).

[17] Ebenfalls in der Makkabäer – Zeit entstanden vermutlich

·         die Novelle „Judith“

·         die Gleichnisse des Pseudo – Sacharja

Auch Käsegerichte sind für die Chanukka – Tage charakteristisch. Denn die schöne und listenreiche Judith soll dem Holofernes gesalzenen Käse vorgesetzt haben; den daher rührenden Durst löschte Holfernes zu seinem Verderben dann mit vielen Bechern Wein (vgl. Dolezalová, S. 108, a.a.O.).

[18] Die hebräische Bibel enthält die Makkabäer – Bücher nicht, bei der christlichen Bibel ist die Zugehörigkeit umstritten: die römisch – katholische Kirche zählt die ersten beiden Makkabäer – Bücher zu dem Kanon, Luther hingegen ordnete die ersten drei Makkabäer – Bücher den alttestamentarischen Apokryphen zu.

[19] Nach Flavius Josephus waren es 3 Jahre und 6 Monate, während der die täglichen Opfer unmöglich waren (vgl. Josephus, S. 27, a.a.O.).  De Vries nimmt sogar einen Zeitraum von 4 Jahren an (Vries, S. 104, a.a.O.).

[20] Es handelte sich um den 2. Tempel, der 516 v. Chr. nach dem babylonischen Exil errichtet wurde. Im 2. Tempel gab es die Bundeslade und die Gesetzestafeln Moses nicht mehr (vgl. Vries, S. 104, a.a.O.), - sie waren seit der Zeit der Zerstörung des 1. Tempels durch Nebukadnezar II. verschollen.

[21] Der Prinz betrat bewusst symbolisch am 25. Juli 1745 zuerst schottischen Boden, am St. James’ Day ( ð25. Juli, Jakobi – Tag). 

[22] Generell übertragen Händels alttestamentarische Oratorien die Vorstellung vom „auserwählten Volk“ von den Juden auf die damaligen Engländer, was sicher den Erfolg der Oratorien erleichterte.

[23] Friedrich Heinrich Ranke hat seinem bis heute beliebten Adventslied „Tochter Zion freue Dich“ von 1820/26 die Händelsche Melodie von   „Seht, er kommt mit Preis gekrönt“ unterlegt (vgl. Lied Nr. 13 des Evangelischen Gesangbuchs Bayern / Thüringen).

[24] Die archäologische Untersuchung war – wie quasi immer in Israel – begleitet von Protestdemonstrationen von ultraorthodoxen Juden, die behaupteten die Archäologen würden Knochen stehlen.

Chanukka-Kreisel
Chanukka-Kreisel

Chanukka - Kreisel  (Abb.

aus McCreery, S.47, a.a.O.)

Händel - Jubelchor
Händel - Jubelchor

23. Mai:  Welt-Schildkrötentag

 

Die zoologische Ordnung der Schildkröten (zool. Testudinata, Testudines, von lat. „testudo“ „Schildkröte“; früher auch Chelonia vom gr. χελώνιον „Schildkrötenschale“) sind eine Reptilienordnung mit ca. 340 wechselwarmen Arten und kurzem und breitem Körper, der von einem flachen oder gewölbten Schild bedeckt ist. Sie haben zahnlose Kiefer und legen die Eier auf dem Land ab. Sie sind weltweit verbreitet, auf dem Land, im Wasser und in den Ozeanen, außer den Polarregionen. Es gibt fleisch- und pflanzenfressende Arten.

 

Im Trias (vor ca. 225 – 195  Mio. Jahren) traten erstmals die echten Schildkröten (Chelonia) als eine wichtige Reptiliengruppe auf.  Im Perm (der letzten Periode des Archaikums, vor ca. 280 Mio. Jahren) gab es vielleicht Vorformen der Schildkröten (vgl. Špinow, S. 32, a.a.O.) .

In den kretazischen (kreidezeitlichen) Meeren Nordamerikas lebten vor ca. 72 Mio. Jahren große, bis zu 4m lange Schildkröten, Archelon ischyros, die größte bisher entdeckte Schildkröte. Sie waren weitgehend an das Leben im Wasser angepasst: die Panzer waren reduziert, da so Gewicht gespart wurde. Ihre Füße waren – wie bei den heutigen Meeresschildkröten – zu paddelförmigen Extremitäten umgestaltet und verbreitert, die Finger durch Hautgewebe verbunden.

 

Im Mesozoikum (Erdmittelalter) waren die Reptilien die erfolgreichste Gruppe der Landwirbeltiere. Die meisten Arten der Reptilien starben anschließend aus, vermutlich durch den Einschlag eines Asteroiden. Das Ende des Mesozoikums  überlebten nur vier Ordnungen der Reptilien …

  • die Krokodile (zool. crocodilia)
  • die Schuppensaurier (zool. squamata), die Schlangen, Eidechsen etc.
  • die Schildkröten (zool. chelonia), und
  • die Brückenechsen (zool. rhynchocephalia „Schnabelköpfe“), mit einer einzigen rezenten Art (Sphenodon punctatus), ein neuseeländisches „lebendes Fossil“ (vgl. Špinow, S. 223, a.a.O.) .

Die Schildkröten haben sich seit dem Trias nur sehr wenig verändert und überlebten erdgeschichtliche Umbrüche und blieben bis in die jüngste Gegenwart ebenso zahlreich wie in der Vergangenheit.

Die Schildkröten werden als „bizarres Überbleibsel primitivster Reptilien“ angesehen (vgl. Špinow, S. 96, a.a.O.) angesehen, die ursprünglich ausschließlich festländisch lebten, also terrestrische Tiere waren.

 

 

Heute gibt es weltweit ca. 340 verschiedene Schildkröten-Spezies, die meisten leben im Süßwasser. Sieben Arten leben im Meer, Meeresschildkröten sind aktuell vom Aussterben bedroht. 

Heutige Meeresschildkröten leben in tropischen und subtropischen Meeren. Die Weibchen werden mit frühestens 20 Jahren fortpflanzungsreif. Die Weibchen aller sieben Arten sind ortstreu, sie kommen zur Paarung und zur Eiablage an an den Strand, an dem sie selbst geschlüpft sind. Dazu schwimmen sie z.T. tausende von Kilometern durch den Ozean.

Bis heute ist es unklar, wie die Weibchen zu dem Strand ihrer Geburt zurückfinden. Vermutet wird, die Schildkröten verfügten (wie z.B. bei Rotlachsen oder einigen Zugvögelarten nachgewiesen) über ein Sinnesorgan zur Wahrnehmung des Erdmagnetismus. Dann könnte ein Art geomagnetische Prägung vorliegen, ein Lernvorgang der „magnetischen Signatur“ der Inklination der Feldlinien, der sie mit Hilfe einer Magnetfeld-Landkarte auch viele Jahre später immer wieder zum Strand ihrer Geburt zurückfinden lässt (vgl. Wiltschko, a.a.O.).  

Mit welchen Organen ggf. die Tiere das Magnetfeld der Erde wahrnehmen, ist unklar.

Die Männchen sind weniger ortstreu, so dass langfristige Inzucht verhindert wird. Der biologische Vorteil der Ortstreue liegt darin, dass – wie Forscher des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung 2013 feststellten – die Weibchen in bestimmten Gengruppen Abwehrkräfte genau gegen die Krankheiten und Parasiten vererben, die auf der jeweiligen Brutinsel auf den Nachwuchs warten.

Im Sand am Strand werden die Eier in einem selbstgegrabenen Loch abgelegt und von der Sonnenwärme ausgebrütet. 

Seit Jahrtausenden vermutlich ist der Moment des Schlüpfens im Sand und der Weg ins rettende Meer ein Massaker unter den Baby-Schildkröten: denn die nur handtellergroßen Tiere werden zum großen Teil von Vögeln und anderen Freßfeinden verzehrt, wie es z.B. schon der italienische sensationsheischend-voyeuristische Film „Mondo Cane“ aus dem Jahre 1962 zeigte.  

Im Durchschnitt erreicht nur einer von 1.000 „Schlüpflingen“ der Unechten Karettschildkröte (zool. Caretta caretta) das fortpflanzungsfähige Erwachsenenalter.

 

Ein Grund für die Faszination von Schildkröten ist, dass sie ein sehr hohes Alter erreichen können. Das Geburtsjahr einer Galápagos-Riesenschildkröte namens Harriet (sie lebte jahrelang im Australia Zoo/Queensland) lebte und 2006 verstarb, wurde auf 1830 geschätzt. Damit wäre sie mindestens 176 Jahre alt geworden. Meeresschildkröten können wahrscheinlich 75 Jahre oder mehr leben. werden  Als Haustier gehaltene Schmuckschildkröten können nachweislich bei guter Pflege 40 Jahre oder älter werden.

Die schwerste jemals gemessene Schildkröte wog 916 kg, eine Lederschildkröte.  

Da die Haut der Schildkröten – wie die aller Reptilien – im Laufe des Lebens nicht mitwächst, müssen sie sich Häuten. In Aquarien werden die Schildkrötenpanzer im Frühjahr mit Bürsten gereinigt: „Mit leichtem Schrubben der Schildkrötenpanzer unterstützen wir die Häutung. Das ist wie eine Massage für die Tiere“ (vgl. Tagesspiegel, 15. Mai 2019, S. 28).

 

Zu den Besonderheiten einiger Schildkröten gehören…

  • die Fähigkeit sehr lange Zeit ohne Nahrung und Wasser aus zu kommen
  • die Fähigkeit von Weibchen  manchen Arten, die Samen mehrerer Männchen zu speichern und ihre Einer damit erst lange nach der Paarung zu befruchten.

Als die im Indischen Ozean (ca. 500 km östlich von Madagaskar) gelegenen Maskarenen-Inseln  im Jahr 1512 vom portugiesischen Seefahrer Pedro Mascarenhas entdeckt wurden, lebten auf Réunion, Mauritius und Rodrigues Tausende Exemplare der Landschildkröten-Gattung Cylindraspis. Die Panzer der fünf Arten waren teilweise zurückgebildet, sie waren überflüssig, da die Schildkröten keine natürlichen Feinde auf den Inseln hatten. Durch die Verfolgung der eingewanderten Menschen (oder durch eingeschleppte Ratten oder Raubtiere) wurde die Gattung rasch ausgerottet und ist seit der Mitte des 19. Jhdts. ausgestorben. Den Dodo überlebten die Schildkröten immerhin ca. 200 Jahre (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).  

 

Durch die Untersuchung mitochondrialer DNA-Sequenzen aus erhalten gebliebenen Resten von Maskarenen-Riesenschildkröten konnte nun in der „Scientific Reports“  deren abenteuerliche Geschichte näher geklärt werden.

Die Maskarenen-Inseln liegen auf dem Réunion-Hotspot, der immer wieder neue Vulkaninseln im Indischen Ozean entstehen (und vergehen) lässt. Vor ca. 40 Mio. Jahren dürfte nach den genetischen Berechnungen eine weibliche, befruchtete Cylindraspis von Afrika (oder Madagaskar oder Asien) zu einer dieser Inseln geschwemmt worden sein. Sie wurde (vermutlich) zur Urmutter aller Maskarenen-Riesenschildkröten, einer Population mit eigenständiger Evolution, die auch den Untergang der ursprünglichen Vulkaninsel durch Übergang auf die neu entstandenen Inseln überlebte.  Vor ca. 10. Mio. Jahren entstanden dann die heutigen Maskarenen, besiedelt von u.a. den Cylindraspis – bis die Menschen kamen (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).      

 

Dagegen überlebten Riesenschildkröten (Aldabrachelys gigantea, Syn.: Dipsochelys) auf den Seychellen und insbesondere auf Aldabra, dem größten Atoll im Indischen Ozean. Politisch gehört Aldabra zu den Seychellen, liegt nördlich von Madagaskar und ist bis auf eine Ranger-Gruppe unbewohnt. Das Atoll steht unter strengem Schutz und konnte seine ursprüngliche Flora und Fauna weitgehend erhalten. 1982 wurde Aldabra von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.

Die Seychellen-Riesenschildkröten  sind eine Gattung der der Landschildkröten und erreichen bis zu 1,2 m Länge und ein Gewicht von bis zu 250 kg. Sie sind die einzigen Riesenschildkröten weltweit, deren Bestand momentan nicht gefährdet ist. In der Population sind ca. 100.000 Tiere vorhanden.  

Im Jahre 2004 gelangte eine Aldabra-Schildkröte an die Küste von Tansania: das Tier war zwar abgemagert, aber gesund; es war die ca. 2000 km von den Seychellen nach Ostafrika getrieben/geschwemmt, vermutlich mehrere Monate lang (vgl. Tagesspiegel, 1. Januar 2020). 

 

Eine besondere, auffällige Jagdmethode zeichnet die bestandsgefährdete Geierschildkröte (Macrochelys temminckii; auch: Alligatorschildkröte) aus, denn sie „angelt“ ihre Beute. Diese bis zu 75cm große nordamerikanische Süßwasserschildkröte hat einen während der Jagd auffällig rosaroten Zungenfortsatz. Die Schilkröte ruht lauernd im Schlamm auf dem Boden des Gewässers, öffnet das Maul und bewegt den Zungenfortsatz. Vorbei schwimmende Fische halten den Zungenfortsatz für einen Wurm, schnappen nach ihm – und werden von den scharfen Kiefern der Schildkröte gefangen (vgl. Abbn. dazu unten).

 

Aussterben dürfte vermutlich bald die Yangtse-Riesenweichschildkröte, die größte Süßwasserschildkröte der Welt. Das letzte Weibchen der Art starb in einem chinesischen Zoo – bei einem Besamungsversuch. Weltweit gibt es nun nur noch drei bekannte Exemplare, - drei Männchen, eines in einem chinesischen Zoo und zwei in vietnamesischen Seen (vgl. Berliner Zeitung, 16. Arpil 2019, S. 26). 

 

In vielen Mythen weltweit spielen Schildkröten eine kosmophorische Rolle und sind – wohl ihrer Langlebigkeit wegen – ein Symbol für die Unsterblichkeit.

Vishnu, ein indischer Schöpfergott, erscheint als Schildkröte im Urmeer schwimmend, die Welt auf seiner Panzerschale tragend.

Viele Buddhisten glauben, dass in jeder Schildkröte menschliche Seelen auf der Seekenwanderung verweilen, auf dem Weg ins Nirvana.

Im antiken Griechenland wurde der Mythos von Chelone (Χελώνη gr.  Schildkröte) tradiert. Anlässlich der Hochzeit des Zeus und der Hera wurden alle Götter, Menschen und Tiere durch den Götterboten Hermes eingeladen. Die junge Chelone jedoch blieb als einzige zu Hause, aus Verachtung vor der Götterhochzeit. Hermes, der ihr Fehlen bemerkt, stieg er zur Erde hinab, warf Chelone mitsamt ihrem Haus in einen Fluss und verwandelte sie in eine Schildkröte. Sie muß deshalb ihr Haus fortwährend auf dem Rücken tragen.

 

Die heute vielleicht bekannteste Schildkröte ist Kassiopeia und spielt in MOMO, ein 1973 erschienener Roman von Michael Ende eine wichtige Rolle, denn sie unterstützt Momo in ihrem Kampf gegen die die Menschen um die Zeit betrügenden „grauen Herren“.

 

In einem (vielgestaltig überlieferten) Mythos der Irokesen [1] (ursprünglich im nordwestlichen Waldland des heutigen Staates New York und in Ontario) wurde die Großmutter der Menschen (die „Himmelsfrau“) schwanger, von ihrem Mann (dem Mond?) aus Eifersucht vom Himmel herab ins Meer gestürzt– Land gab es damals noch nicht. Die Schildkröte nahm die Großmutter auf ihrem Rücken auf, den die Bisamratte mit Schlick bedeckte, den sie vom Grund des Meeres emporholte. So wurde langsam auf dem Rücken der Schildkröte die erste Insel geformt, aus der schließlich das gesamte Land entstand.  

