Abb.: Angebliches Kybele-Relief, nahe Manisa/Türkei: Felsrelief von Akpınar; wahrscheinlich aber die (schlecht erhaltene) Darstellung einer hethitischen Gottheit aus den 14. Jhdt. v. Chr. ; türkische Postkarte: „Kybele – bereket tanrıçası“ Kybele – Fruchtbarkeitsgöttin“.

Kybele und Attis
Kybele und Attis

„Kybele und Attis“, nach einem Votivrelief (Abb. aus Irmscher, S. 308, a.a.O.)

Zu Kybele gehören die Attribute der Mauerkrone auf dem Haupt, der Spiegel

und der Löwe.

Kybele-Priester
Kybele-Priester

Radikale Keuschheit: Die Priester der Kybele (Galloi) kastrierten sich

selbst, um Reinheit zu erlangen (Abb. aus Weigold, S. 104, a.a.O.).

Kybele-Priester
Kybele-Priester

Ein Priester der Kybele, Statue im Museum der Stadt

Cherchell / Algerien; 2. bis 3. Jhdt. n. Chr.

24. März

 

Antike Kybele – Attis – Mysterien, im kaiserzeitlichen Rom mit orgiastischen Feiern begangen.  

 

Der Kult der Göttin Kybele ist phrygisch–lydischer Herkunft. Vermutlich aber  ist Kybele mit der hethitischen Vegetationsgöttin Kubala identisch, die die Hethiter schon im 2. Jahrtausend v. Chr. verehrten. In Obermesopotamien wurde sie unter diesem Namen verehrt. Kubalas zentraler Kultort war Karkemisch (heute unzugänglich an der türkisch–syrischen Grenze gelegen): In Darstellungen wurde Kubalas Streitwagen von Löwen gezogen, ihre Attribute waren der Spiegel und der Granatapfel.

Auf einer Tontafel aus Karkemisch aus der Mitte des 13. Jhdts. v. Chr. nannte sich der dortige König „Diener der Kubala, der Herrin von Karkemisch“; es handelt sich um einen Priesterkönig, seine Gattin und Tochter waren als „Dienerinnen der Herrin“, als Priesterinnen der Kubala tätig  (vgl. Giebel, S. 116, a.a.O.).

In Kappadokien wurde die Fruchtbarkeitsgöttin unter dem Namen Ma verehrt, ihr Kultzentrum war die in hethischer Zeit bedeutende Stadt Komana (vgl. Thomson, S. 344, a.a.O.).

 

In dem Museum für Anatolische Zivilisationen zu Ankara befindet sich die Figur einer Muttergottheit aus gebranntem Lehm, die aus Çatalhüyük, Niveau II, stammt. Die Göttin sitzt auf einem von zwei Leoparden gestützten Thron und hat gerade ein Kind geboren, vermutlich einen Jungen.

Diese an die spätere Göttin Kybele gemahnende Darstellung entstammt einer der spätesten Siedlungsschichten von Çatalhüyük, d.h. vermutlich vor 6000 v. Chr.

   

Schon ein mesopotamischer Keilschrifttext stellt fest, dass die babylonische Göttin Ischtar die Institution der Eunuchen–Priester eingesetzt habe, „... um Furcht bei den Menschen zu verbreiten“ (vgl. Burkert, S. 63 /65, a.a.O.).

 

Ein aitiologischer Mythos wird bei Lukian von Samosata, in seinem Buch über die „Syrische Göttin“ (Dea Syra, 19–26), angeführt: „Stratonike, Königin von Syrien, erhielt im Traum den Auftrag, einen neuen Tempel der Göttin in Bombyke–Hierapolis (am Euphrat, C.M.) zu errichten. Als Begleiter für die Reise wurde ihr vom König ein schöner junger Mann zugeteilt, Kombalos. Kombalos sah voraus, welches Risiko für ihn die Betreuung einer jungen, leidenschaftlichen Königin in sich schloss: Unabwendbar werde da ein Verdacht entstehen, der ihn sein Leben kosten könnte. Da nun kastrierte er sich selbst und hinterließ seine Genitalien, einbalsamiert in Honig und Gewürzen, in einem verschlossenen Behältnis beim König. Es kam, wie erwartet; Die einsame Königin verliebte sich, und als sie sich zurückgewiesen fand, wiederholte sich die Geschichte von Josef und Potiphars Frau in einer neuen Variante; Verleumdung wegen angeblicher Vergewaltigung, Gericht und Todesurteil; da forderte Kombalos den König auf, jenes Behältnis zu öffnen, und bewies seine Unschuld durch die Evidenz der mangelnden Männlichkeit“ (vgl. Burkert, S. 65, a.a.O.).

Hier ist es die Angst vor dem mächtigen Rivalen, dem König, die den jungen Mann dazu bewegt, auf seine eigene Sexualität zu verzichten.

Nach Lukian fanden in Bombyke–Hierapolis im Rahmen eines großen Festes reale Kastrationszeremonien statt. Die „galloi“ genannten Priester opferten die abgeschnitten Genitalien, erhielten dafür Frauengewänder und Schmuck (vgl. Burkert, S. 66, a.a.O.). Auffällig ist hier Ähnlichkeit des Namens Kombalos mit Kubala / Kybele.

Walter Burkert vermutet einen Zusammenhang zwischen dem Ritual der Selbstkastration und dem der Beschneidung: sie könnte ein symbolischer Verzicht auf die Männlichkeit sein, ein pars – pro – toto Opfer, ein ritueller Ersatz für die Kastration.

 

Kybele (phrygisch: „Matar Kubele“, gr.  „Μεγλη  Μητηρ“, lat. Magna Mater, auch Kybebe) war vermutlich ursprünglich eine phrygische [1] Berg- und Höhlengöttin [2] (mit Zwergen als Dienern) und wurde auf den Gipfeln von Bergen als „Meter oreia“ ( = Bergmutter) verehrt. Nach dem phrygischen Ida–Gebirge (heute Kaz dağları, vgl. ð Sarı - Kız – Wallfahrt) trug sie auch den Beinamen „Idaea Mater“; sie wurde auch in Verbindung zu anderen kleinasiatischen Gebirgsnamen verehrt (Dindyme, Berektyatia).  

Der Name Kybele erscheint zuerst im 6. Jhdt. an einem phrygischen Heiligtum (vgl. Borgeaud, S.25, a.a.O.) 

