Zum Begriff Völkermord

 

Schöpfer des Begriffs Völkermord war der polnisch – jüdische Jurist und Friedensforscher Raphael Lemkin  (1900 – 1959).

Lemkin wurde am 24. Juni 1900 als Sohn eines jüdischen Bauern im heutigen Weißrussland (Belarus) geboren. An der damals polnischen Universität Lemberg (Lwow/Lviv) erwarb Lemkin 1926 den juristischen Doktorgrad, studiert hatte er aber auch in Heidelberg.

1927 wurde Lemkin Sekretär des höchsten polnischen Gerichts, 1929 Staatsanwalt. In den 30er Jahren arbeitete er mit an der Zusammenfassung und Kodifizierung des polnischen Rechts, das sich aus dem Recht der Teilungsmächte, aus russischen, preußischen und österreichischen Wurzeln speiste. 

1939, nach dem deutschen Angriff auf Polen („Polenfeldzug“) gelang Lemkin die Flucht nach Schweden. Er führte eine ganze Reihe von Dokumenten mit sich, die Verbrechen der deutsch-faschistischen Okkupanten belegten. Lemkins gesamte Familie, bis auf seinen Bruder und seine Schwägerin, wurde ermordet.

1941 gelangte Lemkin durch eine Einladung der Duke University (Durham / Nord-Carolina) in die USA. 

 

Lemkin war ein früher Vorkämpfer für eine internationale Gerichtsbarkeit, denn die „Verrechtlichung (ist) ein Charakteristikum der Moderne“ (Nußberger, S. 29, a.a.O.). Schon 1931 legte er Völkerbundgremien in Brüssel, 1933 in Kopenhagen Vorschläge für einen internationalen Gerichtshof gegen Terrorismus vor.

Er hatte schon 1933 in Madrid  vor Völkerbundjuristen vorgeschlagen, eine internationale Konvention einzuführen, die weltweit eine völkerrechtliche Verurteilung und Bestrafung von Personen erlaubte, die an einer gezielten „Zestörung nationaler, religiöser und rassischer Gruppen" beteiligt waren, - vergeblich. Lemkin führte diesen Mißerfolg auch auf das Fehlen einer treffenden Begrifflichkeit für den Tatbestand zurück, Massenmord, Barbarei, Vandalismus oder Gräuel träfen den Sachverhalt nicht oder beschönigten ihn sogar.  Auch Zwangsmaßnahmen wie

  • Massendeportationen,
  • die erzwungene Senkung der Geburtenrate,
  • die wirtschaftliche Entrechtung und Enteignung
  • die Zerstörung der jeweiligen kulturellen Identität
  •  die gezielte Unterdrückung der Intelligentsia

sollten mit umfasst werden.

Spätestens seit 1941 suchte Lemkin nach einem passenden Begriff, um Verbrechen wie die des Osmanischen Reiches gegen die Armenier seit 1915 und die des deutschen NS-Regimes zu bezeichnen. 1943 hatte er ihn gefunden.

Er prägte im Jahre 1943 für einen Gesetzentwurf der polnischen Exilregierung zur Bestrafung der deutschen Verbrechen auf Polnisch den Begriff Völkermord als Ludobójstwo (von „lud“ = Volk und „zabójstwo“ = Mord). 1944 übertrug Lemkin den Begriff als „genocide“ (von gr. „genos“ = Volk und lat. „caedere“ = töten) ins Englische. Die Übersetzung ins Deutsche lautet Genozid oder Völkermord.

 

In seinem Buch „Axis Rule in Occupied Europe“ vom November 1944 defininierte Lemkin den Begriff. Genozid sei„… ein koordinierter Plan verschiedener Aktionen, der auf die Zerstörung essentieller Grundlagen des Lebens einer Bevölkerungsgruppe gerichtet ist, mit dem Ziel, die Gruppe zu vernichten. … Genozid hat zwei Phasen: Eine erste, bei der die typischen Eigenschaften und Lebensweisen der unterdrückten Gruppe zerstört werden und eine zweite, bei der die Eigenschaften und Lebensweise der unterdrückenden Bevölkerungsgruppe der unterdrückten aufgezwungen wird. Diese Aufzwingung wiederum kann erfolgen, indem die unterdrückte Bevölkerungsgruppe bleiben darf oder sie wird sogar nur dem Gebiet allein aufgezwungen, indem die Bevölkerung beseitigt wird und eine Kolonisierung dieses Gebiets durch die unterdrückende Bevölkerungsgruppe folgt“ (vgl… https://de.wikipedia.org/wiki/Raphael_Lemkin#Ver.C3.B6ffentlichung_seines_Sachbuches_Axis_Rule_in_Occupied_Europe).

