Die Himmelsscheibe von Nebra

 

Die Himmelsscheibe am Fundort    (Abb. aus Märtin, S. 44, a.a.O.)  

Zum Begriff Kalender

 

Der Begriff „Kalender" stammt aus dem alten Rom, vom lat. "calendae" (pl., f) = "der erste Tag des Monats", an dem die Zinsen bezahlt werden mußten. Vermutlich wurde "calendae" seinerseits abgeleitet vom lat. "calare" = ausrufen, nämlich der jeweils erste Monatstag durch den altrömischen Pontifex minor. Das Priesterkollegium der Pontifezes hatte u.a. die Aufgabe, den Kalender zu führen, Festtage und besondere Tage (wie die Iden, der Zahl- und Kündigungstag in der Monatsmitte) ausrufen zu lassen. Die Pontifezes kannten auch die "dies fasti et nefasti" (günstige und ungünstige Tage). Schon im 10. Jhdt. wurde im Kirchenlatein der Begriff Kalender im heutigen Sinne verwendet. 

Die Römer kannten den Ausdruck „etwas ad calendas graecas verschieben“ (an die griechischen Kalenden), was die Bedeutung hatte, etwa bis zum St. Nimmerleinstag verschieben, denn die Griechen hatten keine Kalenden. Nach Gaius Suetonius Tranquillus Sueton (ca. 70 n.Chr. – um 130) geht der Ausdruck auf den Kaiser Augustus zurück. Dieser pflegte immer, wenn er ausdrücken wollte, dass jemand seine Schulden nie bezahlen werde, zu schreiben „…er werde an den griechischen Kalenden bezahlen“ (vgl. Sueton, Vita divi Augustii 87,1; S. 152, a.a.O.).

Die Beobachtung des Himmels und die Entdeckung der Periodizität der Sternenbewegungen vermittelten den Menschen von frühester Geschichte an eine kosmischen Kalender. Der Sternenhimmel war die früheste Uhr, der Zeitgeber für Tage, Wochen, Monate und Jahre.

Darüber hinaus lieferte die praktische Astronomie, lange Zeit als die Königin der Wissenschaften betrachtet, wichtige Erkenntnisse für die Bewältigung des Alltags, von der landwirtschaftlichen Zeitgebung bis zur Orientierung v.a. für die Schifffahrt auf dem Meer.  

Schließlich spielten bei allen Schöpfungsgeschichten die Gestirne eine bedeutsame Rolle.

Der vielleicht älteste bekannte Kalender ist die „Himmelsscheibe von Nebra“, die im Sommer 1999 bei einer Raubgrabung in Nebra/Sachsen – Anhalt aufgefunden wurde. Diese älteste in der Geschichte bekannte konkrete Darstellung des Firmaments entstand ca. 1800 v. Chr. und wurde vermutlich als landwirtschaftlicher und spiritueller Kalender benutzt.

Da die Himmelsscheibe von Nebra ein „archäologischer Solitär“ ist, kamen auch immer wieder Vermutungen auf, sie sei eine neuzeitliche Fälschung. Jedoch wurde in den vergangenen Jahren der Fund systematisch naturwissenschaftlich untersucht, u.a. wurde die Himmelsscheibe….

  • auf das Verhältnis von Bleiisotopen und Spurenelementen hin untersucht
  • im Rasterelektronenmikroskop hinsichtlich der Kristallstruktur der Korrosionsschicht untersucht
  • hinsichtlich der Mineralogie und chemischen Zusammensetzung der ihr anhaftenden Erdreste verglichen mit der Erde an Fundort
  • im Berliner Teilchenbeschleuniger „Bessy“ mit Protonen beschossen und mit Röntgenstrahlung bestrahlt, um die chemische Zusammensetzung der Goldverzierungen zu überprüfen.

Insgesamt kamen die Naturwissenschaftler mit 99%-iger Sicherheit zu dem Ergebnis, die Himmelsscheibe sei echt und könne nicht in der Neuzeit verfertigt worden sein (vgl.  „Tagesspiegel“, 3. Juni 2005, S. 28).

Die Himmelsscheibe wurde vermutlich um 1600 v. Chr. auf dem Mittelberg bei Nebra (nahe der Unstrut) vergraben. Dort könnte sich auch die älteste bekannte Sternwarte der Welt befunden haben (vgl. Märtin, S. 43, a.a.O.).