Kybele war die oberste Göttin der Phryger, eine Mutter- und Vegetationsgöttin; sie beherrschte die Natur und die wilden Tiere und lebte der phrygischen Vorstellung nach in den Bergen. Deshalb wurden ihre Kultfiguren von den Phrygern in die Felsen hinein geschlagen. Dargestellt wurde die Göttin Kybele später mit Löwen, Spiegel oder Granatapfel. Oft trug sie auch eine Mauerkrone auf dem Kopf, denn galt als Beschützerin der Städte und der Kultur (vgl. Dietrich Berndt, S. 40, a.a.O.).

In Phrygien sind die erhalten gebliebenen Denkmäler der Göttin seit Jahrzehnten massiv bedroht, sei es durch ungenügenden Schutz vor Witterungsunbilden, Erdbeben, Ignoranz, Schatzsuchern, Zerstörungswahn, Steinbrüchen oder Straßenbauern.

Dietrich Berndt beschreibt die Legenden örtlicher Bauern und Hirten, die erzählen, dass in den antiken phrygischen Kybele-Heiligtümern Goldschätze versteckt wurden. Einige archäologisch und künstlerisch wertvolle Kybele-Felsdenkmäler fielen in den letzten Jahrzehnten diesem Wahn zum Opfer (vgl. Dietrich Berndt, S. 42, a.a.O.).

Kybele wurde teilweise mit Artemis gleichgesetzt, als „Megale Artemis“ mit vielen Brüsten als Große Mutter dargestellt (z.B. in Ephesos). Später wurde sie z.T. der römischen Rhea gleichgesetzt.

 

Mit dem Kybele–Kult war der ihres Geliebten Attis eng verbunden. Im phrygischen Mythos erschien Kybele auch als Agdistis [3](Agditis). Sie war in der phrygischen Mythologie ein Zwitterwesen. Ihre Abkunft wird wie folgt erzählt: Zeus soll einstmals auf dem phrygischen Felsenberg Agdos (nahe dem späteren  Ort Pessinus) geschlafen haben. „Im Schlaf, oder während er mit der Göttin rang, fiel sein Samen auf den Felsen. Im zehnten Monat gebar der Fels Agdos brüllend ein unbezwingbares, wildes, doppelgeschlechtiges und doppelt leidenschaftliches Wesen, mit Namen Agdistis. Mit grausamer Lust raubte, mordete, zerstörte Agdistis alles, was ihm beliebte, achtete weder Götter noch Menschen und hielt nichts auf Erden und im Himmel für gewaltiger als sich selbst“ (Kerényi, Bd.1, S. 72, a.a.O.). Da die Götter sich keine Abhilfe gegen Agdistis wussten, verfiel Dionysos auf eine List.

Agdistis wurde von Dionysos betrunken gemacht, indem er das Wasser der Quelle, aus der Agdistis seinen Durst zu löschen pflegte, in Wein verwandelte. Von dem ungewohnten Trank berauscht, fiel Agdistis in tiefen Schlaf. Nun befestigte Dionysos das männliche Geschlechtsorgan des Agdistis mit einem Seil an einem Baum. Als Agdistis ungestüm aus dem Schlaf erwachend aufsprang, entmannte er sich selbst. Aus seinem Geschlechtsorgan wuchs ein Mandelbaum (oder ein Granatapfelbaum), durch dessen Frucht die Tochter Nana (eine Epiphanie der Magna Mater) des kleinasiatischen Flussgottes Sangarios (der heutige Sakarya) schwanger wurde und den Attis [4] gebar. Der zornige Vater Nanas ließ des Säugling aussetzen. Attis wurde jedoch von Ziegen genährt und von einem Bock behütet. Attis überlebte und wurde Hirte in den Bergen.

Agdistis (im weiblichen Aspekt nun der Name der Großen Mutter Kybele) verliebte sich in den schönen Jüngling Attis, der in den phrygischen Bergen als Schäfer lebte. Sie bekrönte Attis mit einer bestirnten Tiara.

 

Ovid (43 v. Chr. – 18 n. Chr. ) erzählt in den „Metamorphosen“ die spätere römische Fassung der Attis–Legende. Hier blieb die Liebe Kybeles zu Attis zwar leidenschaftlich, aber platonisch. Sie vertraute ihm als Priester die Pflege ihres Kultes an und befahl Attis, keusch zu bleiben, - was dieser auch versprach. Aber später brach Attis sein Versprechen. Er verliebte sich in die Nymphe Sagaritis (auch eine Tochter des Flussgottes Sangarios) und heiratete sie. Auf der Hochzeit aber erschien die wutentbrannte Agdistis und trieb die Gäste durch die Töne einer Syrinx [5] in den Wahnsinn. Ihre Rivalin tötete Agdistis. Aus dem Wahnsinn zu sich kommend, entmannte sich Attis selbst und starb unter einer Pinie oder einer Fichte. Ovid besingt deshalb …

                            „… die Fichte,

                               unten die Zweige gestutzt und mit struppigem Wipfel, der Götter-

                               Mutter willkommen; denn Attis, der Cybele Held hat um diesen

                               Baum sich des Menschen entäußert, in solch einen Stamm sich verhärtet“

                                                                                                              (vgl. Ovid, 1971,  10, 102 ff, a.a.O.)

Die letzten Worte des sterbenden Attis sollen gewesen sein: „Agdistis, hier hast du das, weswegen du solche Raserei erregt hast“ (zit. n. Giebel, S. 120, a.a.O.).

Aus den von Agdistis begrabenen Genitalien des Attis entsprossen der Legende nach Veilchen, Frühlingsblumen und Bäume hervor. Mit den Veilchen bekränzte Agdistis die Pinie. In der Folge soll die klagend reuige Kybele bei Zeus erreicht haben, dass der Körper des Attis unverweslich erhalten blieb, nur sein kleiner Finger sollte sich bewegen können.

Agdistis wurde als drohend – dunkler Aspekt der Kybele betrachtet. Attis wurde aus der Frucht eines Baumes geboren, unter einem Baum stirbt er wieder, „... als Sohn, Geliebter und Opfer der Kybele zugleich“ (Mircea Eliade, zit. n. Liebig, S. 121, a.a.O.).  Wie im Dionysosmythos (oder bei Shiwa) ist der Phallus Sitz und Quelle einer allgemeinen Lebensenergie.

Nach anderer Sichtweise soll Attis in Gestalt einer Pinie wiedererweckt worden sein. Attis lebt verwandelt weiter, als Teil der Natur, als Baum oder Blume. Der Mythos gilt als Symbolisierung der sterbenden und wiedergeborenen Natur sowie als Überwindung der Mann – Frau – Polarität durch Selbstkastration.     

