Briefmarke aus dem Jahre 2000
Briefmarke aus dem Jahre 2000

Abb. oben.: Im Jahre 2000 veröffentlichte die deutsche Bundespost eine Briefmarke:  "Keine Gewalt gegen Frauen".


Vorbereitung einer Hexenverbrennung im 17. Jahdt. im isländischen Þingvellir; Schautafel daselbst (Photo: Karoline Schulz, August 2017). 

25. November

 

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen

 

Am 25. November 1960 wurden in der Dominikanischen Republik drei gegen die Trujillo – Diktatur politisch aktive Schwestern, Patria, Minerva und Maria Teresa Mirabal nach monatelanger Folter durch den militärischen Geheimdienst ermordet.  Zuerst in der Karibik, in Lateinamerika und dann weltweit wurden der Kampf und das Schicksal der Geschwister Mirabal zum Symbol gegen die Unterdrückung und gegen Gewalt an Frauen.

Am 25. November 1981 riefen Frauen einer internationalen Frauenkonferenz in Bogotá das Datum zum Gedenktag für die Opfer von Gewalt an Frauen und Mädchen [1] aus.

Gewalt gegen Frauen ist ein Symptom „asymmetrischer Geschlechterbeziehungen“ und hat verschiedenste Erscheinungsformen, von Sexismus und Diskriminierungen, über häusliche Gewalt in den Familien, bis zu Zwangsheiraten, Vergewaltigungen, „Ehrenmorden“, Frauenhandel [2], Zwangsprostitution und Genitalverstümmlung.

 

In dem isländischen Þingvellir, dem spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Althing- und Gerichtsort (seit 2004 Weltkulturerbe) befindet sich nahe dem Lögberg (dem einstigen Vortragsort des Gesetzessprechers) der Drekkingarhylur (Ertränkungsteich). Es handelt sich um den Ort, an dem Frauen, die uneheliche Kinder geboren, Ehebruch oder Kindsmord begangen oder ihren Ehemann ermordet hatten, öffentlich ertränkt wurden. Die verurteilten Frauen wurden gezwungen, sich mit gebundenen Armen und Beinen sowie mit einem Sack über dem Kopf an den Rand des Teiches zu stellen, um von Schaulustigen verhöhnt zu werden. Um ihre Leibesmitte wurde  ein Seil gebunden, über den Teich gespannt; von der gegenüberliegenden Seite wurde die Todeskandidatin ins Wasser gerissen. Dann wurde sie mit einem Stecken unter Wasser gedrückt, bis sie sich nicht mehr bewegte.

 

Belegt sind Hinrichtungen dieser Art erst nach der Einführung der Reformation, die in Island unter dänischem Einfluss besonders rigide und fundamentalistisch ablief. Die erste Hinrichtung dieser Art scheint 1618 stattgefunden zu haben, die letzte 1749. Insgesamt sollen in dem Ertränkungsteich im Þingvellir 18 Frauen hingerichtet worden sein.

 

Verurteilte Männer wurden enthauptet.

 

Vermeintliche Hexen wurden in Island einst (v.a. im 17. Jhdt.) in der Brennugja, der Verbrennungsschlucht nahe dem Þingvellir auf Scheiterhaufen aus Birkenholz ermordet (vgl. Abb. oben). Wieviele „Hexen“ dort verbrannt wurden, ist unklar.

 

 

 

Ein Gewaltverhältnis besonderer Art herrschte bis ins 19. Jhdt. in den europäischen Kolonien, auch und gerade gegenüber „kolonisierten“ Frauen.

Ein dunkles „… Kapitel deutscher Kolonialherrschaft“ in Togo beschreibt die Historikerin Rebekka Habermas (*1959, die Tochter von Jürgen Habermas) , - beiliebe kein Einzelfall, wie die Autorin betonte. „Gewalt (war) im kolonialen Alltag omnipräsent… Die Gewalt hatte keine mehr oder weniger persönlichen Gründe, sondern war struktureller Natur“ (R. Habermas, S. 14/15, a.a.O.).  

 

Im Jahre 1902 vergewaltigte in Atakpame/Togo ein deutscher (akademisch gebildeter) Kolonialbeamter eine junge Togolesin. Als es zudem zu Streiks gegen die koloniale Zwangsarbeit kam, wurden darüber hinaus ein intervenierender lokaler Dorfvorsteher verhaftet, und grausame Bestrafungen mit Todesfolge angeordnet.

 

Das besondere an dem Fall war, dass die betroffene Togolesin sowohl gute Beziehungen zu den einheimischen Autoritäten als auch zu den lokalen katholischen Missionaren hatte.

 

In der Folge gelangten die Ereignisse aus Togo rasch in die deutsche und ausländische Presse. Durch u.a. den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger und August Bebel (SPD) wurden die Gewaltvorkomnisse sogar vor den Berliner Reichstag gebracht, ohne dass allerdings der Kolonialismus und die zugrundeliegenden rassistischen Stereotypen generell in Frage gestellt wurden.

 

Der Täter kam in Togo vor ein deutsches Gericht, wurde aber von allen Anklagen freigesprochen und nach der damals ebenfalls deutschen Kolonie Kamerun versetzt (wo er weitere Gewalttaten beging).

 

Der Skandal hatte jedoch noch eine weitere, rassistische Ebene: Denn – theoretisch – wurden sexuelle Beziehungen zu den „Kolonisierten“ generell abgelehnt, aus Gründen der „Rassenhygiene“, da eine „Verkafferung“ drohe, galt eine eugenisch begründete strikte Rassentrennung (vgl. R. Habermas, S. 63, a.a.O.).

 

Tatsächlich aber hatten wahrscheinlich – nicht nur in Togo – um die 90% der Kolonialbeamten konkubinatsähnliche Beziehungen zu einheimischen Frauen und zahlreiche Kinder. Viele dieser Beziehungen begannen – wie die Historikerin Bettina Zurstrassen darlegte – mit einer Vergewaltigung (vgl. R. Habermas, S. 59, a.a.O.).   

 

 

 

Vor relativ kurzer Zeit war Gewalt gegenüber Frauen auch in Europa ganz selbstverständlich und gesellschaftlich akzeptiert. Bis ins 20. Jhdt. hinein gab es in vielen europäischen Staaten ein „Züchtigungsrecht“ des Ehemanns gegenüber der Ehefrau als Bestandteil der bürgerlichen Ehegesetzgebung.

