16. Oktober: Welternährungstag (auch Welthungertag)

 

Das Datum wurde von den Vereinten Nationen gewählt, weil am 16. Oktober 1945 die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) als Sonderorganisation der UNO gegründet wurde. Ihre Aufgabe ist, die weltweite Ernährung der Menschheit sicherzustellen, was ihr seither niemals gelungen ist.  Der Welternährungstag wurde 1979 eingeführt.

 

Circa eine Milliarde von 7 Milliarden Erdbewohnern leidet dauerhaft unter Hunger, mehrere zehn Millionen Menschen verhungern jährlich, alle 5 Sekunden verhungert ein Kind unter 10 Jahren (vgl. Ziegler, S. 14/15, a.a.O.). Des Weiteren führte der Schweizer Soziologe Jean Ziegler aus, dass ca. ein Drittel der Kinder in den 50 ärmsten Ländern der Welt geboren werden, Vielfach verursacht dort Eisenmangel irreparable Schäden, viele Kinder bleiben ihr Leben lang geistig behindert. Denn Eisen – ein essentielles Spurenelement - ist z.B. ein zentraler Bestandteil des Hämoglobins. Im Jahre 2000 soll Eisenmangel für weltweit ca. 840 000 Todesfälle verantwortlich gewesen sein (vgl. http://www.eiseninfo.de/eisenmangel.htm).

 

Durch Fehlernährung verlieren darüber hinaus alle ungefähr vier Minuten ihr Augenlicht, - sie erblinden. Nach einer anderen Berechnung sterben täglich rund 12 000 Kinder unter 5 Jahren am Hunger oder an ernährungsbedingten Krankheiten (vgl. de Haen, S. 8, a.a.O.).

Würden alle Menschen soviel Fleisch essen wie die US-Amerikaner, benötigte man im Jahre 2015 bereits drei Planeten Erde.

70% der Weltgetreideproduktion dienten 2015 als Futtermittel für Tiere. 

 

Die Tragödie der Ik

 

 

 

Die Ik sind ein kleines Bergvolk, das im Nordosten Ugandas sowie in Kenia lebt. Von ihren Nachbarn werden sie Teuso „die Rinderscheuen“, genannt, da sie nur Kleinvieh hielten; die Bezeichnung wird von den Ik als herabwürdigend empfunden. Die Ik sprechen Icetot, das zu den ostsudanischen Sprachen gehört. In Uganda leben heute noch ca. 5.800 Ik und in Kenia 1.200. Im Jahre 2014 bildeten die Ik eine sehr kleine Minderheit von 0,02 % der Gesamtbevölkerung Ugandas.

 

Die Ik lebten als Jäger und Sammler sowie Subsistenz-Bauern. Sie bauten Hirse und Mais an, deren Körner sie zu mahlen verstanden. Auch Tabakanbau wird erwähnt. 

 

Die Ik lebten ursprünglich in dem fruchtbaren Kidepo-Tal [1], direkt an der Südgrenze zum heutigen Südsudan gelegen. Ihre nächsten Nachbarn waren die Didinga (im Sudan) und die deutlich zahlreicheren viehzüchtenden Karamojong und Turkana (in Kenia).

 

Anfang der 60er Jahre kannten die Ik kein Radio, keine Zeitungen, keine Bücher, keine Schule, sie hatten nur sehr selten Kontakte nach außen. Sie waren oberflächlich katholisch missioniert, ein Priester besuchte sie ein Mal pro Jahr. Eine Bibelübersetzung ins Icetot gab es nicht.

 

1958 - noch unter der britischen Kolonialregierung Ugandas – wurde das Tal in ein Tierreservat umgewandelt, aus dem 1962 der 1442 km² große Kidepo-Valley-Nationalpark entstand. Der Nationalpark wird bis heute von Touristen wenig besucht (2015 durchschnittlich 7 Personen pro Tag), da er schwer zu erreichen ist, von Kampala aus sind es knapp 600km, - teilweise auf einer staubigen Piste.