 

Nach einer anderen Variante des Mythos wurde die Liebe Attis zu der schönen Nymphe durch einen Löwen verraten. In einem Anfall von Wahnsinn entmannte sich daraufhin Attis selbst, kehrte aber zu Kybele zurück und erhielt seine Zeugungskraft wieder.

 

Pessinus (auch Pessinous oder Pessinonte, nahe Sıvrıhısar, 136 km westlich von Ankara) lag am Fusse des Agdos–Gebirges am Fluss Gallos, der nahe der Stadt in den Sangarios mündet. Pessinus war ein kleines phrygisches theokratisches Fürstentum im westlichen Phrygien, das in der Zeit Attalos I. unter die Herrschaft von Pergamon kam. Im 3. Jhdt v. Chr. soll in Pessinus ein Kybele-Oberpriester zusammen mit 5 phrygischen und 4 galatisch–keltischen Priestern die Stadt beherrscht haben (vgl. Akurgal, S. 299, a.a.O.). Verehrt wurde in Pessinus die Kybele als „Meter Dindymene“, nach dem nahegelegenen Gebirge. Im Jahre 25 v. Chr. kam Pessinus unter direkte römische Herrschaft, zur Provinz Galatia.

In Pessinus verehrte man u.a. das angebliche Grab des Attis (Pausanias berichtet noch von dem Grab) und feierte im dortigen Kybeleheiligtum (Anfang April) alljährlich ein fünftägiges Fest: Der erste Tag war ein Trauertag, an dem man unter Klagen eine geweihte, mit Opferbändern aus Wolle behängte Pinie durch die Straßen trug. Während des zweiten Tages tanzten die Galloi, die Kybele–Priester, zu ihrer ekstatischen Musik durch die Straßen. Am dritten Tag wurden blutige Selbstentmannungen der Priesternovizen durchgeführt. Am vierten Tag gedachte man durch fröhliche Tänze an die Auferstehung des Attis. Der abschließende fünfte Tag war der Ruhe und Erholung gewidmet.

Das eigentliche Kultobjekt in dem Kybeleheiligtum zu Pessinus war ein unbehauener kleiner schwarzer Stein, von dem angenommen wurde, er sei von Himmel herabgefallen. In dem Stein sollte die lebensspendende Kraft der Göttin zugegen sein.

 

Der Kybele–Kult verbreitete sich von Phrygien aus über die Ägäis und verschmolz z.T. mit dem Kult der griechischen Muttergöttinen Demeter und Rheia.

Von Anatolien aus verbreitete sich der Kult einer anonymen Muttergottheit über Griechenland und Süditalien bis nach Marseille.

Der kynische Philosoph Diogenes hauste der Überlieferung nach eine Zeitlang (in einem Rohr oder Fass) im Hofe des Kybele–Tempels zu Athen (vgl. Durant, Bd. 2, S. 489, a.a.O.).

 

Im Jahre 205 / 204 v. Chr. – mitten im 2. Punischen Krieg (218 – 202 v. Chr.) - wurde der als heilig angesehene schwarze Stein der Kybele von Pessinus in Phrygien nach Rom gebracht und ihr Kult unter dem Namen der „Magna Mater deum Idaea“ offiziell in Rom eingeführt.

Den Hintergrund sollen verschiedene Faktoren gebildet haben: Hannibal und die karthagischen Truppen befanden sich noch immer nachschublos in Bruttium (dem heutigen Kalabrien). Zusätzlich sollen viele Römer durch einen starken Meteoriteneinfall erschreckt gewesen sein. Um Abhilfe zu schaffen wurden die sybillinischen Bücher befragt. Ihre Aussage wurde derart interpretiert, dass die Gegenwart der Großen Mutter Hilfe schaffen würde (vgl. Guirand, S. 216, a.a.O.)

 

Kaiser Julian „Apostata“ verfasste eine Schrift „Über die Göttermutter“, in der er sich mit der von ihm hochverehrten Kybele auseinandersetzte. Abschließend heißt es: „Mutter der Götter und Menschen, o dass ich für meine Hingabe an Deinen Kult belohnt werden möchte, durch Erkenntnis der Wahrheit in meinem Glauben an die Götter, durch die Vervollkommung in der Theurgie (der Beschwörung von Gottheiten, C.M.), durch Begnadung mit Kraft und Glück in meinem Streben, Staat und Heer neu zu ordnen, und schließlich durch ein schmerzloses und ruhmreiches Ende, das sich auf meiner letzten Reise bis zu Ende führen möge“ (zit. n. Bidez, S. 178, a.a.O.).

Julian besuchte im Jahre 362 auf dem Wege nach Antiochia die – von ihm als heilig angesehene – Stadt Pessinus, wo er im Kybele-Heiligtum betete und opferte. Er traf dort „… noch Gallen an, … die leidenschaftliche Tänze zur Flötenmusik aufführten …“ (Bidez, S. 178, a.a.O.).

Kurz nach dem Besuch des Kaisers in Pessinus schändeten zwei fanatische junge Christen den Kybele-Tempel und zerstörten ihren Altar (vgl. Bidez, S. 179, a.a.O.). In Pessinus soll sich der Kybele – Attis – Kult bis ans Ende des 4. Jhdt. gegen das Christentum gehalten haben (vgl. Giebel, S. 117, a.a.O.).

 

Seit 1967 wurde in der heutigen Ruinenstätte Pessinus durch belgische Archäologen von der Universität Gent ausgegraben. U.a. fand man die Überreste eines Tempel - Theaters aus der 1. Hälfte des 1. Jhdts. n. Chr., von dem jedoch unbewiesen ist, ob es sich um einen Tempel des Kybele – Attis – Kultes handelt. Darüber hinaus stieß man bei Grabungen in der Nekropole von Pessinus (3./4. Jhdt. n. Chr.) auf eine Grabstele mit einer Löwenfigur. Die Inschrift belegte, dass die Stele für einen „Gallos“ namens Asklepois errichtet wurde, der später noch zum „Archigallos“, dem Oberpriester der Kybele avancierte (vgl. Akurgal, S. 300, a.a.O.).  

Der berühmte Tempel des Augustus und der Roma in Ankara (in dessen Vorhalle der Tatenbericht des Augustus eingemeißelt ist. – Res gestae divi Augusti, das Monumentum Ancyranum) war zuvor ein Tempel der Kybele und des Mondgottes Men aus dem 2. Jhdt. v. Chr. 

