Milarepa in seiner Himalaya-Höhle; tibetische Darstellung
Milarepa in seiner Himalaya-Höhle; tibetische Darstellung

24. Februar 2013: Milarepa - Tag 

 

Der tibetische Dichtermönch Milarepa (1052 – 1135;  Name, tibet. etwa „Mila, der das Baumwollgewand des Asketen trägt“) ist der vermutlich berühmteste lamaistische Heilige Tibets. Milarepa wurde zum Gründer der lamaistischen Schwarz–Mützen–Sekte (tib. „Kagyüpa“).

Milarepa wurde im westlichen Tibet geboren. Als er sieben Jahre alt war, starb sein Vater. Geizige Verwandte übernahmen den Familienbesitz, der Halbwaise und seine Mutter wurden gedemütigt, litten Not und wurden schlecht behandelt.

Um Rache nehmen zu können, erlernte Milarepa der Legende nach die Beherrschung zerstörerischer Naturkräfte: Durch ein von ihm veranlaßtes Unwetter wurden viele Menschen getötet.

Um seine Tat zu sühnen, wurde Milarepa als 38jähriger Schüler von Marpa  ( ð Marpa-Tag), zuerst 6 Jahre lang in der demütigen Stellung eines Dieners. Marpa unterzog Milarepa in dieser Zeit einer harten, zum Teil grausamen Schulung. Mehrfach kam Milarepa an den Rand seiner Kräfte, war verzweifelt und trug sich mit Selbstmordideen. Nach lamaistischer Vorstellung überwand Milarepa so das Karma seiner schlechten Taten.

Nun bereitete Marpa ihn auf das meditative Leben in der Einsamkeit vor, insbesondere vermittelte er Milarepa die Lehren des Naropa [1] .

Nach neunjähriger einsamer Meditation nahm Milarepa schließlich Schüler an, deren bedeutendster der Arzt Gampopa (tibet. „der Mann aus Gampo“; 1079 – 1153), der Arzt „von Dvagpo“ wurde. Gampopa organisierte die Kagyüpa – Schule, die ganz besonders großen Wert auf die direkte Übertragung der Unterweisungen vom Lehrer auf den Schüler legt.

Milarepa meditierte auch in dem Yarlung (Brahmaputra-) – Tal und am heiligen Berg Kailash. Am Kailash kam es zu einem magischen Wettkampf zwischen Milarepa und Naro Bönchung einem Priester der Bön–Religion, wer zuerst mittels seiner Zauberkräfte den Berg erklimmen könne. Milarepa gewann, er ritt der Legende nach auf den Strahlen der Sonne empor. Der auf seiner Trommel reitende Naro Bönchung erschrak so sehr, dass er die Trommel fallen ließ. Beim Absturz schlug die Trommel eine tiefe senkrechte Kerbe in den Berg. Diese angeblich von der Trommel herrührende Spalte kann man auch heute noch an der Südseite des Kailash [2] betrachten.

An den Wettstreit erinnert u.a. das tibetische Pilgerfest ð Saga dawa (am 15. Tag, zum Vollmond, des 4. tibetischen Monats).

Schließlich aber ließ sich Milarepa in einer einsamen Himalaja-Höhle nieder. Durch seine Frömmigkeit und seine Lieder gewann er die Zuneigung der Bewohner des benachbarten Dorfes.

Im 15. Jahrhundert wurde in Tibet eine Biographie Milarepas verfaßt, die auch seine geistlichen Lieder umfaßte. Sie ist bis heute eine der wichtigsten Inspirationsquellen des lamaistischen Buddhismus.

Dargestellt wird Milarepa traditionell in der Regel mit einer Hand am Ohr, oft mit blauen Haaren; er sitzt in einer Höhle auf einem heiligen Berg (wie dem Kailash) und meditiert dort. Wenn Menschen oder Tiere vorbeikommen, singt er ihnen belehrende Sutren vor. Auch mitten im Winter trägt es nur sein dünnes baumwollenes Mönchsgewand: die Meditation gibt Milarepa genügend Kraft, „Innere Hitze[3] dazu (vgl. Abb. oben).

Milarepa war nach tibetischer Vorstellung der einzige Mensch, der ohne Wiedergeburt direkt zum Buddha wurde, ins Nirwana einging.