Auch die Entstehung der Menschen hing für die Irokesen in zwiefacher Hinsicht mit der Schildkröte zusammen. Die Tochter der Großmutter (gezeugt von der Schildkröte) wurde wundersam geschwängert (vom Westwind, einem jungen Mann??) und gebar antagonistische Zwillingshelden, die Schöpfer des Guten, Iosheka, und des Bösen, Tawiscara (vgl. Guirand, S. 522, a.a.O.). Der gute Heros Iosheka (i.e. „der Helle“) stürzte nach seiner Geburt in einen See, direkt vor der Hütte einer Schildkröte. Von dieser erhielt er u.a. Pfeil und Bogen, zwei Maiskolben, sowie reife Körner, um sie zu pflanzen (vgl. Chevalier, S. 957, a.a.O.).  

Der böse Zwillingsheros Tawiscara (i.e. „der Dunkle“)  tötete seine Mutter bei der Geburt, er versuchte alle guten Gaben seines Bruders zu schädigen.

Nach einer anderen Fassung der Legende wuchsen aus dem Grabe der Mutter eine Tabakspflanze, ein Bohnenbusch. eine Mais- und eine Kürbispflanze (vgl. Graymont, S. 17, a.a.O.). Die Irokesen waren ursprünglich Jäger und Sammler, gingen aber bereits vor der Ankunft der Europäer zum Feldbau über.

Für einige Gruppen (Phratrien, Clans, Gentes [2]) der Irokesen war die Schildkröte ein Totem-Tier [3] , das weder gejagt noch gegessen werden durfte (vgl. Findeisen, S. 50, a.a.O.).

Diese totemistische Tradition wird auch in dem lesenswerten Kinderbuch „Blauvogel“ von Anna Jürgen erwähnt (vgl. a.a.O.).

Auch trug in dem „Blauvogel“ der Tomahawk eines Mannes der „Schildkrötenfamilie“ am Griff „… in roter Farbe das Bild einer Schildkröte: ein ovales Rund mit sechs Punkten am Rand für die Beine, den Kopf und den Schwanz“ (Jürgen, S. 9, a.a.O.).

Der US-amerikanische (evolutionistische) Ethnologe Lewis Henry Morgan (1818 - 1881) führte in seiner Schrift „Ancient society“ (erschienen 1877) für den Irokesenstamm der Seneca acht nach Tieren benannte Gentes an: 1. Wolf 2. Bär, 3. Schildkröte, 4. Biber, 5. Hirsch, 6. Schnepfe, 7. Reiher und 8. Falke (vgl. Morgan, S. 90, a.a.O.). Morgan führte zu den Irokesischen Gentes aus: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, obwohl nie formuliert, waren die Grundprinzipien der Gens“ (Morgan, zit. n. Engels, 1960, S. 225, a.a.O.).  

Auch wurden damals die Angehörigen der jeweiligen Gentes getrennt begraben, zusätzlich noch nach Frauen und Männern getrennt (Morgan, S. 104, a.a.O.).

Besonders auffällig war die matrilineare gesellschaftliche Organisationsform der Irokesen, die sich zu einer 5- bzw. 6-Nationen-Föderation zusammengeschlossen hatten und  Elemente einer egalitären Konsensdemokratie (vgl. Thomas Wagner, a.a.O.) aufwies [4]. Die Stammesföderation hatte eine matrilineare Sozialstruktur und differenzierte Beratungs- und Entscheidungsgremien, von denen Elemente in die US-Verfassung eingegangen sein sollen. 

 

In dem 1566 verfassten „Bericht aus Yucatán“ des franziskanischen Missionars und Bischofs Diego de Landa beschrieb dieser „…staunenerregend große Schildkröten“, von denen „… einige … weitaus größer (sind) als mächtige Rundschilde; sie sind schmackhaft und haben überaus viel Fleisch; die Eier, die sie legen, sind so groß wie Hühnereier, und sie legen hundertfünfzig oder zweihundert, wofür sie in Sand, außerhalb des Wassers, ein großes Loch schaufeln; danach decken sie die Eier mit Sand zu, und dort schlüpfen die kleinen Schildkröten aus. An Land, in den trockenen Waldgebieten und in den Lagunen gibt es verschiedene andere Schildkrötenarten“ (de Landa, S. 159, a.a.O.).    

 

Die pazifischen Galapagos – Inseln verdanken ihren Namen den Schildkröten (vgl. Neef, S. 368, a.a.O.)., span. „galapagos“ = „Waserschildkröten“.

Die Lage des vulkanischen Archipels – ca. 1000 km vom Festland entfernt -  wurde von den Spaniern lange geheim gehalten. William Dampier (1651 - 1715), der britische Freibeuter, Weltumsegler und Naturforscher, besuchte im Juli 1684 die Galapagos-Inseln. In dieser Zeit waren die Inseln zum Rückzugsort für Piraten geworden, die dort ihre Schätze versteckten.

Dampier beschrieb die Fauna und Flora des Archipels. Insbesondere sprach es von den damals noch zahlreichen bis zu 350 kg schweren Riesenschildkröten: sie seien so köstlich, „… daß kein jung Huhn besser schmecken kann“ (Dampier, zit. n. Glaubrecht, a.a.O.). Er führte an, dass er an einer Bucht über 3000 der Tiere zählen konnte. Die Seefahrer pflegten damals auf den Inseln  Schildkröten als lebende Konserven in die Vorratsräume zu laden, 

 

Darwin erreichte im September 1835 die Galapagos-Inseln. Der damalige Gouverneur der Inseln, Nicholas Lawson, erzählte Darwin, dass er schon an der Form der „Panzer“ erkennen können, von welcher der Inseln des Archipels die entsprechende Schildkröte stamme.

Charles Darwin beschreibt in seinem Reisetagebuch plastisch, wie die Schildkröten auf dem Archipel durch die Menschen dezimiert wurden. Auch Darwin lebte auf den Inseln überwiegend von Schildkrötenfleisch, fand es aber nur mäßig (vgl. Darwin).    

Jahrhundertlang, zumindest bis ins 17. Jhdt. gingen Schiffsärzte davon aus, dass die Skorbut eine Folge des Fleischmangels an Bord sei. Das Vitamin C wurde erst 1928 entdeckt. 

Da Schildkröten sehr lange ohne Essen und Trinken auskommen, man zudem glaubte, sie empfänden keine Schmerzen, weil sie keine Laute von sich geben, wurden viele der Tiere  im Schiff  tierquälerisch unter Deck zusammengepfercht. Durch die Seefahrer wurden die Schildkröten der Seychellen- und Galapagos-Inseln fast vollständig ausgerottet.

 

Auch die „Beagle“ führte bei der Abfahrt 30 der Schildkröten mit sich, die allesamt im weiteren Verlauf der Reise verspeist wurden, auch von Darwin selbst.

Erst viele Jahre später, zurück in England, erkannte Darwin, dass die Schildkröten – als Beleg für die Veränderlichkeit der Arten - vielleicht die bedeutsamsten Fundstücke der Inseln gewesen wären. 

Seit 1959 sind die zu Ekuador gehörenden Inseln größtenteils ein Naturpark, aber völlig überlaufen und ökologisch gefährdet: Im Jahre 2018 besuchten ca. 275 000 Menschen die Inseln. Allerdings wird das Geld der Touristen z.T. für den Naturschutz verwendet.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte im Februar 2019 im Rahmen eines Staatsbsuchs auch die Galapsgos-Inseln. In der Schildkröten-Aufzuchtstation Santa Cruz – die seit 1964 von der Charles-Darwin-Stiftung betrieben wird - übernahm er die Patenschaft für eine junge Meeresschildkröte, Alejandra. In drei Jahren soll sie ausgewildert werden, denn Schildkröten sind auf den Inseln gefährdet, nicht nur durch Plastikmüll. Bei einer Aktion au den Küsten des Archipels wurden 22 t vorwiegend angeschwemmter Plastikmüll auch durch Sieben des Sandes eingesammelt (vgl. „Tagesspiegel“, 16. Februar 2019, S. 3). Und dabei gibt es seit einem 2014 eingeführten Plastiktütenverbot praktisch keine Plastiktüten mehr auf den Inseln, zudem wurde ein erfolgreiches Bildungs-, Mülltrennungs- und Recyclingprogramm u.a. von WWW initiiert.  

 

Das Schlüpfen der Schildkröten ist heute auf Heron Island für Reisende die Hauptattraktion. Die kleine Insel im Nordosten Australiens wurde 1843 entdeckt und nach den dort beobachteten Reihern (engl. heron) benannt.

1925 wurde auf der Insel eine Abfüllanlage für Schildkrötensuppe errichtet, die sich jedoch nach schon 2 Jahren nicht mehr rentierte, da die zuvor zahlreichen Tiere, die Grüne Meeresschildkröte und die Karettschildkröte rasch dezimiert wurden. In den Gebäuden der ehemaligen Fabrik wurde dann 1932 das erste touristische Ressort im Großen Barriere-Riff eingerichtet, 1943 wurde Heron Island zum Nationalpark. Heute darf in ihm nichts eingeschleppt, mitgenommen, verändert werden, in das Ökosystem der Insel darf nicht eingegriffen werden (vgl. Bisping, a.a.O.).

Ca. 4000 Schildkröten leben permanent um Heron Island, zudem ca. 200 000 Vögel. Zwischen Oktober und März kommen die weiblichen Schildkröten jeweils 4 – 5 Mal zur Eiablage an Land. 8 Wochen später, also zwischen Dezember und Mai schlüpfen nachts die jungen Schildkröten, kriechen aus ihren Nesthügeln, krabbeln vom Mondlicht geleitet dem rettenden Meer entgegen. Auch hier werden die allermeisten Baby-Schildkröten Opfer ihrer vielen Fressfeinde.   

 

Ästivation (vom lat. aestes Sommer, Hitze) bezeichnet die Strategie mancher Tiere, hohen Temperaturen und starker Trockenheit auszuweichen, indem sie die Sommermonate weitgehend verschlafen. Solche Sommerruhe kommt bei einigen Insekten vor, aber auch bei einigen Reptilien, wie der Ägyptischen oder Tunesischen Landschildkröte (vgl. Vaas, S. 18, a.a.O.).

 

Schon seit ca. 120 bis 150 Mio. Jahren leben Meeresschildkröten auf dem Planeten Erde, Gefahren drohen Schildkröten heute v.a. durch den Menschen. Seit Jahrzehnten gehen die Schildkröten-Populationen zu Lande und zu Wasser dramatisch zurück, viele sind akut vom Aussterben bedroht. Allein in Chinas Garküchen werden alljährlich um die 20 Millionen Schildkröten zu Suppe verkocht.

Gefährdet sind die Meeresschildkröten besonders durch den Menschen:

Ø  als Beifang der Fischer: „Einige Hunderttausend Schildkröten verenden pro Jahr an Haken der oft über 100 Kilometer langen Leinen. Andere werden in Fisch- oder Shrimpsnetzen gefangen“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch das Fangen bei der Eiablage und das Sammeln der Eier, was nicht nur an der mesoameikanischen Pazifikküste bis heute weit verbreitet ist. Schildkrötenarten landen noch immer hunderttausendfach im Kochtopf (vgl. Greenpeace-Magazin, 2/04). 

Ø  durch den Verlust von Lebensräumen, z.B. dem Bau von Hotels an Eiablagestränden: „Hell erleuchtete Hotels an Stränden etwa halten die Schildkröten-Weibchen vom Eierlegen ab und irritieren die frisch geschlüpften Babys, so dass sie den Weg zum lebenswichtigen Meer nicht finden“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch den Klimawandel (vgl. Tag der Umwelt) können Brutgebiete (ansteigender Meeresspiegel,  vgl. Tag des Meeres, Sturmfluten) überschwemmt oder vernichtet werden. Höhere Temperaturen des Sandes am Strand führen dazu, dass sich aus den abgelegten Eiern mehr Weibchen entwickeln: Die Folgen dieser Veränderung im Quantitativen Geschlechterverhältnis sind unklar. Zudem sterben viele Eier bei zu hohen Temperaturen ab- So wurden z.B. in Malaysia an einem Schildkrötenstrand Kokospalmen gefällt, ohne Schatten wurde es den Eiern zu heiß.

Ø  durch die Vermüllung der Meere: Bei einer wachsenden Zahl von Meeresschildkröten findet man Plastikstücke im Magen, durch die die Tiere sterben können (vgl. Tag des Meeres & Tag der Umwelt). Treibende Plastiktüten ähneln Quallen und Meeresschildkröten lieben Quallen. Wenn eines der Tiere ein Plastikobjekt frisst, kann das Material ihren Magen verstopfen, was es dann daran hindert, echte Nahrung herunter zu schlucken. „Manche der Reptilien bekommen eine ‚bubble butt‘ (engl. ‚Blasenhintern‘, C.M.), einen derart aufgeblähten Bauch von den Gasen, die bei der Plastikzersetzung frei werden, dass die Tiere nur an der Oberfläche treiben, aber nicht mehr abtauchen können. Die Folge: Die Schildkröten verhungern oder werden von Freßfeinden erbeutet“ (Bisping, S. 13, a.a.O.), z.B. Haien. Australische Forscher stellten bei der Untersuchung von 250 toten Meeresschildkröten fest, dass ….

       - jedes zweite Jungtier Plastikobjekte im Magen-Darmtrakt hatte

          - bei jugendlichen und ausgewachsenen Schildkröten es „nur“ jedes sechste Tier war

      - sich bei Schlüpflingen kein Plastik im Magen fand.

Jüngere Schildkröten – erklären die Forscher – scheinen eher dort zu fressen, wo sich mehr Plastik im Meer befindet – nahe den Küsten (vgl. „Tagesspiegel“, 18. September 2018, S. 25 und Abb. unten)     

 

Immer wieder sterben Meeresschildkröten durch gefressenen Plastikmüll oder verheddern sich in treibendem Müll. Forscher gingen davon aus, die Schildkröten verwechselten z.B. treibende Plastiktüten mit Quallen.

Eine Forschergruppe um Joseph B. Pfaller (Universität von Florida) beschäftigte sich mit dem Verhalten der Meeresschildkröten dem Plastikmüll gegenüber.

Sie vermutete, dass die Schildkröten nicht nur vom Aussehen, sondern auch von dem Geruch des Plastkmülls angelockt würden (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Auf dem Plastikmüll siedeln sich im Meer jedoch rasch allerlei Mikroorganismen, Algen, Pflanzen und andere Lebewesen an.     

In einem Geruchsexperiment mit Unechten Karettschildkröten reagierten diese auf Futtergerüche (Fisch, Garnelen) genauso intensiv wie auf den Geruch von Plastik mit Ablagerungen (vgl. „Tagesspiegel“, 10. März 2020, S. 16).

Auf den Geruch von sauberem Plastik reagierten sie hingegen gar nicht mit Suchverhalten. Beim partiellen Absterben des Belags entsteht ein nahrungsähnlicher Geruch („Bio-fouling“), der die Tiere anlockt. Auch ist der Belag durchaus nahrhaft, wird allerdings oft zu einer tödlichen Falle (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Unklar ist jedoch noch, welche chemischen Verbindungen von besiedeltem Plastik die Schildkröten anlocken.     

