28. November 2013

 

In den USA „Thanksgiving Day“, das US-amerikanische Erntedankfest

 

In den USA ist Thanksgiving („Danksagung“) einer der wichtigsten Festtage des Jahres, als Familienfest vielleicht noch populärer als Ostern oder Weihnachten. An diesem Tag danken die Menschen der Natur - und sehr oft wohl auch Gott - für die empfangenen Gaben.

Mittelpunkt jeder Thanksgiving-Feier ist ein gebratener Truthahn, weshalb der Tag auch „Turkey-Day“ genannt wird. Die Feier hat eine alte Tradition.

Am 11. Dezember des Jahres 1620 landeten nach 91tägiger gefährlicher Fahrt auf der „Mayflower“ über den Atlantik die 102 Immigranten mit den Pilgervätern vermutlich nahe dem Plymouth Rock (heute in Massachusetts). Im ersten harten Winter in Amerika starb circa die Hälfte der Ankömmlinge und die Überlebenden wandten sich hilfesuchend an oder erhielten Hilfe von den benachbarten Indianern. Diese zeigten ihnen, wie man Mais und andere heimische Pflanzen kultiviert. Die rettende, gute Ernte des nächsten Herbstes veranlasste die Pilgrims ein Erntedankfest zu feiern.

Das Danksagungsritual Thanksgiving geht von daher bis ins Jahr 1621 zurück: „Im Herbst jenes Jahres, und damit gut 150 Jahre vor der Unabhängigkeitserklärung der USA, kamen strenggläubige englische Siedler … mit Wampanoag-Indianern zusammen, um ihre erste Ernte … zu feiern. Die mehrtägige Feier vereinte Bräuche der Ureinwohner und der puritanischen Pilgerväter. Historische Quellen halten fest, dass die Indianer ebenso wie die Neuankömmlinge in der ‚Neuen Welt‘ nur auftischten, was Nordamerikas Natur bereithielt: Truthahn, Ente und Wildbret, Hummer und Krebse, Wildbeeren und verschiedene Kürbisarten“ (Oschmann, S. 20, a.a.O.).

Die Kolonisten kauften Land von den Indianern und schlossen zudem eine Art Freundschaftsvertrag mit den Wampanoag, der ca. 50 Jahre ungebrochen blieb (vgl. Lossing, S. 56, a.a.O.). Insgesamt aber bekam den Indianern ihre Hilfeleistung schlecht, die Wampanoag wurden durch Epidemien dezimiert, von Siedlern zurückgedrängt, von Missionaren christianisiert und anglisiert. In einem jahrelangen Krieg wurden die Wampanoag schließlich besiegt, verloren ihre Unabhängigkeit und wurden partiell aus ihren Heimatregionen vertrieben. Ihre Sprache ist heute ausgestorben.

Benjamin Franklin meinte im Jahre 1750, nachdem er alkoholisierte Indianer erlebt hatte, im Stile selbstverständlicher europäischer Überlegenheitsvorstellungen: „… in der Tat, wenn es die Absicht der Vorsehung ist, diese Wilden auszurotten, um für die Bebauung des Bodens Raum zu schaffen, so ist es mir nicht unwahrschein lich, dass hierzu der Rum das geeignetste und hierfür bestimmte Mittel sein mag. Er hat beinahe alle Stämme ausgerottet, die früher die Meeresküste bewohnten“ (Franklin, S. 124, a.a.O.).

Das erste Thanksgiving wird von daher heute in den USA kontrovers gesehen. Manche Indianer-Organisationen bekämpfen das romantisierende Bild der gemeinsamen Feier. Die Wampanoag erlebten spätere Kolonisten und Soldaten als habgierig, gewalttätig und räuberisch. So erklärten Indianerverbände 1970 den Thanksgiving-Tag zum „National Day of Mourning“ (Nationalen Trauertag) und begingen seither diesen Tag im Gedenken an einen „Demozid“ an der amerikanischen Urbevölkerung.

Das erste Thanksgiving wurde für die Einwanderer zu einer US-amerikanischen Tradition. Bis heute hielt sch ein ähnliches Festtagsmenu, mit regionalen Varianten, oft gebratenem Truthahn mit Preiselbeersauce, Süßkartoffeln und „pumpkin pie".

Im Gegensatz zum trüben Novemberwetter wird der Tisch in sonnigen Farben gedeckt. Zum Beispiel werden auf einem gelben Tischtuch Kürbisse, Maiskolben und Herbstlaub dekoriert. Wenn die Blätter trocken sind, werden diese auch als Tischkärtchen verwendet und mit einem Folienschreiber beschriftet.

Charakteristisch für Thanksgiving ist bis heute das Ritual des „wishbone“: Das zuvor getrocknete Gabelbein des Truthahns wird von zwei Festteilnehmern mit den kleinen Fingern auseinander gerissen. Wessen Knochenstück das größere ist, der hat einen Wunsch frei. 

Thanksgiving kann als Gründungsmythos, als ein identitätsstiftendes Element im Bewusstsein der Einwanderernation angesehen werden.

 

Im Oktober 1621 also feierten die „Pilgerväter" in Plymouth das erste Thanksgiving in den heutigen USA. Offiziell gefeiert wurde das Fest erst seit 1864, während der Präsidentschaft von Abraham Lincoln.

In seiner Proklamation zu Thanksgiving des Jahres 1927 sagte der damalige Präsident Calvin Coolidge (1872 – 1933): „Almighty God has continued to bestow uopn us the light of his countenance and we have prospered“ (Der allmächtige Gott fuhr fort uns das Licht seiner Gunst zu verleihen und wir prosperierten, zit. n. Hartig, S. 182, a,a,O.) – lange prosperierten die USA dann aber nicht mehr.

Staatlicher Feiertag und auf den vierten Donnerstag des Novembers festgelegt wurde Thanksgiving erst 1941durch Beschluss des US-Kongresses unter Präsident Franklin Delano Roosevelt (vgl. Davis, S. 22, a.a.O.). Die Geschäfte sind an diesem Tag geschlossen und das gesamt öffentliche Leben ruht.

Viele US-Amerikaner nehmen sich den darauffolgenden Freitag („Black Friday“) frei und überwinden für das so entstehende lange Wochenende oft weite Distanzen, um zu Hause bei Familie und Freunden zu feiern. Die Folge ist eine enorme Reisewelle zu Thanksgiving.

 

Traditionell „begnadigt“ der US-Präsident zu Thanksgiving alljährlich im Weißen Haus zwei Truthähne.

Zudem werden vor Thanksgiving regelmäßig Lebensmittelspenden für die arme US-Bevölkerung verteilt. Die Obamas beteiligten sich an dieser Spendenverteilung am Mittwoch vor dem Thanksgiving-Tag 2013 in Washington D.C. (vgl. „Le monde“, 1er, 2 décembre 2013, S. 3).

Reiner Oschmann urteilte in dem ND wie folgt: „Thanksgiving ist im Jahreskreis das wichtigste US-Familienfest … Wenn US-amerikanische Familien nicht zu Thanksgiving zusammenkommen, sich beschenken und Truthahn … essen, dann haben sie als Familie aufgehört zu bestehen“ (Oschmann, a.a.O.).

 

(variabler gesetzlicher Feiertag in den USA, am vierten Donnerstag im November, nach dem Gregorianischen Kalender)

 

© Christian Meyer