Die Höhle Milarepas befindet sich der Überlieferung nach im südlichen Tibet, kurz vor der Grenze nach Nepal: ca. 50 km hinter dem 5050m hohen Paß Lalung La, nahe bei Nyalam. Heute befindet sich dort ein Kloster, in dem auch die eigentliche Höhle zu sehen ist.

Vor der Tür der kleinen Versammlungshalle des Klosters zeigt man rechts drei Steine mit leichten Vertiefungen: auf dem größten soll Milarepa während seiner Meditation gesessen haben, der andere zeigt (angeblich) Milarepas Fußabdruck, der letzte den Fußabdruck seines Pferdes Palden Lhamos.

Außerdem zeigt man am oberen Rand des Höhleneingangs zwei große Felsbrocken, mit denen Milarepa der Legende nach den Höhleneingang erhöhte und den Eingang erweiterte. 

An Milarepas Geburts- und Todestag kommen besonders viele Pilger zu Milarepas Höhle: Weihrauch wird entzündet, zu historischer Ritualmusik werden Maskentänze aufgeführt.

Zur Berlinale 2006 wurde in Berlin der biographische Film „Milarepa“ des tibetischen Mönchs und Regisseurs Neten Chokling gezeigt.

Neten Chokling Rinpoche (Rinpoche ist ein Titel, er bedeutet „edel, kostbar) wurde in Bhutan geboren und im zarten Alter von vier Jahren als  die vierte Reinkarnation des großen lamaistischen Meisters Chogyur Dechen Lingpa (1732-1799) identifiziert. Er gilt als einer der am höchsten reinkarnierten Lamas des Chokling Klosters im indischen Exil. Trotz seiner buddhistischen Erziehung  entdeckte Neten Chokling sein Interesse am Film und ist seit Jahren als Regisseur und Schaupieler tätig. 

Die „Berliner Zeitung“ sah in dem „Zauberlehrling“ Milarepa einen „tibetischen Harry Potter“ (vgl. „Berliner Zeitung“, 17. Februar 2006, S. 27), - ein wohl nicht recht passender Vergleich.

 

(veränderlich nach dem tibetischen Lunisolarkalender, am 14. Tag des 1. Mondmonats)

 
© Christian Meyer


[1] Naropa (1016 – 1106) lehrte lange Zeit an der damals berühmten buddhistischen Universität im nordindischen Nalanda. Er war einer der bekanntesten indischen Mahasiddhas (skrt. = „Großer Beherrscher vollkommener Fähigkeiten“; asketischer Tantra – Meister, der angeblich über magische Fähigkeiten als sichtbares Zeichen seiner Erleuchtung verfügt). Naropas, nach ihm benannte Übungsmethode „Naro Chodrug“ (skrt. „Sechs Doktrinen des Naro“), gilt als eine der wichtigsten Meditationstechniken der Kagyupo – Schule: sie besteht aus sechs Übungen: 1.) die Erzeugung der „Inneren Hitze“ (tumo); 2.) die Erfahrung des eigenen Körpers als Trugbild (gyulü); 3.) der Zustand des Traumes (milam); 4.) die Wahrnehmung des „Klaren Lichtes“ (ösel); 5.) die Lehre des Zwischenzustandes (bardo); 6.) die Praxis der Bewußtseinsübertragung (phowa).

Milarepas Beherrschung der „Inneren Hitze“ gilt in Tibet als anschaulichstes Beispiel für die Durchführbarkeit der „Naro Chodrug“.

[2] Der tibetische Kalender sieht vor, dass in bestimmten Zeiträumen rituelle Umrundungen des Kailash (vgl. Kailash-Wallfahrt, 1. Juli ) einen anderen Stellenwert haben, so zählt beispielsweise im Jahr des Pferdes jede Runde sechsfach. Der buddhistischen Geschichtsschreibung nach, führte schon Buddha Shakyamuni auf dem Kailash ein Lehrgespräch.

[3] Nach traditioneller Vorstellung gelingt es dem Meditierenden durch Regulierung des Atemrhythmus, Konzentration auf das Nabelzentrum (chokra) und durch Visualisierung bestimmter mantrischer Silben (z.B. „Ram“ oder „Ham“) „Innere Hitze“ (tib. „tumo“) zu erreichen. Dabei könne der Meditierende seine Körpertemperatur willkürlich soweit heraufsetzen, daß er sozusagen „in Flammen“ stünde. Diese Übung soll einerseits als spezielles Mittel zu Erleuchtung dienen, andererseits auch als Schutz vor extremer Kälte.