 

Eine Studie aus dem Jahre 2017 (von der Aristoteles Universität Thessaloniki) zu den Populationen von 7 Arten der Meeresschildkröten belegte eine leichte Erholung einiger der 299 Populationen weltweit: Bei 95 von ihnen stieg die Zahl der Schildkröten deutlich an, bei 35 Populationen sank sie deutlich ab. Bei den restlichen blieb sie in etwa gleich (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

  

Günstig auf die Schildkrötenpopulation wirkt der aktive Schutz der Brutgebiete und der Eiablagen, so z.B. in dem 25 km langen Schutzreservat Ras al-Dschinz in Oman, wo nun auch geführte Öko-Touristen vor allem von Juni bis zum November die Eiablage der Grünen Meeresschildkröte erleben können.

Schon 1983 wurde Archelon, ein Verein zum Schutz der Schildkröten in Griechenland (mit Sitz in Glyfada bei Athen) gegründet. Er kümmert sich seither um u.a. den Schutz der Nester der Unechten Karettschildkröte in Zakynthos, auf Kreta und dem Peleponnes.

Dennoch stehen sechs der sieben Meeresschildkrötenarten als gefährdet, sehr gefährdet oder vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature, Weltnaturschutz –Union, (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

 

Weltweit gibt es unterdessen mehrere Institutionen, die sich um verletzte und erkrankte Schildkröten bemühen.

So z.B. das „Ontario Turtle Conservation Centre“ in Kanada, das jährlich Hunderte bei Unfällen verletzte Schildkröten rettet. Vor allem geht es darum, durch Autounfälle verletzte Panzer wieder zusammen zu fügen; oftmals sind es allein dort mehr als 20 Operationen täglich. Es handelt sich dabei um in Ontario heimische Arten, die auf der „Roten Liste“ als zumindest gefährdet stehen (vgl. „Tagesspiegel“, 14. 10 2017).

Schon 1986 wurde das „Turtle Hospital“ in Marathon/Florida gegründet, das bislang einige Tausend verletzte Schildkröten rettete und wieder ins Meer entließ.   

In der nicht-profitorientierten Tierrettungsstation „Carolina Waterfowl Rescue“(CWR) in Nord-Carolina werden jährlich hunderte von verletzten Schildkröten behandelt, v.a. Weibchen, die zur Eiablage an Lande gekommen sind: Viele werden von Autos angefahren, von Rasenmähern verletzt oder von Hunden gebissen.

Verletzungen am Panzer der Schildkröten müssen wieder zusammenwachsen, wie gebrochene Knochen. Dabei haben sich gespendete BH-Verschlüsse als Hilfe bewährt. Sie wurden an die Bruchstelle geklebt und dann mit Drähten so verbunden, dass der Riss zusammengehalten wird. Der Heilungsprozess kann Monate dauern, aber 70 % der dortigen Schildkröten-Patientinnen können durchschnittlich als geheilt wieder in die Freiheit entlassen werden.

 

 

Bei Schildkröten dauert es lange Jahre bis die Tiere geschlechtsreif sind. Die Weibchen legen zwar jedes Jahr viele Eier, ältere Schnappschildkröten bis zu 60 Stück. Aber weniger als ein Prozent der Eier führt zu einer erwachsenen Schildkröte. Es dauert rund 20 Jahre, bis eine Schildkröte selbst Eier legt. Besonders lang ist der Zyklus bei den Schnappschildkröten (Chelydra serpentina), die aus Nordamerika stammen und in Süßwasserseen und Flüssen leben: Ca. 1500 Eier und 59 Jahre werden benötigt,  um eine weibliche Schnappschildkröte in der Natur zu ersetzen.

 

 Der 23. Mai wurde als Weltschildkrötentag im Jahre 2000 von der „American Tortoise Rescue“ eingeführt und 2002 von der „Humane Society of the United States“ (HSUS, vgl. http://www.hsus.org/) übernommen und popularisiert. Ziel ist es, auf die Gefährdung der Schildkröten hinzuweisen und geeignete Aktionen zu ihrem Schutz zu initiieren.

 

Wie australische und US-Forscher jüngst feststellten, bedroht der globale Klimawandel die Existenz einer der größten Kolonien von Meeresschildkröten im nördlichen Great-Barriere-Riff: Da der Sand, in dem die Schildkröten ihre Eier vergraben, wärmer geworden ist, schlüpfen dort zu 99,1% nur noch weibliche Jungtiere (vgl. „Stern“, 18. Januar 2018, S. 20).

 

Meeresschildkröten sind – betonen Ökologen – ein guter Bioindikator für die Güte der jeweiligen Umwelt und die Biodiversität, - wenn die Umweltbedingungen sich verschlechtern, verschwinden sie. Zudem ernähren sie sich u.a. von Quallen, deren Gift z.T. auch tödlich für Menschen ist (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

  

Besonders aktiv beim Schutz der Meeresschildkröten ist auch das Fischerdorf Ebodjè in Kamerun. Das Dorf hat knapp 1000 Einwohner, liegt am Atlantik, im Süden Kameruns, ca. 40 km von der Grenze zu Äquatorial-Guinea. Die Bewohner gehören überwiegend zu dem kleinen Volk der Yasa, deren Sprache zu den südlichen Bantusprachen gehört und in Kamerun, Äquatorial-Guinea und Gabun gesprochen wird. Es gibt ca. 2400 Yasa-Sprecher. 

An dem kilometerlangen Strand von Ebodjé kommen 4 der 5 im Golf von Guinea lebenden Meeresschildkröten zur Eiablage:

  • die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea; frz. tortue luth; Vandelli, 1761): Sie ist die größte aller Meeresschildkröten; das größte bei der Eibalage in Ebodijé beobachtete Exemplar hatte eine Breite von ca. 2,1 m und eine Länge von ca. 2,4 m.  
  • die Oliv-Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea; frz. tortue olivâtre; Eschscholtz, 1829) 
  • die Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata; frz. tortue imbriquée; Linnaeus, 1766)  

·        die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas; frz.  tortue verte; Linnaeus, 1758 ) 

 

Im Jahre 2017/18 kamen ca. 150 Schildkröten zwischen September und April zur Eiablage an den Sandstrand des Dorfes.

In der Region ist die Naturschutz-Organisation „Tube Awu“ (auf Yasa „Unser Ozean“) zum Schutz der Meeresschildkröten aktiv.

Denis Gnamabo, der Vorsitzende von Tube Awu, meinte: „Die Meeresschildkröte ist in unserem Emblem. Von Generation zu Generation ist sie Teil unseres Lebens. Sie zu schützen ist heute unsere größte Aufgabe“ (zit. n. Kouagheu, a.a.O.).

Früher allerdings machte er, wie auch seine Vorfahren und nahezu alle Dorfbewohner, Jagd auf die Schidlkröten, töteten sie und aßen ihre Eier und ihr Fleisch.

Erst Ende der 90er Jahre wurden die Dorfbewohner durch eine Forschergruppe (mit Teilnehmern auch aus Europa) auf die Bedeutung der Schildkröten und ihres Schutzes aufmerksam gemacht. Viele erkannten, dass die Tiere zu anderen Dingen dienen könnten als zur Nahrung.

Mit der Hilfe verschiedener Nicht-Regierungsorganisationen begann man in Ebodjé den Ökotourismus zu entwickeln, organisierte Unterkünfte, Speiseräume und Naturführungen. 99% der Besucher kamen wegen der Schildkröten,

Eine Schildkrötenaufzuchtstation wurde mit externer Unterstützung eingerichtet, in dem Schildkröteneier geschützt und die Schlüpflinge – vom ganzen Dorf begleitet – zum Meer gebracht werden. So wurde die Überlebensrate der Jungtiere deutlich erhöht.

Im Jahre 2001 Museum  "La Maison de Ndiva" (auf Yasa: Ndiva Lederschildkröte) eingerichtet, mit Informationstafeln und Bildern zum Leben und zur Anatomie der Tiere und allerlei Schilkrötenobjekte, so konservierte Eier der Meeresschildkröten oder Panzer von einst gejagten Tieren.

So hat sich die Zahl der Besucher deutlich erhöht: In den letzten Jahren kamen durchschnittlich mehr als 300 Besucher in das recht abgelegene Ebodjé.

 

Jedoch wird dort auch immer noch gewildert, es wurden 2017 und 2108 jährlich ca. 20 Meeresschildkröten erlegt, darunter auch Lederschildkröten.

Denn vom Ökotourismus profitieren nicht alle Dorfbewohner genügend. Geplant sind deshalb u.a. die Errichtung einer Kühlkammer für die gefangenen Fische und den Ausbau einer Kokusnussanbau- und Vertriebsgenossenschaft (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

Zum Schutz der Meeresschildkröten stellten deshalb internationale Nicht-Regierunsgsorganisationen Gelder bereit. Jeder Fischer, dem zufällig eine Schildkröte ins Netz geht und der sie lebendig ins Dorf bringt, erhält als Kompensation 10 000 Francs CFA ( ca. 15,- €).

Die Mäzene finanzierten zudem den Besuch von Kindern des Dorfes auf höheren Schulen, so dass einige schon das Baccalauréat erreicht haben, - dank der Schildkröten!   

 

 

(unveränderlich, nach dem Gregorianischen Kalender)

 

© Christian Meyer

 


[1] Nach dem Berliner Ethnologen und Amerikanisten Walter Krickeberg (1885-1962) entstand der obige Mythos vermutlich unter den nördlicheren Algonkin.

[2] Unter „Gens“ (lat. sg. Familie, Geschlecht, Völkerschaft; pl. „gentes“) verstand Morgan eine soziale Gruppe mit einer (realer oder angenommenen) gemeinsamen Abstammung, im Falle der Irokesen von einer gemeinsamen Stammesmutter (vgl. Engels, 1960, S. 222, a.a.O.). 

[3] Das Wort „Totem“ entstammt einem Idiom der Algonkin (vgl. Findeiesen, S. 42, a.a.O.).

[4] Auch Friedrich Engels beschäftigte sich in „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ (1884 veröffentlicht) aufbauend auf den Forschungen Morgans und Manuskripten von Marx im III. Teil mit den „Irokesischen Gens“. Von der damaligen Sozialstruktur der Irokesen-Föderation war Engels fasziniert, da bei ihnen…

  • Frauen und Männer gleichermaßen ihre Vertreter wählten, Entscheidungen wurden einstimmig gefällt
  • nur wenige, unbedeutende Faktoren des Alltagslebens in Privatbesitz waren (z.B. die Wirtschaftsgärten), überwiegend vorherrschend war der Gemeinbesitz
  • keinen Staat gab, sie lebten „…ohne Soldaten, Gendarmen oder Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter; ohne Gefängnis, ohne Prozesse … Arme und Bedürftige kann es nicht geben – die kommunistische Haushaltung und die Gens kennen ihre Verpflichtungen gegen Alte, Kranke und im Kriege Gelähmte. Alle sind frei und gleich – auch die Weiber“ (Engels, 1960, S. 231/232, a.a.O.).

Engels erkannte allerdings auch kritische Aspekte der Irokesen-Gesellschaft, so ihre Aggressivität und Grausamkeit nach Außen, die Blutrache, sowie die „äußerst unentwickelte Produktion“, - eine „Organisation, dem Untergang geweiht“ (Engels,1960, S. 233, a.a.O.). 

Der Irokesen-Föderation wurde 1794 in einem Vertrag zugesichert, die Unabhängigkeit und Selbständigkeit „… solange das Gras wächst und die Flüsse fließen“ zu erhalten (Jeier, S. 86, a.a.O.).

Zur Zeit George Catlins (1796 - 1872) waren die Irokesen „… fast ganz vertilgt“ (Catlin, Bd. II, S. 66, a.a.O.), z.T. durch Kriege, durch Krankheiten, Vertreibungen und Alkohol.

Die Zeitung „Awksesasne Notes“, 1968 von u.a. dem Mohawk Ernest Benedict (*1918) gegründet und v.a. von Irokesen der Mohawks getragen, entwickelte sich zu einem „panindianisches Sprachrohr“ (Jeier, S. 233, a.a.O.), und kämpfte für die gemeinsamen Interessen der Indianer in den USA, Kanada und auch Lateinamerika. 

Heute leben Irokesen v.a. in Kanada, Wisconsin und Oklahoma.

 

 

.....

23. Mai:  Welt-Schildkrötentag

 

Die zoologische Ordnung der Schildkröten (zool. Testudinata, Testudines, von lat. „testudo“ „Schildkröte“; früher auch Chelonia vom gr. χελώνιον „Schildkrötenschale“) sind eine Reptilienordnung mit ca. 340 wechselwarmen Arten und kurzem und breitem Körper, der von einem flachen oder gewölbten Schild bedeckt ist. Sie haben zahnlose Kiefer und legen die Eier auf dem Land ab. Sie sind weltweit verbreitet, auf dem Land, im Wasser und in den Ozeanen, außer den Polarregionen. Es gibt fleisch- und pflanzenfressende Arten.

 

Im Trias (vor ca. 225 – 195  Mio. Jahren) traten erstmals die echten Schildkröten (Chelonia) als eine wichtige Reptiliengruppe auf.  Im Perm (der letzten Periode des Archaikums, vor ca. 280 Mio. Jahren) gab es vielleicht Vorformen der Schildkröten (vgl. Špinow, S. 32, a.a.O.) .

In den kretazischen (kreidezeitlichen) Meeren Nordamerikas lebten vor ca. 72 Mio. Jahren große, bis zu 4m lange Schildkröten, Archelon ischyros, die größte bisher entdeckte Schildkröte. Sie waren weitgehend an das Leben im Wasser angepasst: die Panzer waren reduziert, da so Gewicht gespart wurde. Ihre Füße waren – wie bei den heutigen Meeresschildkröten – zu paddelförmigen Extremitäten umgestaltet und verbreitert, die Finger durch Hautgewebe verbunden.

 

Im Mesozoikum (Erdmittelalter) waren die Reptilien die erfolgreichste Gruppe der Landwirbeltiere. Die meisten Arten der Reptilien starben anschließend aus, vermutlich durch den Einschlag eines Asteroiden. Das Ende des Mesozoikums  überlebten nur vier Ordnungen der Reptilien …

  • die Krokodile (zool. crocodilia)
  • die Schuppensaurier (zool. squamata), die Schlangen, Eidechsen etc.
  • die Schildkröten (zool. chelonia), und
  • die Brückenechsen (zool. rhynchocephalia „Schnabelköpfe“), mit einer einzigen rezenten Art (Sphenodon punctatus), ein neuseeländisches „lebendes Fossil“ (vgl. Špinow, S. 223, a.a.O.) .

Die Schildkröten haben sich seit dem Trias nur sehr wenig verändert und überlebten erdgeschichtliche Umbrüche und blieben bis in die jüngste Gegenwart ebenso zahlreich wie in der Vergangenheit.

Die Schildkröten werden als „bizarres Überbleibsel primitivster Reptilien“ angesehen (vgl. Špinow, S. 96, a.a.O.) angesehen, die ursprünglich ausschließlich festländisch lebten, also terrestrische Tiere waren.

 

 

Heute gibt es weltweit ca. 340 verschiedene Schildkröten-Spezies, die meisten leben im Süßwasser. Sieben Arten leben im Meer, Meeresschildkröten sind aktuell vom Aussterben bedroht. 

Heutige Meeresschildkröten leben in tropischen und subtropischen Meeren. Die Weibchen werden mit frühestens 20 Jahren fortpflanzungsreif. Die Weibchen aller sieben Arten sind ortstreu, sie kommen zur Paarung und zur Eiablage an an den Strand, an dem sie selbst geschlüpft sind. Dazu schwimmen sie z.T. tausende von Kilometern durch den Ozean.