Erst im Jahre 1891 „… verbot ein englisches Gerichtsurteil …. dem Ehemann das Schlagen der Ehefrau mit einem Stock, der dicker war als ein Daumen, und 1895 wurde Ehefrauen das Recht auf Scheidung zugesprochen, wenn der Gatte sie länger als zwei Monate zu Hause eingeschlossen hatte“ (vgl. Heitmeyer / Schröttle, 2006, S. 94, a.a.O.).    

Weltweit sind Mädchen und Frauen bis heute immer wieder verschiedensten Formen geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt. Zu unterscheiden wären körperliche (nichtsexualisierte), sexuelle und psychische Gewalt, die allerdings oft in einander übergehen. Die Gewalt kann vom familiären Umfeld, von der Gesellschaft oder dem Staat ausgehen oder toleriert werden. Allein in der Bundesrepublik fliehen jährlich ca. 40 000 Frauen vor ihren gewalttätigen Männern ins Frauenhaus. Nach Schätzungen der Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ sind in Deutschland ca. 25% aller Frauen Opfer von körperlichen oder sexuellen Übergriffen (vgl. Tagesspiegel, 7. März 2007, S. 11).

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind ein Viertel aller Frauen weltweit sexuellem Missbrauch und Gewalt in dem eigenen familiären Umfeld ausgesetzt, wobei berücksichtigt werden muss, dass hier aus Scham die Dunkelziffer immer besonders hoch ist.  

150 Millionen Frauen leiden unter den Folgen weiblicher Genitalverstümmelung, jährlich kommen weitere 2 Millionen dazu. Ca. 19000 Frauen in Deutschland sind bereits verstümmelt, ca. 4000 Mädchen gelten nach Schätzungen als gefährdet (vgl. Tagesspiegel, 7. März 2007, S. 11).

In Indien kommt es immer wieder zu Mitgiftmorden und zu Witwenverbrennungen [3], obwohl letztere schon in der Kolonialzeit unter Strafe gestellt wurden.

In dem Zeitraum 2002/2004 wurde die erste große Repräsentativstudie zur Gewalt gegenüber Frauen in Deutschland Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführt. Befragt wurden dabei mehr als 10 000 in Deutschland lebende Frauen zwischen 16 und 85 Jahren. Es stellte sich heraus, dass …

  • ca. 37 % der Frauen körperliche Übergriffe erlebt hatten (Ohrfeigen, Wegschubsen, Schlagen mit Gegenständen, Verprügeln, Waffengewalt)
  • ca. 20 % der Frauen mindestens einmal Gewalt mit Verletzungsfolgen erleben mussten
  • ca. 13 % der Frauen sexuelle Gewalt erlebt hatten (in strafrechtlich relevanter Form von sexueller Nötigung, versuchte Vergewaltigung und Vergewaltigung)
  • ca. 58 % aller Frauen schwere Formen sexueller Belästigung erlebt hatten
  • ca. 42 % aller Frauen psychische Gewalt (Anschreien, Demütigungen, Ausgrenzung, systematischer Psychoterror) erfahren hatten und
  • ca. 25 % aller Frauen körperliche Gewalt durch aktuelle und ehemalige Partner erlebt hatten, mit Abstand die am häufigsten genannten Täter dieser Kategorie: „Bei sexueller Gewalt und Gewalt in Paarbeziehungen traten fast ausschließlich – zu 99 % - Männer als Täter auf; der Anteil von Frauen lag hier unter einem Prozent“ (vgl. Heitmeyer / Schröttle, 2006, S. 81, a.a.O.).  

Bedeutsam ist die Tatsache, dass die eigene Biographie ein signifikanter Risikofaktor für Gewalt ist: Wer selbst als Kind / Jugendlicher von Gewalt betroffen war, erlebte / praktizierte sie als Erwachsener selbst weit häufiger als Nicht – Betroffene (vgl. Heitmeyer / Schröttle, 2006, S. 90, a.a.O.).  

 Wichtige juristische Teilschritte zur Verbesserung der Situation gewaltbetroffener Frauen in Deutschland waren …

  • die Einführung der Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe 1998
  • das Gewaltschutzgesetzt von 2002 („Gesetz zum zivilrechtlichen Schutz vor Gewalttaten und Nachstellungen sowie zur Erleichterung der Überlassung der Ehewohnung bei Trennung“)

Welche langfristigen Auswirkungen ein intensiver Konsum von gewaltverherrlichender Pornographie und frauenverachtenden Computerspielen haben werden, ist schwer abschätzbar.

 

Unter anderen war (und ist) es im Iran eine weitverbreitete Tradition, für Mädchen einen Ehemann zu finden, bevor die Tochter zu menstruieren beginnt. Chomeini selbst empfahl den Vätern: „Setzt alles daran, dass eure Töchter ihr erstes Blut nicht in eurem Hause sehen“ (Chomeini, zit. n. Taheri, 1985, S. 34, a.a.O.).

Nach Schätzungen werden jedes Jahr weltweit ca. 15 Mio. minderjährige Mädchen von ihren Eltern gezwungen, einen Mann zu heiraten, der ihr Vater sein könnte. Diese „Bräute mit der Schulmappe“ (Cojean [4], S. 1, a.a.O.) sind stille Verbrechen, gegen die nur wenige der Opfer später aufbegehren.

Insgesamt sind es wohl zur Zeit mehr als 700 Mio. Frauen, die als Kinder verheiratet wurden (vgl. Cojean. S.10, a.a.O.). Circa alle 2 Sekunden wird weltweit ein Mädchen verheiratet, ohne körperlich und emotional reif für eine Ehe und Mutterschaft zu sein. Niger ist mit 76 % vermutlich weltweit das Land mit der höchsten Rate an Kinderehen. Nach Terre des Femmes wurden 2015 jeden Tag ca. 39000 Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Die gemeinnützige, international vernetzte Frauenrechtsorganisation engagiert sich u.a. mit Unterschriftsaktionen gegen dieses gravierende Unrecht.

 

Jede Form von Widerstand gegen die erzwungene Ehe wird vielfach mit körperlicher Gewalt beantwortet, als Schande für die Familie betrachtet. Eine Flucht vor oder aus der Ehe wird oft mit einer Art von sozialem Tod beantwortet, einem Verstoß durch die Familie, einem Verlust der Familie, der Freunde, der sozialen Kontakte in der jeweiligen Community, im schlimmsten Fall mit „Ehrenmorden“.

Die Schläge, die Gewalt, die Entführungen, die Versklavung und Vergewaltigung verdienten den Namen einer „Ehe“ nicht (vgl. Cojean, S. 11, a.a.O.9. 