   

Die Himmelsscheibe besteht aus Bronze mit tauschierten Goldeinlagen und zeigt ein Abbild des Nachthimmels: mit (vermutlich) dem Vollmond, einem Sichelmond (er wird auch als Neumond interpretiert) und 32 Sternen, aus denen nur die Plejaden, das Siebengestirn als Sternbild dargestellt wurde. Außerdem (z.T. später hinzugefügt) findet man auf der Scheibe zwei Horizontbögen und ein „Schiff“).Die Horizontbögen sollen – vermuten Archäoastronomen (so Prof. Dr. Wolfhard Schlosser von der Ruhr-Universität Bochum und der sächsisch – anhaltinische Landesarchäologe Dr. Harald Meller) – den Sonnenlauf darstellen, die Auf- und Untergangspunkte während des Jahres. Die Enden der Horizontbögen markierten die Wendepunkte der Sonne. Die Winkel von 82° werden als Indiz dafür gesehen, dass die Himmelsscheibe in der Region Sachsen – Anhalt hergestellt wurde. Denn 82° entsprechen genau dem Sonnenlauf, dem Winkel, den die Sonne auf den Breitengraden von Sachsen – Anhalt während der Bronzezeit überstreicht (vgl. Märtin, S- 44, a.a.O.).

Vom Mittelberg aus gesehen geht zur Sommersonnenwende am 21. Juni die Sonne genau hinter dem 80 km entfernten Brocken / Harz unter. Mit der waagerecht gehaltenen Himmelsscheibe konnte der Brocken so angepeilt werden, eine auch damals schon auffällige, gut sichtbare ferne Landmarke. „Richtet man das nördliche Ende des westlichen Horizontbogens nach ihm (dem Brocken, C.M.) aus, weist seine gegenüberliegende Seite auf den Ort des Sonnenuntergangs zur Wintersonnenwende am 21. Dezember“ (vgl. Märtin, S. 51, a.a.O.).

Weiterhin geht bei einer solchen Orientierung der Himmelsscheibe am 1. Mai die Sonne genau hinter dem Kyffhäuser unter, einer weiteren auffälligen Landmarke, gesehen vom Mittelberg.

Der sternbildfreie Himmel betont das einzige Sternbild der Himmelsscheibe, das Siebengestirn der Plejaden, (ð ca. Mitte Oktober, Beginn der Sichtbarkeit der Plejaden)  das sich zwischen Sichel und Vollmond befindet, umso stärker. Die Plejaden wurden wegen ihres regelmäßigen Auf- und Untergangs im Frühjahr bzw. Herbst in vielen alten Kulturen als Kalendersterne erwähnt.

In der frühen Bronzezeit (um 1600 v. Chr.) waren die Plejaden vom Mittelberg aus (dem Fundort der Nebraer Himmelsscheibe) um den 9. / 10. März in der Abendröte, am Abendhimmel an der Seite des „jungen“ Neumondes zum letzten Mal sichtbar. Es begann die Zeit der Aussaat - interpretieren Archäoastronomen heute.

Den Untergang der Plejaden am frühen Morgenhimmel um den 17. Oktober begleitete damals auf der geographischen Breite des Fundortes der Vollmond. Damit endete auch das landwirtschaftliche Jahr (vgl. Märtin, S. 44, a.a.O.). Deshalb wurden vermutlich auf der Himmelsscheibe nebeneinander der Vollmond, die Plejaden und der Sichelmond (von links nach rechts) dargestellt.

Wahrscheinlich nutzte die Himmelsscheibe von Nebra die Plejaden zur Bestimmung des Zeitraums des bäuerlichen Jahres von März bis Oktober.

Praktisch war es durch die Peilung mit der Himmelsscheibe möglich, den Stand des Jahres festzustellen.

Das „Schiff“ (eine Art Himmelsbarke oder Sonnenschiff) wird von vielen Archäologen als eines der Hauptsymbole der bronzezeitlichen religiösen Vorstellungen angesehen. Dahinter könnte – wie im antiken Ägypten – die Vorstellung gestanden haben, die Sonne bewege sich am Tage von Osten nach Westen und in der Nacht zurück von Westen nach Osten.

Unklar blieben die Motive der Personen, die um 1600 v. Chr. die Himmelsscheibe senkrecht stehend „beerdigten“, zusammen mit zwei Prunkschwertern und anderen Kostbarkeiten.