 

Ovid berichtet 200 Jahre später in den „Fasti“ (IV) von den Ereignissen: „ Später … befragte die Priesterschaft die Schicksalsworte des euböischen Gedichtes (der Sibyllinen) [6] ; was sie dort fanden, lautete, so heißt es, etwa so: ‚Die Mutter fehlt, ich gebe dir die Weisung, Römer, die Mutter zu suchen! Wenn sie kommt soll sie mit reiner Hand empfangen werden’. Die Senatoren wussten, ob der Rätselhaftigkeit des unverständlichen Orakels, weder, welche Mutter fehlte, noch von welchem Ort man sie holen sollte. Sie fragten Paean [7] , und der gab zur Antwort:’Holt die Göttermutter. Auf dem Berge Ida ist sie zu finden’. Hoher Adel wird mit der Mission betraut. Attalos [8] war damals König in Phrygien; er schlug den Männern aus Ausonien den Wunsch ab. (Jetzt) muss ich von einem Wunder singen: Die Erde zitterte weithin mit schallendem Gedröhn, und die Göttin sprach so in ihrem Heiligtum: ‚Ich habe selbst gewollt, dass man mich holt; zögre nicht, gib mich frei, ich will es. Rom ist der Ort, der würdig ist, dass jeder Gott ihn sich zur Heimat wählt’. Er (Attalos) sagte (da), erbebend bei dem schauerlichen Klang (der Stimme): ‚Fahre dahin! Du wirst die unsrige bleiben. Rom führt seinen Ursprung auf phrygische Ahnen zurück’“ (Ovid, 1957; IV, 255-73, a.a.O.)

 

Das als heilig angesehene Objekt – ein kleiner, unbehauener schwarzer Stein mit dem griechischen Namen „αγολμα“ - wurde von dem „besten der römischen Bürger“, Scipio Nasica, in Ostia in Empfang genommen und am 4. April 204 triumphal auf den Palatin gebracht, in den Tempel der Victoria.

Das Projekt „Magna Mater“ [9] war für die Römer schließlich von Erfolg gekrönt: Im Jahre 202 wurde Hannibal in Zama von dem Scipio Africanus Maior besiegt, zum Dank errichtete man der Kybele auf dem Gipfel des Palatin einen Tempel und institutionalisierte ihr zu Ehren das Fest der „Ludi megalensis(4. - 10. April).   

Vergil vergleicht (Verg. Aen. 6,784 ff.) die Ausbreitung Roms mit der Ausfahrt der "Berecyntia mater", der Mutter vom Berecyntus, einem Berg in Phrygien. Vergil: ….„qualis Berecyntia mater invehitur curru Phrygias turrita per urbes, laeta deum partu, centum complexa nepotes, omnes caelicolas, omnes supera alta tenentes“ („… so fährt vom Berge Berecyntia (Kybele) turmgekrönt (im Wagen) durch Phrygiens Städte, stolz, da sie Götter gebar, umarmend hunderte von Enkeln, alle Himmelsbewohner, hoch droben wohnen sie alle“; Übersetzung: Johannes Götte).

Auf römischen Darstellungen ziehen Löwen [10] und Panther den Wagen der Kybele, ihre Attribute sind Spiegel, Granatapfel und zuweilen auch der Schlüssel. Der Schlüssel symbolisiert den Zugang zu den Toren der Erde, hinter denen die irdischen Reichtümer verborgen sein sollen. Auch trug Kybele als Attribut zuweilen eine mit Knöchelchen versehene Peitsche.

Da Kybele auch als Beschützerin der Städte fungierte, trägt sie z.T. auch eine Mauerkrone. Darüber hinaus wurde sie auch als Herrin der Natur und der Fruchtbarkeit verehrt. Korybanten sind ihre Begleiter: sie tanzen orgiastisch zur aufreizenden Musik von Schlag- und Blasinstrumenten. Nach der phrygischen Mythologie sollen die Korybanten von Zeus abstammen, der als Regen die Erde befruchtete. 

 

Die Priester [11] der Kybele, die Galloi [12], waren eine einzigartige Bruderschaft. Zum Ton von Flöten, Handpauken und Zimbeln zelebrierten sie ihrer Göttin konvulsisch – ekstatische Tänze, bei denen sie auch mit ihren Schwertern auf ihre Schilde schlugen und sich mit Peitschen züchtigten. Auch sollen sich die Priester - Novizen auf dem Höhepunkt der Tänze selbst entmannt haben (Guirand, S. 202, a.a.O., vgl. Lurker, S. 182, a.a.O.). Plinius [13] erwähnt, dass die Kybelepriester ausschließlich Scherben der hochwertigen Keramik aus Samos verwendeten, „… um sich ihrer Mannheit zu entledigen“ (vgl. Durant, Bd. 2, S. 151, a.a.O.).  In Griechenland wurden auch die Priester Korybanten genannt und sollten von einem gewissen Korybas, einem Sohn der Kybele abstammen.

 

Im römischen Kaiserreich waren Kybele – Attis – Mysterien weit verbreitet. Bei ihnen spielten die taurobolische Taufe (mit Stierblut [14] ) und eine sakramentale Mahlzeit eine große Rolle. Im kaiserzeitlichen Rom gab es zwei Feste, die im Zusammenhang mit Kybele standen:

  • Das Frühlingsfest im März, das sich auf den Kybele – Attis – Mythos bezog
  • Die Festspiele im April zu Ehren der Ankunft des Kultbildes der Kybele im Jahre 204 v. Chr. in Rom

Am 24. März des altrömischen Kalenders wurde das Fest des sterbenden und wiederauferstehenden Gottes (durch eine Pinie symbolisiert) gefeiert.

Der 24. März galt als der „Bluttag“, an dem die Kybele – Priester sich in Trance tanzten, sich die Körper mit Tonscherben zerschnitten und mit ihrem Blut den Altar und das Bildnis der Kybele tränkten. Den Höhepunkt stellte die Selbstkastration von Priester – Novizen dar (ob alle Kybele – Priester entmannt waren, ist allerdings umstritten): Penis und Hoden galten als Opfergaben für die Göttin (vgl. Weigold, S. 104, a.a.O.).  

 

In Ostia grenzte der Kybele – Tempel [15] direkt an das dortige Mithräum, beide Kulte scheinen von den Gläubigen gemeinsam betrieben worden zu sein.

 

Die Selbstkastration, den „Attis- Komplex“ wie Walter Burkert sie nennt, wird heute von uns vielfach als ein „... fremdartiger und für uns abstoßender Bereich antiker Religiosität“ angesehen (vgl. Burkert, S. 63, a.a.O.).