Zwischen 2003 und 2015 gab es in Großbritannien insgesamt 140 Morde an heranwachsenden Mädchen und Frauen, die sich einer erzwungenen Ehe in der Herkunftsgruppe verweigerten (vgl. Cojean, S.10, a.a.O.).

Jüngere Geschwister kennen jedoch oft die Verfahren, mit denen die älteren Schwestern verheiratet wurden.  

Bei Immigrantenfamilien in Europa werden oft angebliche Ferien in dem Herkunftsland dazu genutzt, die nichts ahnenden minderjährigen Töchter zu verheiraten.

Die Ehen minderjähriger Mädchen ziehen für diese auch gesundheitliche Probleme nach sich. So ist z.B. die Gefährdung von Mädchen unter 15 Jahren, bei einer Entbindung zu sterben, fünfmal größer als bei Frauen von 20 bis 25 Jahren (vgl. Cojean, S. 1, a.a.O.).

In z.B. Mozambik und Sambia werden viele Mädchen zwischen 8 und 13 Jahren nach ihrer ersten Regelblutung von den Eltern in „Lager“ zur sexuellen Initiation gebracht. Dort sollen sie von älteren Frauen lernen, „… einen Mann zu befriedigen“ und einen Haushalt zu führen. Oft weigern sich Männer, nicht-initiierte Mädchen zu heiraten. Umgekehrt werden viele der Mädchen sofort nach den Lagern verheiratet, obwohl das Mindestheiratsalter offiziell bei 18 Jahen liegt (vgl. Cojean, S. 11, a.a.O.).

In z.B. Sierra Leone (nach der Ebola-Epidemie) oder in Nepal (nach dem Erdbeben vom April 2015) werden viele minderjährigen Mädchen von ihren Eltern verheiratet, weil sich so die Ernährungslage der Familie verbessert.

In Nigeria sehen viele Eltern angesichts von Bürgerkrieg und Boko Haram in einer frühen Ehe eine Option zum Schutz ihrer Töchter vor Entführung, Vergewaltigung und Prostitution (vgl. Cojean, S. 11, a.a.O.). 

 

In den letzten Jahren arbeiten allerdings immer mehr Menschen in ganzen Organisationen daran, dass die hinter den Kinderehen stehenden Traditionen als Verbrechen anerkannt werden.

Die Organisation „Karma Nirvana“, die 1993 in Großbritannien gegründet wurde und heute auch international agiert, unterstützt und hilft jungen Immigrantinnen, die gegen ihren Willen verheiratet werden sollen. Zudem versucht die Organisation, die Öffentlichkeit für die Probleme der Zwangsehen zu sensibilisieren.

V.a. durch die Aktivitäten von Karma Nirvana und ihrer wichtigsten Gründerin Jasvinder Sanghera (*1965) ist heute die Zwangsehe ein Straftatbestand in Großbritannien. 

Zwischen 2008 und 2015 erhielt „Karma Nirvana“ mehr als 48 000 Notrufe; bei der Organisation stehen Rechtsanwälte, Psychologen und Sozialarbeiter als Berater und Helfer zur Verfügung.

Jungen Mädchen, die eine Verheiratung im Rahmen einer Ferienreise befürchten, emphielt Karma Nirvana einen Teelöffel in ihrer Unterwäsche zu verstecken: Der Metalldetektor auf dem Flughafen würde es den Mädchen ermöglichen, in einem gesonderten Raum ihre Vermutung der Polizei zu schildern und um Hilfe zu bitten, da ja die Bildungsinstitutionen oft zu schwach dazu seien (vgl. Cojean, S. 10, a.a.O.).

 

Die Organisation „Girls not Brides“ (engl. Mädchen, keine Bräute) veranstaltete im Mai 2015 in Casablanca einen Kongress mit mehr als 250 Teilnehmern aus 63 Ländern, die vereinbarten gemeinsam den weltweiten Kampf gegen die Zwangsehen zu verstärken und die Zahl der jährlich 15 Mio. zwangsverheirateten Mädchen so soweit wie möglich zu senken. Sonst würde im Jahre 2050 mehr als eine Milliarde Frauen als Kind verheiratet worden sein. 

Die indische Organisation „Vikalp“ (sanskr.   „Wechsel, Alternative“) tritt seit 2004 für eine gewaltfreie Gesellschaft ein. Sie hilft u.a. in ca. 230 Dörfern Rajastans jungen Mädchen gegen die frühe Verheiratung und sorgt für ihre weitere Schulbildung. Hunderte von jungen Inderinnen bekamen so eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben (vgl. Cojean, S. 11, a.a.O.).

 

Nach Schätzungen von „Papatya“ wurden im Jahre 2009 in Deutschland mindestens 10 000 Zwangsehen geschlossen, Frauenhilfsorganisationen wie „Papatya“ verzeichnen jährlich ansteigende Zahlen von registrierten Fällen geschlechtsspezifischer, religiös-kulturell-traditionell motivierter Gewalt.

 

In Deutschland ist eine Zwangsverheiratung seit 2011 nach § 237 StGB strafbar und kann so teilweise bekämpft werden: „ (1) Wer einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel zur Eingehung der Ehe nötigt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft. Rechtswidrig ist die Tat, wenn die Anwendung der Gewalt oder die Androhung des Übels zu dem angestrebten Zweck als verwerflich anzusehen ist.

(2) Ebenso wird bestraft, wer zur Begehung einer Tat nach Absatz 1 den Menschen durch Gewalt, Drohung mit einem empfindlichen Übel oder durch List in ein Gebiet außerhalb des räumlichen Geltungsbereiches dieses Gesetzes verbringt oder veranlasst, sich dorthin zu begeben, oder davon abhält, von dort zurückzukehren.

(3) Der Versuch ist strafbar.

(4) In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe“ (StGB § 237).

 

Zudem können im Zusammenhang mit einer Zwangsheirat auch Straftatbestände wie Menschenhandel (§§ 232 und 233 StGB), Verschleppung (§234a StGB) oder Vergewaltigung (§177 StGB) verfüllt sein.  

 

Die bundesweite Studie des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahre 2011 „Zwangsverheiratung in Deutschland“ ging von mindestens 3400 Personen in Deutschland aus, die eine entsprechende Beratung in Anspruch genommen hatten – wobei allerdings Mehrfachberatungen möglich waren und nur ein Teil der 1445 Beratungsstellen erfasst wurden. Befragt wurden dabei die Berater, nicht die Betroffenen selbst. Ca. 60 % der Anfragen bezogen sich auf drohende Zwangsehen, wieviele davon tatsächlich vollzogen wurden, blieb ungewiss. Geschätzt wurden 40%.  

