1. Tag von Pessach (acht Tage)

 

Das jüdische Pessachfest hat eine Reihe von heterogenen Wurzeln, die sich in einigen bis heute existierenden Riten aufzeigen lassen.

Das achttägige Pessachfest war einerseits im alten Israel das erste der drei großen Wallfahrtsfeste zum Tempel in Jerusalem. Das Fest erinnert an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten unter Leitung von Moses. In der jüdischen Tradition gilt die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei als die Geburtsstunde des jüdischen Volkes.

Ursprünglich handelte es sich bei Pessach vermutlich um einen Unheil abwehrenden Blutritus der protoisraelischen Halbnomaden im Zusammenhang mit dem Weidewechsel. In der Vollmondnacht vor dem frühjahrlichen Aufbruch von der Wüste ins Kulturland galt es Unheil fernzuhalten: In den Familien wurde deshalb ein Kleinvieh geschlachtet und der Eingang des Zeltes mit dem Blut des Tieres bestrichen. Auch nach der Seßhaftwerdung des Volkes Israel blieb der Ritus erhalten, wurde allerdings uminterpretiert. Nun diente der Blutritus dem Schutz Israels während der Plagen vor dem Auszug aus Ägypten.

Nach der Reform des Kultus unter König Joschija (auch Josia; ab 628 v. Chr.; vgl. Abb. unten) wurde Pessach mit dem Mazzotfest verbunden und zum Wallfahrtsfest nach Jerusalem, da nur noch im Tempel eine kultische Schlachtung erlaubt war.

Das Fest beginnt traditionell am Vorabend des 1. Pessachtages mit dem „Seder“ (hebr. „Wochenabschnitt"): Die Familie gedenkt bei einem gemeinsamen Essen des Auszugs aus Ägypten. Dabei wird oft aus dem Buch Haggada [1] die Erzählung vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten vorgelesen. Der Jüngste am Tisch singt das Lied: „Warum ist diese Nacht anders als alle anderen?“ Darauf antwortet der Vater: „Nicht nur unsere Väter hat Gott erlöst, sondern auch uns“. Alle Generationen sollen sich so fühlen, als seien sie selbst aus Ägypten hinaus geführt worden.

Im Verlaufe des Pessachmahles, das sich oft bis in die Nacht hinzieht, werden von allen Teilnehmern rituell vier (mit Wasser gemischte) Becher Wein getrunken (vgl. Talmud, S. 585, a.a.O.), entsprechend den vier Versprechungen Gottes an Israel in 2. Mose 6,6 f. Beim Pessachmahl wird oft für den Propheten Elias ein Stuhl und ein Becher freigehalten. 

Das Mazzot-Fest, das „Fest der ungesäuerten Brote“ [2] erinnert an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten (vgl. 2. Mose 12, 34 f; 13, 3 ff.). „Am vierzehnten Tage des ersten Monats gegen Abend ist des Herrn Passah. Und am fünfzehnten desselben Monats ist das Fest der ungesäuerten Brote des Herrn; da sollt ihr sieben Tage ungesäuertes Brot essen“ (3. Mose 23, 5-6). Der erste Tag der „süssen Brote" (Mk 14, 12), der Azyma (gr. ἄζυμα, „ungesäuert", „ohne Hefe"), ist nach jüdischem Verständnis der 15. Nisan, der Tag des Mazzotfestes. Der Tag, an dem man das Lamm opferte hingegen ist der Rüsttag zu diesem Fest, der 14. Nisan.

Um an die Lebensumstände der Zeit des Auszugs aus Ägypten zu erinnern, wird bis heute während dieser acht Tage nur Mazze [3], ungesäuertes Brot, gegessen. Denn das in Ägypten aufbrechende Volk Israel hatte damals der Überlieferung nach keine Zeit, das Brot gären zu lassen. Das Mazzot-Fest war bereits eines der vorexilischen Feste Israels. 

Vor Pessach wird ein großer Hausputz veranstaltet, v.a. darf nichts Gesäuertes, kein Stäubchen Mehl und kein Krümel gesäuertes Brot im Hause zu finden sein. Denn Mose untersagte den Genuß von gesäuertem Brot zum Osterlamm. Vielfach werden die Mahlzeiten während der Passachzeit von einem besonderen Geschirr gegessen, der nur zu Pessach benutzt wird und von daher nie mit „Gesäuertem“ in Berührung kommt.