Lemkin beschäftigte sich in seiner Schrift  mit den denVölkermord begleitenden Zerstörungen der kollektiven Identitäten. In seiner Sicht war Völkermord auch ein Kulturmord.   Er führte darüber hinaus Erlässe, Gesetze und Verordnungen auf, die die Achsenmächte im okkupierten Europa erlassen hatten, wie auch Vorschläge für eine Restitution des Besitzes an die Enteigneten und zur Entschädigung der Zwangsarbeiter.

Der Begriff Genozid wurde rasch gebräuchlich, da eine Reihe US-amerikanischer Zeitungen ihn verwendeten, als sie gegen Ende des Jahres 1944 begannen, ausführlich über die Gräueltaten in Europa zu berichten.

 

1946 schlug Lemkin der UNO ein Gesetz gegen Völkermord vor, für das er 1947 einen Entwurf vorlegte. Der Entwurf wurde unwesentlich verändert die Erstfassung der "Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes", die am 9. Dezember 1948 durch Beschluss der UN-Vollversammlung mit 55:0 Stimmen angenommen wurde und am 12. Januar 1951 in Kraft trat, auch eine Antwort auf den Völkermord an den europäischen Juden durch die deutschen NS (vgl. Nußberger, S. 8, a.a.O.).  

 

Beim Nürnberger Prozess assistierte Lemkin dem US-Chefankläger Robert H. Jackson. Im März 1948 erhielt der mittlerweile staatenlose Lemkin an der Yale University einen Lehrauftrag. Lemkin wurde für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, erhielt ihn aber nicht. Im Jahre 1955 erhielt er allerdings das deutsche Bundesverdienstkreuz  (vgl. Heinsohn, S. 235 ff., a.a.O.).

 

Lemkin starb völlig mittellos am 27. August 1959 in New York. Nicht einmal Geld für seine Beerdigung war vorhanden. Auf dem später gespendeten Grabstein (auf Mt. Hebrew Cemetery im Stadtteil Queens / New York) wurde die Inschrift „Father of the Genocide Convention“ angebracht.

 

Seit dem Jahre 1993 trägt eine Wissenschaftliche Einrichtung im FB 11 (Human - und Gesundheitswissenschaften) der Universität Bremen den Ehrennamen  Raphael - Lemkin - Institut für  Xenophobie- und Genozidforschung“. 

 

Definition des Völkermordes/Genozids: Gemäß dem Völkermord-Abkommen, (Convention on the prevention and punishment of the crime of genocid, zitiert nach Karl Strupp/Hans-Jürgen Schlochauer a.a.O.):

„ Das Völkermord-Abkommen erklärt in Art I und II gewisse Angriffshandlungen gegen nationale, rassistische, religiöse oder durch ihr Volkstum bestimmte Gruppen in der Absicht, diese ganz oder teilweise zu zerstören, gleichgültig ob sie in Frieden oder im Krieg oder aber gegen eigene oder fremde Staatsangehörige begangen wurden, zum Verbrechen nach Völkerrecht.“

„.....als Verbrechen....(gelten)...:die Tötung und die schwere körperliche Schädigung von Angehörigen der Gruppe; die Schaffung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die dazu geeignet sind sie physisch ganz oder zum Teil auszurotten; die Verhängung von Maßnahmen, die Geburten innerhalb der Gruppe verhindern sollen und die Zwangsverschleppung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.“
„Außer dem Völkermord als solchen sind nach Art III strafbar Versuch, Teilnahme und Verschwörung (conspiracy) und die öffentliche Aufreizung zur Begehung des Verbrechens.“



© Christian Meyer