Um die Interpretation der Ergebnisse kam es zu einem öffentlichen Konflikt. Die damalige Familienministerin (2009 – 13) Kristina Schröder (*1977, CDU; heute MdB) folgerte in einem Gastbeitrag in der FAZ (am 8. November 2011) aus den Ergebnissen der Studie, dass „manche traditionelle Wurzeln endgültig durchtrennt" werden müssten, - 83,4 % der von einer Zwangsverheiratung Betroffenen hätten muslimische Eltern.

Der Eindruck, dass zwischen der Religion und den Zwangsverheiratungen ein Zusammenhang bestehe, „sei schlichtweg falsch", erwiderten einige der verantwortlichen Wissenschaftler in einem Beitrag in der „Süddeutschen Zeitung“ (vgl. SZ, 30. November 2011).

U.a. Monika Schröttle (Sozialwissenschaftlerin und Politologin; seit 2002 Projektleiterin am Interdisziplinären Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Bielefeld) führte aus: „Es gibt momentan keinen Hinweis darauf, dass die Religion eine zentrale Rolle spielt". Zwangsehen seien vielmehr ein Aspekt der Gewalt gegen Frauen, für die meist innerfamiliäre Strukturen entscheidend seien. Die Ministerin könne so mit ihren Ausführungen anti-islamische Ressentiments verstärken.

Sollte allerdings nicht – scheint mir – berücksichtigt werden, dass die innerfamiliären Strukturen oft von Traditionen beeinflusst werden, die mit „dem“ Islam begründet werden?

Darüber hinaus wies Schröttle darauf hin, dass selbst wenn die überwiegende Zahl der in Deutschland wegen drohender Zwangsehe Ratsuchenden Muslime seien, dies wenig bedeute. Denn umgekehrt dürfe festgehalten werden, dass in der großen Mehrzahl der muslimischen Familien keine Zwangsverheiratungen stattfinden (vgl. SZ, 30. November 2011).  

Unterstützung erhielt die Ministerin von Terre des Femmes oder z.B. von Serap Çileli und der 2008 gegründeten Hilfsorganisation Peri (trk. Fee). Serap Cileli (*1966), die - obwohl aus einer alevitischen Familie stammend – selbst zwangeverheiratet wurde, beschrieb in ihrer 1999 zuerst erschienenen Autobiographie [5] den langen, leidvollen Prozess ihrer Selbstbefreiung und meinte treffend: „Zwangverheiratung ist Vergewaltigung auf Lebensdauer“. In einer Pressemitteilung von Peri „Die unbequeme Wahrheit einer Studie“ vom 5. Dezember 2011 wurde ausgeführt, es gebe „… unter den Kritikern auch Wissenschaftler …, die eine wohlwollende Haltung gegenüber der als islamistisch kritisierten Gülen-Bewegung einnehmen“ (a.a.O.)

 

Die Hilfsorganisation „Terre des Femmes“ forderte im Zusammenhang mit Zwangsehen die Reformierung des Personenstandsgesetzes aus dem Jahre 2009. Damals wurde das Verbot religiöser Voraustrauungen abgeschafft.

Dadurch würden – nach Terre des Femmes - sowohl Zwangs- als auch Mehrfachehen begünstigt. Insbesondere Kinder würden nun religiös verheiratet (ar. /trk. „nikah“, Ehevertrag vor einem Hodscha) und vielleicht später, nach Erreichen der Volljährigkeit, oder auch gar nicht staatlich legitimiert. Terre des Femmes fordert deshalb  eine Wiedereinführung der 2009 abgeschafften Regelung, religiöse Eheschließungen nur nach einer standesamtlichen Eheschließung zu gestatten  (vgl. http://frauenrechte.de/online/index.php/presse/pressearchiv/2012/1076-risiken-fuer-zwangsverheiratung-und-ehren-mord-steigen-standesamtliche-trauung-muss-wieder-vorrang-vor-der-religioesen-haben-25102012.html).

Der französisch/deutsch/türkische Film „Mustang“ der türkischen Regisseurin Deniz Gamze Ergüven (*1978) aus dem Jahre 2015 thematisierte die Frühehen. 

 

Der beeindruckende Film zeigt wie in einem türkischen Dorf bei Trabzon nach Tratschereien, die den Ruf von fünf jugendlichen Schwestern gefährden könnten, das Haus der Familie Schritt für Schritt zu einem Gefängnis wird und die jungen Mädchen auf die Ehe vorbereitet und auch zu arrangierten Ehen gedrängt werden. Auch schildert „Mustang“, wie sich die jungen Frauen z.T. erfolgreich gegen den gesellschaftlichen Druck und die traditionellen Rollenbilder auflehnen.

 

„Mustang“ wurde 2016 für den Oscar und den Golden Globe nominiert.

Im Libanon (wie auch in vielen anderen arabischen Ländern und auch in Israel) gibt es bis heute keine Ziviltrauung, sondern nur religiöse Eheschließungen. So war es unmöglich, dass ein Christ eine Muslima heiratete. Als Ursache galt, dass nach dem islamischen Gesetz die Kinder aus gemischt-konfessionellen Ehen der Religion des Vaters angehörten. Eine zusätzliche Bedeutung hatte im Libanon der „Konfessionalismus“, die proportionale Machtaufteilung im Staat nach der Religionszugehörigkeit. Entsprechend der (letzten) Volkszählung aus dem Jahre 1932 erfolgte der Proporz zwischen Christen und Muslimen im Verhältnis 6 : 5.

 In dem 1972 erschienenen Roman „Tamima“ des christlich-libanesischen Schriftstellers und Diplomaten Taufik Jussuf Awwad (1911 – 1989, bei einem Bombenanschlag; a.a.O.) war die unmögliche Ziviltrauung ein Thema, da so die schiitische Muslima Tamima nicht den christlichen Maroniten Hani heiraten konnte.   

Bis heute heiraten deshalb viele gemischtkonfessionellen Paare aus dem Libanon (wie aus Israel) auf Zypern, einem geschäftstüchtigen Heiratsparadies. Der Libanon wie Israel erkennen die dort gschlossenen Ehen an.

 

Um Minderjährige vor Zwangsehen zu schützen, wurde 2005 in Frankreich die Altersgrenze für eine Heirat bei Frauen auf 18 Jahre verschoben.