Bis heute ist es unklar, wie die Weibchen zu dem Strand ihrer Geburt zurückfinden. Vermutet wird, die Schildkröten verfügten (wie z.B. bei Rotlachsen oder einigen Zugvögelarten nachgewiesen) über ein Sinnesorgan zur Wahrnehmung des Erdmagnetismus. Dann könnte ein Art geomagnetische Prägung vorliegen, ein Lernvorgang der „magnetischen Signatur“ der Inklination der Feldlinien, der sie mit Hilfe einer Magnetfeld-Landkarte auch viele Jahre später immer wieder zum Strand ihrer Geburt zurückfinden lässt (vgl. Wiltschko, a.a.O.).  

Mit welchen Organen ggf. die Tiere das Magnetfeld der Erde wahrnehmen, ist unklar.

Die Männchen sind weniger ortstreu, so dass langfristige Inzucht verhindert wird. Der biologische Vorteil der Ortstreue liegt darin, dass – wie Forscher des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung 2013 feststellten – die Weibchen in bestimmten Gengruppen Abwehrkräfte genau gegen die Krankheiten und Parasiten vererben, die auf der jeweiligen Brutinsel auf den Nachwuchs warten.

Im Sand am Strand werden die Eier in einem selbstgegrabenen Loch abgelegt und von der Sonnenwärme ausgebrütet. 

Seit Jahrtausenden vermutlich ist der Moment des Schlüpfens im Sand und der Weg ins rettende Meer ein Massaker unter den Baby-Schildkröten: denn die nur handtellergroßen Tiere werden zum großen Teil von Vögeln und anderen Freßfeinden verzehrt, wie es z.B. schon der italienische sensationsheischend-voyeuristische Film „Mondo Cane“ aus dem Jahre 1962 zeigte.  

Im Durchschnitt erreicht nur einer von 1.000 „Schlüpflingen“ der Unechten Karettschildkröte (zool. Caretta caretta) das fortpflanzungsfähige Erwachsenenalter.

 

Ein Grund für die Faszination von Schildkröten ist, dass sie ein sehr hohes Alter erreichen können. Das Geburtsjahr einer Galápagos-Riesenschildkröte namens Harriet (sie lebte jahrelang im Australia Zoo/Queensland) lebte und 2006 verstarb, wurde auf 1830 geschätzt. Damit wäre sie mindestens 176 Jahre alt geworden. Meeresschildkröten können wahrscheinlich 75 Jahre oder mehr leben. werden  Als Haustier gehaltene Schmuckschildkröten können nachweislich bei guter Pflege 40 Jahre oder älter werden.

Die schwerste jemals gemessene Schildkröte wog 916 kg, eine Lederschildkröte.  

Da die Haut der Schildkröten – wie die aller Reptilien – im Laufe des Lebens nicht mitwächst, müssen sie sich Häuten. In Aquarien werden die Schildkrötenpanzer im Frühjahr mit Bürsten gereinigt: „Mit leichtem Schrubben der Schildkrötenpanzer unterstützen wir die Häutung. Das ist wie eine Massage für die Tiere“ (vgl. Tagesspiegel, 15. Mai 2019, S. 28).

 

Zu den Besonderheiten einiger Schildkröten gehören…

  • die Fähigkeit sehr lange Zeit ohne Nahrung und Wasser aus zu kommen
  • die Fähigkeit von Weibchen  manchen Arten, die Samen mehrerer Männchen zu speichern und ihre Einer damit erst lange nach der Paarung zu befruchten.

Als die im Indischen Ozean (ca. 500 km östlich von Madagaskar) gelegenen Maskarenen-Inseln  im Jahr 1512 vom portugiesischen Seefahrer Pedro Mascarenhas entdeckt wurden, lebten auf Réunion, Mauritius und Rodrigues Tausende Exemplare der Landschildkröten-Gattung Cylindraspis. Die Panzer der fünf Arten waren teilweise zurückgebildet, sie waren überflüssig, da die Schildkröten keine natürlichen Feinde auf den Inseln hatten. Durch die Verfolgung der eingewanderten Menschen (oder durch eingeschleppte Ratten oder Raubtiere) wurde die Gattung rasch ausgerottet und ist seit der Mitte des 19. Jhdts. ausgestorben. Den Dodo überlebten die Schildkröten immerhin ca. 200 Jahre (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).  

 

Durch die Untersuchung mitochondrialer DNA-Sequenzen aus erhalten gebliebenen Resten von Maskarenen-Riesenschildkröten konnte nun in der „Scientific Reports“  deren abenteuerliche Geschichte näher geklärt werden.

Die Maskarenen-Inseln liegen auf dem Réunion-Hotspot, der immer wieder neue Vulkaninseln im Indischen Ozean entstehen (und vergehen) lässt. Vor ca. 40 Mio. Jahren dürfte nach den genetischen Berechnungen eine weibliche, befruchtete Cylindraspis von Afrika (oder Madagaskar oder Asien) zu einer dieser Inseln geschwemmt worden sein. Sie wurde (vermutlich) zur Urmutter aller Maskarenen-Riesenschildkröten, einer Population mit eigenständiger Evolution, die auch den Untergang der ursprünglichen Vulkaninsel durch Übergang auf die neu entstandenen Inseln überlebte.  Vor ca. 10. Mio. Jahren entstanden dann die heutigen Maskarenen, besiedelt von u.a. den Cylindraspis – bis die Menschen kamen (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).      

 

Dagegen überlebten Riesenschildkröten (Aldabrachelys gigantea, Syn.: Dipsochelys) auf den Seychellen und insbesondere auf Aldabra, dem größten Atoll im Indischen Ozean. Politisch gehört Aldabra zu den Seychellen, liegt nördlich von Madagaskar und ist bis auf eine Ranger-Gruppe unbewohnt. Das Atoll steht unter strengem Schutz und konnte seine ursprüngliche Flora und Fauna weitgehend erhalten. 1982 wurde Aldabra von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.

Die Seychellen-Riesenschildkröten  sind eine Gattung der der Landschildkröten und erreichen bis zu 1,2 m Länge und ein Gewicht von bis zu 250 kg. Sie sind die einzigen Riesenschildkröten weltweit, deren Bestand momentan nicht gefährdet ist. In der Population sind ca. 100.000 Tiere vorhanden.  

Im Jahre 2004 gelangte eine Aldabra-Schildkröte an die Küste von Tansania: das Tier war zwar abgemagert, aber gesund; es war die ca. 2000 km von den Seychellen nach Ostafrika getrieben/geschwemmt, vermutlich mehrere Monate lang (vgl. Tagesspiegel, 1. Januar 2020). 

 

Eine besondere, auffällige Jagdmethode zeichnet die bestandsgefährdete Geierschildkröte (Macrochelys temminckii; auch: Alligatorschildkröte) aus, denn sie „angelt“ ihre Beute. Diese bis zu 75cm große nordamerikanische Süßwasserschildkröte hat einen während der Jagd auffällig rosaroten Zungenfortsatz. Die Schilkröte ruht lauernd im Schlamm auf dem Boden des Gewässers, öffnet das Maul und bewegt den Zungenfortsatz. Vorbei schwimmende Fische halten den Zungenfortsatz für einen Wurm, schnappen nach ihm – und werden von den scharfen Kiefern der Schildkröte gefangen (vgl. Abbn. dazu unten).

 

Aussterben dürfte vermutlich bald die Yangtse-Riesenweichschildkröte, die größte Süßwasserschildkröte der Welt. Das letzte Weibchen der Art starb in einem chinesischen Zoo – bei einem Besamungsversuch. Weltweit gibt es nun nur noch drei bekannte Exemplare, - drei Männchen, eines in einem chinesischen Zoo und zwei in vietnamesischen Seen (vgl. Berliner Zeitung, 16. Arpil 2019, S. 26). 

 

In vielen Mythen weltweit spielen Schildkröten eine kosmophorische Rolle und sind – wohl ihrer Langlebigkeit wegen – ein Symbol für die Unsterblichkeit.

Vishnu, ein indischer Schöpfergott, erscheint als Schildkröte im Urmeer schwimmend, die Welt auf seiner Panzerschale tragend.

Viele Buddhisten glauben, dass in jeder Schildkröte menschliche Seelen auf der Seekenwanderung verweilen, auf dem Weg ins Nirvana.

Im antiken Griechenland wurde der Mythos von Chelone (Χελώνη gr.  Schildkröte) tradiert. Anlässlich der Hochzeit des Zeus und der Hera wurden alle Götter, Menschen und Tiere durch den Götterboten Hermes eingeladen. Die junge Chelone jedoch blieb als einzige zu Hause, aus Verachtung vor der Götterhochzeit. Hermes, der ihr Fehlen bemerkt, stieg er zur Erde hinab, warf Chelone mitsamt ihrem Haus in einen Fluss und verwandelte sie in eine Schildkröte. Sie muß deshalb ihr Haus fortwährend auf dem Rücken tragen.

 

Die heute vielleicht bekannteste Schildkröte ist Kassiopeia und spielt in MOMO, ein 1973 erschienener Roman von Michael Ende eine wichtige Rolle, denn sie unterstützt Momo in ihrem Kampf gegen die die Menschen um die Zeit betrügenden „grauen Herren“.

 

In einem (vielgestaltig überlieferten) Mythos der Irokesen [1] (ursprünglich im nordwestlichen Waldland des heutigen Staates New York und in Ontario) wurde die Großmutter der Menschen (die „Himmelsfrau“) schwanger, von ihrem Mann (dem Mond?) aus Eifersucht vom Himmel herab ins Meer gestürzt– Land gab es damals noch nicht. Die Schildkröte nahm die Großmutter auf ihrem Rücken auf, den die Bisamratte mit Schlick bedeckte, den sie vom Grund des Meeres emporholte. So wurde langsam auf dem Rücken der Schildkröte die erste Insel geformt, aus der schließlich das gesamte Land entstand.  

Auch die Entstehung der Menschen hing für die Irokesen in zwiefacher Hinsicht mit der Schildkröte zusammen. Die Tochter der Großmutter (gezeugt von der Schildkröte) wurde wundersam geschwängert (vom Westwind, einem jungen Mann??) und gebar antagonistische Zwillingshelden, die Schöpfer des Guten, Iosheka, und des Bösen, Tawiscara (vgl. Guirand, S. 522, a.a.O.). Der gute Heros Iosheka (i.e. „der Helle“) stürzte nach seiner Geburt in einen See, direkt vor der Hütte einer Schildkröte. Von dieser erhielt er u.a. Pfeil und Bogen, zwei Maiskolben, sowie reife Körner, um sie zu pflanzen (vgl. Chevalier, S. 957, a.a.O.).  

Der böse Zwillingsheros Tawiscara (i.e. „der Dunkle“)  tötete seine Mutter bei der Geburt, er versuchte alle guten Gaben seines Bruders zu schädigen.

Nach einer anderen Fassung der Legende wuchsen aus dem Grabe der Mutter eine Tabakspflanze, ein Bohnenbusch. eine Mais- und eine Kürbispflanze (vgl. Graymont, S. 17, a.a.O.). Die Irokesen waren ursprünglich Jäger und Sammler, gingen aber bereits vor der Ankunft der Europäer zum Feldbau über.

Für einige Gruppen (Phratrien, Clans, Gentes [2]) der Irokesen war die Schildkröte ein Totem-Tier [3] , das weder gejagt noch gegessen werden durfte (vgl. Findeisen, S. 50, a.a.O.).

Diese totemistische Tradition wird auch in dem lesenswerten Kinderbuch „Blauvogel“ von Anna Jürgen erwähnt (vgl. a.a.O.).

Auch trug in dem „Blauvogel“ der Tomahawk eines Mannes der „Schildkrötenfamilie“ am Griff „… in roter Farbe das Bild einer Schildkröte: ein ovales Rund mit sechs Punkten am Rand für die Beine, den Kopf und den Schwanz“ (Jürgen, S. 9, a.a.O.).

Der US-amerikanische (evolutionistische) Ethnologe Lewis Henry Morgan (1818 - 1881) führte in seiner Schrift „Ancient society“ (erschienen 1877) für den Irokesenstamm der Seneca acht nach Tieren benannte Gentes an: 1. Wolf 2. Bär, 3. Schildkröte, 4. Biber, 5. Hirsch, 6. Schnepfe, 7. Reiher und 8. Falke (vgl. Morgan, S. 90, a.a.O.). Morgan führte zu den Irokesischen Gentes aus: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, obwohl nie formuliert, waren die Grundprinzipien der Gens“ (Morgan, zit. n. Engels, 1960, S. 225, a.a.O.).  

Auch wurden damals die Angehörigen der jeweiligen Gentes getrennt begraben, zusätzlich noch nach Frauen und Männern getrennt (Morgan, S. 104, a.a.O.).

Besonders auffällig war die matrilineare gesellschaftliche Organisationsform der Irokesen, die sich zu einer 5- bzw. 6-Nationen-Föderation zusammengeschlossen hatten und  Elemente einer egalitären Konsensdemokratie (vgl. Thomas Wagner, a.a.O.) aufwies [4]. Die Stammesföderation hatte eine matrilineare Sozialstruktur und differenzierte Beratungs- und Entscheidungsgremien, von denen Elemente in die US-Verfassung eingegangen sein sollen. 

 

In dem 1566 verfassten „Bericht aus Yucatán“ des franziskanischen Missionars und Bischofs Diego de Landa beschrieb dieser „…staunenerregend große Schildkröten“, von denen „… einige … weitaus größer (sind) als mächtige Rundschilde; sie sind schmackhaft und haben überaus viel Fleisch; die Eier, die sie legen, sind so groß wie Hühnereier, und sie legen hundertfünfzig oder zweihundert, wofür sie in Sand, außerhalb des Wassers, ein großes Loch schaufeln; danach decken sie die Eier mit Sand zu, und dort schlüpfen die kleinen Schildkröten aus. An Land, in den trockenen Waldgebieten und in den Lagunen gibt es verschiedene andere Schildkrötenarten“ (de Landa, S. 159, a.a.O.).    

 

Die pazifischen Galapagos – Inseln verdanken ihren Namen den Schildkröten (vgl. Neef, S. 368, a.a.O.)., span. „galapagos“ = „Waserschildkröten“.

Die Lage des vulkanischen Archipels – ca. 1000 km vom Festland entfernt -  wurde von den Spaniern lange geheim gehalten. William Dampier (1651 - 1715), der britische Freibeuter, Weltumsegler und Naturforscher, besuchte im Juli 1684 die Galapagos-Inseln. In dieser Zeit waren die Inseln zum Rückzugsort für Piraten geworden, die dort ihre Schätze versteckten.

Dampier beschrieb die Fauna und Flora des Archipels. Insbesondere sprach es von den damals noch zahlreichen bis zu 350 kg schweren Riesenschildkröten: sie seien so köstlich, „… daß kein jung Huhn besser schmecken kann“ (Dampier, zit. n. Glaubrecht, a.a.O.). Er führte an, dass er an einer Bucht über 3000 der Tiere zählen konnte. Die Seefahrer pflegten damals auf den Inseln  Schildkröten als lebende Konserven in die Vorratsräume zu laden, 

 

Darwin erreichte im September 1835 die Galapagos-Inseln. Der damalige Gouverneur der Inseln, Nicholas Lawson, erzählte Darwin, dass er schon an der Form der „Panzer“ erkennen können, von welcher der Inseln des Archipels die entsprechende Schildkröte stamme.

Charles Darwin beschreibt in seinem Reisetagebuch plastisch, wie die Schildkröten auf dem Archipel durch die Menschen dezimiert wurden. Auch Darwin lebte auf den Inseln überwiegend von Schildkrötenfleisch, fand es aber nur mäßig (vgl. Darwin).    