 

Für die Ik wurde diese Entwicklung zu einer Katastrophe, sie wurden nicht nur aus dem fruchtbaren Tal vertrieben, sie verloren ihre traditionellen Jagdgebiete (auch durch die Grenzziehungen), wurden zu Sesshaftigkeit und Landbau genötigt, litten unter Angriffen, regelrechten Raubzügen benachbarter Stämme sowie anhaltenden Dürreperioden. Im ugandischen Bürgerkrieg verdingte sich zudem eine Reihe von Ik-Männern als Späher, da sie als Jäger und Sammler beim Anschleichen, Belauern etc. sehr erfahren waren. Auch durch die lange Abwesenheit dieser Männer lösten sich viele traditionelle Bindungen auf, es kam zu einer langen verheerenden Hungersnot v.a. unter den verlassenen Frauen, Kindern und Alten (vgl. Böhler, S. 139, a.a.O.).

 

 

 

Colin Macmillan Turnbull (1924-1994) war ein schottisch-US-amerikanischer Anthropologe, der  1965–1966 während einer katastrophalen Hungersnot zwei Jahre mit seinem Partner bei den Ik lebte und sie durch seine umstrittene Studie „The Mountain People“ (deutsch: „Das Volk ohne Liebe. Der soziale Untergang der Ik“, a.a.O.) berühmt - berüchtigt machte. Turnbull zeichnete ein mehr als finsteres Bild der sozialen Veränderungen, die sich aus der Hungerkatastrophe ergeben hätten.

 

Nach Turnbull löste sich nicht nur die Ik-Gesellschaft, sondern auch die Familie als Einheit gegenseitiger Solidarität auf. Die Nahrung wurde in der Familie nicht mehr geteilt, sie wurde versteckt vor anderen, jeder verzehrte, was er fand oder erbeutete für sich allein, oft schon heimlich außerhalb des Dorfes.

 

Turnbull beschrieb beispielsweise, dass Eltern zuweilen ihre Kinder schon im Alter von drei oder vier Jahren  aus dem Haus jagten und danach nicht mehr in den Haushalt hineinließen, sich nicht mehr um sie kümmerten, sodass die Kinder auf sich allein gestellt waren, bzw. in einer Gleichaltrigen-Gruppe aufwuchsen.

 

Die Ik vertrauten einander nicht mehr, zeigten keine Empathie: Lügen, Tricks, Täuschungen, Viehdiebstahl, Betrug aller Art waren weitverbreitet, die Ik schämten sich zudem dieser Handlungen nicht. Diebstahl, Raub und Betrug waren alltäglich, wenn es um Lebensmittel ging.

 

Turnbull berichtete z.B. von einem Ik-Mann, der von ihm Medizin für seine kranke Frau erbat. Bald stellte sich heraus, dass die Frau schon lange tot war und er die Medizin gegen Nahrung verkauft hatte. Der Lügner schämte sich nicht, fand das ganz selbstverständlich. Ehrlichkeit und wahrheitsgemäße Auskünfte galten den Ik als töricht und naiv. 

 

Auch älteren Menschen wurde nicht geholfen, ihr Hungerleiden schienen manche Ik eher zu amüsieren. Die Alten waren nicht mehr die respektierten Geschichtenerzähler und Tradierer, wurden stattdessen in ihrer Schwäche oft gedemütigt und lächerlich gemacht.  Oft wurden ihnen Nahrungsmittel gestohlen.

 

Turnbull berichtete, dass sich Ik gegenseitig zum Spaß mit Kot bewarfen, 

 

Umgekehrt gelang es Turnbull allerdings mit der Hilfe einiger Ik ihre Grammatik und Grundzüge ihrer Sprache zu erlernen, Wortlisten zu erstellen etc.

 

„Die Menschen waren so unfreundlich, unbarmherzig, ungastlich und ganz allgemein niederträchtig, wie Menschen es nur sein können. Denn alle Eigenschaften, die wir so bewundern, sind für die Ik wertlos geworden, sie führen mehr noch als in unserer eigenen Gesellschaft direkt ins Verderben. Es scheint, als seien diese Tugenden nicht elementare Eigenschaften, sondern vielmehr ein Luxus, den wir uns in Zeiten der Fülle leisten, oder aber sie sind lediglich Mechanismen, die der eigenen Sicherheit, dem Überleben dienen. In der Situation, in der die Ik sich befanden …., können Menschen sich solchen Luxus nicht erlauben; sie zeigen sich dann von einer sehr viel elementareren Seite und wenden sehr viel elementarere Methoden zum Überleben an“ (Turnbull, S. 21 f., a.a.O.).