 

Hatun Sürücü (1982 – 2005) wurde 16jährig von ihren kurdischstämmigen Eltern von der 8. Klasse des Kreuzberger Robert-Koch-Gymnasium abgemeldet und mit einem Cousin in Istanbul zwangsverheiratet. 

1999 flüchtete Hatun schwanger zurück nach Berlin. Sie gebar ihren Sohn Can, legte das Kopftuch ab, zog bei ihren Eltern aus, begann eine Lehre und lebte selbständig. Damit aber „beschmutzte“ sie in den Augen „… ihrer Eltern und Brüder … die Ehre der Familie“ (vgl. Tagesspiegel, 5. Juli 2014, S. 18).  

Ayhan Sürücü, der jüngere Bruder von Hatun, lauerte zusammen mit seinen älteren Brüdern am 7. Februar 2005 an einer Bushaltestelle bei ihrer Wohnung in der Tempelhofer Oberlandstraße seiner Schwester auf. Der damals 18jährige schoss Hatun dreimal in den Kopf.

Vor Gericht gestand im April 2006 Ayhan Sürücü die Tat und wurde zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Seine beiden älteren Brüder Mutlu und Alpaslan wurden aus Mangel an Beweisen damals freigesprochen und reisten in die Türkei aus.

Der Bundesgerichtshof hob allerdings das Urteil ein Jahr später auf. Wegen Verdachts auf Mittäterschaft sollen unterdessen in der Türkei Vorermittlungen gegen sie aufgenommen worden sein. Im Sommer 2013 wurden Kopien der Berliner Prozessakten nach Istanbul gesandt.

Während seiner Haft soll Ayhan Sürücü keine Reue gezeigt haben, bei seinen Mithäftlingen hatte er z.T. eine Art „Märtyrerstatus“. Im Sommer 2014 wurde Ayhan nach der Strafverbüßung aus der Haft entlassen und in die Türkei abgeschoben (vgl. Tagesspiegel, 5. Juli 2014, S. 18).

 

Der „Ehrenmord“ in Berlin - Neukölln am 7. Februar 2005 an Hatun Sürücu durch ihren jüngeren Bruder führte nicht nur zu einer größeren öffentlichen Beachtung dieser Art von Gewalt gegen Frauen, er führte auch am 2. Jahrestag des Mordes zur Gründung des Hilfsvereins „Hatun und Can Frauennothilfe“.  Der frühere Rechtsberater von Hatun Sürücü, Andreas Becker, war einer der Gründer des Vereins, er kümmert sich um die Kontakte zu Institutionen und Ämtern (vgl. „Tagesspiegel“, 3. November 2008, S. 11).  Der Verein finanziert sich durch Spenden (im Jahre 2007 knapp 60 000,-€), seine Mitglieder sind ehrenamtlich tätig. Der Verein wurde rasch zu einer Anlaufstelle für bedrängte Frauen, Polizei und Behörden hülfen – nach Auffassung des Vereins – zu langsam und zu bürokratisch. Zuweilen würde hilfesuchende Frauen auch nicht geglaubt. Viele bedrohte Mädchen und Frauen gingen zudem aus Angst vor einer Ächtung durch die Familie nicht zur Polizei.

Der Verein half in den ersten zehn Monaten des Jahres 2008 in knapp 2000 Fällen Frauen und Mädchen anonym in lebensbedrohlichen Situationen. Vereinsmitglieder (v.a. junge Migrantinnen, die ehrenamtlich mitarbeiten) begleiteten Frauen zu Zufluchtswohnungen (auch im Ausland), bezahlten Zugfahrkarten und Flugscheine, Soforthilfen, Wohnungseinrichtungen etc.

15 % der Hilfesuchenden stammten aus Berlin, 75 % aus dem übrigen Bundesgebiet, der Rest aus dem Ausland (u.a. der Schweiz, dem Jemen und Afghanistan). In der Praxis des Vereins Hatun und Can gab es Fälle wie….

  • den Notruf eines 15jährigen Mädchens: „Bitte helft mir, mein Vater will mich umbringen, wenn ich diesen Mann nicht heirate“
  • eine junge Migrantin wurde als Drohung schon mal mit Benzin übergossen
  • in der Türkei wurde einer jungen Deutsch – Türkin in beide Beine geschossen, weil sie den von der Familie ausgesuchten Mann nicht heiraten wollte (vgl. Tagesspiegel. 3. November 2008, S. 1).

Die Berliner Sozialsenatorin Heidi Krake – Werner (Die Linke) lässt nun die Anträge des Vereins auf finanzielle Förderung  durch den Staat prüfen (vgl. Tagesspiegel. 3. November 2008, S. 1). 

 

 Eine Untersuchung aus dem Jahre 2004 von Lorna Martin [6] ergab, dass die Femizid [6] – Quote in Südafrika weltweit die höchste sei. In Südafrika würde danach durchschnittlich alle sechs Stunden eine Frau durch einen Mann umgebracht, den sie liebte, zu dem sie eine intime Beziehung hatte (vgl. Martin, S. 18, a.a.O.). Die Studie erfasste den Zeitraum von 1999 – 2003, bezog sich auf südafrikanische Frauen über 14 Jahre und ergab 8,8 Ermordete auf 100 000 Frauen.

76,4 % der ermordeten Frauen waren schwarz, 17,7 % waren Farbige, 3,9 % weiß und 2 % indischer Herkunft (hier zum Vergleich die Zahlen der südafrikanischen Volkszählung von 1996: Schwarze 76,1 %, „Mischlinge“ 8,5 %, Weiße 12,8 % und Asiaten 2,64 %; überrepräsentiert erscheinen die Farbigen). Auffällig überrepräsentiert waren darüber hinaus unter den Tätern Industrie- und Farmarbeiter sowie Beschäftigte von Sicherheitsdiensten.   

Zudem betonte Martin eine signifikante Diskrepanz zwischen den ausgesprochenen Verurteilungen: Täter, die zu der ermordeten Frau in einer intimen Beziehung standen, erhielten durchschnittlich eine Strafe von 10,7 Jahren Gefängnis, bei der Ermordung einer Frau ohne intime Beziehungen zum Opfer betrug die durchschnittliche Verurteilung 12,4 Jahre (vgl. Martin, S. 20, a.a.O.). 2 % aller weiblichen Mordopfer waren schwanger, 15,3 % waren zuvor vergewaltigt worden (vgl. Martin, S. 21, a.a.O.).