Jahrhundertlang, zumindest bis ins 17. Jhdt. gingen Schiffsärzte davon aus, dass die Skorbut eine Folge des Fleischmangels an Bord sei. Das Vitamin C wurde erst 1928 entdeckt. 

Da Schildkröten sehr lange ohne Essen und Trinken auskommen, man zudem glaubte, sie empfänden keine Schmerzen, weil sie keine Laute von sich geben, wurden viele der Tiere  im Schiff  tierquälerisch unter Deck zusammengepfercht. Durch die Seefahrer wurden die Schildkröten der Seychellen- und Galapagos-Inseln fast vollständig ausgerottet.

 

Auch die „Beagle“ führte bei der Abfahrt 30 der Schildkröten mit sich, die allesamt im weiteren Verlauf der Reise verspeist wurden, auch von Darwin selbst.

Erst viele Jahre später, zurück in England, erkannte Darwin, dass die Schildkröten – als Beleg für die Veränderlichkeit der Arten - vielleicht die bedeutsamsten Fundstücke der Inseln gewesen wären. 

Seit 1959 sind die zu Ekuador gehörenden Inseln größtenteils ein Naturpark, aber völlig überlaufen und ökologisch gefährdet: Im Jahre 2018 besuchten ca. 275 000 Menschen die Inseln. Allerdings wird das Geld der Touristen z.T. für den Naturschutz verwendet.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte im Februar 2019 im Rahmen eines Staatsbsuchs auch die Galapsgos-Inseln. In der Schildkröten-Aufzuchtstation Santa Cruz – die seit 1964 von der Charles-Darwin-Stiftung betrieben wird - übernahm er die Patenschaft für eine junge Meeresschildkröte, Alejandra. In drei Jahren soll sie ausgewildert werden, denn Schildkröten sind auf den Inseln gefährdet, nicht nur durch Plastikmüll. Bei einer Aktion au den Küsten des Archipels wurden 22 t vorwiegend angeschwemmter Plastikmüll auch durch Sieben des Sandes eingesammelt (vgl. „Tagesspiegel“, 16. Februar 2019, S. 3). Und dabei gibt es seit einem 2014 eingeführten Plastiktütenverbot praktisch keine Plastiktüten mehr auf den Inseln, zudem wurde ein erfolgreiches Bildungs-, Mülltrennungs- und Recyclingprogramm u.a. von WWW initiiert.  

 

Das Schlüpfen der Schildkröten ist heute auf Heron Island für Reisende die Hauptattraktion. Die kleine Insel im Nordosten Australiens wurde 1843 entdeckt und nach den dort beobachteten Reihern (engl. heron) benannt.

1925 wurde auf der Insel eine Abfüllanlage für Schildkrötensuppe errichtet, die sich jedoch nach schon 2 Jahren nicht mehr rentierte, da die zuvor zahlreichen Tiere, die Grüne Meeresschildkröte und die Karettschildkröte rasch dezimiert wurden. In den Gebäuden der ehemaligen Fabrik wurde dann 1932 das erste touristische Ressort im Großen Barriere-Riff eingerichtet, 1943 wurde Heron Island zum Nationalpark. Heute darf in ihm nichts eingeschleppt, mitgenommen, verändert werden, in das Ökosystem der Insel darf nicht eingegriffen werden (vgl. Bisping, a.a.O.).

Ca. 4000 Schildkröten leben permanent um Heron Island, zudem ca. 200 000 Vögel. Zwischen Oktober und März kommen die weiblichen Schildkröten jeweils 4 – 5 Mal zur Eiablage an Land. 8 Wochen später, also zwischen Dezember und Mai schlüpfen nachts die jungen Schildkröten, kriechen aus ihren Nesthügeln, krabbeln vom Mondlicht geleitet dem rettenden Meer entgegen. Auch hier werden die allermeisten Baby-Schildkröten Opfer ihrer vielen Fressfeinde.   

 

Ästivation (vom lat. aestes Sommer, Hitze) bezeichnet die Strategie mancher Tiere, hohen Temperaturen und starker Trockenheit auszuweichen, indem sie die Sommermonate weitgehend verschlafen. Solche Sommerruhe kommt bei einigen Insekten vor, aber auch bei einigen Reptilien, wie der Ägyptischen oder Tunesischen Landschildkröte (vgl. Vaas, S. 18, a.a.O.).

 

Schon seit ca. 120 bis 150 Mio. Jahren leben Meeresschildkröten auf dem Planeten Erde, Gefahren drohen Schildkröten heute v.a. durch den Menschen. Seit Jahrzehnten gehen die Schildkröten-Populationen zu Lande und zu Wasser dramatisch zurück, viele sind akut vom Aussterben bedroht. Allein in Chinas Garküchen werden alljährlich um die 20 Millionen Schildkröten zu Suppe verkocht.

Gefährdet sind die Meeresschildkröten besonders durch den Menschen:

Ø  als Beifang der Fischer: „Einige Hunderttausend Schildkröten verenden pro Jahr an Haken der oft über 100 Kilometer langen Leinen. Andere werden in Fisch- oder Shrimpsnetzen gefangen“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch das Fangen bei der Eiablage und das Sammeln der Eier, was nicht nur an der mesoameikanischen Pazifikküste bis heute weit verbreitet ist. Schildkrötenarten landen noch immer hunderttausendfach im Kochtopf (vgl. Greenpeace-Magazin, 2/04). 

Ø  durch den Verlust von Lebensräumen, z.B. dem Bau von Hotels an Eiablagestränden: „Hell erleuchtete Hotels an Stränden etwa halten die Schildkröten-Weibchen vom Eierlegen ab und irritieren die frisch geschlüpften Babys, so dass sie den Weg zum lebenswichtigen Meer nicht finden“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch den Klimawandel (vgl. Tag der Umwelt) können Brutgebiete (ansteigender Meeresspiegel,  vgl. Tag des Meeres, Sturmfluten) überschwemmt oder vernichtet werden. Höhere Temperaturen des Sandes am Strand führen dazu, dass sich aus den abgelegten Eiern mehr Weibchen entwickeln: Die Folgen dieser Veränderung im Quantitativen Geschlechterverhältnis sind unklar. Zudem sterben viele Eier bei zu hohen Temperaturen ab- So wurden z.B. in Malaysia an einem Schildkrötenstrand Kokospalmen gefällt, ohne Schatten wurde es den Eiern zu heiß.

Ø  durch die Vermüllung der Meere: Bei einer wachsenden Zahl von Meeresschildkröten findet man Plastikstücke im Magen, durch die die Tiere sterben können (vgl. Tag des Meeres & Tag der Umwelt). Treibende Plastiktüten ähneln Quallen und Meeresschildkröten lieben Quallen. Wenn eines der Tiere ein Plastikobjekt frisst, kann das Material ihren Magen verstopfen, was es dann daran hindert, echte Nahrung herunter zu schlucken. „Manche der Reptilien bekommen eine ‚bubble butt‘ (engl. ‚Blasenhintern‘, C.M.), einen derart aufgeblähten Bauch von den Gasen, die bei der Plastikzersetzung frei werden, dass die Tiere nur an der Oberfläche treiben, aber nicht mehr abtauchen können. Die Folge: Die Schildkröten verhungern oder werden von Freßfeinden erbeutet“ (Bisping, S. 13, a.a.O.), z.B. Haien. Australische Forscher stellten bei der Untersuchung von 250 toten Meeresschildkröten fest, dass ….

       - jedes zweite Jungtier Plastikobjekte im Magen-Darmtrakt hatte

          - bei jugendlichen und ausgewachsenen Schildkröten es „nur“ jedes sechste Tier war

      - sich bei Schlüpflingen kein Plastik im Magen fand.

Jüngere Schildkröten – erklären die Forscher – scheinen eher dort zu fressen, wo sich mehr Plastik im Meer befindet – nahe den Küsten (vgl. „Tagesspiegel“, 18. September 2018, S. 25 und Abb. unten)     

 

Immer wieder sterben Meeresschildkröten durch gefressenen Plastikmüll oder verheddern sich in treibendem Müll. Forscher gingen davon aus, die Schildkröten verwechselten z.B. treibende Plastiktüten mit Quallen.

Eine Forschergruppe um Joseph B. Pfaller (Universität von Florida) beschäftigte sich mit dem Verhalten der Meeresschildkröten dem Plastikmüll gegenüber.

Sie vermutete, dass die Schildkröten nicht nur vom Aussehen, sondern auch von dem Geruch des Plastkmülls angelockt würden (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Auf dem Plastikmüll siedeln sich im Meer jedoch rasch allerlei Mikroorganismen, Algen, Pflanzen und andere Lebewesen an.     

In einem Geruchsexperiment mit Unechten Karettschildkröten reagierten diese auf Futtergerüche (Fisch, Garnelen) genauso intensiv wie auf den Geruch von Plastik mit Ablagerungen (vgl. „Tagesspiegel“, 10. März 2020, S. 16).

Auf den Geruch von sauberem Plastik reagierten sie hingegen gar nicht mit Suchverhalten. Beim partiellen Absterben des Belags entsteht ein nahrungsähnlicher Geruch („Bio-fouling“), der die Tiere anlockt. Auch ist der Belag durchaus nahrhaft, wird allerdings oft zu einer tödlichen Falle (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Unklar ist jedoch noch, welche chemischen Verbindungen von besiedeltem Plastik die Schildkröten anlocken.     

 

Eine Studie aus dem Jahre 2017 (von der Aristoteles Universität Thessaloniki) zu den Populationen von 7 Arten der Meeresschildkröten belegte eine leichte Erholung einiger der 299 Populationen weltweit: Bei 95 von ihnen stieg die Zahl der Schildkröten deutlich an, bei 35 Populationen sank sie deutlich ab. Bei den restlichen blieb sie in etwa gleich (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

  

Günstig auf die Schildkrötenpopulation wirkt der aktive Schutz der Brutgebiete und der Eiablagen, so z.B. in dem 25 km langen Schutzreservat Ras al-Dschinz in Oman, wo nun auch geführte Öko-Touristen vor allem von Juni bis zum November die Eiablage der Grünen Meeresschildkröte erleben können.

Schon 1983 wurde Archelon, ein Verein zum Schutz der Schildkröten in Griechenland (mit Sitz in Glyfada bei Athen) gegründet. Er kümmert sich seither um u.a. den Schutz der Nester der Unechten Karettschildkröte in Zakynthos, auf Kreta und dem Peleponnes.

Dennoch stehen sechs der sieben Meeresschildkrötenarten als gefährdet, sehr gefährdet oder vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature, Weltnaturschutz –Union, (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

 

Weltweit gibt es unterdessen mehrere Institutionen, die sich um verletzte und erkrankte Schildkröten bemühen.

So z.B. das „Ontario Turtle Conservation Centre“ in Kanada, das jährlich Hunderte bei Unfällen verletzte Schildkröten rettet. Vor allem geht es darum, durch Autounfälle verletzte Panzer wieder zusammen zu fügen; oftmals sind es allein dort mehr als 20 Operationen täglich. Es handelt sich dabei um in Ontario heimische Arten, die auf der „Roten Liste“ als zumindest gefährdet stehen (vgl. „Tagesspiegel“, 14. 10 2017).

Schon 1986 wurde das „Turtle Hospital“ in Marathon/Florida gegründet, das bislang einige Tausend verletzte Schildkröten rettete und wieder ins Meer entließ.   

In der nicht-profitorientierten Tierrettungsstation „Carolina Waterfowl Rescue“(CWR) in Nord-Carolina werden jährlich hunderte von verletzten Schildkröten behandelt, v.a. Weibchen, die zur Eiablage an Lande gekommen sind: Viele werden von Autos angefahren, von Rasenmähern verletzt oder von Hunden gebissen.

Verletzungen am Panzer der Schildkröten müssen wieder zusammenwachsen, wie gebrochene Knochen. Dabei haben sich gespendete BH-Verschlüsse als Hilfe bewährt. Sie wurden an die Bruchstelle geklebt und dann mit Drähten so verbunden, dass der Riss zusammengehalten wird. Der Heilungsprozess kann Monate dauern, aber 70 % der dortigen Schildkröten-Patientinnen können durchschnittlich als geheilt wieder in die Freiheit entlassen werden.

 

 

Bei Schildkröten dauert es lange Jahre bis die Tiere geschlechtsreif sind. Die Weibchen legen zwar jedes Jahr viele Eier, ältere Schnappschildkröten bis zu 60 Stück. Aber weniger als ein Prozent der Eier führt zu einer erwachsenen Schildkröte. Es dauert rund 20 Jahre, bis eine Schildkröte selbst Eier legt. Besonders lang ist der Zyklus bei den Schnappschildkröten (Chelydra serpentina), die aus Nordamerika stammen und in Süßwasserseen und Flüssen leben: Ca. 1500 Eier und 59 Jahre werden benötigt,  um eine weibliche Schnappschildkröte in der Natur zu ersetzen.

 

 Der 23. Mai wurde als Weltschildkrötentag im Jahre 2000 von der „American Tortoise Rescue“ eingeführt und 2002 von der „Humane Society of the United States“ (HSUS, vgl. http://www.hsus.org/) übernommen und popularisiert. Ziel ist es, auf die Gefährdung der Schildkröten hinzuweisen und geeignete Aktionen zu ihrem Schutz zu initiieren.

 

Wie australische und US-Forscher jüngst feststellten, bedroht der globale Klimawandel die Existenz einer der größten Kolonien von Meeresschildkröten im nördlichen Great-Barriere-Riff: Da der Sand, in dem die Schildkröten ihre Eier vergraben, wärmer geworden ist, schlüpfen dort zu 99,1% nur noch weibliche Jungtiere (vgl. „Stern“, 18. Januar 2018, S. 20).

 

Meeresschildkröten sind – betonen Ökologen – ein guter Bioindikator für die Güte der jeweiligen Umwelt und die Biodiversität, - wenn die Umweltbedingungen sich verschlechtern, verschwinden sie. Zudem ernähren sie sich u.a. von Quallen, deren Gift z.T. auch tödlich für Menschen ist (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

  

Besonders aktiv beim Schutz der Meeresschildkröten ist auch das Fischerdorf Ebodjè in Kamerun. Das Dorf hat knapp 1000 Einwohner, liegt am Atlantik, im Süden Kameruns, ca. 40 km von der Grenze zu Äquatorial-Guinea. Die Bewohner gehören überwiegend zu dem kleinen Volk der Yasa, deren Sprache zu den südlichen Bantusprachen gehört und in Kamerun, Äquatorial-Guinea und Gabun gesprochen wird. Es gibt ca. 2400 Yasa-Sprecher. 

An dem kilometerlangen Strand von Ebodjé kommen 4 der 5 im Golf von Guinea lebenden Meeresschildkröten zur Eiablage:

  • die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea; frz. tortue luth; Vandelli, 1761): Sie ist die größte aller Meeresschildkröten; das größte bei der Eibalage in Ebodijé beobachtete Exemplar hatte eine Breite von ca. 2,1 m und eine Länge von ca. 2,4 m.  
  • die Oliv-Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea; frz. tortue olivâtre; Eschscholtz, 1829) 
  • die Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata; frz. tortue imbriquée; Linnaeus, 1766)  

·        die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas; frz.  tortue verte; Linnaeus, 1758 ) 

 

Im Jahre 2017/18 kamen ca. 150 Schildkröten zwischen September und April zur Eiablage an den Sandstrand des Dorfes.

In der Region ist die Naturschutz-Organisation „Tube Awu“ (auf Yasa „Unser Ozean“) zum Schutz der Meeresschildkröten aktiv.