Das Pessach - Opfertier, meist ein Lamm, wurde am Nachmittag des 14. Nisan [4] im Tempel geschlachtet und am Abend des 15. Nisan in den Hausgemeinschaften innerhalb Jerusalems gegessen.

Nach talmudischer Überlieferung wurde auch bei der Schlachtung der Pessachlämmer im Tempel zu Jerusalem der Schofar geblasen (vgl. Talmud, S. 585, a.a.O.).

Eine weitere Wurzel des Pessach - Festes ist ein Erntedankfest. Im Monat Nisan war die Gerste [5] reif und wurde gemäht. Bevor sie jedoch gemahlen und gegessen werden durfte, mußten die ersten Früchte (die Erstlinge) in den Tempel zu Jerusalem als Opfer (hebr. „korban") gebracht werden. In der Thora heißt es dazu: „Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage den Kindern Israel und sprich zu ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch geben werde, und werdet's ernten, so sollt ihr eine Garbe der Erstlinge eurer Ernte zu den Priestern bringen.

Da soll die Garbe gewebt (i.e. geweiht) werden vor dem Herrn, daß es von euch angenehm sei; solches soll aber der Priester tun nach dem Sabbat. Und ihr sollt des Tages, da eure Garbe gewebt wird, ein Branbdopfer dem Herrn tun von einem Lamm, das ohne Fehl und jährig sei, samt dem Speiseopfer: zwei Zehntel Semmelmehl, mit Öl gemengt, als ein Opfer dem Herrn zum süßen Geruch. Dazu ein Trankopfer: ein viertel Hin [6] Wein. Und soll kein neues Brot noch geröstete oder frische Körner zuvor essen bis auf den Tag, da ihr eurem Gott Opfer bringt. Das soll ein Recht sein euren Nachkommen in allen euren Wohungen" (vgl. 3. Mose 23, 9-14).   

Die Garbe (hebr. „omer" [7] ) wurde feierlich geschnitten, in einer Prozession nach Jerusalem gebracht und am ersten Tag des Pessach - Festes (dem „Sabbat" des Pessachfestes) im Tempel dargeboten.

Nach dem ersten Pessach - Tag begann auch die 49 tägige Omer - Zählung, eine Trauerzeit bis zum Wochenfest (vgl. Schawuoth und Lag ba - Omer).

Im 1. Kön 12, 28 ff. wird berichtet, dass König Jerobeam I. von Israel auch kultisch von Jerusalem unabhängig werden wollte und deshalb in Beth – El [8] und Dan zwei „goldene Kälber“ aufstellen ließ, an denen geopfert werden sollte. Das Stierbildnis wurde als Symbol des Gottes des Auszugs aus Ägypten verstanden. Auch berief der König Priester, die nicht von den Kindern Levi abstammten.

Der König selbst und viel Volks opferten „… auf dem Altar, den er gemacht hatte zu Beth – El, am fünfzehnten Tage des achten Monats, welchen er aus seinem Herzen erdacht hatte, und machte den Kindern Israel ein Fest und opferte auf dem Altar und räucherte“ (1. Kön 12, 33).

Der Staatskult am zum Reichsheiligtum aufgestiegenen Beth – El wurde von den Propheten Amos und Hosea scharf bekämpft.

Im 7. Jhdt v. Chr. – mit dem Ende des Nordreiches – wurde das Heiligtum von Beth – El durch König Josia zerstört (2. Kön 23, 15).

Die kleine Religionsgruppe der Samaritaner feiert bis heute ihr Pessach – Fest mit der Opferung von sieben Lämmern an dem Altar auf dem Berge Gerizim (881m) bei Sichem. Das Fleich wird anschließend gemeinsam verzehrt. 

 

(variabel, nach dem jüdischen gebundenen Mondkalender vom 15. bis 21. Tag des 8. - früher des ersten - Mondmonats, Nisan, beginnend am ersten Vollmond nach der Frühlingstag- und Nachtgleiche)

 
 © Christian Meyer



[1] Die Haggada ist eine v.a. auf Erbauung ausgelegte Sammlung rabbinischer Schriftauslegung, die nicht zum Religionsgesetz (Halacha) gehört. Neben ausschmückender Nacherzählung des Alten Testaments finden sich auch Sagen, Allegorien, Lieder und Gesänge.