Lorna Martin sah die hohe Femizid - Quote im Zusammenhang mit der „exzessiven“ allgemeinen Mord – Quote in Südafrika, aber auch mit der enormen geschlechtsspezifischen häuslichen Gewalt (vgl. Martin, S. 19, a.a.O.). 

 

Nach Berechnungen des türkischen Menschenrechtsvereins IHD („Insan Hakları Derneği“) wurden in der Türkei zwischen 2005 und 2011 nach offizieller Klageerhebung ca. 4150 Frauen ermordet und ungefähr 3010 Frauen vergewaltigt. Zudem wurden in diesem Zeitraum mehr als 3200 Frauen sexuell belästigt oder terrorisiert.

Insbesondere die Zahl der Vergewaltigungen wird massiv in Frage gestellt, die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen.

Allein in den ersten acht Monaten des Jahres 2011 starben 143 Frauen an den Folgen von erlittener Gewalt, wobei es sich nach Schätzungen von türkischen Frauenorganisationen bei 64 % der Fälle um familiäre, häusliche Gewalt handelt, die dem sozialen Umfeld durchaus bekannt war.

Ca. ein Viertel der Täter waren minderjährig (ähnlich dem Fall von Hatun Sürücü in Berlin), ein zweites Viertel zwischen 18 und 30 Jahre alt und ein weiteres Viertel zwischen 31 und 50 Jahre alt.

 

Sehr oft schlugen Gerichte nach Vergewaltigungen eine „Versöhnung“ vor oder gar eine Heirat zwischen dem Täter und dem Opfer: eine solche Heirat – faktisch eine doppelte langzeitige Bestrafung des Opfers – wurde zuweilen als Versöhnung und Konfliktlösung angesehen.Als Gründe für die erlittene Gewalt nannte der IHD-Sekretär Ümit Efe (in der „Cumhuriyet“) angebliche Ehrverletzungen (z. B. Untreue, Scheidungswünsche, sexuelle Verweigerung), Armut, Arbeits- und Perspektivlosigkeit.  

Vielfach beklagt wurde in der Türkei schließlich die völlig unzureichende Zahl und Ausstattung der Frauenhäuser sowie die Tatsache, dass der öffentliche Dienst zuweilen ihre Arbeit behinderte. Auch gelang es zu oft nicht, ihre Örtlichkeit geheimzuhalten (vgl. „Cumhuriyet“, 22. September 2011, S. 3, unter dem Titel „Frauen in Angst“).

Nach Schätzungen gab es im Jahre 2015 in der Türkei ca. 130 000 „Kinderbräute“, dabei aber hatte das neue türkische Kabinett nur 2 weibliche Mitglieder, im neugewählten Parlament gab es nur 18 % Parlamentarierinnen.

 

 

Einige Tage vor dem 25. November 2016 ermordete in Gömeç/Provinz Balıkesir ein Mann seine Ehefrau mit Messerstichen, seine beiden Kinder verletzte er schwer. Auch sich selbst verletzte der Mann mit dem Messer, die Wunde sei allerdings – wurde vielfach vermutet – eine Verwundung, die das Gericht zu einer Strafminderung führen solle.

 

In der Region Bursa wurde Anfang Dezember2016 eine junge Frau von einem Mann mit dessen Jagdgewehr erschossen. Sie hatte einen Heiratsantrag von ihm abgelehnt, fühlte sich daraufhin bedroht und bat um Polizeischutz. Entgegen den Warnungen ihrer Eltern war sie dann doch zu einem Treffen mit dem Mann bereit, bei dem sie ermordet wurde. Auch dieser Mörder verletzte sich anschließend selber, vermutlich um mildernde Umstände, keine lebenslange Haftstrafe vor Gericht zu erlangen (vgl. Cumhuriyet, 4. Dezember 2016, S. 3).

 

 

 

Kurz vor dem 25. November 2016 trafen sich in Edremit/Provinz Balıkesir Vertreter einer unabhängigen Frauenplattform mit Frauen von der (kemalistischen) CHP, um eine gemeinsame Demonstration zum 25. November vorzubereiten. Die unabhängigen Frauen wollten ihre Slogans auch auf Kurdisch und Armenisch plakatieren, das aber lehnten die CHP-Frauen strikt ab, - man sei schließlich in der Türkei, und deren Sprache sei türkisch. Es kam zu keiner gemeinsamen Protestveranstaltung am 25. November2016 in Edremit.

 

 

 

In Istanbul versammelten sich am 25. November 2016 viele Frauen und Männer in Kadiköy und Beşiktaş, darunter viele Angehörige von ermordeten Frauen. Viele Demonstranten trugen Photos ermordeter Frauen sowie Plakate mit Slogans wie: „Wir werden gegen die Frauenfeinde nicht aufgeben“, oder: „Wir werden für unsere Freiheit kämpfen“. Als Zeichen ihres Freiheitswunsches ließen Viele weiße Luftballons in den Himmel aufsteigen.

 

In den ersten 10 Monaten des Jahres 2016 wurden in der Türkei insgesamt 272 Frauen ermordet, meist von einem (ehemaligen) Partner oder engen Verwandten (vgl. „Cumhuriyet“, 28. November 2016, S. 1 & 3). Seit dem Putschversuch am 15. Juli und dem darauffolgenden Notstandsregime wurden bis zum Oktober allein 103 Frauen ermordet.

 

Nahezu täglich wird in türkischen Zeitungen über Femizide berichtet, bei einer hohen vermuteten Dunkelziffer.

 

 

Bei einer Untersuchung von Ayşegül Yolga Tahiroğlu an der Çukurova Universität Adana aus dem Jahre 2016 wurden 207 schwangere Mädchen untersucht, die durchschnittlich 15 Jahre alt waren und seit 2013 vor Gericht versuchten, ihr Geburtsdatum zu ändern, um heiraten zu können. Dabei wurde festgestellt, dass alle dieser Mädchen unter Vernachlässigung sowie psychischer und physischer Gewalt gelitten hatten, alle zudem vergewaltigt worden waren (5% von ihnen mehrfach). 71% der Vergewaltigten gaben nun den Vergewaltiger als ihren Ehemann an, waren mit ihm verheiratet oder liiert. Sehr oft war diese Ehe mit dem Vergewaltiger eine Flucht aus der katastrophalen Situation in der Herkunftsfamilie (vgl. „Cumhuriyet“, 28. November 2016, S. 3).