 

Vor allem im 1./2. Jhdt. n. Chr. war die hellenistische Umformung der Kybele, Artemis Pergaia (Artemis von Perge) in ganz Kleinasien berühmt. Ihr Kultzentrum und Wallfahrtsziel war Perge in Pamphylien (nahe dem heutigen türkischen Antalya). Das jährliche Fest der Artemis Pergaia wird bei Strabo angeführt (Strabo 14.4.2). Die Weihegaben für ihren bis heute nicht aufgefundenen Tempel wurden von Priestern und Priesterinnen verwaltet, die ausdrücklich nicht jungfräulich sein mussten. Sozial waren diese Priester und Priesterinnen hoch angesehen, da sie den Artemis - Kult beaufsichtigten.

Die Vorliebe der Bewohner Perges für den Artemis-Kult machte die Göttin zum zentralen Motiv auf den Münz - Prägestöcken und in der lokalen Kunst. Sogar während der frühen christlichen Zeit verehrten die Perger in der Maria ihre Artemis Pergaia weiter und betrachteten Jesus als ihren Apollon.

An der Spitze der Stadt stand um 120 n. Chr. eine Frau, Plancia Magna (die Tochter des römischen Proconsuls von Bithynien, M. Plancius Varus). Plancia Magna galt eine bedeutende Wohltäterin der Stadt Perge. Sie scheint ihr Leben (ca. zur Regierungszeit Kaiser Hadrians 117 – 138 n. Chr.) und ihren Reichtum der Verschönerung der Stadt gewidmet zu haben. Sie war oberste Artemis – Priesterin Perges und gleichzeitig höchste Repräsentantin des Magistrats der Stadt („Amt des Demiurgos"). Sie wurde in den Rang einer städtischen Schutzgottheit erhoben. Ihr Grab befindet sich südöstlich vom südlichen Tor Perges. In Perge sind Darstellungen der Artemis Pergaia wie auch von Plancia Magna (eine 2m hohe Marmorstatue) erhalten geblieben.

 

Die „phrygische Mode“ (Modus) in der Musik wurde auch durch die orgiastische Musik der Kybele – Feiern mit Flöte, Klapper und Handpauke -Tympanon - (vgl. Durant, Bd. 2, S. 83, a.a.O.) vor allem in den unteren sozialen Bevölkerungsgruppen sehr populär.

 Die Moralisten Altgriechenlands wandten sich deutlich und scharf gegen diese Musik.  

Die antiken Griechen bildeten ihre Tonskalen generell von oben nach unten, entgegen unserer auf Rom zurückgehenden Tradition. Oktaven wurden als Summe zweier Viererstufen (Tetrachorde) aufgefasst. Das klassische Griechenland kannte v.a. drei Oktavgattungen (άρμονίαι), die sich durch die verschiedene Lage der Halbtonschritte unterschieden und nach griechischen bzw. kleinasiatischen Landschaften benannt wurden:

·         die dorische Tonart: e’d’c’ h a g f e

·         die phrygische Tonart: d’c’ h a g f e d

·         die lydische Tonart: c’ h a g f e d c

Zu diesen Hauptoktavarten kamen jeweils u.a. zwei Nebenformen (vgl. Adler, Bd. 1, S. 41, a.a.O.). Nach antiker griechischer Auffassung stellte die Musik einen zentralen Faktor zur Beeinflussung von Menschen dar: das seelische Gleichgewicht der Menschen könnte durch Musik verändert, aufgehoben werden, Musik könnte zu Handeln anregen, Menschen könnten der übermächtigen Gewalt der Musik willenlos ausgeliefert sein. Die Griechen „.. erlebten bei der Musik keine scheinhaften, sondern höchst reale Gefühle, die den ganzen Menschen ergriffen und bis zu körperlichen Affektionen gingen“ (vgl. Adler, Bd.1, S. 43, a.a.O.). Dies war auch ein Grund dafür, dass – wie auch Werner Jaeger betont – „… von jeher …. Dichtung und Musik die Grundlagen der Geistesbildung..“, „… des Systems der griechischen Paideia“ gewesen sei (Jaeger, Bd. 2, S. 288, a.a.O.). Den hauptsächlichen drei Oktavgattungen wurden bestimmte Eigenschaften zugeordnet:

Das Dorische konnte – nach altgriechischer Vorstellung – das innere Gleichgewicht erzeugen, das den Menschen stärker machte als das Schicksal; es galt als ritterlich und mannhaft, regte zum Handeln an. Als charakteristisches Instrument galt die Kithara.  

Das Lydische galt ursprünglich als die Tonart der Klage, spielte deshalb in der Tragödie eine große Rolle. Darüber hinaus sahen die antiken Griechen diese Tonart als Vertreterin des Zarten und Intimen an. Aristoteles forderte sie deshalb als Tonart für die Erziehung der Jugend einzusetzen.

Das Phrygische schließlich galt als die Tonart der wilden Leidenschaft, der Ekstase, z.B. des Kybele- oder Dionysoskultes. Generell war es die wichtigste Tonart der Dithyrambik. Als charakteristisches Instrument dieser Tonart wurde der Aulos angesehen [16] .

In Platons „Politeia“ setzen sich die Diskutanten auch mit den Tonarten auseinander, die für die Erziehung der Wächter des Idealstaats geeignet bzw. ungeeignet seien [17]. Platons Sokrates führt dabei aus, dass „… wir Klagen und Jammer in den Reden nicht brauchen“, weshalb die lydischen Tonarten „…. beseitigt werden (müssen); denn sie sind unbrauchbar für Frauen, die wacker sein sollen, geschweige denn für Männer“ (Platon,  Bd. II, 1982, Politeiea, II 398 D – E, S. 98, a.a.O.). Desgleichen seien die „weichlichen und für Trinkgelage“ geeigneten Tonarten (die lydische wie auch die ionische Nebentonart) nicht möglich, so dass nur „die dorisch und die phrygische übrig“ blieben (vgl. Pol., 398 E f.).  Darüber hinaus hielt Platon für die Erziehung und den Staat an Instrumenten nur die Lyra, die Kithara und auf dem lande – für die Hirten – eine Art von Rohrpfeife für brauchbar (Pol., 399 D ff.), den dithyrambischen Aulos in der phrygischen Tonart von daher auch nicht. Platon meinte darüber hinaus, dass jede musikalische Neuerung sofort auch eine politische nach sich ziehen müsse (vgl. Adler, Bd. 1, S. 43, a.a.O.).  