 

Allerdings merkte auch Turnbull selbst an, dass nicht alle gesellschaftlichen Normen der Ik in der Hungerkatastrophe vergessen waren: „Überrascht man einen Ik beim Essen, so bietet er einem an, seine Mahlzeit zu teilen. Es muss sich hier um das Relikt eines Ehrenkodex handeln“ (Turnbull, S. 61, a.a.O.).   

 

Zudem war Turnbull durch seine vorherige jahrelange Feldforschung unter den Mbuti-Pygmäen („The Forest People“, 1961) im damaligen Belgisch-Kongo, durch deren Menschlichkeit, Wärme, Empathie und Hilfsbereitschaft voreingenommen

 

Turnbull befürwortete, dass die Ik ihrer zerstörten Gesellschaft wegen von der ugandischen Regierung zu ihrem eigenen Besten in kleinen Gruppen von weniger als 10 Personen, getrennt voneinander, zwangsumgesiedelt werden sollten, so dass ihre Kultur untergehen würde. Eigentlich forderte Turnbull eine Art Ethnozid.  

 

Später räumte Turnbull ein, dass er damals unfähig gewesen sei, die Menschlichkeit der Ik zu erkennen.

 

 

 

Das Buch führte zu heftigen öffentlichen Kontroversen, einer hitzigen Debatte auch unter Nicht-Anthropologen. U.a. der norwegische Anthropologe Fredrik Barth kritisierte Turnbull heftig und leidenschaftlich. Turnbull habe den traumatisierenden Charakter der Hungerkatastrophe unterschätzt.

 

Vor allem wurden die von Turnbull empfohlenen Konsequenzen angegriffen.

 

Das von Turnbull entworfene Bild wurde später z. B. von dem (unterdessen emeritierten) Kölner Sprachwissenschaftler und Afrikanisten  Bernd Heine als einseitig und unvollständig kritisiert. Heine hielt sich 1983 zu Sprachforschungen unter den Ik auf und glaubte zuweilen, er habe es mit gänzlich anderen Menschen als den von Turnbull beschriebenen zu tun. Heines Beobachtungen (a.a.O.) legten den Schluss nahe, dass einige Ergebnisse Turnbulls fehlerhaft gewesen seien.  

 

Heine stellte z.B. fest, dass einige der Informanten Turnbulls gar keine Ik waren, sondern dem Volk der Didinga [2] angehörten und nur gebrochen Icetot sprachen. In dem Untersuchungsgebiet Turnbulls hätten sich – meinte Heine – zur Zeit der Untersuchungen Turnbulls mehr Nicht-Ik als Ik aufgehalten.

 

Zudem habe Turnbull angenommen, die Ik sei in ihrer Heimat Jäger und Sammler gewesen, tatsächlich aber betrieben sie schon lange Zeit zuvor auch Landwirtschaft.

 

Turnbull hatte berichtet, dass Ik bei ihren Viehdiebstählen einen „doppelten Deal“ gemacht hätten, weil sie den Opfern Informationen über die geplanten Überfälle verkauft hätten. Aus den erhaltenen Unterlagen ließen sich diese Behauptungen nicht verifizieren.  

 

Außerdem wurde auf einen angeblichen Anstieg der Bevölkerung von etwa 2.000 auf 7.000 verwiesen.

 

Einige Ik bezeugten später ihre Rückkehr zu traditionellen Werten und Haltungen und bestritten die Gültigkeit von Turnbulls Ergebnissen.  

 

 

 

Heine pflichtete dem New Yorker Anthropologen Thomas O. Beidelman (* 1931, a.a.O.) bei, der  ausführte, es handele sich bei der Schrift Turnbulls weniger um eine Studie zu den Ik als um ein autobiographisches Porträt, mit den Ik als Folie zur Darstellung seiner persönlichen Gefühle und Erfahrungen während der Feldstudie.  

 

Es kam jedoch nie zu einer professionellen Sanktionierung Turnbulls. 

 

 

 

Im Jahre 1975 schrieben die britischen Schriftsteller Colin Higgins und Denis Cannon auf der Grundlage von Turnbulls „The Mountain People“ ein Theaterstück „The Ik“, das von Peter Brook auf die Bühne gebracht wurde und u.a. in Washington aufgeführt wurde. Die Ik wurden als Gesellschaft ohne Liebe, ohne Werte, ohne Empathie voller Brutalität und Egoismus dargestellt, als Opfer der Vertreibung. Die „New York Times“ (18. Oktober 1976, S. 35) sah in dem Stück eine Warnung an uns alle.

