Dehwa Rabba (auch: Dahwa id Raba) – zweitägiges Neujahrsfest der Mandäer (von aram. מנדע  - manda Erkenntnis [1]), auch „Id Al Kursa" oder „Karsa“; es beginnt das mandäische Jahr 2024.  

 

Dehwa Rabba (i.e. „Großes Fest“) ist das siebentägige mandäische Neujahrsfest; nach dem mandäischen Kalender beginnt es am 1. Tag des Monats Awwel Sitwa (oder Qam Daula).   

Der erste Tag wird auch „Tag des Mangels“ genannt, weil an ihm keine Rituale stattfinden (vgl. Drower 1962, S. 85, a.a.O.).

 

Das Mandäische  Neujahrsfest beginnt mit Vorbereitungen  am 30. Tag des Monats Akhir Paiz oder Qam Gadia, dem letzten Tag des alten Jahres.  Der Tag wird Kansia Uzahila genannt, was wörtlich „Fegen und Reinigen“ bedeutet (vgl. Drower/Macuch, S. 119, a.a.O.). Man bereitet sich auf das Fest vor, u.a. durch eine gründliche Reinigung des Hauses.

Vor allem die britische Forscherin Ethel Stefana Drower hat in der ersten Hälfte des 20. Jhdts. allerlei Bräuche und Riten der Mandäer aufgeführt:   

Alles Vieh von mandäischen Familien  muss vor Sonnenaufgang nicht-mandäischen Viehhütern übergeben sein, denn kein Mandäer darf von Sonnenuntergang 36 Stunden lang ein Tier berühren. Von daher muss auch alle Fleischzubereitung und Nahrung zuvor fertig  vorbereitet sein. Desgleichen muss sich genügend Wasser für 36 Stunden abgedeckt im Hause befinden.

Während des ganzen Tages führen die Priester taufen durch, und Gläubige lassen sich taufen (vgl. Drower1962, S. 85, a.a.O.).

Schon in den „1012 Fragen hieß es dazu, wer sich am Vortag des Neujahrsfestes nicht taufen lasse, werde einst dafür schwer büßen und 70 Peitschenhiebe empfangen. Wer sich aber taufen lasse, für den zähle diese Taufe wie 70 sonstige  (vgl. Drower 1960, S. 121, a.a.O.).

Direkt vor Sonnenaufgang vollziehen die Gläubigen ein dreifaches Eintauchen im fließenden Wasser, die Ṭamaša (oder Tamasha) Taufe. Dann ziehen sich alle in ihre Häuser oder die ihrer Verwandten zurück. Aus welchem Grund auch immer – kein (gläubiger) Mandäer verlässt in den nächsten 36 Stunden das Haus  (vgl. Drower 1962, S. 85, a.a.O.).

Denn für 36 Stunden werden die Mandäer – nach ihrer Vorstellung – ohne Beistand und Hilfe ihrer hilfreichen Wächter- und Nothelfer-Lichtgeister der „natri“ und „uthri“ sein. So verlassen z.B. die Lichtwesen Nidbai und Shilmai ihr Wächteramt an den fließenden Wassern.

Alle diese Lichtwesen steigen in die unendliche Lichtwelt auf; diese Reise dauert 12 Stunden. Am Sonnenaufgang erreichen sie ihr Ziel und verbringen den Tag damit, den Schöpfer-Gott Mara Rba Kabrina, zu ehren. An dem Neujahrstag hatte dieser – nachdem er sich selbst erschaffen hatte - die Schöpfung der Welt vollendet. Die Rückreise der Lichtwesen zur Erde dauert die 12 Stunden der Nacht (vgl. Drower 1962, S. 86 & Drower 1960, S. 200, a.a.O.).  

Erst wenn die Lichtwesen nach 36 Stunden zurückgekehrt sind, können die Gläubigen ihre Häuser verlassen, im Fluss waschen, feiern und fröhlich sein (vgl. Drower 1962, S. 330, a.a.O.). 

 

Während die Erde unbewacht zurückgeblieben ist, treiben, Ruha, die „Mutter der Falschheit und der Lüge“, der dunkle Widerpart und ihre Anhänger, ihr Unwesen und schaden den Menschen, wo sie können (vgl. Drower 1962, S. 85, a.a.O.).

So wird jeder, der während der Neujahrstage seine Hand oder einen anderen Körperteil ins fließende Wasser halt, unrein, sein Körper vergiftet, er wird seinen Lohn im Feuer erhalten (vgl. Drower 1960, S. 200, a.a.O.).  Wenn derjenige aber 50mal mit neuen rituellen Gewändern getauft wird, kann er von dem Übel befreit werden, das er über den Jordan [2] gebracht hat (vgl. Drower 1960, S. 121, a.a.O.).

Alle – gläubigen - Mandäer sind in dieser Zeit besonders umsichtig, um jeden Kontakt mit Ruha und seinen Anhängern zu vermeiden. Um Unreinheiten zu vermeiden, schlafen die Erwachsenen, v.a. die Männer, in der 36-Stunden-Periode gar nicht. Kindern wird es erlaubt, zu schlafen (vgl. Drower 1962, S. 85, a.a.O.). Schon in den “1012 Fragen” hieß es: Jedermann, der sich für diese 36 Stunden beherrscht, für zwei Nächte und einen Tag, wird zu mir gehören, mein sein - der Vater der uthras (Engel-Lichtwesen; vgl.  Drower 1960, S. 121, a.a.O.).