 

Schon in spätrepublikanischer Zeit muss der Kybele – Kult in Rom recht populär gewesen sein. Catull z.B. erwähnt, sein Freund, der Dichter Caecilius, habe eine Dichtung über die „große Mutter“ verfasst, „Die Herrin des Dindymos“ (vgl. Catull, S. 26 & 135, a.a.O.).

Schon Kallimachos von Kyrene [18]  hatte eine Dichtung über die Attis – Sage verfasst. Diese diente Catull [19] als Vorlage für sein Attis – Gedicht, in dem er den Mythos modifiziert und distanziert erzählt:  

„Übers hohe Meer flog Attis mit dem schnellen Segelschiff.

Als sein flinker Fuß begierig fand den Hain in Phrygien,

in das waldumschattet dunkle Heiligtum der Göttin trat,

da ereilt ihn ein Taumel der Verzückung, und im Wahn

nahm er sein Gemächt und schnitt es mit geschärftem Kiesel ab“ 

                                                                 (Catull, S. 50, a.a.O.).

Als Attis jedoch – nach orgiastischen Tänzen und ekstatischer Musik – am nächsten Tag erwachte, reute ihn in Catulls Fassung seine Tat:

                               „Als nach sanfter Ruhe Attis, von verzücktem Wahn erlöst,

tief im Herzen überdachte, was er selbst sich angetan,

was verloren war für immer, mit Ernüchterung begriff,

ward ihm heiß, und er lief eilends an den Meeresstrand zurück….

… Soll ich immer Götterdiener und Kybeles Sklave sein,

nur ein Teil von mir: Mänade [20] – und ein unvollkommner Mann?

Soll am grünen Ida hausen, den der kalte Schnee umhüllt?

Soll mein Leben fristen in den hohen Bergen Phrygiens,

wo die Hirschkuh zieht durch Wälder und der Eber durchs Gehölz?

Lange, lange schmerzt mich, lange, lang bereu ich was ich tat“

                                                                               (Catull, S. 51/52, a.a.O.).

Als Kybele die Reue und Fluchtabsicht des Attis bemerkt, entsendet sie einen der Löwen ihres Gespanns an den Meeresstrand beim Ida – Gebirge zu Attis. Der Löwe….

                               „….. springt ihn an, und Attis flüchtet, ganz von Sinnen in den Hain,

-          Für die ganze Zeit des Lebens hat er immer dort gedient“

                                                                   (Catull, S. 53, a.a.O.).

Abschließend formuliert der skeptische Catull seine Moral, eine Warnung vor den ekstatischen Kulten:

„Große göttliche Kybele, die den Dindymos beherrscht,

Herrin, fern von meinem Haus soll deine ganze Tollheit sein!

 Bringe andere in Verzückung, andere treib in deinen Wahn“  (Catull, S. 53, a.a.O.).

 

Durch die Teilnahme an den Mysterien der Kybele erhofften die Gläubigen die Wiedergeburt zu neuem Leben zu erreichen. Ähnlichkeiten und Parallelen zu vergleichbaren Kulten vom Typus „Göttin und ihr Heros“ wie Inanna und Dumuzi bei den Sumerern, Tammuz und Ischtar in Babylon, Atargatis und Hadad in Syrien oder Astarte / Aphrodite und Adonis [21] in Phönizien und Zypern  sind auffällig. Der Heros ist jeweils ein schöner Jüngling, den die Göttin liebt, der aber sterben und in die Unterwelt herabsteigen muss. Die Göttin kann ihn - für eine bestimmte Zeit des Jahres jedoch nur – wieder heraufholen: der Mythos vom sterbenden und wiedererstehenden Gott.

 

Der Kult der Kybele hielt sich in Rom wohl von allen „heidnischen“ Kulten am längsten. Gregorovius berichtet, dass die Kybele – Verehrung (im Tempel direkt neben der ersten römischen Peterskirche) dort noch andauerte, „.. nachdem der Kaiser Theodosius …. am Grabe des Apostels gebetet hatte“ (vgl. Gregorovius, S. 66, a.a.O.). 

 

Die Frage, ob und wie die in der Spätantike einsetzende Marienverehrung von der Gestalt und Verehrung der „Großen Mutter", beeinflusst oder sogar geprägt ist, ob es eine Kontinuität von der phrygischen Kybele zur Verehrung der christlichen Gottesmutter Maria gab, hat die Forschung beschäftigt und sehr verschiedene Antworten gefunden.

In ihrer Erzählung „Kassandra“ lässt Christa Wolf in Troja einen Kybele – Kult als eine Art Unterschichten – Religion erscheinen (Lit. Zitieren …).

 

Kybele (und Attis) wurden in römischer Zeit regional auch als zuständig für die Rache von verschmähten Liebhabern betrachtet, wie ein aus dem Jahre 100 n. Chr. im heutigen Groß–Gerau entstandenes „Fluchtäfelchen“ aus Blei belegt. Auf dem Fluchtäfelchen heißt es u.a.:

„Größter aller Götter, unumschränkter Gebieter Atthis, Gesamtheit der zwölf Götter (des Pantheons)! Ich überantworte euch Göttern mein ungerechtes Schicksal, auf dass ihr mich an Priscilla, Tochter des Carantus, rächt, die den großen Fehler beging, zu heiraten. Rächt ihr mit Hilfe der Großen Göttermutter (Kybele) die altehrwürdigen, heiligen Werte, auf dass Priscilla zu Grunde gehe! Mit Hilfe der Großen Göttermutter rächt eurer großes göttliches Wesen bald, innerhalb von hundert Tagen, an Priscilla, die heilige Werte verraten hat! Priscilla erachte ich auf jede Weise als ein Nichts. Sie hat einen Nichtsnutz geheiratet, weil Priscilla ebenso geil ist wie ahnungslos“ (vgl. „Abenteuer Archäologie“, H. 4/2005, S. 25/26).

 

(Für die antiken Kybele – Feiertage werden in der Literatur unterschiedliche Daten angegeben: In Phrygien – eingeführt angeblich unter dem sagenhaften König Midas – sollen die Festtage am 4. – 10. April, in Rom vom 15. – 27. März gelegen haben. Zeitweise soll in Rom auch vom 15. – 17. März ein Attis – Fest gefeiert worden sein.. Sehr wahrscheinlich ist es, dass zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Regionen die Festtage auch zu unterschiedlichen Daten gefeiert wurden. Der 24. März nach dem Gregorianischen Kalender ist deshalb von großer Wahrscheinlichkeit, weil er in Rom das historische Datum der Frühlingstagundnachtgleiche darstellt).    