 

 

 

Der britische Schriftsteller und Afrikanist Alex de Waal empfahl 1993 den Ik, den weiteren Verkauf des Buchs von Turnbull wegen übler Nachrede gerichtlich verbieten zu lassen.

 

 

 

Im Jahre 2011 produzierten die US-amerikanischen Filmemacher Cevin Soling und David Hilbert den Dokumentarfilm „Ikland“, in dem sie ihren Aufenthalt im nördlichen Uganda und die heutigen Ik mit deutlich sozialerem Verhalten schilderten, die damaligen unmenschlichen Züge als Folge der verheerenden Notlage beurteilten. 

 

 

 

Der Berner Historiker Christian Gerlach (*1963) betonte die fließenden Übergänge von Massenhunger und Massengewalt. Darüber hinaus führten beide dazu, dass „… soziale Bindungen, bis in Familien hinein (sich) …lockern, … hergebrachte moralische Werte, keineswegs nur bei ‚Tätern‘ erodieren“ (Gerlach, S. 25, a.a.O.). Und: „Trotz aller Akte von Nächstenliebe, Solidarität und Hilfe: Hunger ist eher korrumpierend und dreckig, nicht zuletzt in moralischer Hinsicht“ (Gerlach, S. 26, a.a.O.).

 

 

In manchen Regionen Ostafrikas hat es nun (Sommer 2017) schon seit drei Jahren keine ausreichenden Regenfälle gegeben. Ein Mitgrund dafür wird vielfach in dem anthropogenen Klimawandel (vgl.          ) gesehen.

Eine der Folgen des ausbleibenden Regens ist eine Dürrekatastrophe und daraus resultierend eine Hungerkatastrophe wahrhaft biblischen Ausmaßes, die zur Zeit (2017) vor allem Äthiopien, den Süd-Suden, Somalia, Somaliland, Uganda und Kenia heimsucht und Millionen Menschen, v.a. Kinder bedroht.

 

Unter anderem ist die Lebensgrundlage (die Zucht und der Verkauf von Rindern, v.a. in die arabischen Länder) vieler nomadischer Völker zerstört. Abertausende von Rindern, Schafen, Ziegen und Dromedaren sind bereits verendet.  In manchen Regionen Ostafrikas sind 80-90% des Tierbestandes ums Leben gekommen (vgl. Kögel, S. 14, a.a.O.).

 

Durch die Dürre kam es bei dem Anbau von Bohnen und Hirse [3] auch zu enormen Ausfällen bei den landwirtschaftlichen Ernten. Vor dem Hunger sind Millionen Menschen auf der Flucht, meist in weniger trockene Regionen ihrer Heimat. Allein in Somaliland sind ca. 125 000 geflüchtet.

 

Manche nomadischen Völker der Region sind von der Dürre vom Aussterben bedroht, so z.B. die halbnomadischen Karamajong im trockenen Nordost-Uganda, ehemals stolze, oft räuberische  Rinderhirten. Rinder aber können dort zurzeit wegen der Wasserknappheit nicht mehr überleben (vgl. Tag des Wassers). Die Karamajong müssen sich deshalb auf die Zucht von kleineren, hitzeresistenteren Ziegen umstellen, - nicht nur Rollen- und Identitätsprobleme vornehmlich für die männlichen Karamajong sind die Folge. Ziegen hüteten früher dort nur die Kinder.

 

 Annette Kögel (a.a.O.) berichtete von der Spenden-Aktion, die vom Berliner „Tagesspiegel“ initiiert wurde.

Unterstützt wurde u.a. der Bau von Dämmen zur Wasserbewirtschaftung. Sie sollen an trockenen Wasserläufen  verhindern, dass „…. das Wasser, wenn es mal kommt, nicht mehr den Boden abträgt und in Schwallen die Hänge runterfließt. Wir können es nun gezielt auf die Felder leiten und in kleinen Becken zurückhalten“ (Kögel, S. 14, a.a.O.). Zum Bau von regionalen Regenauffanganlagen werden Schaufeln, Hacken und Steine verteilt oder verkauft.   Unterdessen wird – nach Versuchen der Universität Hohenheim – die Aussaat von früchtetragenden Straucherbsen im Gemenge mit Sorghum [4] und Sesam erprobt.