 

 

 

Auch in Kriegen tragen Frauen immer einen großen Teil der körperlichen und seelischen Verletzungen. Verletzte oder amputiert-behinderte Frauen werden oft von den Familien ausgestoßen, von Ehemännern verlassen, ihrer Kinder beraubt.

 

Im Krankenhaus der „Ärzte ohne Grenzen“ in Amman wurden über 4400 verletzte, z.T. durch Amputationen behinderte, nun alleinstehende Frauen aus den Kriegen in Gaza, in Syrien, dem Irak und dem Jemen kostenlos behandelt. Sie erhielten wo möglich Prothesen,plastische Operationen u.ä. wurden durchgeführt, um den Frauen Arbeit und ein möglichst normales Leben zu ermöglichen (vgl. Cumhuriyet, 8. Dezember 2016, S. 3).

 

 

 

Durch einige spektakuläre Fälle wurde in den letzten Jahren die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit auf die katastrophale Lage der Frauen in Indien gelenkt. Nach Schätzungen wird in Indien im Jahre 2012 alle ca. 30 sec eine Frau vergewaltigt, oft kommt es zu brutalen Gruppenvergewaltigungen. 
Im indischen Bundesstaat Rajastan z.B. gab es 2012 viele Dörfer, in denen keine Mädchen aufwuchsen; neugeborene Mädchen werden oft auf Druck der Schwiegermütter von den Müttern getötet. Sie werden in eine Kiste gelegt und mit Erde bedeckt bis sie ersticken (vgl. der ARTE-Bericht über indischen Infantizid, vom 4. Dezember 2013). In den Dörfern Rajastans dürfen Mädchen traditionell nicht arbeiten, zudem verursachen sie durch die enormen Mitgiftforderungen sehr hohe Kosten. Seit den 70er Jahren des 20. Jhdts. gibt es eine anwachsende Bewegung gegen den Mädchenmord, die aber noch keineswegs alle Dörfer erreicht hat.
Generell ist häusliche Gewalt in Indien in allen sozialen Schichten allgegenwärtig: 65% aller Inderinnen sollen von ihr betroffen sein.
Viele Witwen werden von den Familien verstoßen, ohne Geld auf die Straße geschickt und müssen betteln. Nach traditioneller hinduistischer Auffassung bringen Witwen Unglück; so ist eine Wiederverheiratung meist unmög-lich. Seit fünf Jahrhunderten schon ziehen viele der mittelosen Witwen nach Vrindavan, einer Stadt am Flusse Yamuna in Uttar Pradesh, um dort den Rest ihres Lebens zu verbringen. Sie leben, singen und betteln in den zahlreichen dortigen Krishna-Schreinen. Die Witwen weihen ihr Leben Krishna und hoffen dort Erlösung von dem Unglück zu erlangen, das Witwen bringen sollen (vgl. „Der Standard“, 26. März 2013).

 

In vielen Ländern der Welt werden Frauen entführt und vergewaltigt, um sie zur Heirat zu zwingen.

 

Der sehr einfühlsame äthiopisch-US-amerikanische Film „Das Mädchen Hirut“ aus dem Jahre 2014 (Regisseur: Zeresenay Berhane Mehari, mit Meron Getnet, Tizita Hagere und Rahel Teshane) wurde u.a. am 8. März 2017, am Frauentag, um 21.40 auf 3 SAT gezeigt.

 

Die traditionell weit verbreitete „Telefa“, die Entführung einer Frau zum Zwecke der Heirat, wird vielfach als eine der größten Hürden für die Gleichstellung der Geschlechter – nicht nur in Äthiopien – betrachtet. 

 

In dem Film wird der Konflikt zwischen diesen patriarchalischen Traditionen und dem erwachenden Frauenwiderstand in Äthiopien 1996 thematisiert. Er  geht auf einen spektakulären realen Fall zurück. Das erst 14 Jahre alte Mädchen Hirut [7] lehnt den Heiratswunsch eines älteren Nachbarn ab, sie will weiter zur Schule gehen und nicht heiraten. Daraufhin wird sie von dem Nachbarn auf dem Heimweg von der Schule gewaltsam entführt und vergewaltigt, um sie so, „entehrt“, zur Ehe zu zwingen. Ihr gelingt jedoch die Flucht, dabei ergreift sie ein herumliegendes Gewehr. Bei der Verfolgung aber tötet Hirut den Vergewaltiger. Nach traditionellen Rechtsvorstellungen der Dorfbewohner und der örtlichen Polizei war das Mord. Hirut soll  hingerichtet werden. Von dem nur aus Männern bestehenden, unter einem Baum öffentlich tagenden Dorfgericht soll sie zum Tode verurteilt werden, wird dann aber lebenslänglich aus dem Dorf verbannt. Auf Intervention einer Rechtsanwältin und einer Frauenselbsthilfegruppe aus Addis Abeba jedoch wird das Urteil revidiert und Hirut wegen Notwehr freigesprochen.

 

In der Folge wurde 2001 in Äthiopien die Entführung von Frauen zum Zwecke der Heirat gesetzlich verboten und mit mindestens 15 Jahren Haft bestraft.  Zudem wurde  das Mindestheiratsalter von Äthiopierinnen von 15 auf 18 Jahre angehoben und die weibliche „Beschneidung“ erstmals als Straftat gekennzeichnet.

 

Der Film „Das Mädchen Hirut“ erhielt 2014 den Panorama-Preis der Berlinale – und bewegte Angelina Jolie dazu, Co-Produzentin zu werden. Einer Statistik von UNICEF zufolge waren es 2015 dennoch immer noch 41 % der äthiopischen Mädchen, die vor ihrem 18. Lebensjahr durch die „Telefa“ verheiratet wurden (vgl. http://weltkirche.katholisch.de/Aktuelles/20160511_Frauen_Aethiopien).

 

 

Im Jahre 2010 gab es – nach Angaben des US-Verteidingungsministeriums – ca. 20 000 Vergewaltigungen von Soldatinnen im US-Militär. Von den ca. 1,4 Mio. US-SoldatInnen waren 2009 ca. 13,4 %, d.h. ca. 187 000 Frauen. Ca. 30 % aller Frauen (sowie 1% der Männer) in der US-Armee wurden Umfragen zufolge Opfer sexueller Übergriffe - traumatisiert nicht durch den Krieg, sondern durch „Kollegen“. Nach Berechnungen gab es allein bis zum Jahre 1991 ca. 200 000 Vergewaltigungen in der US-Armee. 