Falls ein Mandäer mit Wasser, das z.B. durch ein Insekt verunreinigt wurde, in Kontakt kommt, muss er sich für den Rest der 36 Stunden von allen anderen fernhalten, sozusagen in Quarantäne gehen. Priester lesen in dieser Zeit rituelle Texte und beten, die Laien spielen, erzählen sich Geschichten oder speisen  (vgl. Drower 1962, S. 86, a.a.O.).

Am 2. Tag des Neujahrsfestes verlassen die Mandäer ihre Häuser und besuchen sich gegenseitig, wobei der erste Besuch dem Priester gilt. Da der Tag als ein Tag der Freude gilt, finden keine Rituale statt, außer ggf. Bestattungen (vgl. Drower 1962, S. 87, a.a.O.).

Wenn ein Mandäer während der 36-Stunden-Periode stirbt, darf er nicht sofort beerdigt werden. Der Sterbende wird mit dem im Hause bewahrten Wasser gewaschen und in ein spezielles weißes Totengewand gekleidet und mit einem weißen Tuch bedeckt. Es wird für das größte Unglück eines Menschen angesehen, in der Laien-Alltagskleidung zu sterben, denn dann könne man nicht Abatur [3] erreichen Am Morgen des 2. Tages kann er dann mit besonderen Riten begraben werden (vgl. Drower 1962, S. 85/86, a.a.O.).

An dem 3. Neujahrstag (dem 3 Awwel Sitwa oder Qam Daula) beginnt das Id el-Kabir, das Große Fest, das die letzten vier Tage umfasst.

Der 6. Neujahrstag wird „Nauruz Zota“,  Kleines  Neujahr genannt.

Die Nacht zwischen dem 6. und dem 7. Tag wird auch die „Nacht der Kraft“ genannt: In dieser Nacht sind - für die wahren Frommen – die Tore zu Abatur  geöffnet: Durch eine Vision könne man dann das erhalten, was man sich wünsche. Der wahre Fromme aber wünscht sich nichts Materielles, sondern nur spirituelle Gaben, die erst beim Jüngsten Gericht wirksam werden. In dieser Nacht werden alle Lichter und Feuer gelöscht sowie die Armen gespeist (vgl. Drower 1962, S 88, a.a.O.).

Während dieser Tage besuchen die mandäischen Priester die Gemeindemitglieder, segnen die Häuser und befestigen einen kleinen Kranz aus Weiden und Myrten an dem Türsturz. Der Kranz wird dort bis zum nächsten Jahr bleiben und soll die Bewohner des Hauses beschützen (vgl. Drower 1962, S. 88-89, a.a.O.).  

Erst von dem 15. Tag des 1. Monats an ist es Mandäern wieder erlaubt zu schlachten und Fleisch zu essen (vgl. Drower 1962,  S. 89, a.a.O.).

(Das mandäische Neujahrsfest ist veränderlich nach dem mandäischen Kalender, es beginnt am 1. Tag des 1. Monats Awwal Sitwa oder Qam Daula. Im Jahre 2000Greg  begann das Fest am 21.  Juli. Am 20. Juli 2011Greg begann das mandäisches Neujahr mit dem 2014Mand. Im Jahre 2020 beginnt das Fest am 17. Juli, es beginnt außerdem das Jahr 2023 nach der mandäischen Jahreszählung. Da 2020 wieder ein Schaltjahr war, müsste das mandäische Neujahrsfest 2021 auf den 16. Juli fallen. Wegen des im Vergleich zum Gregorianischen zu kurzer Jahres von nur 365 Tagen, des Fehlens der Schalttage, verschieben sich alle mandäischen Jahre alle vier Jahre um einen Tag nach vorn).

 



[1] Der deutsche Religionswissenschaftler Helmut von Glasenapp (1891 - 1963) wies darauf hin, dass „manda“ vielleicht auch von der Bezeichnung für die mandäische „Kulthütte“ herrühre (vgl. Glasenapp 1957, S. 235, a.a.O.). Der Begriff „Mandäer” (mandaiyi) bezeichnet heute die „Laien” zur Unterscheidung von den Priestern (tarmidi, „Jüngern”) und den „Initiierten” (naṣoraiyi).

[2] Die heutigen Mandäer bezeichnen alle Flüsse als „Yardan“, Jordan (vgl. Abdullah Yusuf Ali, in den Fußnoten, S. 33, a.a.O.).

[3] Abatur (pers.  „der mit der Waage“) ist eine mythische Gestalt der Mandäer, ein Lichtwesen, das zum Totenrichter wurde. Abatur wägt beim Jüngsten Gericht die Seelen und Taten der Verstorbenen, entscheidet dann darüber, ob sie ins Lichtreich dürfen oder in die Unterwelt kommen. Eine mandäische Gedichtsammlung trägt den Titel „Diwan Abatur“. Abatur hat als Totenrichter Ähnlichkeit mit dem alt-ägyptischen Gott Anubis, dem zoroastrischen Rashnu, dem hinduistischen Yama und dem jüdisch-christlichen Erzengel Michael. 

 

© Christian Meyer