 

Auch werden „Cash-for-work“ und „Food-for-work“-Programme weitergeführt: So erhalten z.B. Frauen für 18 Tage Arbeit eine Ziege oder für 4 Tage Arbeit eine Menstruationstasse „Rubycup“[5].  

 

Im hungernden Südsudan werden – des Bürgerkriegs wegen – Nahrungsmittel aus der Luft abgeworfen.

 

Das kleine nomadisierende Jäger- und Sammlervolk der Hadza im benachbarten nördlichen Tansania ist von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang auf den Beinen: Die Männer als Jäger, mit Giftpfeilen und Bogen, oder auf z.B. der Suche nach wildem Honig. Die Frauen ziehen währenddessen übers Land und sammeln Beeren, Kräuter, Knollen oder Früchte. Durchschnittlich sollen sie nur zwei Stunden für die tägliche Nahrungssuche haben aufwenden müssen, woran wohl in der Regel die Frauen den größeren Anteil hatten. Auch in Dürreperioden soll es bei ihnen keine Hungersnöte gegeben haben.

 

Wie eine Untersuchung durch David Raichlen u.a., US-amerikanischen Anthropologen von der Universität Arizona im Jahre 2016 ergab, fanden sich bei den untersuchten ostafrikanischen Jägern und Sammlern nicht die geringsten Anzeichen für Herz-Kreislauf-Risiken, auf Blutdruck, Blutfette etc. waren im Idealbereich – keine Spur vom „Zivilisationskrankheiten“ (vgl. „Stern“, H. 28/6. Juli 2017, S. 99).

 

Allerdings pflegen unter den Hadza in Tansania heute immer mehr Menschen das alte Leben als Jäger und Sammler nur noch für die Kameras der Touristen  (vgl. „Stern“, H. 28/6. Juli 2017, S. 101).  Unterdessen sind auch sie in ihrer Existenz bedroht, seien es durch fremde Territorialansprüche, weidendes Vieh, Alkohol oder Seuchen.  

 


[1] Der Kidepo-Fluss führt nur saisonal – während der Regenzeit von September bis Februar – Wasser und mündet in den Weißen Nil. Große Teile des Nationalparks sind Trockensavanne, die umgebenden Gebirgszüge erheben sich bis zu einer Höhe von 2700 m.

[2] Die Didinga sind ein Hirtenvolk im benachbarten Südsudan, die Anfang der sechziger Jahre vor dem Bürgerkrieg nach Uganda flüchteten und dort des Verlusts ihrer Rinderherden wegen Landwirtschaft betreiben mussten.

 


[3] Hirse ist die Sammelbezeichnung für verschiedene Gattungen kleinfrüchtiger Spelzgetreide, die zur Familie der Süßgräser (bot. Poaceae) gehören. Das Hirsekorn ist kleiner als die Körner anderer Getreidearten, es ist rundlich und hat keine Längsfurche. Hirse zählt zu dern ältesten Kulturpflanzen. Bereits vor 8000 Jahren diente Hirse zur Herstellung von ungesäuertem Fladenbrot: es ging aus dem Hirsebrei hervor, ohne Hefe erhitztes Getreidemehl mit Wasser. Dünne Fladenbrote (wie das türkische yufka) sind die früheste Entwicklungsstufe des Brots, auch die Mazze und die Hostie sind Fladenbrote. 

In China wird Rispenhirse oder Echte Hirse (bot. Panicum miliaceum) seit mindestens 4000 Jahren landwirtschaftlich genutzt. In der Bibel wird die Hirse in Ez 4,9 erwähnt (Hirse hebr. „dóchan“, arab. „dochn“). 

Die Rispenhirse wurde früher auch in Europa vielfach als Nahrungsmittel angebaut. Hirsebrei bildete ein wichtiges Grundnahrungsmittel. Da der Hirse weitgehend der Kleber fehlt, ist sie zum Backen von Brotlaibern und Gebäck ungeeignet. Seit v.a. dem 18. Jhdt. wurde die Hirse in Europa durch die Einfuhr von Kartoffel und Mais fast völlig verdrängt. Die Verzehrgewohnheiten veränderten sich gründlich, die Breikost trat zurück.