Denis Gnamabo, der Vorsitzende von Tube Awu, meinte: „Die Meeresschildkröte ist in unserem Emblem. Von Generation zu Generation ist sie Teil unseres Lebens. Sie zu schützen ist heute unsere größte Aufgabe“ (zit. n. Kouagheu, a.a.O.).

Früher allerdings machte er, wie auch seine Vorfahren und nahezu alle Dorfbewohner, Jagd auf die Schidlkröten, töteten sie und aßen ihre Eier und ihr Fleisch.

Erst Ende der 90er Jahre wurden die Dorfbewohner durch eine Forschergruppe (mit Teilnehmern auch aus Europa) auf die Bedeutung der Schildkröten und ihres Schutzes aufmerksam gemacht. Viele erkannten, dass die Tiere zu anderen Dingen dienen könnten als zur Nahrung.

Mit der Hilfe verschiedener Nicht-Regierungsorganisationen begann man in Ebodjé den Ökotourismus zu entwickeln, organisierte Unterkünfte, Speiseräume und Naturführungen. 99% der Besucher kamen wegen der Schildkröten,

Eine Schildkrötenaufzuchtstation wurde mit externer Unterstützung eingerichtet, in dem Schildkröteneier geschützt und die Schlüpflinge – vom ganzen Dorf begleitet – zum Meer gebracht werden. So wurde die Überlebensrate der Jungtiere deutlich erhöht.

Im Jahre 2001 Museum  "La Maison de Ndiva" (auf Yasa: Ndiva Lederschildkröte) eingerichtet, mit Informationstafeln und Bildern zum Leben und zur Anatomie der Tiere und allerlei Schilkrötenobjekte, so konservierte Eier der Meeresschildkröten oder Panzer von einst gejagten Tieren.

So hat sich die Zahl der Besucher deutlich erhöht: In den letzten Jahren kamen durchschnittlich mehr als 300 Besucher in das recht abgelegene Ebodjé.

 

Jedoch wird dort auch immer noch gewildert, es wurden 2017 und 2108 jährlich ca. 20 Meeresschildkröten erlegt, darunter auch Lederschildkröten.

Denn vom Ökotourismus profitieren nicht alle Dorfbewohner genügend. Geplant sind deshalb u.a. die Errichtung einer Kühlkammer für die gefangenen Fische und den Ausbau einer Kokusnussanbau- und Vertriebsgenossenschaft (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

Zum Schutz der Meeresschildkröten stellten deshalb internationale Nicht-Regierunsgsorganisationen Gelder bereit. Jeder Fischer, dem zufällig eine Schildkröte ins Netz geht und der sie lebendig ins Dorf bringt, erhält als Kompensation 10 000 Francs CFA ( ca. 15,- €).

Die Mäzene finanzierten zudem den Besuch von Kindern des Dorfes auf höheren Schulen, so dass einige schon das Baccalauréat erreicht haben, - dank der Schildkröten!   

 

 

(unveränderlich, nach dem Gregorianischen Kalender)

 

© Christian Meyer

 


[1] Nach dem Berliner Ethnologen und Amerikanisten Walter Krickeberg (1885-1962) entstand der obige Mythos vermutlich unter den nördlicheren Algonkin.

[2] Unter „Gens“ (lat. sg. Familie, Geschlecht, Völkerschaft; pl. „gentes“) verstand Morgan eine soziale Gruppe mit einer (realer oder angenommenen) gemeinsamen Abstammung, im Falle der Irokesen von einer gemeinsamen Stammesmutter (vgl. Engels, 1960, S. 222, a.a.O.). 

[3] Das Wort „Totem“ entstammt einem Idiom der Algonkin (vgl. Findeiesen, S. 42, a.a.O.).

[4] Auch Friedrich Engels beschäftigte sich in „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ (1884 veröffentlicht) aufbauend auf den Forschungen Morgans und Manuskripten von Marx im III. Teil mit den „Irokesischen Gens“. Von der damaligen Sozialstruktur der Irokesen-Föderation war Engels fasziniert, da bei ihnen…

  • Frauen und Männer gleichermaßen ihre Vertreter wählten, Entscheidungen wurden einstimmig gefällt
  • nur wenige, unbedeutende Faktoren des Alltagslebens in Privatbesitz waren (z.B. die Wirtschaftsgärten), überwiegend vorherrschend war der Gemeinbesitz
  • keinen Staat gab, sie lebten „…ohne Soldaten, Gendarmen oder Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter; ohne Gefängnis, ohne Prozesse … Arme und Bedürftige kann es nicht geben – die kommunistische Haushaltung und die Gens kennen ihre Verpflichtungen gegen Alte, Kranke und im Kriege Gelähmte. Alle sind frei und gleich – auch die Weiber“ (Engels, 1960, S. 231/232, a.a.O.).

Engels erkannte allerdings auch kritische Aspekte der Irokesen-Gesellschaft, so ihre Aggressivität und Grausamkeit nach Außen, die Blutrache, sowie die „äußerst unentwickelte Produktion“, - eine „Organisation, dem Untergang geweiht“ (Engels,1960, S. 233, a.a.O.). 

Der Irokesen-Föderation wurde 1794 in einem Vertrag zugesichert, die Unabhängigkeit und Selbständigkeit „… solange das Gras wächst und die Flüsse fließen“ zu erhalten (Jeier, S. 86, a.a.O.).

Zur Zeit George Catlins (1796 - 1872) waren die Irokesen „… fast ganz vertilgt“ (Catlin, Bd. II, S. 66, a.a.O.), z.T. durch Kriege, durch Krankheiten, Vertreibungen und Alkohol.

Die Zeitung „Awksesasne Notes“, 1968 von u.a. dem Mohawk Ernest Benedict (*1918) gegründet und v.a. von Irokesen der Mohawks getragen, entwickelte sich zu einem „panindianisches Sprachrohr“ (Jeier, S. 233, a.a.O.), und kämpfte für die gemeinsamen Interessen der Indianer in den USA, Kanada und auch Lateinamerika. 

Heute leben Irokesen v.a. in Kanada, Wisconsin und Oklahoma.

 

 

.....

23. Mai:  Welt-Schildkrötentag

 

Die zoologische Ordnung der Schildkröten (zool. Testudinata, Testudines, von lat. „testudo“ „Schildkröte“; früher auch Chelonia vom gr. χελώνιον „Schildkrötenschale“) sind eine Reptilienordnung mit ca. 340 wechselwarmen Arten und kurzem und breitem Körper, der von einem flachen oder gewölbten Schild bedeckt ist. Sie haben zahnlose Kiefer und legen die Eier auf dem Land ab. Sie sind weltweit verbreitet, auf dem Land, im Wasser und in den Ozeanen, außer den Polarregionen. Es gibt fleisch- und pflanzenfressende Arten.

 

Im Trias (vor ca. 225 – 195  Mio. Jahren) traten erstmals die echten Schildkröten (Chelonia) als eine wichtige Reptiliengruppe auf.  Im Perm (der letzten Periode des Archaikums, vor ca. 280 Mio. Jahren) gab es vielleicht Vorformen der Schildkröten (vgl. Špinow, S. 32, a.a.O.) .

In den kretazischen (kreidezeitlichen) Meeren Nordamerikas lebten vor ca. 72 Mio. Jahren große, bis zu 4m lange Schildkröten, Archelon ischyros, die größte bisher entdeckte Schildkröte. Sie waren weitgehend an das Leben im Wasser angepasst: die Panzer waren reduziert, da so Gewicht gespart wurde. Ihre Füße waren – wie bei den heutigen Meeresschildkröten – zu paddelförmigen Extremitäten umgestaltet und verbreitert, die Finger durch Hautgewebe verbunden.

 

Im Mesozoikum (Erdmittelalter) waren die Reptilien die erfolgreichste Gruppe der Landwirbeltiere. Die meisten Arten der Reptilien starben anschließend aus, vermutlich durch den Einschlag eines Asteroiden. Das Ende des Mesozoikums  überlebten nur vier Ordnungen der Reptilien …

  • die Krokodile (zool. crocodilia)
  • die Schuppensaurier (zool. squamata), die Schlangen, Eidechsen etc.
  • die Schildkröten (zool. chelonia), und
  • die Brückenechsen (zool. rhynchocephalia „Schnabelköpfe“), mit einer einzigen rezenten Art (Sphenodon punctatus), ein neuseeländisches „lebendes Fossil“ (vgl. Špinow, S. 223, a.a.O.) .

Die Schildkröten haben sich seit dem Trias nur sehr wenig verändert und überlebten erdgeschichtliche Umbrüche und blieben bis in die jüngste Gegenwart ebenso zahlreich wie in der Vergangenheit.

Die Schildkröten werden als „bizarres Überbleibsel primitivster Reptilien“ angesehen (vgl. Špinow, S. 96, a.a.O.) angesehen, die ursprünglich ausschließlich festländisch lebten, also terrestrische Tiere waren.

 

 

Heute gibt es weltweit ca. 340 verschiedene Schildkröten-Spezies, die meisten leben im Süßwasser. Sieben Arten leben im Meer, Meeresschildkröten sind aktuell vom Aussterben bedroht. 

Heutige Meeresschildkröten leben in tropischen und subtropischen Meeren. Die Weibchen werden mit frühestens 20 Jahren fortpflanzungsreif. Die Weibchen aller sieben Arten sind ortstreu, sie kommen zur Paarung und zur Eiablage an an den Strand, an dem sie selbst geschlüpft sind. Dazu schwimmen sie z.T. tausende von Kilometern durch den Ozean.

Bis heute ist es unklar, wie die Weibchen zu dem Strand ihrer Geburt zurückfinden. Vermutet wird, die Schildkröten verfügten (wie z.B. bei Rotlachsen oder einigen Zugvögelarten nachgewiesen) über ein Sinnesorgan zur Wahrnehmung des Erdmagnetismus. Dann könnte ein Art geomagnetische Prägung vorliegen, ein Lernvorgang der „magnetischen Signatur“ der Inklination der Feldlinien, der sie mit Hilfe einer Magnetfeld-Landkarte auch viele Jahre später immer wieder zum Strand ihrer Geburt zurückfinden lässt (vgl. Wiltschko, a.a.O.).  

Mit welchen Organen ggf. die Tiere das Magnetfeld der Erde wahrnehmen, ist unklar.

Die Männchen sind weniger ortstreu, so dass langfristige Inzucht verhindert wird. Der biologische Vorteil der Ortstreue liegt darin, dass – wie Forscher des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung 2013 feststellten – die Weibchen in bestimmten Gengruppen Abwehrkräfte genau gegen die Krankheiten und Parasiten vererben, die auf der jeweiligen Brutinsel auf den Nachwuchs warten.

Im Sand am Strand werden die Eier in einem selbstgegrabenen Loch abgelegt und von der Sonnenwärme ausgebrütet. 

Seit Jahrtausenden vermutlich ist der Moment des Schlüpfens im Sand und der Weg ins rettende Meer ein Massaker unter den Baby-Schildkröten: denn die nur handtellergroßen Tiere werden zum großen Teil von Vögeln und anderen Freßfeinden verzehrt, wie es z.B. schon der italienische sensationsheischend-voyeuristische Film „Mondo Cane“ aus dem Jahre 1962 zeigte.  

Im Durchschnitt erreicht nur einer von 1.000 „Schlüpflingen“ der Unechten Karettschildkröte (zool. Caretta caretta) das fortpflanzungsfähige Erwachsenenalter.

 

Ein Grund für die Faszination von Schildkröten ist, dass sie ein sehr hohes Alter erreichen können. Das Geburtsjahr einer Galápagos-Riesenschildkröte namens Harriet (sie lebte jahrelang im Australia Zoo/Queensland) lebte und 2006 verstarb, wurde auf 1830 geschätzt. Damit wäre sie mindestens 176 Jahre alt geworden. Meeresschildkröten können wahrscheinlich 75 Jahre oder mehr leben. werden  Als Haustier gehaltene Schmuckschildkröten können nachweislich bei guter Pflege 40 Jahre oder älter werden.

Die schwerste jemals gemessene Schildkröte wog 916 kg, eine Lederschildkröte.  

Da die Haut der Schildkröten – wie die aller Reptilien – im Laufe des Lebens nicht mitwächst, müssen sie sich Häuten. In Aquarien werden die Schildkrötenpanzer im Frühjahr mit Bürsten gereinigt: „Mit leichtem Schrubben der Schildkrötenpanzer unterstützen wir die Häutung. Das ist wie eine Massage für die Tiere“ (vgl. Tagesspiegel, 15. Mai 2019, S. 28).

 

Zu den Besonderheiten einiger Schildkröten gehören…

  • die Fähigkeit sehr lange Zeit ohne Nahrung und Wasser aus zu kommen
  • die Fähigkeit von Weibchen  manchen Arten, die Samen mehrerer Männchen zu speichern und ihre Einer damit erst lange nach der Paarung zu befruchten.

Als die im Indischen Ozean (ca. 500 km östlich von Madagaskar) gelegenen Maskarenen-Inseln  im Jahr 1512 vom portugiesischen Seefahrer Pedro Mascarenhas entdeckt wurden, lebten auf Réunion, Mauritius und Rodrigues Tausende Exemplare der Landschildkröten-Gattung Cylindraspis. Die Panzer der fünf Arten waren teilweise zurückgebildet, sie waren überflüssig, da die Schildkröten keine natürlichen Feinde auf den Inseln hatten. Durch die Verfolgung der eingewanderten Menschen (oder durch eingeschleppte Ratten oder Raubtiere) wurde die Gattung rasch ausgerottet und ist seit der Mitte des 19. Jhdts. ausgestorben. Den Dodo überlebten die Schildkröten immerhin ca. 200 Jahre (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).  

 

Durch die Untersuchung mitochondrialer DNA-Sequenzen aus erhalten gebliebenen Resten von Maskarenen-Riesenschildkröten konnte nun in der „Scientific Reports“  deren abenteuerliche Geschichte näher geklärt werden.

Die Maskarenen-Inseln liegen auf dem Réunion-Hotspot, der immer wieder neue Vulkaninseln im Indischen Ozean entstehen (und vergehen) lässt. Vor ca. 40 Mio. Jahren dürfte nach den genetischen Berechnungen eine weibliche, befruchtete Cylindraspis von Afrika (oder Madagaskar oder Asien) zu einer dieser Inseln geschwemmt worden sein. Sie wurde (vermutlich) zur Urmutter aller Maskarenen-Riesenschildkröten, einer Population mit eigenständiger Evolution, die auch den Untergang der ursprünglichen Vulkaninsel durch Übergang auf die neu entstandenen Inseln überlebte.  Vor ca. 10. Mio. Jahren entstanden dann die heutigen Maskarenen, besiedelt von u.a. den Cylindraspis – bis die Menschen kamen (vgl. Kehlmaier, a.a.O.).      

 

Dagegen überlebten Riesenschildkröten (Aldabrachelys gigantea, Syn.: Dipsochelys) auf den Seychellen und insbesondere auf Aldabra, dem größten Atoll im Indischen Ozean. Politisch gehört Aldabra zu den Seychellen, liegt nördlich von Madagaskar und ist bis auf eine Ranger-Gruppe unbewohnt. Das Atoll steht unter strengem Schutz und konnte seine ursprüngliche Flora und Fauna weitgehend erhalten. 1982 wurde Aldabra von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.

Die Seychellen-Riesenschildkröten  sind eine Gattung der der Landschildkröten und erreichen bis zu 1,2 m Länge und ein Gewicht von bis zu 250 kg. Sie sind die einzigen Riesenschildkröten weltweit, deren Bestand momentan nicht gefährdet ist. In der Population sind ca. 100.000 Tiere vorhanden.  