 

© Christian Meyer
 

[1] Die Phryger waren ein mit den Thrakern verwandtes Volk mit einer indogermanischen Sprache. Es überquerte den Hellespont und beerbte um 1200 v. Chr. in Nordwest–Anatolien die Hethiter. Die Phryger könnten u.U. an der Zerstörung Trojas beteiligt gewesen sein. Die Phryger standen in einem regen Kulturaustausch mit den Griechen.

Gegen Ende des 6. Jhdts. v. Chr. vernichteten die Kimmerer, ein kaukasisches Reitervolk, das Reich der Phryger. Ihre Reste vermischten sich vermutlich mit den Lydern, Persern und Griechen.

Berühmt wurde die sog. phrygische Mütze, eine Art von Zipfelmütze aus Stoff oder weichem Leder, die phrygischen Bogenschützen (auch den Amazonen) getragen worden sein sollen. Auch der iranische Gott Mithras wird in der Regel mit einer phrygischen Mütze dargestellt.  Aus der phrygischen Mütze entwickelte sich in der Großen französischen Revolution die rote Jakobinermütze, bis heute "le bonnet phrygien".    

[2] Auch der Name „Kybele“ bedeutet etymologisch im Phrygischen „Höhle“.

[3] Der Name „Agdistis“ soll von dem Felsen Agdos bei Pessinus herrühren. Der Agdistis – Mythos wird von Pausanias und den christlichen Schriftsteller Arnobius berichtet.

[4] Der Name „Attis“ wird in der Literatur sehr unterschiedlich erklärt: so  ist „attis“ das phrygische Lallwort für „Vater“, im Lydischen bedeutet „attis“ „schöner Knabe“. Schließlich wird der Name auch noch vom Phrygischen „attagos“ = „Bock“ abgeleitet.

[5] Syrinx (gr. „Rohr“) war der Name der Hirten- oder Panflöte, einem Blasinstrument aus fünf, sieben oder neun verschieden langen Pfeifen. Nach der Sage verschmähte die arkadische Nymphe Syrinx die Liebe Pans. Auf ihrer Flucht vor dem Zudringlichen wurde sie auf ihre Bitten hin am Flusse Ladon in Schilfrohr verwandelt. Pan verfertigte aus dem Rohr mit Wachs seine Flöte, auf der er seine Lieder spielte. Im 1. Buch der „Metamorphosen“ erzählt Ovid die Legende von Pan und Syrinx: „… Die Nymphe entzog sich

Seiner Bewerbung und floh durch die Wildnis; da kam sie zur stillen

Strömung des sandigen Ladon, der hemmt ihren Lauf; zu den Schwestern

Flehte sie jetzt, zu den Nymphen der Wellen, sie doch zu verwandeln.

Und als Pan schon glaubte, nun habe er Syrinx ergriffen,

Hielt er an Stelle des Körpers der Nymphe nur Schilfrohr in Händen.

Doch wie er tief aufseufzt, bewegte sein Atem die Halme,

Und es erscholl eine zarte Musik, einer Klage vergleichbar.

Von der Entdeckung bezaubert, gerührt von der Süße der Töne,

Sagte der Gott: ‚So kann ich mit dir mich stets unterhalten!’

Damit vereinigte er Rohre verschiedener Länge; er bindet

Sie mit Wachs und behält für die Pfeife den Namen des Mädchens“.

                                                                        (Ovid, 1971, 1, 701 – 712, a.a.O.)

[6] Die Sibyllinischen Bücher waren Sammlungen von Weissagungen und religiösen Vorschriften, die im Jupitertempel auf dem Kapitol aufbewahrt wurden.

[7]Paian“ (gr. „Nothelfer“, dtsch. auch „Päan“) ist einer der Beinamen des Gottes Apollon. Berühmt wurde der „Paian“ auch als rituelles Lied (zum Kampf, zum Sieg, zur Sühne etc.), in dem Apollon angerufen wurde.

[8] Es war König Attalos I. von Pergamon (241 – 197 v. Chr.), von dem die durch den Senat entsandten Botschafter den schwarzen Stein von Pessinus erbaten. 

[9] Bei Livius oder Ovid wird Kybele (Cybele) in der Regel nur mit „Mater“ = Mutter, bezeichnet. 

[10] Ovid erzählt im 10. Buch der „Metamorphosen“ die Entstehung dieses Zuggespannes, i.e. die Geschichte von  Atalanta und Hippomenes: die schöne, schnelllaufende Atalanta war durch einen Orakelspruch vor einer Ehe gewarnt worden; sie verlangte deshalb von ihren Freiern einen Wettlauf, bei dem sie nur dem Sieger die Hand zur Ehe reichen würde; der Unterliegende hingegen müsste sterben. Der junge, schöne Hippomenes verliebte sich in Atalanta, bewarb sich um sie und wollte den Wettlauf wagen, obwohl er kein guter Läufer war. Die Liebesgöttin kam ihm jedoch zu Hilfe und gab dem Hippomenes drei goldene Äpfel, durch die er während des Laufs die bereits führende Atalanta ablenkte und schließlich gewann. Hippomenes führte so Atalanta als Braut heim. Unterwegs, in einer alten, verlassenen Tempelgrotte mit Götterbildern u.a. der Kybele liebten sich die beiden, was jedoch die Göttermutter als schändenden Frevel betrachtete und bestrafte:

                                         „….. die zinnengekrönte

Mutter gedachte, die Sünder in stygische Wellen zu senken.

Doch es erschien ihr zu milde. So umkleiden sich plötzlich mit gelben

Mähnen die Nacken, die eben noch glatten, die Finger verkrümmen

Sich zu Krallen, die Schultern sind vordere Büge, nach vorne

Wuchten die Leiber, und Schwänze durchfegen die Fläche des Sandes.

Zornmut kündet der Blick, sie brüllen, statt menschlich zu reden,

Wohnen in Wäldern anstatt in Gemächern; für andere furchtbar,

Beißen sie zahm mit den Zähnen in Cybeles Zügel –  als Löwen“

                                                          (Ovid, 1971, 10, 696 – 704)

[11] Auch der unglückliche Marsyas soll ein Priester der Kybele gewesen sein (vgl. Durant, Bd. 2, S. 227, a.a.O.).

[12] Die Bezeichnung Galloi für die Kybele – Priester soll von dem Flusse Gallos bei Pessinus herrühren.