[2] Es wurde zur Zeit der Gerstenernte, zum Neumond des Monats Abib, gefeiert. Wahrscheinlich war es ursprünglich auch ein Erntefestritus. 

[3] Mazzot (hebr.) sind ungesäuerte, meist nur aus Mehl und Wasser schnell gebackene Brotfladen. Bis in die Zeit des Faschismus gab es für die jüdischen Gemeinden in Deutschland und den Export eine große Mazzot - Bäckerei, die sich in Berlin befand. Seither muß Mazzot (sg. auch „Mazze“) aus verschiedenen Ländern importiert werden. Zum Pessachfest wurde das ungesäuerte Brot oft besonders mit einem ‚Brotsiegel’ gekennzeichnet, um das Reinheitsgebot zu bekräftigen (im heutigen Jerusalem z.B. mit einer Menora).Zu den mörderischen antisemitischen Gerüchten gehörte es, dass behauptet wurde, man benötige zur Herstellung von Mazze Blut von Christen. Noch bei dem Pogrom im polnischen Kielce am 4. Juli 1946 soll der Auslöser „ – klassischerweise – das Verschwinden eines kleinen Jungen (gewesen sein, C.M.), der angeblich einem Ritualmord zum Opfer gefallen sei: Juden hätten ihn entführt, um sich Christenblut für die Matze zu beschaffen“. Bei dem Pogrom wurden in Kielce 42 Juden ermordet, viele weitere verletzt (vgl. Bereś/Burnetko, S. 334, a.a.O.). Als am Tag nach dem Pogrom u.a. Marek Edelman und Icchak Cukierman Kielce erreichten, war „… die Pogromstimmung noch deutlich zu spüren… Federn aus zerrissenen Kissen flogen umher und Brandgeruch liegt in der Luft. Cukierman schreibt später …: ‚Ich sah schwangere Frauen mit aufgeschlitzten Bäuchen‘“ (zit. n. Bereś/Burnetko, S. 334, a.a.O.).

[4] Jesus wurde vermutlich am 14. Nisan des Jahres 30, am Pessach - Rüsttage, in Jerusalem gekreuzigt (vgl. Karfreitag).

[5] Gerste ist die Getreideart, die am weitesten über die Klimazonen der Erde verbreitet ist, von Arabien im Süden bis teilweise zum 70° nördlicher Breite und bis hinauf in den Himalaya auf Höhen von mehr als 5000m.

Im antiken Ägypten und Israel war der Gersteanbau weit verbreitet. Die Saatzeit schwankte, in Abhängigkeit zur Regenzeit zwischen Anfang November und Dezember. „Im Jordantal beginnt die Ernte gewöhnlich Ende März, im mittleren Lande im April, am Hermon und Libanon oft erst Ende Mai" (vgl. Kinzler, S. 194, a.a.O.). Gerstenbrot galt als ein Arme-Leute-Brot, da es sehr trocken und rauh ist.

[6] Ein „Hin" entsprach ca. 6,5 l.

[7] Dieser Garbe entsprachen ungefähr dreieinhalb Pfund Mehl (vgl. De Vries, S. 128, a.a.O.)., die v.a. zum Verbrauch der Priester dienten.

[8] In Beth – El (hebr. „Haus Gottes“), ca. 17 km nördlich von Jerusalem, befand sich bereits in vorisraelitischer Zeit ein uraltes Heiligtum.   

 
König (Rex) Josia
König (Rex) Josia

Josia (ca. 647 – 609 v. Chr. ) , der König des „Südreiches“ Juda, gilt als Wiederhersteller (Schöpfer ??) des monotheistischen Jahwe-Kultes in Jerusalem und eigentlicher Begründer des Pessachfestes. Der hebräische Name Josia bedeutet soviel wie „der Herr, Jahwe, trägt, heilt, unterstützt“. Der Name hat dieselbe Wurzel wie Jeschua, Jesus. An der Südseite der Alten Lateinschule in Alfeld/Leine befindet sich eine Darstellung des Königs Josia. Die Alte Lateinschule (heute Stadtmuseum) wurde 1610-12 von dem Hildesheimer Baumeister und Bildschnitzer Andreas Steiger errichtet. Das umfangreiche Bildprogramm des Fachwerkbaus umfasst antike und biblische Bildwerke.