Rosch ha Schana


Rosch ha-Schana ( hebr. „Haupt, Kopf des Jahres“); Jüdisches Neujahrsfest [1]. Es beginnt das jüdische Jahr 5774, nach talmudischer Überlieferung [2] hat Gott am 1. Tag des Monats Tischri die Erschaffung der Welt [3] beendet. In der Bibel ist es „ein Tag des Posaunenschalls“ (4. Moses 29,1). Der Tag hat erst später die Bedeutung von Neujahr erhalten. Die Mischna, die Sammlung wichtiger religiöser Traditionen des rabbinischen Judentums, legte diesen Tag als Jahresbeginn und für die Jahresberechnung fest.

 

Es ist ein ernstes Fest: In der festlich geschmückten Synagoge wird der Schofar (ein Widderhorn) geblasen: Es soll die Menschen aufrütteln und an ihre Pflichten erinnern. Zugleich ist dies der jüdischen Überlieferung nach der Tag von Abrahams Widderopfer anstelle seines Sohnes Isaak ( islamisches Opferfest).

Zu Hause werden in der Hoffnung auf ein gutes (süßes) Jahr oft Früchte (Äpfel) mit Honig bestrichen.

Nach talmudischer Vorstellung sitzt Gott in den nun beginnenden „Zehn Tagen der Umkehr“, die zehn ernsten Tage („Jamim noraim“, bis Jom Kippur) über jeden einzelnen Menschen zu Gericht: Am ersten Tag wird das Buch des Lebens aufgeschlagen und Gott fällt sein Urteil, am 10. Tag wird es besiegelt. „Rabbi Jehuda sagt: Alles wird an Neujahr gerichtet, und das Urteil eines jeden Einzelnen wird zu seiner Zeit besiegelt: ... Der Mensch wird aber an Neujahr gerichtet, und sein Urteil wird am Versöhnungstag besiegelt“ (vgl. Talmud, S. 594 / 595, a.a.O.).

Nach talmudischer Tradition sind zu Rosch ha-Schana drei Bücher geöffnet: Die „vollendet Frevelhaften“ werden in das eine geschrieben und „auf der Stelle zum Tode besiegelt“; die „vollendet Bewährten“ werden in ein weiteres geschrieben und“ auf der Stelle zum Leben besiegelt“; die dazwischen Stehenden werden in das dritte Buch geschrieben und bleiben schweben bis zum Versöhnungstag: dann entscheidet sich die Besiegelung zum Leben oder zum Tode (vgl. Talmud, S. 595, a.a.O.). 

Daher der traditionelle jüdische Neujahrsgruß: „Zu einem guten Jahr mögest Du ins Buch des Lebens eingeschrieben sein“. Andere an dem Tag benutzte Grußformeln lauten: „Schana tova" („ein gutes Jahr") oder auch „Schana tova u'metuka" („ein gutes und süßes Jahr").

An vielen Orten gehen die Gläubigen am Nachmittag des Rosch ha - Schana an einen Fluß oder Bach; dort beten sie nach dem Propheten Micha: „In die Tiefe des Meeres wirf all unsere Sünden“. Dabei leeren sie ihre Taschen über dem Wasser nach außen, um mit dieser Geste das Fortwerfen der Sünden zu symbolisieren.   

 

Der Berlinische Neujahrswunsch „Guter Rutsch“ geht wahrscheinlich auf den Wunsch ראש השנה טוב – Rosch ha schana tov, zurück.

 

(variabel nach dem jüdischen gebundenen Mondkalender; am 1. Tag des 1. Monats, Tischri; je nach Jahr kann Rosch ha - Schana zwischen dem 6. September und dem 5. Oktober liegen.)

 

 

© Christian Meyer



[1] Die Oberherrschaft der Assyrer und Babylonier führte von ca. 722 v. Chr. an dazu, dass man auch in Judäa den babylonischen Jahresbeginn im Fühling (März/April) übernahm, ohne allerdings einen diesbezüglichen Festtag. Bis heute findet sich z.T. die seltsame Regelung, dass der Frühlingsmonat Nissan als der erste Monat gilt, Neujahr aber im 7. Monat Tischri gefeiert wird (vgl. De Vries, S. 319f., a.a.O.). Der 1. Nissan galt als Neujahrstag der Könige, man zählte von diesem Tag an auch die Dauer der Regentschaft eines Königs.

Nach dem Talmud gibt es sogar vier Neujahrsfeste: Neben Rosch ha-Schana und dem 1. Nissan ist es das Neujahrsfest der Tiere (speziell der Kühe) einen Monat zuvor, am 1. Elul: An diesem Tag wurde wohl jeweils der Bestand der Herden aufgenommen. Hinzu kommt als viertes das Neujahrsfest der Bäume, Tu Bi’schwat (s.o.).

[2] Der Talmud (hebr. „Lehre“, „Studium“, „Gelehrsamkeit“) ist das Sammelwerk ca. eines Jahrtausends, eine Sammlung sehr unterschiedlichen Inhalts: Sprüche, Gleichnisse, Anekdoten, Legenden, Rechtsvorschriften,  Ausführungen zu Astronomie und Kalender, Riten und Festen, Vorschriften für das Alltagsleben, wie zum Beispiel die Lehre vom rechten Händewaschen. Besonders am Talmud ist zu bemerken, daß jüdische Frömmigkeit z.T. weniger Orthodoxie als „Orthopraxie“ war. Es soll insgesamt 613 Ge- und Verbote in der traditionellen Lehre des Judentums geben (vgl. Hermann Simon in der „Berliner Zeitung“, 10. November 2015, S. 16). 

Es existieren verschiedene talmudische Sammlungen, so der Jerusalemer Talmud oder der um ca. 500 n. Chr. abgeschlossene  babylonische Talmud. Formal besteht der Talmud grundsätzlich aus zwei Teilen, der „Mischna“ (den Sätzen der früheren Lehrer) und der „Gemera“ (der Kommentierung durch die späteren Lehrer). 

[3] Jüdische Chronologen errechneten einen angeblichen Schöpfungsbeginn: am 1. Tischri, einem Sonntag,  des Jahres 3761 v. Chr., abends um 11.00 Uhr, 11 min und 20 sec.. Mit diesem Jahr beginnt auch die jüdische Jahreszählung, die auch heute noch auf Grabsteinen, Urkunden, Zeremonialgeräten etc. verwendet wird.  Auch auf israelischen Münzen werden (nur) die jüdischen Jahre als Prägedaten angeführt, wobei die hebräischen Buchstaben auch Ziffern repräsentieren.