Im Jahre 2004 gelangte eine Aldabra-Schildkröte an die Küste von Tansania: das Tier war zwar abgemagert, aber gesund; es war die ca. 2000 km von den Seychellen nach Ostafrika getrieben/geschwemmt, vermutlich mehrere Monate lang (vgl. Tagesspiegel, 1. Januar 2020). 

 

Eine besondere, auffällige Jagdmethode zeichnet die bestandsgefährdete Geierschildkröte (Macrochelys temminckii; auch: Alligatorschildkröte) aus, denn sie „angelt“ ihre Beute. Diese bis zu 75cm große nordamerikanische Süßwasserschildkröte hat einen während der Jagd auffällig rosaroten Zungenfortsatz. Die Schilkröte ruht lauernd im Schlamm auf dem Boden des Gewässers, öffnet das Maul und bewegt den Zungenfortsatz. Vorbei schwimmende Fische halten den Zungenfortsatz für einen Wurm, schnappen nach ihm – und werden von den scharfen Kiefern der Schildkröte gefangen (vgl. Abbn. dazu unten).

 

Aussterben dürfte vermutlich bald die Yangtse-Riesenweichschildkröte, die größte Süßwasserschildkröte der Welt. Das letzte Weibchen der Art starb in einem chinesischen Zoo – bei einem Besamungsversuch. Weltweit gibt es nun nur noch drei bekannte Exemplare, - drei Männchen, eines in einem chinesischen Zoo und zwei in vietnamesischen Seen (vgl. Berliner Zeitung, 16. Arpil 2019, S. 26). 

 

In vielen Mythen weltweit spielen Schildkröten eine kosmophorische Rolle und sind – wohl ihrer Langlebigkeit wegen – ein Symbol für die Unsterblichkeit.

Vishnu, ein indischer Schöpfergott, erscheint als Schildkröte im Urmeer schwimmend, die Welt auf seiner Panzerschale tragend.

Viele Buddhisten glauben, dass in jeder Schildkröte menschliche Seelen auf der Seekenwanderung verweilen, auf dem Weg ins Nirvana.

Im antiken Griechenland wurde der Mythos von Chelone (Χελώνη gr.  Schildkröte) tradiert. Anlässlich der Hochzeit des Zeus und der Hera wurden alle Götter, Menschen und Tiere durch den Götterboten Hermes eingeladen. Die junge Chelone jedoch blieb als einzige zu Hause, aus Verachtung vor der Götterhochzeit. Hermes, der ihr Fehlen bemerkt, stieg er zur Erde hinab, warf Chelone mitsamt ihrem Haus in einen Fluss und verwandelte sie in eine Schildkröte. Sie muß deshalb ihr Haus fortwährend auf dem Rücken tragen.

 

Die heute vielleicht bekannteste Schildkröte ist Kassiopeia und spielt in MOMO, ein 1973 erschienener Roman von Michael Ende eine wichtige Rolle, denn sie unterstützt Momo in ihrem Kampf gegen die die Menschen um die Zeit betrügenden „grauen Herren“.

 

In einem (vielgestaltig überlieferten) Mythos der Irokesen [1] (ursprünglich im nordwestlichen Waldland des heutigen Staates New York und in Ontario) wurde die Großmutter der Menschen (die „Himmelsfrau“) schwanger, von ihrem Mann (dem Mond?) aus Eifersucht vom Himmel herab ins Meer gestürzt– Land gab es damals noch nicht. Die Schildkröte nahm die Großmutter auf ihrem Rücken auf, den die Bisamratte mit Schlick bedeckte, den sie vom Grund des Meeres emporholte. So wurde langsam auf dem Rücken der Schildkröte die erste Insel geformt, aus der schließlich das gesamte Land entstand.  

Auch die Entstehung der Menschen hing für die Irokesen in zwiefacher Hinsicht mit der Schildkröte zusammen. Die Tochter der Großmutter (gezeugt von der Schildkröte) wurde wundersam geschwängert (vom Westwind, einem jungen Mann??) und gebar antagonistische Zwillingshelden, die Schöpfer des Guten, Iosheka, und des Bösen, Tawiscara (vgl. Guirand, S. 522, a.a.O.). Der gute Heros Iosheka (i.e. „der Helle“) stürzte nach seiner Geburt in einen See, direkt vor der Hütte einer Schildkröte. Von dieser erhielt er u.a. Pfeil und Bogen, zwei Maiskolben, sowie reife Körner, um sie zu pflanzen (vgl. Chevalier, S. 957, a.a.O.).  

Der böse Zwillingsheros Tawiscara (i.e. „der Dunkle“)  tötete seine Mutter bei der Geburt, er versuchte alle guten Gaben seines Bruders zu schädigen.

Nach einer anderen Fassung der Legende wuchsen aus dem Grabe der Mutter eine Tabakspflanze, ein Bohnenbusch. eine Mais- und eine Kürbispflanze (vgl. Graymont, S. 17, a.a.O.). Die Irokesen waren ursprünglich Jäger und Sammler, gingen aber bereits vor der Ankunft der Europäer zum Feldbau über.

Für einige Gruppen (Phratrien, Clans, Gentes [2]) der Irokesen war die Schildkröte ein Totem-Tier [3] , das weder gejagt noch gegessen werden durfte (vgl. Findeisen, S. 50, a.a.O.).

Diese totemistische Tradition wird auch in dem lesenswerten Kinderbuch „Blauvogel“ von Anna Jürgen erwähnt (vgl. a.a.O.).

Auch trug in dem „Blauvogel“ der Tomahawk eines Mannes der „Schildkrötenfamilie“ am Griff „… in roter Farbe das Bild einer Schildkröte: ein ovales Rund mit sechs Punkten am Rand für die Beine, den Kopf und den Schwanz“ (Jürgen, S. 9, a.a.O.).

Der US-amerikanische (evolutionistische) Ethnologe Lewis Henry Morgan (1818 - 1881) führte in seiner Schrift „Ancient society“ (erschienen 1877) für den Irokesenstamm der Seneca acht nach Tieren benannte Gentes an: 1. Wolf 2. Bär, 3. Schildkröte, 4. Biber, 5. Hirsch, 6. Schnepfe, 7. Reiher und 8. Falke (vgl. Morgan, S. 90, a.a.O.). Morgan führte zu den Irokesischen Gentes aus: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, obwohl nie formuliert, waren die Grundprinzipien der Gens“ (Morgan, zit. n. Engels, 1960, S. 225, a.a.O.).  

Auch wurden damals die Angehörigen der jeweiligen Gentes getrennt begraben, zusätzlich noch nach Frauen und Männern getrennt (Morgan, S. 104, a.a.O.).

Besonders auffällig war die matrilineare gesellschaftliche Organisationsform der Irokesen, die sich zu einer 5- bzw. 6-Nationen-Föderation zusammengeschlossen hatten und  Elemente einer egalitären Konsensdemokratie (vgl. Thomas Wagner, a.a.O.) aufwies [4]. Die Stammesföderation hatte eine matrilineare Sozialstruktur und differenzierte Beratungs- und Entscheidungsgremien, von denen Elemente in die US-Verfassung eingegangen sein sollen. 

 

In dem 1566 verfassten „Bericht aus Yucatán“ des franziskanischen Missionars und Bischofs Diego de Landa beschrieb dieser „…staunenerregend große Schildkröten“, von denen „… einige … weitaus größer (sind) als mächtige Rundschilde; sie sind schmackhaft und haben überaus viel Fleisch; die Eier, die sie legen, sind so groß wie Hühnereier, und sie legen hundertfünfzig oder zweihundert, wofür sie in Sand, außerhalb des Wassers, ein großes Loch schaufeln; danach decken sie die Eier mit Sand zu, und dort schlüpfen die kleinen Schildkröten aus. An Land, in den trockenen Waldgebieten und in den Lagunen gibt es verschiedene andere Schildkrötenarten“ (de Landa, S. 159, a.a.O.).    

 

Die pazifischen Galapagos – Inseln verdanken ihren Namen den Schildkröten (vgl. Neef, S. 368, a.a.O.)., span. „galapagos“ = „Waserschildkröten“.

Die Lage des vulkanischen Archipels – ca. 1000 km vom Festland entfernt -  wurde von den Spaniern lange geheim gehalten. William Dampier (1651 - 1715), der britische Freibeuter, Weltumsegler und Naturforscher, besuchte im Juli 1684 die Galapagos-Inseln. In dieser Zeit waren die Inseln zum Rückzugsort für Piraten geworden, die dort ihre Schätze versteckten.

Dampier beschrieb die Fauna und Flora des Archipels. Insbesondere sprach es von den damals noch zahlreichen bis zu 350 kg schweren Riesenschildkröten: sie seien so köstlich, „… daß kein jung Huhn besser schmecken kann“ (Dampier, zit. n. Glaubrecht, a.a.O.). Er führte an, dass er an einer Bucht über 3000 der Tiere zählen konnte. Die Seefahrer pflegten damals auf den Inseln  Schildkröten als lebende Konserven in die Vorratsräume zu laden, 

 

Darwin erreichte im September 1835 die Galapagos-Inseln. Der damalige Gouverneur der Inseln, Nicholas Lawson, erzählte Darwin, dass er schon an der Form der „Panzer“ erkennen können, von welcher der Inseln des Archipels die entsprechende Schildkröte stamme.

Charles Darwin beschreibt in seinem Reisetagebuch plastisch, wie die Schildkröten auf dem Archipel durch die Menschen dezimiert wurden. Auch Darwin lebte auf den Inseln überwiegend von Schildkrötenfleisch, fand es aber nur mäßig (vgl. Darwin).    

Jahrhundertlang, zumindest bis ins 17. Jhdt. gingen Schiffsärzte davon aus, dass die Skorbut eine Folge des Fleischmangels an Bord sei. Das Vitamin C wurde erst 1928 entdeckt. 

Da Schildkröten sehr lange ohne Essen und Trinken auskommen, man zudem glaubte, sie empfänden keine Schmerzen, weil sie keine Laute von sich geben, wurden viele der Tiere  im Schiff  tierquälerisch unter Deck zusammengepfercht. Durch die Seefahrer wurden die Schildkröten der Seychellen- und Galapagos-Inseln fast vollständig ausgerottet.

 

Auch die „Beagle“ führte bei der Abfahrt 30 der Schildkröten mit sich, die allesamt im weiteren Verlauf der Reise verspeist wurden, auch von Darwin selbst.

Erst viele Jahre später, zurück in England, erkannte Darwin, dass die Schildkröten – als Beleg für die Veränderlichkeit der Arten - vielleicht die bedeutsamsten Fundstücke der Inseln gewesen wären. 

Seit 1959 sind die zu Ekuador gehörenden Inseln größtenteils ein Naturpark, aber völlig überlaufen und ökologisch gefährdet: Im Jahre 2018 besuchten ca. 275 000 Menschen die Inseln. Allerdings wird das Geld der Touristen z.T. für den Naturschutz verwendet.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte im Februar 2019 im Rahmen eines Staatsbsuchs auch die Galapsgos-Inseln. In der Schildkröten-Aufzuchtstation Santa Cruz – die seit 1964 von der Charles-Darwin-Stiftung betrieben wird - übernahm er die Patenschaft für eine junge Meeresschildkröte, Alejandra. In drei Jahren soll sie ausgewildert werden, denn Schildkröten sind auf den Inseln gefährdet, nicht nur durch Plastikmüll. Bei einer Aktion au den Küsten des Archipels wurden 22 t vorwiegend angeschwemmter Plastikmüll auch durch Sieben des Sandes eingesammelt (vgl. „Tagesspiegel“, 16. Februar 2019, S. 3). Und dabei gibt es seit einem 2014 eingeführten Plastiktütenverbot praktisch keine Plastiktüten mehr auf den Inseln, zudem wurde ein erfolgreiches Bildungs-, Mülltrennungs- und Recyclingprogramm u.a. von WWW initiiert.  

 

Das Schlüpfen der Schildkröten ist heute auf Heron Island für Reisende die Hauptattraktion. Die kleine Insel im Nordosten Australiens wurde 1843 entdeckt und nach den dort beobachteten Reihern (engl. heron) benannt.

1925 wurde auf der Insel eine Abfüllanlage für Schildkrötensuppe errichtet, die sich jedoch nach schon 2 Jahren nicht mehr rentierte, da die zuvor zahlreichen Tiere, die Grüne Meeresschildkröte und die Karettschildkröte rasch dezimiert wurden. In den Gebäuden der ehemaligen Fabrik wurde dann 1932 das erste touristische Ressort im Großen Barriere-Riff eingerichtet, 1943 wurde Heron Island zum Nationalpark. Heute darf in ihm nichts eingeschleppt, mitgenommen, verändert werden, in das Ökosystem der Insel darf nicht eingegriffen werden (vgl. Bisping, a.a.O.).

Ca. 4000 Schildkröten leben permanent um Heron Island, zudem ca. 200 000 Vögel. Zwischen Oktober und März kommen die weiblichen Schildkröten jeweils 4 – 5 Mal zur Eiablage an Land. 8 Wochen später, also zwischen Dezember und Mai schlüpfen nachts die jungen Schildkröten, kriechen aus ihren Nesthügeln, krabbeln vom Mondlicht geleitet dem rettenden Meer entgegen. Auch hier werden die allermeisten Baby-Schildkröten Opfer ihrer vielen Fressfeinde.   

 

Ästivation (vom lat. aestes Sommer, Hitze) bezeichnet die Strategie mancher Tiere, hohen Temperaturen und starker Trockenheit auszuweichen, indem sie die Sommermonate weitgehend verschlafen. Solche Sommerruhe kommt bei einigen Insekten vor, aber auch bei einigen Reptilien, wie der Ägyptischen oder Tunesischen Landschildkröte (vgl. Vaas, S. 18, a.a.O.).

 

Schon seit ca. 120 bis 150 Mio. Jahren leben Meeresschildkröten auf dem Planeten Erde, Gefahren drohen Schildkröten heute v.a. durch den Menschen. Seit Jahrzehnten gehen die Schildkröten-Populationen zu Lande und zu Wasser dramatisch zurück, viele sind akut vom Aussterben bedroht. Allein in Chinas Garküchen werden alljährlich um die 20 Millionen Schildkröten zu Suppe verkocht.

Gefährdet sind die Meeresschildkröten besonders durch den Menschen:

Ø  als Beifang der Fischer: „Einige Hunderttausend Schildkröten verenden pro Jahr an Haken der oft über 100 Kilometer langen Leinen. Andere werden in Fisch- oder Shrimpsnetzen gefangen“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch das Fangen bei der Eiablage und das Sammeln der Eier, was nicht nur an der mesoameikanischen Pazifikküste bis heute weit verbreitet ist. Schildkrötenarten landen noch immer hunderttausendfach im Kochtopf (vgl. Greenpeace-Magazin, 2/04). 

Ø  durch den Verlust von Lebensräumen, z.B. dem Bau von Hotels an Eiablagestränden: „Hell erleuchtete Hotels an Stränden etwa halten die Schildkröten-Weibchen vom Eierlegen ab und irritieren die frisch geschlüpften Babys, so dass sie den Weg zum lebenswichtigen Meer nicht finden“ (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

Ø  durch den Klimawandel (vgl. Tag der Umwelt) können Brutgebiete (ansteigender Meeresspiegel,  vgl. Tag des Meeres, Sturmfluten) überschwemmt oder vernichtet werden. Höhere Temperaturen des Sandes am Strand führen dazu, dass sich aus den abgelegten Eiern mehr Weibchen entwickeln: Die Folgen dieser Veränderung im Quantitativen Geschlechterverhältnis sind unklar. Zudem sterben viele Eier bei zu hohen Temperaturen ab- So wurden z.B. in Malaysia an einem Schildkrötenstrand Kokospalmen gefällt, ohne Schatten wurde es den Eiern zu heiß.