In dem Film „Der niederträchtige Krieg“ ("The Invisible War"),von Kirley Dick und Amy Ziering aus dem Jahre 2012 wurde die US-Armee als frauenfeindliche Zone dargestellt, in der Vergewaltigungen vertuscht und Täter gedeckt werden. Die Opfer rennen gegen eine Mauer des Schweigens an, auch wird ihnen oft eine Mitschuld zugesprochen. Die US-amerikanische Militärgerichtsbarkeit scheint durch ihre Struktur vor allem die Täter zu schützen. Dabei sollen ca. 33 % der Opfer im Militär die Vergewaltigung gar nicht anzeigen, weil ihr Vorgesetzter mit dem Täter befreundet ist, und weitere 25 % wagen eine Anzeige nicht, weil ihr Kommandeur der Täter ist. Schon das Zugeben, in seiner Einheit einen Vergewaltiger zu haben, führt bei dem Kommandeur zu einem Karriereknick, der so weit wie möglich vermieden wird.

„Stell dich nicht so an. Frauen sind hier nur dazu da, um gevögelt zu werden“ – mit diesen Worten wurde eine US-Soldatin bei einer „Elite-Einheit“ von dem Vorgesetzten begrüßt. Bald darauf wurde die junge Soldatin von dem Kommandeur und einem Mit-Soldaten vergewaltigt. Auch drohte der Befehlshaber sie umzubringen, wenn sie die Tat anzeige (vgl. http://www1.wdr.de/fernsehen/dokumentation_reportage/die-story/sendungen/war100.html).

Diese Vergewaltigung wurde angezeigt, aber - wie kritische Soldatenverbände feststellten – es führten nur 8 %  der erwiesenen Vergewaltigungsfälle schließlich zu einer Anklage vor der Militärgerichtsbarkeit - und sage und schreibe 2 % zu einer Verurteilung (vgl. http://www.derwesten.de/politik/).

Die Ausstrahlung des Films in den USA setzte Politik und -Militär unter öffentlichen Druck. Zu einer Verlagerung der Vergewaltigungsverfahren zu zivilen Gerichten führte er bislang aber nicht.
 „The invisible war“  wurde in den USA z.B. von Time (4. Dezember 2012) und der New York Times (14. Dezember 2012) zu den besten US-Filmen des Jahres 2012 gezählt.

Der Film wurde 2013 für einen Oscar als Dokumentarfilm nominiert und am 17. Februar 2014 im WDR gezeigt.

 

Anläßlich des 8. März 2007 organisierte Terre des Femmes eine Plakatkampagne „Gewalt gegen Frauen im Alltag“. In der Bundesrepublik fordern u.a. der DGB, Terre des Femmes und die Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros die Anerkennung des 25. November als internationaler Gedenktag durch die UNO.  

 

Kofi Annan, der damalige UN – Generalsekretär, formulierte im Jahre 2000 perspektivisch: „Gewalt gegen Frauen … kennt keine Grenzen, weder geographisch noch kulturell, noch im Hinblick auf materiellen Wohlstand. So lange sie anhält, können wir nicht behaupten, dass wir wirkliche Fortschritte in Richtung Gleichstellung der Geschlechter, Entwicklung und Frieden machen“ (vgl. Heitmeyer / Schröttle, 2006, S. 77, a.a.O.).  

 

(unveränderlich, nach dem Gregorianischen Kalender)

 
© Christian Meyer


[1] Auch Männer erleben in hohem Maße Gewalt – von seiten anderer Männer, seltener duch Frauen. Diese Erfahrungen werden aber besonder oft tabuisiert, da „…. Männlichkeit und Opferwerdung als gegensätzliche Pole verstanden werden“ (vgl. Heitmeyer / Schröttle, 2006, S. 73, a.a.O.).     

[2] Frauenhandel ist ein z. T. florierendes, durchorganisertes, oft mit Gewalt verbundenes Geschäft, so z.B. der Verkauf von Mädchen und Frauen aus Nigeria nach Europa: „Die Mädchen sind 13 oder 14 Jahre al; sobald sie einen Busen bekommen, sind sie Ware“ (vgl. Brinkbäumer, S. 15, a.a.O.)

[3] Das altindische Gesetz Manus schrieb den Frauen in der Gesellschaft eine untergeordnete Stellung zu (vgl. Durant, Bd. 1, S. 446 f., a.a.O.), die Witwenverbrennung erwähnt Manu jedoch nicht.


[4] Die Französin Annick Cojean (* 1957) ist Absolventin der (Elitehochschule) „Sciences Po“ und arbeitet seit 1981 für die „Le Monde“ und  für das Fernsehen.

[5] Serap Cileli: „Wir sind Eure Töchter, nicht Eure Ehre“; Blanvalet, München, 2006

[6] Frau Dr. Lorna Martin ist in der Abteilung für Forensische Medizin und Toxikologie am der Universität Kapstadt (UTC) tätig.

[6] Unter Femizid versteht man die Ermordung, Tötung von Frauen; insbesondere spielen dabei intime männliche Partner eine fatale Rolle, seien es Ehemann, Geliebter, Freund etc.  


[7] Hirut ist die amharische Variante des ursprünglich hebräischen Namens „Ruth“ ( „Freund“) 

 

 

 

 

 

 

 

Am 22. November 2015 veröffentlichte die türkische Zeitung „Cumhuriyet“ die obige Karikaktur von Behiç Ak. Er sagt: „Ich liebe Dich bis zum Tode, Necla“. Sie antwortet: „ Du liebst mich nicht bis zum Tode, sondern zu Tode, Rıza“.

( Karikaktur aus der „Cumhuriyet“, 22. November 2015, S. 14)

 

Zum 25. November 2015 gab es in allen größeren Städten der Türkei Protestveranstaltungen, allen voran in Istanbul und Ankara, aber auch in einer Provinzstadt wie Burhaniye kamen ca. 150 TeilnehmerInnen auf den Meydan (vgl. obige Abb.). Organisiert wurde die Veranstaltung von Gewerkschaftlern, Frauenvereinen und Vertretern der Parteien CHP und HDP.

Auf den Umhängen der Ordnerinnen war zu lesen:

 

„Bileğin yerine, Yüreğini kullan – DUR“ „Statt der Faust, nutze Dein Herz – Halt!“

Eine der in Burhaniye gerufenen Parolen lautete:

„Gelsin baba, gelsin koca, gelsin cop – Inadına, inadına özgürlük!“    „Ob es der Vater ist, ob es der Ehemann ist, ob es der Polizeiknüppel ist – Trotz alledem Freiheit !“