[13] Gaius Plinius (d. Jüngere) erwähnt in einem Brief an den Kaiser Trajan (vermutlich) aus dem Januar 112, dass durch die Erweiterung des Marktes in der Stadt Nikomedia (dem heutigen türkischen Izmit) ein „.. uraltes Heiligtum der Magna mater, … entweder restauriert oder umgesetzt werden“ müsse (Plinius, S. 314, a.a.O.). Er fragt bei dem Kaiser nach, ob die komplizierten Einweihungsriten, die nur durch Pontifeces vorgenommen werden durften, auch bei dem Kybele – Tempel in Nikomedia anzuwenden seien. Trajan beruhigt ihn in dem Antwortschreiben, dass er „ohne religiöse Bedenken“ die Umsetzung vollziehen lassen könne (vgl. Plinius, S. 314 / 315, a.a.O.).  

[14] Bei dem „Taurobolium“ (gr./lat. „Stieropfer“) wurde ein in einer Grube stehender Myste oder Priester von dem Blut eines über ihm geschlachteten Stiers überrieselt. Durch die Zeremonie der taurobolischen Taufe (die auch im Mithraskult eine wichtige Rolle spielte) sollte Sündenreinheit oder Wiedergeburt vermittelt werden. 

[15] Der Kybele – Tempel in Ostia hieß „Metroon“ ( vom gr. „metro“ = Uterus und „meter“ = Mutter (vgl. Johnson, S. 320, a.a.O.). 

[16] In der europäischen Kunstmusik werden diese sog. Kirchentonarten - wenn auch selten - bis heute verwendet, so z.B. bei Johann Sebastian Bach oder Jehan Alain (1911 – 1940) in, z.B. dem „Choral dorien“ oder der „Ballade en mode phrygien“.

[17] Werner Jaeger vermutet allerdings, dass der Musiktheoretiker Damon der eigentliche Urheber der Lehre vom Ethos in der Musik war, die Plato „… seiner Paideia der Wächter zugrundelegt“ (Jaeger, Bd. 2, S. 408, a.a.O.). Auch für seine Wächter nimmt Platon das altgriechische Bildungsideal der Kalokagathie (gr. „die Schöngutheit“), die Verbindung von Schönheit und Sittlichkeit ausdrücklich in Anspruch (Pol., 396 B).

[18] Kallimachos von Kyrene (300 – 240 v. Chr.) war der prominenteste griechische Dichter und Gelehrte des alexandrinischen Kreises. Seine Werke – sie trugen Züge von Hofpoesie – gingen größtenteils verloren. Für den König Ptolemaios II. Philadelphos schrieb er den Katalog der alexandrinischen Bibliothek, in 120 Bänden, mit Angaben über die Schriftsteller, die Titel und den Umfang der Werke. Auch der Katalog ging verloren.

[19] Gaius Valerius Catullus (* ca. 84 in Verona, + 54 v. Chr.) gelang es – trotz Verbindungen in die höchsten Kreise der Republik – in Rom nicht, Karriere zu machen. Allerdings machte sich Catull wohl auch unbeliebt, weil er u.a. die hemmungslose Ausplünderung der Provinzen anprangerte (vgl. Catull, S. 22, a.a.O.). Zusammen mit dem Praetor Memmius unternahm Catull 57 v. Chr. eine Reise nach Bithynien, eine Region mit besonderem Bezug zum Kybele – Kult. Catull war der vermutlich freimütigste römische Lyriker, seine Gedichte entstanden vornehmlich aus einem autobiographischen Blickwinkel.

[20] Mänaden (gr. „Rasende“), im Lateinischen „Bacchantinnen“, sind eigentlich Figuren aus dem Dionysos – Mythos und  - Kult: bei den kultischen Umzügen waren sie Begleiterinnen des Dionysos, bekleidet mit dem Fell eines Rehbocks, mit Fackeln und den Thyrsos (einen Stab mit Efeubüscheln oder Pinienzapfen, oft mit Weinlaub umwunden) schwingend und bis zur Raserei tanzend. In Ekstase sollen die Mänaden junge Tiere zerrissen und roh verschlungen haben. 

[21] Um ca. 1592 schrieb Shakespeare das Versepos „Venus und Adonis“. Die Liebesgöttin Venus kämpft hier um die Liebe des jungen, schönen, aber leichtfertigen Adonis. Dieser will nicht erkennen, dass zur Liebe Lust wie auch Wahrhaftigkeit gehören. „O lerne lieben“, fleht ihn die Göttin an, er aber ruft „Ich will’s nicht lernen“ und geht auf die Jagd. Dort wird er von Mars, verwandelt in einen blutrünstigen Eber, getötet.

Venus aber will den Tod des Adonis nicht anerkennen:

„Denn mit ihm liegt die Schönheit tot darnieder,

Und wenn die stirbt, kehrt schwarz das Chaos wieder“.

Korybanten
Korybanten

„Tanzende Korybanten“, Dekorplatte, Terrakotta, Höhe: 50cm, Ende des 1. Jhdts. v. Chr.; heute im Brtischen Museum, London; (Abb. aus Amiet, S. 546, a.a.O.).             

 

Pessinus
Pessinus

Rekonstruktionszeichnung des Tempel – Theaters in Pessinus (Abb. aus Akurgal, S. 300, a.a.O.).

 

 Abb.: Andrea Mantegna: „Die Einführung des Kybele-Kultes in Rom“; Gemälde, Tempera – Leimfarben auf Leinwand, Grisaille-Technik, nahezu monochrom; das Gemälde befindet sich seit 1873 in der National Gallery in London; zur Mantegna-Bellini-Ausstellung im Frühjahr 2019 wurde das Gemälde in der Berliner Gemäldegalerie gezeigt; Detail des Gemäldes, Photo: Christian Meyer, März 2019. 

Andrea Mantegna (1431 – 1506) erhielt im Jahre 1505 von dem venezianischen Patrizier und späteren Kardinal Francesco Cornaro den Auftrag zu einem Bilderzyklus über die alt-römische Senatorenfamilie der Cornelier (Cornelia gens). Seines Todes wegen konnte Mantegna nur eines der Bilder vollenden, ein zweites wurde von Mantegnas Schwager, Giovanni Bellini, vollendet und befindet sich heute in Washington. 

Mantegna kombinierte die Erzählungen Ovids, Livius und Appians zu der Episode und stellte den Empfang des als heilig angesehenen Meteorsteines und der Büste der Göttin mit Mauerkrone in Rom dar.