Ø  durch die Vermüllung der Meere: Bei einer wachsenden Zahl von Meeresschildkröten findet man Plastikstücke im Magen, durch die die Tiere sterben können (vgl. Tag des Meeres & Tag der Umwelt). Treibende Plastiktüten ähneln Quallen und Meeresschildkröten lieben Quallen. Wenn eines der Tiere ein Plastikobjekt frisst, kann das Material ihren Magen verstopfen, was es dann daran hindert, echte Nahrung herunter zu schlucken. „Manche der Reptilien bekommen eine ‚bubble butt‘ (engl. ‚Blasenhintern‘, C.M.), einen derart aufgeblähten Bauch von den Gasen, die bei der Plastikzersetzung frei werden, dass die Tiere nur an der Oberfläche treiben, aber nicht mehr abtauchen können. Die Folge: Die Schildkröten verhungern oder werden von Freßfeinden erbeutet“ (Bisping, S. 13, a.a.O.), z.B. Haien. Australische Forscher stellten bei der Untersuchung von 250 toten Meeresschildkröten fest, dass ….

       - jedes zweite Jungtier Plastikobjekte im Magen-Darmtrakt hatte

          - bei jugendlichen und ausgewachsenen Schildkröten es „nur“ jedes sechste Tier war

      - sich bei Schlüpflingen kein Plastik im Magen fand.

Jüngere Schildkröten – erklären die Forscher – scheinen eher dort zu fressen, wo sich mehr Plastik im Meer befindet – nahe den Küsten (vgl. „Tagesspiegel“, 18. September 2018, S. 25 und Abb. unten)     

 

Immer wieder sterben Meeresschildkröten durch gefressenen Plastikmüll oder verheddern sich in treibendem Müll. Forscher gingen davon aus, die Schildkröten verwechselten z.B. treibende Plastiktüten mit Quallen.

Eine Forschergruppe um Joseph B. Pfaller (Universität von Florida) beschäftigte sich mit dem Verhalten der Meeresschildkröten dem Plastikmüll gegenüber.

Sie vermutete, dass die Schildkröten nicht nur vom Aussehen, sondern auch von dem Geruch des Plastkmülls angelockt würden (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Auf dem Plastikmüll siedeln sich im Meer jedoch rasch allerlei Mikroorganismen, Algen, Pflanzen und andere Lebewesen an.     

In einem Geruchsexperiment mit Unechten Karettschildkröten reagierten diese auf Futtergerüche (Fisch, Garnelen) genauso intensiv wie auf den Geruch von Plastik mit Ablagerungen (vgl. „Tagesspiegel“, 10. März 2020, S. 16).

Auf den Geruch von sauberem Plastik reagierten sie hingegen gar nicht mit Suchverhalten. Beim partiellen Absterben des Belags entsteht ein nahrungsähnlicher Geruch („Bio-fouling“), der die Tiere anlockt. Auch ist der Belag durchaus nahrhaft, wird allerdings oft zu einer tödlichen Falle (vgl. Pfaller, S. 213, a.a.O.). Unklar ist jedoch noch, welche chemischen Verbindungen von besiedeltem Plastik die Schildkröten anlocken.     

 

Eine Studie aus dem Jahre 2017 (von der Aristoteles Universität Thessaloniki) zu den Populationen von 7 Arten der Meeresschildkröten belegte eine leichte Erholung einiger der 299 Populationen weltweit: Bei 95 von ihnen stieg die Zahl der Schildkröten deutlich an, bei 35 Populationen sank sie deutlich ab. Bei den restlichen blieb sie in etwa gleich (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

  

Günstig auf die Schildkrötenpopulation wirkt der aktive Schutz der Brutgebiete und der Eiablagen, so z.B. in dem 25 km langen Schutzreservat Ras al-Dschinz in Oman, wo nun auch geführte Öko-Touristen vor allem von Juni bis zum November die Eiablage der Grünen Meeresschildkröte erleben können.

Schon 1983 wurde Archelon, ein Verein zum Schutz der Schildkröten in Griechenland (mit Sitz in Glyfada bei Athen) gegründet. Er kümmert sich seither um u.a. den Schutz der Nester der Unechten Karettschildkröte in Zakynthos, auf Kreta und dem Peleponnes.

Dennoch stehen sechs der sieben Meeresschildkrötenarten als gefährdet, sehr gefährdet oder vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature, Weltnaturschutz –Union, (vgl. Berliner Zeitung, 26. September 2017, S. 18).

 

Weltweit gibt es unterdessen mehrere Institutionen, die sich um verletzte und erkrankte Schildkröten bemühen.

So z.B. das „Ontario Turtle Conservation Centre“ in Kanada, das jährlich Hunderte bei Unfällen verletzte Schildkröten rettet. Vor allem geht es darum, durch Autounfälle verletzte Panzer wieder zusammen zu fügen; oftmals sind es allein dort mehr als 20 Operationen täglich. Es handelt sich dabei um in Ontario heimische Arten, die auf der „Roten Liste“ als zumindest gefährdet stehen (vgl. „Tagesspiegel“, 14. 10 2017).

Schon 1986 wurde das „Turtle Hospital“ in Marathon/Florida gegründet, das bislang einige Tausend verletzte Schildkröten rettete und wieder ins Meer entließ.   

In der nicht-profitorientierten Tierrettungsstation „Carolina Waterfowl Rescue“(CWR) in Nord-Carolina werden jährlich hunderte von verletzten Schildkröten behandelt, v.a. Weibchen, die zur Eiablage an Lande gekommen sind: Viele werden von Autos angefahren, von Rasenmähern verletzt oder von Hunden gebissen.

Verletzungen am Panzer der Schildkröten müssen wieder zusammenwachsen, wie gebrochene Knochen. Dabei haben sich gespendete BH-Verschlüsse als Hilfe bewährt. Sie wurden an die Bruchstelle geklebt und dann mit Drähten so verbunden, dass der Riss zusammengehalten wird. Der Heilungsprozess kann Monate dauern, aber 70 % der dortigen Schildkröten-Patientinnen können durchschnittlich als geheilt wieder in die Freiheit entlassen werden.

 

 

Bei Schildkröten dauert es lange Jahre bis die Tiere geschlechtsreif sind. Die Weibchen legen zwar jedes Jahr viele Eier, ältere Schnappschildkröten bis zu 60 Stück. Aber weniger als ein Prozent der Eier führt zu einer erwachsenen Schildkröte. Es dauert rund 20 Jahre, bis eine Schildkröte selbst Eier legt. Besonders lang ist der Zyklus bei den Schnappschildkröten (Chelydra serpentina), die aus Nordamerika stammen und in Süßwasserseen und Flüssen leben: Ca. 1500 Eier und 59 Jahre werden benötigt,  um eine weibliche Schnappschildkröte in der Natur zu ersetzen.

 

 Der 23. Mai wurde als Weltschildkrötentag im Jahre 2000 von der „American Tortoise Rescue“ eingeführt und 2002 von der „Humane Society of the United States“ (HSUS, vgl. http://www.hsus.org/) übernommen und popularisiert. Ziel ist es, auf die Gefährdung der Schildkröten hinzuweisen und geeignete Aktionen zu ihrem Schutz zu initiieren.

 

Wie australische und US-Forscher jüngst feststellten, bedroht der globale Klimawandel die Existenz einer der größten Kolonien von Meeresschildkröten im nördlichen Great-Barriere-Riff: Da der Sand, in dem die Schildkröten ihre Eier vergraben, wärmer geworden ist, schlüpfen dort zu 99,1% nur noch weibliche Jungtiere (vgl. „Stern“, 18. Januar 2018, S. 20).

 

Meeresschildkröten sind – betonen Ökologen – ein guter Bioindikator für die Güte der jeweiligen Umwelt und die Biodiversität, - wenn die Umweltbedingungen sich verschlechtern, verschwinden sie. Zudem ernähren sie sich u.a. von Quallen, deren Gift z.T. auch tödlich für Menschen ist (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

  

Besonders aktiv beim Schutz der Meeresschildkröten ist auch das Fischerdorf Ebodjè in Kamerun. Das Dorf hat knapp 1000 Einwohner, liegt am Atlantik, im Süden Kameruns, ca. 40 km von der Grenze zu Äquatorial-Guinea. Die Bewohner gehören überwiegend zu dem kleinen Volk der Yasa, deren Sprache zu den südlichen Bantusprachen gehört und in Kamerun, Äquatorial-Guinea und Gabun gesprochen wird. Es gibt ca. 2400 Yasa-Sprecher. 

An dem kilometerlangen Strand von Ebodjé kommen 4 der 5 im Golf von Guinea lebenden Meeresschildkröten zur Eiablage:

  • die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea; frz. tortue luth; Vandelli, 1761): Sie ist die größte aller Meeresschildkröten; das größte bei der Eibalage in Ebodijé beobachtete Exemplar hatte eine Breite von ca. 2,1 m und eine Länge von ca. 2,4 m.  
  • die Oliv-Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea; frz. tortue olivâtre; Eschscholtz, 1829) 
  • die Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata; frz. tortue imbriquée; Linnaeus, 1766)  

·        die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas; frz.  tortue verte; Linnaeus, 1758 ) 

 

Im Jahre 2017/18 kamen ca. 150 Schildkröten zwischen September und April zur Eiablage an den Sandstrand des Dorfes.

In der Region ist die Naturschutz-Organisation „Tube Awu“ (auf Yasa „Unser Ozean“) zum Schutz der Meeresschildkröten aktiv.

Denis Gnamabo, der Vorsitzende von Tube Awu, meinte: „Die Meeresschildkröte ist in unserem Emblem. Von Generation zu Generation ist sie Teil unseres Lebens. Sie zu schützen ist heute unsere größte Aufgabe“ (zit. n. Kouagheu, a.a.O.).

Früher allerdings machte er, wie auch seine Vorfahren und nahezu alle Dorfbewohner, Jagd auf die Schidlkröten, töteten sie und aßen ihre Eier und ihr Fleisch.

Erst Ende der 90er Jahre wurden die Dorfbewohner durch eine Forschergruppe (mit Teilnehmern auch aus Europa) auf die Bedeutung der Schildkröten und ihres Schutzes aufmerksam gemacht. Viele erkannten, dass die Tiere zu anderen Dingen dienen könnten als zur Nahrung.

Mit der Hilfe verschiedener Nicht-Regierungsorganisationen begann man in Ebodjé den Ökotourismus zu entwickeln, organisierte Unterkünfte, Speiseräume und Naturführungen. 99% der Besucher kamen wegen der Schildkröten,

Eine Schildkrötenaufzuchtstation wurde mit externer Unterstützung eingerichtet, in dem Schildkröteneier geschützt und die Schlüpflinge – vom ganzen Dorf begleitet – zum Meer gebracht werden. So wurde die Überlebensrate der Jungtiere deutlich erhöht.

Im Jahre 2001 Museum  "La Maison de Ndiva" (auf Yasa: Ndiva Lederschildkröte) eingerichtet, mit Informationstafeln und Bildern zum Leben und zur Anatomie der Tiere und allerlei Schilkrötenobjekte, so konservierte Eier der Meeresschildkröten oder Panzer von einst gejagten Tieren.

So hat sich die Zahl der Besucher deutlich erhöht: In den letzten Jahren kamen durchschnittlich mehr als 300 Besucher in das recht abgelegene Ebodjé.

 

Jedoch wird dort auch immer noch gewildert, es wurden 2017 und 2108 jährlich ca. 20 Meeresschildkröten erlegt, darunter auch Lederschildkröten.

Denn vom Ökotourismus profitieren nicht alle Dorfbewohner genügend. Geplant sind deshalb u.a. die Errichtung einer Kühlkammer für die gefangenen Fische und den Ausbau einer Kokusnussanbau- und Vertriebsgenossenschaft (vgl. Kouagheu, a.a.O.).

Zum Schutz der Meeresschildkröten stellten deshalb internationale Nicht-Regierunsgsorganisationen Gelder bereit. Jeder Fischer, dem zufällig eine Schildkröte ins Netz geht und der sie lebendig ins Dorf bringt, erhält als Kompensation 10 000 Francs CFA ( ca. 15,- €).

Die Mäzene finanzierten zudem den Besuch von Kindern des Dorfes auf höheren Schulen, so dass einige schon das Baccalauréat erreicht haben, - dank der Schildkröten!   

 

 

(unveränderlich, nach dem Gregorianischen Kalender)

 

© Christian Meyer

 


[1] Nach dem Berliner Ethnologen und Amerikanisten Walter Krickeberg (1885-1962) entstand der obige Mythos vermutlich unter den nördlicheren Algonkin.

[2] Unter „Gens“ (lat. sg. Familie, Geschlecht, Völkerschaft; pl. „gentes“) verstand Morgan eine soziale Gruppe mit einer (realer oder angenommenen) gemeinsamen Abstammung, im Falle der Irokesen von einer gemeinsamen Stammesmutter (vgl. Engels, 1960, S. 222, a.a.O.). 

[3] Das Wort „Totem“ entstammt einem Idiom der Algonkin (vgl. Findeiesen, S. 42, a.a.O.).

[4] Auch Friedrich Engels beschäftigte sich in „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ (1884 veröffentlicht) aufbauend auf den Forschungen Morgans und Manuskripten von Marx im III. Teil mit den „Irokesischen Gens“. Von der damaligen Sozialstruktur der Irokesen-Föderation war Engels fasziniert, da bei ihnen…

  • Frauen und Männer gleichermaßen ihre Vertreter wählten, Entscheidungen wurden einstimmig gefällt
  • nur wenige, unbedeutende Faktoren des Alltagslebens in Privatbesitz waren (z.B. die Wirtschaftsgärten), überwiegend vorherrschend war der Gemeinbesitz
  • keinen Staat gab, sie lebten „…ohne Soldaten, Gendarmen oder Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter; ohne Gefängnis, ohne Prozesse … Arme und Bedürftige kann es nicht geben – die kommunistische Haushaltung und die Gens kennen ihre Verpflichtungen gegen Alte, Kranke und im Kriege Gelähmte. Alle sind frei und gleich – auch die Weiber“ (Engels, 1960, S. 231/232, a.a.O.).

Engels erkannte allerdings auch kritische Aspekte der Irokesen-Gesellschaft, so ihre Aggressivität und Grausamkeit nach Außen, die Blutrache, sowie die „äußerst unentwickelte Produktion“, - eine „Organisation, dem Untergang geweiht“ (Engels,1960, S. 233, a.a.O.). 

Der Irokesen-Föderation wurde 1794 in einem Vertrag zugesichert, die Unabhängigkeit und Selbständigkeit „… solange das Gras wächst und die Flüsse fließen“ zu erhalten (Jeier, S. 86, a.a.O.).

Zur Zeit George Catlins (1796 - 1872) waren die Irokesen „… fast ganz vertilgt“ (Catlin, Bd. II, S. 66, a.a.O.), z.T. durch Kriege, durch Krankheiten, Vertreibungen und Alkohol.

Die Zeitung „Awksesasne Notes“, 1968 von u.a. dem Mohawk Ernest Benedict (*1918) gegründet und v.a. von Irokesen der Mohawks getragen, entwickelte sich zu einem „panindianisches Sprachrohr“ (Jeier, S. 233, a.a.O.), und kämpfte für die gemeinsamen Interessen der Indianer in den USA, Kanada und auch Lateinamerika. 

Heute leben Irokesen v.a. in Kanada, Wisconsin und Oklahoma.

 

 

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