Vieles spricht dafür, dass es damals zu einer politischen und ökonomischen Krise kam, die Handelsrouten verödeten, Begräbnisriten veränderten sich, vermutlich auch die gesellschaftlichen Strukturen (vgl. „Tagesspiegel“, 3. Juni 2005, S. 28). Noch allerdings sind die historischen Kenntnisse über die Bronzezeit in Mitteleuropa zu gering, als dass man über die Ereignisse mehr als spekulieren kann.

 

Das Kalenderproblem:

                                                   1 Sonnenjahr = 365,2422 Tage

                                                   1 Mondjahr = 354,367 Tage

                                                   1 Mondmonat (Lunation)  = 29,53059 Tage

                                                   1 Mondphase = 7, 38265 Tage

 

Wahrscheinlich sind Mondkalender die ältesten überhaupt verwendeten Kalender. Der US-amerikanische Paläontologe Alexander Marshack interpretierte Ritzzeichnungen auf Knochenfunden aus der Zeit der Cro-Magnon - Menschen von vor ca. 30 000 Jahren als einen Mondkalender.

Wahrscheinlich waren alle Kalender aus der frühen Antike (außer dem ägyptischen) reine Mondkalender.

 

Im peruanischen Chankillo (ca. 400 km nördlich von Lima) entdeckten Archäologen das mit ca. 2300 Jahren vermutlich älteste Sonnenobservatorium Amerikas: Auf einem Bergkamm wurden 13 würfelförmige Türme errichtet. Von einem nahe gelegenen Beobachtungskomplex aus „…. markierten die die Türme und ihre Zwischenräume die wichtigsten über das Jahr verteilten Sonnenpositionen aus der Zeit um 300 v. Chr. … (Die Entdecker) glauben, dass mit dem Observatorium besondere Tage, etwa Aussaat oder Ernte bestimmt werden konnten. Damit wären die Menschen dort schon rund 1700 Jahre vor den Inkas in der Lage gewesen, ihre Zeit mithilfe der Sonne zu strukturieren“ (vgl. „Bild der Wissenschaft“, Nr. 6/2007, S.9). 

Eine deutsche Bauernregel zum Kalender lautet:

 

                                                                      „Es ist keine Kunst,

                                                                      den Kalender zu machen,

                                                                      wenn’s Jahr vorbei ist“

 

Die heutige Berlin-Brandenburger Akademie der Wissenschaften (BBAW) wurde ca. 100 Jahre lang durch das kurfürstlich/königliche „Kalenderprivileg“ finanziert.

Nur die Akademie hatte in den brandenburgisch/preußischen Ländern das Recht, Kalender herzustellen, zu publizieren und zu verkaufen. Hergestellt wurden die neuen,  im Jhare 1700 eingeführten „verbesserten“ Kalender, die nicht Gregorianisch hießen (vgl. Abb. unten). „Es erschienen verschiedene Arten von Kalendern, die zugleich Information, Unterhaltung und Lebenshilfe in popularisierter Form boten. Astronomische, historisch-genealogische, Adress- und Haushaltungskalender bildeten die fast ausschließliche Lektüre des lesekundigen ‚kleinen Mannes‘, waren weit veerbreitet und dem Ansehen der Akademie äußerst dienlich“ (vgl. BBAW; S. 16, a.a.O.).  

Allerdings wurden durch die Kalenderherstellung auch erhebliche organisatorische, personelle und wissenschaftliche Mittel der Akademie gebunden, trotz des Kalenderprivilegs blieben zudem königliche Eingriffsrechte in die Akademie erhalten.

Wie der Astrophysiker Prof. Günther Hasinger (*1954) in einem Vortag an der Akademie am 11. April 2016 anmerkte, waren allerdings die Mittel, die der Akademie damals aus „Strafzöllen“ für illegal, „schwarz“ hergestellte und verkaufte Kalender erhielt, für die Finanzierung der Akademie eine relevante Größe.

1747 wurde der Akademie von König Friedrich II. auch das „Landkartenprivileg“ zu Finanzierung erteilt (vgl. BBAW, S. 30, a.a.O.).

Beide Privilegien wurden 1809 abgeschafft und die Akademie wurde nun aus dem preußischen Staatshaushalt finanziert.

 

© Christian Meyer

 

 

(Abb. aus BBAW, S. 17, a.a.O.).