Die Echte Hirse benötigt zur Reife relativ viel Wasser. Benötigte Wassermenge in Litern, um 1kg zu produzieren:  Mais 900, Weizen oder Gerste 1.300, Soja 1.800, Sorghum-Hirse 2.800, Reis 3.400, Rispenhirse 5.000 (vgl. Waterfootprint.org). Hirsebier ist unter den Karamajong beliebt, bei Frauen und Männern.


[4] Sorghumhirsen werden die Arten der Gattung Sorghum (auch: Sorgum) aus der Familie der Süßgräser (Poaceae) genannt, wärmeliebende, aber frostempfindliche Pflanzen mit einem hohen Trockenmasse- ertragspotenzial. Sie stammen ursprünglich aus Ostafrika und sind an heißes, trockenes Klima angepasst. Sorghumhirsen werden bereits seit mehr als 2.500 Jahren kultiviert, sind trockentolerant, sehr salzverträglich, ihnen wird eine höhere Wassernutzungseffizienz als dem Mais zugesprochen.

Wüstenpflanzen entwickelten keine Wachstumsstrategien zu hoher Produktivität sondern zum Überleben unter widrigen ökologischen Bedingungen (vgl. www.climate-service-center.de/.../warnsignal_klima_kap4_4.10_ brecklekuipers.pdf). Sorghum ist eine Art Überlebenskünstler, eine der Blütenpflanzen, die eine „Trockenhärtung“ kennen: Durch Trockenkultur kann die Dürreresistenz von Sorghum, nicht aber die Austrocknungsresistenz erhöht werden.  

Insbesondere Sorghum bicolor ist ein Beispiel einer dürreresistenten Art: Es transpiriert nur wenig und vermag bei Wassermangel unter Wachstumsstillstand in eine Art Trockenstarre überzugehen, aus der es nach Regenfällen rasch zu neuem Wachstum erwacht.

Diese wirtschaftlich wichtigste Hirseart Sorghum bicolor (auch „Mohrenhirse“ oder „Kaffernkorn“) stammt aus Äquatorialafrika, ist eine bedeutende Weltwirtschaftspflanze und wird vornehmlich für die Produktion von Mehl und als Futter für Vieh verwendet. Sie ist das wichtigste Getreide überhaupt in Afrika und wird heute in allen warmen Ländern angebaut. In den Südstaaten der USA hat sich die Anbaufläche während der letzten 45 Jahre verdoppelt und der Ertrag vervierfacht.

Sorghum ist das Getreide, das 2010 - nach Weizen, Mais, Reis und Gerste - die fünftgrößte Anbaufläche weltweit aufwies.  Bei uns wird die „Mohrenhirse“ auch als Vogelfutter verwendet.

   
[5] In vielen afrikanischen Ländern ist die Menstruation scharf tabuisiert (vgl. 8. März). Zudem sind Binden oder Tampons für viele Afrikanerinnen zu teuer, die benutzten Textilreste oft unhygienisch und krankheitserregend. Belegt sind Fälle, in denen junge Afrikanerinnen sich prostituieren, um Binden kaufen zu können.

Ruby Cup  (engl. „Rubintasse“) ist ein britisches „soziales Start-up", das Menstruationstassen vertreibt, als kostensparende und umweltfreundliche Alternative zu Tampons und Binden.

Hergestellt werden die kelchähnlichen Tassen aus medizinisch zertifiziertem weichem Silikon, sie werden gefaltet in die Scheide eingeführt und fangen das Menstruationsblut auf. Die Tassen können einfach abgewaschen werden und sind für ca. 10 Jahre wiederverwendbar. Vor allem bei umweltbewussten jungen Frauen sind sie beliebt,  denn im Laufe ihres Lebens verbraucht eine Frau durchschnittlich ca. 12.000 Tampons oder Binden.

Zudem hat sich Ruby Cup zur Aufgabe gemacht, Menstruationstassen an Mädchen und Frauen in Ländern der Dritten Welt zu vergeben: Für jeden verkauften Ruby Cup wird eine zweite an ein Mädchen in Ostafrika – die sich keine Binden leisten können - gespendet („Buy One, Give One“).

 

(unveränderlich nach dem Gregorianischen Kalender)


© Christian Meyer


 Karte Nord-Uganda – Karamojong – Gebiet

(Karte aus Blumenthal, S. 122, a.a.O.)

 

 

Abb. Hirse (Abb. aus Kinzler, S. 145, a.a.O.)